310 J Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Handlungsweise aller, zu der durchschnittlichen. Dafür
rächt sich die durch diesen Zwang beleidigte Individualität in
Verbissenheit an sich selbst.“
Begann diese Richtung der Entwicklung schon in den
dreißiger und vierziger Jahren eingeschlagen zu werden, so be—
greift sich, wie reinigend und erquickend die revolutionären Er—
eignisse von 1848 mit ihren Vorläufern empfunden werden
mußten. Aber wie erst mußte dann der Rückschlag in und
nach 1848, das endgültige politische Mißlingen, der Mißerfolg
der Tat überhaupt wirken! Mit dem beginnenden sechsten
Jahrzehnt gab man sich einer wahren Selbstpeinigung der Ent—⸗
mutigung hin. Es war die Zeit, da Feuerbach die Welt ein
Irren⸗ und Schurkenhaus nannte. Und im Frühjahr 1850
schrieb er an Kapp: „Du gehst nach Paris, und ich gehe ...
auf ein deutsches Dorf; du beginnst ein neues Leben, und ich
fange, ganz im Einklange mit der Geschichte der deutschen
Revolution, wieder das alte Leben an. Du gehst der Zukunft
entgegen, und ich sinke tiefgebeugt in die Vergangenheit zurück.
Du Glücklicher! segelst jetzt selbst in das jugendliche Amerika
hinüber, und ich sitze auf dem Mist des altersfaulen Europas.“
Dabei war diese Stimmung allgemein. Nirgends mehr
Rat. Wer wollte von öffentlichen Dingen noch etwas wissen?
Auch der Aufschwung der Wissenschaften stützte nicht, denn nur
die wenigsten konnten ihm in der Süße eigenen Schaffens
folgen. Und die Kunst, die Musik, die Poesie? Sie litten
selbst unter den fahlen Tönen des Lebens. Das Glück jener
kraftvollen Resignation aber, die in nie ermüdender Tätigkeit
dem Nächsten abhilft, das eigentliche Männerglück schöpferisch
froher subjektivistischer Zeiten, blieb den matten Epigonen der
ihrem Ende zuneigenden ersten Veriode des Subiektivismus
versagt.
Da stellte sich als letzter Ausweg die Spekulation ein.
Natürlich nicht die große, freie, kühne, selbständige. Vielmehr
ein schwaches Anlehnen an schon Erfahrenes, schon Gedachtes.
Konnte da nicht vor allem der Buddhismus trösten, den
oor nicht so langer Zeit die indische Philologie genauer kennen