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            <surname>Lamprecht</surname>
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        Karl Lamprecht,
Deutsche Geschichte.

Übersicht der Einteilung des Gesamtwerks.

Abteilung und Inhalt

Band

Der
ganzen
Reihe
Band

Buch

Jahl der
Kapitel
in den
Büchern

Zäsur-Abschnitte

BRcauutwerk.

. Urzeit und Mittel—
alter.
Symbolisches, typi⸗
sches und konventio—
nelles Zeitalter.

IIT. Neuzeit.
Individuelles Zeit⸗
alter.

III. Neueste Zeit.
Subjektives Zeitalter,
erste Veriode

Registerband.

Jüngste Vergangenheit.
Zubjektives Zeitalter,
Anfaͤnge der zweiten
Periode.

2.

J.
II.
III.
IV.

L. 2. 3. 4. 2. 8. 2. 8.
5. 6. 7. 3. 4. 3.
8. 9. 10. 3. 4. 8.
11. 12. 13. 3. 4.3.

4

1. 1. 3.

V, 1. 2.

14. 15. 16. 4. 4. 4.

2.

VI.
VII. i. ↄ2.

17. 18. 14. 4.
19.20 21. 4. 4. 4.

3. 1. 9.

L. 1. 2.

VIII, 1.2.
IX.
X.
XIL. L ⸗.

22.
283.
24.
25.

5.

2.
3.
41.8.

3.

õ.
5.

XII.

7ngswerk.
L. 2. 3.4. 6. 6. 6. 6
S. 6. 7. 8. 6. 6. 6. 6.

2. 1. 2.

Einleitung.

Einleitung.

Einleitung.

Finleitung.

Schluß.

Einleitg. Umschau.
Umschau. Schluß.
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte

41441

Rarl Tamprecht.

Der ganzen Reihe elfter Band.

Erste Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Berlin.
Weidmannsche Buchhandlung.
1908.
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        Deutsche Geschichte

43015

Karl Tamprecht.

Dritte Abteilung:

Neueste Seit.

Zeitalter des subiektiven Seelenlebens.

Vierter Band.

Lrste Bälfte.

Erste und zweite Auflage.

Berlin.
Weidmannsche Buchhandlung.
1908.
        <pb n="5" />
        Alle Rechte vorbehalten.

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        Inbalt.

Jünfundzwanzigstes Buch.

Erstes Kapitel. Erster Kampf alter und neuer Welt⸗
anschauung in Kirche und Staat; vom Ende der dreißiger
bis über die Mitte der fünfziger Jahre.
J. Die kirchlichen Bewegungen und ihr Ausgang,
bis 183446686888..*
Einleitung in die Grundfragen der kirchlichen und poli⸗
ischen Geschichte bis Mitte und Ausgang der fünfziger Jahre.
1. Die katholische Kirche. Wiederbelebung des Papst⸗
iums und der Gesellschaft Jesu im 19. Jahrhundert. Christ⸗
katholische und epistopalistische Strömungen in Deutschland
bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts. Anfänge
einer papal⸗-klerikalen Partei auf deutschem Boden. Konkor⸗
date und Zirkumskriptionsbullen der Kurie in Deutschland.
Unterdrückung des Epistopalismus und der selbständigen
deutsch⸗katholischen Theologie. Die Praxis der gemischten
Ehen und der Streit um sie; Gefangensetzung der Erzbischöfe
don Köln und Posen. Erregung der Klerikalen; Nach—
ziebigkeit Preußens. Zunahme der klerikalen Strömung
in den vierziger Jahren.
2. Die evangelische Kirche. Verfassungsversprechungen
bon 1818 in Preußen. Union und Agendenstreit. Straf⸗
behandlung der Altlutherischen in Schlesien. Entwicklung
reier Strömungen seit Mitte der dreißiger Jahre. Neue
Versuche, eine Verfassung zu begründen. Scheitern gemein⸗
amer Auseinandersetzungen der freien, vermittelnden und
orthodoxen Richtung, Scheitern der Verfassungsversuche.
Politische Revolutionen in den Einzelstaaten
Einführung in die Sonderfragen der politischen Ent⸗
wicklung bis zur Mitte der vierziger Jahre: demokratischer

II.

Seite

350

51 -84
        <pb n="7" />
        Inhalt.

I111

IV.

Subjektivismus, Konservatismus und Liberalismus; Durch—
bildung der politischen Opposition des Liberalismus, ihre
Verquickung mit der Einheitsbewegung.
Politische Gärung vor 1848. Reformversuche in Preußen,
Vereinigter Landtag: ihr Scheitern. Revolution und Sonder—
bundkrieg in der Schweiz; Schicksal Neuenburgs. Aufstände
und Revolutionen in den kleineren Staaten des Deutschen
Bundes. Revolution in Preußen: Berliner Märztage;
Ministerium der rettenden Tat; Durchbildung der Ver—
fassung. Revolution in Hsterreich: Vorgänge in Ungarn,
Böhmen, Wien; italienische und ungarische Schwierigkeiten
und ihre Unterdrückung; Thronwechfel, Reichstag vor
Kreinsier, zentralistische Verfassung.
Unglücklicher Verlauf der Einheitsbewegung
1. Die nationale Einheitsbewegung. Vorereignisse der
Frankfurter Nationalversammlung; bis zum 18. Mai 1848.
Konstituierung der Nationalversammlung, Begründung
einer provisorischen Zentralgewalt; 18. Mai bis 12. Juli 1848.
Ohnmacht der Zentralgewalt. Frankfurter Septembergreuel.
Verhältnis der Nationalversammlung zu Preußen, ver—
hüllter Bruch mit sterreich. Die Frage nach dem Reichs—
oberhaupt, Wahl des Königs von Preußen. Ablehnung
der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV., Zerfall der
Nationalversammlung, letzte revolutionäre Zuckungen.
2. Die diplomatische Einheitsbewegung seitens Preußens.
Stimmungen nach der Revolutiouszeit, Ergebnisse der
Einheitsbewegung, erste Versuche der Regelung der deuischen
Verhältnisse durch Osterreich und Preußen. Dreikönigsbund
und preußische Union, bis April 1850. Versuch öster—
reichs zur Wiederbelebung des Bundestages, Preußens
Schwanken. Niederlage Preußens in der kurhessischen An⸗
gelegenheit. Preußen und Schleswig-Holstein. Warschau
und Olmütz, Ende Oktober bis Ende Rovember 1850.
Die Zeit der Reaktion, bis 1858 und 1859. . ..
Politischer Pessimismus. Tätigkeit des erneuten Bundes—
tages; Stärkung des Adels in den kleineren norddeutschen
Territorien. Reaktion in sterreich, Ergebnisse für den
Staat und die Aristokratie. Politische Reaktion in Preußen,
Sieg des Junkertums. Kirchliche Reaktion vornehmlich im
preußischen Protestantismus, politische Macht der Orthodoxie.
Unfruchtbarkeit der Jahre der Reaktion.

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85—131]

132-141
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Zweites Kapitel. Fortentwicklung des Seelenlebens der
ersten subjelttivistischen Yeriode zu vollstem Realismus.
Versallserscheinungen. Vorspiel einer neuen, zweiten
Beriode subiektivistischen Seelensebens. Seite
Die Durchbildung der Natur— und Geistes⸗
wifsenschaften· , 142- 189
1. Die Naturwissenschaften: Zug des entwickelten
Realismus zur wissenschaftlichen Betaͤtigung überhaupt.
Rationalisierung und Mechanisierung der Naturwisfen⸗
schaften: Physik; biologische Wissenschaften (Zeit vor Ent⸗
deckung der Bedeutung der Zelle; die Zelle als Komponente
des organischen Lebens; Eutstehung der Arten; Darwins
Erklärung dieser Entstehung); Chemie (Ausbau der Atom⸗
theorie der alten anorganischen Chemie; Spreugung dieser
Theorie wesentlich durch Aufkommen der organischen Chemie;
neue mechanische Atomistik der Strukturlehre; Stereochemie).
Zufammenfassung der Haupterscheinungen der Entwicklung.
2. Die Geisteswissenschaften. Entwicklung der an⸗
gewandten Geisteswissenschaften, besonders der Rechts⸗
wissenschaft. Humanistisches Gymnasium und klassische
Philologie. Die Geschichtswissenschaft als führende Disziplin
der reinen Geisteswissenschaften: Verfall der frühsubjektivistisch⸗
romantischen Stroͤmungen; Politisch-historische Schule: Ver⸗
engerung des Gesichtskreises, Entstehung des antiaquarischen
Historismus.
Das Schicksal der Phantasietätigkeit I.
Gemeinsamer genetischer, nicht schon evolutionistischer
Charakter der Natur- und Geisteswissenschaften; Herrschaft
eines rationalistischen Intellektualismus.
1. Schicksal der bildenden Kunst. Malerei: Fortdauer
alter Strömungen, vornehmlich in der Wandmalerei; rascheste
Entwicklung auf dem Gebiete der Griffelkunst, besonders be⸗
zeichnend in der Karikatur. Historienbild und historisch
begrenzter Kolorismus in England, Frankreich, Belgien;
Einflüfse dieser Länder und eigenständige Entwicklung in
Dusseidee Belin Manchen. Eiufluß des inhaltlichen und
koloristischen Historismus auf Landschaftsmalerei, Sitten⸗
bild und Bildnis. Volle Entwicklung und Verfall des
Historismus; großes Geschichtsbild und geschichtliches
Sittenbild; letzte koloristische Konsequenzen Makart, Max).
Architektur, Kunstgewerbe, Bildnerei: Fortdauer alter
Strömungen aus klassizistischer Antike und romantijcher

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II.

190 -293

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        11IIJ

Inhalt.

Gotik; Strömungen einer erneuerten Renaissance, Ausgang
in die Zeiten des Impressionismus.
2. Die Kunst der Erzählung. Die Vorperiode des
Realismus: militärische, bäuerliche, ethnographische Skizze
und Erzählung; primitiver historischer Roman, Einwirkung
von Scott, Willibald Alexis (Hering). Erste Entwicklung
der realistischen Sktizze und kürzeren Erzählung: Einfluß
des Auslandes und der verschiedenartigen heimischen Um—
welt; Skizze und Novelle; die Dorfnovelle (Auerbach); die
vollendete realistische Novelle (Keller, Storm, Heyse). Volle
Entwicklung der realistischen Skizze, Gegenwartroman: Ent—
stehung des zeitgeschichtlichen Komans; der große Gegenwarks⸗
roman des Nebeneinanders (Gutzkow, Auerbach, Freytag);
der fubjeltive Gegenwartsroman (Keller, Raabe, Vischer,
Spielhagen); der Thesen- und Feuilletonroman. Der
geschichtliche Roman: referierende Gattung (die Mühlbach,
Brachvogel, Dahn; Retcliffe, Samarow; Scheffel, Ebers,
Eckstein); ideengeschichtliche Gattung (Laube, Frenzel, Roden⸗
berg); kulturgeschichtliche Gattung (Meinhold, (Riehl], Frey⸗
tag, Hausrath); subjektivistische Gattung (Jensen, Raabe,
C. F. Meyer).
3. Schicksal der hohen darstellenden Phantasietätigkeit.
Das Drama: Handlungsdrama, Tendenz- und Thesenstück,
Schauspiel und Lustspiel. Die Lyrik und Epik. Die Musik:
Instrumentalmusik, Große Oper und Operette.
Weltanschauung und Sitthichkeit .. . . ... 294824
Mechanische Naturwissenschaft und Philosophie. Der
primitive naturwissenschaftliche Materialismus: Vogt,
Moleschott, Büchner. Der geistes-, insbesondere geschichts—
wissenschaftliche Materialismus: Feuerbach, Marx und
Engels. Der naturwissenschaftliche Materialismus nach
Darwin: Haecckel. Der Pessimismus: Vorbereitung in der
seelischen Entwicklung und in den politischen Strömungen
der Zeit, Schopenhauer, von Hartmann. Praktischer Mate—
rialismus und Pessimismus: Herkunft und Zusammenhaug
mit der Philosophie, Durchbildung in Weltanschauung und
Leben, Wirkung auf die Sitte, insbesondere auf Ehe und
Frauenwelt.
Wirtschaftliche und sfoziale Anfänge einer
neuen Zeit. .... .... . 325- 358
Einseitigkeit des für den Gesamtverlauf der fünfziger
bis siebziger Jahre bisher gezeichneten Bildes; gleichzeitige

Seste

III.

IV.
        <pb n="10" />
        Inhalt.

IX

Anfänge einer neuen, zweiten Periode des Subjektivismus.
Besondere Bedeutung der wirtschaftlichen und sozialen Ent—
wicklung innerhalb dieser Anfänge schon für die politische
Geschichte der fünfziger bis achtziger Jahre.
Skizze der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung
vornehmlich der vierziger bis siebziger Jahre. Allgemeines.
Entwicklung des platten Landes; Stellung besonders des
agrarischen Großunternehmens (Junkertum und hoher Adel).
Entwicklung der bürgerlichen Unternehmung: Industrie
Textilindustrie, schwere und chemische Industrie, allgemeiner
Verlauf), Handel und Verkehrswesen. Ausgestaltung der
bürgerlichen Gefsellschaftsschichten: Philister, Gebildete;
Bildung einer bürgerlichen Aristokratie der Unternehmung,
deren Charakter und Einfluß auf die Fortentwicklung vor—
nehmlich der politischen Zustände.
        <pb n="11" />
        Fünfundzwanzigstes Buch.

damprecht, Deutsche Geschichte. XI. I.
        <pb n="12" />
        Erstes Kapitel.

Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in
Kirche und Staat; vom Ende der dreißiger bis über
die Mitte der fünfziger Zahre.

Unsere Erzählung hat in den letzten drei Bänden eine Ent—
wicklung von außerordentlicher Reinheit der Umrisse und höchstem
inhaltlichen Interesse durchmessen: einen Zeitraum, auf dessen
Verlauf die Nation allen Grund hat, stolz zu sein. Von ge⸗
ringen Anfängen, aus wirtschaftlich leise zu Höherem befruchteten
bürgerlichen Kreisen, doch auch den reineren Sympathien des
Adels und der Fürsten nicht fern, hatte sich in ihnen eine Kultur
umfangreichster und gewaltigster geistiger Werte erhoben, welcher
Dichtung und Kunst, Wissenschaft und Weltans chauung in gleicher
Weise angehörten. Und diese Kultur hatte es bei einer ab⸗
strakten und äußerlich tatenlosen Betrachtung der Welt nicht be⸗
wenden lassen. Sie hatte Forderungen für ein neues praktisches
Dasein der Einzelpersönlichkeit aufgestellt, die in zahlreichen
Erziehungsversuchen und in einer schließlich mit Erfolg durch⸗
gesetzten Reform des elementaren wie des mittleren und höheren
Schulwesens Ausdruck fanden, und sie hatte auch schon die
Grundlinien eines neuen Staates ins Auge gefaßt; und schmerz⸗
lichste Erfahrungen in den äußeren Schicksalen der Nation hatten
dazu geführt, daß wenigstens die Hindernisse für einen neuen
Aufbau, wie sie die noch bestehenden Trümmerstücke früheren
gesellschaftlichen und Verfassungslebens darboten, zum größeren
Teile hinweggeräumt worden waren.
        <pb n="13" />
        Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Allein inzwischen waren Jahrzehnte heraufgezogen, in denen
der höchste und reinste Aufschwung der ersten Periode subjekti—
distischer Kultur verflog. Ein neuer Bereich von ästhetischen
Werten war gefunden, ein neuer Kodex von intellektuellen Wahr⸗
heiten und sittlichen Forderungen war geahnt worden: jetzt galt
es den breiten Ausbau dieser neuen Kultur im einzelnen, und
er konnte nur im geduldigen Eingehen auf das einzelne, in
der trockenen Rationalisierung vieler Enthusiasmen, in der Ein—
führung von höchsten Idealen in die Wirklichkeit erfolgen.
Lag da nicht die Gefahr nahe, daß der Spiritus schließlich
zum Teufel ging und das Phlegma blieb? Schon die dreißiger
und vierziger Jahre durchzieht es in dieser Richtung wie eine
bange Ahnung; in den fuünfziger und sechziger Jahren stehen
sogar die Zeitgenossen selbst schon unter dem Eindruck, daß sie Epi—
gonen seien: offenkundig treten Schlußerscheinungen, wenn man
will Verfallserscheinungen der großen Zeiten der Väter, Groß—
oäter und Ahnen zutage. Und es gewährt zunächst einen geringen
Trost, daß sich im Wirtschaftsleben und in Anfängen sozialer
Umbildung sowie in vereinzelten Früherscheinungen auch geistiger
Art schon die Vorboten einer neuen, höheren subjektivistischen
Periode, des Lebens der heutigen Gegenwart, zu zeigen be—
zinnen.
Ist dies die allgemeine kulturgeschichtliche Ansicht der vier—
ziger bis sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, so ist doch
andererseits nicht zu verkennen, daß sich bis zu ihnen hin die
Kultur der ersten Periode des Subjektivismus noch keineswegs
ausgelebt hatte. Ja es lag in ihrem Wesen, daß sie eigentlich
erst jetzt allen gleich sichtbar hervortrat und auch der Umwelt
der europäischen Völker sich aufdrängte. Der fast einzigartige
Umstand, daß die Periode mit der Schöpfung alsbald höchster
zeistiger, vornehmlich phantasiereicher Werte begonnen hatte,
führte dazu, daß die Durchbildung ihrer Ergebnisse für das
offentliche Wesen, ja für die materielle Kultur überhaupt,
für wirtschaftliche, soziale Entwicklung und Staat sehr lange
auf sich warten ließ: so lange, daß sie eigentlich erst in den
Verfallszeiten voll lebendig wurde. Und so erhielten denn die
        <pb n="14" />
        ErsterKampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 5

bierziger bis siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts in der
Geschichte der Nation ein merkwürdiges Gesicht, ja fast einen
Januskopf: die geistige Kultur geriet in herbstliche, wenn nicht
in Winterszeiten einschlummernden Absterbens; in Politik und
Volkswirtschaft dagegen grünte und sproßte es auf und erschienen
erst gleichsaam Keime und Früchte noch einmal jener Gedanken,
die auf geistigem Gebiete schon der Vernichtung entgegeneilten.
Das gab denn freilich der ganzen Zeit etwas wunderlich Zwie⸗
spältiges und all ihrem Tun ekwas von Willkür, wie es z. B. in
der Tatsache zum Ausdruck gelangt, daß die Reichsverfassung
von 1871 weithin Fürsorge für die Entwicklung der materiellen
Kultur der Nation traf, dagegen eine Fürsorge für deren geistige
Güter fast gänzlich vermissen ließ.
Aber in dieser Zwiespältigkeit beruht doch zugleich auch
die Größe der Epoche. Gewiß ist sie in dem, was sie von
der Kultur des absterbenden frühen Subjektivismus nun in
konkrete politische, rechtliche, soziale Formen bringt, in hohem
Grade einseitig; Forderungen eines schon beginnenden höheren
Denkens und Fühlens werden von ihr auf praktischem Ge—
biete abgewiesen: was haben darunter schöpferische Geister
wie Hebbel und Wagner, was in gewissem Sinne selbit Politiker
wie Bismarck zu leiden gehabt!
Aber in dieser Einseitigkeit ist sie doch auch wiederum
energisch und wird in dieser Energie nicht bloß durch Prinzipien⸗
treue gegenüber wohldefinierten Idealen, sondern auch schon
durch die Forderungen und Lebenserrungenschaften des höheren
Formen entgegeneilenden neuen Wirtschaftslebens unterstützt; und
so entbehrt sie auch in dem, was sie als Mandatarin gleichsam all
des gewaltigen Tatendranges und der Programmfreudigkeit der
vorhergehenden Geschlechter durchführt, nicht eines lebendigen
Interesses, das weit über die rein historische Wißbegier hinaus⸗
leitet, wie sie sich vornehmlich allerdings ihren geistigen Verfalls—
erscheinungen zuwenden mag.
Nach alledem liegt es in der Natur der Dinge, daß unsere
Erzählung sich in diesem Bande gewiß zunächst mit den teil⸗
weise seltsamen Vorgängen des Seelenlebens namentlich der
        <pb n="15" />
        2
jJ

Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

fünfziger und sechziger Jahre zu beschäftigen haben wird, in
denen der Abschluß der Entwicklung der ersten subjektivistischen
Periode zutage trat; ein langes Kapitel, das zweite, wird diesen
Dingen gewidmet sein. Allein daneben wird nicht minder freudig
bon den Vorgängen gesprochen werden, in denen die Zeit so—
zusagen die Testamentsvollstreckerin der Wünsche und Ziele
früherer Jahrzehnte seit Mitte des 18. Jahrhunderts war, in
denen sie praktisch und immer praktischer durchsetzte, was
diese Zeit namentlich auf politischem Gebiete nur geahnt und
gewollt hatte; und in diesem Zusammenhange wird auch der
beträchtlichen Mitarbeit eingehend gedacht werden, die das
neu emportauchende Wirtschaftsleben der zweiten Periode des
Subjektivismus schon zur Entbindung dieser politischen Ideale
geleistet hat.
Soll freilich diese politische Entwicklung zu tieferem Ver—
ständnis gebracht werden, so bedarf es zunächst einer kurzen
Ühersicht über das, was für ihre Einleitung und Ingangsetzung
schon vorher, in den früheren Entwicklungsstufen der ersten
subjektivistischen Periode gethan worden war. Denn diese An—
fänge bildeten ja, da sie der Zeit fest eingefügt waren, recht
eigentlich die Vorbedingung für alles weitere Schaffen.
In diesem Zusammenhange, der hier zunächst einmal mit
groben und darum leicht im Gedächtnis haftenden Linien gezeichnet
werden soll, ist nun das Wesentliche, daß, wenn wir einmal das
Ende der dreißiger Jahre als Anfang des allgemein zu praktischem
Tun übergehenden politischen Lebens setzen, vor dieser Zeit eigent⸗
lich Durchschlagendes nur im Hinwegräumen älterer Zustände,
in der Herstellung gleichsam einer Tabula rasa für einen neuen
Aufbau, geleistet worden war. Da erschien zunächst auf welt—
lichem Gebiete Wesentliches zustande gebracht durch die Steinschen
Reformen und schon vorher durch die subjektivistischen Anfänge
der Staatsverwaltung in den absolutistischen Territorien wie
durch die schweren Schläge der Napoleonischen Fremdherrschaft,
wie sie vor allem im Reichsdeputationshauptschluß zu verfassungs—
geschichtlichem Ausdrucke gelangt waren. Gewiß war damit
noch nicht die völlige Zertrümmerung des mittelalterlichen Staates
        <pb n="16" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 7

und des ihm zugrunde liegenden Wirtschafts- und Gesellschafts—
lebens erreicht worden, ganz abgesehen davon, daß die Wirkungen
aller dieser Vorgänge doch partikular waren und im Verlaufe
der ersten Hälfte des Jahrhunderts vielfach Abschwächungen
erfuhren. Aber doch stand um 1840 fest, daß in den Einzel⸗
staaten das Verhältnis der Untertanen zu den Fürsten immer
mehr ein staatsbürgerliches wurde; daß in den patrimonialen
Lerhältnissen, soweit sie nicht gänzlich aufgehoben waren, an
Stelle mehr privatrechtlicher Willkür die Strenge eines öffent—
lichen Zustandes einzog; und daß für die Volkswirtschaft jene
subjektivistische Freiheit ungehinderten Wettbewerbes gewonnen
war, die nicht nur zu völlig veränderten, ja fast ganz neuen
Formen eines Wirtschaftslebens der Unternehmung führen
mußte, sondern auch alle Kraft zur Zertrümmerung der alten
sozialen Verhältnisse in sich trug.
Waren damit auf weltlichem Gebiete alle nächsten Forderungen
einer Liquidation des Alten, soweit sie aus Grundprinzipien
des Subjektivismus abgeleitet werden konnten, erfüllt oder ihre
Erfüllung wenigstens eingeleitet, so standen die Dinge auf
geistlichem Gebiete anders. Da hatte der große Umsturz der
Napoleonischen Zeit allerdings die geistlichen Territorien mit
weggerissen. Allein an eine Stellung der Kirchen nur auf sich,
wie wir uns heute ausdrücken würden, an eine Trennung von
Kirche und Staat, dachte niemand. Und doch erscheint diese
Trennung als eine der selbstverständlichsten Folgen und Folge—
rungen aus dem subjektivistischen Grundsatze der Gewissensfreiheit
und der Pflicht jedes einzelnen zur Bildung einer persönlichen
Weltanschauung. Denn es ist klar, daß eine solche Freiheit
und Pflicht in Zeiten augenscheinlich stark divergierender Ver—
anlagungen der Einzelpersonen nur zu Sektenbildung, vielleicht
unter generellem Festhalten einiger allgemeinster Weltanschauungs⸗
grundsätze, führen kann; und das Beispiel Englands wie der
Vereinigten Staaten von Nordamerika zeigt, daß eine solche
Entwicklung sich sehr wohl mit Autorität und Ordnung ver—
trägt.
Nun waren zu einer solchen Entwicklung auch in Deutsch—
        <pb n="17" />
        Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

land während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts völlig
genügende Grundlagen gebildet worden: schon hatte sich eine
allgemeine Überzeugung eingestellt, die die Forderungen Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit als für die Erringung persönlichen
Glaubens ziemlich unbedingt notwendig, weil in der Zeit ge—
geben, behandelte: so etwa, wie seit dem zweiten Viertel des
19. Jahrhunderts in Amerika eine mindestens unitarische
Auffassung des Christentums als gemeinsame Grundlage aller
Sektenbildung festgehalten wird. Allein die weiter notwendigen
Zeitbedingungen für eine subjektivistische Fortentwicklung der
Hhristlich-kirchlichen Institutionen hatten sich nicht entfaltet. Und
so gelang es nur besonders entschtedenen UÜberzeugungen, wie
etwa denen der Herrnhuter, auch wohl der Altlutherischen, zur
Sektenbildung vorzudringen, während ein großer Teil der freieren
individuellen Uberzeugungen in den Schoß halbweltlicher Geheim—
gesellschaften, z. B. der Freimaurer, flüchtete und das Gros der
Bevölkerung den alten Kirchen treu blieb.
Fragt man, welche Momente diesen keineswegs konsequenten
Verlauf bedingt haben, so läßt sich gewiß viel AÄußerliches an—
führen: auf katholischer Seite die Existenz von geistlichen
Staaten noch bis ins 19. Jahrhundert hinein, in denen Staat
und Kirche selbstverständlich unlösbar verquickt waren; bei den
Evangelischen die nicht minder augenscheinliche Verbindung von
Landesfürstentum und Summepiskopat: und auf beiden Seiten
daraus hervorgehend namentlich auch ein Durcheinander staat⸗
licher und kirchlicher Finanzansprüche, dessen Liquidation die
allergrößten Schwierigkeiten damals geschaffen haben und selbst
heute noch verursachen würde. Allein darüber hinaus waren es
doch namentlich auch innere Hindernisse, die der Trennung von
Kirche und Staat entgegenstanden. Die Zahl derjenigen, die
für den Gedanken der Trennung reif waren, war auch noch in
den vierziger Jahren außerordentlich gering. Immer wieder
muß in diesem Zusammenhange bedacht werden, daß die neue
Kultur des Subjektivismus zunächst nur kleine Kreise ergriffen
hatte, daß sie eigentlich erst infolge und mit der Romantik populär
geworden war. Nun wissen wir aber, wie es das Schicksal eben
        <pb n="18" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 9

der entscheidenden Romantiker war, aus extremem Subjektivismus
n die gebundenen Formen eines Christentums zurückzuverfallen,
dem nur die alten Kirchen, ja eigentlich nur die Verfassungs⸗
formen der ältesten Kirche, der katholischen, Genüge tun konnten.
Wie hätten sie sich da für die Trennung von Staat und Kirche
bis zu dem Grade begeistern können, deren praktische Durch⸗
führung zu fordern? In ihren Kreisen und in den aus ihnen
hervorgehenden Kreisen des Konservatismus allenthalben, des
papal-katholischen wie des orthodor-pietistisch-evangelischen,
hielt man vielmehr so sehr an der innigen Verquickung von Staat
und Kirche fest, daß beinahe mittelalterliche Formen politischen
Denkens überhaupt erhalten blieben; und an eine Liquidation
der Verbindung von Kirche und Staat war auch nicht im ent⸗
ferntesten zu denken.
Man muß sich diesen Zustand aufs eingehendste ver⸗
gegenwärtigen, will man zu einem wirklichen Verständnisse der
volitischen Vorgänge der vierziger bis achtziger Jahre, vor allem
auch zu einer vorurteilsfreien Beurteilung des Konservatismus
dieser Zeit, gleichviel welcher Observanz, gelangen. Kirchliche
und staatliche Verhältnisse gingen im Bewußtsein der Zeit⸗
genossen noch völlig untrennbar durcheinander; in diesem
wichtigsten aller Punkte einer subjektivistischen Regelung der
öffentlichen Verhältnisse hatte jede Liquidation des Mittelalters,
mochte sie sonst auch noch so weit gegangen sein, versagt.
Die nächste Konsequenz aus dieser Lage ist für unsere Er—⸗
zählung natürlich die, daß in dem Zusammenhange der äußeren
Ereignisse, mit denen sich dieser Vanb beschäftigen wird, nie—
mals politische und kirchliche Vorgänge und Motive voneinander
getrennt werden dürfen: denn geschähe es, so würde das eine
Vergewaltigung der Epoche bedeuten. Und so kann denn keines⸗
falls bloß die politische Revolution von 1848 und die Gründung
des Reiches im Jahre 1871 in Betracht gezogen werden; neben ihnen
—R kirchlichen Streitigkeiten und Versuche kirch—
licher Verfassungsbildung in Katholizismus und Protestantismus
um 1840 und der Kulturkampf der siebziger und achtziger
Jahre, der, wie wir sehen werden, in Wesen und Verlauf noch
        <pb n="19" />
        10 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

der ersten Periode des Subjektivismus angehört, ihre vollste
Berücksichtigung.
Verfährt man nun nach dieser Weisung, wie sie einer all—
seitigen Betrachtung des Stoffes alsbald von selbst entfließt, so
würde sich etwa folgender Aufbau der Erzählung ergeben.
Zu beginnen wäre mit den kirchlichen Regungen der
dreißiger und vierziger Jahre: denn diese liegen früher als die
staatlichen. Und wir wissen schon, wie energisch sie durch
oppositionelle und reaktionäre Strömungen vorbereitet waren,
die unmittelbar dem geistigen Leben des Klassizismus und der
Romantik erflossen. Da hatten auf protestantischem Boden
vietistische und orthodoxe Neigungen um sich gegriffen: Ausdrucksformen
 tieferer Frömmigkeit und hierarchischer Gelüste: und
hatten die einfache Fortbildung der Gemeindeverfassung zu den
höheren selbständigen Formen einer Synodalverfassung ver—
hindert. Da waren weiter auf katholischem Gebiete die ersten
Anfänge des Klerikalismus wahrzunehmen gewesen, noch teil⸗
weise papal und vor allem noch romantisch-aristokratischen
Lharakters; aber neben ihnen hatte sich der demokratische Zug
der Zeit schließlich in ersten gewaltigen volkstümlichen Kund—
gebungen, den Prozessionen zum heiligen Rock nach Trier und
anderem ausgewirkt. Und gegen diese vielgestaltigen Durch—
hildungen des Alten war der liberale Subjektivismus auf—
getreten, hatte, vornehmlich fruchtbar auf protestantischem Ge—
biete, das Dogma angegriffen und es in einer Linie von Heer⸗
rufern und Kämpfern von Laube bis Gutzkow und von Strauß
bis Feuerbach zu zerstören geglaubt: und dem waren in den
dreißiger und vierziger Jahren Sektenbildungen und Bildungen
„freier Gemeinden“ gefolgt, während der Katholizismus in dem
Widerhall, den die Lehren von Hermes und Günther erfuhren,
ähnliches erlebte, ja in den vierziger Jahren auch ihm die Bildung
treier Gemeinden nicht erspart blieb.
Drängte das nicht alles, wenn nicht zur Sprengung, so
doch zur zeitgemäßen Regelung der alten kirchlichen Verfassungsformen
 — und zwar, bei dem engen Verhältnis zwischen Kirche
und Staat, unter Heranziehung des Staates? Früh organisierte
        <pb n="20" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 11

sich unter diesen Umständen die von allen diesen Anzeichen be⸗
sonders bedrohte katholische Kirche neu; es geschah noch in
romantisch-restaurativer Zeit unter Abschluß von Konkordaten
zwischen der Kurie und den verschiedenen, auch protestantischen
Staatsbildungen auf deutschem Boden, und daher dermaßen
konservativ, daß den Staaten sehr rasch, bei leisester Fort⸗
entwicklung in subjektivistischem Sinne, Anlaß zum Einschreiten
gegen den Katholizismus gegeben war. Und so wurde die Zeit
denn durch kirchenpolitische Kämpfe eröffnet. Aber wir werden
sehen, wie der Staat in ihnen besiegt wurde — und wie siegend
über ihn hinweg sich in der katholischen Kirche eine immer
demokratischere Strömung des Klerikalismus, eine katholische
Laienherrschaft der unteren Massen und damit der religiös noch
halb mittelalterlich empfindenden Kreise erhob.
Aber in gleicher Zeit fast legten die religiös-kirchlichen
Angriffe auch der evangelischen Kirche mindestens einen Ver—
fassungsausbau im subjektivistischen Sinne nahe, der dann, bei
dem engen Verhältnis der Kirche zum Staate, nur von dem
größten protestantischen Staatswesen, Preußen, ausgehen konnte.
Wir werden jedoch erleben, wie diese Entwicklung ohne eigent⸗
liche Frucht in sich versank, und im Protestantismus, im Gegen⸗
satze zur katholischen Kirche, eine reaktionäre Orthodoxie der
Geistlichkeit zu triumphieren begann.
Inzwischen hatte sich aber auch auf staatlichem Gebiete der
Ansturm des neuen subjektiven Geisteslebens erhoben: nun
endlich ins praktische Leben eingreifend hatten sich konservative
wie liberale Neigungen in gleicher Weise in der Forderung
eines neuen organischen Staates als Ausdruckes des neuen
Seelenlebens zufammengefunden. Allein in der weileren Em—
wicklung der ftaatlichen Möglichkeiten hatte dann der Liberalis—
mus als die durch das Geranke alter Traditionen minder be—
hinderte Form des politischen Denkens die Führung über—⸗
nommen; und während sich in ihm infolge des Widerstandes
der herrschenden staatlichen Gewalten immer radikalere Schattie—
cungen von Vorstellung zu Forderung entwickelten, hatte ihn
die enge Verquickung mit der nationalen Einheitsidee, deren
        <pb n="21" />
        e Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

seit Ende der dreißiger Jahre machtvoll wachsendes Anschwellen
ebenso grundlegenden Eigenschaften des Subjektivismus über—
haupt wie auch schon praktischen Bedürfnissen des leise be—
ginnenden neuen Wirtschaftslebens verdankt wurde, zu einer
Stärke und Lebenskraft erhoben, die ihn recht eigentlich erst
mit der Vollmacht zu den tiefgreifendsten Forderungen aus—
stattete. Und diesem Verlaufe entrang sich dann als etwas
ganz Selbstverständliches die Revolution von 1848 in den
Einzelstaaten und die Einheitsbewegung der Jahre 1848 und
1849 bis zur Aufstellung einer unitarischen Verfassung.
Allein man weiß, was diese frühen Blütenträume welken
ließ. Es war keineswegs bloß das noch vielfach Unreife der
Forderungen — ist doch aus der Verfassung der Paulskirche die
des neuen Reiches ohne allzustarke Umbiegungen hervorgegangen.
Es war auch nicht bloß der gewiß noch vielfach unpraktische Sinn,
in dem sie gefunden und formuliert wurden. Im tiefsten Grunde
hat vielmehr der konfessionelle Gegensatz geschadet, der maß—
gebend wurde für die Unsicherheit, mit der man ein staats—
rechtliches Oberhaupt für die neue Einheit teils in Österreich,
teils in Preußen suchte: bitter rächte sich, daß die Behandlung
der kirchlichen Fragen im Grunde noch keineswegs von der der
staatlichen getrennt war.
Dabei lag es in der Natur der Dinge, daß ein sub—
jektivistischer Staatsaufbau am ehesten von der protestantischen,
der geistig jüngeren Macht, von Preußen erwartet wurde. Und
in aller Gedächtnis ist, wie Preußen diese Erwartung schließ—
lich auf diplomatischem und militärischem Wege, aber anfangs
doch wesentlich von Lebensbedürfnissen des eigenen Staatswesens
aus und darum im Schlußkapitel seines Handelns fast wider—
willig vorgehend, gerechtfertigt hat. So entstand das neue,
das kleindeutsche Reich.
Allein war es die vollendete Einheitsbildung der Nation?
Schon der einfache statistische Überblick üuber Zahl und Sitz
der Deutschen zwingt zu unbedingter Verneinung der Frage.
Und selbst die militärischen und diplomatischen Einzelheiten
der Lage unmittelbar nach 1870 und 1871 ließen sie nicht mit
        <pb n="22" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 13

ja beantworten. So suchte der Gründer des neuen Reiches,
Fürst Bismarck, sehr bald den engsten Anschluß an österreich;
und erst mit jenem Augenblicke, da er vollendet war, schien die⸗
jenige politische Kombination erreicht, die dem Bedürfnisse der
Zeitgenossen Genüge tat und auch die fernere Entwicklung bis
zur Gegenwart beherrscht hat.
Konnten nun aber mit der äußeren Zusammenschweißung
der nationalen Einheit, so vollkommen oder unvollkommen sie
gelungen sein mochte, zugleich auch die subjektivistischen Be—
dürfnisse des inneren Staatsgusbaues befriedigt werden? Es
ist eine Frage, deren nicht ganz leichte Beantwortung uns in
Pausen des Nachdenkens während der folgenden Erzählung
mmer und immer wieder beschäftigen wird.
Eins jedenfalls war sicher: der der Einheit verderbliche
politische Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus
als Trägern von kirchlichen Verfassungsbildungen, die in die
Staatsverfassungen eingefügt waren, erschien mitnichten beseitigt.
Und so war an sich schon klar, daß seine Lösung im neuen
Reiche alsbald versucht werden mußte. Es geschah inner⸗
halb der protestantischen Kirche durch neue Verfassungsreformen,
in denen das Ideal freier Kirchenbildung wohl mehr durch⸗
schimmerte als früher, aber keineswegs schon erreicht wurde.
Immerhin aber waren die Vorgänge dieser Umbildung derart,
daß sich in ihnen schon ein höheres Ziel der Zukunft ab—
zuspiegeln begann: und so gehört ihre Darstellung nicht mehr
der Erzählung des Verlaufes der ersten subjektivistischen Periode,
sondern der späterer Zeiten an.
Ein anderes Verhältnis ergab sich für die katholische Kirche.
Kein Zweifel: indem die Kaiserkrone des neuen Reiches an
Preußen fiel, war der Katholizismus, auch ganz abgesehen von den
Empfindungen und Erfahrungen der römischen Kurie, der Besiegte.
Und so suchte er sich der Einordnung in die neuen Verhältnisse
zu erwehren, falls ihm nicht eine besondere Selbständigkeitsstellung
bewilligt würde. Es war der tiesste Anlaß des Kulturkampfes,
der insofern seinen Namen verdiente, als die Anerkennung der
dapal-katholischen Bestrebungen zugleich den vollen Sieg der
        <pb n="23" />
        Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

antisubjektiven, mithin der kulturell reaktionären Elemente be—
deutet haben würde: statt zu einem vielleicht notwendigen Gegen⸗
gewicht gegen einen allzuraschen Ablauf des nationalen Seelen⸗
lebens nach vorwärts würden sie sich zur bestimmenden Trieb—
kraft dieses Lebens haben aufschwingen wollen. Was aber war
des Kulturkampfes Ausgang? Gelang es wirklich, das tiefste
Problem zu lösen, den Staat freizustellen von irgendwie legi⸗—
timen, verfassungsmäßig garantierten Einflüssen der katholischen
Kirche? Gewiß: die Tatsache, daß alle Konkordatspolitik auf⸗
gegeben wurde, daß die Grenzen zwischen Kirche und Staat
von diesem und seinen Organen selbständig abgesteckt wurden,
bedeutete einen großen Schritt hin nach diesem Ziele. Aber
erreicht wurde es keineswegs. Noch sind in dieser Richtung
die wichtigsten aller Maßregeln erst zu ergreifen; noch wird
einmal die Nation der Frage der staatskirchlichen Liquidation
ganz anders, als bisher, entgegenblicken müssen. Für ihre
außerordentliche Wichtigkeit aber mag es gleichsam symbolisch
sprechen, daß die Zeit der nationalen Einheitsbewegung unter
dem Bestande der alten Verquickung staatlicher und kirchlicher
Interessen durch eine wesentlich kirchengeschichtliche Epoche, die
Vorgänge Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre,
eingeleitet, wie durch eine wesentlich kirchengeschichtliche Epoche,
die des Kulturkampfes, geschlossen wurde: so stark haben in
jenen gar nicht so lange vergangenen Zeiten, den Jahren
unserer Väter und Großväter, noch nichtstaatliche Motive in
den politischen Ausbau des nationalen Staates und seiner
Teilstaaten eingegriffen.

