312 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die erste Periode, zumal im Verlaufe ihrer früheren Phasen,
durch Wesenszüge charakterisiert, die auf starke Betonung und
also auch Betrachtung des Willens hinwiesen? Völlig unklar war
man noch darüber, was eigentlich Triebe und Neigungen seien,
inwiefern fie sich etwa zur Begierde oder zum Abscheu steigerten,
und wie sich von solchen Vorgängen das eigentliche Wollen
unterscheide. Und da hätte eine Metaphysik Anklang finden
sollen, die von dem Wollen als einem dunklen Triebe aus—
ging? Erst eine Zeit der Tat — oder des schmerzlichen, er—
zwungenen Verzichtes auf die Tat — konnte an ihr Geschmack
haben. Dazu kam noch, daß dem Systeme als Ganzem starke,
leicht erkennbare Widersprüche innewohnten.
Allein was hatte das zu sagen, als mit den vierziger und
fünfziger Jahren nun wirklich die Zeiten kamen, für deren
Verständnis diese Philosophie, nach ihrem Untergrund wie nach
ihrem Ausbau, recht eigentlich gemacht schien! Es bedurfte
kaum noch der glänzenden Form, der prachtvoll künstlerischen
Sprache, des leicht verständlichen Ausdruckes, der Durch⸗
würzung mit geistvollen, schlagend vorgetragenen Bemerkungen,
wie sie ihr Autor liebte, um sie zur Modephilosophie der Zeit
zu machen: und vor allem ihre Ethik wurde zum Leitstern
der melancholischen Resignationen nach 1848. So wurde denn
die zweite Auflage der „Welt als Wille und Vorstellung“, die
1844 erschien, obwohl der größte Teil der ersten Auflage noch
unverkauft war, alsbald günstiger aufgenommen; populär im
weitesten Sinne aber wurde die Philosophie Schopenhauers,
nachdem, mit dem Jahre etwa 1854, die Frauenstädt und
David Ascher, später auch Gwinner anfingen, sie auch noch
gemeinverständlich zu kommentieren und biographisch zu er—
läutern.
Man kann bei einer genaueren Betrachtung der Philosophie
Schopenhauers, wie wir sie jetzt versuchen, trotz allen Gegen⸗
satzes ihres Urhebers gegen Fichte, dennoch den Standpunkt
vertreten, daß Schopenhauer an Fichte angeknüpft habe, in—
sofern Fichte innerhalb der Systeme der Romantik der eigent—
liche Prophet des Willens gewesen war. In diesem Sinne ist