Voller Realismus.

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Daneben aber erinnert gerade dieser erste große Novpellen—
kranz, der in seiner zyklischen Form eine spätere analoge, nur
größere Entwicklung namentlich des Romans vorbereitet, in
seinem stofflichen Charakter aufs stärkste an den romantischen
Ursprung der Novelle. Denn noch halb märchenhaft erscheinen
diese schalkhaften Geschichten der braven Kleinbürger, und die
Dorfnovelle „Romeo und Julie“ kann wenigstens ihrem ganzen
Inhalte nach geradezu als romantisch bezeichnet werden. Die
ungemeine Wirkung der Seldwyler Novellen aber beruht zum
großen Teile eben mit darauf, daß ein halb märchenhafter Inhalt
mit schon recht fortgeschrittenem Realismus der Darstellung, ins—
besondere auch der Personencharakteristik kontrastiert erscheint.
Auch die späteren Novellenzyklen Kellers, die „Sieben
Legenden“ (1872) und das „Sinngedicht“ (1881) schmecken noch
nach Märchen oder entbehren wenigstens gerade in ihren all—
gemeinsten Voraussetzungen und Zusammenhängen nicht märchen—
hafter Züge: und nur in den „Züricher Novellen“ (1878) ist
der festere Boden gegenständlicher Wirklichkeit gewonnen.
Eine andere Seite der alten romantischen Novelle hielt
—DDD
Meister der Novellistik dieser Zeit, Theodor Storm (1817 bis
1888), fest. Es lag in der Natur der Romantik, daß die
Novellen ihrer Periode im hohen Grade von einem bestimmten
Kolorit gefärbt waren, daß sie subjektive Stimmung besaßen.
Diese Stimmung ist auf Storm übergegangen, nur daß sie nun
objektiviert erscheint. Storm versteht es, vermöge der eigen⸗
artigen Stringenz seiner Erzählungsart und durch starke Betonung
des Landschaftlichen Stimmungsgehalte von einer Wucht zu er—
zeugen, wie nur wenige unserer Dichter, z. B. etwa Grillparzer;
und schon sein erstes Meisterwerk „Immensee“ (1852) legt
Zeugnis von dieser Begabung ab. Später hat sich der Dichter
dann, ähnlich wie Keller, immer mehr den rein realistischen
Forderungen der Kunst der fünfziger und sechziger Jahre an—
bequemt, und zwar in dem Sinne, daß er der Stimmungs—
malerei psychologische Vertiefung folgen ließ.
Der hohe Meister aber der realistischen Novelle, ihr Voll⸗