In den Tagen, da Napoleon die traurige Fahrt nach Elba
antrat, bewegte sich auch ein anderer Zug sehr abweichenden
Charakters nach Süden. Am 24. Mai 1814 zog der viel—
geprüfte, liebenswerte Papst Pius VII. nach langer Gefangen⸗—
schaft wieder in Rom ein. Es harrte seiner dabei der freudigste
Empfang; selbst die Protestanten in Rom betrieben die Er—
        <pb n="24" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 15

rcichtung eines Denkmals, das die Wiederherstellung des Papst⸗
tums verewigen sollte!.
Und nun wurde Rom, vor allem für Deutsche, zum er—
lesensten Orte romantischer und klassischer Pilgerfahrten. Hier—
hin wiesen die Spuren Goethes; hier wuchsen philologisch- und
archäologisch-gelehrte Interessen auf; hier folgte jetzt auf den
weichen Canova der nordisch strengere und sich dennoch den
Formen der südlichen Körperwelt anschmiegende Thorwaldsen
und erstand damit für Söhne des Nordens auch ein Interesse
an moderner Plastik; hier wurden die konvertierten Nazarener
Overbeck, Schadow, Veit, Riepenhausen durch Cornelius und
seine Gefolgsleute in mancher Hinficht überholt: es hieß die
Bildung einer deutschen Malerschule im Bannkreis der ewigen
Stadt: ein deutsch⸗römisches Leben von hoher geistiger Intensität
erhob sich.
Und ihm wie dem Besuche des Papstes strebten auch die
deutschen Fürsten zu. Wer erinnert sich nicht der prächtigen
Künstlerzeit des späteren Königs Ludwigs J. von Bayern! Aber
auch der Kaiser von Österreich, der König von Preußen, der
preußische und der dänische Kronprinz erschienen, und bald
wurde Rom auch noch zum Exilsort vertriebener Herrscher: die
spanischen wie die sardinischen Könige und die Napoleoniden
fanden in Rom in gleicher Weise Unterschlupf.
So erschien denn die Stadt fast wie eine geschichtliche
Rüstkammer Europas: verrostetes politisches Gewaffen, künst—
lerische Reliquien, uralte geistliche Ansprüche bildeten ihren
romantischen Hausrat; unmittelbar schien man hier Vergangen⸗
heit zu atmen: und daran, daß diese Vergangenheit auf kirch—
lichem Gebiete noch einmal Gegenwart werden könne, dachte
niemand, am wenigsten Protestanten wie Niebuhr und Ranke.

Von der folgenden Darstellung wie ihren Fortsetzungen in diesem
Bande ist im Juli 1802 schon zur Konstituierung des Textes einiger Ab—
schnitte in der zweiten Hälfte des zweilen Ergänzungsbandes (,Zur jüngften
deutschen Vergangenheit“), der 1904 erschienen ist, Gebrauch geinacht worden.
Diese Abschnitte werden in einer künftigen definitiven Bearbeitung der
Ergänzunasbände dort wegfallen.
        <pb n="25" />
        6 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Doch erschien es unter diesen Umständen von vornherein als
gleichsam selbstverständlich, daß das päpstliche Regiment archaisch
var: hätte es anders angemutet, so würde es dem Genius loci
widersprochen, die Illusionen der frommen Laienpilger gestört
haben. Trotz aller angeblichen Reformen des klugen Kardinals
Consalvi, wie sie dem Kirchenstaat äußerlich den Charakter
des absolutistischen französischen Beamtenstaates von Napoleons
Gnaden verliehen, und wie sie Ranke in verschönenden Farben
geschildert hat, blieb es bei der alten geistlichen Regierung des
Landes, bei Verpachtung aller Staatsfunktionen bis auf die
Ernährung der Gefangenen und bei dem Brigantenwesen in den
Abruzzen, in den Albanischen Bergen, ja in Rom selbst, sowie
bei allen den Folgen, welche der Bestand einer zahlreichen
weiberlos regierenden Kaste für das bürgerliche Leben mit sich
zu bringen pflegt.
Aber es erstanden auch die alten Kardinalskongregationen
von neuem, wurden Index und Inquisition wieder lebendig.
So erging schon 1815 ein Verbot gegen politische Bücher,
darunter auch Alfieris patriotische Gedichte, so erhoben sich
durch ein einziges Edikt 1824 Mönchs- und 622 Nonnenklöster
von neuem. Und kein Zweifel konnte sich halten, daß die
Kurie die alte geblieben war trotz des sanften Wesens des ersten
Restaurationspapstes. Wie an ihm, so bestätigte es sich an den
folgenden, sehr verschieden gearteten Charakteren auf dem Stuhl
Petri, daß die Politik der Kurie auf tausendjährigen, grundsätzlich
festgelegten Geleisen daherfährt, gegenüber deren Zwang eine
wvechselnde Zügelführung nur nebensächliche Bedeutung hat.
Wie falsch war man also in den Kreisen der europäischen
— F——
papalen Ziele durch die angeblich ohnmächtigen Statthalter
Christi in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts dahin
auslegte, diese müßten nun einmal an dem alten Kurialstil
festhalten: im Grunde aber sei das bloße Floskel und nicht
eben ernst gemeint. Diese Fiktion ermöglichte es den Päpsten,
ohne jede Störung das alte Ideal der römischen Politik zum
Vortrag zu bringen: den Anspruch einer geistlichen Herrschaft,
        <pb n="26" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 17

a schließlich eines geistlichen Absolutismus unfehlbarer Art
über alle Seelen des Erdkreises, getaufte wie ungetaufte, katho—
lische wie protestantische.
Von diesem Standpunkte aus verbot schon Pius VII. alle
geheimen Verbindungen gegen die katholische Kirche; darunter
auch die Bibelgesellschaften; ja, er stand nicht an, diese als
„eine Pest“ zu bezeichnen, als „gottlose Machinationen der
Neuerer, als eine schlaue Erfindung, um die Fundamente der
Religion selbst zum Wanken zu bringen, als eine neue Art
von Unkraut, das der Feind gesät hat“. Und sein Nachfolger
Leo XII. nahm im Jahre 1824 diesen Vorwurf auf, indem
er die Bibel in der Volkssprache eine tödliche Weide, eine gott⸗
lose Erfindung schalt, die vermittels verkehrter Auslegung zu
rinem Evangelium des Teufels werde. Derselbe Papst schlug
zugleich ungewöhnlich herbe Töne gegen jede Art von Häresie
an: in einem Breve an den Klerus von Poitiers hat er 1826
geäußert: „Jeder von der römischen Kirche Getrennte, so un—
tadelhaft im übrigen seine Lebensweise sein mag, hat schon
um des einzigen Lasters willen, weil er von der Einheit Christi
ausgeschieden ist, keinen Teil am ewigen Leben; Gottes Zorn
schwebt über ihm.“ Den Abschluß solcher Kundgebungen in
gewissem Sinne und die klarste Aufstellung der päpftlichen
Ideale gegenüber dem Charakter der neueren Zeiten vor dem
Syllabus vom Dezember 1864 bot dann eine Enzyklika vom
25. August 1882, durch welche Gregor XVI. seine Thron⸗
besteigung anzeigte. Da heißt es u. a.: „Die Ursache des
weitverbreiteten Unglaubens und der Auflehnung gegen das
allein berechtigte kirchliche Dogma ist die falsche Wissen—
schaft . .. Durch den Unterricht und das Beispiel der Lehrer
ist das Gemüt der Jünglinge verderbt, ist die ungeheuere
Niederlage der Religion und der entsetzliche Verfall der Sitten
bewirkt. Es muß deshalb, um alle solche Neuerungen von
der Kirche abzuhalten, entschieden daran festgehalten werden,
daß dem Papst allein das Urteil über die Lehre und die
Regierung der ganzen Kirche zustehe; die Bischöfe müssen
daher zu dem römischen Stuhle stehen, die Priester aber den
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 1J.
        <pb n="27" />
        18Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Lapitel.

Bischöfen gehorsam sein. Die von der Kirche gebilligte Disziplin
darf nicht mißbilligt oder gar der Staatsgewalt unterworfen
werden. Es ist absurd, von einer Regeneration der Kirche zu
sprechen, abscheulich, das Zölibatsgesetz anzugreifen und die
Unauflöslichkeit des Ehebandes zu bezweifeln. Vorzüglich aber
ist der Indifferentismus zu bekämpfen oder die Meinung, daß
man in jedem Glauben selig werden könne; aus ihm fließt
der Wahnsinn, daß jedem Menschen Gewissensfreiheit gebühre.
Diesem verderblichen Irrtum bahnt die unmäßige Freiheit der
Meinungen den Weg, wie sie zum Verderben der Kirche und
des Staates allgemein herrscht.“
Man sieht: das ist nicht mehr und nicht weniger als
eine klare Kriegserklärung an die allgemeinen Tendenzen der
Entwicklung des 19. Jahrhunderts, gegen den subjektivistischen
Geist der neuen europäischen Kultur überhaupt. Auf Grund
dieser Kriegserklärung aber den Sieg zu erringen, das hat die
Kurie durch das ganze Jahrhundert hindurch und länger als
ihre Aufgabe betrachtet.
Als Waffen standen ihr in dem damit anbrechenden Kampfe
vornehmlich die Souveränität des Papstes und die Lehre und
Tätigkeit des Jesuitenordens zu Gebote.
Die Souveränität des Papstes war mit der Wieder—
herstellung des Kirchenstaates im Jahre 1814 von neuem gewähr⸗
leistet: sie gestattete ihm, seine Lehren frei zu verkünden auch
dann, wenn sie der Kultur und den politischen Gewalten der
Zeit unbedingt entgegentraten. Vom Jahre 1848 ab hat dann
die Kurie diese Souveränität, insoweit sie auf territorialer
Grundlage beruhte, allerdings zu verlieren begonnen; und
1870 ging sie ihrer schließlich ganz verlustig; heute ist die
däpstliche Souveränität nur noch durch ein italienisches Gesetz
gewährleistet.
Die Gesellschaft Jesu war von Papst Clemens XIV. aufgelöst
 worden. Aber schon 1801 und 1804 wurde sie in Ruß—
land und im Königreich Sardinien wieder erlaubt. Am
7. August 1814 hat dann Pius VII. in der römischen Jesuiten⸗
kirche, nach einer am Altar des h. Ignatius gelesenen Messe,
        <pb n="28" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 19

feierlich die Bulle Sollicitudo omnium verlesen lassen, die
den Orden wiederherstellte. Um den eigentlichen Orden aber
gruppierten sich bald darauf zahlreiche Affiliierte: die Väter des
Glaubens und die Redemptoristen, die Kongregation vom heiligen
Herzen Jesu; und auch die älteren, selbständigen Orden verfielen
zum großen Teile der Beeinflussung durch die Jesuiten.
Als im Jahre 1829 der Vlame Roothaan Jesuitengeneral
wurde, war die Gesellschaft schon so verbreitet, daß dem General
für die Provinzen Frankreich, Spanien, Italien und Deutsch⸗
land eigene Gehilfen zur Seite gestellt werden mußten. An—
fänglich von den Regierungen mißtrauisch aufgenommen, hatte
sich der Orden bei den meisten derselben geschickt eingeführt;
und innerhalb der katholischen Kirche beherrschte er bald die
Welt: ja beherrschte sie einschließlich des Papsttums. Während
in der ersten Ordensperiode von 1340— 1778 immer wieder
jesuitenfeindliche Päpfte mit Freunden des Ordens gewechselt
haben, hat es im 19. Jahrhundert keinen Papst gegeben, der
ihnen dauernd widerstrebt hätte.
War dies der allgemeine Gang der Entwicklung der katho⸗
lischen Kirche im Beginne des 19. Jahrhunderts, so bestanden
dagegen in Deutschland noch geistige Zustände fort, die den
jesuitisch-papalen Bestrebungen fast völlig diametral gegenüber—
traten.
Hier war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die
Aufklärung, die aus dem Geistesleben des 17. und der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts hervorgegangene ruhige geistige
Strömung, der auf dem Gebiete der evangelischen Kirchen der
Rationalismus mit seinem dreifachen Ideal: Gott, Freiheit,
Unsterblichkeit entsprach, auf den Höhen der geistigen Bewegung
und des entscheidenden Fortschritts wohl durch Empfindsamkeit
und Sturm und Drang und Romantik abgelöst worden. Aber
fie hatte deshalb noch keineswegs den Boden der Tiefe ver—
loren. Hier beherrschte fie vielmehr namentlich weithin noch
die Geistlichkeit und auch die Gemeinden der beiden Kirchen.
Dabei hatte sie vornehmlich die ihr um vieles leichter zugäng⸗
liche protestantische Kirche ergriffen; und auf dem Boden des
        <pb n="29" />
        20 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Protestantismus hat sie dann auch ihre größten Früchte ge—
zeitigt.
Aber auch die katholische Kirche war von ihr erfaßt worden,
teilweise unter Vermittlung des Protestantismus: so war es in
Osterreich schon zur Kirchenpolitik Josephs II. unter mancherlei
indirekter Einwirkung Friedrichs des Großen gekommen; im
Reiche hatten unter verwandten Einflüssen die Emser Punktationen
die deutsche Kirche vom Papste freizustellen gesucht; und die
Staatsmänner waren keineswegs geneigt gewesen, demgegenüber
der Kurie zu Hilfe zu kommen, wie denn z. B. in sterreich
Reste des Josephinismus bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
fortgelebt haben.
So war es möglich geworden, daß trotz aller grund—
stürzenden Vorgänge während der Revolutions- und Freiheitskriege
 dennoch alte episkopalistische, antikuriale Ideen unter
dem deutschen Klerus fortwährten. Zwar waren die Bischöfe
jetzt nirgends mehr Landesherren: hatten also jene Sicherung
gegen die Kurie verloren, die in der Kombination weltlicher
und geistlicher Macht lag, und die ihnen der Kurie gegen⸗
über von vornherein, im Vergleiche mit dem außerdeutschen
Episkopate, eine besondere Stellung gab. Aber andererseits
wurden sie doch in ihrer Selbständigkeitsauffassung durch
mancherlei Elemente der Gesamtstimmung der Zeit noch ge—
halten.
Die hervorragendste Stätte der aus alledem ersprießenden
Auffassung des Katholizismus war lange Zeit hindurch das
Bistum Konstanz unter dem Generalvikariat des Freiherrn
von Wessenberg, das dieser erst 1827 niedergelegt hat, nach—
dem er wiederholt von den süddeutschen Bevölkerungen für
andere Bischofssitze, Freiburg und Rottenburg, in Aussicht ge⸗
nommen war. Unter ihm erblühte in der Diözese, und über sie
hinaus, ein inniges Leben in gemäßigtem Kultus und praktischer
Frömmigkeit; und die Gemeinden genossen trefflich ausgebildeter
Pfarrer. Eine reiche liturgische und katechetische Literatur
schoß empor; christkatholisch — so bezeichnete man sich gern —
wandte man sich gegen die übertriebenen Prozessionen, die
        <pb n="30" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 21

visionären Zustände, die kultische Narkose des Jesuitismus und
Verwandtes.
Ähnlich wie in Konstanz wurden aber auch das Fürst⸗
bistum Breslau und die Erzdiözese Köln regiert. In Breslau
ordnete der Bischof Joseph Christian von Hohenlohe-Walden⸗
burg (17905— 1817) Archipresbyteriatskonvente wissenschaftlichen
Charakters an wie in Konstanz; wie in Konstanz erschien eine
gelehrte Zeitschrift des Diözesanklerus; und wie man in Konstanz
und in Süddeutschland überhaupt das Problem einer Abs chaffung
des Zölibats immer wieder erörterte, so befreundete man sich
in Breslau mit dem Gedanken eines deutschen Kultus, vor
allem einer deutschen Messe.
In Koln endlich ist noch der Erzbischof Ferdinand August
Graf von Spiegel (1825-35) ganz in den Bahnen der episkopa⸗
listischen Auffassung gewandelt. Er hatte 1818 an den Freiherrn
vom Stein geschrieben: bei der Wiederherstellung der katholischen
Kirche müsse man sich ebensosehr hüten, sie den Ansprüchen
und Einwirkungen Roms widerstandslos zu überliefern, als
den Regierungen gegenüber zu einer bloßen Staatseinrichtung
herabzuwürdigen. Dem entsprach seine Amtsführung. Er
wollte nichts von den neujesuitischen sinnlichen Lieblingskulten
wissen, mißbilligte Prozessionen, die sich über einen Tag hin⸗
zögen, widersprach aller gewissenlosen Propaganda, sorgte für
Frieden unter den Bekenntnissen, begünstigte eine fromme
Theologie und erzog einen musterhaften Klerus.
Aber auch über Konstanz, Breslau, Köln hinaus waren
oerwandte Anschauungen in den ersten Jahrzehnten des Jahr—
hunderts bei Geistlichen und Laien weit verbreitet, namentlich
auch in Osterreich wurden sie unter dem milben Regiment eines
verständigen Klerus, wie der Bischöfe Frint, Milde, Gruber,
gepflegt; und zur Zeit der Begründung des Deutschen Bundes
haben sie sich in einer ganzen Flugschriftenliteratur, aus der
Broschüren Wessenbergs, Kopps, Werkmeisters, Kochs hervor⸗
ragen, im Sinne der Begründung einer mehr oder minder
selbstandigen Nationalkirche geltend gemacht.
In dieser Luft gedieh nun auch, noch einmal volle Triebe
        <pb n="31" />
        A

F

zeitigend, eine deutschkatholische Theologie; bis zum Jahre
1823 war die Institution des römischen Inder so gut wie ver—
schollen; frei scuuf man und ungehindert. Und dabei stellte sich,
bei aller Gegnerschaft im einzelnen, doch eine tiefere Verwandt⸗
— DDD—
Theologie heraus als je zuvor: beruhten doch beide schließlich
auf der gemeinsamen Grundlage der geistigen Entwicklung der
Nation während des 18. Jahrhunderts.
Im Unionsjahre der preußischen protestantischen Kirchen,
1817, wurde in Tübingen eine katholische theologische Fakultät
gegründet, und von ihr ging 1819 die „Theologische Quartal⸗
schrift“ als Organ selbständiger Forschungen aus. Der Tübinger
Fakultät schlossen sich dann die Fakultäten in Freiburg, Gießen,
Marburg, jede mit einer eigenen Zeitschrift an; und auch in
Würzburg erfreute sich die katholisch-theologische Fakultät einer
schönen Blüte. Vor allem aber erhob sich in der neugegründeten
Universität Bonn das regste Leben einer katholischen Wissen⸗
schaft; hier lebte Hermes als der Begründer eines theologischen
Systems, das an den Fakultäten und Seminarien von Trier,
Köln, Münster, Breslau und Braunschweig sowie anderswo
bald von begeisterten Schülern vertreten wurde.
Vor allem die biblischen Wissenschaften wurden jetzt ge⸗—
fördert, die von der katholischen Theologie überhaupt erst im
Zeitalter der Aufklärung aufgenommen worden waren; in der
Exegese traten Katholiken ebenbürtig neben die Protestanten.
Daneben wurden die seit Febronius' Untersuchungen niemals
wieder unterbrochenen historisch-kanonistischen Forschungen fort⸗
gesetzt. Aber auch an mutiger spekulativ-dogmatischer Arbeit
fehlte es nicht; fast stärker war die Produktion hier als unter
den Protestanten, und beinahe durchweg beruhte sie auf der
Grundlage der modernen idealistischen, namentlich der Kantschen
Philosophie.
Natürlich näherten sich auf diese Weise die wissenschaft—
lichen Bestrebungen der verschwisterten und doch gegnerischen
Theologien protestantischen und katholischen Charakters noch
immer mehr; in den praktischen Forderungen an die Zukunft,
        <pb n="32" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 28

in der Herbeisehnung eines neuen Frömmigkeitslebens und einer
neuen Sittlichkeit und in deren Charakteristik fielen sie fast zu—
sammen, wie z. B. die Beziehungen Dreys und Schleiermachers
zueinander sowie der Jugendaufsatz Hirschers „Über einige
Störungen in dem richtigen Verhältnis des Kirchentums zum
Zweck des Christentums“ im Zusammenhang mit den anonymen
Aphorismen Marheinekes über die Erneuerung des kirchlichen
Lebens im protestantischen Deutschland überraschend beweisen.
Allein während so die deutsch-katholische Kirche von
einer episkopalistischen und germanis chen Selbständigkeitstendenz
getragen war und in ihr unter deren Einwirkung ein reges
Geistesleben erblühte, entwickelten sich aus gewissen immer
deutlicher zutage tretenden Strömungen der Romantik wie aus
den da und dort einsetzenden Anfängen papaler Anschauungen
jür das kirchliche Leben und die allgemeinen Schicksale des
Katholizismus ganz andere Voraussetzungen.
Es ist bekannt, wie in romantischen Kreisen eine völlige
Konvertitengesellschaft aufkam. Sie war geistig ungemein rege
und von weitgehendster Bedeutung. Karl Ludwig Haller ent⸗
wickelte das System einer der Restauration und der papalen
Autokratie günstigen Staatswissenschaft, deren Einfluß neben
den Anschauungen De Maistres durch Walter in das System
des kanonischen Rechtes eingeführt wurde!. Die Stolberg und
Schlegel führten das katholisch-absolutistische Prinzip in die
schöne Literatur ein sowie in die Kreise des ihnen zugänglichen
gesellschaftlichen Lebens: nicht zum geringsten ihr Übertritt hat
die zahlreichen Konversionen aus dem hohen und niederen Adel
veranlaßt, deren sich die katholische Kirche in den zwanziger
and dreißiger Jahren rühmte. Die Konvertiten aber fielen
fast durchweg der strafferen, papalen Strömung des Katholi⸗
zismus zu.
Mit ihnen zusammen gingen dann die von Geburt katho—
lischen Romantiker, die von einer absoluten Freiheit der Kirche
träumten, an ihrer Spitze Görres. Und sie alle fanden bald

Val. dazu Bd. RX. 468.
        <pb n="33" />
        24 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Halt und Richtung durch eine papale Unterströmung, die in
der deutschen Kirche niemals ganz ausgestorben war, sich jetzt
aber wieder mehr hervorwagte, da sie sich durch neujesuitisch
ausgebildete Geistliche, namentlich die jesuitischen Doctores
Romani des Collegium Germapicum entschieden gestützt sah.
So entstanden denn zunächst in Süddeutschland und am
Rhein kleine Mittelpunkte papalen Einflusses; schon unmittel—
—
furt unter der Ägide von Schlegels Konkordia, in Würzburg
und Eichstätt unter der Führung des papalistischen Würzburger
Weihbischofs Zirkel, aber auch in Mainz, in Luzern und hier
und da in sterreich sowie am Niederrhein unter dem Archäo—
logen Binterim, der es der van Eßschen Bibelübersetzung zum
Vorwurf machen konnte, daß sie sich häufig mehr an den Grund⸗
text als den der Vulgata gehalten habe, u. a. in einer, wie
man es später ausdrückte, antizölibatären Übersetzung von
1. Korinther 7.
In den zwanziger Jahren waren diese Kreise dann schon
ungemein rührig; den episkopalistischen Zeitschriften setzten sie
seit 1821 den Mainzer „Katholik“, seit 1829 die Aschaffen⸗
burger Kirchenzeitung entgegen; zudem importierten sie katho⸗
lische Literatur aus Belgien — hier waren der Aachener Fonck
und der schon erwähnte Düsseldorfer Binterim tätig — sowie vor
allem aus Frankreich. Denn in Frankreich war, seitdem Napoleon
durch das Konkordat des Jahres 1801 die Kirche der Kurie
ausgeliefert hatte, die Grundlage regster papaler Anschauungen
gewonnen; in den zwanziger Jahren vor allem wurde sie aus—
gebaut; und schon 1829 erschien Lamennais' Schrift „Des
progrès de la révolution et de la guerre contre l'église?“,
in denen die erstaunte Welt die Theorien Bonifaz' VIII. er⸗
neuert fand. Die Einbruchsstelle dieser französischen Literatur
aber, aus der der deutsche Katholizismus des 19. Jahrhunderts
sortdauernd die stärkste Nahrung gezogen hat, war vornehmlich
Mainz, wo der Professor Liebermann und seine Schüler Räß
und Weis in diesem Sinne arbeiteten. Räß und Weis wurden
dann später Bischöfe von Straßburg und von Speier und
        <pb n="34" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 25

haben als solche fortgefahren, den Zusammenhang mit dem
französischen Klerikalismus aufrechtzuerhalten.
Dabei handelte es sich in alledem zunächst nur um An—⸗
fänge. Und diese neuen Strömungen fanden einstweilen weder
in Bayern, noch vor allem in der führenden deutschen Macht,
in Osterreich, an den fuür die innere Politik entscheidenden
Stellen Anklang. In Bayern ist es erst unter Ludwig J., im
Gegensatz zu dem angeblich katholikenfeindlichen Protestantismus
Preußens während der letzten Jahre Friedrich Wilhelms III.,
zu stärkerer Betonung des Katholizismus, und auch dann noch
nicht im eigentlich papalen Sinne, gekommen. In Osterreich
aber, das nach den Freiheitskriegen als die große erhaltende
katholische Macht Europas überhaupt dastand, lebten einstweilen
immer noch stark josephinische Tendenzen nach. Aber freilich war
die äußere Politik fterreichs mit den restaurativen Absichten
der heiligen Allianz ganz im Sinne des Papsttums orientiert,
wenn auch der Papst an der Allianz selbst nicht teilhatte. Und
allerdings kam sterreich dem Papsttum auch in seinem Ver—
hältnis zu den inneren Zuständen Deutschlands in einem äußerst
wichtigen Punkte entgegen: nämlich in der Verwerfung einer
gemeinsamen Regelung der Beziehungen der katholischen Kirche
und des Papsttums, wie sie in einem allgemeinen deutschen
Konkordat hätte erreicht werden können.
Die Konkordatspolitik der Kurie im 19. Jahrhundert hatte
unter den scheinbar ungünstigsten Wahrzeichen begonnen. Das
erste von ihr abgeschlossene Konkordat war das vom Jahre 1801
mit Frankreich gewefen, wie es auch durch spätere Verhandlungen
in seiner Geltung nicht wesentlich verändert wurde.
Napoleon hat aus der Politik kein Hehl gemacht, die er
seinerseits bei dem Konkordatsabschlusse befolgte. Die Kirche
sollte völlig in den Dienst des Staates und das hieß in
Napoleons Dienst gestellt werden. Dementsprechend wurden die
gallikanischen Freiheiten der Kirche, welche auf eine aristokratische
Selbstverwaltung und autonome Verfassung hinausliefen, so
viel wie möglich beseitigt. Die Selbständigkeit der Pfarreien
wurde weithin aufgehoben, die Pfarrer wurden ad nutum
        <pb n="35" />
        26 Funfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

spiscopi versetzbare und absetzbare Hilfsgeistliche: alle Gewalt
wurde in den Bischöfen konzentriert. Die Bischöfe aber sollten
dann ganz in die Hand der Regierung gestellt werden. So
mußte der Papst sich dazu bequemen, die alten legitimen
Bischöfe abzusetzen, und von der neuen ernannten Hierarchie
von achtzig Prälaten galten sechsundsechzig als unbedingt will—
fährige Kreaturen des Kaisers.
Damit war denn die Kirche nach Anschauung und Absicht
Napoleons zu einer großen geistigen Polizeianstalt geworden.
In welch wunderlicher und zugleich ungeheuerlicher Illusion
befand sich aber damit dieser religionslose Kopf! In Wahr—
heit war durch das Napoleonische Konkordat die französische
Kirche dem Papste, als dem Haupte der Bischöfe, ausgeliefert:
und dieser vermochte jetzt, gestützt auf den frommen Glauben
der Massen mit seiner jede staatliche Gewalt zerschmetternden
Stärke, durch die Bischöfe hindurch zwingend einzuwirken auf
die Priester jeder Gemeinde und damit auf die Gemeinden
selbst.
In Rom hat man diese dem Papsttum günstige Ver⸗
knüpfung der Zusammenhänge früh empfunden, während in
den vielfach nur äußerlich gläubigen, aber nicht frommen Kreisen
der politischen Restauration nach wie vor der Napoleonische
Glaube genährt wurde, daß es möglich sein müsse, eine Institution,
wie die katholische Kirche, ihren eigenen Idealen zugunsten einer
polizeilichen Wirksamkeit im staatlichen Interesse zu entziehen.
In diesem Irrtum lag damit einstweilen die politische Stärke
der katholischen Kirche und des Papsttums; und die Kurie hat
nicht gezögert, den ihr so zufallenden Machtzuwachs durch den
Abschluß möglichst zahlreicher, dem französischen Vorbild nach—
gebildeter Konkordate noch zu vermehren.
In diesem Zusammenhange handelte es sich denn auch um
Konkordate auf deutschem Boden. Hier lagen die Dinge in—
sofern etwas verwickelter, als von vornherein die Frage nach
einem allgemeinen Konkordat oder nach Sonderkonkordaten mit
den einzelnen Bundesstaaten auftrat. Die Kurie hat dabei
allerdings keinen Augenblick gezögert, im Sinne von Sonder—
        <pb n="36" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 27

konkordaten vorzugehen: denn in diesem Falle ließ sich im Aus⸗
spielen der einzelnen Staaten gegeneinander, in der Gewährung
kleiner Sondervorteile gegen große Zugeständnisse und in tausend
anderen Vorkehrungen die alte Wahrheit des Divide et impera
so trefflich bewähren, wie einst in den ersten Konkordats—
berhandlungen mit den Deutschen, in der ersten Hälfte des
15. Jahrhunderts l.
Und wie damals, so kamen auch jetzt deutsche Fürsten
diesen Bestrebungen entgegen. Trotzdem daß von der episkopa—
listischen Seite, namentlich von Wessenberg, aufs energischste
darauf hingewiesen wurde, daß der Augenblick günstig sei, eine
katholisch-deutsche Nationalkirche zu begründen, und trotzdem,
daß der diplomatischen Aktion eine rege publizistische Tätigkeit
in diesem Sinne zur Seite ging, wurde vom Wiener Kon—⸗
greß anders beschlossen. Die auf eine Nationalkirche hinaus⸗
laufenden oder wenigstens eine gemeinsame kirchliche Ordnung
ins Auge fassenden Vorschläge Preußens, das von dem Kölne
Erzbischofe Spiegel beraten war, fielen im Juni 1815 gegen
den Widerspruch Bayerns, dem die Sympathien vor allem
Württembergs zur Seite gingen. Bayern und Württemberg
hatten schon früher einmal, in der Zeit des Vasallentums
gegenüber Napoleon, 1806 und 1807 spezielle Konkordats⸗
verhandlungen mit der Kurie eröffnet. Jetzt wünschten sie,
soeben erst zum großen Teile territorial neu gebildet, erst recht
den besonderen kirchlichen Abschluß ihrer Gebiete, um die Kirche
aicht bloß als geistliche Hilfe zur inneren Beruhigung, sondern
auch als eine Macht äußerer Konsolidation gebrauchen zu können;
eine Tendenz, die Zentner für Bayern unter der eigenartigen
Verdrehung ausdrückte, Bayern sei groß genug, um seine eigene
geschlossene Kirche zu erhalten. Und diese Auffassung der Dinge
iegte dann, nach dem Wiener Kongresse, nochmals in Frank—
furt: am 12. Juni 1817 beschloß die Bundesversammlung,
ihre Kompetenz nicht auf die kirchlichen Angelegenheiten aus—
zudehnen.

