Voller Realismus.

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Erleichterung in der Darstellung des sozialen Nebeneinanders
brachte, ohne dafür absolut notwendig zu sein, wurde sie un—
erläßlich und darum künstlerisch auch erft ganz berechtigt, wenn
sich im Bereiche des historischen Romans die außerordentliche
Absicht kundgab, das Aufeinander des Geistes und der Gesittung
der Kultur verschiedener Zeitalter zur Darstellung zu bringen.
Das aber war Freytags Meinung in seinem letzten Werke,
den „Ahnen“ (1872 -1880): denn die einzelnen Romane dieses
Zyklus: Ingo und Ingraban, Das Nest der Zaunkönige, Die
Brüder vom deutschen Hause, Markus König, Die Geschwister, Aus
einer kleinen Stadt, boten die Geschichte eines deutschen Geschlechts,
dessen Generationen reiche Schicksale in der deutschen Kultur⸗
welt der Urzeit und in den Zeiten der Karlingen, der Sachsen⸗
könige, der Staufer, der Reformation und der folgenden Jahr⸗
hunderte erlebten. Freilich kann man, ganz abgesehen von der
Tatsache, daß die dichterische Kraft Freytags während der Aus⸗
führung des Zyklus derart ermattete, daß die letzten Romane
nur noch als mittelmäßige Kunstwerke gelten können, die
Frage erheben, ob ein solcher Zyklus überhaupt noch vollen
künstlerischen Wert besitzen könne. Da nämlich das verbindende
Moment nur bei oberflächlicher und äußerlicher Betrachtung der
Generationenablauf desselben Geschlechtes ist, während in Wahr⸗
heit der Kulturverlauf, d. h. etwas in Form der Schilderung von
wenigen konkreten Personen schwer, wenn nicht unmöglich Dar⸗
stellbares, die einzelnen Teile miteinander verknüpft: so schwindet
für den inneren Zusammenhang eigentlich das unmittelbare,
anschauliche, nur in der Tiefe persönlicher Charakteristik erfaß—
bare dichterische Interesse — und in den Vordergrund schiebt
sich der Drang zuständlicher Vergleichung, ein rein kultur—
geschichtliches Interesse: — und die Kunst weicht der Wissenschaft.
Und so war es denn schließlich nicht anders: an diesem
entscheidendsten, umfassendst durchdachten aller historischen Romane
zeigte sich, daß die ganze Gattung doch eigentlich eine Zwitter—
gattung zwischen Kunst und Wissenschaft war trotz ihrer Blüte
in dieser Zeit; und daß diese Blüte nicht einem besonderen
dichterischen Aufschwung, sondern vielmehr dem UÜberwiegen
Lamprecht, Deutiche Geschichte. XI. J. 18