346 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

war vielleicht bezeichnender als die Wandlung der Beziehungen
zu den Gestadeländern des wichtigsten aller Binnengewässer,
des Mittelmeeres, besonders zu Italien. Man weiß, was diese
Beziehungen im Mittelalter bedeutet hatten. In den späteren
Jahrhunderten waren sie nicht abgebrochen, aber auch nicht er—
weitert worden; noch immer dauerte der alte Paßverkehr über
die Alpen, insbesondere über die Verkehrswege des Rheinquellen—
gebietes, Lukmanier, Splügen, Septimer, St. Gotthard fort,
während neuere Kunstbauten von höchster Vollendung, wie die
Simplonstraße Napoleons J., Deutschland nur indirekt zunutze
kamen. Da begann, seit den fünfziger Jahren, die Über—
schienung und Durchbrechung der Alpen: mit der Linie Wien —
Triest, der Semmeringbahn, wurde 1854 die erste Alpenbahn
eröffnet; dann folgte, mit 1867, die Brennerbahn und mit
1882 die Bahn des St. Gotthards. Es war für Deutschlands
Wirtschaftsleben ein wenig wie die Entdeckung einer neuen
Welt; Genua erhielt einen deutschen Verkehr von steigender
Ausdehnung, und wie der Südwesten Europas, so ging der
Drient der Erschließung auf neuen Wegen entgegen.
Allein die ersten dauernden und großen Errungenschaften
des neuen Aufschwungs waren doch noch mehr aufs Innere
gewendet, bezogen sich auf Deutschland selbst. Da wurden vor
allem die größeren Flüsse, insbesondere der Rhein, einem
steigenden Verkehr erschlossen. Und daneben trat der Ausbau
des Straßennetzes. Der spätere Marschall Moltke schreibt ein—
mal im Jahre 1841 aus dem Braunschweigischen: „Seit sechs
oder acht Jahren sind hier im Harze mehr Chausseen gebaut
worden, als das Königreich Dänemark überhaupt jemals zu—
stande gebracht hat.“ Und um diese Zeit, als er 1848 den
Aufsatz schrieb: „Welche Rücksichten kommen bei der Wahl der
Richtung der Eisenbahnen in Betracht?“, der eine erste Prinzipien⸗
lehre militärischer Betrachtung des neuen Verkehrsmittels auf—⸗
stellte, nahm Moltke auch an der Direktion der Berlin-Ham—
burger Bahn teil, bei der er seine Ersparnisse, volle 10000 Taler,
angelegt hatte. Später aber, als berühmter Heerführer, hat er
noch erlebt, daß Deutschland, gegen Ende des 19. Jahrhunderts,