S. Bd. IV S. 427 ff.
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        28 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Damit hatte die Kurie schon halb gewonnenes Spiel;
die Verhandlungen mit den Einzelstaaten konnten beginnen.
Zunächst gelangten dabei, nach einem für die Kirche äußerst
günstigen Konkordat mit den Niederlanden, das die päpstlichen
Ansprüche außerordentlich anschwellen ließ, diejenigen mit
Bayern zum Abschluß. Und da war denn allerdings der erste
Entwurf zu einem Konkordat, den der Minister Montgelas
präsentierte, dem Staate noch günstig. Allein alsbald setzte sich
ihm die in Bildung begriffene klerikale Strömung entgegen, und
im Juni 1816 erhob in diesem Zusammenhange eine von dem
Würzburger Weihbischof Zirkel verfaßte Petition der bayrischen
Bischöfe beim Könige bittere Klage über „den Plan der zahl—⸗
reichen Religionsfeinde, das festgekettete Band zwischen dem all—
gemeinen Oberhaupt der Kirche und den Bischöfen zu zer⸗
trümmern“.
Darauf ließ man den ursprünglichen Entwurf Montgelas'
fallen; Montgelas selbst erhielt am 2. Februar 1817 auf Be—
treiben des romantischen Kronprinzen Ludwig seine Entlassung,
und mit Rom wurden neue Verhandlungen aufgenommen,
welche mit einem am 22. Oktober 1817 ratifizierten Konkordat
endeten, das den Wünschen der papalen Partei ganz anders
entsprach. Nach seinem ersten Paragraphen sollte die römisch—
katholische Kirche unversehrt alle Rechte und Privilegien ge⸗
nießen, auf welche sie nach Gottes Ordnung und nach den
kanonischen Satzungen Anspruch habe: sie war mithin die
einzige berechtigte Kirche. Dementsprechend erhielten die Bischöfe
das Recht der Zensur gegen jeden Laien, der die kirchlichen
Gesetze und die päpstlichen Kanones übertrete, wurden alle dem
Grundsatze des Konkordats widersprechenden Staatsgesetze für
aufgehoben erklärt, ja übernahm die Regierung die Verpflichtung,
dem Konkordat ohne Erlaubnis der Kurie niemals Änderungen
oder Erklärungen hinzuzufügen.
Es war die Abdankung des Staates zugunsten einer
papalen Kirche, deren Charakter zudem noch dadurch gewähr⸗
leistet wurde, daß zwei Erzbistümer, gegen den nur auf ein
Erzbistum gerichteten Wunsch der Regierung, errichtet wurden:
        <pb n="38" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 29

womit eine etwaige zukünftige Umbildung dieser Kirche zu
einer episkopalistischen unter einem Primas, vielleicht gar ihre
Erweiterung zu einer deutschen episkopalistischen Nationalkirche,
von vornherein verhindert wurde.
Als dies Konkordat bekannt wurde, war die Entrüstung
allerdings allgemein. Ein Versuch, ihm die Spitze abzubrechen,
indem man es der bayerischen Verfassung vom 26. Mai 1818
als Anhang einverleibte und einem Religionsedikt unterordnete,
das die Gewissensfreiheit aussprach, mißlang aber, da sich
der König in der sogenannten Tegernseeer Erklärung vom
23. September 1821 dennoch wieder zu dem Versprechen ver⸗
stand, das Ganze des Konkordates aufrechtzuerhalten. Aber
freilich stand damit nun Urkunde gegen Urkunde, wenn auch
die unabänderlich feststehenden Prinzipien der Kurie selbst aus
dem bloßen Schwanken der Regierung schon Vorteil auf Vorteil
ziehen mußten.
Inzwischen waren aber Verhandlungen auch mit anderen
deutschen Staaten eröffnet worden. Trotz des bayerischen iso—
lierten Vorgehens hatte nämlich eine Anzahl süd- und west⸗
deutscher Bundesstaaten bes chlossen, nunmehr ihrerseits wenigstens
gemeinsam die Lage der katholischen Kirche zu ordnen; und
als sie hierzu am 24. März 1818 zu Frankfurt zusammentraten,
hatte ihnen Wessenberg alsbald eine sie beratende Denkschrift
dorgelegt.
Die Seele dieser Verhandlungen war der württembergische
Gesandte am Bundestag, frühere Kultusminister von Wangen⸗
heim, dessen Bedeutung für die innere politische Entwicklung
dieser Zeit wir schon kennen!; teil nahmen schließlich Baden,
die beiden Hessen und Nassau, auch die kleineren norddeutschen
Staaten waren später vertreten; abgelehnt hatte natürlich Bayern,
aber auch Preußen und Osterreich hielten zurück. Die Absicht der
Verhandelnden ging nun nicht darauf, ein Konkordat mit dem
Papst zu schließen — das hatte Württemberg schon 1813 ver—
gebens versucht —, sondern sich auf eine Deklaration zu einigen,

S. Bd. X S. 894ff.
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        30 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

in die man die landesherrliche Ernennung der Bischöfe, die
Wahrung des Plazets und Verwandtes aufnehmen wollte, um
dann dem Papste diese Deklaration zur Zustimmung vor⸗
zulegen.
In der Tat verfuhr man so, und je ein württembergischer
und badischer Gesandter gingen darauf im Auftrage der ver—
handelnden Staaten nach Rom. Aber hier wurden sie schlecht
empfangen. In Deutschland hatten zur Zeit ihrer Reise gerade
die restaurativen Tendenzen mit ihrer Vorliebe für die Unter—
drückung der Freiheitsregungen auch in der Kirche weithin
Boden gefunden: der Ermordung Kotzebues (28. März 1819)
sollten bald die Karlsbader Konferenzen, die Wiener Schluß⸗
akte, die nationale Demagogenriecherei und die internationalen
Kongresse der Heiligen Allianz folgen“. Das alles waren nun
aber Ereignisse von höchstem Vorteil für die Kurie; und so
dachte sie gar nicht daran, auf die Deklaration der kleinen
Staaten einzugehen. Nach einer Behandlung voll höhnischer
Herablassung gab der Kardinal-Staatssekretär Consalvi endlich
eine Gegenerklärung, am 10. August 1819, die sich durchaus
abweisend verhielt; positiv erschien die Kurie nur zur Rege—
lung der kirchlichen Verwaltungseinteilung, also zum Erlaß
einer Zirkumskriptionsbulle für neu zu errichtende Bistümer
bereit. Und als dann die Regierungen trotzdem mit der Kurie
weiter verhandelten, erließ diese aus blauem Himmel herab
die Bulle Provida sollersgque vom 16. August 1821, in der
sie von sich aus die Grenzen der Bistümer und die Rechte der
Bischöfe festsetzte. Hiergegen wagten die Kleinen auch nicht
einmal einen Protest: freilich konnten sie meinen mit gewisser
Berechtigung: denn inzwischen hatte sich auch Preußen gegen—
über der Kurie zu bis dahin unerhörten Zugeständnissen bereit
oprklärt.

Zum Verständnis der Verhandlungen Preußens bedarf es
einiger allgemeiner Worte über das Verhältnis des deutschen
Protestantismus im Beginn des 19. Jahrhunderts zur Kurie

S. Bd. X S. 301 ff.
        <pb n="40" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 3]

überhaupt, soweit dieser Protestantismus zu Verhandlungen
mit der Kurie gelangt ist.
Zunächst war bei fast allen Staatsmännern der Restaurations⸗
periode, auch den katholischen, die Kenntnis der Kirchengeschichte
äußerst gering: und gar kanonistische Belehrung hatten sie zu⸗
meist erst spät, und dann häufig aus papalem Munde empfangen.
So konnte es kommen, daß die Ansicht, der Papft ernenne die
Bischöfe und habe die Bistümer zu begründen, obwohl völlig
unhistorisch, doch allgemein auch von den Gegnern der Kurie
gebilligt wurde: hier und in verwandten Fällen erlagen die
Vertreter des Staates einfach ihrer Unkenntnis.
Für die Protestanten kam aber noch hinzu, daß sie meist
auch das katholische Leben der Gegenwart nicht kannten: so
hat Niebuhr, der große Historiker und entscheidend tätige
preußische Gesandte, erst nach seiner römischen Zeit länger unter
katholischer Bevölkerung am Rhein gelebt. Dementsprechend
begriffen sie den Katholizismus nur nach dem Lebensideal ihrer
eigenen, der protestantischen Kirche, und gingen dadurch von
vornherein in die Irre.
Indem sie nun alle diese falschen Maßstäbe anlegten,
kamen sie zu der Überzeugung, die ernstgemeinten Ansprüche
der Kurie seien eigentlich nur Phrasen, Floskeln aus dem
Rumpelkammervorrat des kanonistischen Rechts, auf deren formale
Anwendung eine so uralte historische Macht wie das Papsttum
nun einmal nicht verzichten könne. Sie entkleideten so die
Forderungen der Kurie subjektiv ihres Inhalts — um dann zu
dem Ergebnis zu gelangen, die Macht des Papstes bestehe über—
haupt nur noch im Schein, in Wahrheit habe das Papsttum
längst ausgelebt.
Dabei wurden die Protestanten in dieser Beurteilung auch
noch durch ihre Theologen bestärkt. Mit welcher Gering⸗
schätzung haben diese in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr—
hunderts auf die Kurie herabgesehen. Man überzeugt sich
hier immer lebendiger davon,“ schrieb damals Rothe aus Rom,
„daß durch die Reformation wirklich eine ganz neue geistige
Welt aufgeschlossen worden ist.“ Und von dieser Überzeugung
        <pb n="41" />
        32 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

aus bildete sich Rothe den Schluß: „Um kaltblütig gegen alle
etwaigen Machinationen des Katholizismus gegen den Pro—
testantismus zu werden und alle Gespensterfurcht vor ihm zu
verlieren, darf man nur nach Rom kommen.“
Dieser Verkennung Roms in Rom entsprach dann auch die
Verkennung des Katholizismus in der Heimat. Während hier
die Regierungen den Episkopalismus und den Drang des Klerus
nach selbständiger katholisch-wissenschaftlicher Auffassung hätten
— DDD0
der alten Kirche nur die zerfallenen Reste einer weit zurück—
liegenden Vergangenheit. Die Folge war, daß die katholische
Bevölkerung, von den protestantischen Regierungen in ihren
kirchlichen Interessen ignoriert, sich daran gewöhnte, sich mit
ihren Wünschen nach Rom zu wenden: so daß Rom weit in
die Rolle eines Vertreters deutsch-katholischer Wünsche gegen—
über den Regierungen hineinwuchs und damit für diese Be—
völkerung eine moralische Autorität von nicht geringer Be—
deutung wurde.
Nun ist klar, wie verhängnisvoll eine so allseitig an den
Tag tretende Kurzsichtigkeit auf jede Verhandlung mit der Kurie
wirken mußte. Bei dieser Lage machte dann insbesondere
Preußen, der größte protestantische Staat, die schlimmsten
Erfahrungen; es ließ sich von der Kurie zu Zugeständnissen
—D
zeichnet worden sind.
Als es sich darum handelte, die Verhältnisse der katho—
lischen Kirche in dem neuen Preußen der Zeit nach den Freiheits—
kriegen zu ordnen, war der rheinische Oberpräsident Graf
von Solms-Laubach, ein genauer Kenner der Lage in den
katholischen Landesteilen des Westens, um Rat gefragt worden.
Er hatte geantwortet: vor allem solle man kein Konkordat
schließen, sondern ganz im Sinne der bewährten Politik
Friedrichs des Großen von Fall zu Fall entscheiden und sich
verständigen, für jedes Verständnis mit Rom aber als Vor—
bedingung fordern: die Anerkennung des Westfälischen Friedens,
dementsprechend die öffentliche Anerkennung der Parität der
        <pb n="42" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 88

evangelischen und katholischen Kirche, und hierauf fußend die
kirchliche Zulassung gemischter Ehen und die Aufgabe des
Standpunktes, daß diese nur bei Versprechen katholischer Kinder—
erziehung kirchlich geschlossen werden könnten. Man darf sagen,
daß damit die unumgänglichsten Forderungen des paritätischen
Stagates gestellt waren.
Aber in Berlin und noch mehr in der preußischen Gesandt—
schaft zu Rom war man weit davon entfernt, diesen An—
schauungen zu folgen. Maßgebender Berater war hier der Ge—
sandte Niebuhr, der im alten Rom so gut und im neuen so
schlecht Bescheid wußte. Er meinte: Forderungen wie die des
rheinischen Oberpräsidenten könnten von der Kurie prinzipiell
niemals bewilligt werden, darum dürfe man sie auch nicht auf—
stellen. Man müsse der Kurie vielmehr gestatten, ihren Stand—
punkt, der ja doch nur noch historisch und symbolisch, als Resi
vergangener Größe, verstanden werden könne, formell zu be—
halten. Die Hauptsache sei, das schwache Papsttum zur
Knebelung der Bischöfe auszunutzen: es sei besser, diese vielen
kleinen Päpste durch den einen, im Verlaufe des 19. Jahr—⸗
hunderts doch dem Untergang entgegengehenden Papft in Rom
regieren zu lassen, als dies direkt zu versuchen. Das sei aber
nur bei Abschluß eines Konkordates möglich, da dieses die ganze
Stellung der in Frage kommenden Faktoren regle.
Der Kardinal Consalvi übersah diese Position Niebuhrs,
die man an der Kurie aus Napoleonischen Zeiten her gut
kannte, gänzlich und nutzte natürlich ihre Schwächen aus.
Allerdings zu einem völligen und förmlichen Konkordat mit
Preußen ist es trotz Niebuhrs Wünschen nicht gekommen. Weit
mehr noch als ein Konkordat leistete für die kurialen Wünsche
die Zirkumskriptionsbulle De salute animarum, deren inhalt—
lichen Abschluß Hardenberg persönlich am 23. März 1821 zu
Rom herbeigeführt hat in einer Verhandlung, die Niebuhr
in einem Briefe an den Freiherrn vom Stein als eine „voll—
kommene und sehr anmutige Farce“ bezeichnete, und deren In—
halt durch königliche Kabineltsorder vie Grundlage der Or—
ganisation des katholischen Kirchenwesens in Preußen geworden
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 3
        <pb n="43" />
        34

Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ist. Die Zirkumskriptionsbulle hatte für die Kurie den Vorteil,
daß fast alle ihre Wünsche für die finanzielle und administrative
Sicherstellung der katholischen Kirche erfüllt wurden, daß sich in
ihr weiter die Möglichkeit fand, die Bischöfe ganz dem kurialen
Regiment zu unterwerfen, und daß gleichwohl über den pari—
tätischen Charakter der katholischen Kirche im Verhältnis zu
anderen Kirchenbildungen auf preußischem Boden und über
Gewissensfreiheit überhaupt nicht das geringste verlautete. So
konnte man von Rom aus ruhig der Zukunft entgegensehen;
als dem Papste Leo XII. bei seinem Regierungsantritt über
den Stand der katholischen Kirche in Deutschland und speziell
in Preußen berichtet wurde, hob er Augen und Hände zum
Himmel auf unter dem Ausruf: „Welch besondere Gnade der
Vorsehung!“
Selbstverständlich kam es nach alledem zur Unterdrückung
der episkopalistischen und damit zugleich der wissenschaftlichen
Strömungen in der katholischen Kirche Deutschlands. Ihre Ver—
treter sahen sich überall der Kurie ausgeliefert — am wenigsten
noch in Österreich, wo sie aber nicht eben zahlreich waren —:
wer hätte sie halten sollen? In der Schweiz hatten sich selb—
ständige Regungen in den katholischen Kantonen von jeher
gegen die Kurie gewendet; ein ewiger Kampf der Kantone
zegen die Nuntien war die Folge gewesen. Darauf hatte die
Kurie im Jahre 1814 die Schweizer Katholiken mit der Ab—
sicht, ein eigenes Landesbistum zu errichten, aus dem alten
Zusammenhang mit dem Bistum Konstanz losgerissen, es war
die Unterwerfung der Schweiz unter die Kurie und zugleich
die Zerstückelung jenes Konstanzer Bistums gewesen, das unter
Wessenbergs Einfluß stand. Nun ging man weiter; Wessen⸗
bergs Einfluß wurde auch in dem deutschen Teil der Diözese
untergraben; 1827 zog er sich zurück.
Nicht minder trat man gegen episkopalistische Sonder⸗
regungen da auf, wo sie sich sonst noch geltend machten, so in
Schlesien und am Rhein; und überall leisteten die jetzt weiter
eindringenden Jesuiten und deren Schüler, vor allem auch die
Doctores Romani des Collegium Germanicum gute Dienste.
        <pb n="44" />
        Erster KRampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 38

In Breslau folgte dem würdigen Fürstbischof Hohenlohe der
zum Apostolischen Vikar ernannte Pole Schimonsky; er ging
gegen die Priester der Diözese, welche deutsche Messe lasen,
als gegen Männer „demagogischer Umtriebe“ vor und fand
dabei, trotz der energischen Mahnungen des schlesischen Ober—
präsidenten Merckel, auf den Rat Bunsens, die wenn auch
laue Unterstützung des Königs, die enthusiastische dagegen
des entscheidenden katholischen Rates im Kultusministerium,
Schmedding.
Schmedding war es auch, der der ruhigen, Rom gegenüber
festen Verwaltung des Erzbischofs Spiegel in Köln Hindernisse
entgegensetzte und die Reorganisationsbestrebungen im Sinne
eines deutschen Katholizismus hintertrieb. Doch nicht so sehr
auf dem Wege der Verwaltung ließ sich zunächst gegen den
Geist der deutschen katholischen Kirche vorgehen: hier mußte
einfach das Aussterben der älteren Generation der Bischöfe ab—
gewartet werden. Wichtiger und rascher durchführbar erschien
ein Einschreiten gegen die Blüte des katholischen Geisteslebens
in der Wissenschaft.
Es begann in anfangs nur schwachen positiven Gegen⸗
schlägen durch Vorschieben jesuitischer Lehranstalten und jesui⸗
tischer Wissenschaft. In dieser Hinsicht war eine der ersten
Maßregeln die Gründung eines gewaltigen Jesuitenpensionats
in Freiburg im Üchtland, wohin die Jesuiten schon 1818 ge—
kommen waren. Dem folgte dann, sehr langsam und meist
unter starkem Mißtrauen der Regierungen, die Vorschiebung
jesuitischer Stationen nach Osterreich (anfangs nur in Galizien)
und später auch nach Bayern; in Sachsen haben die Könige
Friedrich August und Anten schon jesuitische Beichtväter gehabt
und von Dresden aus wurde der Herzog von Köthen bekehrt:
Beichtvater der ebenfalls konvertierten Herzogin von Köthen
wurde der spätere Jesuitengeneral Pater Beckr.
Diese positiven Leistungen wollten aber im ganzen wenig
besagen; erst viel später ist eine jesuitische Wissenschaft von
größerer Bedeutung entwickelt worden, und auch dann blieb
sie, sehr natürlich bei ihrer Stellung zu allen tieferen geistigen
        <pb n="45" />
        36 J Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Bewegungskräften des 19. Jahrhunderts, nur in ihrer Kampfes-⸗
stellung bemerkenswert. Um so mehr hatte man Anlaß, gegen
die hohe Blüte der katholischen Theologie in Deutschland mit
den äußeren Mitteln des Zwanges und der Vernichtung, Inder,
Widerrufsprozessen, Bann und Absetzung vorzugehen.
Der erste und zugleich gewaltigste Streich, der hier ge⸗—
führt wurde, galt der Lehre und Schule des Bonner Professors
Hermes. Hermes hatte versucht, den Inhalt der katholischen
Glaubenslehre vom Kantschen Kritizismus aus zu gewinnen!.
Der systematische Zweifel wird nach ihm durch die innere
Nötigung der Vernunft in dem Sinne überwunden, daß diese
die drei Erkenntnisgrundlagen des Katholizismus, die Schrift,
die Tradition und das unfehlbare Lehramt der Kirche, als
ihrem Wesen konform und daher als notwendig erkennt. Auf
diesen Unterbau stellte dann Hermes die korrekte Lehre der
katholischen Dogmatik.
Diese Lehre nun, wie sie eine Versöhnung des Katholi—
zismus und der subjektivistischen Philosophie versuchte, war von
Hermes zuerst in einem Büchlein „Über die innere Wahrheit
des Christentums“ 1805 in ihren frühesten Andeutungen vor⸗
getragen, dann in wenigen späteren Schriften, aber einer um
so ausgedehnteren Lehrtätigkeit an der Bonner Universität weiter
entwickelt worden. In den zwanziger Jahren beherrschte sie
nicht bloß die Bonner Fakultät fast ganz, sondern ebenso die
Fakultäten und Seminarien von Breslau und Braunsberg,
Köln und Trier, Kulm und Ermland. Um so mehr galt es,
ihr den Garaus zu machen.
Es geschah nicht in wissenschaftlichem Kampfe, sondern
durch die Gewalt päpstlicher Verdammung. Zwar fanden selbst
die Jesuiten, deren einer, Perrone, vornehmlich das Material zu
der entscheidenden Bulle zusammenbrachte, an Hermes' System
nichts auszusetzen: um so mehr aber wandten sie sich gegen
die Methode. Und diese nun verdammte der Papst: Hermes
habe, „kühn abweichend von der Heerstraße der heiligen Väter,

1Val. Bd. X S. 489.
        <pb n="46" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 37

zur Erklärung und Verteidigung der Glaubenswahrheiten einen
dunklen, zu allen Irrtümern führenden Weg eingeschlagen“.
Hermes selbst hat diese Verdammung nicht mehr erlebt;
man wartete sogar den Tod des Erzbischofs Spiegel von Köln
(1885) ab, ehe man die Bulle von Belgien her in Deutschland
verbreitete. Jetzt freilich konnte die Bekanntmachung gewagt
werden; denn als Nachfolger Spiegels war in Köln auf Betrieb
des preußischen Kronprinzen in dem Freiherrn Clemens August
von Droste ein echter Papalist eingezogen — so sehr ein Gegner
der bisherigen selbständigen deutschen Entwicklung, daß man
über seine Präsentation durch Preußen sogar in Rom in Er—⸗
staunen geraten ist. In Köln aber hatte sich das Domkapitel
auf die ihm zugemutete Beschränkung seines freien Wahlrechts
hin aufs äußerste gegen diese Kandidatur gewehrt, und der
rheinische Oberpräsident von Bodelschwingh hatte sich dahin
geäußert, „daß er die Wahl des Erzbischofs Droste als einen
der entsetzlichsten, unverantwortlichsten Mißgriffe betrachte, den
man je hätte begehen können, und an dessen Folgen man noch
lange zu laborieren haben werde“.
Ehe aber der neue Erzbischof noch gegen den Hermesianis⸗
mus ernstlich einschritt, war ihm die preußische Regierung schon
zuvorgekommen, indem sie die katholische Fakultät in Bonn
veranlaßt hatte, Hermes stillschweigend in den Vorlesungen
fallen zu lassen. Natürlich beantwortete der Erzbischof ein
solches Entgegenkommen mit einem weiteren Schritte: er dehnte
die bis dahin nur für die Erzeugnisse der praktischen Theologie
geübte bischöfliche Zensur auf wissenschaftlich-theologische Ar—
beiten aus. Und als die Regierung hierzu schwieg, verbot er
am 12. Januar 1837 in einem Rundschreiben an die Bonner
Beichtväter geradezu die Lektüre der Hermesschen Bücher und
ließ dem die Verpflichtung für alle von ihm anzustellenden
Geistlichen folgen, vor der Anstellung die Lehren von Hermes
zu verdammen.
Zugleich kam er mit der Bonner Universität in Schwierig⸗
keiten wegen der Vorlesungen der katholisch-theologischen Fakultät;
und bei dieser Gelegenheit hat er ausgeführt, wie er sich ein
        <pb n="47" />
        38 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

katholisch-theologisches Studium und ein katholisches Kirchen—
regiment denke: Bildung, Anstellung und Absetzung der Geistlichen
seien rein Sache des Bischofs; der Staat habe dabei nichts
mitzureden; die Professoren an den Seminarien und Fakultäten
seien von den Bischöfen anzustellen und abzusetzen; gegen den
Bischof stehe ihnen nur ein Rekursrecht nach Rom offen; auch
hier also habe der Staat nicht das Recht des Eingriffs.
Es war ein klarer Ausspruch nächster und wichtigster
papaler Ziele; und ihm entsprechend ist je länger je mehr
verfahren worden. Der Hermesianismus war jetzt kirchlich
zgerichtet; der in ihm erzogene Klerus hat nur eine Generation
umfaßt. Zugleich aber war in der Verdammung und Zer—
störung des Hermesianismus grundsätzlich die gesamte Wiffen—
schaft der deutschen katholischen Theologie getroffen. War ihr
Todeskampf auch nach den dreißiger Jahren noch zäh und lang⸗
wierig, so war das weniger ein Ergebnis der Lauheit ihrer
Gegner als der Gewissenhaftigkeit und des Mutes der Ge—⸗
lehrten, die ihr anhingen.
So hat Möhler, der große Polemiker des Katholizismus
gegenüber den deutschen protestantischen Kirchen, es erleben
müssen, daß seine Symbolik bei einem Haare auf den Inder
gekommen wäre, ehe man in Rom ihre polemische Brauch⸗
barkeit erkannt hatte, und seine selbständigen Neigungen bei
aller schroff katholischen Stellungnahme haben schließlich seinen
Lebensabend verbittert; er wurde von seinem Muünchener Lehr⸗
stuhl ehrenvoll in die Würzburger Domdechantenpfründe ab—
geschoben. Nicht viel anders würde es in München Döllinger
exgangen sein, hätte nicht das Vatikanum und die Unfehlbarkeits⸗
erklärung ihn überhaupt von der Kirche geschieden.
Wie in München, so verliefen die Dinge auch in Tübingen
und Freiburg. In Tübingen wurde der energische und frucht—
bare Hirscher namentlich von dem Augenblick an bekämpft, da
er für den Freiburger Erzstuhl in Aussicht genommen schien (1842),
bis er schließlich, eben vom Freiburger Erzstuhle aus, zum
Widerruf genötigt wurde und gebrochenen Herzens starb. Im
Grunde nicht viel besser erging es Staudenmaier, dem von
        <pb n="48" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 39

Hegel und Schelling, auch von Schleiermacher mit angeregten
Theologen, der Freiburg mindestens ebensosehr wie Tübingen
angehört; und auch seine Schüler sowie die von ihm stark
beeinflußte Marburger Fakultät sind unter den Verfolgungen
der papalen Kreise zugrunde gegangen oder wenigstens von der
Einflußnahme auf die katholische Kirche verdrängt worden.
Die letzte wichtigere Szene dieses Untergangs der alten
selbständigen katholischen Theologie in Deutschland hat in Wien
gespielt. Es handelte sich dabei um den Philosophen Anton
Günther (1788 1863), einen Weltpriester, der außerhalb der
Katheder der Fakultäten eine mystisch angehauchte, auf das
philosophische Denken von Descartes, Schelling und Hegel ge—
gründete Theologie in einzelnen Schriften vortrug, ohne sie
irgendwo systematisch zusammenzufassen, aber mit einer Fülle
genial erfaßter konkreter Wahrheiten, die seinen Einfluß in
weite Kreise trugen, vor allem auch an die Stätten früheren,
nun schon nachlassenden selbständigen katholischen Lebens am
Niederrhein und in Schlesien. Günthers Schriften wurden im
Jahre 1857 von der Inderkongregation verboten, und er selbst
wurde zu einem Widerruf gezwungen, der ihn, wenn er ihm
auch persönlich nicht völlig bindend erschien, dennoch veranlaßt
hat, für den Rest seines Lebens zu schweigen.
Damit war denn das freie Gewissen der autonomen deutschen
Theologie auf katholischem Boden ertötet; und schon im Beginn
dieses Vernichtungsprozesses, seit den dreißiger Jahren, konnte
die papale Strömung stark genug erscheinen, um auch auf dem
für sie viel wichtigeren Gebiete äußerer Machtbeziehungen zwischen
Staat und Kirche einen ersten Angriff zu wagen. Der Ausgangs—
punkt fand sich in Köln, und die Hauptrolle in ihm spielte
derselbe Erzbischof Droste, der in Hermes die deutsche Wissen—
schaft tödlich verwundet hatte.
Die Abmachungen zwischen der Kurie und Preußen, wie
fie von Niebuhr getroffen worden waren, hatten dasfjenige Ge—
biet, auf welchem die Parität der Konfessionen praktisch am
wichtigsten zum Ausdruck gelangte, die Frage der gemifchten
Ehen, gar nicht berührt; denn diese Frage war als für Rom
        <pb n="49" />
        40 Funfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

indiskutabel erklärt worden. Gleichwohl bestand sie, ja wurde
bei der zunehmenden tatsächlichen Freizügigkeit und Mischung
der Konfessionen in Deutschland von Tag zu Tage wichtiger.
Aber die erstarkende papale Kirche war weit davon entfernt,
auf diesem Gebiete nachzugeben. Vielmehr nahmen die Fälle
zu, in denen katholische Geistliche erklärten, die Trauung ge—
mischter Paare nur nach vorher geleistetem Versprechen katho—
lischer Kindererziehung vornehmen zu können. Eine Kabinettsorder
 vom 17. August 1825, die dieses Verfahren der katho—
lischen Kirche wie, im umgelehrten Falle, der evangelischen
Beistlichkeit verbot, wurde vom katholischen Klerus nicht be—
achtet.

Was war da zu tun? Statt von Staats wegen in den
einzelnen Fällen unmittelbar vorzugehen, glaubte man nach
Napoleonischem Rezepte den Klerus durch den Papst zur Ruhe
bringen zu können und begann mit Rom zu verhandeln: in
der Form, daß noch der alte Erzbischof von Köln, Graf
Spiegel, für die Trauung gemischter Ehen ohne das Ver—
prechen katholischer Kindererziehung um Dispens einkam, wobei
er von dem preußischen Vertreter dadurch unterstützt wurde,
daß dieser für Zulassung des Dispenses die Aufhebung der
Zivilehe anbot, wie sie am Rhein auf Grund des Code ecivil
bestand.
Aber die in diesem Sinne in Rom eröffneten Verhandlungen
zogen sich lange hin; und endlich, nachdem immer wieder der
Standpunkt geltend gemacht worden war, die abgefallenen
protestantischen Ketzer hätten überhaupt keinerlei Recht zu be⸗
anspruchen, erfloß am 25. März 1880 ein Breve, das der ver⸗
schiedensten Deutung fähig war. Von Berlin aus versuchte
man jetzt, eine klare Interpretation dieses Breves zu erlangen,
um den immer unleidlicher werdenden Zuständen auf dem Ge—
hiete der gemischten Ehen wenigstens einigermaßen abzuhelfen.
Aber in Rom verweigerte man schließlich eine solche Inter—
pretation: schon war man in den Jahren papalen Aufschwungs,
und schon wurde die Frage der gemischten Ehen auch anderen
Staaten, z. B. Frankreich und Bayern gegenüber, zur Erhöhung
        <pb n="50" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 41]

der kurialen Herrschaft ausgespielt. So von Rom abgewiesen,
wandte sich die preußische Staatsgewalt, von dem katholischen
Rat im Kultusministerium Schmedding beraten, an die Bischöfe
des Landes mit der Frage, ob sie sich an den buchstäblichen
Inhalt der päpstlichen Konzessionen binden oder aus eigener
Macht einen Schritt weiter gehen wollten?
Natürlich konnten die Bischofe, soweit sie papal gesinnt
waren, diese Frage nur verneinen. Doch legte der Kölner Erz⸗
bischof Spiegel ein kanonistisches Gutachten vor, nach dem es,
auf Grund einer auf frühere Bestimmungen des kanonischen
Rechts Rücksicht nehmenden Interpretation des päpstlichen
Breves, möglich erschien, das Problem der gemischten Ehen
einigermaßen zu ordnen. An dieses Gutachten hielt man sich
jetzt; und auf Grund seiner Anschauungen wurde am 19. Juni
1834 eine Konvention zwischen dem Erzbischof Spiegel und der
Regierung geschlossen.
Erschien es aber nicht als sicher, daß der damit hergestellte
Zustand auf die Dauer kaum zu halten war? Und dies um
so mehr, als die Kurie gerade am Rhein gegen die christ⸗—
katholische Theologie von Hermes vorzugehen im Begriff war?
Akut wurde die Lage sofort, als nach dem Tode Graf Spiegels
(1835) Clemens August von Droste als Erzbischof folgte.
Der neue Erzbischof begann sehr bald sich in der Behandlung
der Mischehen nicht mehr nach der Konvention von 1834, die
der Kurie übrigens vom preußischen Kultusministerium nicht
mitgeteilt worden war, sondern nur nach dem päpstlichen Breve
selbst zu richten. Die Regierung versuchte darauf, mit ihm durch
Bunsen und den ihm befreundelen Grafen Stolberg zu ver—
handeln. Allein die am 16. September 1837 abgehaltene Kon—
ferenz verlief erfolglos; und auf die ihm nahegelegte Resignation
ging der Erzbischof nicht ein. Da wurde er verhaftet und am
20. November 1837 nach der Festung Minden abgeführt.
Es war eine Gewalttat. Und bald folgte ihr, freilich
nicht mehr gleich willkürlich, eine zweite. In den ehemals
polnischen Gebietsteilen Preußens war gemäß dem Friedens⸗
vertrage des Jahres 1768 die Gleichberechtigung der Konfessionen
        <pb n="51" />
        42 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

in den Mischehen anerkannt worden, wie denn auch die Bischöfe
von Breslau für die Trauung gemischter Ehen ohne Anfrage
bei der Kurie Dispens zu erteilen pflegten, selbst wenn das
Versprechen katholischer Kindererziehung nicht gegeben war.
Aber der posensche Erzbischof Dunin begann jetzt, unter der
Einwirkung des Kölner Widerstandes, die bis dahin geübte
Praxis zu verlassen. In zwei Erlassen aus dem Anfang des
Jahres 1838 an seinen Klerus stellte er sich auf den Stand—
punkt Drostes. Darauf verlangte die Regierung die Zurück—
nahme der Verfügungen; und der Erzbischof verweigerte sie.
Nun wurden sie für ungesetzlich erklärt, und hierauf wiederum
protestierte der Klerus der Erzdiözese. Die Dinge waren damit,
da die Regierung sich auf in Köln so unglücklich verlaufene
Unterhandlungen nicht einließ, zum Prozeß bereit. Im April
1839 wurde der Erzbischof zu einer sechsmonatigen Festungs⸗
strafe und Verlust seiner Würde verurteilt.
Die Kölner und Posener Vorgänge erregten die katholische
Welt aufs heftigste. Wohin zielte dieser heidnische preußische
Staat? Hatte König Friedrich Wilhelm III. schon durch inter—
konfessionelle Versetzungen der Beamten und durch gemeinsame
Militärgottesdienste von Protestanten und Katholiken der katho—
lischen Kirche in der von ihr beanspruchten einzigartigen Stellung
Gewalt angetan, so wolle er jetzt wohl die Gipfelpunkte ihrer
Verwaltung und Verfassung in Preußen mit noch stärkerer Ge—
walt beseitigen? Laut schrien die papalen Katholiken auf,
von Belgien und Frankreich her unterstützt; Görres schrieb den
flammenden Protest seines „Athanasius“; geschickt unterband die
Kurie in den verwaisten Diözesen die Befriedigung der Heils—
bedürfnisse und erregte dadurch die Laien; den Anhängern des
alten episkopalistischen Katholizismus war jede Waffe der Be—
ruhigung aus der Hand gewunden, — zum ersten Male gewann
die papale Partei einen wichtigen Bruchteil der öffentlichen
Meinung für sich und erwarb Tausende neuer Anhänger.
In diesem Momente starb König Friedrich Wilhelm III.,
und Friedrich Wilhelm IV. bestieg den Thron. Man erwartete
von ihm auf allen Gebieten Außerordentliches, vor allem aber
        <pb n="52" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 48

auf dem kirchlichen, für das er seit langem ein starkes Interesse
gezeigt hatte.
Er war als ein geistreicher Mann bekannt; an der Auf—
richtigkeit seines Tuns zweifelte niemand. So schien Wohl-⸗
wollen und Verständnis gesichert und damit die Aussicht auf
eine klare Lösung der verworrenen Lage gewonnen. Allein eine
genauere Einsicht in das verwickelte Wesen des Königs mußte
von vornherein zu mancherlei Zweifeln führen.
Als tiefste Anlage des Königs konnte vielleicht ein zähes
Beharren in einmal entwickelten Grundanschauungen bei höchster
Assoziationsfähigkeit und stärkster Willenslenkbarkeit im einzelnen
bezeichnet werden. Mit diesen Eigenschaften reichster Suggesti—
bilität und doch zugleich ehrenhafter Verankerung in gewissen
Prinzipien würde der König als Künstler, als Gelehrter, als
Schriftsteller Bemerkenswertes haben leisten können. Zum
Herrscher war er nicht geboren. Ihm fehlte bei aller scharfen
Einsicht in die Einzelmomente einer Lage oder eines Charakters
die Fähigkeit ruhig abwägenden Überblickes; ihm mangelte die
Stetigkeit ständig aufeinanderfolgender, sich auf das Detail des
Lebens beziehender Willensäußerungen: diese Unentschiedenheit
und Unausgeglichenheit ließ ihn häufig moralisch schwach, wenn
nicht gar falsch erscheinen; und wurde in schwierigen Lagen
von ihm Gesamtanschauung und ruhiger Ablauf einzelner
Willensäußerungen gefordert, so versagte er wohl gar bis zu
dem Grade, daß er in einen Zustand völliger Apathie versank.
Diese Veranlagung wurde nun noch auf besondere Weise
akzentuiert und auffällig gemacht durch den Inhalt der hart—
näckig festgehaltenen Grundvorstellungen. Denn im wesentlichen
lief dieser auf eine gänzlich übertriebene Vorstellung von der
eigenen, von der königlichen Würde hinaus, wie sie völlig
eigentlich nur aus dem Milieu eines durch romantische Zeiten
bestimmten Glaubens zu verstehen ist!. Friedrich Wilhelm

