298 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

für Wissenschaft und Bellestristik bezeichnenderweise den „Dorf—
barbier“ ablöste.
Bedurfte es nun einem so gearteten Zuhörerkreis gegenüber
der tieferen Begründung einer Botschaft, die man so gerne
vernahm? Aufgabe eines durchgebildeten philosophischen Materia—
lismus hätte es damals sein müssen, den Nachweis zu erbringen,
daß die Vorgänge unseres Seelenlebens in der Tat nichts
weiter als Bewegungsvorgänge in den Zentralteilen unseres
Nervensystems, z. B. etwa in den Zellen der Großhirnrinde,
seien. Aber diesen Nachweis haben die Verbreiter der neuen
Lehren in den fünfziger und sechziger Jahren auch nicht einmal
versucht. Die Grundbehauptungen genügten ihnen völlig; sie
wurden von einem rein intellektualistisch gerichteten Seelen—
leben, dem Ausgangsprodukt der ablaufenden seelischen Periode,
durchaus befriedigend getragen; und Christentum und idealistische
Auffassung der Antike führten gegen sie bald gemeinsam, bald
vereinzelt einen einstweilen aussichtslosen Kampf. Freilich:
indem diesem primitiven naturwissenschaftlichen Materialismus
der Sieg so leicht wurde, war er auch zu baldigem Untergang
nach den Tagen seiner Modezeit bestimmt; eigentlich schon die
siebziger Jahre sahen ihn der Beachtung durch denkende Kreise
beraubt, und heute ist er in dem Denken auch der Kreise
mittlerer Bildung längst zurückgetreten.
Die Jahre seiner vollen Macht, ja fast Allgewalt aber
charakterisiert es, daß der „materialistische Zeitgeist“ außer einer
naturwissenschaftlichen auch einer geisteswissenschaftlichen Meta—
physik des Materialismus zujubelte. Freilich waren dabei die
Erscheinungen nicht ganz ebenso klar und auffällig. Spielhagen
bemerkt einmal in seinem Buche über Theorie und Technik des
Romans: „Ich glaube, daß man im großen und ganzen zu—
stimmen werde, wenn ich als den hervorragendsten Zug, als
das eigentlich Charakteristische in der Physiognomie der jetzt
lebenden Menschen den Drang und den Entschluß bezeichne:
das ihnen zugewiesene Erbe endlich einmal voll und ganz an—
zutreten; es sich heimisch zu machen auf dieser unserer Erde,
der fest gegründeten, dauernden, die nicht eine Vorstufe des