292 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

allem auch lärmende Anwendung einen Fortgang in der Richtung
auf das musikalische Drama bedeuten: und vornehmlich nur
insofern läßt sich ein Fortschritt in ihnen wahrnehmen, als mit
den „Hugenotten“ das früher mythische und märchenhafte
Libretto durch ein angeblich historisches ersetzt wird: schon im
Jahre 1836: so fein war die Witterung des Komponisten für
die kommende Zeit des Historismus.
In Deutschland ist die große Oper nicht eigentlich heimisch
geworden; die Nation verstand es nicht, in einer Form schöpferisch
tätig zu werden, bei der „Wirkungen ohne Ursache“, wie Richard
Wagner zu sagen pflegte, die Hauptrolle spielten. Und doch
war die einzige Oper, die in diesem Zusammenhange eigentlich
genannt werden kann, ein Erzeugnis — wenn auch nur ein
Anfangserzeugnis — eben Richard Wagners! „Rienzi“ ist in
den Jahren 1839 und 1840 entstanden, als der Meister sich
selbst noch nicht voll gefunden hatte; die wirklich großen Werke
aber schon seiner ersten Schaffensperiode, ,Tannhäuser“, „Lohen-—
grin“, enthalten nur noch schwache Erinnerungen an die spezifische
Technik der großen Oper.
Bezeichnend dagegen war, daß selbst „Rienzi“, 1842 zum
ersten Male in Dresden aufgeführt, in Deutschland schwer Fuß
faßte; noch mehr galt das von den Maschinen der Franzosen
und Italiener, so sehr sie als Gegenstücke zu den großen
Historienbildern auch der deutschen Kultur erscheinen mochten.
Der musikalische Trieb und Sinn wandelte sich in der Nation
überhaupt nicht mehr ab, er erschien zurzeit fast erloschen.
Und so hat denn auch die weitaus charakteristischste Kunstform
der Musik, die der sinkende Realismus noch hervorgebracht hat,
die Operette, ihre Vollendung auf deutschem Boden nicht ohne
den stärksten französischen Einfluß erlebt.
Die Operette ist, soweit deutsche musikalische Entwicklungs—
motive für sie in Betracht kommen, zum Teil aus dem alten
Singspiel, vor allem aber aus der Tanzmusik hervorgegangen:
und zwar nicht aus der idealisierten Tanzmusik, sondern aus
den rein tatsächlichen, oft recht realistischen Rhythmen des Tanz—
bodens selber. Damit war sie vornehmlich wienerischen Ur—