290 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

— ————— Funke.
Das gleiche läßt sich aber auch von den ausländischen Schülern
sagen, die in England und Dänemark Abzweigungen der Leipziger
Schule gründeten, von William Sterndale Bennett (1816—1875)
und Niels Wilhelm Gade (18171890): sie waren zwar in⸗
folge der Resonanz ihrer besonderen Nationalität etwas eigen⸗
artiger und kräftiger, blieben aber doch Vertreter einer aus—
laufenden Bewegung. Weit unbedeutender als die Leipziger
waren aber noch die Berliner Akademiker; zu nennen wären sie
fast nur als später rücksichtsloseste Gegner des Neuen, vor allem
Wagners; und den Ruf einer wirklichen Musikstadt hat Berlin
erst in jüngsten Zeiten gewonnen.
Indes die Instrumentalmusik war nicht die für die Zeiten
der Epigonie eigentlich charakteristische Gattung der musischen
Kunst. Auf diesen Titel kann vielmehr weit eher die Oper —
und zwar die große Oper Anspruch erheben. Diese Oper war
allerdings kein Kind deutscher Herkunft; wesentlich französischen
Ursprungs ging sie vielmehr zunächst aus der heroischen Oper
hervor. Die heroische Oper ihrerseits hatte seit den Tagen
Glucks die italienische Opera seria mit ihren Göttern, Halb—
göttern, Helden und Königen von der Bühne verdrängt.
Cherubini und Méhul waren es dann namentlich gewesen, die
Glucks strenge Formen mit so manchem Apparate der Opera
zéeria zu einer neuen menschlicheren Oper verschmolzen hatten;
und schließlich hatte Spontini (1774 1851), in Deutschland
als Berliner Kapellmeister in besonders schlimmem Andenken,
der neuen Form, etwa in seiner „Olimpia“, die letzte Appretur
gegeben. Es war im Jahre 1819, in der Zeit, in der zugleich
etwa auch die deutsche romantische Oper mit der ersten Auf—⸗
führung von Webers „Freischütz“ den Gipfel ihrer Vollendung
erreichte. Inzwischen aber hatte sich in Frankreich aus der
Romanze, wie in Deutschland aus dem Lied, ebenfalls eine
romantische Oper, die sogenannte Spieloper zu entfalten be—
gonnen . Boieldieu war ihr frühester, und Auber (1782-1871)

Vogl. dazu Bd. X. S. 124 ff.