Voller Realismus.

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Wie sehr unterschied sie sich aber auch geistig und gesell⸗
schaftlich von dem, was noch bis in die vierziger Jahre hinein
als führende Schicht deutschen Bürgertums gegolten hatte!
Im Mittelalter hatte sich unter den aufsteigenden Schichten
des Handwerks und der alten Kaufmannschaft ein gewisses
Residuum bürgerlicher Existenzen gebildet, das zu der wirt—
schaftlichen Handlungssicherheit und dem einfachen politischen
Sinn der höher gestiegenen Mehrheit in Gegensatz trat, und
dessen munter karikierte Züge im Schildbürgertum und in den
Handlungen der Lalenburger verewigt wurden. Ein solches
Sediment hatte nun auch schon die neue bürgerliche und geistige
Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts bis spätestens zur
Mitte des letztgenannten Jahrhunderts abgesetzt: das Philisterium.
Und dies Philisterium, heute vor dem scharfen Wehen der
Stürme neuer Wirtschafts- und Gesellschaftsbewegungen gänz—
lich im Aussterben begriffen, das vergnügliche Bürgertum vor
allem der Kleinstadt, hat ebenfalls in unserer Dichtung un—
— D— liebenswürdige
Unbeholfenheit nicht den Poeten gereizt haben! So hat es
Wilhelm Raabe in seiner norddeutschen Schattierung und inner⸗
halb dieser wiederum vornehmlich in seinen guten Eigenschaften
geschildert: der Abneigung gegen und doch dem Respekt vor
dem Bureaukratismus, dem Haß gegen materielle Gewinnsucht,
gegen gesellschaftliches und politisches Strebertum, der Ver—
werfung wohl auch offizieller Gesinnungsheuchelei. Die Be—
tonung der komischen oder wenigstens originellen Seiten ist
dagegen mehr der mitteldeutschen und süddeutschen Poesie zu⸗
gefallen: wer dächte in diesem Zusammenhang nicht an Kellers
„Leute von Seldwyla“ und Ludwigs „Luckenbacher“?
Uber dieser Schicht aber, geistig nicht um vieles höher,
doch gesellschaftlich wenigstens sich felbst erhöhend erstaad iu
den deutschen Mittelstädten vor allem der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts eine weitere Gruppe, die vielleicht wiederum
Ludwig in seiner Erzählung „Zwischen Himmel und Erde“ (1855)
am besten geschildert hat. Denn was lehrt über sie nicht schon
allein eine Bemerkung wie die über einen „Bürgerverein“, „der