254 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mindestens für Osterreich noch weit länger; so zeigen z. B. die
Romane Alfred Meißners (1822 -1885) beziehungsweise Franz
Hedrichs (18251895) noch bis zu den siebziger Jahren diesen
Charakter.
Inzwischen war denn aber doch, in schwerem Ringen mit
der Form, der große, der Gegenwartsroman der realistischen
Kunst geboren worden. Die Schwierigkeiten, die es hier zu
besiegen galt, lagen der Hauptsache nach in der Aufgabe, die
neue Kunstform zu begrenzen und ihr im einzelnen zugleich die
Technik der objektiven, realistischen Skizze dienstbar zu machen.
Da wurde man sich nun allerdings früh und instinktiv des
Fundamentalsatzes bewußt, daß der Gegenwartsroman ein
Spiegelbild sein müsse aller der unzähligen und vielfach
divergierenden Entwicklungsrichtungen, welche diese Gegenwart
erfüllten. Wie aber das ungeheuere Bild dieser Tendenzen in
seiner Allseitigkeit zu erfassen und auch noch künstlerisch zu be—
wältigen sei, das war eine weit schwierigere Frage. Die Technik
der jungdeutschen Schule war darauf ausgegangen, den Ver—
lauf einer verhältnismäßig einfachen Erzählung mit Reflexionen
zu durchsetzen, deren Summe dann ein möglichst lückenloses
Weltbild der Zeit liefern sollte. Kam aber auf diesem Wege
dies Weltbild wirklich zustande? Im besten Falle doch nur die
Darstellung einer subjektiven Weltanschauung. Aber eben dabei
wollte sich der fortgeschrittene Realismus nicht mehr beruhigen;
er verlangte nach einem objektiven Universalbilde der Gegen—
wart. Und hier war nun die erste Lösung der Aufgabe die,
daß man, um eine Totalität namentlich des sozialen Bildes zu
erreichen, in der Fabel sich möglichst viele Arten der Gesell—
schaft, möglichst viele soziale Ringe schneiden ließ, so daß in
den dargestellten Personen die Eigentümlichkeit aller möglichst
zur Geltung kam. Wurde dieser Weg völlig zu Ende ge—
schritten, so vermochte man in der Tat wohl der Reflexion zu
entbehren: und an ihre Stelle trat allein die Skizze, ins—
besondere auch die Darstellung der verschiedenen gesellschaft—
lichen und persönlichen Berührungen als kompositionelles Ele—
nent.