256 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Höhe“, das mittlere seiner drei vornehmlich hierher gehörigen
Werke, 1865 erschienen, zeigt den Aufbau sich schneidender und
zugleich kontrastierender Gesellschaftskreise nur des höfischen und
des bäuerlichen Lebens. Allein es läßt sich nicht sagen, daß
er die neue Form künstlerisch mit dem vollen, für sie not—
wendigen Leben erfüllt hätte. Die Stärke seiner Phantasie reichte
selbst für diesen engeren Rahmen nicht aus; in seinem ersten
Roman „Neues Leben“ (1851) hatte er gar noch ganz in der
Art der Jungdeutschen reflektiert, und in dem letzten „Das
Landhaus am Rhein“ (1869) gelangte er, obgleich realistischer,
doch nicht zu eindringlich plastischer Zeichnung der Charaktere.
Das, was Auerbach an der völligen Beherrschung der großen
Romanform hinderte, war wohl der starke ethische, oft fast ins
Didaktische entartende Zug seiner Natur: er forderte immer
und immer wieder zur Reflexion auf, und er unterband bei
dem allgemeinen Wohlwollen, mit dem der Dichter alles,
Figuren und Zustände übergoß, die Ausgestaltung der Einzel—
heiten im Sinne der realistischen Skizze.
Zum eigentlichen Helden des neuen Romans wurde erst
Gustav Freytag (1816-1895). Von Freytags großen Romanen
gehören zwei in diesen Zusammenhang, „Soll und Haben“
(1855) und „Die verlorene Handschrift“ (1864). Gleichmäßig
in dem einen wie dem anderen wird die Form des Neben—
einanders mit der angeborenen Mäßigung eines starken Kraft—
gefühls angewendet. Je drei Gesellschaftskreise treten in beiden
Romanen zueinander in ein Geflecht von Beziehungen: in „Soll
und Haben“ der solide christliche Kaufmannsstand, das jüdische
Wuchertum und ein leichtsinniger, das Leben genießender Adel;
in der „Verlorenen Handschrift“ eine Hofgesellschaft, das Ge—
lehrtentum einer Universität und ländlich-agrarische Kreise.
Dabei sieht man, wie sich die sozialen Schichten beider Romane
gegenseitig zu einem, wenn auch immer noch unvollständigen
Gesamtbild deutscher Gesellschaft und deutscher Kultur in den
fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ergänzen:
in dieser Hinsicht stehen sie so zueinander wie die beiden
Romane Gutzkows aus dem Jahrzehnt von 1830 —60. Weit