272 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

um einen Seitenweg und Nebenzweig der literarischen Ent—
wicklung.
Die eigentliche Aufgabe der kulturgeschichtlichen Erzählungs—
kunst hat wohl Riehl zuerst bewußt und deutlich formuliert:
„auf Grund der Gesittungszustände einer gegebenen Zeit solle
man freigeformte Charaktere in ihren Leidenschaften und
Konflikten walten lassen“. Es war das Programm vor allem der
kulturgeschichtlichen Novellen Riehls selber, die 1856 erschienen;
auf die große Form des Romans hat es vollendet Freytag an⸗
gewandt. Und indem dies geschah, erfolgte zugleich eine be—
sondere Ausgestaltung des Romans als Kunstwerk.
Es ist früher die Rede davon gewesen, daß der große
Gegenwartroman, insofern er ein volles Weltbild geben wollte,
als stoffliche Grundlage seiner Kunstform eigentlich einen Schau—
platz haben mußte, auf dem sich die Ringe aller wichtigen
Gesellschaftskreise der Zeit trafen und schnitten!. In diesem
Sinne hatte Gutzkow in Deutschland zuerst die Aufgaben dieses
Romans gefaßt. Es war aber auch noch eine andere, grund⸗
sätzlich allerdings wohl unvollkommenere Lösung der Aufgabe
denkbar: man konnte die verschiedenen Haupttendenzen der Zeit
in einzelnen Romanen vorführen, denen man unter sich einen
gewissen Zusammenhang gab; man konnte eine zyklische Form
wählen. Diese zyklische Form ist für den Gegenwartsroman
zuerst in Frankreich gefunden worden, anfangs, von Balzac, in
einer sehr losen Praxis; denn erst nachträglich hat Balzac
gewisse Romane zu dem großen Zyklus seiner Comédie humaine
zusammengefaßt; später weit ernster von Zola in den Rougon-Macquard.
 Außerhalb Frankreichs aber ist dann die zyklische
Form des Gegenwartsromans auch in Deutschland versucht
worden; die Feuilletonromane „Berlin“ und „Berlin M“
Lindaus und Mauthners gehören ihr an.
Von ganz anderen Motiven her konnte nun aber die
zyklische Form auch für den historischen Roman von Bedeutung
werden. Während sie für den Gegenwartsroman nur eine

S. oben S. 252 ff.