262 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Ich des Dichters drängt sich zersprengend in das Bild, das er
geben soll. Er verwechselt Dichter und Gedicht. Er will Narren
oder seltsame Begebenheiten vorführen, und statt dessen führt
er seltsam und närrisch vor. So wird der reiche, herrliche
Geist ungenießbar, und niemand liest ihn mehr — leider!
Sollte es aber nicht eine schöne Aufgabe sein, zu zeigen, daß
es auch einen Humor gibt, der dieser Versuchung widersteht
und ein Bild des Närrischen mit der Objektivität des Künstlers
entwirft und durchführt? Zweite verbesserte Auflage Jean Pauls,
der mit Unrecht zu den Toten geworfen ist? Auferstandener,
genießbar gewordener Jean Paul?“ Das ist es, was Vischer in
seinem Roman hat geben wollen, indem er in seinem Helden
den deutschen Idealisten schildert, der doch immer und immer
wieder durch ein elendes kleines Gebrechen, einen chronischen
Katarrh, in seinen idealsten Bestrebungen behindert wird:
und indem ihm dies verobjektivierte Bild, das humoristisch
und poetisch widergespiegelte Bild seiner selbst gelungen ist, hat
er mit seinem Roman einen der Höhepunkte des subjektivistischen
Romans des Realismus erreicht — wenn nicht gar die Formen
dieses Romans schon zugunsten eines primitiven und doch schon
idealistischen Impressionismus gesprengt!.

Die Dichtergruppe Keller-⸗Raabe⸗-Vischer wird man vielleicht mit
zleichem Rechte in eine Geschichte des deutschen Impressionismus einbeziehen
können, wie das innerhalb der Entwicklung der bildenden Kunst mit der
Gruppe Feuerbach-Böcklin-Thoma-Klinger geschehen kann (und von mir im
ersten Ergänzungsband der Deutschen Geschichte S. 143 ff. durchgeführt
worden ist). Denn betrachtet man den sehr fortgeschrittenen Realismus
der Technik bei ihnen als primitivsten Impressionismus, so gehören fie
offenbar diesem Zusammenhange an. Ob man aber einen aufs höchste ent—
wickelten Realismus schon Impressionismus nennen will, ist im Grunde
willkürlich: es handelt sich um eine kontinuierliche Entwicklung, in welche
jede Zäsur ein in gewissen Grenzen freier Behandlung fähiges Element
hineinträgt. Sind die drei Dichter hier in den Zusammenhang der Dar—
stellung des Realismus einbezogen worden, so ist es geschehen, um dessen
Ausgang bei anderen Dichtern, wie z. B. Spielhagen, um so klarer er—
scheinen zu lassen. Die Tatsache, daß Keller, Raabe und auch Vischer heute
noch viel gelesen werden, spricht aber auch und zwar ganz besonders dafür,