266 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zu deutlich Gutzkows letzter Roman, die „Neuen Serapionsbrüder“,
 vom Jahre 1877. Er brachte den vollen Rückfall in
den Reflexionsroman der Jungdeutschen: die Charaktere nur
leere Typen, ja nicht einmal dies, blutlose Skelette vielmehr zu
Tendenzen; die Komposition formlos; die Einzelheiten nicht
mehr anschaulicher Skizze verdankt, sondern abstrakte Reflexion,
Kritik, Satire, ja Invektive.
Nun sind gewiß nicht alle Tendenzromane so augenscheinlich
in diese Fehler verfallen, im ganzen aber näherten sie sich ihnen
dennoch, und ihre Gesamtheit bildete, als solche betrachtet, bei
allem Schönen im einzelnen doch nur einen Nachtrab gleichsam
der Hauptarmee der großen Romane zwischen 1850 und 1870.
Dahin gehören Romane politischer und sozialer Tendenz wie Spiel⸗
hagens „Sturmflut“ (1876), „Was will das werden?“ (1887),
„Der neue Pharao“ (1889); hierhin sind auch Paul Heyses mit
den „Kindern der Welt“ (1878) beginnende Romane zu zählen,
vor allem „Im Paradiese“ (1885). Literarischer, dem Im—
vpressionismus feindlicher Tendenz waren dann später Heyses
„Merlin“ (1892), Wilbrandts „Hermann Ifinger“ (1892),
Spielhagens „Sonntagskind“ (1893), und gegen die Nietzschesche
Philosophie, speziell den Ubermenschen, wandten sich Wilbrandts
„Osterinsel“ (1894), Heyses „Über allen Gipfeln“ (1895) und
Spielhagens „Faustulus“ (1897).
Aber schon hatte inzwischen das Zeitalter des realistischen
Romans noch eine weitere letzte, über den bloßen Tendenzroman
nochmals hinausgehende Verfallserscheinung besonders be—
zeichnender Art gezeitigt: der Thesen- und Feuilletonroman
hatte sich eingefunden.
Diese Romanform blieb freilich auf deutschem Boden der
Hauptsache nach immer eine fast ausschließlich Berliner
Erscheinung. Sie konnte nur in dem Berlin nach 1870 erwachsen,
und sie bedurfte, um wurzelfest zu werden, ständig ausgeprägt
großstädtischer Zustände. Worin bestand nun ihre Eigenart?
Die Skizze, diese Zelle des größern Organismus des Romans,
war als selbständige literarische Gattung im Verlaufe des immer
mehr anschwellenden Wachstums der Zeitungsliteratur schließlich