330 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

im Staate an sich gewährleisten können? Liefen sie nicht fast
alle und eben die wichtigsten unter ihnen im Grunde auf eine
Fundamentierung der alten Stände im Sinne eines Berufs-—
standes agrarischer Unternehmer hinaus? Faßten sie nicht
politische Ziele höchstens indirekt und dann so, daß die Ergeb—
nisse für den Adel nicht exklusiv zur Erscheinung kamen, ins
Auge?
Eben in diesen Reformbestrebungen zeigte sich, daß sich
der Adel und damit die führenden agrarischen Schichten doch
der neuen Wirtschaftsgewalt der Unternehmung im Grunde
beugen mußten. Und tatsächlich ergab die spätere Entwicklung
diesen Verlauf. Nirgends mehr vielleicht als im Bereiche des
hohen preußischen Adels, der noch heute zum Teil, in schwäch—
lichen Sympathien für Süddeutschland und Osterreich verharrend,
nur wirtschaftlichen Zielen lebt und die ihm von Rechts wegen
zukommende Rolle einer politischen Einflußnahme als Träger
agrarischer Großunternehmen eigensinnig verabsäumt.
Allein indem eben dieses Wesen des agrarischen Unter⸗
nehmertums für den alten Adel niederer wie hoher Grade deut⸗
lich hervortrat, war doch zugleich auch gesagt, daß er nicht
allein und daß er schließlich nicht an erster Stelle mehr führen
werde. Denn das Wirtschaftsleben der Unternehmung ist nicht
vorwiegend und in den wesentlichen Wurzeln seiner Kraft dem
platten Lande und landwirtschaftlichen Betriebe, sondern bürger—
licher Nahrung und den Städten entwachsen. Und damit lag
es denn doch in den ersten Folgen weiterer Wirtschafts⸗
entwicklung, daß eben das bürgerliche Großunternehmertum zur
sozialen und politischen Hegemonie berufen war und hindrängte.
Und schon die fünfziger und sechziger Jahre haben dafür
einen Instinkt, ein sozusagen unbewußtes Bewußtsein gehabt.
Es gibt keinen großen Romanschreiber unter den zahlreichen
Schilderern des damaligen deutschen Lebens, der für den Adel
jene Sympathie zeigte, von der sich unwillkürlich das Werdende,
Zukunftsreiche begleitet sieht; und eben Spielhagen, der den Adel
so gut kannte und in dieser Zeit vielleicht am besten geschildert
hat, stand mit seinen Neigungen auf seiten des Bürgertums.