Voller Realismus.

387

Standes wuchsen. Noch etwas begrenzte, aber sehr feste sittliche
Grundsätze, zunächst aus dem Kreise der geschäftlichen Usancen
her entwickelt, bildeten sich. Intellektuell trat als beherrschend der
„gesunde Menschenverstand“ hervor. Und aus Pflichtbewußtsein
und neuem Denken erwuchs das Justemilieu eines ganz be—⸗
stimmten Zustandes ohne viel Phantasie, ohne Lebensvergoldung
einstweilen noch durch wahre Poesie oder hohe Kunst; nichts
Überquellendes, nichts Abschattiertes; keine Feinheit, kein Sinn
schon für Ironie, bisweilen nicht einmal für Humor: aber
eine brave Hausbackenheit und im Kreise höheren Seelenlebens
eine unbedingte Ehrfurcht und Bewunderung für ein Leben
der Tat in Arbeit, bisweilen sogar schon in kriegerischem
Kampfe.
Da begreift man denn ohne weiteres, was diese neuen
Erscheinungen für das deutsche Leben der fünfziger und sechziger
Jahre bedeuteten.
Die großen ideologischen Werte der ersten Periode des
Subjektivismus wurden in dieser Zeit intellektualisiert; sie ge—
rieten unter die Schatten des Baumes der Erkenntnis; die
starke treibende Kraft ging ihnen verloren.
Vor allem hatte sich diese Kraft nicht als stark genug
bewährt, um der neuen subjektivistischen Kultur eine stark—
gebaute und sichere äußere Behausung zu schaffen: Freiheit
und Einheit waren von den Gebildeten der ersten Hälfte des
Jahrhunderts wohl immer stärker ersehnt, in den Revolutions—
jahren aber nicht erreicht worden.
Noch immer erschien es da als eine letzte große Aufgabe
der ablaufenden Periode, dies feste Haus zu bauen — und sei
es mit Gewalt. Und hier nun, in diesem Zusammenhange,
bedeutete der neue Stand etwas Außerordentliches. Er war,
in einer Zeit des allgemeinen Pessimismus, voll des männ—
lichen Geistes einer bescheidenen und doch bewußten bürger⸗
lichen Gesinnung; er vertraute seiner Kraft in steigenden
Akkorden; er sah mit Optimismus in eine noch in keinem
Sinne kompromittierte Zukunft. Da mußte er denn auch einer
gewaltsamen Lösung der Einheits- und Freiheitsfrage zu—