Voller Realismus. 317

Händen. Die alten Dominanten schwanden; neue waren noch
nicht entwickelt; der Zustand eines moralischen Interreanums
trat ein und mit ihm sittliche Anarchie.
Es ist möglich, diese Dinge genauer zu beobachten. Schon
das war charakteristisch, daß die Philosophie Schopenhauers
und auch noch Hartmanns Anhänger fand bis in tiefste Schichten
hinein und hinein bis in die Kreise der geistig Unmündigen;
und daß selbst die Zahl der Selbstmorde, insbesondere Jugend⸗
licher, wenn auch gewiß zumeist aus anderen als nur philo—
sophischen Ursachen, zunahm. Um vieles mehr aber war be—
zeichnend, daß der Zeitgeist zwar die Lehre von der Süße des
Nirwana, von dem dunklen und unmoralischen Triebe des
Willens gerne aufnahm, aus ihr aber dem philosophischen
System entgegengesetzte Folgen zog. Und es muß gesagt werden,
daß ihm in dieser Hinsicht der Begründer des pessimistischen
Systems selber voranging. Schopenhauer, den schon Goethe in
fruͤhen Jahren einen „meist verkannten, aber auch schwer zu er⸗
kennenden verdienstvollen jungen Mann“ genannt hatte, war bei
der rätselhaften Ausstattung seiner Natur später weit davon ent—
fernt, für seine Person die praktischen Konsequenzen seines
Denkens zu ziehen. Als ein leidlich vergnügter Junggeselle,
von Haus aus reich, in höheren Jahren dem französischen
Grundsatze Après les plaisirs du lit les plaisirs de la table
lebend, ist er in Frankfurt, sich ein wenig griesgrämig in den
Strahlen seines Ruhmes sonnend, hochbetagt gestorben. Mag
sein, daß ihn seine wesentlich ästhetische Anlage, seine künstle—
rische Natur zu dieser Art von Doppeldasein besonders hin—
zog und befähigte. Hat er doch von sich selbst einmal gesagt,
er habe die Kraft, sich selbst zu erschüttern, in hohem Maße
besessen und würde ein großer Schauspieler geworden sein,
hätte er sich nicht für die Laufbahn des Philosophen ent—
schieden. Aber kann eine solche Doppelnatur sittlich vorbildlich
wirken? Hätte sie sich etwa mit der Anschauung eines Kant
oder Fichte vertragen? Kuno Fischer schildert unseren Philo—
sophen objektiv und doch tief vorwurfsvoll in dem gut ge—
wählten Bilde: „Die Tragödie des Weltelends spielte im