An sich ist ein mystischer Zug im Absolutismus sehr alt. Schon
Ludwig XIV. sagt (Puvres 2, 288) vom Fürsten: „tenant pour ainsi
dire la place de Dieu, il semble être participant de sa connaissancé“.
        <pb n="53" />
        14 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

faßte seine Würde als überirdisch und von Gott mit besonderer
Erleuchtung ausgestattet auf, als eine seelische Funktion gleich⸗
sam, der Mit- und Nachwelt deutlicher als sonst Menschen⸗
köpfen entgegentrete: die daher auch andere besonders zu meistern
berufen sei. Und dies tat derselbe Herrscher, dem Befehlen im
Grunde weniger zuwider als unvollziehbar war, dem jede Kühn—
—
Aber nicht bloß im Willensmechanismus des Königs trat
so der grellste Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit her⸗
vor; er erstreckte sich auch auf die intellektuelle Tätigkeit. So
—D
war er doch durch die Grundauffassung seines Berufes und
seiner Würde in allen wichtigen Fragen an das Denken der
Zeiten gebunden, in denen einmal eine solche Auffassung der
Hauptsache nach Gemeingut zeitgenössischer Anschauung gewesen
war. Es waren die Zeiten vor jedem Individualismus: Perioden
der Politik des Mittelalters und der kirchlichen Konstitutionen
christlicher Urzeit. Aus Denkweisen, die diesen Zeiten geläufig
waren, erfloß daher die Einzelausgestaltung der Ideen des
———
alterliches Ständetum waren darum das schließliche Ergebnis.
Dabei wollte es aber die wechselreiche Vorstellungsweise des
Königs im einzelnen wie die historische Entferntheit dieser
Ideale von der Gegenwart in gleicher Weise, daß diese nicht
recht zum Leben gelangen konnten: daß sie ohne feste Umrisse
zu erhalten gleichsam nur poesievoll fortvegetierten: und in
diesem Zustande den König ebenso hinrissen wie die Wirklichkeit
——
Wie sollte nun ein König, der die Welt durch die Idee
als eine ihm von Gott angeborene Kraft romantisch beherrschen
wollte, sich mit den groben Kräften des Alltags abfinden? Es
geschah um so weniger, je mehr er die verhängnisvolle Gabe
einer glänzenden Sicherheit des persönlichen Verkehrs und ver—
trauensvollen Sich-Offnens gegenüber Freund und Feind besaß:
denn diese an sich so schätzenswerten Eigenschaften erweiterten
die Anwendungsfähigkeit seiner scharf akzentuierten Begabung
        <pb n="54" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 45

und steigerten namentlich den Reichtum neuer Assoziations⸗
möglichkeiten über jedes Maß.
In dem Kampfe mit der katholischen Kirche, deren In⸗
— VDD
fühle des Protestanten verehrte, gab Friedrich Wilhelm IV.
völlig nach. Noch sein Vater hatte, in einer Kabinettsorder
vom 28. Januar 1838, eigentlich nur noch an der Forderung
festgehalten, daß sich die Geistlichen bei gemischten Ehen kein
förmliches Versprechen über Kindererziehung mehr geben lassen
dürften. Friedrich Wilhelm IV. ging darüber noch weit hinaus.
Er opferte in dem edlen Breslauer Fürstbischof Sedlnitzki einen
der letzten Vertreter des alten deutschen Episkopalismus. Er
führte den Erzbischof Dunin nach Posen zurück. Er schrieb
dem Kölner Erzbischof Droste ein Entschuldigungsschreiben, das
ihn von jedem Verdacht revolutionärer Umtriebe freisprach,
und übergab nach ehrenvoller Entlassung Drostes das Kölner
Erzbistum dem Speierer Bischof Johannes Geißel, einem
Gesinnungsgenossen Drostes, wenn auch von milderen Formen
und klügerer Kraft der Bestrickung. Und vor allem: er erst
gab völlig die friderizianische Überlieferung von der staatlich
selbständigen Behandlung der katholischen Kirche auf; prinzipien⸗
los wich unter ihm die preußische Regierung vor der festen Be—
tonung der kurialistischen Grundsätze Schritt für Schritt zurück.
Das alles brachte dann in Preußen einen ersten mächtigen,
nun wirklich populären Aufschwung des Katholizismus hervor.
Vom 18. August bis 6. Oktober 1844 zog die Ausstellung des
heiligen Rockes in Trier, wie sie bisher nur in den Jahren
1514, 1585, 1655 und 1810 stattgefunden hatte, mehr als
eine Million Pilger herbei; Flüsse und Landstraßen der Rhein—
—D—
schwung ging eine erste papale Gesinnungsänderung des Klerus
zur Seite.
Zwar enlstand gegen diese Bewegung in dem Deutsch-Katholizismus
 Ronges und Czerskis von Schlesien und Posen
aus eine Gegenbewegung, welche stark in die geistige Gärung
der letzten vier Jahre vor der Revolution eingegriffen hat.
        <pb n="55" />
        16 I Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Aber sie blieb schließlich doch fast wirkungslos, zumal sie sich
teilweise mit der politischen Revolution der Jahre 1848 und
1849 verquickte, zudem nicht von tiefernsten und rücksichtslos
anatischen Männern getragen war!.
Viel wichtiger war, daß sich infolge der Vorgänge in
Preußen nun auch außerhalb Preußens auf deutschem Boden
ernstlich halb-papal-katholische Parteien, Strömungen jedenfalls
nicht mehr im Sinne der alten christkatholischen Wissenschaft
und der alten episkopalistischen Auffassung zu bilden begannen.
Weitaus die wichtigsten dieser Vorgänge spielten sich in
Bayern ab. In München hatte sich unter König Ludwig J. und
seinem Minister von Schenk, einem Renegaten, eine Kolonie von
Romantikern und Konvertiten gebildet, deren geistiges Haupt
Joseph Görres war. An ihn schlossen sich der vom Protestantismus
übergetretene Phillips, dann Jarcke an, auch Clemens Brentano
weilte oft in diesem Kreise. Dazu kamen Döllinger, Lasaulx,
Ringseis, von Jüngeren u. a. Sepp, Höfler, Guido Görres.
Dieser Kreis war gut deutsch, aber auch streng katholisch; und
man kann aus Görres' „Athanasius“ ersehen, wie er durch das
Vorgehen des an sich schon in München nicht besonders gut
gelittenen Preußens getroffen wurde.
In dem Augenblicke nun, da die katholische Kirche in
Preußen in Not geraten zu sein schien, trat in Bayern ein
erstes papales Ministerium Abel hervor und wurde den inter—⸗
konfessionellen Gottesdiensten Friedrich Wilhelms III. eine Order
des bayrischen Kriegsministers vom 14. August 1838 entgegen⸗
gestellt, die den protestantischen Soldaten die Kniebeuge vor der
Hostie vorschrieb. Und es half nichts, daß die protestantischen
Abgeordneten in der Kammer hiergegen protestierten; bis Ende
1845 ist die Order in Kraft geblieben.
Nun bedeuteten diese Vorgänge an sich gewiß noch keinen
Sieg der papalen Partei; der Kreis um den König wies noch
Männer wie Möhler auf; wohl aber war ein viel regeres
katholisches Interesse als bisher zu bemerken: und wohin anders

Vgl. dazu Bd. X S. 503 -4
        <pb n="56" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 47

sollte das bei dem klaren und sieghaften Vorgehen der Kurie
gegen den deutschen Episkopalismus und den deutschen Christkatholizismus
 führen als zum Bruch mit der Kurie oder in
den Umkreis papaler, klerikaler Anschauungen.
Während aber so in der katholischen Kirche eine neue
papale Lebens- und Staatsauffassung Fortschritte zu machen
begann, von der für ein friedsames Zusammenleben von Staat
und Kirche wenig Gutes zu erwarten war, gelang es vor allem
in dem führenden protestantischen Staate, in Preußen, ebenso⸗
wenig, das evangelische Bekenntnis nach seinen Lebensanschaungen
wie in seinen kirchlichen Einrichtungen lebendig zu fördern und
damit zugleich auch in ein friedlich-förderndes Verhältnis zum
Staate zu setzen.
Zunächst waren allerdings die Aussichten in dieser Hin—
sicht, wie auf staatlichem Gebiete, nach den Freiheitskämpfen
anscheinend die allerbesten; noch im Dezember 18183 war man
in Berlin der festen Absicht gewesen, der evangelischen Kirche
eine geregelte Presbyterial- und Synodalverfassung zu geben
und ihr damit die Gewähr für eine eigenständige Entwicklung
zu schaffen. Wären diese Absichten zur Ausführung gelangt,
es wäre das Heil des evangelischen Bekenntnisses in Deutsch—
land überhaupt gewesen; denn die kleinen Landeskirchen nach
der preußischen führten durchweg ein beschauliches Dasein ohne
Förderung des Ganzen, und nur eine starke preußische Initiative
hätte sie wohl mit Sicherheit dieser ungesunden Lage entreißen
können. Allein bald verflogen alle Gedanken einer wirklichen
Förderung der preußischen Kirchenverfassung; schon ein Ent—
wurf vom Jahre 1817 enthielt das synodale Element nur noch
zum Schein.
In den Vordergrund trat in dieser Zeit vielmehr der Gedanke
der Union der verschiedenen evangelischen Bekenntnisse, vor allem
des Luthertums und der Reformierten. Und eine solche Union
kam denn gelegentlich des Jubelfestes der Reformation im Jahre
1817 auch wirklich zustande; hervorgegangen aus einem sehnlichen
Wunsche Friedrich Wilhelms III. umfaßte sie Preußen, bald
auch Baden, Nassau, die Rheinpfalz und andere Länder mehr.
        <pb n="57" />
        18 — Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Nur war bei der Gründung der Union unklar geblieben,
was sie eigentlich bedeuten sollte. Schleiermacher, damals noch
der theologische Führer, sah in ihr eine Vereinigung der
evangelischen Kirchen zum Schutze gegen Rom; die dogmatische
Seite beachtete er weiter nicht; er glaubte, daß hier die Ent—
wicklung des Protestantismus im 18. Jahrhundert die Frage
nach absoluter dogmatischer Übereinstimmung schon unnötig ge⸗
macht habe; und er erwartete höchstens eine lebhafte theologische
und dogmatische Fortbildung auf der neuen, gemeinsamen, nicht
weiter bekenntnismäßig festzustellenden Grundlage.
Aber ganz anders sah Friedrich Wilhelm III. die Sache
an. Ihm lag eben eine dogmatische Einigung am Herzen, und
als sich diese bald als ausgeschlossen herausstellte, wenigstens
eine liturgische. Er ließ daher auf Grund seines angeblichen
liturgischen Rechtes als Summepiskopus der preußischen Landes⸗
kirche eine Agende ausarbeiten und setzte ihre Einführung seit
dem Jahre 1821 nicht immer mit den besten Mitteln durch.
Weitaus unduldsamer zeigte sich der König dann in den
dreißiger Jahren. In Schlesien war damals unter Scheibel,
Huschke und Steffens eine altlutherische Bewegung entstanden,
die von der Union nichts wissen mochte; der König aber wollte
ihr wenigstens seine Agende aufdrängen. Als die Altlutherischen
sie ablehnten, kam es zu höchst widerlichen Szenen: Absetzung
von Geistlichen, Bequartierungen; und viele Geistliche und
Gemeindemitglieder entzogen sich weiteren Quälereien durch Aus⸗
wanderung nach Amerika.
Gleichzeitig aber hatten nun jene großen geistigen Be⸗
wegungen auf dem protestantischkirchlichen Gebiete eingesetzt, die
wir schon kennen!: 1885 war das „Leben Jesu“ von Strauß er⸗
schienen, seit 1838 gab Ruge die „Hallischen Jahrbücher“ heraus;
1841 folgte Feuerbachs „Wesen des Christentums“; seit 1846
kam es zur Bildung freier Gemeinden. Neben die Orthodoxie
und die Schleiermachersche Vermittlungstheorie stellte sich damit
eine kirchliche Linke, die den vorhandenen dogmatischen Bestand

1S. Bd. X S. 492 ff.
        <pb n="58" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 49
überhaupt als verbraucht ansah, gleichgültig, ob man von
Reformierten oder Lutherischen rede.
Auch in diesen Dingen konnte man nun auf die Stellung⸗
nahme Friedrich Wilhelms IV. in hohem Grade gespannt sein;
denn noch mehr als die katholischen berührten sie die innersten
Kammern seines Lebens.
Der König hob zunächst sofort alle Zwangsmaßregeln gegen
die Altlutherischen auf; seit 1841 durften sie eine besondere
Kirchengemeinschaft bilden.
Fand diese Maßregel allgemeinen Beifall, so zeigte sich
andrerseits bald, daß der König sein Herz mit dem Ideal einer
Zukunftskirche erfüllt hatte, das allerdings dem der Urkirche
entsprechen sollte, in Wirklichkeit aber etwa auf das Wesen
der anglikanischen Kirche hinauslief. Gewiß, eine Gemeinde—
verfassung, aber daneben ein festes Regiment der Bischöfe als
Hüter des Glaubens: das war sein Programm.
Indes auch von diesem Standpunkte aus begegneten die
ersten Schritte, die der König auf dem Boden der evangelischen
Kirchenverfassung tat, noch allgemeiner Sympathie. 1843 traten
Kreissynoden zusammen, 1844 Provinzialsynoden, um über die
neue kirchliche Ordnung zu beraten; dem sollte eine Vereinigung
aller deutschen Landeskirchen erfolgen, darauf endlich eine General—
synode deutschen Namens.
Allein die Vereinigung aller Landeskirchen scheiterte, und
auf der 1846 zusammengetretenen, nunmehr nur preußischen
Generalsynode gingen die Dinge nicht nach dem Wunsche des
Königs. Schwierigkeiten ergaben sich hier sofort auf dem
dogmatischen Gebiete und wurden formell hervorgerufen durch
die schon lange brennende Frage, ob denn die Union die dogma—
tischen Unterschiede zwischen Reformierten und Lutherifchen
aufgehoben habe oder nicht.
Die Orthodoxen, fast alle Lutherische, behaupteten nein:
so Stahl und Twesten. Die Linke, in welcher unter der
Führung des Grafen Schwerin vornehmlich das Laienelement
vertreten war, meinte, das Dogmatische sei überhaupt Neben—
sache; für die Union müsse die Verpflichtung auf einen be—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.
        <pb n="59" />
        50 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

stimmten Lehrgehalt wegfallen. Eine mittlere Meinung endlich
ging auf eine neue dogmatische Formulierung, die der Union
positiven Inhalt geben und das alte reformierte und lutherische
Bekenntnis aufheben oder wenigstens nur neben dem neuen be—
sttehen lassen sollte: hierfür sprachen die Männer der sogenannten
vositiven Union: Karl Immanuel Nitzsch, Julius Müller.
Natürlich gab die ganze Frage Anlaß zu unendlichen Er—
örterungen. Und es war schon viel, daß man sich endlich auf
einen Mittelweg einigte zwischen Lehrfreiheit und dogmatischem
Zwang; das Formular des Bekenntnisses sollte nicht aus dem
hisherigen Symbolum, sondern aus Worten allein der Heiligen
Schrift genommen werden.
In diesem Resultat aber erschöpfte sich nun auch die Tätig⸗
keit der Synode; es wurde zudem alsbald von den Orthodoxen
in und außer der Synode grimmig angefeindet und ging in der
Praxis verloren; zur Beratung aber einer ständigen Gemeinde—
und Synodalverfassung gelangte die Generalsynode nicht mehr.
Und so versandete denn der große Anlauf zu einer evangelischen
Kirchenverfassung elendiglich: auf dogmatischem Gebiete blieb
alles beim alten; die Kirchenverfassung blieb ebenfalls die alte;
und neu begründet wurde als ihre logische Krönung nur der
preußische Oberkirchenrat.
Damit war denn die Initiative Friedrich Wilhelms IV. den
kirchlichen und dogmatischen Schwierigkeiten der Zeit gegenüber
ohne Ausnahme ausgewichen und völlig gescheitert.
Sollte die Entwicklung auf politischem Gebiete mit anderem
Ergebnis schließen?
        <pb n="60" />
        II.

Ehe die Erzählung in die Einzelheiten der politischen Vor—
gänge eintritt, wird es nötig sein, sich ganz im allgemeinen die
Entwicklung des inneren politischen Lebens der Nation im Zeit⸗
alter des Subjektivismus bis zur Thronbesteigung Friedrich
Wilhelms IV. wenigstens in einigen bedeutsamen Zügen ins
Gedächtnis zu rufen. Und damit mag, an der Hand eines
für die Entwicklung besonders wichtig gewordenen Gegensatzes,
zugleich ein Ausblick in die Zukunft verbunden sein, unter
dessen Gedanken der Leser später unwillkürlich jene zahlreichen
Einzelzüge und Einzelwendungen der Entwicklung zusammen⸗
fassen wird, deren Mitteilung nicht umgangen werden kann.
Wir gebrauchen heute die Ausdrücke Liberalismus und
Demokratie nicht immer unter klarer Abgrenzung ihrer geschicht⸗
lichen Bewertung, wenn uns auch unwillkürlich gegenwärtig
ist, daß wir mit Liberalismus mehr etwas schon Vollendetes,
unter Demokratie etwas Werdendes bezeichnen. Eine Schilderung
der politischen Entwicklung der Nation seit 1830 oder 1840
vermag mit so vagen Begriffen nicht auszukommen. Sie wird
in die genauere Betrachtung der geschichtlichen Bedeutung dieser
Worte eintreten müssen; denn es handelt sich bei ihnen recht
eigentlich um Angelbegriffe unserer jüngeren und jüngsten natio—
nalen Geschichte.
Dem ganzen Wesen des Subjektivismus ist es eigen, zu⸗
nächst für die Autonomie der Einzelpersönlichkeit sowohl in ihrem
inneren Wesen wie in dem Bereiche ihrer Einwirkungsmöglich⸗
keiten nach außen einzutreten. Darum hat das subjektive Zeit—
alter innerhalb der deutschen Geschichte sich praktisch an erster
Stelle in Erziehungsfragen ausgelebt: es wollte den einzelnen
        <pb n="61" />
        52 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

dadurch für die Zeit geschickt machen, daß es ihn zum selb—
ständigen und selbstwirkenden Subjekt erzog. Von dieser Grund—
lage aus ist es verständlich, daß es auch die Lösung des schweren
Problems, wie für die neue geistige Gesellschaft nun auch ein
neuer Staat zu bilden sei, ebenfalls von der Einzelperson her in
Angriff nahm: der Staat sollte so konstruiert werden, daß er die
„Freiheit des Partikuliers“ in jenem größtmöglichen Ausmaße
zulasse und gewährleiste, das eben noch mit der Freiheit der
anderen „Partikuliers“ verträglich sei. Dies ist das Ideal; und
das ist es, was in der frühesten europäischen Kultur des Sub—
jektivismus, der englischen, als demokratisches Ideal verstanden
wurde und auch von uns als solches bezeichnet werden soll.
Indem aber so den Einzelpersonen Freiheit gegeben ward,
sich in einem größten, mit der Freiheit aller anderen eben noch
vereinbaren Kreise auszuwirken, war damit auch die Pflicht
und das Recht für jeden einzelnen gegeben, in dem Maße seiner
ittlichen und intellektuellen Möglichkeiten sich auszuleben und
mit ihnen in das Gesamtleben aller, die staatliche Gesellschaft,
aufzugehen. Und dieses Aufgehen in diesem Maße nannte man
organisch; und das Problem des neuen Staates erschien damit
als das Problem der organisierten Gesellschaft. Dabei war diese
Organisation von Anbeginn nicht als nur die eines einzigen
Systems gedacht. Vielmehr sollte sie von unten her, aus kleineren
Kreisen, in immer höhere aufsteigen: der Organisation der Ge—
meinde sollte die des Kreises und der Provinz und erst dieser
die des Staates folgen. Und so versteht sich, daß die Organi⸗—
sation des Staates von vornherein schon durch die Organisation
der niederen Kreise mitbestimmt war, sich auf sie einzustellen
hatte, die in ihnen aufgezogenen und aufgesammelten politischen
Energien auszunutzen imstande sein sollte. Doch ergab sich dabei
schließlich für ihn kein anderes System von Organen als dasjenige,
das schon in individualistischen Zeiten für den naturrechtlichen
Staat gefordert worden war: Staatsgewalt und Volksvertretung.
Nur daß das Prinzip der Volksvertretung jetzt nicht mehr in der
gleichmäßigen Vertretung aller Individuen zu gleichem Rechte
gesucht werden durfte, sondern vielmehr in ihrer organischen
        <pb n="62" />
        Erster Rampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 88

Anteilnahme an dieser Vertretung je nach ihrer besonderen
politischen Energie, Leistungsfähigkeit und Inanspruchnahme
schon durch die unteren politischen Kreise zu finden war.
Darauf also kam es bei der Konstruktion des neuen Staates
neben manchen anderen Gesichtspunkten vor allem an, den
Anteil jedes einzelnen Subjektes nicht gleichmäßig und mechanis ch,
wie es der Individualismus getan hatte, durch ein mathematisch
konstruiertes Wahlrecht zu regeln, sondern organisch aus der
spezifischen politischen Bedeutung dieses Subjektes hervorwachsen
zu lassen.
In diesem Ideal, das wir das demokratische nennen, waren
alle einig, die überhaupt über den Staat nachdachten, konservativ
denkende Männer der Restauration ebenso wie zu liberalen Auf⸗
fassungen neigende Männer der Zeit der Freiheitskriege und der
darauf folgenden Jahrzehnte: es war der gemeinsame Ausgangs⸗
punkt alles schöpferischen politischen Denkens im 19. Jahrhundert.
Allein in der konkreten Durchführung des Prinzips ergab
sich bald ein bemerkenswerter Unterschied. Die konservativ ge⸗
richteten Köpfe sahen in den alten Berechtigungen der deutschen
Stände Ansätze zur Lösung des organischen Staatsaufbaus, die
nur noch mehr oder minder auszubauen wären, oder sie sahen
wohl gar in deren Berechtigungen das Problem schon gelöst.
Nun hätten sie zu diesen Anschauungen niemals gelangen können,
hätte sich um das Jahr 1800 das deutsche Wirtschaftsleben
schon rapid entwickelt, und wären infolgedessen in der für die
politischen Fragen entscheidenden Zeit, in den zwanziger und
dreißiger Jahren, schon soziale Revolutionen und die Anfänge
völlig neuer Standesbildungen und damit auch völlige Um—
bildungen der politischen Bewertung der Einzelsubjekte gegenüber
dem sozialen Bestande des 18. Jahrhunderts hervorgetreten.
Allein das war bekanntlich nicht der Fall; erst die zweite
Periode des Subjektivismus hat seit den vierziger und fünf—⸗
ziger Jahren im Verlaufe von ein bis zwei Menschenaltern diese
Wandlungen gebracht und damit die sogiale Plattform der
politischen Erwägungen, von denen man in den zwanziger und
dreißiger Jahren ausgehen konnte, von Grund aus verschoben.
        <pb n="63" />
        4

Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Damals aber konnte es wohl so scheinen, als bestehe noch mehr oder
minder selbständig, sicherlich als Ganzes aber unerschüttert und
unerschütterlich die soziale Konstellation des 18. Jahrhunderts.
Indem nun die konservativ gerichteten Köpfe von dieser An—
nahme ausgingen, wurden sie alle mehr oder minder restaurativ
und traten damit, wie wir von unserer Gegenwart aus leicht
zu urteilen haben, mit der fortschreitenden Entwicklung je
länger je mehr in einen so fundamentalen Gegensatz, daß ihr
Denken unfruchtbar und ihr Wollen machtlos wurde. Und so
erledigte sich denn das konservative Denken eigentlich von sich
selbst aus; es fiel aus; und dies Schicksal wurde ihm um so
mehr zuteil, als sich beinahe alle Konservativen zu dem un—
bedingten Korrelate des organischen Staatsgedankens, zur
Einheitsidee, aus partikularistischen Gründen ablehnend ver—
hielten: höchstens die Osterreicher haben davon eine Ausnahme
zemacht und konnten sie machen, da für sie, unter Beibehaltung
des Kaisertums der Habsburger, Vartikularismus und Reichs⸗
idee zusammenfiel.
Völlig anders war die Entwicklung der liberalen An—
schauung. Auch sie fand allerdings ebensowenig wie die kon—
servative eine genügende Anknüpfung an das Bestehende und
Werdende. Gewiß versuchten einige Liberale der zwanziger
bis vierziger Jahre auf der langsam fortschreitenden sozialen
Entwicklung der Nation zu fußen und ihr Motive moderner
einheimischer Staatskonstruktion zu entnehmen. Allein die Mehr—⸗
heit sah gleich den Konservativen im Grunde sozialen Still⸗
stand; und da sie, aus Anregungen des weit stärker entwickelten
Geisteslebens her, gleichwohl das lebhafteste Bedürfnis einer fort⸗
schrittlichen Staatskonstruktion empfand, so machte sie für deren
Durchbildung fremde Anleihen bei den Völkern der Nachbar⸗
schaft, insbesondere bei den Franzosen. Auf diese Weise zogen,
mächtiger schon seit den zwanziger Jahren, fremde Theorien
künftiger deutscher Verfassungen über den Rhein.
Aber nun wollte das Unglück, daß auch diese Theorien keines⸗
wegs der Anschauungsbasis des neuen Subjektivismus entsprossen
waren, sondern vielmehr nichts waren als Fortbildungen des
        <pb n="64" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 58

alten individualistischen Naturrechts aus der Revolutionszeit und
allenfalls aus den folgenden Jahrzehnten: gewiß in manchen
Einzelheiten moderne Produkte, im ganzen aber sozusagen politisch⸗
theoretische Ladenhüter: Lehren vor allem, die nicht das Sub—
jekt, sondern das Individuum, nicht die politisch abgestufte
Tätigkeit des einzelnen, sondern die mathematisch gleiche Wahl—
stimme jeder Person dem werdenden Staate zugrunde legten.
Man sieht leicht: es war im eigentlichsten der Ersatz der
organischen Staatsanschauung durch eine mechanische, soviel
man auch noch von Organismus reden mochte; und es bildete
sich daher von hier aus schließlich ein ganz anderes Staatsideal
als das rein subjektivistisch- demokratische, ein Ideal, das im
Gegensatze zu diesem mit vollem geschichtlichen Rechte als das
spezifisch liberale, als das Ideal des deutschen Liberalismus des
19. Jahrhunderts und insbesondere der ersten deutschen Periode
des Subjektivismus bezeichnet werden kann.
Was aber dieses Ideal in Deutschland so außerordentlich
kräftig und wirksam machte, das war nicht so sehr sein eigent⸗
licher Inhalt wie seine Verquickung mit der Idee der natio—
nalen Einheit: erst aus ihr empfing es Frische, Volkstümlich—
keit, lebendige Gegenwart; und eben der Umstand, daß die
Einheitsidee bei den Konservativen schon vor 1848 wenig Pflege
fand und nach 1848 auch von den österreichischen Konservativen
abgelehnt wurde, hat zu jener untrennbaren Einheit von natio⸗
nalen und liberalen Bestrebungen geführt, unter deren Im—
pulsen sich Verfassungswerk und Gesetzgebung vornehmlich in
den sechziger und siebziger Jahren vorwärts bewegt haben.
Dann freilich ist der liberale Gedanke mehr zurückgetreten,
unter dem Drucke der ersten großen sozialen und geistigen Er—
scheinungen der zweiten subjektivistischen Periode stellte sich eine
Deroute des politischen Denkens überhaupt ein; sozialpartikulare
Interessen gewannen die Oberhand; und erst langsam zeigt sich
in der Gegenwart eine geistige Erholung, die auf das ursprüng—
liche subjektiv-demokratische Ideal zurückgreift, es immer inniger
und deutlicher umfaßt und von ihm aus die wahre Verwirk⸗
lichung des subjektivistischen Staates anzubahnen bestrebt ist.
        <pb n="65" />
        —56 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Kehren wir indes von diesen weiten Aussichten in die
Vorperiode unserer Erzählung, in die zwanziger bis vierziger
Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, so bewegen wir uns in
ihnen, unter dem langsamen Absterben des fruchtbaren Ideen⸗
gehaltes der Konservativen, zunächst in den Anfängen der
liberalen Gedankenbildung.
Und da wissen wir schon aus der eingehenden früheren
Darstellung dieser Verhältnissei, daß das liberale Denken zu—
nächst mit noch recht abstrakten Anschauungen begann, so sehr
man sich auch dem praktischen Leben und wenigstens der poli—
tischen Kritik zuzuwenden suchte. Kann es wundernehmen, daß
unter diesen Umständen die vollentwickelte, kräftigere Ideenwelt
Westeuropas eindrang? Zumal, da an dieser Wendung in
Deutschland kosmopolitische Elemente, Juden, Gelehrte, an
erster Stelle mit beteiligt waren? Schon in die dreißiger Jahre
bringt die junge Strömung, soweit sie ein Programm hat, die
Belastung mit fremden Ideen mit.
In dem neuen Jahrzehnt freilich wurde man dann in vielem
Betracht eingehender und, insofern man dadurch den heimischen
Verhältnissen näher trat, auch mehr deutsch. So vertiefte
man sich außer in die politischen Zustände auch in die soziale
Lage; und blieb man auch hier fast ganz bei der Kritik, so
mußte doch selbst sie schon auf diesem zunächst untergeordneten
Gebiete schließlich auch mehr nationale Forderungen zeitigen.
Im übrigen aber war für das Jahrzehnt bezeichnend, daß seine
Kritik literarisch-ästhetisch war: das Junge Deutschland hatte
die Führung. Daraus ergab sich allerdings eine außerordentliche
Ausdehnung der in die Kritik hineingezogenen Kreise; die „Ge—
bildeten“ als solche wurden gewonnen; das politische Publikum
begann mit dem weit größeren literarischen Publikum zusammen⸗
zufallen. Allein war damit ein Übergang zur Tat gegeben?
Nichts ist in dieser Hinsicht charakteristischer, als daß die
Produktion der Jungdeutschen die erzählenden Gattungen der
Dichtung bevorzugte, den leidenschaftlichen fernblieb. Rur An—

S. Bd. X S. 460 f.
        <pb n="66" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 57

regungen, nicht Anreize wurden gewonnen, und nur insofern
wurde ein weiterer Schritt zur Tat hin getan, als die An—
regungen an tausend Orten niedergingen: und somit eine
beträchtliche Anzahl von Schauplätzen für künftiges Handeln
vorbereitet wurde.
Die vierziger Jahre führten dann alsbald um eine wesent—
liche Stufe weiter. Die politische Lyrik und Dramatik trat
auf; die Leidenschaften erhitzten sich. Das hatte zunächst eine
Gabelung in der liberalen Strömung selbst zur Folge; ein rasches
dahineilendes Bergwasser gleichsam des Radikalismus trennte sich
ab, um, ohne feste Ufer, in der Tätigkeit zunächst von Einzel⸗
personen verlaufend, die sich überstürzenden Stimmungen der
zweiten Hälfte des Jahrzehnts vorzubereiten. Um so mehr aber
begannen sich nun auch die Gemäßigten zusammenzufassen. An⸗
fänge liberaler Parteibildungen bestanden damals schon vieler⸗
orten in den kleineren Staaten mit ihren Landständen und
Parlamenten; vor allem in Süddeutschland machten sie von
sich reden. Und von hier gingen denn auch zumeist die Ver—⸗
suche, Zusammenhang untereinander zu gewinnen aus; es schien,
als wollte der deutsche Südwesten in irgendeiner Form die
—DOODD0——
In den ersten Anfängen dieses Momentes nun, der einen
ganz sichtbaren Übergang zu tätigerem Verhalten bedeuten
mußte, trat ein Ereignis ein, das der ganzen Bewegung mehr
Geschlossenheit und Feuer zuführte: und dies Ereignis wurde,
wie der Einigungskrieg von 1870, den Franzosen verdankt:
als ihre phantastische Orientpolitik auf den Widerstand der
europäischen Mächte stieß, erhob sich in Paris Geschrei nach
dem Rhein; Beckers Rheinlied und tausend Entrüstungszeichen
von jenseits des Stromes antworteten: und das lange unter der
Asche der Restaurationszeiten schlummernde Einheitsgefühl der
Nation belebte sich. Belebte sich so, daß es in wenigen Jahren
die Leitung der liberalen Strömung übernahm und diese in—
sofern in sich aufnahm und überholte.
Waren dies die allgemeinen Vorgänge, die schon um 1840
ganz zweifellos auf gewaltige, bei Widerstand der bestehenden
        <pb n="67" />
        38 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Gewalten revolutionäre Vorgänge hindrängten, so mochte man
sich wohl fragen, inwiefern diese Gewalten einem solchen An⸗
drang gewachsen sein, und wie sie sich überhaupt zu ihm ver—
halten würden. Soweit dabei die Einzelstaaten in Betracht
kamen, so war klar, daß sie nicht würden widerstehen können.
Wo sollten sie die militärische Kraft, woher den sittlichen Mut,
woher auch nur, bei ihrer auf enge Horizonte begrenzten
Bureaukratie, die praktische Einsicht zu starken Gegenwirkungen
nehmen? Am 2. März 1848 forderte in der Hauptstadt des
Herzogtums Nassau, in Wiesbaden, eine Volksversammlung
von der Regierung: allgemeine Volksverfassung; Preßfreiheit;
Berufung eines deutschen Parlaments; Vereidigung des Militärs
auf die Verfassung; freies Versammlungsrecht; öffentliches und
mündliches Verfahren im Rechtsgang und Schwurgerichte; die
Domänen als Staatseigentum; ein neues Wahlgesetz ohne
vlutokratische Züge; Religionsfreiheit. Der Herzog war ab—
wesend; der Staatsminister von Dungern bewilligte alsbald
die ersten beiden Punkte; würde dem der Herzog nicht zu—
stimmen, so werde er pensionsfrei abgehen. Inzwischen kam
der Herzog — und stimmte allen Punkten zu. So geschehen zu
Wiesbaden und in Nassau — noch nicht einmal in irgendeinem
vollen politischen und staatlichen Krähwinkel, wie es deren
in den Grenzen des Deutschen Bundes nicht wenige gab.
Oder wäre Widerstand vielleicht vom Bunde zu erwarten
gewesen? Wir werden bald sehen, daß der Durchlauchtigste
Bundestag in Frankfurt vor den ersten revolutionären Maß⸗
regeln, die ehrliche und biedere Männer zur Erringung der
deutschen Einheit ergriffen, schwächlich in die Knie sank bis zu
dem Grade, daß er fast freiwillig die Palinodie seiner schmäh⸗
lichen Unterdrückungsgesetze der politischen Meinung sang, ja
sogar der Lächerlichkeit nicht auswich, jene schwarzrotgoldenen
Farben anzunehmen, derentwegen er manch junges Lebeu hinter
Schloß und Riegel gesteckt hatte.
Es blieben am Ende als festeste Punkte des Widerstandes
noch die großen Einzelstaaten. In der Tat ragten schließlich
fast nur sie in die Sintflut der Revolution stark hinein: wenn
        <pb n="68" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 59

freilich auch sie zeitweise von ihr bedeckt wurden. Und so
können die höchst verwickelten Einzelvorgänge der revolutionären
Bewegung eigentlich nur dann übersehen werden, wenn man an
die Ereignisse der Staaten anknüpft; durch sie, nicht durch die
Vorgänge in Frankfurt, ist auch im Grunde das Schicksal der
Einheitsbewegung besiegelt worden, und unsere Erzählung wird
daher zuerst von ihnen ausführlich melden, ehe die Ereignisse
der nationalen Gesamtbewegung zur Darstellung gelangen.
Nun hätte unter den beiden deutschen Großmächten nach
seiner vollen Vergangenheit am ehesten Osterreich für die Fort—
bewegung in Betracht kommen sollen. Allein war diese Ver—
gangenheit gerade in ihren jüngsten Phasen geeignet, dem Kaiser—
staat noch die Führung in diesen Gärungsjahren zu verschaffen?
Noch bestand das Metternichsche Regiment; und Metternich hat
bei den ersten stärkeren Demonstrationen Wiens schleunigst das
Staatsruder aus seiner müden Hand gelegt. Neben ihm aber
gab es in ganz sterreich eigentlich keine Autorität. Kaiser Franz
insbesondere, schwachsinnig und stetiger geistiger Vormundschaft
bedürftig, war eine Anomalie auf deutschen Thronen; wer hätte
mit ihm überhaupt rechnen wollen?
So wandten sich aller Augen nach Berlin; und das Über—
gewicht Preußens war so augenscheinlich, daß es schon um
1840 niemand mehr bestritt, der klaren Blickes die nächste Zu—
kunft der Nation sichtete. Berlin und Preußen aber hieß seit 1840
Friedrich Wilhelnm IV. Denn was man von dem Könige auch
denken und über ihn erzählen mochte: darin waren alle einig,
daß er der Träger des Schicksals nicht nur seines Staates,
sondern seines Volkes in den kommenden Wirren sein werde.
Und empfand der König selbst etwa anders? Metternich,
der, erfahrenen Auges in der Anschauung von Personen,
Friedrich Wilhelm IV. 1842 beim Kölner Dombaufest kennen
lernte, urteilte über ihn: „Es ist in ihm eine eigentümliche
Mischung hervorragender Eigenschaften mit gewissen Fehlern,
zu denen die Leidenschaft gehört, an allem zu rühren und so
zu handeln, daß dabei seine Fähigkeiten zur Darstellung kommen.
Ich fürchte, daß er auf dem Wege ist, alles umzukehren, sein
        <pb n="69" />
        30 F Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Land und ganz Deutschland“. Und schon 1840, gelegentlich
der Huldigung der märkischen Stände, hatte der König selbst
zu diesen geäußert: „Wollen Sie mir helfen und beistehen, die
Eigenschaften immer herrlicher zu entfalten, durch welche Preußen
den Großmächten der Erde zugesellt ist? Nämlich Ehre, Treue,
Streben nach Licht, Recht und Wahrheit, Vorwärtsschreiten in
Altersweisheit zugleich und heldenmütiger Jugendkraft? Wollen
Sie in diesem Streben mich nicht verlassen noch versäumen,
sondern treu mit mir ausharren durch gute wie böse Tage,
o! dann antworten Sie mir mit dem klarsten, schönsten Laute
der Muttersprache, antworten Sie mir ein ehrenfestes Ja!“
So schien denn alles gegeben: ein guter Wille der Nation,
ein instruktives Hinstreben zu neuen staatlichen Zielen und ein
trefflicher, selbstbewußter Fuhrer: da mußte wenigstens in Preußen
zunächst ein glänzender Aufschwung des inneren Staatslebens
erfolgen.
In der Tat begann die Regierung Friedrich Wilhelms IV.
in Preußen zunächst mit einer Reihe innerer Reformen und
entgegenkommender Maßregeln gegenüber Personen, die in den
Zeiten Friedrich Wilhelms III. ungerecht gelitten hatten. Und
wenn auch der Eindruck kein ganz reiner war, wenn auch die
Männer in der Umgebung des Königs, von Rochow, von Ger—⸗
lach, von der Gröben dem Liberalismus fernstanden, wenn
weiter die Ernennung des tapferen, aber bureaukratischen Eich⸗
horn zum Kultusminister, die Berufung Hassenpflugs in das
Obertribunal, die Maßregelung des Dichters Hoffmann von
Fallersleben! ganz andere Möglichkeiten zeigten und eben das
Schillernde sich bald als Charakter des neuen Regimes ergab:
so überwogen doch anfangs volkstümliche Maßregeln. Am
10. August 1840 erfolgte eine allgemeine Amnestie für Hoch⸗
verrat, Majestätsbeleidigung und politische Verbrechen; im
Jahre 1841 erschien ein Erlaß über die Grenzen der Zensur,
der deren Handhabung milder ordnete; ihm folgte 1842 gar
die Aufhebung der Zensur für alle Druckschriften über zwanzig

