296 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Forscher von jeder philosophischen Spekulation noch fern—
gehalten: denn noch hatten sie das warnende Beispiel der Ent—
wicklung der romantischen Naturphilosophie in nächster Ver—
gangenheit vor sich: und Enthaltsamkeit von philosophischen
Dingen war darum eine Meinung, die auf deutschem Boden
auch in den kommenden Jahrzehnten viele bedeutende Forscher,
es sei nur an Rudolf Virchow erinnert, ständig fortvertreten
haben.
Allein als seit den vierziger Jahren neben dem Energie—
gesetze eine materialistische Atomtheorie immer mehr als sicheres
Ergebnis des chemischen und physikalischen Denkens hervor—
zutreten schien, da begann man doch die Anschauungen, die
sich an diese Hypothese zunächst nur für die anorganische
Natur knüpften, auch auf die organische Natur zu übertragen:
und machte sie dann schließlich zum Fundament einer Welt—
anschauung überhaupt. Der Naturforscher, der dies schon in
den vierziger Jahren tat, war Karl Vogt (1817 -1895). Er
lehrte, daß nur die Materie wirkliches Sein habe, mithin alles
Denken und Bewußtsein, überhaupt alle geistigen Erscheinungen
nur besondere, keineswegs so sehr wunderbare Effekte der Be—
wegung der Materie seien; und er wußte diese Lehre teilweise
sehr drastisch zu illustrieen. In das große Publikum aber
drangen die Einzelheiten dieser Theorie doch eigentlich erst seit
dem Streite Vogts mit Rudolf Wagner auf der Naturforscher⸗
versammlung zu Göttingen 18534. Damals faßte Vogt seine
Anschauungen nach einer bestimmten Seite hin in dem Satze
zusammen, „daß die Physiologie in den Seelentätigkeiten nur
Funktionen des Gehirns als des materiellen Substrates er—
kenne“, gab dem dann in einer späteren Broschüre noch klareren
Ausdruck in der Behauptung, „daß die Gedanken etwa in
demselben Verhältnis zum Gehirn stehen wie die Galle zu der
Leber oder der Urin zu den Nieren“: und bezeichnete entgegen⸗
—
diese Zeit ein ganzer Stab materialistischer Denker gebildet;
Hauptvertreter waren neben Vogt Moleschott (1822 -1898) und
Büchner (1824 —1899), und in weitverbreiteten Büchern wie