264 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
ihm mit der Darstellung sozialer Verhältnisse zugleich die
Lösung eines sozialen Programmpunkts.
Eben dies ist nun aber charakteristisch. Gewiß beherrscht
Spielhagen ganz die Technik des realistischen Romans; er ist
ein vortrefflicher, breitbehaglicher Erzähler, eine episch beanlagte
Natur; von großer Eindringlichkeit und Treue sind auch seine
landschaftlichen Bilder, namentlich soweit sie den Boden seiner
Kindheit, das Meer und die Ebenen und Berge Pommerns
schildern. Aber darüber hinaus schob ihm der Ausbau der
Technik des Ich-Romans, den er seiner innersten Beanlagung
nach mit steigender Konsequenz verfolgte — ist doch „Hammer
und Amboß“ auch insofern ein Ich-Roman, als der Held in
der ersten Person erzählt —, fort und fort bestimmtere Tendenzen
zu. Das um so mehr, als Spielhagen von vornherein mit
seinen Romanen nicht bloß die Zeit widerspiegeln, sondern
auch auf sie wirken wollte. Es war der Punkt, in dem er von
allen großen Romanschreibern der Zeit von 18830—1880 vor
allem Gutzkow am innigsten verwandt war: es war die Stelle,
von der aus seine Romane immer mehr zu Tendenzromanen
wurden, allzu starken Gegenwartswert erhielten und darum dem
Interesse schon der nächsten Zukunft, der heutigen Gegenwart,
verloren gingen.
Indes auch ganz allgemein entstand dem subjektivistischen
Zeitroman aus diesen Zusammenhängen her bald eine große
Gefahr. Denn wenn sich in dem Romane ausgesprochen sei es
politischer, sei es sozialer, sei es sittlicher Tendenz die Persön—
lichkeit des Dichters zu sehr hervordrängte: lag es dann nicht
nahe, daß die Personen, und selbst das Hauptbild, statt nach dem
Totalbilde des Autors geformt zu sein, vielmehr schemenhafte
Träger, bloße Gestelle gleichsam gewisser einseitiger Richtungen
und Teiltendenzen dieses Totalbildes wurden? Die Schwierig—
keit war schon von Auerbach nicht ganz vermieden worden,
klarer hervor trat sie in der allzustarken Idealisierung gar vieler
Gestalten bei Spielhagen: ein Schritt noch, und man war
beim Verfall des subjektivistischen Romans, beim Tendenz- und
Thesenroman und Schlimmerem angelangt.