S. Bd. X S. 311.
        <pb n="70" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 61]

Bogen, und im Februar 1848 die Einsetzung eines Oberzensur⸗
—EDDDDDD0
Instanzen. Und was mehr war: diesen Maßregeln liefen
Erwägungen über die langsame Einführung von ständischen
Vertretungen parallel. Ein erster Schritt geschah in dieser
Richtung durch die Verordnung über die ständigen Ausschüsse der
Provinziallandtage vom 21. Juni 1841. Danach sollte jeder
Provinziallandtag zwölf seiner Mitglieder in einen ständigen
Ausschuß deputieren. Diese Ausschüsse aller Landtage sollten
dann in Berlin gemeinsam tagen und in gegenseitigen Gedanken⸗
austausch über solche gesetzgeberische Maßregeln treten, die in
mehreren Provinzen zugleich in Frage ständen.
Allein diesen guten Anfängen, die schon seit 1842 durch
eine immer mehr zurückhaltende Politik beeinträchtigt wurden,
folgte gegen 1844 ein völliger Umschwung. Im Beginn des
Jahres 1844 erschien ein Gesetz, das die Richter nach gewissen
Seiten der königlichen Disziplinargewalt unterordnete, also die
Unabhängigkeit des Richterstandes antastete; seine Bestimmungen
zeigten wohl zuerst die Spuren einer schrofferen Haltung.
Stärker traten diese dann auf nach dem tollen Attentat des
Bürgermeisters Tschesch gegen den König (26. Juli 1844) und
nach den Ausschreitungen der notleidenden schlesischen Weber,
da diese Ärmsten dem Könige als aufrührerisch geschildert
wurden. Und vor allem war es die Geneigtheit des Königs,
auf dem Wege ständischer Konstitution des Staates vorwärts
zu schreiten, die durch diese Einflüsse erschüttert wurde; von
Wirkung waren hierauf wohl auch die Erfahrungen, die man
mit der evangelischen Generalsynode des Jahres 1846 und deren
Uneinigkeit machte, wie der Druck der äußeren Lage, die nun
schon altgewohnte Abhängigkeit von sterreich und Rußland,
den absoluten Monarchien des europäischen Ostens.
Gleichwohl gab es einen Umstand, der den König auf
ständischem Wege vorwärts drängte auch wider Willen. Ein
Gesetz vom Jahre 1820 gestattete Staatsanleihen nur unter
Zustimmung der künftigen Landesvertretung. Es erwies sich
jetzt aber als dringlich, für politisch und strategisch unbedingt
        <pb n="71" />
        b2 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

notwendige Eisenbahnen Anleihen aufzunehmen. So entschied
sich denn der König für eine Befragung des Landes in dieser
Sache, aber in eigenartiger Weise: er suchte die Bestellung
einer Volksvertretung gleichwohl zu umgehen.
Am 3. Februar 1847 erschien sehr überraschend ein Patent
über die ständischen Einrichtungen. Nach ihm sollten erstens
nicht mehr bloß Ausschüsse, sondern alle Mitglieder der
Provinziallandtage in Berlin, freilich nicht periodisch, sondern
nur je auf königlichen Befehl zu einem Vereinigten Landtage
zusammentreten. Dabei sollten aus ihnen zwei Kurien gebildet
werden, die des Herrenstandes und die der übrigen Stände,
der Ritter, Bürger und Bauern. Beide Kurien sollten sich in
ihren Beratungen nur mit Steuersachen und Anleihen befassen,
jedenfalls nur in ihnen beschließen. Zweitens aber sollten in
Terminen von höchstens vier Jahren die vereinigten Ausschüsse
der Provinziallandtage, die also beibehalten wurden, ebenfalls
in Berlin zu gemeinsamen Sitzungen zusammentreten; und sie
sollten sich vor allem an der Gesetzgebung beratend beteiligen.
Auf Grund dieses Patents trat nun vom 11. April bis
zum 26. Juni 1847 ein erster Vereinigter Landtag zusammen.
Es war, nach Geistesgaben, sittlicher Haltung, Ruhe und Maß—
halten in der Erörterung eine der glänzendsten parlamentarischen
Versammlungen, die Deutschland gesehen hat. Da saßen vor
allem in langen Reihen die Angehörigen des rheinischen und
des westfälischen Provinziallandtages und die Mitglieder der
Landtage von West- und Ostpreußen, derjenigen provinzial⸗
ständischen Körper, die bisher das regste Leben entfaltet hatten,
und aus deren Schoß auch mit die tapfersten und klügsten
Förderer der Einheitsbewegung hervorgegangen sind: die
von Beckerath, Hansemann, Camphausen, Mevissen; die
von Vincke und von Bockum-Dolffs; die von Auerswalb und
von Saucken-Tarputschen.
Gleichwohl konnte der König mit dem Vereinigten Land—
tage nicht auskommen. Der König empfing die Herren mit
einer prächtigen Rede, die aber jede anders geartete Volks—
vertretung als die angeblich vor ihm stehende à limine ablehnte
        <pb n="72" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 63

und noch mehr jede Verfassung abwies: denn er habe seine
Gewalt von Gott, und nie werde er zugeben, daß sich zwischen
unseren Herrgott im Himmel und das preußische Volk ein
beschriebenes Blatt Papier dränge gleichsam als eine Vor—
sehung. Der Landtag erwiderte auf die Rede mit einer Adresse,
in der nur im allgemeinen von der Wahrung der erworbenen
Rechte des Volkes die Rede war. Aber selbst diese Fassung
ertrug der König wenig willig; und noch mehr hatte er sich
über die Linke entsetzt, als sie in der Diskussion der Adresse eine
viel schärfere Formulierung gewünscht hatte. Doch antwortete
er halbwegs gnädig und ganz in seiner persönlichen Art von
Unentschiedenheit: die durch sein Patent geschaffenen Institutionen
seien zwar unantastbar, doch fortbildungsfähig.
Danach begab sich der Landtag an die Beratung des ihm
gemachten Anleihevorschlags. Aber da zeigte sich alsbald, daß
er sich für die Bewilligung einer Anleihe nicht kompetent hielt:
denn er sah sich nicht als das nach dem Gesetze von 1820 hier⸗
für bestimmte Organ des Volkes an.
Damit war der Zweck, den der König mit der Einberufung
des Landtages hatte erreichen wollen, vereitelt: er schickte den
Landtag nach Hause.
Es fragte sich nach diesem Mißerfolg: Was nun? Ehe
der König darauf zu klarer Antwort gelangte, erfolgten die
revolutionären Bewegungen des Jahres 1848. —
Die ersten revolutionären Vorgänge dieser Zeit auf deutschem
Boden spielten sich aber nicht eigentlich innerhalb des Bundes⸗
gebietes ab, sondern vielmehr in der Schweiz: wie einstens, im
15. und 16. Jahrhundert, das Brüllen der Kühe der Eidgenossen
auf den Almen der Berge als gemeindeutsches Revolutionszeichen
gegolten hatte, so wurden auch jetzt wiederum die Eidgenossen
zuerst lebendig und merkwürdigerweise so, daß sich dadurch vor
allem auch der König von Preußen betroffen fühlte.
Schon seit den dreißiger Jahren war in der Schweiz mit
ihrer disparaten, teils fast naturalwirtschaftlich-agrarischen, teils
industriell⸗ und kommerziell⸗städtischen Bevölkerung der Gegen⸗
satz zwischen konservativ und liberal oder radikal weit stärker
        <pb n="73" />
        64 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

als im Bundesgebiete gewachsen. Und bei dem katholischen
Bekenntnis der agrarischen Kantone hatte er sich mit dem von
klerikal und antiklerikal verschmolzen und war bald zu einer
feindseligen Gruppenbildung nach Kantonen entartet. Das führte
dann schließlich zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen
beiden Gruppen. Auf der einen Seite stand der klerikale Sonder—
bund, die drei Waldstätten Schwyz, Uri, Unterwalden, weiter
Luzern, Zug, Freiburg und Wallis, auf der anderen die anderen
Kantone. Indes wurden die Sonderbundskantone rasch von
dem Heere der anderen Kantone unter General Dufour über—
wunden, 4. November bis 1. Dezember 1847.
Darauf gaben sich alle Kantone gemeinsam eine neue Ver—
fassung, wonach Bundeshoheit und höchste Gewalt überhaupt
einer Bundesversammlung zufielen, die aus dem Nationalrat
als einer Vertretung des gesamten Schweizervolkes und dem
Ständerat als einer Vertretung der Kantone zu bilden war.
Es war ein unzweideutiger Sieg des Liberalismus; es war
zugleich auf europäischem Boden die erste energische Fortbildung
einer bundesstaatlichen Verfassung zum Zentralismus.
Da versteht sich denn leicht, daß dieser Abschluß der
schweizerischen Wirren in den Ländern des Deutschen Bundes
nicht geringen Eindruck machte: auch in ihnen und in den
Wünschen und Kämpfen ihrer Bevölkerung handelte es sich ja
um liberale Verfassung und nationale, vermutlich in föderativen
Formen zu entwickelnde Einheit.
Sahen aber die Preußen und Preußens König auf die
Entwicklung der schweizerischen Wirren noch mit besonderem
Auge, so hing das mit der unmittelbaren Nachbarschaft zu—
sammen, mit der der preußische König von der oranischen Erb—
schaft her als Fürst von Neuchatel an die Kantone der Eid—
genossen grenzte. Wie mußte es da nun Friedrich Wilhelm IV.
schmerzen, als, noch vor den preußischen und Berliner Revolutions⸗
tagen, am 1. März 1848 in dem Fürstentum Neuchatel eine
namentlich von den Fabrikanten geführte demokratische Revolution
ausbrach und das Land, ohne auf die Rechte des Königs von
Preußen weiter zu achten, der Eidgenossenschaft als einen neuen
        <pb n="74" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 65

Kanton zuführte. Es war einer der Momente, die Friedrich
Wilhelm IV. nie vergessen hat, und die seinen Groll gegen
alles, was Volksbewegung hieß, schon früh zu verstärken ge—
eignet waren.
Inzwischen aber war es, seit Ende des Jahres 1847, das
mit seiner schweren Teuerung namentlich auch die unteren
Klassen erregt hatte, schon allenthalben in Deutschland lebendig
geworden. „Die Bourgeoisie fühlte ihre Kraft und war ent—
schlossen, nicht länger die Fesseln zu ertragen, mit denen ein
feudaler und bureaukratischer Despotismus ihre Handelsgeschäfte,
ihre industrielle Leistungsfähigkeit, ihr gemeinsames Haudeln
als Klasse einschnürte; ein Teil des Landadels hatte sich so weit
in Produzenten von Waren für den Markt verwandelt, daß
er die gleichen Interessen mit der Bourgeoisie hatte und sich
ihr anschloß; das Kleinbürgertum war unzufrieden, murrte
über die Steuern, über die Hindernisse, die seiner geschäftlichen
Tätigkeit in den Weg geworfen wurden, besaß aber kein be—
stimmtes Programm von Reformen, die versprachen, seine
Stellung in Staat und Gesellschaft zu sichern; die Bauern—
schaft wurde niedergedrückt teils von feudalen Lasten, teils von
den Anforderungen der Wucherer und Advokaten; die Arbeiter
in den Städten waren ergriffen von der allgemeinen Un—
zufriedenheit, haßten in gleicher Weise die Regierung und die
großen Kapitalisten und verfielen der Ansteckung durch sozia—
listische und kommunistische Ideen; kurz, die Opposition bildete
eine heterogene Masse, die von den verschiedensten Interessen
getrieben, aber mehr oder weniger von der Bourgeoisie geführt
wurde.“ Es ist eine der knappsten Schilderungen der Lage,
die, gewiß nicht ganz ohne Voreingenommenheit und wesentlich
von den westdeutschen Zuständen ausgehend, doch im ganzen
schon entschieden mit historischem Sinn, wenn auch ein wenig
von seiner Geschichtstheorie beeinflußt, Karl Marx schon 1851
auf 1852 in seinen Aufsätzen über Revolution und Konter—
revolution gegeben hat.
Diese Stimmungen mußten sich überall in Gewalttaten
auslösen, wo sie noch durch'besondere Umstände geschürt wurden,
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 1. 5
        <pb n="75" />
        z6 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

und führten selbst da zum Aufstand, wo stärkere militärische
Kräfte zu ihrer Unterdrückung bereit schienen. Das bezeichendste
Beispiel hierfür bot vielleicht Bayern. In Bayern hatte es
schon 1847 bedenklich gegärt, jetzt kam es, in den ersten Monaten
des Jahres 1848, in München zu Tumulten, deren Rumor
namentlich von den Studenten unter Anschürung durch die
Klerikalen unmittelbar gegen König Ludwig J. und dessen un⸗
würdige Geliebte, die spanische Tänzerin Lola Montez, genährt
wurde. Und die Aufständischen setzten ihren Willen durch;
Lola mußte sich zurückziehen, die „Gräfin“ wurde wieder zu
der Abenteurerin, die sie gewesen, und ist später, 1861, einsam
in einem Krankenhause bei Neuyork gestorben. König Ludwig
aber wandte der undankbaren Welt entrüstet den Rücken, stieg
herab vom Thron und erhielt als seinen Nachfolger den fein—
sinnigen König Max.
Was aber die allenthalben verbreitete revolutionäre Stim—
mung noch besonders stärkte und zur Tat ermutigte, das waren
die Nachrichten, die von der Pariser Februarrevolution ein—
trafen. War man doch gewöhnt, in so vieler Hinsicht politisch
auf Frankreich zu blicken. Gegen Ende Februar 1848 begann
diese Bewegung, und vor allem die kleinen Regierungen sind
ihr zum Opfer gefallen.
Am besten kam man dabei noch in den Staaten aus, in denen
in leidlich freien Volksvertretungen Organe für die Geltend—
machung von Bitten und Beschwerden gegeben waren, so in
Baden, in Württemberg, in Sachsen; hier wurden Preßfreiheit,
Schwurgerichte, Aufhebung der Feudallasten und Verwandtes
verlangt und meistens ohne viel Schwierigkeiten durchgesetzt.
Zugleich traten dabei fast überall Ministerwechsel in liberalem
Sinne ein. Äürger ging es dagegen in einer Reihe kleiner
Fürstentümer von zumeist weniger entwickelten Verfassungen
her; in ihnen trat zeitweilig eine völlige, freilich aber oft bei⸗
nahe gemütliche Anarchie ein. Der Grund hierfür war, daß
die fürstlichen Gewaltigen hier mit ihren geringen Kräften isoliert
dastanden und sich daher gar nicht oder nur in gelegentlich
recht komischer Weise zu helfen wußten: denn überall tobte fast
        <pb n="76" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 67

gleichzeitig der Aufruhr, und am wenigsten vermochten etwa
der Bundestag oder die deutschen Großmächte zu helfen: denn
sie waren selbst zur Genüge beschäftigz.
Natürlich haben dabei diese kleinen Revolutionen im Grunde
nichts entschieden; sie sind nur symptomatisch für die fast völlige
Allgemeinheit der Bewegung. Das Schicksal der Revolution
als eines Ganzen hing von den Vorgängen in Wien und Berlin
und aus schon dargelegten Gründen vor allem von dem Ver—
laufe der Berliner Ereignisse ab.
In Berlin, das schon längere Zeit hindurch nicht mehr
ganz ruhig war, wurden wichtigere Vorgänge dennoch erst
durch die Nachrichten aus Paris und später auch von Wien her
ausgelöst.
Die ersten Nachrichten vom Sturze des französischen Juli—
königtums trafen hier schon am 27. Februar ein; allgemein
bekannt wurden sie aber erst tags darauf: und alsbald riefen
sie eine weitgehende Beunruhigung hervor!.
Es war zu einer Zeit, da die Regierung, auf Anregung
von Radowitzens vornehmlich, ernstlich an eine Bundesreform
und damit an Reformen auch für Preußen dachte; man hatte mit
Osterreich zu verhandeln begonnen; am 2. März reiste Radowitz
nach Wien ab. Am 10. März konnte er von dort berichten,
daß seine Anträge angenommen seien: „Das hiesige Kabinett
hat denselben durchweg zugestimmt, freilich nicht ohne lebhaftes
Andrängen, da die Berufung auf nationale Gedanken und
Institutionen hier doch noch immer etwas Fremdes ist.“ Am
25. März sollte in Dresden ein Fürstenkongreß zur Beratung
der Bundesreformen zusammentreten. Rußland, von Preußen
befragt, erklärte sich mit diesem Vorgehen einverstanden, ja
wünschte Eile.
In Preußen selbst ging man verwandte Wege. Am 6. März
entließ der König die Ausschüsse des Vereinigten Landtages

ich ei ; sie soll dazu dienen,
Die folgende Schilderung ist ziemlich inaehent e u —*
den Typus gleichsam der revolutionären en enn bn e
8 und dem politisch schließlich wichtiaste
waärtigen.
        <pb n="77" />
        58 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

unter Zusage einer periodischen Einberufung des Landtags;
am 8. März wurde eine Reform des Preßgesetzes verheißen.
In diesen Tagen etwa machte sich der König auch mit dem
Gedanken vertraut, daß eine Konstitution nicht mehr zu um—
gehen sei. Am 14. März wurde der preußische Landtag wiederum
zum 27. April nach Berlin einberufen: bis dahin hoffte man
die Ergebnisse des Fürstenkongresses von Dresden vor sich zu
haben.
Aber alle diese Maßregeln und Sinnesänderungen kamen
—DDDDDDDD frühere Ein—
berufung des Landtags; schon am 6. März hatte unter den
Zelten, am Rande des Tiergartens, eine erste Volksversammlung
stattgefunden, um eine Adresse an den König zu erörtern;
wenige Tage darauf wurden solche Versammlungen häufiger
und erregter; am 10. März war schon Militär aufgeboten
worden, um Straßendemonstrationen zu unterdrücken, die sich
mit ihnen verknüpften.
Nun wäre der Verlauf vielleicht, trotz alles Zögerns der
Regierung, doch noch friedlich gewesen, denn die weitaus über—
wiegende Mehrheit der Bevölkerung vertraute noch blindlings dem
König. Aber die Neigung des Züngleins an der Wage wurde bald
empfindlich durch das Eingreifen des Militärs bestimmt: und
auch in anderen als radikalen Kreisen schuf es durch sein brüskes
Auftreten eine kaum wieder zu beseitigende Erbitterung.
Am Abend des 15. März war man, nun auch unter An—⸗
reizung durch fremde Aufhetzer, namentlich eine Anzahl von
revolutionserfahrenen Polen, so weit, daß Ulanen den Schloß⸗
platz von der demonstrierenden Menge fäubern mußten, daß
Barrikaden gebaut wurden, daß die ersten Schüsse fielen. Es
war der Moment etwa, da man von der Revolution in Wien
am 13. März, vom Sturze Metternichs und vom Versprechen
einer österreichischen Verfassung vernahm: noch höher schwoll
dadurch die Strömung des Widerftands. Es wurde zwar noch
ein Ausgleich zwischen der Bürgerschaft und der Militärpartei
durch die Einrichtung bürgerlicher Schutzkommissionen gesucht:
aber vergebens; neue, unverantwortlich schneidige und ganz
        <pb n="78" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 69

unangebrachte Formen militärischen Vorgehens hoben den an—
fangs günstigen Eindruck wieder auf.
Mit dem 18. März etwa begannen dann die Ereignisse,
die in der Überlieferung so wirre Bilder hinterlassen haben,
daß sie im einzelnen nicht mehr mit vollsier Sicherheit fest⸗
gestellt werden können; unkontrollierbare Gerüchte von Ge—
schehenem und Geplantem durchschwirrten die Luft; und zu⸗
meist überaus unglückliche Zu— und Zwischenfälle haben den
ferneren Verlauf der Revolution in den nächsten, den Haupt—
tagen bestimmt.
Am 17. März abends hatte eine Ministerialsitzung Zu⸗
geständnisse beschlossen, die in ruhigen Zeiten jeden weiteren
Zwischenfall ausgeschlossen haben würden: der König wollte
jetzt für einen deutschen Bundesstaat mit gesamtdeutscher Ver—
tretung, gemeinsamer Wehrverfassung, gemeinsamem Heimats—
recht, Freizügigkeit, Preßfreiheit, gleichem Maß, Münzfuß und
Gewicht eintreten; für Preußen wurde die Aufhebung der
Zensur verfügt und der Landtag auf den 2. April einberufen.
In der Tat machte das Patent mit diesen Konzessionen,
das im Verlaufe des 18. März veröffentlicht wurde, den aller—
besten Eindruck; als der König sich auf dem Schloßbalkon
zeigte, wurde er von der nach mehreren Tausenden zählenden
Menge vor dem Schlosse mit brausendem Jubel begrüßt.
Aber der Anblick des verhaßten Militärs im Schloßhofe
veranlaßte einen raschen Umschlag der Stimmung. „Könne man
an die Aufrichtigkeit des Königs glauben, solange er sich so
beschützen lasse?“ Der Abzug der Truppen wurde gefordert.
Als die Menge darüber erregter wurde, benutzte die Militär—
partei die gleichzeitige Abwesenheit des Kommandierenden, des
Generals von Pfuel, um das Kommando einem der Ihrigen,
dem energischen General von Prittwitz, übertragen zu lassen:
und dieser begann nun die Menge vom Schloßplahe zurück—
zudrängen. Es geschah anfangs nur mit Reiterei; mit beifälligem
Hurra wurde es noch von der Menge begrüßt, als Prittwit
dem Vordringen einiger Kompagnien Infanterie abwinkte. Und
schon wich man zurück: da rückte ein Zug Infanterie mit Ge—
        <pb n="79" />
        70 — Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

wehr fertig zur Zerstreuung letzter Gruppen vor; es fielen durch
Zufall zwei Schüsse: und die Situation war gänzlich verändert.
Die Massen schrien jetzt Verrat; der König lasse auf sie
schießen; „die Wut der unbewaffneten Bürger war unbeschreiblich;
sie waren drauf und dran, mit den Händen in die Gewehre zu
greifen. Unter ihnen befanden sich keinerlei solche Gestalten,
wie sie ein paar Stunden später zu sehen waren. Alle gehörten
den besten Ständen an; die Mehrzahl war eben erst als Schutz⸗
männer tätig gewesen“.
Es war der Augenblick des Umschwungs. Umsonst ver⸗
suchten noch einige wenige angesehene Bürger zu vermitteln;
das Pflaster wurde aufgerissen, Wagen umgestürzt, rasch ent—
standen Barrikaden. Wenige Stunden später war die Stadt
mit ihren 420000 Einwohnern im Aufstand; und niedere Ele—
mente begannen einzugreifen.
Prittwitz versuchte jetzt wenigstens das Schloß in einem
Umkreise von etwa drei Kilometern von Aufständigen zu säubern.
Mit 14000 Mann und 36 Kanonen ging er gegen 4 Uhr nach—
mittags vor; bis Mitternacht, bei hellem Vollmondscheine, hatte
er sein Ziel fast erreicht.
Da ertrug der König das Schießen in seiner nächsten Nähe
nicht länger. Tief erschüttert, schließlich fassungslos sah er
das Volk im mörderischen Streite mit seinem angestammten
Herrscher. Prittwitz, der in diesem Momente vor ihm erschien,
fand bei ihm für die Schwierigkeiten der Situation im einzelnen
kein Interesse mehr; schließlich erhielt er nur im allgemeinen
den Befehl, den eroberten Teil der Stadt zu halten und zu
verteidigen. Als er den König verließ, sah er ihn an den
Schreibtisch gehen: was der König nun schrieb, war das Kon—
zept zu der Proklamation „An meine lieben Berliner“. In
ihr forderte er dazu auf, zum Frieden zurückzukehren und die
Barrikaden zu räumen, und verpfändete er sein königliches
Wort dafür, daß danach die Truppen zurückgezogen werden
würden. „An euch, Einwohner meiner geliebten Vaterstadt, ist
es jetzt, größerem Unheil vorzubeugen. Erkennt, euer König und
treuester Freund beschwört euch darum bei allem, was euch
        <pb n="80" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 71

heilig ist, den unseligen Irrtum! Kehrt zum Frieden zurück,
räumt die Barrikaden, die noch stehen, hinweg, und entsendet
an mich Männer, voll des echten, alten Berliner Geistes, mit
Worten, wie sie sich eurem Könige gegenüber geziemen, und ich
gebe euch mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze
sogleich von den Truppen geräumt werden sollen und die
militärische Besetzung nur auf die notwendigen Gebäude, des
Schlosses, des Zeughauses und weniger anderer, und auch da
nur auf kurze Zeit beschränkt werden wird. Hört die väter—
liche Stimme eures Königs, Bewohner meines treuen und
schönen Berlins, und vergesset das Geschehene, wie ich es ver⸗
gessen will und werde in meinem Herzen, um der großen Zu—
kunft willen, die unter dem Friedenssegen Gottes für Preußen
und durch Preußen für Deutschland anbrechen wird.“
Die Proklamation erschien in der Frühe des Neunzehnten.
Und im Verlaufe des Morgens dieses Tages gelang es mehreren
Anregungen aus der Bürgerschaft anscheinend, den König dahin
ins Schwanken zu bringen, ob er sich nicht, statt der Obhut
des Militärs, lieber dem Schutze der Bürger anvertrauen
wolle; als General Prittwitz den König um 10 Uhr zur Be—
sprechung weiterer militärischer Maßregeln sah, fand er ihn
„in einen gänzlich teilnahmlosen Zustand versunken“ und zu
jedem Entschlusse unfähig.
Da kam eine weitere, vom Bürgermeister Naumeyer ge⸗
führte Deputation von Bürgern, meldete die Einebnung von
drei Barrikaden, gestand zu, daß sich Berlin vergangen und
das Militär gesiegt habe, verpfändete aber zugleich ihr heiligstes
Wort, daß, wenn die Truppen verschwänden, Ruhe und Ordnung
sofort zurückkehren und das dankbare Volk die Gnade und das
Vertrauen Seiner Majestät rechtfertigen werde. Dieser Depu—⸗
tation ließ der König anscheinend die volle Gewährung ihrer
Bitten verkundigen; mit Tränen in den Augen und hocherfreut
empfingen sie die Nachricht.
Darauf, bald nach 11 Uhr beginnend, zogen die Truppen
mit klingendem Spiel vor das Schloß und erhielten den Be—
fehl zum Abmarsch in ihre Kasernen und Quartiere.
        <pb n="81" />
        72 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Aber kaum waren sie abgezogen, gegen 12 Uhr etwa, da
brach das Volk vor, drängte die sieben Kompagnien zurück⸗
gebliebener Schloßbesatzung zurück und erzwang den Eingang
in den Schloßhof. Dabei war es nicht etwa die Hefe des
Volkes, die vorwärtsging; ehrenwerte Bürger zumeist strömten
ein. Und kaum hatte sich die Menge des Schloßhofes be—
mächtigt, so begann ein erster Wagen mit Leichen gefallener
Barrikadenkämpfer in ihn einzufahren, dann folgte ein zweiter
Wagen mit blumengeschmückten Leichen, bald weitere.
Es war eine bizarre Szene; der König mußte sich zeigen;
auf den Ruf „Mütze ab!“ entblößte er sein Haupt vor den Ge⸗
fallenen; die Menge sang „Jesus meine Zuversicht“.
Der König war in der Hand des Volkes; zwischen 2 und
3 Uhr genehmigte er die Einrichtung einer Bürgerwehr, für
die gegen 6000 Gewehre ausgegeben wurden; gegen 5 Uhr
übernahm die Schützengilde die Wache am Schlosse; abends
war die Stadt illuminiert.
Die Militärpartei nährte bitteren Groll; der Prinz von
Preußen floh am 20. aus Berlin; Gerlach hat die Vorgänge
als die Avilierung des Königtums und der Armee bezeichnet.
Ließ sich aber der weitere Verlauf der Ereignisse in dem
Bette, das sie sich nun einmal gegraben hatten, aufhalten? Der
21. März brachte den Umritt des Königs durch Berlin mit
schwarzrotgoldener Binde inmitten einer jubelnden Bevölkerung
und das volle Bekenntnis zu den nationalen und liberalen
Forderungen; der 22. das Begräbnis der gefallenen Barrikaden—
kämpfer. Würdig, ernst, aber in voller Offenheit bewegte sich
der Zug mit den 183 Särgen vor dem Schlosse vorbei, und
der König erschien in Uniform und entblößten Hauptes auf
dem Balkon. Die achtzehn gefallenen Soldaten dagegen wurden
in der Frühe des 24. still, fast heimlich beerdigt.
Vergebens suchte nach alledem der König am 25. in einer
Audienz der Offiziere in Potsdam die Sympathien der Armee
wiederzugewinnen; am 22. hatte Roon geschrieben, der Eifer
sei am Ersterben; alles gehe mit knirschenden Zähnen umher.
Inzwischen hieß ein liberales Ministerium mit Ludolf Camp⸗
        <pb n="82" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 73

hausen, Alfred von Auerswald, dem Grafen Schwerin und
dem Freiherrn Heinrich von Arnim als Ministern eine neue
Wahlordnung für eine „Versammlung zur Vereinbarung der
preußischen Staatsverfassung“ gut, und die hiernach gewählte
Versammlung trat im Juni in Berlin zusammen. Allein sie
zeigte sich ihrer Aufgabe in keiner Weise gewachsen. Die hervor⸗
ragendsten Geister des Landes wohnten in diesem Augenblicke
der Frankfurter Nationalversammlung bei; was in Berlin tagte,
geriet bald unter die Herrschaft des Pöbels, der seine Gewalt
am 14. Juni durch die schmähliche Erstürmung des Zeughauses
bewies.
So kam man nicht vorwärts, bei wichtigeren Beratungen
umstellten wohl Pöbelhaufen den Beratungssaal und erzwangen
hnen genehme Beschlüsse. Am 21. Oktober endlich begann die
Beratung des vorgelegten Verfassungsentwurfs, aber sie führte
sofort zu unerhörten Szenen. Die Linke bekämpfte die Be—
nennung „König von Preußen“ und die Formel „von Gottes
Gnaden“.
Gegenüber alledem wußten sich die rasch wechselnden libe⸗
ralen Ministerien nicht zu helfen; es war ein Zustand völliger
Ratlosigkeit.
Da berief der König ein energisches Ministerium, das so⸗
genannte Ministerium „der rettenden Tat“, 9. November 1848.
Es bestand aus dem Grafen Brandenburg als Präsidenten;
als Minister des Innern trat Otto von Manteuffel ein; schon
vorher hatte Wrangel das Generalkommando in den Marken
übernommen. Und vergebens protestierte die konstituierende Ver⸗
sammlung gegen dieses Ministerium, dessen ihr ungünstige Ge⸗
sinnung sie nicht minder fürchtete wie seinen entschiedenen Willen.
Das Ministerium verlegte die Sitzungen der Versammlung nach
Brandenburg, „um ihre Beratungen vor dem Schein der Ein—
schüchterung zu bewahren“, und vertagte sie einstweilen bis zum
27. Rovember. Als darauf die Versammlung gleichwohl weiter
tagte, wurde sie von Graf Wrangel militärisch vom Sitzungshause
 fern gehalten, bis sie in sich zugrunde ging. Auch mit
der Aufforderung an das Land, die Steuerzahlung zu ver⸗
        <pb n="83" />
        Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

weigern, vermochte sie den passiven Widerstand außerhalb
Berlins nicht nachhaltig zu entfesseln. In Berlin selbst aber
wurde die Bürgerwehr aufgelöst, das Volk entwaffnet, alle
Vereine und Klubs geschlossen, kurz die Ruhe wiederhergestellt.
Darauf löste der König unterm 5. Dezember 1818 die
konstituierende Versammlung auf und erließ von sich aus eine
Verfassung, in der er sich ziemlich eng an den der Versammlung
vorgelegten Entwurf anschloß. Sie war sehr liberal, und
ganz besonders galt dies auch von dem Wahlgesetze zur
Kammer. Im ganzen war man in Bürgerkreisen mit diesem
Abschluß der Verfassungswirren im „tollen Jahr“ 1848 zu⸗
frieden.
Indes die neue Verfassung bedeutete noch nicht das Ende
aller Schwierigkeiten, wenngleich mit dem Jahre 1849 für
Preußen wieder fast völlige Ruhe eintrat.
Die nach der Wahlordnung der neuen Verfassung gewählten
Kammern, die am 26. Februar 1849 zu Berlin zusammen⸗
traten und die Verfassung einer Revision unterziehen sollten,
erzeigten sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Die erste Kammer
war allerdings im Kern sogar konservativ; die zweite dagegen
bestand aus einer starken Minorität von Radikalen und aus
einer diese nur um wenige Stimmen überragenden Mehrheit
von Feudalen, Konservativen und Gemäßigten, die von ihrem
Führer von Vincke nur mühsam zusammengehalten werden
konnte. In dieser Lage kam man nicht weiter; und mehrere
mißliche Debatten veranlaßten das Ministerium, am 27. April
die erste Kammer zu vertagen, die zweite aufzulösen.
Die Neuwahlen wurden nunmehr nach einer neuen
oktroyierten Wahlordnung vorgenommen, die das in Preußen
im wesentlichen noch heute geltende Dreiklassenwahlsystem
brachte; und die Radikalen enthielten sich der Abstimmung. Das
Ergebnis war infolgedessen der Regierung günstig; die neue
Kammer war zahm. Mit ihr wurde nun endlich eine definitive
Verfassung vereinbart, am 81. Januar 1850. Beschworen wurde
sie vom Könige am 6. Februar 1830. Es war die im wesent—
lichen noch heute geltende Verfassung.
        <pb n="84" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 75

