322 Funfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

kindisch-geistreiche Bettina von Arnim, die erst ausgelassene,
dann bigotte Gräfin Ida Hahn-Hahn und die in der Ein—
samkeit ihres Dichtens männlich-spröde Annette von Droste
hervorbrachten.
Auf literarischem Boden begann damit der Hauptsache nach
die deutsche Emanzipation der Frauen; und schon seit den
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte man Anlaß genug,
darüber nachzudenken, was sie im Grunde bedeute. Ins Grobe
gerechnet ließ sich da wohl sagen, daß die literarische Tätig—
keit, wie sie nun immer breiter, namentlich im Bereiche der
leichteren Poesie des Romans entwickelt wurde, auf die Frauen
vor allem intellektuell erziehlich wirke: sie begannen zu denken.
Allein lag es nicht auch unweigerlich in dem Ungewohnten der
neuen Lage, daß nun vielfach der reiche Grund der Sitte
und des Sittlichen zu leiden begann, auf den die Frau bisher
doch einmal gestellt gewesen war? In die Strudel des Lebens
geworfen, im ungebundenen Verkehr mit jenen männlichen
„Titanen“, die in einer Zeit abflauender seelischer Bewegung
die Welt von Grund aus zu reformieren gedachten, verfielen
die emanzipierten Frauen nur zu leicht einer Kopie des Lebens
jener freigeistigen Damen, die sie etwa aus der Lektüre des
George Sand kennen lernten. Und wo dies nicht der Fall
war, da konnten doch nur überaus selten harmonische Be—
ziehungen zwischen dem neuen Intellektualismus und dem dunkel⸗
sinnlichen Untergrunde des Frauenlebens hergestellt werden, der
nach vegetativer Stille und Mutterfreuden dürstet.
Es war ein Zustand, der mit der steigenden Rationalisierung
der Lebensinhalte in den fünfziger und sechziger Jahren nicht
besser wurde; und es darf als eine tragische Seite der modernen
Frauenemanzipation in Deutschland bezeichnet werden, daß ihre
Anfänge eben in solche Zeiten und nicht in Zeiten eines hoch—
gemuten Pathos und eines durch neue sittliche Werte idealisierten
Gemütslebens gefallen sind.
Indes handelte es sich in dieser Phase zuerst und im
ganzen doch nur um eine geringe Anzahl von Personen und
um Angehörige meist nur der höheren Stände. In den Zeiten