Voller Realismus.

287

Baumbachs Lieder eines fahrenden Gesellen. Aber es waren
mehr arbeitsteilige Motive, die sich da auswirkten, als tief⸗
gründige Züge besonderer Persönlichkeit. Jeder konnte schließlich
alles anempfinden. Wie sicher und erfolgreich sang nicht
Träger! auch in Baumbachs Art:
Schon wieder hab ich mein Bündel geschnürt,
Du gibst mir, mein Schatz, das Geleite ..., oder
Durch manchen Wald noch werd' ich schweifen,
Am Hut des Blattes grüne Zier ... oder
Wunderbare Sommernacht, deine Zauber lafse walten ...
und doch hatte er damit im Grunde wohl Wilhelm Müller
oder Geibel und Uhland oder gar Tieck kopiert. Geibel aber
hat in banger Charakteristik seiner eigenen Zeit als Epigramm
das Distichon geschrieben:
Wann der Verfall anhebt? Wenn die Zeit die geschwollene Phrase
Von des empfundenen Worts Fülle zu scheiden verlernt.
Aber vermochte nicht eben hier der Historismus zu retten?
Konnte nicht eben er der Lyrik neuen Gehalt geben; stand nicht
gar eine neue Blüte des Epos zu erwarten? — Schon die Be—
deutung der Kunsterzählung für den ganzen Verlauf dieser Jahr⸗
zehnte hat uns gezeigt, daß das dichterische Gefühl für die ge⸗
bundene Form des Epos nicht mehr stark genug war; nur ein
einziges wahrhaft episches Gedicht ist aus der Periode hervor—
gegangen, die Nibelungen Jordans (1867): und auch sie leiden
an archäologischer Breite. Im übrigen vollzog sich der Einzug der
Epik und damit des Historismus in die Lyrik in den sogenannten
Aventiuren. Das in gewissem Sinn neue Genre wurde Scheffel,
einem der ganz zeitgemäßen Poeten, verdankt; sein „Trompeter
von Säkkingen“ ist 1854 erschienen. Aber was hier noch frisch
und munter in vergnüglicher Empfindung in die Welt hinaus—
gesungen wurde, das klang bald blechern aus dem poetischen
Drgan minder Begabter wieder: bis Wolff dem ganzen Sing⸗
sang in dreijährigem Ringen durch seinen „Till Eulenspiegel
redibivus“ (1875), seinen „Rattenfänger von Hameln“ (1876)

Vgl. die Harts, Kritische Waffengänge 3, 58.