Ist diese Verfassung auch nicht so liberal wie die vom
5. Dezember 1848, so war doch kein Zweifel, daß Preußen
mit ihr in die Reihe der konstitutionellen Staaten eintrat. Die
allgemeinen Grundrechte sind ziemlich freigebig aufgezählt:
persönliche Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, keine sozialen
Vorzugsrechte einzelner Stände, Freiheit der wissenschaftlichen
Lehre und des religiösen Bekenntnisses, freie Zugänglichkeit
aller Staatsämter, Sicherstellung freier Rechtssuchung; dazu
Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit in mäßigen Grenzen.
Die Volksvertretung zerfällt in ein Herrenhaus und ein Ab—
geordnetenhaus. Das Herrenhaus besteht nach seinem Ausbau
in den fünfziger Jahren aus erblichen Mitgliedern, die dem
königlichen Hause und den hochadligen Familien angehören, aus
bräsentierten Mitgliedern historisch wichtiger Verbände des
Grundbesitzes, der Wissenschaft, des Bürgertums und aus vom
König lebenslänglich ernannten Mitgliedern. Das Abgeordneten—
haus setzt sich aus indirekt gewählten Abgeordneten zusammen;
vahlberechtigt ist jeder unbescholtene volljährige Preuße. Ge—
wählt wird zunächst nach drei, nach dem Vermögen abgestuften
Klassen; und zwar werden diese Klassen innerhalb der kleinen
Wahlbezirke so gebildet, daß auf jede Klasse ein Drittel der
Gesamtsumme aller Steuerbeträge der Wähler fällt. Es wählen
dann alle drei Klassen gleichviele Wahlmänner: und die Wahl—
männer eines Wahlkreises wählen einen Abgeordneten. Die
Mitglieder des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses sind
für ihre Außerungen im Parlament unverantwortlich, ebenso
für ihre Abstimmungen.
Die Macht der Kammern ist wesentlich begrenzt durch
energisch betonte Rechte des Königs.
Der König ist unverletzlich; ihm steht die vollziehende Ge—
walt zu; er kann das Abgeordnetenhaus auflösen, er beruft
die Kammern, er schließt Frieden und erklärt Krieg, er hat
den Oberbefehl über Heer und Marine, er beruft und entläßt
die Minister, die indes den Kammern verantwortlich sind; er
ernennt alle anderen Beamten, und er verkündigt die Gesetze.
Mit dieser Verfassung waren in Preußen der Hauptsache

*
————
* 3
        <pb n="85" />
        76 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes LKapitel.

aach alle Freiheiten gegeben, wie fie die konstitutionelle Be—
wegung der vierziger Jahre aufgefaßt hatte. Freilich fehlten
damit wesentliche Garantien wahrer Freiheit, wie die trotz der
Verfassung mögliche Reaktion der fünfziger Jahre beweisen
sollte. Sie zu schaffen blieb späteren Zeiten vorbehalten.
Anders verlief und weit weniger zu klarem Abschlusse führte
die Revolution in Osterreich.
Nirgends mußten zunächst die Wellen der revolutionären
Bewegung der vierziger Jahre stärkere Brandung erzeugen als
in der habsburgischen Monarchie. Auf den Legitimismus ge⸗
gründet, hatte die Zentralregierung hier Forderungen fast aller
Nationalitäten des Reiches entgegenzutreten, die beinahe gleich—
zeitig an sie herantraten: es galt eine deutsche, ungarische,
tschechische, kroatische, italienische revolutionäre Strömung ein⸗
‚udämmen und aufzuhalten.
Diese Aufgabe war um so schwerer zu lösen, als die Re—
gierung Metternichs auch nicht das geringste für sie vorbereitet
hatte, und als Metternich selbst schon im Beginn der ersten
Bewegungen abdankte und fluchtartig nach England entwich.
An seine Stelle ist dann später der energische Fürst Schwarzen⸗
berg, der Retter Osterreichs in diesen schweren Zeiten, getreten.
Doch gelang es schließlich nicht, überall mit eigener Hilfe zurecht
zu kommen; gegen die Ungarn mußte die Hilfe der Russen er—
deten werden.
Die ersten liberalen Forderungen wurden von Wien, von
Prag und von Pest aus angemeldet. Die Ungarn forderten
eine nationale Regierung unter einem Erzherzog⸗Palatin, Ver—
fassungsreform, Steuerminderung und Entlastung von den Bei⸗
trägen zur österreichischen Staatsschuld.
Die Tschechen, bei denen die nationale Bewegung seit den
dreißiger Jahren zunächst von wissenschaftlichen, namentlich
Sprachstudien aus erwacht war, hielten im Juni 1848 unter
der Führung des Historikers Palacky einen Slawenkongreß ab,
um die Bestrebungen aller slawischen Völker Osterreichs gegen
das Deutschtum zu organisieren. Gleichzeitig aber suchten sie
durch einen Handstreich ein tschechisches Königreich Böhmen
        <pb n="86" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 77

zu errichten: doch wurden sie vom Fürsten Windischgrätz, der
Prag beschoß, gedemütigt.
In den Vordergrund rückten indes zunächst die Ereignisse
in Wien. Hier traten im März die österreichischen Stände schon
unter deutlichem Anzeichen politischer Unruhe zusammen; gleich—
zeitig fiel das Vertrauen in die Finanzkraft des Staates, die An—
nahme des Papiergeldes wurde stellenweise verweigert, der Ver—
kehr stockte; die Aufregung nahm von Tag zu Tag zu. Darauf
ergriffen die Studenten die Initiative zu lärmenden Petitionen,
und sofort zeigte sich die ganze Schwäche des Metternichschen
Systems. Der alte Fürst ließ sich eine Konzession nach der
anderen abdrängen; schließlich legte er, am 13. März 1848,
sein Amt nieder.
Nun folgten durchaus verwirrte Zeiten; es zeigte sich, daß
das Volk, bisher in vollster politischer Unwissenheit erhalten,
ganz unfähig war, die neue Zeit als etwas anderes denn als
Tage absoluter Willkür zu begreifen. Es entstand bei voller
Preßfreiheit eine unbedingt revolutionäre Tagesliteratur und
die Vereinsfreiheit wurde mißbraucht. Ein von dem neuen,
liberalen Ministerium ausgearbeiteter Verfassungsentwurf wurde
als längst nicht weit genug gehend kritisiert und gab Anlaß
zu wütenden Aufständen in der zweiten Hälfte des Mai.
Darauf verließ der diesen Vorgängen gegenüber völlig
hilflose Kaiser für längere Zeit Wien und ging nach Innsbruck;
und die zur Beratung der Verfassung berufene National-⸗
bersammlung wurde am 22. Juli vom Erzherzog Johann, dem
Frankfurter Reichsverweser, eröffnet.
Mittlerweile aber war es in Ungarn und Italien zu sehr
ernsten Ereignissen gekommen.
In Italien hatten sich seit Mitte der vierziger Jahre merk—
würdige Wandlungen vollzogen. Nachdem sich, hauptsächlich in
Piemont, eine Literatur ausgebildet hatte, die die politische Frei⸗—
heit im Bunde mit der Kirche suchte, war nach dem Tode Papst
Gregors XVI. Mastai-Ferretti als Pius IX. (1846— 1878) auf
dem Stuhle Petri gefolgt und hatte begonnen, diese Theorien in
die Praxis umzusetzen. Im Kirchenstaate ging damit eine außer⸗
        <pb n="87" />
        78 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes KNapitel.

ordentliche Umwälzung vor sich: er begann ein moderner Staat
zu werden, neben den Priestern gelangten auch die Laien in
höhere Amter. Und gleichzeitig machte der neue Papst nach
außen hin Front gegen den Feind der Einheit Ztaliens, gegen
Osterreich: Auguft 1847.
So wurde denn der Papst zum Abgott Italiens; Einheit
und Freiheit der Nation zugleich schienen sich in ihm erfüllen
zu sollen.
Allein bald darauf erkannte Pius, der in der Verbindung
mit dem Liberalismus nur die Größe der Kirche gesucht hatte,
wie wenig sich diese Absicht in der von ihm gewählten Form
oerwirklichen ließ; er zog sich von der nationalen und liberalen
Bewegung zurück und machte seinen Frieden mit dem Todfeind
derselben, mit Österreich: 29. April 1848.
Inzwischen war es aber in den anderen Staaten Italiens
zu Revolutionen gekommen, so in Sizilien und Neapel Ende
1847 und Anfang 1848; ähnlich etwas später in Toskana,
Parma, Modena. Parma und Modena lehnten sich dabei an
Osterreich an; Osterreich aber erklärte in der Lombardei am
22. Februar 1848 den Kriegszustand, um die von Süden
herübertretende Bewegung aufzuhalten.
Diese fand jetzt aber ihren festen Hort in Piemont. König
Karl Albert, dieser so in mannigfachen Farben schillernde, ehr—
geizige Fürst, war jetzt willens, die Einheit Italiens unter seiner
Krone, die das Ziel aller seiner Träume war, mit Hilfe der
revolutionären Verbindungen durchzuführen. Hierzu bedurfte
es vor allem der Vertreibung der Hsterreicher aus Oberitalien.
Und so knüpfte er mit den nationalen Kräften in Venedig und
in der Lombardei Verhandlungen an, die auf die Begründung
eines oberitalienischen Königreiches der Dynastie Savoyen
hinausliefen, und überschritt mit seinen Truppen ohne Kriegs⸗
erklärung die österreichische Grenze: April 1848.
Es kam nun zu heißem Kampfe zwischen den Oberitalienern,
denen von Süden her massenhaft Freischaren zuströmten, und
den Osterreichern unter dem greisen Feldmarschall Radetzky.
Der Feldzug verlief den Italienern anfangs günstig; seit Juni
        <pb n="88" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 79

1848 aber neigte sich der Sieg auf die Seite Hsterreichs; ent⸗
scheidend war der Sieg Radetzkys bei Custozza, am 25. Juli 1848;
nach ihm kam es in Vigevano zu einem Osterreich günstigen
Waffenstillstand: 9. August 1848.
Gleichwohl konnten die Verhältnisse in Italien für Öster—
reich keineswegs schon als befestigt gelten; der alte Einfluß
war noch längst nicht wiederhergestellt.
Erheblich ungünstiger aber verliefen die Dinge für die
habsburgische Monarchie in Ungarn. Hier waren die Forde⸗
rungen der Ungarn, die in der Herstellung bloßer Personal⸗
union gipfelten, im ersten Drange der Not gewährt worden;
und ein liberales Ministerium unter Graf Batthyanyi war ans
Ruder gelangt, in dem bald der Advokat Ludwig Kossuth die
Hauptrolle spielte. Allein nun zeigte sich, daß die Ungarn in
threm nationalen Drange mit den anderen Rationen der öst⸗
lichen Reichshälfte in den stärksten Widerspruch gerieten, mit
den Siebenbürger Sachsen, den Rumänen und namentlich den
Südslawen: Kroaten, Slawoniern und Grenzern. Diese wünschten
ein eigenes kroatisch-slawonisch-dalmatisches Königreich und
hrachten in dieser Richtung Bitten am Wiener Hofe vor.
Es war eine Lage, die man in Wien dazu benutzte, die
Südslawen gegen die Ungarn auszuspielen. Man gab ihnen
in dem am Hofe beliebten Jellachich einen Banus Hund ließ
ihm, nachdem er mit den Ungarn vergeblich verhandelt hatte,
freie Hand, gegen diese zu Felde zu ziehen. Darauf erhob sich
in Ungarn eine furchtbare nationale Leidenschaft, und Kossuth
vurde seiner Nation zu einem rasch alle Mittel des Kampfes
entwickelnden Führer; er begründete in den Honveds eine eigene
ungarische Landwehr, er ließ besonders ungarisches Papiergeld
drucken. So finanziell und militärisch gestärkt gingen die
Ungarn gegen Jellachich vor und schlugen ihn; der Palatin
Erzherzog Stephan mußte seine Würde niederlegen; Graf Lam—
berg, zum kaiserlichen Statthalter ernannt, wurde in Pest er—
mordet: eine volle Trennung Ungarns von Osterreich schien
bevorzustehen: September 1848.
Während nun das Haus Habsburg so in Italien und in
        <pb n="89" />
        30 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Ungarn während des Sommers 1848 um seinen alten Einfluß
kämpfen mußte und ihn noch keineswegs wiedergewonnen hatte,
erhoben sich in Wien von neuem und schrecklicher, als bisher,
die revolutionären Gewalten. Am 22. Juli hatte die National—
versammlung mit der Erörterung der Verfassung begonnen.
Aber die Beratungen schritten unter dem Eindrucke der sich
überstürzenden Nachrichten von außen her wie infolge der Un—
fähigkeit der Repräsentanten — neben den hochgebildeten
Deutschen saß der des Lesens und Schreibens unkundige gali—
zische Bauer in seinem härenen Kittel — nicht vorwärts, aͤuch
nicht nach des Kaisers halb erzwungener Rückkehr aus Inns—
hruck am 12. August 1848. Um so mehr regten sich wieder die
Pöbelhaufen, die radikalen Doktrinäre, die Studenten; schon
im August und September kam es zu Tumulten. Im hohen
Grade beängstigend wurden die Auftritte aber erst, als die
schlechten Nachrichten aus Ungarn eintrafen und am 28. Sep⸗
tember gegen Ungarn ein kaiserliches Kriegsmanifest und Befehl
zum Abmarsch einer Anzahl von Wiener Truppen nach Ungarn
erfolgte. Nun versuchte das Volk, am 6. Oktober, den Abmarsch
der Truppen gewaltsam zu hindern, die Truppen zeigten sich
lau und verbrüderten sich teilweise mit der Masse; es kam zu
Plünderung und Aufruhr, der Kriegsminister Graf Latour
wurde im Kriegsgebäude aufgestöbert, auf die Straße gezerrt
und ermordet. Hierauf reiste der Kaiser am 7. Oktober morgens
von Schönbrunn nach Olmütz ab, ihm folgten viele aristokra—
tische und wohlhabende Familien in fluchtähnlichem Auszug
aus Wien, und in Wien selbst begann ein Schreckensregiment
des Pöbels und der Studenten.
So blieb nichts übrig, als alle militärischen Kräfte des
Reichs mit Ausnahme der italienischen Truppen gegen Wien
in Bewegung zu setzen, wo der Graf Auersperg nur noch das
kaiserliche Belpedere und den Schwarzenbergischen Garten hielt.
Bald rückten von Ungarn her der Banus Jellachich, von Böhmen
her Fürst Windischgrätz gegen Wien vor; und schon um den
20. Oktober schien das Schicksal Wiens militärisch entschieden.
Windischgrätz, zum Generalissimus ernannt, richtete an die
        <pb n="90" />
        Erster Rampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 8]

Bürger eine strenge Proklamation: „Euer Leben, euer Eigen—
tum ist preisgegeben der Willkür einer Handvoll Verbrecher.
Ermannt euch, folgt dem Ruf der Pflicht und Vernunft!“ Allein
Worte nützten hier nichts mehr; die Aufständischen hatten sich
inzwischen militärisch organisiert; neben einheimischen Kräften
führten der polnische General Bem und andere Polen sowie die
Frankfurter Parlamentsmitglieder Robert Blum und Julius
Fröbel. Und so kam es zu Sturm und Straßenkampf. Nach
Anstrengungen von mehr als einer Woche war Wien am
30. Oktober wieder in der Hand der Kaiserlichen. Und jetzt
folgte ein blutiges Strafgericht; neben vielen anderen wurde
auch Robert Blum trotz seiner parlamentarischen Eigenschaft
am 9. November 1848 erschossen.
Damit war zunächst die Hauptstadt wiedergewonnen.
Diesem ersten klärenden Ereignis folgte bald ein zweites. Kaiser
Ferdinand verzichtete zugunsten seines Neffen Franz Joseph auf
den Thron, und mit dem jugendlichen Herrscher kam eine neue
Kraft in die Zentralgewalt, die sich bald fühlbar machte, so
sehr auch anfangs die Generäle, die den Thronwechsel durch—
gesetzt hatten, noch das Heft in Händen behielten.
Die nächste Aufgabe, die nunmehr gelöst werden mußte,
war die Wiedererwerbung Ungarns. Sie lag um so näher,
als der ungarische Reichstag den neuen Kaiser nicht anerkannte.
Allein die ersten Schritte in dieser Richtung waren trotz aller
aufgewendeten Energie nicht glücklich. Im April 1849 waren
die Ungarn so weit im Vorteil, daß ihr Reichstag auf Antrag
Kossuths die Unabhängigkeit des Landes und die Absetzung des
dauses Habsburg-⸗Lothringen aussprach; im Mai gewannen
die ungarischen Heere Ofen; Kossuth und der Reichstag zogen
triumphierend in Pest ein.
Doch war in diesem Augenblicke auch schon das Schicksal
Ungarns im entgegengesetzten Sinne entschieden. Am 21. Mai
hatte Kaiser Franz Joseph in einer Zusammenkunft mit dem
Zaren Nikolaus J. zu Warschau die russische Hilfe zur Nieder—
schlagung der ungarischen Empörung, die ihm schon früher an—
zeboten worden war, angenommen. Bald darauf überschritt
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, I. 5
        <pb n="91" />
        32 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Paskiewitsch mit einem russischen Heere die ungarische Grenze,
auch die Osterreicher ermannten sich; es konnte sich nur noch
um einen Verzweiflungskampf der Ungarn handeln.
Er schloß ab mit der Kapitulation des größten ungarischen
Heeres unter Görgey bei Vilägos am 18. August 1849; bald
darauf fiel auch die letzte ungarische Feste, Komorn, in die Ge—
walt der Kaiserlichen, 27. September 1849. Und nun erging
über Ungarn ein schreckliches Strafgericht unter dem herzlosen
Feldherrn Haynau; die Hauptführer des Aufstandes wurden
aufgeknüpft; Graf Ludwig Batthyanyi brachte sich eine Wunde
so bei, daß er nicht gehängt werden konnte: er wurde er—
schossen.

Fast zu gleicher Zeit wie die ungarische wurde aber auch
die Bewegung in Oberitalien bewältigt. Hier hatten die grauen⸗
haften Vorgänge in Wien während des Septembers und
Dktobers 1848 den Revolutionären neuen Mut gegeben; die
Bemühungen der kaiserlichen Regierung, sich mit Piemont zu
verständigen, scheiterten; und im März 1849 begann der Krieg
von neuem, angefangen von Karl Albert. Aber der alte
Radetzky lieferte noch einmal den Beweis seiner strategischen
Meisterschaft; er hielt, was er dem Heere in seinem Aufrufe
oerkündet hatte: „Der Kampf wird kurz sein; noch einmal
folgt eurem greisen Fuhrer zum Sieg!“ In einem viertägigen
Feldzuge, vom 20. bis zum 24. März 1849, schlug er die
Piemontesen bei Mortara und Novara und entschied damit
den Krieg. Karl Albert dankte ab, ihm folgte sein Sohn
Viktor Emanuel II., der spätere König von Italien. Diesem
blieb nichts übrig, als einen verhaßten Frieden mit OÖsterreich
zu schließen und sein Land zunächst auf dem Wege innerer
Reformen dem großen Ziele, der Einheit Italiens, entgegen⸗
zuführen.
Inzwischen gelang die Wiederherstellung der kaiserlichen
Herrschaft auch in Venedig; die tapfere Verteidigung unter
dem Patrioten Manin verschlug nichts gegenüber dem Sieges—
zuge Radetzkys, am 30. August 1849 wurde diesem die Stadt
übergeben.
        <pb n="92" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 83

Das österreichische Italien war damit wiederum unter⸗
worfen; was aber an der Republik oder an italienischer Ein—
heit festhielt, das flüchtete jetzt nach Rom, in den Kirchenstaat.
Hier waren dem reaktionären Umschwung Papst Pius' IX. inzwischen
 schlimme Dinge gefolgt; am 15. November 1848
hatten die Demokraten das Ministerium gestürzt und den Papst
in eine Art ehrenvoller Gefangenschaft gesetzt; im Februar
1849 war eine römische Republik erklärt worden. So schien
es Sache der konservativen Mächte, dem Papste zu Hilfe zu
kommen und das Asyl der Revolutionäre aufzuheben. Die
Neapolitaner, bei denen inzwischen eine krasse Reaktion zur
Herrschaft gelangt war, rückten vor; die sterreicher nahmen
Bologna und Ancona, und die Franzosen stürmten schließlich am
3. Juli 1849 Rom. Im April 1850 kehrte Pius IX. aus Gaeta
zurück; und die Ruhe des Kirchenstaates wurde seitdem durch
eine französische Besatzung aufrechterhalten, die bis 1870 in
Rom verblieb.
Während dieser Fülle verwirrender Kämpfe, die schließlich
alle zugunsten Osterreichs ausfielen, baute das neue Ministerium
Schwarzenberg-Stadion seit November 1848 eifrig an der
inneren Verjüngung des Staates. Am 22. November 1848 er⸗
ffnete es einen Reichstag zu Kremsier und legte ihm einen
Verfassungsentwurf vor. Und als dieser von der Linken zu
lebhaft kritisiert wurde, löste es den Reichstag auf. Am
7. März 1849 wurde der erzbischöfliche Palast zu Kremsier, in
dem die Versammlung tagte, von Militär umstellt und die
Abgeordneten nach Hause geschickt.
Gleichzeitig aber erschien eine Reihe ministerieller Erlasse,
die diesen Schritt zu begründen versuchten, und wurde am
4. März eine oktroyierte Verfassung publiziert. Diese Ver—
assung konstituierte Österreich als ein einziges großes, zentrales
Reich; von dem alten Dualismus war nicht mehr die Rede;
ür die einzelnen Länder der Monarchie wurden Provinzial—
stände geschaffen. Funktionierten diese Provinzialstände erst, so
sollte für das ganze Reich ein einziges Parlament berufen werden.
Neben ihm aber war dem Kaiser eine sehr ausgedehnte Gewalt
        <pb n="93" />
        34 Fiüuünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

vorbehalten; doch sollte ihm noch ein Reichsrat beratend zur
Seite stehen. —
Während all der Vorgänge aber, die bisher erzählt sind,
hatte sich im gesamten Deutschland noch eine Bewegung ab—
gespielt, die sie erst recht zu krönen und weithin zu überholen
bestimmt schien: die nationale Einheitsbewegung. Geht die
Erzählung jetzt zur Darstellung ihres Verlaufes über, so muß
aus dem Bereiche der soeben geschilderten Ereignisse zu ihrem
Verständnisse mindestens festgehalten werden, daß Preußen vom
März bis November 1848 nach außen hin zu größeren Aktionen
sast unfähig war; daß Osterreich im März und Mai 1848,
ferner im September und Oktober 1848 außerstande war, auch
nur tausend Mann Truppen nach außen zu stellen; daß Oster—
reich weiterhin vom Oktober 1848 bis Mai 1849 fast noch in
demselben Schwächezustande war, daß dann Mai bis August 1849
wohl eine Erleichterung unter Rußlands Hilfe eintrat, daß aber
eine größere Aktionsfreiheit eigentlich erst im September 1849
vieder erreicht wurde.
        <pb n="94" />
        III.

1. Noch bevor die Februarrevolution in Paris ausbrach,
waren in Baden, dem fortgeschrittensten parlamentarischen
Lande des Deutschen Bundes, starke nationale Forderungen
erhoben worden.
Am 12. September 1847 hielten die sogenannten „ent—
schiedenen Volksfreunde“, spätere Radikale („Demokraten“) und
Republikaner, unter Becker und Struve zu Offenburg eine
Volksversammlung ab, in der sie neben weitgehenden Rechten
in Baden für ganz Deutschland eine Vertretung des deutschen
Volkes beim Bundestag forderten!.
Bald darauf, am 10. Oktober 1847, wurde dieselbe Forde—
rung von den gemäßigt Liberalen auf einer Versammlung zu
Heppenheim an der Bergstraße aufgestellt.
Beiden Vorgängen folgte am 5. Februar 1848 ein von
Bassermann in der zweiten badischen Kammer gestellter Antrag:
es möge durch eine Vertretung der deutschen Ständekammern
neben dem Bundestag ein sicheres Mittel zur Erzielung gemein⸗
samer deutscher Gesetzgebung und einheitlicher Nationaleinrichtungen
 geschaffen werden.
Dieser Antrag machte das größte Aufsehen in Deutsch—
land; wenige Wochen darauf gesellte sich zu ihm die Erregung
infolge der revolutionären Nachrichten aus Paris. Und bald
var es klar: jetzt war kein Haltens mehr.

Auch diese Forderung war übrigens keineswegs neu, sondern ent—
prach einem alten Wunsche der extrem Liberalen, wie ihn Welcker schon
einmal in der badischen Kammer formuliert hatte. Vgl. dazu auch
Bd. X, 406.
        <pb n="95" />
        36

Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Am 5. März 1848 traten infolge einer Anregung von
Mannheim einundfünfzig deutsche Männer, meist aus dem
Süden und Westen, zwei Preußen, auch ein zufällig anwesender
sterreicher, zu Heidelberg zu einer Beratung zusammen: es
waren im wesentlichen die Genossen von Offenburg und Heppen—
heim, unter anderem Heinrich von Gagern, Welcker, Hecker und
Struve. Nach heftigen Debatten, in denen die Radikalen die
deutsche Republik forderten, beschloß man zuvörderst die Ein—
berufung eines deutschen Parlaments zu betreiben; dazu wurde
ein Ausschuß von sieben Mitgliedern ernannt, darunter vor
allem Gagern.
Der Ausschuß setzte sich nun sofort mit einer Reihe von
Regierungen in Verbindung, um eine interimistische deutsche
Zentralgewalt zu begründen: denn es schien ihm unmöglich,
ein Parlament ohne danebenstehende zentraldeutsche Regierung
zu berufen. Gagern arbeitete zu diesem Zwecke einen ziemlich
zentralistisch gehaltenen Verfassungsentwurf mit Preußen als
Spitze aus: und bald ergab sich die überraschende Tatsache,
daß sich zu dieser Privatarbeit Baden, Württemberg, Sachsen
zustimmend verhielten. Darauf ging man an die entscheidende
Stelle, nach Berlin. Gleichzeitig aber lud man unterm 11. März
alle deutschen Ständemitglieder und sonstige Notabeln auf den
31. März zu einer Versammlung nach Frankfurt, dem später
sogenannten Vorparlament, ein.
Während dieser Vorbereitungen aber begann es in Wien
und Berlin zu gären; bald unterlagen fterreich und Preußen
den Stürmen innerer Revolution. In ihnen versank Osterreich
einstweilen völlig; in Preußen suchte König Friedrich Wil—⸗
helm IV. der deutschen Sache allerdings gerecht zu werden,
erließ auch in den späteren Märztagen eine Proklamation, in
der er sich an die Spitze der deutschen Bewegung zu stellen
suchte. Allein bald darauf scheute er, veranlaßt durch eine
österreichische Note und Bedenklichkeiten der Kleinstaaten, zurück;
statt durchzugreifen, wollte er abwarten: diesem drängenden
Momente, der alles in sich schloß, ist er in keiner Weise gerecht
geworden.
        <pb n="96" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 87

Inzwischen hatte sich aber auch der Durchlauchtigste Bundes⸗
tag in Frankfurt langsam von dem ihn zunächst gänzlich lähmenden
Schrecken erholt, den ihm die ersten revolutionären Vorgänge
eingejagt hatten. Er fügte nun sich äußerlich dem Sturme, steckte
auf dem Bundespalais die schwarz⸗rot-goldene Fahne auf, nahm
das deutsche Wappen an, betonte in einer Ansprache an die
Nation, Deutschland müsse und werde auf die Stufe gehoben
werden, die ihm unter den Nationen Europas gebühre: und
herief zum Zweck dieser Hebung siebzehn liberale Vertrauens—
männer zur Revision der Verfassung. Allein inzwischen drohte
am 31. März das Vorparlament zusammenzutreten! Um dessen
Beratungen und Beschlüssen die Spitze abzubrechen, wußte sich
der Bundestag nicht anders zu helfen als so, daß er am
30. März ein Gesetz erließ, welches die Regierungen aufforderte,
auf je 70000 Seelen ihrer Bevölkerung auf verfassungsmäßig
bestehendem Wege möglichst rasch einen Abgeordneten wählen zu
lassen zu einer Nationalversammlung, die in Frankfurt zusammen⸗
treten und dort mit den Regierungen die neue deutsche Ver—
fassung vereinbaren sollte.
Trotzdem trat am nächsten Tage, dem 31. März, das
Vorparlament in Frankfurt zusammen, über fünfhundert Mit—
glieder, meist Süddeutsche, doch auch hunderteinundvierzig
Preußen und zwei Osterreicher. Die Versammlung erwies sich
alsbald als im ganzen liberal, aber bürgerlich staatserhaltend
gesinnt; neben einer Majorität dieses Charakters stand indes
eine starke radikale Minderheit unter Hecker und Struve. Es
kam daher in den Beratungen der Versammlung doch zur Ent—⸗
hüllung starker Gegensätze und dementsprechenden Szenen: und
man ging am 4. April ziemlich resultatlos auseinander. Dennoch
schrieb der Bundestag, noch immer unter dem Drucke der
revolutionären Vorgänge, am 7. April die Wahlen zur kon⸗—
stituierenden Nationalversammlung entsprechend den Wünschen
des Vorparlamentes aus.
Die Radikalen hatten aber schon in dieser Versammlung
gesehen, daß sie mit ihren republikanischen Forderungen gegen—
über dem staatserhaltenden Sinne der großen Mehrheit der
        <pb n="97" />
        88 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Nation auf gesetzlichem Wege nicht würden durchdringen können.
Sie versuchten es daher mit einer militärischen Erhebung im
badischen Oberland und forderten unterm 12. April das Volk
zur Begründung der Republik mit bewaffneter Hand auf. Es
war, wie sich sofort zeigte, ein völlig erfolgloses Beginnen.
Die Freischärler wurden durch Bundestruppen geschlagen und
zerstreut; leider fand dabei der Bundesgeneral Max von Gagern,
ein Bruder Heinrichs, den Tod. Aber schon Ende April war
die Ruhe wiederhergestellt.
Während dieser Zeit arbeitete nun der Ausschuß, den der
Bundestag zur Beratung eines Verfassungsentwurfes berufen
hatte, unter der Leitung des Historikers Dahlmann emsig
weiter. Er empfahl schließlich ein Deutsches Reich, in das
von den Ländern Österreichs nur die deutsche Gruppe zu—
gelassen werden sollte, mit kräftigster Zentralgewalt: die Fürsten
waren sozusagen zu erblichen Oberpräsidenten ihrer Länder
degradiert. An die Spitze aber sollte Preußen, sollten die
Hohenzollern treten.
Dieser Entwurf wurde im Bundestag mit vollstem Wider—
willen aufgenommen. Was aber schlimmer war: auch Friedrich
Wilhelm IV. erklärte sich gegen ihn: vielmehr müsse der öster⸗
reichische Kaiser als, Ehrenhaupt teutscher Nation“ auch Deutscher
Kaiser werden, darunter möge dann wohl ein Hohenzoller als
„teutscher König“ stehen, gekürt zu Frankfurt, gesalbt und gekrönt
durch den Erzbischof von Köln oder einen evangelischen Primas
Germaniae. So wurde der Entwurf des Ausschusses in den Akten
begraben: und der Durchlauchtigste Bund sah dem Zusammen—
treten der konstituierenden Nationalversammlung ohne Verfass ungs⸗
entwurf und ohne provisorische Zentralgewalt entgegen.
Um die Mitte Mai, zur Blütenzeit, versammelten sich zu
Frankfurt die Abgeordneten des deutschen Volkes zu der ersten
großen Nationalversammlung, die unser Volk gesehen hat. Es
war ein feierlicher Augenblick, als die fast sechshundert Ver—
treter am 18. Mai vom Kaisersaale des Römers unter Glocken—
geläut und Kanonendonner nach der Paulskirche, ihrem Beratungs⸗
ort zogen, wo über dem Präsidentenstuhl das Ziel ihrer Tätig⸗
        <pb n="98" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 89

keit mit den Worten „Des Vaterlandes Größe, des Vaterlandes
Glück“ bezeichnet war.
Die Versammlung war eine der glänzendsten Vereinigungen
von Wissen, Vaterlandsliebe, Geist und Begeisterung, die
Deutschland je gesehen hat: fast alle politisch bedeutenderen
Männer der späteren Jahrzehnte haben ihr angehört. Präsident
wurde Heinrich von Gagern, bis dahin hessen-darmstädtischer
Minister, ein Mann von großen Impulsen, weniger gescheit
als willenskräftig, doch geeignet, in großen Momenten der
Stimmung von Massen Ausdruck zu verleihen, und nicht ohne
diplomatische Klugheit, galt es, noch nicht völlig sichere In—
stinkte des Parlamentes zu klaren Beschlüssen zu verdichten.
So schien alles zum besten geordnet; und mit großem
Optimismus ging man ans Werk.
Allein die Schwierigkeiten waren enorm; und sie mußten
alsbald bei der Verfassungsberatung zutage treten.
Es waren, wie die Zukunft später gelehrt hat, zwei Wege
weiterer Entwicklung denkbar. Nämlich einmal der sogenannte
kleindeutsche: die Bildung eines engeren Deutschlands unter
Preußens Führung, Osterreichs Ausschluß; womöglich mit der
Modifikation, daß das engere Deutschland dann mit Hsterreich
keinen staatsrechtlichen, wohl aber einen völkerrechtlichen Bund
schloß. In diesem Falle mußte die Kaiserwürde an Preußen
fallen. Diesen Modus, der in der politischen Literatur XX
der dreißiger Jahre vereinzelt aufgetaucht, dann in der der
gierziger Jahre schon eingehender besprochen worden war, hatte
aber König Friedrich Wilhelm JIV. von Preußen soeben ab—
gelehnt.
Daneben war aber auch ein großdeutscher Weg denkbar:
ein Deutschland unter Einschluß des gesamten oder wenigstens
des deutschen Osterreichs. Es wäre gewiß mit Ruücksicht auf die
äußere wie innere Größe der Nation der beste Weg gewesen,
hätten seiner glücklichen Durchbildung nicht unüberwindliche
Hindernisse entgegengestanden. Sie waren fundamental in der
Verteilung der Konfessionen über das deutsche Gebiet gegeben,
solange die Verquickung staatlicher und kirchlicher Angelegen⸗
        <pb n="99" />
        90 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

heiten einen ständigen Einfluß der Bekenntnisse auf die Politik
zuließ. Denn unter diesen Umständen mußte ein katholisches
Osterreich stets einem protestantischen Preußen entgegentreten:
— wie denn in der Tat die Abstimmung über großdeutsch und
kleindeutsch im Frankfurter Parlament schließlich fast ganz auf
Grund der konfessionellen Gegensätze stattgefunden hat. Zu
dieser elementaren Schwierigkeit aber kam noch eine zunächst
nur in der Entwicklung des 19. Jahrhunderts gelegene. Oster—
reich hatte sich den Deutschen Bund nach seinen Bedürfnissen
geschaffen. War nicht anzunehmen, daß es, in das neue Reich
einbezogen, alles daran setzen werde, diesen auf das erbärmliche
Dasein des Bundes zwischen 1815 und 1848 zurückzuschrauben?
Die Nationalversammlung hatte nun im Grunde nur zwischen
diesen beiden Wegen zu wählen. War es aber nicht mensch—
lich, daß sie zwischen so harten Möglichkeiten zunächst einen
Mittelweg suchte? Natürlich ohne Erfolg; schließlich, 1849,
mußte man sich dennoch entscheiden. Es geschah dann zugunsten
der kleindeutschen Seite: — und nach dieser Wahl scheiterte man
an der Entschlußlosigkeit mehr als dem Widerspruche Friedrich
Wilhelms IV.
Zunächst aber griff die Versammlung hoffnungsfroh das
Problem der Konstituierung einer provisorischen Zentralgewalt
an: denn so sehr sie sich als die Vertreterin der nationalen
Souveränität betrachtete, so begriff sie doch, daß es ihr ohne
eine einheitliche Exekutive überhaupt nicht möglich sein würde,
ihre Beschlüsse in Taten umzusetzen.
Und bei dieser Frage nach der Begründung der proviso—
rischen Zentralgewalt begannen sich nun auch zum ersten Male
die Geister in Parteien zu scheiden. Die Linke, fußend auf
dem Grundsatze der nationalen Souveränität, verlangte eine
Begründung der Zentralgewalt rein durch Beschluß der Ver—
sammlung, ohne Mitwirkung der Regierungen. Die Rechte
und ein Teil der Mitte meinten, die Nationalversammlung und
die Regierungen der Einzelstaaten sollten bei Begründung der
Zentralgewalt Hand in Hand gehen.
Was das Wesen der provisorischen Zentralgewalt anlangte,
        <pb n="100" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 91]

jo kam die Mehrheit im Laufe der Verhandlungen zu der An—
sicht, diese könne nicht aus einem Direktorium von etwa drei
Personen (die etwa von Österreich, Preußen und den kleinen
Staaten vorgeschlagen wären) bestehen, sondern nur aus einer
Person. Maßgebend für den Umschlag der Meinungen in dieser
Hinsicht war namentlich der Hinblick auf die furchtbare innere
Verwirrung, welche damals in Berlin und Wien herrschte.
Es wäre nun nach Ansicht der gemäßigteren Köpfe darauf
angekommen, eine geeignete Persönlichkeit mit den Regierungen
zu vereinbaren und dieselbe dann durch die Versammlung zu
erwählen. Indes dann hätte man mit dem Bundestag ver—
handeln müssen, und eben dies verabscheute ein Teil der Ver—
sammlung und mit ihm der Präsident von Gagern. Man be—
schloß daher, an dem Gedanken der Souveränität der Ver—⸗
sammlung festzuhalten und somit ganz aus eigener Macht den
Reichsverweser zu küren. In einer großen Rede vom 24. Juni
machte Heinrich von Gagern der Versammlung diesen „kühnen
Griff“, der für die ganze Zukunft des Parlamentes von Be—
deutung sein mußte, plausibel, und er fand für seine Ansicht
die Mehrheit. Und so kam denn am 28. Juni das Gesetz über
die Einsetzung einer provisorischen Zentralgewalt zustande. Am
Tage darauf wurde der Erzherzog Johann von Ästerreich mit
glänzender Mehrheit zum Reichsverweser gewählt; man glaubte
zu der Wahl auch der Zustimmung Friedrich Wilhelms IV. sicher
zu sein. Das Gesetz stellte des weiteren fest: Mit Eintreten
der provisorischen Zentralgewalt hört der Bundestag auf zu
bestehen. Der Reichsverweser ist unverantwortlich; er umgibt
sich mit einem Ministerium, das der Nationalversammlung ver⸗
antwortlich ist und seine Akte gegenzuzeichnen hat. Auf den
Reichsverweser gehen im wesentlichen die Rechte des alten
Bundestages über, also die vollziehende Gewalt in allen An—
gelegenheiten, welche die allgemeine Sicherheit und die Wohl—⸗
fahrt der Bundesstaaten betreffen, die Oberleitung der be—
waffneten Macht, die völkerrechtliche und handelspolitische
Vertretung. Über Krieg und Frieden beschließt er in Über—
einstimmung mit der Nationalversammlung; von der Fertig—
        <pb n="101" />
        92 F Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

