320 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

öffentlich auf etwa einen dreifachen Ministergehalt veranschlagen
konnte, und daß Lasker im preußischen Abgeordnetenhause von
gewissen Gründergeschäften auszuführen vermochte, sie seien
offenbarer Betrug, das Strafgesetzbuch setze Gefängnis darauf,
und dann fortfuhr: „Es ist Sache der Justizpflege, einer so weit
m Lande verbreiteten Krankheit abzuhelfen. Alle Gesellschafts⸗
schichten sind davon ergriffen; selbst Mitglieder des höchsten
Adels beschäftigen sich mit Dingen, die vor den Staatsanwalt
gehören.“
Wie stets in Zeiten starker Schwankungen der Normen des
sittlichen Koder trat dann, das bisher gezeichnete Bild be—
stätigend und abschließend, ein besonderer Hang zu geschlecht—
licher Sinnlichkeit hervor. Vor allem auch in der Dichtung
läßt er sich verfolgen. Denn gewiß sind diese Zeiten schon,
soweit sie in noch vereinzelten und isolierten Erscheinungen vor—
wärts weisen, der fruchtbarste Schoß einer neuen, selbständigen
deutschen Kunst gewesen von großem Ernste und heiligem
Schaffen: die Zeiten der leidenschaftlichen Tiefe eines Hebbel,
Otto Ludwig, Richard Wagner. Aber mitnichten waren sie
zugleich auch schon Zeiten der Anerkennung dieser Großen. Und
in mehr als einem Zuge hat namentlich Wagner auch ihrem
Charakter seinen Tribut entrichtet. Er hat, lange bevor noch
in Meißners „Sansara“ (1858) der erste pessimistische Roman
erschien, dem Pessimismus gehuldigt und dessen charakteristische
Resignation niemals ganz verloren:

Ach, wie sollte ich da klagen,
Wie, mein Herz, so schwer dich sehn,
Muß die Sonne selbst verzagen,
Muß die Sonne untergehn?
Und gebieret Tod nur Leben,
Geben Schmerzen Wonnen nur:
O, wie dank, ich, daß gegeben
Solche Schmerzen mir Natur

Vor allem aber ist er in den sexuell-sinnlichen Momenten
seiner Musik und seiner Dichtung einer der bemerkenswertesten
Vertreter des sittlichen Verfalls der fünfziger bis siebziger Jahre