250 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklungsgange von der Novelle zum Roman fortschreitet, so,
um nur zwei zu nennen, Keller und Heyse, so vollzieht Reuter
im allgemeinen Verlaufe der Dorfgeschichte diesen Übergang:
seine größten Werke sind Romane zu nennen. Freilich ist
dabei die Technik des Romans gering entwickelt; und man
sieht, daß die Dorfgeschichte an erster Stelle doch eine andere
Kunstform verlangte und zu fördern geeignet war, die Kunst⸗
form der Novelle.
Die Novelle ist, soweit ihre Technik zu realistischer Zeit
nicht in der Dorfgeschichte wurzelt, in Deutschland romantischen
Ursprungs und ihrer Entstehung in der Romantik nach nahe
verwandt mit dem literarisch bearbeiteten Märchen. Und sie
hat auch später diesen Ursprung niemals verleugnet; vor allem
ist die Erzählung einer besonders wunderbaren Begebenheit stets
ihr eigentliches Geschäft geblieben. Wenn sie aber erst seit
dem Aufkommen der Dorfgeschichte und von ihr befruchtet die
höchste Höhe ihrer Entwicklung erreichte, so war das nicht
ohne Grund. Denn erst die Technik der Dorfgeschichte, auf
die Novelle übertragen, gab dieser den nötigen Grad von
Realismus, um die novellistische Erzählung ganz vom Märchen
zu scheiden.
Besonders deutlich tritt dieser Zusammenhang bei dem
ersten der großen Novellisten der realistischen Periode, bei Gott—
fried Keller hervor. Kellers „Leute von Seldwyla“, 1856 er—
schienen, entnahmen der Dorfgeschichte das bestimmte Kolorit
einer Landschaft, hier der schweizerischen, und auch die Bestimmt—
heit eines großen sozialpsychischen Kreises, des kleinstädtischen.
Und auch in der Konzeption war jede einzelne Novelle der Dorf⸗
geschichte nachgebildet in der läßlichen Behandlung des Details
bei doch scharfem Festhalten des Fadens der Erzählung, der
bei der ausgesprochen epischen Beanlagung gerade Kellers nie—
mals verloren geht. Und nur in der Zusammenfassung einer
größeren Anzahl von Novellen zu einem Zyklus, dessen breite
Grundlage das Durcheinandergreifen verschiedener kleinerer gesell⸗
schaftlicher Kreise gestattet, gingen die „Leute von Seldwyla“
über das Vorbild der Dorfgeschichte hinaus.