350 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zusammengetreten war, sein Ergötzen von dem der niedriger
stehenden Schichten der Bevölkerung abzusondern“.
Über alledem aber stand in den Zeiten vor der Revolution
sporadisch in den Klein- und Mittelstädten, ein wenig dichter
gesät in den Großstädten, nun die eigentlich führende Schicht:
noch immer eine Schicht wesentlich der Gebildeten.
Das Leben in diesen Kreisen floß im ganzen behaglich
dahin, mochten sie dem Beamtentum oder der Gelehrsamkeit oder
dem Unterricht oder freien Berufen, darunter auch wirtschaft—
lichen angehören. So schildert uns ein Bildnis dieser Zeit!
die Hamburger Familie Speckter am Kaffeetisch. Die Eltern
sitzen auf dem Sofa; die beiden erwachsenen Töchter und ein
Hausfreund dürfen auch mit am Tische sitzen. Die jüngeren
Schwestern sitzen auf Stühlen an der Wand; der junge Sohn
steht hinter dem Stuhl des Hausfreundes; er darf überhaupt
noch nicht sitzen. Es ist ein Bild behaglichen Friedens und ein
Bild noch fester patriarchalischer Ordnung zugleich. Denn noch
herrscht in diesen Kreisen viel Steifheit und Konservatismus der
Sitte des 18. Jahrhunderts; die Kinder siezen die Eltern; der
Vater sagt vom Sohne „Mein Herr Sohn“. Dazu kommt
in den höheren Teilen der Gebildetenschicht auch noch manche
letzte Anmut des Rokokos und manch Einfluß aus dem Gesell—⸗
schaftston der adligen Kreise: ein wenig leichter, ein wenig be—
lebter und wippender gleichsam verläuft hier das Leben. Doch
hat man auch hier in der Kleidung die freudigen Farben des
18. Jahrhunderts immer mehr abgetan. Und schon tritt die
Neigung zu einer Art bürgerlicher Uniform auf, die peinlich
davor schützen soll, äußerlich etwas zu scheinen; die Schnitte
werden immer unpersönlicher; von Farben bleiben schließlich
nur die unbedingten Negationen Weiß und Schwarz, und Grau
in geringfügigen Nuancen. Alledem aber paßt sich dann auch
das Benehmen an; man soll sich kein „Air“ geben, so sehr grobe
Formlosigkeit verpönt ist.
Es sind einfache, in gewissem Sinne gesättigte Verhältnisse;

1Lichtwark, Bildnis 2, 133.