VDoller Realismus.

337

Industrie des Königreichs Hannover, wo die alte Leggeordnung
niemals aufgegeben worden war, hielt sich. Zu Anfang der
bierziger Jahre war man dann so weit, daß „eine ganze Spinner—
familie, Mann, Frau und Kinder, bei allem Fleiße, wenn sie
fast Tag und Nacht am Spinnrade saßen, nicht über zwei
Groschen täglichen Verdienstes hatten“. Und Tausende von
Arbeitern und Arbeiterfamilien erlagen jetzt dem Hungertyphus,
vor allem in Schlesien und in der Lausitz. Es blieb nichts
übrig als volles Aufgeben des todbringenden Berufes. Aber
erst seit Ende der vierziger Jahre fand ein Übergang in andere
Berufe statt. In Preußen gab es 1849 noch immer 84 286
mit Handspinnerei von Leinengarn beschäftigte Personen; 18601
erst waren sie auf 14557 gesunken. Von welch furchtbarem
Elend aber, von welch schweren persönlichen Schicksalen berichtet
die stumme Sprache dieser Zahlen!
Schlimm war, daß die Maschinenspinnerei erst sehr spät
an Stelle der Handspinnerei trat. Im Jahre 1848 gab es in
Preußen erst 20 mechanische Spinnereien, 1861 erst 38; die
Zahl der Feinspindeln stieg im Zollvereinsgebiet im gleichen Zeit⸗
raum nur von 36000 auf 186492. So sank denn die Produktion
von Garn überhaupt. Noch im Jahre 1833 hatte eine Ausfuhr
in deutschem rohen Leinengarn von 35 267 Zentner bestanden;
ihr trat schon 1842 -46 eine Mehreinfuhr von äiährlich
29990 Zentnern gegenüber.
Was mußte da aus der von der Spinnerei abhängigen
Leinenweberei geworden sein? Auch sie ging reißend zurück.
Leidlich erhielten sich dabei die alten Zustände noch in
Hannover und um Bielefeld, wo man teilweise ein so feines
Garn verwebte, wie es die konkurrierende Maschine des Aus—
lands zu verarbeiten noch nicht imstande war. Aber in Schlesien
kam es, da trotz allem die Zahl der Leineweber nicht abnahm,
zu der furchtbaren Krisis im Anfang und in der Mitte der
bierziger Jahre, die der schlesische Dichter jüngerer Zeiten in
dem ergreifenden dramatischen Gemälde der „Weber“ für unser
Gefühl und unsere Einsicht erneut hat. Zwar gingen hier, wie
auch anderswo, die Leineweber schließlich teilweise zur Baumwoll—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 22