Voller Realismus.

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Dieser Vorteil also stand Reuter zu Gebote, und er hat sich
ihn nicht entgehen lassen; hoch steht seine Erzählung in dieser
Richtung schon über der Art Auerbachs. Aber der Dialekt
brachte ein Weiteres. Man wird dem Geiste, der Stimmung,
der Seele bestimmter Gesellschaftsschichten ganz doch erst gerecht,
wenn man ihre Sprache redet: denn die feinsten Schattierungen
dieses Geistes gelangen eben doch nur in dieser Sprache zu
Worte. Das hatte in Frankreich schon Balzac beachtet, nicht
minder empfand es auf deutschem Boden schon in den dreißiger
Jahren Jeremias Gotthelf, und die Impressionisten, Gerhart
Hauptmann z. B., haben dann später von dieser Einsicht den
reichlichsten Gebrauch gemacht. Reuter fiel in dem Augenblicke,
da er sein mecklenburgisches Platt literarisch hoffähig machte,
der ganze Vorteil dieses Zusammenhanges fast unter allen
deutschen Dichtern der Zeit zum ersten Male völlig zu: und
bei ihm deckten sich daher Stoff und Geist der Erzählung
ganz anders als sonst. Überschritt er trotzdem die letzten
Grenzen der Auerbachschen Periode nicht in jeder Hinsicht, so
lag das an seiner Charakterzeichnuung. Gewiß hat er da
realistischere Figuren auf die Beine gestellt als Auerbach; aber
gleichwohl liegt über vielen seiner Personen noch der idealistisch—
empfindsame Firnis der allgemeinen Dorfgeschichte früherer
Zeiten und bleibt seine Gesichtsweite der Hauptsache nach einem
engen Kreise bestimmter Stoffe zugewandt: kein Zeitpoet, nur
ein gemütlicher Haus- und Feldpoet ist er gewesen. Es ist
dieselbe Note, die auch die Genremalerei dieser Zeit aus—
zeichnet: etwas Gemachtes, Philiströses, eine Zutat von un—
wahrscheinlichem Edelsinn oder von wenig begrenzter Bosheit
aus der unter allen Umständen ideal gefaßten Persönlichkeit
des Autors, ein zu starkes Ausschlagen des Pendels nach rechts
und links, ein Fehlen noch von inzwischen bekannt gewordenen,
das Leben viel genauer treffenden mittleren Werten.
Im übrigen geht Reuter auch noch in einer anderen
Richtung über Auerbach als Dorfgeschichtenschreiber und über
den allgemeinen Typ der Dorfgeschichte hinaus. Wie später
eine ganze Anzahl großer Novellisten im persönlichen Ent—