318 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Theater; Schopenhauer saß im Zuschauerraum auf einem
höchst bequemen Fauteuil mit seinem Opernglase ...; viele der
Zuschauer vergaßen das Weltelend am Büfett, keiner von allen
folgte der Tragödie mit so gespannter Aufmerksamkeit, so
tiefem Ernst, so durchdringendem Blick wie Schopenhauer;
dann aber ging er tief erschüttert und seelenvergnügt nach
Hause und stellte dar, was er geschaut hatte.“
Aber die Leute am Büfett? Begnügten sie sich mit dem
Schauspiel? Da nun von Philosophie wegen das menschliche
Dasein geächtet war und man schließlich doch lebte, so schien es
ihnen am besten, dies philosophisch nun einmal prostituierte Leben
wenigstens möglichst lustig zu verbringen. Champagner her! Und
so wuchs aus der Krankheit des Byronismus die Weltfaulenzerei
hervor und das Spiel mit geistreichen Ideen ohne die Kraft,
etwas Lebendiges zu schaffen: charakteristische Merkmale der
ausgehenden fünfziger und der sechziger, auch teilweise noch
der siebziger Jahre. Wie es Oskar Blumenthal einmal auch
in einer Form, die die Sache bezeichnet, zum Ausdrucke brachte:
„Der Pessimist, der Humor hat, macht aus seinem Leichentuch
eine Harlekinsjacke: und gibt es eine passendere Maske in dem aber⸗
witzigen Karneval des Seins? Was kann man auf dieser lang⸗
weiligen Lehmkugel Vernünftigeres tun als unvernünftig sein 2“
Selbstverständlich, daß damit auch die Schätzung aller
hohen Lebenswerte sank, ja schließlich scheinbar völlig dahin⸗
schwand. Und mit ihr die eigentliche kine flöur moralischer
Bildung. Höflichkeit wurde zur Korrektheit äußerlicher Handlung;
eine gewisse feierliche Starrheit in Haltung und Miene galt als
moralisch bezwingend; Eigenes zu geben, einen Hauch persön⸗
lichsten Empfindens auch Fremden einzuflößen hielt man für
Narretei. Damit wurde dann das Edle zum bloß Nobeln, die
Treue zur Loyalität, die Würde zum Anstand und die Anmut
zur Eleganz: und, das Charakteristischste vielleicht von allem, das
Gefühl des Erhabenen verflüchtigte sich völlig vor der Neigung
zur „Imposanz“, zum „Grandiosen“.
Im Grund ging damit natürlich der Charakter verloren,
und mit ihm die besondere Persönlichkeit.