stellung des deutschen Verfassungswerkes ist er dagegen aus—
geschlossen, sie bleibt Sache allein der Nationalversammlung.
Zunächst fragte es sich nun, wie sich der Bundestag, die
Einzelregierungen und der Erzherzog Johann zu diesem Vorgehen
stellen würden. Und da bezeichnet es die ganze Macht der
nationalen Strömung, daß alle sich fügten. Von den Einzel—
regierungen wagten nur Hannover und Bayern einen alsbald
wieder aufgegebenen Widerspruch; Johann aber, ein älterer,
ruhiger, diplomatisch gewandter und im Geruche des Liberalis—
mus stehender Herr, nahm an, und hielt am 11. Juli in Frank—
furt seinen Einzug.
Der Bundestag endlich widersprach auch nicht, aber er
fügte sich, nicht ohne Mitwirkung des Reichsverwesers, in eigen⸗
tümlicher Weise. Nachdem der Reichsverweser am 12. Juli in
einer Sitzung der Nationalversammlung feierlich in den Kreis
seiner Obliegenheiten eingefüuhrt worden war, ließ er sich von
einer Deputation aus seiner Wohnung in das Bundespalais
führen und hier von dem Bundespräsidialgesandten in Gegen—
wart des Bundestages und in dessen Namen feierlich nochmals
auch die Ausübung der dem Bundestage zustehenden Befugnisse
und Verpflichtungen übertragen. Und dies, nachdem der Bundes—
tag schon vorher fälschlich behauptet und verkündet hatte, die
Regierungen der Einzelstaaten hätten sich bereits vor der Wahl
in der Nationalversammlung auf die Verson des Erzherzogs
als Reichsverwesers geeinigt.
Damit hatte die Gewalt des Reichsverwesers jetzt also
zwei Quellen: die der Wahl durch das national-souveräne
Parlament und die der legitimistischen Ubertragung durch den
Bundestag. Es war eine Doppelposition, deren ruhige Hin⸗
nahme durch die Nationalversammlung in dieser vergeblich von
der Linken bekämpft wurde.
Zunächst aber trat nun die neue Zentralgewalt allmählich
in Erscheinung; der Reichsverweser ernannte ein Reichs—
ministerium unter dem Vorsitz des Fürsten Karl von Leiningen:
von Schmerling, Peucker, von Mohl, Heckscher, Duckwitz,
von Beckerath wurden Minister; die Ministerien installierten
        <pb n="102" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 98

ihre Bureaus mit Unterstaatssekretären usp. Und auch die
Nationalversammlung begann sich noch mehr zu bestimmten
Parteien abzuklären. Dabei zeigte sich denn immer mehr, daß
die Linke, an deren Spitze Robert Blum aus Leipzig trat, nachdem
sie in der Konstituierung der Gewalt des Reichsverwesers eine
Niederlage erlitten hatte, republikanischen Idealen zustrebte: sie
war an Zahl gering, wirkte aber sehr rührig namentlich auch
durch den Anhang, den sie unter dem Frankfurter Volke fand.
Aus ihr sonderte sich übrigens später noch eine äußerste radikale
Linke mit Anklängen aus, die man heute vielleicht am besten
als sozialdemokratisch charakterisieren würde: zu ihr gehörten
unter anderen Karl Vogt und Ruge. Der Linken trat dann,
auch nicht übermäßig stark, eine Rechte gegenüber, gemäßigt
konservativ, mit vielen Preußen als Mitgliedern. Ihre Führer
waren neben dem jungen geistreichen österreichischen Fürsten
Lichnowsky die Preußen von Vincke und von Radowitz, der
letztere bald ein intimer Freund Friedrich Wilhelms IV.
Zwischen beiden Parteien endlich stand, an Zahl weitaus über—
ragend, das Zentrum. Es umfaßte alle Elemente, welche
bürgerlich liberal und national dachten. Dabei unterschied man
später noch ein rechtes und ein linkes Zentrum. Das rechte
Zentrum wurde von Heinrich von Gagern geführt und zählte
z. B. Dahlmann, Gervinus, Arndt, Beseler, Bassermann, Jakob
Grimm als Mitglieder; in ihm lag recht eigentlich der Kern
—
meist aus Süddeutschen zusammen; hier fanden sich z. B. Römer,
Fallmerayer, auch von Wydenbrugk aus Weimar zusammen.
Vom rechten Zentrum schied sich das linke dadurch, daß bei ihm
der Gedanke der Volkssouveränität stärker hervortrat: was zur
Folge hatte, daß die Interessen der Einzelstaaten der Einheits—
dee ziemlich weitgehend untergeordnet wurden.
Nachdem nun die provisorische Zentralgewalt konstituiert
war, mußte es als die erste Aufgabe der Nationalversammlung
erscheinen, die definitive Verfassung in Beratung zu nehmen
und hier vor allem die Frage nach der endgültigen Form der
Zentralgewalt zu lösen.
        <pb n="103" />
        34 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Man wußte aber bei der Parteigruppierung in der Ver—
sammlung sehr wohl, daß dies den Anfang vom Ende bedeutet
haben würde: denn eben in der Frage der Konstitution der Zentral—
gewalt standen die verschiedensten, österreichischen, preußischen,
kleinstaatlichen Anfichten schroff gegeneinander. Und so verschob
man denn die Frage nach der Spitze der Verfassung auf das Ende
der Beratungen und begann sich vielmehr mit deren Basis, den all⸗
gemeinen bürgerlichen Grundrechten, zu beschäftigen, 4. Juli 1848.
Es war ein Thema, das Anlaß zu den weitgehendsten Er—
örterungen gab und schließlich auch mit gutem Ergebnis zu
Ende geführt wurde: Aufhebung aller ständischen Bevorzugungen,
also Rechtsgleichheit aller; Ablösung oder Aufhebung aller
ständischen Rechte und bürgerlichen Grundlasten; Schwurgerichte
mit Mündlichkeit und Offentlichkeit des Verfahrens, Un—
abhängigkeit des Richterstandes; freies Recht der Vereinigung
und Versammlung, freiere Stellung der Presse, Religions- und
Gewissensfreiheit wurden beschlossen. Allein es war nicht zu
verkennen, daß die Debatten über diese Dinge sich in deutscher
Gründlichkeit endlos hinzogen; man schweifte auch wohl ab,
man nahm die Miene an, als wollte man gelegentlich der
Grundrechte zugleich auch die Ausführungsgesetze zu ihnen be⸗
raten; und so geschah es, daß man nicht wenig langweilig
wurde. Es war der erste Stoß, den das Ansehen der National⸗
versammlung bei der Nation erhielt.
Hierzu traten sehr bald schlimme Vernachlässigungen der
Versammlung seitens der Einzelregierungen.
Als die Versammlung in Frankfurt zusammentrat, hatte
niemand daran gezweifelt, daß sie nur zu beschließen brauchte,
und alles würde ihr gehorchen. Sie selbst war auch voll des
Bewußtseins ihrer Souveränität: daß ihr die Einzelstaaten
etwa nicht willfahren, ihre Beschlüsse nicht ausführen könnten,
kam ihr nicht in den Sinn. Allein seitdem hatten sich die
Dinge geändert. In Böhmen war im Monat Juni die Prager
Revolution unterdrückt worden, in Paris hatte Cavaignac den
Juliaufstand furchtbar niedergeschlagen; man sah, daß volks—⸗
tümliche Bewegungen nicht unbesiegbar waren. Die Regierungen
        <pb n="104" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 95

erholten sich von ihrem Schrecken und begannen sich zu den
Frankfurter Beschlüssen kritisch zu stellen. Das um so mehr,
als die Nationalversammlung in gelegentlichen Debatten nament—
lich über auswärtige Angelegenheiten wunderliche Dinge wagte:
es zeigte sich hier die Jugendlichkeit des deutschen Parlamen⸗
tarismus und das Mißliche, das es so häufig hat, in großen
Versammlungen über äußere Politik zu sprechen. So wollte
die Linke mit Frankreich ein Schutz- und Trutzbündnis schließen,
da es republikanisch sei, und mindestens erkannte man später
die Republik an; Friedrich von Raumer, der Geschichtschreiber
der Hohenstaufen, ging als Reichsgesandter nach Paris. Noch
—D——
Dinge erbitterten die Regierungen; und in Preußen speziell war
man schon seit der Wahl eines Erzherzogs zum Reichsverweser
aicht gut auf Frankfurt zu sprechen.
Zum offenen Ausbruch kamen diese Stimmungen in der
Frage der Militärhoheit. Am 15. Juli beschloß die National—
versammlung die Verdoppelung des Bundesheeres durch Er—
höhung der Aushebungen auf zwei Prozent der Bevölkerung;
am 16. Juli erließ Peucker als Kriegsminister ein Rundschreiben
an die deutschen Regierungen nebst einem Aufrufe an die
deutschen Truppen, worin er den Reichsverweser als obersten
Kriegsherrn bezeichnete; die Regierungen aber ersuchte er, am
53. August den Truppen den Aufruf verlesen, sie dem Reichs⸗
verweser huldigen und die schwarz-rot-goldene Kokarde anlegen
zu lassen.
Aber da fügten sich nun nur die kleineren Staaten, und
auch diese nur teilweise; und von den großen protestierte nament—
lich Preußen.
Es zeigte sich, daß die neue Reichsgewalt im Innern keinen
Einfluß besaß. Das gleich traurige Ergebnis sollte sich aber
bald auch für das Äußere herausstellen. Der entscheidende An—
stoß kam hier von der schleswig-holsteinischen Frage.
In Schleswig-Holstein hatte schon in den dreißiger Jahren
eine dänenfeindliche Bewegung begonnen. Ihr erster Führer
war der Landvogt Jens Uwe Lornsen auf Sylt; und schon er
        <pb n="105" />
        96 F Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

gab den Gedanken einer bloßen Personalunion Schleswig—
Holsteins mit Dänemark und der Forderung einer Repräsentativ—
verfassung für die Herzogtümer Ausdruck. Diese Forderungen
wurden dann immer kräftiger erhoben, seitdem im Jahre 1834
eine provinzialständische Verfassung in den Herzogtümern be—
gründet worden war.
Nahrung erhielt die ganze Bewegung vor allem durch die
Unsicherheit der dänischen Thronfolge. Im Jahre 1889 folgte
auf König Friedrich VI. König Christian VIII., er besaß nur
einen Bruder, Ferdinand, der keine Aussicht auf Nachkommen
bot, und einen Sohn, den nachmaligen König Friedrich VII.,
der auch keine Aussicht auf Kinder hatte.
Somit mußte beim Tode Friedrichs VII. für die Herzog⸗
tümer das deutsche Fürstenerbrecht eintreten, d. h. die Nachfolge
des Mannesstammes der Nebenlinie Holstein⸗ Sonderburg⸗
Augustenburg, während für Dänemark die Weibererbfolge seit
1665 eingeführt war. Diese führte aber auf die Kinder der
Schwester Christians VIII., die mit dem Prinzen Wilhelm von
Hessen-⸗Kassel vermählt war.
Die Aussichten, wonach die Herzogtümer in vorauszusehender
Zeit einmal unter einem deutschen Fürstenhaus selbständig
werden mußten, erhöhten nun den nationalen Gegensatz. Es
kam zu gewaltigem Ausbruch, als am 8. Juli 1846 ein Offener
Brief König Christians erschien, worin er die Untrennbarkeit
der unter der dänischen Krone vereinigten Landesteile feststellte,
mithin einer künftigen Anwendung des deutschen Fürstenrechtes
auf die Erbfolge in den Herzogtümern schon jetzt und von
vornherein entgegentrat!.
Es waren Zeiten starker Aufregung in Deuts chland; allent⸗
halben sang man das Bruderlied „Schleswig-Holstein, meer—
umschlungen“, wie es bis zur Mitte der sechziger Jahre nicht
wieder verklungen ist; sogar der Bundestag raffte sich zu einem

Auf die verwickelten Erbfolgefragen in den Herzogtümern soll noch
nicht in diesem Kapitel, sondern erst gelegentlich der Geschichte des Jahres
1864 eingegangen werden, s. unten Kapitel III.
        <pb n="106" />
        Erster Kampf alter und nener Weltanschauung in Kirche und Staat. 97

lahmen Proteste auf. In den Herzogtümern selbst aber fanden
überall Volksversammlungen und Demonstrationen statt; in
Schleswig traten die Stände zusammen, verlangten Einverleibung
in den Deutschen Bund, Trennung der Verwaltung der Herzog⸗
tümer von der dänischen sowie konstitutionelle Verfassung für
die Herzogtümer als Ganzes.
Inzwischen aber war es in Dänemark selbst zu der so—
genannten Kasinorevolution gekommen, und der König war
zezwungen worden, die direkte Einverleibung des Herzogtums
Schleswig in Dänemark auszusprechen.
Hierauf antworteten die Schleswiger mit der Begründung
einer provisorischen Regierung unter Wilhelm Beseler; es kam
zum Krieg; und die kleine tapfere schleswigsche Schar wurde
am 9. April 1848 bei Bau geschlagen und mußte sich nach
Rendsburg zurückziehen.
Aber schon am 10. April erfolgte von Deutschland her die
Antwort. Preußische Truppen unter dem General von Bonin
überschritten die Eider, am 12. April erkannte der Bundestag die
provisorische schleswigsche Regierung an und forderte Preußen
auf, für den Eintritt Schleswigs in dem Deutschen Bund bei
Dänemark zu wirken. Und bald folgten auch hannoversche
Truppen, während der preußische General Wrangel den gemein—
samen Oberbefehl übernahm; auch traten schleswigsche Ab—
zeordnete in die Frankfurter Nationalversammlung ein.
Erschien damit die Einverleibung Schleswigs in den
Deutschen Bund äußerlich vollzogen, so ergab sich doch bald,
wie schwer es sein würde, sie aufrechtzuerhalten.
Die europäischen Großmächte, die alle ein Interesse an
der Erhaltung der Gesamtmonarchie Dänemark hatten, waren
ergrimmt über die eigenmächtige Lösung der schleswigschen
Frage und fielen nunmehr Preußen als dem gegen Dänemark
exekutierenden Staat in den Arm. Besonders war es Ruß—
land aus legitimistischen Gründen und England aus handels⸗
oolitischen; denn schon witterte dieses als Konsequenz des
preußischen Vorgehens die Begründung einer deutschen Seemacht.
Zudem hielt Osterreich halb und halb zu den Großmächten.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 1.
        <pb n="107" />
        98 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Durch die Widersprüche dieser Konstellation bedrängt, gab
Preußen dem General Wrangel, der mittlerweile ganz Jütland
erobert hatte, den Befehl, sich aus dänischem Gebiete zurück⸗
zuziehen. Die Erbitterung über diese Maßregel war in Deutsch⸗
land allgemein; die Nationalversammlung faßte auf Antrag
des Schleswigers Waitz am 9. Juni den Beschluß, die Schles—
wiger Sache gehöre als eine Angelegenheit deutscher Nation
zu ihrem Wirkungskreise: und sie werde Ehre und Interesse
Deutschlands zu wahren wissen.
Allein Preußen kehrte sich nicht an diesen Beschluß, der
zunächst nur in Worten bestand, und begann Verhandlungen
mit Dänemark, zu denen es nach verschiedenen Zwischenfällen
endlich den Auftrag auch von dem mittlerweile ernaunten Reichs⸗
verweser erhielt. Das Resultat dieser Verhandlungen war dann
der schmöhliche, am 26. August 1848 auf sieben Monate ab—
geschlossene Waffenstillftand von Malmö. Der Inhalt dieses
Stillstandsvertrages bewegte sich fast auf der Grundlage des
Offenen Briefes König Christians: alle seit dem 17. März in
Schleswig⸗Holstein ergangenen Gesetze und Verordnungen sollten
aufgehoben werden, die schleswigschen Truppen wurden von
den holsteinschen getrennt, für Schleswig wurde eine aus vier
Notabeln bestehende provisorische Landesverwaltung nach gemein⸗
samer Wahl Preußens und Dänemarks eingesetzt, an deren Spitze
Graf Karl Moltke, ein den Deutschen besonders verhaßter
dänischer Adliger, treten sollte. Aber damit für Deutschland
und seine neue Einheit noch nicht genug: Preußen ratifizierte
den Vertrag, ohne sich um die Frankfurter Versammlung und
den Reichsverweser auch nur im geringsten zu kümmern, und
zab nach der Ratifikation den deutschen Truppen den Befehl
zum Abmarsch.
Die Kunde von diesen Ereignissen verursachte in Frank—
furt Ausbrüche der Wut und des Ingrimms, in denen fast
alle Parteien einig waren. Man ging so weit, am d. September
einen Beschluß zu fassen, nach welchem alle Ausführungsmaßregeln
für den Vertrag zu sistieren waren, ohne daß man auch nur im
geringsten die Macht hatte, ihn durchzusetzen; es waren mehr
        <pb n="108" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 99

heimatliche, norddeutsche Sympathien, denen er verdankt wurde,
als klare Überlegung; der Lübecker Dahlmann, durch enge
Freundschaftsbeziehungen mit den Herzogtümern verknüpft, war
es, der ihn durchsetzte. Was aber sollte das Reichsministerium
mit dem Beschlusse anfangen? Da es sich von vornherein gegen
ihn erklärt hatte, so gab es seine Entlassung, und nun wurde
nach parlamentarischer Regel Dahlmann mit der Neubildung
des Kabinetts betraut. Allein sie gelang nicht — und so stand
man vor der heiklen Frage: Was nun?
Glücklicherweise kam in diesem Augenblicke von der anderen
Seite her etwas wie eine Rettung. Graf Moltke war von der
schleswig-holsteinschen Bevölkerung so furchtbar empfangen
worden, daß ihn die provisorische Regierung vor der Wut des
Pöbels schützen mußte; ihn an deren Spitze zu lassen, erschien
unmöglich. Damit ergaben sich denn von selbst Modifikationen
des Vertrags von Malmö; und auch sonst waren die Groß⸗
mächte geneigt, deren einige zuzulassen. Unter diesen Umständen
konnte die Frage auf Verwerfung oder Annahme des Vertrags
von Malmö noch einmal vor die Frankfurter Versammlung zur
Erörterung gelangen; am 14. September 1848. Und diesmal
stimmte sie ihm mit 258 gegen 281 Stimmen zu. Damit war
wenigstens formell das Ansehen der Versammlung noch einmal
gerettet; wer aber wollte vom sachlichen Standpunkte aus ver⸗
kennen, daß sie sich in der hauptsächlichsten auswärtigen An—
gelegenheit, die es damals für Deutschland gab, unter die
diplomatische Führung Preußens gebeugt hatte?
In Schleswig-Holstein aber wurde jetzt ein preußischer
General, der schon genannte Bonin, Oberbefehlshaber, und an
die Spitze der Regierung trat Graf Reventlow-Jersbeck, ein
deutschgesinnter Mann: und so hätte sich hier am Ende noch
einmal alles zum guten wenden können.
Um so unerfreulicher waren die Folgen des Beschlusses
vom 14. September für die Nationalversammlung. Die Linke,
welche das Dogma von der Souveränität der Versammlung
jetzt zunächst in der Frage der Militärhoheit und danach auch
in der Behandlung der auswärtigen Fragen geknickt sah, faßte
        <pb n="109" />
        100 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

den Entschluß, die Mehrheit durch populare Erhebungen zu
vergewaltigen. Man begann mit einer großen Volksversammlung
am 17. September auf der Pfingstweide vor den Toren Frank—
furts; auf ihr hob ein Mitglied der Linken die Notwendigkeit
hervor, „mit Frakturschrift zu reden“. Dann bereitete man
eine Sturmadresse an das Parlament vor, in welcher die Ab—
geordneten der Mehrheit als Hochverräter gebrandmarkt werden
sollten. Gegen diese Drohungen befahl der Minister Schmer—
ling einige Bataillone aus Mainz zum Schutz der Paulskirche
herbei; sie standen am Morgen des 18. September bereit. Die
Antwort der Linken war Barrikadenbau, Straßenkampf: Er—
mordung der Abgeordneten Fürst Lichnowsky und General
von Auerswald auf der Bornheimer Heide, wohin sie spazieren
geritten waren. Während dieser Greuelszenen tagte das Parla—
ment in der Paulskirche; die Linke forderte wütend die Ent—
fernung des Militärs — Schmerling aber blieb fest; abends
war der Aufruhr bewältigt. Und auch verwandte Regungen
in einigen rheinischen Städten wurden unterdrückt.
Die Nationalversammlung aber hatte durch diese Vorgänge
in ihrem Ansehen einen ungeheuren Stoß erlitten. Und indem
sie sich gegen deren Wiederholung durch Belagerungszustand und
verwandte Maßregeln zu schützen suchte, drängte sie zugleich
die Linke immer mehr aus der nationalen Haltung heraus in
partikularistische Strömungen. In diesem Zustande innerer Zer⸗
rissenheit und äußeren Sinkens aber konnte sie nun nicht mehr
umhin, in der Beratung der Verfassung die Frage nach dem
Wesen der künftigen Zentralgewalt aufzuwerfen.
Dabei trat natürlich sofort die Frage auf, wie das Ver—
hältnis Preußens und èsterreichs zum neuen Reich zu denken
sei, und zwar zunächst noch an der scheinbar unverfänglichsten
Stelle, hinsichtlich der ganzen oder teilweisen Zugehörigkeit
dieser Staaten zum Bundesgebiet. Für Preußen, das fast ganz
deutsch war, war diese Frage einfach beantwortet. Anders für
Osterreich mit seiner slawischen und ungarischen Bevölkerung.
Um hier Klarheit zu schaffen, brachte der Verfassungsausschuß
auf Dahlmanns und Droysens Betreiben den Antrag ein, das
        <pb n="110" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 101

Reich solle aus dem Gebiete des Deutschen Bundes bestehen
unter Vorbehalt der Verhältnisse Schleswigs; habe ein deutsches
Land mit einem nichtdeutschen dasselbe Staatsoberhaupt, so
solle dies deutsche Land eine von dem nichtdeutschen getrennte
eigene Verfassung, Regierung und Verwaltung erhalten. Es
wvar ein Antrag, der natürlich für Osterreich die Zerreißung in
zwei Teile bedeutete; und es war von vornherein klar, daß
Osterreich ihm niemals stattgeben würde.
Um so gespannter war man auf seine Wirkung in der
Nationalversammlung.
Hier wurde er zunächst Anlaß zur Spaltung der hisherigen
Mehrheit, wie sie wesentlich aus dem Zentrum bestanden hatte.
Während Dahlmann und die Seinigen an dem radikalen Aus—
scheiden der nichtdeutschen Landesteile Osterreichs festhielten,
entwickelten Gagern, Vincke u. a. den Gedanken eines engeren
Bundes unter Wegfall Hsterreichs überhaupt, worauf dann
dieser engere Bund mit Osterreich einen völkerrechtlichen Ver—
trag auf Zolleinheit und anderes mehr schließen sollte.
Den Ausschlag gab bei der Abstimmung am 27. Oktober
die Linke. Sie stimmte für den Dahlmannschen Antrag und
hoffte damit das damals in allen Fugen wankende legitimistische
Osterreich völlig zu zertrümmern.
Es fragte sich nun, was man in Wien zu dieser Brüskierung
sagen würde?
In Hsterreich herrschte damals, wie wir uns erinnern,
furchtbare Verwirrung. Und erst gegen Dezember 1848, nach
den kriegerischen Erfolgen der Generäle, die einen der Ihrigen,
den Fürsten Schwarzenberg, an die erste Stelle der auswärtigen
Politik brachten, trat Klärung ein; die Generäle waren es auch,
die am 2. Dezember die Thronbesteigung Franz Josephs durch—
setzten I.
Dies waren die Umstände, unter denen daun die Berufung
des österreichischen Gesamtreichstages nach Kremsier erfolgte.
Und hier eutwickelte nun Schwarzenberg am 27. November

S. oben S. 83.
        <pb n="111" />
        102 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

sein Regierungsprogramm. Es war ausgesprochen das des
Einheitsstaates Osterreich; es war der direkte Gegensatz zum
Frankfurter Beschluß. Die Folge war in Frankfurt der Fall
des österreichisch gesinnten Ministeriums Schmerling; an seine
Stelle trat am 18. Dezember Heinrich von Gagern als Minister⸗
präsident; Präsident der Nationalversammlung wurde ein Preuße,
der Königsberger Professor Eduard Simson. Gagern entwickelte
darauf sofort, am 18. Dezember, sein neues Programm. Er
tat, ähnlich wie in der Frage der Reichsverweserschaft, einen
„kühnen Griff“. Er sprach sich dahin aus, in dem Kremsierer
Programm Schwarzenbergs sei für Deutschland die Erklärung
enthalten, daß die österreichische Regierung in den Bundesstaat,
wie er sich nach den bisherigen Verhandlungen der National—
versammlung gestalten werde, nicht eintreten könne. Es könne
mithin die österreichische Frage nur durch eine Union Hster⸗
reichs mit dem engeren Bund gelöst werden; diese Union her⸗
zustellen, sei aber eine diplomatische Aufgabe, die mithin ganz
von der Beratung der Reichsverfassung in der Rational—
versammlung zu trennen sei.
Gagerns Erklärung machte gewaltiges Aufsehen; die Kleri—
kalen, die naturgemäß die katholische Macht Osterreichs als
Führerin verlangten, die Partikularisten, die des Schutzes
Osterreichs nicht entbehren mochten, die Idealisten, die von
dem Spruch „Das ganze Deutschland soll es sein“ ausgingen:
sie alle protestierten. Auch in Osterreich behagte die unheim⸗
liche Klarheit Gagerns keineswegs. Dort wollte man im Grunde
doch im Bunde bleiben, das Verfassungsideal dieses Bundes
aber war und blieb der alte Bundestag. In einer Note vom
28. Dezember erklärte daher Osterreich, Gagern habe das Pro⸗
gramm von Kremsier mißverstanden, man behalte sich seine Ent⸗
scheidungen noch vor.
Allein diese Note machte auf Gagern nicht den gewünschten
Eindruck; er blieb bei seiner Meinung und verlangte am 5. Januar
1849 von der Nationalversammlung die Ermächtigung, zu ge⸗
eigneter Zeit mit Osterreich wegen seines Verhäͤltnisses zum
engeren Reiche zu verhandeln. Sie ward ihm nach langen Ver—
        <pb n="112" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 103

handlungen am 18. Januar 1849 mit einer Mehrheit von drei⸗
zehn Stimmen gewährt.
Damit war denn allerdings zugleich der Frage nach dem
endgültigen Charakter des Reichsoberhauptes und der Zentral⸗
gewalt nahezu gänzlich präjudiziert: wer konnte jetzt für den
engeren Bund noch in Frage kommen, außer dem König von
Preußen?
In dem Augenblicke, da die Frage nach dem Reichsoberhaupt
nun dringlich wurde, war es darum erstes Bedürfnis, sich danach
amzusehen, ob denn die bisherigen allgemeinen Verfassungs⸗
heratungen über den objektiven und den Rechtscharakter der zu
schaffenden Zentralgewalt so verlaufen waren und weiter ver—
laufen würden, um dem Koͤnige von Preußen die Annahme der
neuen Oberhauptsstellung leicht oder überhaupt möglich zu
nachen.
Man hatte mit diesen Beratungen schon am 19. Oktober
begonnen. Vor allem hatte es sich da zunächst darum gehandelt,
die Zentralgewalt mit Rechten auszustatten. Es war ziemlich
freigebig in unitarischem Sinne, etwa in der Art des ur⸗
sprünglichen Entwurfs vom April 1848, geschehen: die Erxe—
kutive erhielt die Befugnis zur Leitung der auswärtigen
Politik, die Kriegs- und Marinehoheit, die oberste Pflege des
Handels-, Zoll-⸗ und Verkehrswesens, endlich die oberste Polizei.
Gesichert waren diese Ergebnisse Ende November 1848.
Diesen Zeitpunkt hatte dann Gagern, damals noch Präsident
der Nationalversammlung, für richtig gehalten, um sich über
die Gesinnungen Friedrich Wilhelms 1IV. etwas genauer zu
anterrichten. Er war am 24. November 1848 nach Berlin
zereist. Hier war er von Friedrich Wilhelm IV. gut empfangen
worden, wenngleich sich die Bewunderung bei dem Könige mit
einem halben Grauen vor dem Revolutionsmanne verband.
Allein zu einem eigentlichen Ergebnis war man nicht gekommen.
Vielmehr blieb der König immer noch bei dem Gedanken, sich
zunächst mit sterreich zu verständigen, und hielt an dem
Glauben, daß dies in der vorliegenden Frage möglich sei, auch
noch im Januar 1849 fest.
        <pb n="113" />
        104 F Ffünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapite.

Währenddessen wurden in Frankfurt die verschiedenen
Kapitel der Reichsverfassung weiter verhandelt. Über die
Schaffung eines obersten Reichsgerichtes verständigte man sich
leicht, schwer dagegen über das Wesen des Reichstages, der
Vertretung der Nation überhaupt. Die Linke wollte ein Ein—
kammersystem, endlich kam es zum Beschluß einer zwiefach
gegliederten Vertretung: neben einem Staatenhaus, zusammen—
gesetzt aus Vertretern der einzelnen Regierungen und der deutschen
Landesstände, sollte ein Volkshaus stehen, das aus Wahlen
hervorgehen sollte, über deren Ordnung man sich noch zu ver—
ständigen hatte.
Am 14. Januar begannen dann die Verhandlungen über
den personalen Charakter des Reichsoberhauptes. Und hier
zeigte sich nun, in dieser Kardinalfrage, volle Zerfahrenheit.
Man schwankte wochenlang hin und her; die einen wollten eine
Präsidentschaft, die anderen einen Exekutivkörper nach Art des
alten Bundestages, die dritten ein Direktorium von drei oder
mehr Mitgliedern; gegen die Idee der Einheit verwahrten sich
vor allem Klerikale und Partikularisten.
Gleichwohl drang sie allmählich durch; am 28. Januar 1849
wurde die Bestimmung beschlossen, das Reichsoberhaupt sollte
einer der deutschen Fürsten unter dem Titel „Kaiser der
Deutschen“ sein; die Erblichkeit konnte einstweilen noch nicht
durchgesetzt werden.
Immerhin war damit ein Punkt gewonnen, von dem aus
die deutschen Großmächte Stellung nehmen konuten.
In Preußen bereitete darum Camphausen ein Zirkular⸗
schreiben an die deutschen Regierungen vor, das gegen die
Form, in der die Frankfurter Versammlung vorgegangen sei,
Verwahrung einlegte, inhaltlich aber dies Vorgehen billigte und
sich Gagerns Programm vom engeren und weiteren Bunde an—
eignete: nur darauf käme es noch an, daß die Regierungen durch
gemeinsame Verhandlungen zu Frankfurt mit dem Parlament
diese Grundlagen passend ausgeftalteten. Aber Friedrich Wil⸗
helm IV. setzte der Absendung dieser Zirkularnote anfangs den
heftigsten Widerstand entgegen. Er wollt⸗ noch immer mit
        <pb n="114" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 105

Hsterreich gehen und spie damals Gift und Galle gegen die
Frankfurter. Doch schließlich, in einer letzten Unterredung mit
seinen Vertrauten, Brandenburg, Canitz und Bunsen, änderte
er seine Ansicht. Nachdem er die Note aufs lebhafteste bekämpft
hatte, fragte er Bunsen: „Billigen Sie die Note?“ Bunsen:
„Durchaus.“ „Nun,“ sagte der König, zum Ministerpräsidenten
Brandenburg gewandt, „so lassen Sie sie abgehen: nur daß
die Verhandlungen mit Ästerreich deshalb nicht abgebrochen
werden.“ Graf Brandenburg, erzählt Bunsen weiter, war
wie aus den Wolken gefallen, Canitz machte ein seltsames Ge⸗
sicht. Der König stand auf, nachdem er noch einige Worte
hinzugefügt, und verließ das Zimmer. Wir drei sahen uns
einander an. „Des Herren Kopf ist anders organisiert als der
eines anderen Menschen“, sagte Graf Brandenburg. „Wes⸗
halb hat er sich so lange gesträubt, und weshalb unmittelbar
nachher auf einmal nachgegeben?“ Canitz schwieg 1.
AÄhnlich sprunghafte Entschlüsse von teilweise oder ganz
entgegengesetztem Inhalte sind auch sonst noch vom Könige in
diesen Zeiten gefaßt worden.
Das preußische Rundschreiben ging am 23. Januar ab.
Es machte in Frankfurt den besten Eindruck. Aber auch Hster⸗
reich nahte sich. Eine Note Schwarzenbergs vom 4. Februar 1849
derwarf das System des engeren und weiteren Bundes und
deutete ein ganz anderes Deutschland an: der kaiserlichen Re—
gierung schwebe ein nach außen festes und mäßiges, im Innern
starkes und freies, organisch gegliedertes und doch in sich einiges
Deutschland vor. Es war die erste öffentliche Andeutung des
Schwarzeubergschen Planes, statt des kleindeutschen Reiches von
dreißig Millionen ein Siebzigmillionenreich mit ganz sterreich,
unter der Führung des Hauses Habsburg und unter der mehr
oder minder durchgeführten Aufteilung des engeren Deutschlands
 unter die Königreiche zu begründen. Und dieser Plan
gewann eine Fülle von Patrioten für sich; sehr bald schien er
auch die Mehrheit in der Vaulskirche gewonnen zu haben.

