Voller Realismus.

mehr aber als Gutzkow wurde Freytag Herr der inneren
HOkonomie seiner Romane. Da blieb nichts im Zweifel oder
im Halbdunkel; mit feinem künstlerischen Takte zeigen sich die
Massen gegeneinander abgewogen und in reinster Deutlichkeit
zur Darstellung gebracht. Und innerhalb des Rahmens der
Komposition reiht sich Bild an Bild und Skizze an Skizze,
besonders lebenskräftig und mit zartem Humor erfüllt in „Soll
und Haben“, schon etwas verblaßter, bereits mit etwas erstarrtem
künstlerischem Leben in der „Verlorenen Handschrift“. Wie aber
wären all diese Vorzüge denkbar gewesen ohne scharfe Erfassung
der Charaktere? Doch ist auch hier „Soll und Haben“ im Vor—
teil, während der zweite, um fast ein Jahrzehnt jüngere Roman
bereits von einem Streben nach historischer Objektivität erfüllt
ist, das den Gelehrten Freytag, den einstigen Privatdozenten
der Breslauer Hochschule, ehrt, dem Historiker Freytag, der in⸗
zwischen der Nation in den „Bildern aus der deutschen Ver—
gangenheit“ (1839-62) eine erste große Kulturgeschichte ge—
schenkt hatte, wohl anstand: aber dem Zeitroman notwendig
Farbe und Leben nehmen mußte.
Denn das war eben die Frage, die sich bei dem Roman
des Nebeneinanders doch immer wieder erhob: war mit
ihm nun tatsächlich ein Weltbild der Gegenwart, wenn auch
nur in Ausschnitten, gewonnen? Es würde der Fall gewesen
sein, wenn sich bei dem eingeschlagenen Verfahren alle Sub—
jektivität der Dichternaturen hätte unterdrücken lassen. Aber
eben davon war natürlich nicht im geringsten die Rede. Gewiß
ist ein Fortschritt in der Objektivität der Darstellung bemerk—
bar: Auerbach war objektiver als Gutzkow, und Freytag ob⸗
jektiver als Auerbach: und eben mit darum bedeuten Freytags
Romane den Höhepunkt dieser Entwicklung. Allein auch bei
Freytag kann von einer vollen Objektivität selbst in der „Ver⸗
lorenen Handschrift“ nicht die Rede sein: es ist kein Zweifel,
daß aus ihr der bürgerliche maßvolle Liberalismus der Zeit
zwischen 1880 und 1870 und eine sehr bestimmte Künstler—
persönlichkeit spricht.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.

17

257