258 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Und war denn gerade im Roman der Gegenwart über⸗
haupt eine wirkliche Objektivität, ein subjektloser Realismus
denkbar? Eine jüngere Richtung großer Dichter des Gegenwart—
romans verneinte es in ihrer Produktion, und einer von ihnen,
Spielhagen, hat seine abweichende Auffassung theoretisch be—
gründet. Das Weltbild, das die Objektivisten, wie wir die
ältere Richtung wohl nennen dürfen, im Gegenstande gesucht
hatten, suchten diese Neueren, Subjektivisten, vielmehr in der
Persönlichkeit, in dem Mikrokosmos des Dichters: eben dieser
Mikrokosmos solle sich, meinten sie, unbedingt im Makrokosmos
des Romanes widerspiegeln.
Da konnte es denn freilich scheinen, als sei man mit dieser
Auffassung auf den Reflexionsroman der Jungdeutschen, wenn
nicht gar auf Jean Paul zurückgeworfen; und in der Tat hat
die Erinnerung an beide die Entfaltung des subjektivistischen
Romans längere Zeit begleitet. Es war aber auch eine andere
Lösung denkbar. Der Mikrokosmos des Dichters konnte von
diesem selbst dichterisch wiedergeboren und plastisch veranschau⸗
licht werden; er konnte dann, ja er mußte ein in seiner Weise
eingehendes und klares Bild der Zeit, welcher der Dichter an—
gehörte, ergeben: und vermochte damit sehr wohl in den Mittel⸗
punkt eines Romans gestellt zu werden. Geschah dies aber, so
war damit zugleich für den Roman wieder ein kompositioneller
Mittelpunkt gegeben, wie er in dem Roman des Nebeneinanders
so schwer zu finden gewesen war.
Ein Charakter, erfüllt von dem Mikrokosmos des Dichters,
ein auf das Ich des Verfassers mit dichterischer Freiheit auf⸗
gebauter Held mußte nun im Zentrum des Romans stehen,
und nach seinem Maße, nach der Richtung seines Empfindens
und Denkens waren die übrigen Charaktere, war auch die Fabel
des Romans zu bilden. Das Subjekt des Dichters erschien
damit schließlich anschaulich verobjektiviert in einer ganzen
Welt von Gestalten — und in diesem Sinne war ein zwar
zunächst nur auf den Dichter bezogenes Weltbild, aber doch
immerhin ein Weltbild von unbegrenzter Weite errungen, in
welchem das Subjiekt des Dichters, eben weil verobiektiviert,