252 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ender als einer besonderen Kunstform, war Paul Heyse (geb. 1830).
Seit einer ersten feinen Novelle „L'Arrabbiata“ (1853) sind
Dutzende um Dutzende seiner Novellen gefolgt in gebundener
wie ungebundener Rede: und immer mehr hat der Dichter in
ihnen die eigentlichen Kompositionsforderungen der Novelle:
den durchsichtigen Aufbau, den raschen Gang der Erzählung,
das wunderbar erscheinende, oft paradox⸗psychologische Problem
und seine überraschende Lösung, zu erfüllen gewußt, während
gleichzeitig seine wohlgebildete, schmiegsame und anmutige
Sprache der Wiedergabe des realistischen Details gerecht wurde.
Nach Heyse und Storm und Keller, deren novellistische
Tätigkeit um die Mitte der fünfziger Jahre begann, sind später
noch große Poeten der Novelle gefolgt, und einzelne haben auch
noch Technik und Komposition der Form erweitert, so vor
allem Konrad Ferdinand Meyer, der Meister der Rahmen—
erzählung. Im ganzen aber war mit den Hauptschöpfungen
der drei Meister die Höhe der Novelle des Realismus erreicht.
Inzwischen aber hatte sich schon längst auch eine volle
Blüte der größeren Form der Kunsterzählung, des Romans,
entfaltet. Entscheidend für ihr volles Aufbrechen waren im
allgemeinen die letzten vierziger Jahre; jetzt erhob sich stärker
als je bisher jener für den Roman unbedingt erforderliche
Wirklichkeitssinn, der sich um 1840, in der Zeit ausgesprochensten
Verfalls des jungdeutschen Romans, soweit er schon vorhanden
war, von der großen erzählenden Dichtung wieder zurückgezogen
hatte.
Währenddes aber hatten Franzosen und Engländer aus
der großstädtischen Skizze, deren Entstehung wir kennen gelernt
haben!, längst den breiten Roman der Gegenwart und damit
das Hauptstück ihrer Romandichtung im 19. Jahrhundert ent⸗
faltet. Konnte nun dieser Roman, der politische, soziale und
Sittenroman, ganz ohne Einfluß auf die deutsche Entwicklung
bleiben? Er mußte wirken, sobald sich auf deutschem Boden
im Verlaufe eigenen Fortschreitens über den jungdeutschen

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