268 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

französische literarische Durchbildung genossen. Aber auch die
übrigen Romanciers dieser Richtung, Mauthner etwa (geb. 1849)
und Dernburg (geb. 1838), standen unter französischem Ein—
fluß. Von ihnen hat Dernburg mehr die Seite des bloßen
Feuilletonromans bearbeitet; der vollen Thesenarbeit näher stand
Lindau. Das Ergebnis aber waren bei allen dreien Werke
mehr von kulturgeschichtlichem als von literargeschichtlichem
Werte; Romane, die zudem chronologisch teilweise schon außer—⸗
halb der Zeitgrenze des eigentlichen Realismus liegen, dem sie
doch innerlich, wenn auch als Elemente des Verfalls, noch
zugehören.
Muß aber jetzt, am Ende dieser Darstellung des zeit⸗
genössischen Romans während der Zeit des Realismus, noch
gesagt werden, daß die eigentlich bewegende, wenn auch schließlich
zugleich aushöhlende Kraft dieser ganzen Entwicklung keineswegs
bloß die spezifische Phantasietätigkeit, sondern in nicht geringem
Grade auch die wissenschaftliche Bewegung war? Immer mehr
traten in dieser Entwicklung intellektualistische Tendenzen hervor,
immer stärker schwand das reine Spiel bloßer Einbildungskraft:
näher kam die Zeit, da man die Romandichtung als die genaue
Beschreibung nur von menschlichem Geschehen, ihre Denkmäler
als wissenschaftlich fundamentierte Documents humains be—
zeichnen konnte. Bei diesem nahen Verhältnis der Wissenschaft zur
Dichtung versteht es sich denn, daß die Geschichtswissenschaft,
nun schon die zentrale Disziplin der Geisteswissenschaften wie
neuerdings die beginnende Herrin auch der Naturwissenschaften,
besonders starke Spuren in der intellektualistischen Beeinflussung
der Dichtung zurücklassen mußte. Neben dem Roman der
Gegenwart stand während des ganzen Verlaufes der realistischen
Zeiten, ihn schließlich überflügelnd, der historische Roman, der
Roman der Vergangenheit.
In diesen Zusammenhängen liegt es vor allem zugleich
begründet, daß der historische Roman seiner inhaltlichen Grund—
lage nach fast ganz ein Kind der Geschichtswissenschaft und der
Geschichtschreibung war: von ihnen erhielt er den zubereiteten
Stoff oder, wenn dieser nicht schon behauen vorlag, die An⸗