274 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wissenschaftlichen Denkens, dem Triumph des Historismus inner⸗
halb der Kunst verdankt wurde. Der historische Roman ist
darum auch mit dem Schwinden des Historismus seit den
achtziger Jahren als Gattung sehr zurückgegangen, wenngleich
sich gerade auf kulturgeschichtlichem Gebiete noch später so treff⸗
liche Erscheinungen verzeichnen lassen wie die Romane Hausraths
(G. Taylors), und wenngleich gerade Hausrath noch neuerdings
einen lehrreichen Versuch gemacht hat, wenigstens in einem
Novellenkranz die zyklische Form des historischen Romans in
einer neuen Auffassung wiederum zu beleben („Unter dem
Katalpenbaum“, 1900).
Indes der historische Roman verlief doch nicht bloß in
der bisher geschilderten objektivistischen Reihe von Erscheinungen.
Vielmehr machte sich auch in ihm die Subjektivität der Dichter
geltend. Nun ist ja diese Subjektivität selbstverständlich nirgends
ganz ausgeschlossen, so wenig wie dies in der Geschichtschreibung
und in der Geschichtswissenschaft und auch in der Naturwissen⸗
schaft der Fall ist. Aber nicht darum handelt es sich hier, ob
überhaupt Subjektivität vorlag oder nicht, sondern ob das
subjektive Element bewußt zugelassen oder gar vorgeschoben
wurde. Und da ergibt sich denn für den durchgebildeten ge—
schichtlichen Roman des 19. Jahrhunderts die bemerkenswerte
Tatsache als eine der merkwürdigsten Ausdrucksformen eines
allgemein subjektivistischen Seelenzustandes, daß selbst in dieser
—
scheint, eine voll subiektivistische Entwicklungsreihe zu ver—
folgen ist.
Die Anfänge auf diesem Gebiete lagen in der an und für
sich noch nicht so auffälligen Erscheinung, daß der referierende
historische Roman, soweit er politische Handlungen darstellte,
nicht selten auch parteipolitisch gefärbt war; man hat feudale
und radikale, liberale und konservative, orthodore, klerikale
und kirchlich freisinnige historische Romane erlebt. Bezeichnender
war schon, daß auch in den archäologischen Roman nicht nur Zeit⸗
tendenz, sondern ebenso sehr Subjektivität eindrangen; Scheffels
„Ekkehard“ reflektiert in der Schilderung des Titelhelden nicht