336 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Vielleicht die älteste, jedenfalls aber die verbreitetste der
deutschen Textilindustrien war die Leinenindustrie. Und in ihr
hatte Ende des 18. Jahrhunderts im allgemeinen noch ein recht
gutes Auskommen geherrscht; aus Schlesien z. B., einem der
Hauptländer dieser Industrie, hört man, es habe in dieser
Zeit unter den Verlegern Reichtum und UÜppigkeit, unter den
arbeitenden Klassen ein gewisser Wohlstand und ein leichtsinniges
Wohlleben geherrscht. Im Verlaufe der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts aber stellte sich eine Erscheinung ein, die
für die Entwicklung der deutschen Texrtilindustrien in dieser
Zeit überhaupt, wenn nicht gar für die gesamte deutsche
Industrie charakteristishh war. Da man zu kapitalarm war,
um alsbald die kostbareren Werkzeuge und neuen Maschinen
anzuschaffen, die, zunächst in England, in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts erfunden und in Gebrauch genommen
waren, so hielt man länger als in anderen Volkswirtschaften
an den veralteten Produktionsbedingungen früherer Menschen⸗
alter fest. Und indem dies geschah und man trotzdem in den
Wettbewerb mit anderen Nationen einzutreten hatte, mußte
man diese natürlich durch die Billigkeit der Produktion zu
schlagen suchen. So stellte sich allmählich das Prädikat „billig
und schlecht“ für die deutsche Industrie ein und hat ihre
Entwicklung noch bis nach 1870 in um so verhängnisvollerer
Steigerung begleitet, als mit den Reformen des beginnenden
19. Jahrhunderts jene absolutistische Reglementierung der In—
dustrien weggefallen war, die im 18. Jahrhundert von Obrig—
keit wegen eine gute Qualität der Erzeugnisse verbürgt hatte.
Fur die Arbeiter aber bedeutete dieser ganze Verlauf eine
immer traurigere Reduktion der Lohnhöhe: bis Hungerlöhne
eintraten.
Zuerst hat die Leinenspinnerei diesen furchtbaren Ent—
wicklungsgang erfahren. In Westfalen betrug der Verdienst
eines Spinners 1828 schon selten mehr als zwei Groschen
täglich. Nun suchte man freilich — in Glatz und Schlesien
z. B. schon 1827 — durch Wiedereinführung der Reglementierung
die Qualität wieder zu heben. Allein vergeblich; nur die