286 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

„Roderich“, „Brunhild“ oder „Sophonisbe“ (1844, 1857, 1864)
versandeten in Schutt und Geröll des Buchdramas; ernsten,
aber vielleicht verfehlten Versuchen, wie denen Heyses, begegnete
man auf der Bühne mit zu geringer Achtung; ein wahrer Lust⸗
spieldichter, wie Jordan, sah sich in Vergessenheit verkommen.
Nicht die Dichter fehlten, es fehlte die Dichtung.
Es ist ein Verlauf, der uns mit nur geringen Erwartungen
an die Geschichte der Lyrik herantreten läßt. Und sie werden mehr
als bestätigt. Da lebt wohl noch die alte Romantik in letzten
Vertretern fort und wird auch von Liebhabern des Alten, nament⸗
lich in Osterreich, noch geschätzt: so dichteten Redwitz, Roquette,
Putlitz, Müller von Königswinter. Aber je länger, je mehr
stirbt diese Poesie ab und verflacht und verdorrt unter den
heißen Sandwehen einer immer mehr macterialistischen Zeit.
Wie es von der Lorelei Mitte der siebziger Jahre heißt:
Doch seit sie dem jungen Weltschmerz sich
Mit Herz und Seele ergeben,
Ist zwar ihr Singen noch fürchterlich,
Nur kostet es keinem das Leben.
(Blüten a. d. Treibhause der Lyrik S. 42.)

Da wird auch die politische Lyrik der vierziger Jahre noch
fortgepflegt: Geibel, Kinkel, Freiligrath. Aber wie hatte sie
Hebbel schon 1844 parodiert! „Ein Einfall über den ,Baum'
der ‚Menschheit,, an dem die ‚Blüte‘ der Freiheit‘ unter
dem „Sonnenkuß‘ des ‚Völkerlenzes‘ aufbricht, will wirklich
nicht mehr besagen als ein einfaches, lyrisches Hausvätergefühl
unterm blühenden Apfelbaum.“ Doch was trat nun an die Stelle
der abblühenden Richtungen? Gewiß leuchteten noch einige große
Dichter auf in den Winkeln des deutschen Lebens, Keller in
der Schweiz, Klaus Groth im Holsteinischen, allenfalls hierher
zu rechnen auch der Steirer Hamerling. Aber im übrigen kam
es nur noch zu echter Epigonenpoesie für Haus und Familie.
Da dichteten fromm und stilrein Gerok und Sturm. Da
riefen Träger und Rittershaus in glatten Versen fürs Vaterland
auf. Und vor allem florierten die Kneiplieder Scheffels und