Voller Realismus.

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mademen alsbald in den Besitz der gesellschaftlichen wie der
geistigen Bildung der älteren bisher noch immer führenden
Klassen setzen? Es wurde vereinzelt versucht; gelungen ist es
nicht. Das bedeutete gesellschaftlich gewiß in manchem Betracht
einen Verfall. Die Vornehmheit der Erscheinung fehlte der
neuen Klasse; die geschmackvolle Pflege der eigenen äußeren
Erscheinung ließ zu wünschen; die Pracht war unkünstlerischer;
das Banale und das Auffallende zugleich fand sich vertreten.
Wichen doch sogar die physiologischen Elemente der neuen
Schicht von denen der herrschenden ab: der Knochenbau war
— DDD Gesichter schienen seltner
zu werden; und das Leben lieferte den alternden Köpfen an⸗
scheinend weniger durchgearbeitete und verfeinerte Züge. Auch die
Haltung fiel auf; sie war weniger frei; man bewegte sich noch
nicht in der strengen Bahn klarer und vornehmer Gestikulation;
man ahmte noch nach, wo man herrschen wollte. Auch die
Wohnräume und Häuser der neuen Gesellschaft ließen es nach
der Anschauung der noch führenden Schichten an Geschmack
fehlen; ein plumper Luxus herrschte; und wo ihn die Einsicht
von Baumeister und Dekorateur gemäßigt hatte, da entdeckte
das Auge erfahrener Kritiker um so mehr den Mangel persön⸗
lichen Geschmackes.
So war es denn klar, daß für eine wirkliche gesellschaftliche
Durchbildung der neuen Schicht eine zweite, wenn nicht dritte
Generation abzuwarten war; und den besten Beweis für diese
gesellschaftlich einstweilen verzweifelte Lage erbrachte die Er—
scheinung, daß im Laufe der fünfziger Jahre neben dem neuen
Stande eine ganze Anzahl älterer Standestypen wiederum von
neuem auflebte: bewußt hoben sich Pfarrer und Lehrer, Ge—
lehrter und Beamter sogar auch äußerlich von dem un—
vollendeten Neuen als von etwas ihrer sozialen Auffassung nach
noch Ungewöhnlichem ab.
Und wurde nicht auch auf geistigem Gebiete etwas Ahn⸗
liches versucht? Auch hier, ja hier noch mehr suchte man sich
von der neuen Schicht abzusondern, um sich ihrer zu erwehren.
Allein eben hier entfaltete diese Eigenschaften, die sie bald
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 238