314 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Geschäft, das die Kosten nicht lohnt“. Die Welt etwa gar
als wohleingerichtet zu erklären, ist aller Torheiten größte; die
Welt ist vielmehr genau so wenig gut, als sie es eben noch nötig
hat, um zu existieren. Dabei darf man auch nicht glauben, man
könne sich in einem einfachen Gefühl dennoch über dies Jammer—
tal erheben. Nein! Die Welt als Vorstellung allein angeschaut
mag ja vielleicht indifferente und möglicherweise sogar an—
genehme Gefühle wecken können, und idealistisch, in der Kunst,
gewährt sie sogar den Genuß des Schönen — nirgends mehr
als in der Musik, der wunderbarsten aller Künste, dem Abbild des
Willens, des Absoluten selbst. Aber solche Genüsse und Gefühle
sind vorübergehend: wahrhaft erlösen können sie nicht. Erlösen
kann nur die Verneinung des Willens, denn sie allein erlöst von
dessen Begehrlichkeiten. So kommt Schopenhauer aus seinem
Pessimismus zum Quietismus, zur Theorie einer ruhseligen
Askese, zu den moralischen Daseinsbedingungen des Buddhismus
und zum Lobe greisenhafter Bewußtlosigkeit aus Ertötung des
Ichs.
Es war eine Theorie, die dem politisch resignierten Ge—
schlechte der fünfziger Jahre gründlich zusprach; und die, in—
sofern sie Betäubungstheorie der aufgeregten Nerven kommender
Zeiten der Reizbarkeit sein konnte, auch den Menschen noch
der siebziger und achtziger Jahre mit ihren politischen Er—
regungen und dem starken Massenverbrauch an Nervenkraft in⸗
folge gesteigerter Genußsucht und zunehmender Verkehrsbelastung
entgegenkam.
Für diese Zeit empfing sie denn auch eine neue Formu—
lierung in Hartmanns Theorie des Unbewußten. Eduard von
Hartmann, 1842 in Berlin geboren, seit 18605 wegen eines
rheumatischen Knieleidens pensionierter Offizier, ließ seine
„Philosophie des Unbewußten“ im Jahre 1869 erscheinen. Das
Unbewußte ist bei ihm das Absolute, das mit den Attributen
sowohl der Vorstellung, d. h. der Hegelschen Idee, wie des
Triebes, d. h. des Schopenhauerschen Willens, ausgestattet ist.
Beide Attribute werden dabei als Funktionen eines höheren
Absoluten aufgefaßt, denn der Wille ist an sich ebensowenig