280 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Asthetik aber hat damals ganz besonders die Dichtung und vor—⸗
nehmlich wiederum das Drama gelitten, denn aus ihnen vor
allem wurden die ästhetischen Gesetze abgeleitet, während die
frühere Zeit der ersten subjektivistischen Periode mehr eine
Asthetik der Plastik, der Beginn der zweiten subjektivistischen
Periode mehr eine Ästhetik der Malerei erlebt hat.
Es ist ein Unterschied, der zu der eigentlich wesentlichsten
Belastung der dramatischen Tätigkeit im Zeitalter des Realis—
mus durch die innere Entwicklung hinführt. Die Asthetik ist
aus den geisteswissenschaftlichen Spekulationen Hegels hervor⸗
gegangen: in ihnen, in der Geisteswissenschaft überhaupt und
vornehmlich wieder in der Geschichtswissenschaft und dem
Historismus lauerte der Wurm, der die Knospe des neuen
Dramas vernichtete. Ein auf den ersten Anblick verwunder—
licher Zusammenhang: wie sollte eine Wissenschaft vom Handeln
der Menschen nicht das Drama vielmehr befruchtet haben?
Im echten Drama subjektivistischer Zeiten ist aber die
Handlung nur Akzidenz der Personen, nur Gelegenheitsmacherin
für deren Exposition und Bewegung: die Psyche der Personen
vielmehr und deren Gestaltung zu Ganz⸗ und Randfiguren
bildet die Materie des Kunstwerks: diese Personen handeln
unter einem obersten Schicksale nach ihrer Art; in welchen
Aktionen das geschieht, ist Nebensache.
Nun erhob aber der Historismus diese Aktionen zur Haupt—⸗
sache, genau so, wie er in der Malerei, insbesondere im Genre
und im großen Historienbild, den Gegenstand vor dem Farben⸗
—DDDDD— ihm galt vor allem die
Fabel und nicht die psychische Entfaltung der Personen.
Es konnte die Zurückschraubung des Wesens des Dramas
auf seine Anfangszeiten im 15. und 16. dahrhundert bedeuten;
damals hatte Hans Sachs in der Tat noch durchaus auf dem
Standpunkte der Bevorzugung der Handlung gestanden. Eine
solche Folge trat nun freilich nicht ein, denn die geschichtliche
Entwicklung kennt keinen wirklichen Rückschritt im Sinne des
psychischen Wiederauflebenlassens früherer Zeiten; wohl aber
hatte sich jetzt das fubjektivistische Drama der Hegemonie der