270 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites RNapitel.

teils auf Zustände gerichteten, einen ideengeschichtlichen und
einen kulturgeschichtlichen Roman unterscheiden kann.
Von diesen Formen war aber natürlich die referierende
die verbreitetste, schon deshalb, weil sie altherkömmlich war
und die wenigsten Schwierigkeiten bot; höchstens daß der
Zustands⸗- oder archäologische Roman, der Roman des geschicht⸗
lichen Genrebildes, etwas mehr gepflegt wurde als bisher.
Wer aber wird nun die Erzeugnisse gerade der Kunst des
referierenden Romans alle herzählen wollen, die sich so oft in
dem niedrigsten Unterhaltungsbedürfnis verlor? Hier wären
etwa nur die Romane der Luise Mühlbach (1814573) zu
nennen, die namentlich die Helden des 18. Jahrhunderts in
ihren Gräbern aufftörten, daneben die späteren Produkte Emil
Brachvogels (1824578), aus etwas jüngerer Zeit auch die
zahlreichen Bände von Felix Dahn (geb. 1834), der die Gattung
mit viel Schwung und einem großen Talent der Inszenesetzung
gepflegt hat. Haben diese Autoren besonders politisch-historische
und anekdotisch-historische Romane geschrieben, so erstreckten sich
Ausläufer einer ihnen verwandten Praxis bis in die Gegenwart,
so die zeitgeschichtlichen Erzählungen Hermann Gödsches, der in
den fünfziger bis siebziger Jahren unter dem Namen Sir John
Retcliffe schrieb, sein „Sebastopol“ etwa (1836 57) und sein
„Puebla oder die Franzosen in Mexiko“ (1865—-68), und die
verwandten Geschichten Gregor Samarows (Ps eudonym für Oskar
Meding), der seit Anfang der siebziger Jahre die Firma Gödsche
übernahm und mit verstärkten Kräften fortführte. Der archäo⸗
logischen Form des referierenden Romans aber huldigten noch
viel mehr Autoren; und hier kam es zu Schöpfungen, die sich
ganz besonderer Gunst des lesenden Publikums erfreuten und teil⸗
weise diese Gunst auch von künstlerischem Standpunkte aus ver⸗
dienten: Scheffel schrieb 1855 seinen „Ekkehard“; Ebers begann
1864 mit seinen ägyptischen Romanen, denen später auch solche
aus dem deutschen Mittelalter folgten, Ernst Eckstein verarbeitete
seit den achtziger Jahren in Römerromanen vornehmlich die
der Zeit besonders interessanten Jahrhunderte der Kaiser⸗
—Re