316 Fünfundzwanzigstes Buch. 5weites Kapitel.

Rod in seinem Buche „Les idéos morales du temps présent“,
das sich bei der außerordentlichen Wirkung, die Schopenhauer
namentlich nach 1870 in Frankreich ausgeübt hat!, hier sehr
wohl zitieren läßt, seinerseits die Frage erhebt, ob es sich denn
bei dem Einflusse der pessimistischen Philosophie auf die Massen
nicht viel mehr um die bloße Hebung eines schon vorhandenen
seelischen Zustandes ins Bewußtsein, als um die Verbreitung
einer neuen systematischen Lehre gehandelt habe? Und traf das
Wort Rods über Schopenhauer: „il transformait leurs
désillusions en lois metaphysiques“ nicht mindestens für die
Träger des politischen Denkens auch in Deutschland zu?
Aber auch auf sittlichem Gebiete ist unverkennbar, daß der
Einfluß der pessimistischen und auch der materialistischen Systeme
nur durch einen gleichzeitigen sittlichen Verfall überhaupt völlig
erklärt werden kann. Und dieser Verfall war schließlich nichts
als die letzte Signatur, das äußerste Kennzeichen der verfallenden
Zeit des frühen Subjektivismus überhaupt. Die großen Ideale
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie der Romantik,
der primitiven Phasen wie der höchsten Erhebungszeit der ersten
Periode des Subjektivismus, sie waren jetzt, wenn nicht ver—
wirklicht, so doch rationalisiert; voll hatte man von dem Baume
der Erkenntnis des neuen Zeitalters gegessen. Neue erhabene,
im Dunkeln des Geheimnisses schwebende Ideale, große Ziele,
die den Atem versetzt hätten, waren nicht vorhanden. Es schien
alles plan, alles verständlich, und nichts darum eigentlich noch
verehrenswert. Selbst der Haß war eingeschlafen und hatte dem
Indifferentismus Platz gemacht. Es ging nur noch um welt⸗
liche, politische, materielle, nicht mehr um für ewig erachtete
BGiüͤter.

Es sind die Zeichen aller verfallenden seelischen Perioden.
Die alten Normen, die einst droben hingen, neu aus eigener
Kraft geschaffen und darum als unveräußerlich verehrt, sie waren
nun in sichtbare Nähe gerückt, konnten kontrolliert werden, und
der Staub des Schmetterlings verlor sich unter roh zugreifenden

Vgl. Genaueres bei Texte in Peétit de Julleville 8, 684.