260 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

E. T. A. Hoffmann, bald und vornehmlich auf gut schweizerisch:
erziehlich, kantig, knorrig, charaktervoll. Und so entsteht der Ein⸗
druck einer gewissen Fortdauer des alten Reflexionsromans: so
hoch daher die Erzählung als Kunstwerk für sich stehen mag,
so wenig bedeutet sie schon den Gipfelpunkt einer neuen Kunst⸗
form.
Auch mit dem Roman seines Alters, „Martin Salander“
(1886), hat Keller die volle Höhe dieser Kunstform nicht er—
reicht. Es zeigte sich, daß es in seiner Natur schlechthin lag,
allerlei krause Nebenpfade zu gehen. Dennoch, wie man den
Helden des Romans, Salander, den gereiften grünen Heinrich
genannt hat, der nun, wenn auch als unverbesserlicher Idealist,
so doch kräftig und tapfer fürs Leben einsteht, so erscheint
auch der Roman selbst gegenüber dem Jugendwerke des Dichters
als ein Erzeugnis höchst ausgereifter Auffassung der Kunst.
In einer bestimmten Richtung hat hiermit der „Ich-Roman“
immerhin einen Höhepunkt erreicht.
Noch viel weniger als Keller ist Wilhelm Raabe (geb. 1831)
in dem engeren, sozusagen technischen Sinne des Wortes ein
Künstler zu nennen. Während Keller in der Hauptsache die
Herrschaft der Form anerkennt, wenn auch in immer noch stark
fühlbarem Gegensatz zu seinem engeren Landsmann Conrad
Ferdinand Meyer, dem Künstler von Gottes Gnaden, so scheint
es bisweilen, als wenn Raabe überhaupt den Sinn dafür ver⸗
löre, was eigentlich ein Kunstwerk sein müsse. Wahllos spaziert
er in dem Garten der Poesie umher, pflückt Blumen, wo er
sie findet, und windet sie zum Kranz, wo und wie er sie gefunden
hat: — aber freilich Blumen von den sonderbarsten Farben
und vom berückendsten Dufte. Dennoch mag er mit seinen
großen Erzählungen aus der Gegenwart der subjektivistischen
Dichtung des realistischen Romans zugezählt werden: denn das,
was ihn innerlichst kennzeichnet, ist das Untertauchen jeglichen
Stoffes in seine Subjektivität, die bewußte Färbung des je—
weiligen Abschnittes aus dem Weltbild, das er bietet, nach
seiner Persönlichkeit. Nur daß er gar nicht darauf aus ist,
gerade bestimmte, wohl gar sich ergänzende Abschnitte dieses