276 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

dann bestätigt; am wenigsten freilich vielleicht sein einziger
Roman (, Jürg Jenatsch“ 1876). In Meyer ist damit vielleicht
nicht der beste geschichtliche Erzähler, gewiß aber der größte
Künstler der historischen Erzählung dahingegangen.

3. In der Kunsterzählung fand die darstellende Phantasie
des Realismus ihren eigentlichen Ausdruck.
Natürlich wurde damit die Prosa die eigentliche Form
der Dichtung; die gebundene Form trat zurück. In diesem
Tausch ist an sich noch kein Verfall der darstellenden Phantasie—
tätigkeit zu erblicken. In Zeiten des keimenden Neuen, wenn
vor allem auch neue Stoffe neue Formen der Dichtung ver—
langen, mag es sehr wohl geschehen, daß die alten metrischen
Gehäuse der Dichtung verfallen und die Prosa einstweilen für
sie eintrit. Und wer möchte behaupten, daß sich nicht auch
dieser Vorgang in den Zeiten des ausgehenden Realismus ab⸗
gespielt hätte? Dichter von großer Eigenart, die schon damals
dem Impressionismus zustrebten, ein Hebbel, Otto Ludwig,
Bitzius, haben vornehmlich, teilweise fast ausschließlich in Prosa
geschaffen. Allein so sicher diese Unterströmung vorhanden war
und gegen Ausgang des Realismus immer rascher und kräftiger
floß, so wenig war sie für die realistische Zeit charakteristisch.
Wenn in dieser die Prosa ganz allgemein zu herrschen drohte, so
war die Ursache hierfür in dem Überwiegen der intellektuellen
Funktionen, dem langsamen Versiegen der Einbildungskraft
gegeben: nicht umsonst wurde in diesen Jahren auf dem Ge—
biete der Phantasietätigkeit mit Vorliebe von Kunstverständnis
gesprochen, wo die Gegenwart lieber von Kunstanschauung,
vielleicht gar von Kunstempfindung reden würde.
Es ist kein Zweifel, daß Prosa und Überwiegen der Kunst⸗
erzählung in diesem Zusammenhange ein langsames Verdorren
der intensiveren darstellenden Phantasie überhaupt anzeigten.
Hatte doch schon die bildende Kunst außerordentlich gelitten!
Und doch pflegt sie in Zeiten einer Hegemonie des Verstandes