288 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

und seinen „Wilden Jäger“ (1877) unbewußt einen mitleidigen
Fang gab.
Dabei mag nicht verkannt werden, daß Wolff von großer
Sicherheit und Glätte der Form war. Überhaupt bildete diese
Zeit den Vers zu einer Reinheit aus, wie sie früher auf
deutschem Boden fast unbekannt gewesen war; in ihrem weichen
Wohllaut, ihrem ruhig rollenden Rhythmus ist diese Dichtung
etwa der der französischen Parnassiens vergleichbar. Allein es
ist die Formenglätte einer ausgebrauchten Kunst: jedermann
kann viel, auch der Unbedeutende, niemand aber vermag Neues.
Und so erstarrt man denn auch in der Sprache schließlich
konventionell; vergebens sucht ein eklektischer Dilettantismus
nach leuchtenden Effekten; und nur im gegenseitigen Lobe bleibt
man lebendig:

Wir leben in einer praktischen Zeit,
Und alles treibt sich gewerblich;
Vermittelst Gegenseitigkeit
Wird jeder Lump unsterblich.
H. Leuthold, 1872.)

Der Eindruck, den der Entwicklungsgang des Dramas und
der Lyrik hinterläßt, wiederholt sich in verstärktem Maße in der
Geschichte der Musik.
In der Instrumentalmusik ging die Entwicklung schon in
den dreißiger Jahren, mit Schumann, in dessen Klaviermusika,
den Weg der künftigen symphonischen Dichtung von Liszt und
Wagner: auf keinem Gebiete der Phantasietätigkeit hat die
neue Strömung der zweiten subjektivistischen Periode früher
begonnen wie auf dem musikalischen: wiederum bewährte fich
die Musik als die eigentliche erste Führerin der Kunst höchst—
kultivierter Zeiten.
Damit hing es denn aber auch zusammen, daß die späteren
großen Meister dieser Kunst in ihren Anfängen von der Zeit
des Realismus keineswegs schon verstanden, geschweige denn
geschätzt wurden. Es ist ein noch sehr ruhiges und wohl—⸗
wollendes Urteil, wenn es im Jahre 1848 in dem Kaleidoskop

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