— — —

Bunsens Leben, übers. von Nippold II, 490; v. Sybel J, 290.
        <pb n="115" />
        06 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Während nun die österreichische und die preußische Note
vorbereitet wurden und einliefen, war man in Frankfurt am
3. Februar 1849 zum Abschluß der ersten Lesung der Reichs⸗
verfassung gekommen. Gleichzeitig begannen, ebenfalls in Frank⸗
furt, die von der preußischen Regierung in der Zirkularnote
angekündigten Verhandlungen. Sie führten am 24. Februar
zum Ziel; neunundzwanzig Regierungen hatten sich über gewisse
Amendements zum Verfassungsentwurf geeinigt und reichten
diese beim Bundesministerium ein; es schien, als könne die
deutsche Verfassung im Sinne Preußens durch einen Druck der
Regierungen auf die Nationalversammlung zustande kommen.
In dieser Lage mußte natürlich den großdeutschen Mit—
gliedern des Parlaments alles darauf ankommen, die zweite
Lesung des Verfassungsentwurfs hinauszuschieben und gleich⸗
zeitig dem Entwurfe Bestimmungen anzuhängen, welche ihn
für Preußen nachträglich noch unaunehmbar machten. Beides
konnte erreicht werden, wenn man rasch in die Beratung des
Wahlgesetzes für das Volkshaus eintrat. Hier waren die Groß⸗
deutschen sicher, dem Könige von Preußen alles verleiden zu
können, wenn sie eine radikale Wahlordnung durchsetzten, und
dazu waren sie mit Hilfe der Linken imstande.
Und so geschah es. Gegen die Stimmen von hundertvier⸗
undneunzig Mitgliedern wurde ein Wahlgesetz dahin angenommen,
daß ein allgemeines, direktes und geheimes Wahlrecht für jeden
Deutschen, der über fünfundzwanzig Jahre alt sei, gelten solle. Es
war eine Wahlordnung nach radikalstem Rezept des Naturrechts;
es war klar, daß es Friedrich Wilhelm IV. bei seinen ständisch⸗
organischen Anschauungen niemals anerkennen würde. War
damit die Peripetie im Verhältnis der Nationalversammlung
zu Preußen gegeben, so schien es eigentlich nur noch darauf
anzukommen, was denn nun von den Großdeutschen, die das
Siebzigmillionenreich erträumten, in sterreich erreicht werden
würde.
An Osterreich aber erlebten die Großdeutschen eben jetzt eine
grausame Enttäuschung. Sie hatten geglaubt, der Kaiserstaat
werde in seinem neuesten Plane die deutschen Provinzen in
        <pb n="116" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 107

reiner Sonderverfassung dem Reiche beitreten lassen. Statt
dessen kam die Kunde, der Kaiser habe am 4. März seinen
Völkern eine Zentralverfassung aufoktroyiert und darauf am
7. März den Reichstag von Kremsier heimgeschickt. Nicht minder
aber wurde gleichzeitig auch die Linke enttäuscht. Österreich
forderte jetzt in einer Note seinen Eintritt in den Deutschen
Bund unter dem Verlangen, es solle ein Direktorium bestellt
werden mit einem Staatenhaus, dem aber kein Volkshaus
„lähmend“ zur Seite stehen solle.
Diese Nachrichten brachten die Großdeutschen und die Linke
in Bestürzung; ein Teil von ihnen fiel jetzt von Österreich ab
und ergriff die preußische Partei. Ihr Führer war Welcker.
Unerwartet beantragte er am 12. März 1849, die ganze Ver⸗
fassung unter Annahme der Abänderungen der neunundzwanzig
Regierungen als Ganzes durch einen Beschluß anzunehmen, die
erbliche Kaiserwürde an den König von Preußen zu übertragen
und die deutschen Fürsten zum Beitritt in den Bund auf—
zufordern. Mit den Worten „Das Vaterland ist in Gefahr,
retten Sie das Vaterland,“ schloß er seine Rede.
Allein der Appell Welckers war nicht so wirksam, seinen
Anträgen sofort die Mehrheit zu verschaffen. Die Linke hielt
an dem radikalen Wahlgesetz fest: es müsse Teil der Verfassung
werden. Sie setzte ferner durch, daß dem künftigen Kaiser kein
Recht unbedingter Einsprache gegen Beschlüsse der Volksvertretung
zuteil wurde, nicht einmal bei Verfassungsänderungen. So be—
lastete sie die Verfassung mit Bestimmungen, von denen voraus⸗
zusehen war, daß sie das Ganze dem Könige von Preußen
nur schwer annehmbar machen würden. Darauf wurde die
Verfassung und die Erblichkeit der Kaiserwürde votiert und, am
28. März, beschlossen, dem Könige von Preußen die Kaiserwürde
zu übertragen; zweihundertundneunzig Mitglieder bejahten die
Frage, zweihundertachtundvierzig, darunter über hundert Oster—
ceicher, enthielten sich der Abstimmung.
Die Freude in Frankfurt war groß, niemand schien an
der Annahme durch Friedrich Wilhelm IV. zu zweifeln, unter
Glockengeläut wurde der neue Kaiser ausgerufen. Zu gleicher
        <pb n="117" />
        108 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Zeit aber strömten die Briefe Friedrich Wilhelms IV. über von
Verwünschungen der ihm zugedachten Schandkrone, die für ihn
das Halsband des Leibeigenen im Dienste der Revolution sein
würde!.
Nach der Kaiserwahl machte sich alsbald eine Deputation
von zweiunddreißig Mitgliedern der Nationalversammlung, an
der Spitze Simson, nach Berlin auf. Im Triumph wurde sie
überall empfangen. In Berlin trat sie am 3. April 1849 vor
den König. Die Antwort, die ihr zuteil wurde, war am Tage
zuvor festgestellt worden. Es war eine bedingte Ablehnung.
Friedrich Wilhelm IV. hielt nach wie vor an dem Gedanken
fest, einmal an der Spitze eines einigen Deutschlands zu stehen;
aber die Annahme der Kaiserwürde aus den Händen der National—
versammlung widerstrebte ihm. Vielmehr wünschte er in freier
Vereinbarung mit den deutschen Fürsten einschließlich Oster⸗
reichs den engeren Bund zu begründen, von diesem eventuell
die Würde anzunehmen, und dann, wieder in gütlicher Ver—
einbarung, zwischen dem engeren Bund und Hsterreich ein inter⸗
nationales festes Band zu schließen. In diesem Sinne, nur
nicht so klar, sprach er sich zur Deputation aus.
Es war keineswegs die Anschauung der konservativen Kreise
am Hofe, sondern eigentlich nur der hochkonservativen „Kama—
rilla“, der Gerlachs und ihrer Genossen, auch der Prinz von
Preußen und seine kluge weimarische Gemahlin dachten anders.
Die Deputation aber konnte nicht anders, als aus den Worten
des Königs ein Nein heraushören und schrieb in diesem Sinne
an das Reichsministerium am 4. April. Und da fragte es sich,
wie man nun weiter kommen werde.
sterreich nahm sofort klare Stellung. Es berief seine
Abgeordneten von der Nationalversammlung ab und betrachtete
diese als aufgelöst. Den Reichsverweser Erzherzog Johann aber,
der nach der Kaiserwahl hatte abdanken wollen und daran nur
durch Simson verhindert worden war, indes doch schon dem
Könige von Preußen seine Abdankung angezeigt hatte, forderte

Ev. Sybel J, 296.
        <pb n="118" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 109

sterreich auf, vielmehr seines Amtes weiter zu warten. Es
war klar, daß man durch ihn, dem ja der Bundestag seine
Gewalt delegiert hatte!, wiederum auf den alten Bundestag
zurückkommen konnte.
In Preußen begann man dagegen sofort Verhandlungen
mit Frankfurt, um eine konservative Abänderung der beschlossenen
Verfassung zu erreichen, sowie mit den Einzelstaaten, um sie
im Sinne Friedrich Wilhelms IV. zur Zustimmung zu der
Frankfurter abgeänderten Verfassung zu bewegen. Diese Ver—
handlungen waren anfangs sehr aussichtsvoll. Schon am
14. April erklärten die Vertreter aller deutschen Staaten mit
Ausnahme der Königreiche, daß sie die Reichsverfassung an—
erkännten: Preußen möge nunmehr das gleiche tun. Und auch
von Preußen her war man inzwischen der Anerkennung viel näher
getreten. Camphausen hatte mit den entscheidenden Männern
in Frankfurt verhandelt und die Zusage erhalten, daß man
alsbald nach der Annahme der Krone und Verfassung durch
Friedrich Wilhelm IV. zu einer konservativen Revision der Ver—
fassung schreiten werde; Beckerath vom Reichsministerium war
nach Berlin gefahren, um mit dem Könige letzte Einzelfragen
zu ordnen: nichts fehlte mehr als das zustimmende königliche
Wort. Aber jetzt, in einem letzten entscheidenden Augenblicke,
erlebte man wieder das merkwürdige Zurückzucken im Willen
des Königs. Er zauderte, sprach von Gefahr; und als Beckerath
einwarf, die Gefahr sei für Preußen stets eine sieglockende
Sonne gewesen, antwortete er: „Wem sagen Sie das? Ich bin
kein Friedrich der Große“ ...
Am 21. April befahl der König dem Grafen Brandenburg,
in der preußischen zweiten Kammer die Ablehnung der Reichs—
verfassung namens der Staatsregierung auszusprechen. Damit
war zugleich das Schicksal der Nationalversammlung in Frank⸗
furt sowie auch das der nationalen Einheit auf lange Zeit hin
—XCC
Die Abweisung von seiten Preußens hatte zunächst überall

S. oben S. 92.
        <pb n="119" />
        110 — Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ein Emporkommen der radikalen Elemente zur Folge, da sich die
Gemäßigten von allen weiteren Verhandlungen und Hoffnungen
zurückzuziehen begannen.
Den ersten gewaltsamen Ausdruck fand die Enttäuschung
in Sachsen. Hier war infolge der Revolution von 1848 eine
cadikale Volksvertretung zustande gekommen. Sie remonstrierte
jetzt gegen die Verwerfung der Reichsverfassung durch Preußen
und forderte die Regierung zu deren Anerkennung auf. Die
Regierung antwortete mit ihrer Auflösung, und nun kam es
zum Aufstand in Dresden und Leipzig, 3. Mai 1849. Es war
eine keineswegs bloß radikale Bewegung; die Bürger nahmen
an ihr teil; der Hofarchitekt Gottfried Semper baute die hundert⸗
undacht Dresdener Barrikaden; unter denen, die sie besetzen
wollten, befand sich der Hofkapellmeister Richard Wagner. Frei⸗
lich: neben den edelsten Elementen standen gewöhnliche Schreier;
an die Spitze der provisorischen Regierung ist einer von ihnen,
der Advokat Tzschirner, getreten. So war an einen dauernden
Erfolg der Bewegung auch nicht einen Augenblick zu denken.
Schon am 6. Mai trafen auf Bitten der Regierung preußische
Truppen ein, am 9. Mai nahmen sie, etwa zweitausend Mann stark,
gemeinsam mit dreitausend Mann sächsischer Truppen Dresden
ein; und bald war die Ruhe wiederhergestellt.
Inzwischen hatten aber die sächsischen Nachrichten die Auf⸗
regung, die an sich schon in der Nationalversammlung zu Frank⸗
furt bestand, zu fieberhaftem Ausbruche gesteigert. Sofort nach
Ablehnung der Reichsverfassung durch Preußen hatte die Linke
Oberwasser bekommen; schon am 4. Mai hatte sie den so⸗
genannten Wydenbrugkschen Antrag durchgesetzt, der das deutsche
Volk zur eigenmächtigen Durchführung der Reichsverfassung auf⸗
forderte, die Wahlen zum ersten Volkshause auf den 1. August, den
Zusammentritt des Volkshauses auf den 22. August ausschrieb.
Jetzt, am 10. Mai, faßte die Nationalversammlung einen
Beschluß, der dazu aufrief, mit allen Mitteln dem schweren
Bruch des Reichsfriedens entgegenzutreten, den sich die preußische
Regierung durch ihr Einschreiten in Sachsen habe zuschulden
kommen lassen. Die Folge dieses und anderer ebenso ohn—
        <pb n="120" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 11]

mächtiger als maßloser Beschlüsse war, daß Gagern vom Reichs—
ministerium zurücktrat, daß ferner am 20. Mai Gagern, Simson,
Dahlmann, Arndt und andere aus der Nationalversammlung
austraten. Von diesem Augenblicke an war die National⸗
versammlung nur noch ein Konvent der Linken und ging einem
trostlosen Ende entgegen.
Während dieser Vorgänge war dann die Revolution auch
in Südwestdeutschland, besonders in der Pfalz und in Baden,
ausgebrochen. In der Pfalz gärte es schon lange, in Baden
kam es am 11. Mai 1849 zu einer Militärrevolution in Rastatt,
am 18. Mai zu einem „Landeskongreß“ zu Offenburg, am 14.
zur Begründung einer provisorischen Regierung in Karlsruhe
unter dem Demokraten Brentano. Der Großherzog entfloh
ziemlich kopflos über Lauterburg nach dem Mittelrhein.
Allein auch hier erfolgte die Unterdrückung sehr rasch.
Preußische und Bundestruppen unter dem Oberbefehl des
Prinzen von Preußen rückten von Norden aus heran, die
Insurgenten wurden in dem Treffen bei Waghäusel, am
21. Juni 1849, geschlagen und bald darauf völlig zerstreut.
Eine parallellaufende, aber minder gewaltsame Bewegung
in Württemberg verquickte sich schließlich mit den letzten Schick⸗
salen der Frankfurter Nationalversammlung.
Als nämlich die Bewegungen im Südwesten begannen,
beschloß die Nationalversammlung nach Stuttgart zu gehen, um
ihnen näher zu sein. Am 6. Juni eröffnete sie ihre Sitzungen
unter dem Vorsitze des Arztes Löwe-Calbe, nur noch etwa
hundert Mitglieder stark, im Saale der württembergischen Ab—
geordnetenkammer; zugleich setzte sie ein Kollegium von fünf
hrer Mitglieder, Raveaux, Karl Vogt und andere, als Reichs—
regentschaft ein.
Das alles ließen sich die Schwaben noch gefallen. Als aber
— ——
und über eine Fünfmillionenanleihe annahm, ward ihm der
Garaus gemacht. Am 18. Juni 1849 wurde das Sitzungshaus
militärisch umstellt und die Abgeordneten am Eintritt in das—
selbe verhindert.
        <pb n="121" />
        112 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Es war das Ende der Nationalversammlung. Ein letzter
Bericht meldet, sie sei der Gewalt gewichen.

2. Mit dem Untergange der Nationalversammlung waren
alle Versuche gescheitert, in denen sich das deutsche Volk aus
seinen Tiefen heraus bestrebt hatte, eine nationale, einheitliche
und freie Verfassung zu erringen.
Es hatte sich gezeigt, daß man wohl über das Ziel, das
man erreichen wollte, im größesten einig war, keineswegs aber
über die Mittel. Hier herrschten die größten Meinungs⸗
oerschiedenheiten zwischen Partikularisten und Unionisten, zwischen
Klerikalen und Freigeistern, zwischen Liberalen und Radikalen,
zwischen Monarchisten und Republikanern. An diesen Meinungs⸗
verschiedenheiten, die zudem noch mit herbster Prinzipienschärfe
oertreten wurden, ist die Nationalversammlung an erster Stelle
gescheitert; erst die fünfziger Jahre haben die Einsicht zu reifen
begonnen, daß in der Politik neben Grundsätzen auch Inter—
essen, neben hartnäckigem Beharren auf Ideologien auch Kom—
promisse Berechtigung haben. So ging in dieser glänzenden
Vereinigung geistiger Kräfte trotz allem der Geist politischer Un—
erzogenheit um. Die endlose Zersplitterung des alten Reiches, die
keine gemeinsame Entwicklung großer politischer Anschauungen
zugelassen hatte, wirkte noch nach. Und nach wirkte vor allem
auch jene merkwürdige rein geistige Erziehung der Nation
zum Subjektivismus, die, unter fast völliger politischer Welt—
abgeschiedenheit, auf dem Gebiete höchsten Kulturlebens aller—
dings von Empfindsamkeit und Sturm und Drang bis zu
Alassizismus und Romantik getragen hatte. Doch konnte man
bereits mit Recht behaupten, daß diese Fehler, an denen vor—
nehmlich die Nationalversammlung noch zugrunde ging, ihrem
Ursprunge nach der Vergangenheit angehörten. Eben die
Möglichkeit der Versammlung selbst bewies schon, daß man in
realistischeren Zeiten lebte: daß die Zeit politischen Verständnisses
aahe herbeigekommen war.
        <pb n="122" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Rirche und Staat. 113

Eine zweite, geringere Ursache des Scheiterns der natio—
nalen Einheitsbewegung muß in der ständigen Zunahme der
Bedeutung des Radikalismus während der Revolutionszeit selbst
gesucht werden. Gewiß war diese Zunahme, an dem Verlaufe
anderer, außerdeutscher Revolutionen gemessen, gering; und
sicherlich liegt es in der Psychologie jeder Umwälzung, all⸗
mählich den ungebundneren, weniger denkeifrigen und weniger
willensstarken Kräften Raum zu geben. Allein selbst die Ein—
sicht in diesen Zusammenhang pflegt die verderbliche Wirkung
des Radikalismus nicht zu hindern, wie sie in der bewußten
Konstruktion unversöhnlicher Gegensätze und der Aufforderung
zu offener Gewalttat hervorbricht.
So war es der Nationalversammlung nicht vergönnt gewesen,
Abschließendes zu schaffen. Aber in der festen Umschreibung der
allgemeinen politischen Ziele, die ihr gelang, lieferte sie die
wertvollsten Bausteine einer besseren Zukunft.
Hatte die Begründung des Zollvereins seit den dreißiger
Jahren eine Gemeinsamkeit materieller Interessen für alles, was
deutsch hieß, zu schaffen begonnen: jetzt entwickelte die achtund⸗
dierziger Bewegung weit darüber hinweg und weit mehr noch
n die Tiefe hinein die Gemeinsamkeit aller politisch nationalen
Interessen. Denn diese Gemeinsamkeit ist seitdem nicht wieder
verloren gegangen, wenn sie auch zunächst nur in großen National⸗
feiern zutage trat, der Feier von Schillers hundertjährigem
Geburtstag etwa oder der fünfzigjährigen Gedenkfeier der Schlacht
bei Leipzig, sowie in Vereinen politisch-nationaler Färbung, den
Turn⸗ und Schützenvereinen, vor allem dem später durch
Bennigsen begründeten Nationalberein.
Und noch mehr: die Nationalversammlung hatte auch schon
in ihren Debatten wie in ihren Schicksalen sichere Fingerzeige für
die Art der Begründung eines zukünftigen einigen Deutschlands
gegeben. Es war seitdem unzweifelhaft, daß ein neues einiges
Deutschland nicht republikanisch, sondern monarchisch sein werdo.
Es war ferner unzweifelhaft, daß es eine Volksvertretung haben
werde. Es war endlich für jeden Denkenden klar, daß es zu—
aüchst nur aus dem engeren Deutschland unter Preußens Führung
Lamprecht, Deuische Geschichte. XI. 1. 23
        <pb n="123" />
        114 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

werde bestehen können, und daß dem erst später eine völker—
rechtliche Union mit Österreich folgen werde.
Freilich einstweilen, im Jahre 1849, stand man an einem
Grabe gescheiterter Hoffnungen. Daß eine ganz andere Denk⸗
weise, daß eine freiere Auffassung und Aussprache politischer
Dinge als wichtigste Errungenschaft für immer unausrottbar
entstanden war, wurde übersehen; man verfiel in den natio—
nalen Kreisen der Gebildeten der Resignation und teilweise fast
der Verzweiflung. Es ist die Zeit, da ein so treuer deutscher
Mann, wie Gottfried Keller, noch dazu ein Beobachter aus
der Ferne, dichten konnte:

Es ringen die Ströme gewaltig zu Tal,
Die Deutschen nach Einheit mit Feuer und Stahl;
Der Neckar erreicht den wallenden Rhein,
Doch ewig muß deutsche Zerrissenheit sein.

Es sind die Jahre, da in den „Fliegenden Blättern“, die
damals auch der politischen Satire offen standen, als regel⸗
mäßige Figur der deutsche Michel auftrat, bald in einem Lotos—
kelche denkend und träumend, bald als Schriftsteller unter einem
Galgen, mit dem Strick um den Hals, hinter ihm ein militä—
rischer Henker, oder wohl auch als weinend um seine Mutter
Germania, die durch allerlei Medizinen gänzlich herunter—
gekommen sei. Es ist die Zeit drohender und spottender Er—
innerungen an die vorausgegangenen Tage. Da meint Dingel⸗
stedt von den langwierigen Sommerverhandlungen der National-—
»ersammlung:
GBründlich ergründen sie drin des Volks zu begründendes Grundrecht;
Draußen indes grundschlecht wird es dem Volke zumut.

Und da beschwört Freiligrath in dem Gedächtnis von
Tausenden und aber Tausenden jene merkwürdigste aller Berliner
Revolutionsszenen wieder herauf, die Paradevorführung der
Leichen der Revolutionshelden durch das Volk im Schloßhofe:
Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf blut'gem Brett hoch in die Luft gehalten!
Hoch in die Luft mit wildem Schrei, daß unsere Schmerzgebärde
Dem—, der zu töten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde!
        <pb n="124" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 115

Indes was vermochte all der Schmerz und der höhnende
Rückblick? Es galt vorwärtszuschauen. Und da fragte es sich
jetzt, nachdem die Nation als solche mit der Ordnung ihrer
höchsten Anliegen gescheitert war, ob nicht vielleicht die Re—
gierungen noch einen Versuch zur Begründung deutscher Ein—
heit machen könnten. Einstweilen stand man ja in nationalen
Dingen, ja im Bereiche der Obliegenheiten des alten Bundes
vor fast nichts; der Reichsverweser Erzherzog Johann in Frank—
furt und sein Ministerium waren völlig einflußlos: etwas
mußte jedenfalls geschehen.
In der Tat nahmen jetzt Osterreich und Preußen, jedes
auf seine Weise, die Fortführung und, wie sie es alsbald an—
sahen, die Beherrschung der nationalen Bewegung in ihre
Hand; hatten sie doch schon vor und während der ganzen
popularen Bewegung ihre gegenseitigen Gedanken über die
Konstruktion eines neuen Deutschlands mehr als einmal aus—⸗
getauscht.
In Preußen gingen eigene Gedanken über die Entwicklung
eines neuen Deutschlands bis auf die ersten Jahre Friedrich
Wilhelms JIV. zurück. Da hatte schon im Jahre 1848 Radowitz
als preußischer Gesandter in Karlsruhe und darauf als Militär—
bevollmächtigter am Bundestage, von den liberalen und natio⸗
aalen Strömungen berührt, den Plan einer Bundesreform aus⸗
gearbeitet, in dem die Ausdehnung des Zollvereins auf ganz
Deutschland, die Vereinheitlichung von Münze, Maß, Gewicht,
deutsche einheitliche Schiffahrts- und Kolonialpolitik, ein deutsches
Eisenbahnsystem, Freizügigkeit, ein gemeinsames Recht, Be⸗
gründung von Bundesfinanzen und Zuziehung von Sach—
verständigen zum Bundestage gefordert wurden. Aber freilich
erst im November 1847 wurde eine von ihm vorgelegte Denk⸗
schrift gleichen Inhalts von Friedrich Wilhelm IV. in ihren
Hauptzügen gebilligt und darüber Verhandlungen mit Öfter—
reich eröffnet.
Im September 1847 hatte dann Friedrich Wilhelm IV.
auch eine Denkschrift vom Prinzgemahl Albert von England,
betreffend die Ausbildung volkstümlicher Regierungsformen und
Q*
        <pb n="125" />
        116 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

eine stärkere Einheit Deutschlands, erhalten und war durch den
Prinzen mit einer verwandten Denkschrift des Fürsten Karl
von Leiningen, eines Schwagers des Prinzgemahls, bekannt
geworden. Für die Stellungnahme des Königs in dieser Zeit
bleibt dabei der Brief lehrreich, in dem er, am 6. November
1847, dem Prinzen Albert geantwortet hatte: „Bis auf zwei
Dinge .. mir .. aus der Seele geschrieben und mir um so
merkwürdiger, als ich gerade die Maßregeln getroffen hatte, um
den“ vorgeschlagenen Weg wirklich zu betreten. Die zwei Points
de dissentiment sind 1. das gewünschte Aufgeben vonseiten
der deutschen Fürsten von einem Teil ihrer Souveränitätsrechte,
2. das angeratene Vorschreiten Preußens auf dem Wege des
modernen Konstitutionalismus.“ Das waren nun freilich die
Hauptpunkte aller nationalen Forderungen überhaupt. Zu alle—
dem hatte sich der König auch noch aufs entschiedenste gegen
die kleindeutsche Idee gewendet: „Ihr Schwager von Leiningen
geht in allen Dingen viel weiter als Ew. Königliche Hoheit.
Vor seinem Wunsche, ‚daß Osterreich faktisch aus dem Bunde
gedrängt werde und Preußen seine Stelle einnehme‘, möge mich
unser Herrgott im Himmel bewahren! Deutschland ohne Triest,
Tirol und das herrliche Erzherzogtum! Wäre schlimmer als ein
Gesicht ohne Nase! Gott wird Deutschland nicht verlassen!“
Waren dies die Stimmungen und Meinungen des Königs
vor 1848 und 1849, so hat die Geschichte dieser Jahre er—
geben, wieviel er inzwischen doch gelernt hatte. Freilich: in
einem verhängnisvollsten Punkte war er standhaft geblieben:
in seinem unbedingten Respekt vor Osterreich. Da war es denn
klar, daß diese innerste Stellungnahme des Königs den Be—
strebungen Österreichs auch im Verlaufe noch der nachrevolutio⸗
nären Zeit von vornherein einen Vorsprung geben mußte.
In Osterreich hatte Fürst Schwarzenberg inzwischen ein
Programm mit folgenden Hauptzügen entworfen!: Eintritt
Gesamtösterreichs sowohl in den Deutschen Bund als in den
Preußischen Zollverein; Ersetzung des Bundestages durch ein

v. Sybel 1, 353.
        <pb n="126" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 117

siebenköpfiges Direktorium (Osterreich, Preußen, Bayern, Württem⸗
berg, Hannover, Sachsen, die beiden Hessen); Erfordernis der Ein—
timmigkeit nur bei Verfassungsänderungen; Wegfall jeder Volks⸗
oertretung beim Bunde; Einteilung Deutschlands in sechs Kreise,
deren jeder unter Leitung eines königlichen Kreisobersten gestellt
werden sollte. Es war ein Plan, der auf Unterdrückung aller
liberalen und nationalen Regungen hinauslief und die halbe
Mediatisierung der kleinen Fürstentümer zugunsten der Mittel—
staaten sowie die völlige Majorisierung Preußens durch diese
Mittelstaaten in allen Bundessachen bezweckte.
Natürlich war dieser Plan nur den vier Königreichen
Bayern, Württemberg, Sachsen und Hannover angenehm; die
kleinen Staaten fürchteten ihn; Preußen mußte ihn ohne weiteres
oerwerfen.
Er wurde schließlich aber auch von sterreich aufgegeben.
Man begriff, namentlich nach Schwarzenbergs Tode, daß man
mit der Rekonstruktion der früheren Bundesverfassung für den
österreichischen Standpunkt mit viel geringerer Mühe ebensoviel
erreiche; und so ging dann das Streben sehr bald auf einfache
Rückkehr zu den alten Zuständen.
Preußen vertrat dagegen jetzt das Programm, das Gagern
in der Nationalversammlung entwickelt hatte: also engerer
Bundesstaat unter preußischer Leitung; dieser Bundesstaat in
ewiger Union mit sterreich zur Aufrechterhaltung der inneren
und äußeren Selbständigkeit, zur einheitlichen Führung der
auswärtigen Politik durch eine gemeinsame Unionsregierung,
zur Herstellung gegenseitiger Zoll- und Verkehrsfreiheit. Dies
Programm hatte man sich schon in der Note vom 28. Februar
1849 angeeignet; gern hätte man es im Bunde mit der National⸗
versammlung ausgeführt; nur durch die radikalen Neigungen
dieser war das verhindert worden.
Nachdem darauf Preußen sich von der Nationalversammlung
losgesagt hatte, begann es sofort von sich aus, auf diploma—
tischem Wege, durch freie Verhandlung mit den deutschen
Fürsten und sterreich, die Verwirklichung dieses Programms
anzustreben.
        <pb n="127" />
        118 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Bevor aber die Erzählung jetzt in das Detail dieser Ver—
handlungen eintritt, wird es nötig sein, sich noch einmal die
Stellung zu vergegenwärtigen, die König Friedrich Wilhelm IV.
in diesem Momente zu den bewegenden Fragen einnahm: denn
auf seine Stellung kam, im Falle einer diplomatischen Aktion,
bei der Eigenmächtigkeit, ja dem Eigensinn seines Naturells und
seiner Regierung im Grunde alles an.
Friedrich Wilhelm IV. verfolgte nun in seiner Sorge um
die Einheit der Nation offenbar auch nationale Ziele; und
nie hat er von diesem Standpunkte aus in seinem Innersten
auf den Gedanken, Deutscher Kaiser zu werden, großmütig ver—
zichtet. Allein das einzige Mittel hierzu, die Benutzung und
Führung der populären, liberalen Bewegung, wollte er nicht
anwenden; im Gegenteil, sie war ihm im Tode verhaßt. Daß
liberale und nationale Bewegung untrennbar zusammenhingen,
daß sie nur verschiedene Ausdrucksseiten desselben subjektivistischen
Seelenlebens des 19. Jahrhunderts waren, das hat seine bei
aller Romantik wenig historische Beanlagung niemals erfaßt.
Er suchte die deutsche Einheit vielmehr durch legitimistische
Maßregeln zu erreichen: und so spielen die Verhandlungen mit
den einzelnen Fürsten in seiner Politik eine fast ausschlaggebende
Rolle. Natürlich aber trieb ihn diese Art des Vorgehens
immer und immer wieder sterreich, dem Hort des deutschen
und des europäischen Legitimismus, in die Arme. Und darum
ist es sehr begreiflich, daß er sich niemals von der Be—
wunderung und moralischen Unterordnung unter Osterreich los—
gemacht hat.
Eine unmittelbare Folge dieser geistigen Beanlagung des
Königs ist es dann aber auch gewesen, daß das preußische
Vorgehen zur Erringung einer nationalen Einheit scheiterte, ja
dem Lande und seinem Herrscher die schlimmsten Demütigungen
zuzog.
Der erste Versuch Preußens, eine Reichsverfassung durch
freie Verhandlungen mit den Einzelstaaten zu erreichen, begann
zu einer in gewissem Sinne nicht ungünstigen Zeit. Zwar
zürnten die Einzelstaaten Friedrich Wilhelm IV. wegen seiner
        <pb n="128" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 119

immerhin nicht unbedingten Ablehnung der Frankfurter Kaiser—
würde, als aber der Verfall der Nationalversammlung eintrat
und sich überall revolutionäre Mächte erhoben, da wandte man
sich doch unwillkürlich Preußen zu, das denn auch im Mai
und Juni 1849 die Aufstände in Sachsen, in der bayerischen
Pfalz und in Baden niederschlug. Diese Zeit, bis tief in den
Juni hinein, war also für Preußen günstig und mußte aus—
genützt werden.
In der Tat begann man rasch damit, zunächst als Unter—
lage aller Verhandlungen einen neuen Verfassungsentwurf aus—⸗
zuarbeiten. Er schloß sich ziemlich eng an die von der Frank⸗
furter Versammlung beschlossene Verfassung an; nur war er
monarchischer und konservativer. Durch einen solchen Entwurf
hoffte man am ehesten das gemäßigt-liberale Bürgertum von
dem radikalen zu trennen. Seele des Entwurfs war der General
von Radowitz, jener in eigentümlichen politischen Farben schillernde
Charakter, der von Frankfurt nach Berlin gegangen und bald
mit Friedrich Wilhelm IV. in ein Verhältnis enger Freundschaft
getreten war. Dabei wollte man aber mit dem alten Bundes—
recht nicht unmittelbar brechen, berief sich vielmehr für das
Recht der einzelnen Souveräne, dem neuen Reiche beizutreten,
auf Artikel 11 der alten Bundesakte, wonach es den einzelnen
Souveränen freigelassen war, Bündnisverträge einzugehen, außer
wenn sie gegen die Sicherheit des Bundes gerichtet seien. Es
war ein erster verhängnisvoller Fehler: Österreich hat später
bei seinen Bestrebungen, die alte Verfassung zurückzuführen,
daraus gefolgert, auch Preußen stehe ja noch auf deren
Grundlage.
Ferner wiegte man sich in Berlin in der Hoffnung, Öster—
reich werde an den Beratungen der neuen Verfassung teil—
nehmen. Aber sterreich wies die Einladung schroff zurück und
bezeichnete das erhoffte Zustandekommen der neuen Verfassung
nicht undeutlich als Kriegsfall. Dagegen beschickten Hannover
und Sachsen die in Berlin am 17. Mai 1849 beginnende
Konferenz, und anfangs hat auch Bayern an ihr teilgenommen.
Darauf kam am 26. Mai 1849 ein Vertrag zwischen den
        <pb n="129" />
        120 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

verhandelnden Staaten zustande, der folgendes festsetzte: Zwischen
den drei Königreichen Preußen, Sachfen und Hannover wird
zunächst auf ein Jahr ein Bund zu gegenseitigem Schutzbeistand
abgeschlossen, der auch allen anderen deutschen Staaten, die beitreten
wollen, offen steht. Die Oberleitung der Bundesangelegenheiten
hat Preußen, zur speziellen Geschäftsführung dient ein Ver—
waltungsrat, für den Bund gilt ein Verfassungsentwurf, der
von einer demnächst zu berufenden Reichsversammlung geprüft
werden soll; etwa vorgeschlagene Anderungen bedürfen der Zu⸗
stimmung der verbündeten Regierungen.
Der Vertrag wurde von Hannover und Sachsen am
27. Mai unterzeichnet, aber mit dem Vorbehalt, daß sie sich
nur dann für gebunden erachten würden, wenn die neue Ver—
fassung, abgesehen von Osterreich, Gemeingut der ganzen Nation
werden würde. Sollte der Süden bis zur Einberufung der
Reichsversammlung noch nicht beigetreten sein, so behielten sie
— Zweck der Um⸗
gestaltung der Verfassung vor. Dieser Vorbehalt wurde von
Preußen angenommen und gleichzeitig an alle deutschen Re—
gierungen die Einladung zum Beitritt erlassen.
Alle diese Maßregeln hatten nun zunächst großen Erfolg.
Eben damals war Osterreich durch den ungarischen Aufstand
gebunden, während Preußen die Revolution in Baden nieder⸗
schlug: unter diesem doppelten Eindrucke trat eine große An⸗
zahl von Staaten bei, nur Bayern und Württemberg zögerten
noch. Gleichzeitig beschäftigten fich Ende Juni hervorragende
Mitglieder der erbkaiserlichen Partei der Frankfurter Ver—
sammlung, so Gagern und Dahlmann, in einer Versammlung
zu Gotha, dem sogenannten Nachparlament, mit der von
Preußen ausgearbeiteten Verfassung und beschlossen für ihre
Annahme zu wirken. In Erfurt aber tagte unter Leitung des
Ministers von Bodelschwingh schon der Verwaltungsrat des
neuen Bundes und bereitete alle Schritte für den künftigen
Reichstag vor.
Allein während dieser Vorgänge erholte sich Osterreich;
in Ungarn kam es schon im Juli unter Eingreifen Rußlands
        <pb n="130" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 121

zu entscheidenden Schlägen. Die Folgen ergaben sich bald in
den deutschen Verhältnissen. Auf Anstachelung sterreichs hin
zeigten sich Bayern und Württemberg immer weniger geneigt,
in den Bund einzutreten; Sachsen und Hannover, die in
ihm waren, wurden schwierig, und als Preußen im Oktober
die Berufung des Reichstages zur Sprache brachte, legte
Hannover unter Zustimmung Sachsens Einspruch ein; ja vom
20. Oktober ab blieben die Vertreter beider Königreiche den
Sitzungen des Verwaltungsrates fern.
Preußen ließ sich indes dadurch noch nicht beirren; am
15. Januar 1850 fanden die Wahlen zum Reichstage statt.
Darauf stieg der Widerwille der österreichischen Partei wieder
um einen Grad höher; am 15. März 1850 nannte der König
von Württemberg, nachdem er anstatt des liberalen ein reaktio—
näres Ministerium berufen hatte, in einer Thronrede das
Bündnis vom 27. Mai einen künstlichen Sonderbundsversuch
und den deutschen Einheitsstaat das gefährlichste aller Traum—
bilder; und in Kurhessen trat am 23. Februar an Stelle des
liberalen Ministers Eberhard der Minister Hassenpflug: was
nur als der Beginn des Austrittes von Kurhessen aus der
opreußischen Union verstanden werden konnte.
Gleichwohl ging Preußen noch immer vorwärts. Am
20. März 1850 trat der Reichstag in Erfurt zusammen. Da
sich die Radikalen bei den Wahlen der Abstimmung enthalten
hatten, so war er mehr aristokratisch als frühere Versammlungen,
dabei reich an tüchtigen Köpfen. Man einigte sich, namentlich
anter den Anstrengungen der sogenannten Gothaer Partei, in
welcher sich die Erbkaiserlichen unter Führung des Herzogs
Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha trafen, auf die Annahme
des Verfassungsentwurfs im ganzen und erklärte auch seine
Zustimmung zu einzelnen, von den Regierungen gewünschten
Abänderungen, so daß die Verfassung der „Union“ (so nannte
man jetzt den Bund) am 29. April 1850 zustande kam.
Allein eben in diesem Augenblick schien die Existenz der
Union schon aufs ernsteste bedroht.
—D
        <pb n="131" />
        122 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Erbitterung gesehen. Sehr entschieden hatte Schwarzenberg
schon am 28. November 1849 in Berlin erklärt, er fände das
Verfahren Preußens nicht vereinbar mit der Tatsache, daß es
die alte Bundesakte noch als zu Recht bestehend betrachte, was
ja Preußen durch Berufung auf den Artikel 11 dieser Akte
wirklich getan hatte. Und ferner hatte Schwarzenberg die Union
als nicht zu Recht bestehend erklärt, wie sie ja in der Tat dem
Geiste der alten Bundesverfassung nicht entsprach.
Des weiteren hatte Osterreich versucht, seinen alten Plan
einer Ausgestaltung des Bundes unter Einrichtung von sechs
Kreisen unter königlichen Kreisobersten und unter Einbeziehung
von ganz Deutschland durchzuführen; zu dem Zwecke waren
im Winter von 1849 auf 1850 Verhandlungen mit den könig⸗
lichen Mittelstaaten geführt worden, hatten aber allerdings keinen
Erfolg gehabt.
Darauf hatte sich Österreich einfach der Wiederbelebung
des alten Bundestages zugewendet.
Die Verhältnisse lagen hier, wie wir uns erinnern, folgender⸗
maßen. Der Reichsverweser Erzherzog Johann hatte seine
Funktionen doppelt übertragen erhalten, vom alten Bundestag
und von der Nationalversammlung. Er konnte also als Rechts⸗
nachfolger des Bundestages betrachtet werden. Als dann die
Nationalversammlung gesprengt war, hatte der Reichsverweser
im August 1849 allerdings das Bedürfnis empfunden, seine
Funktionen aufzugeben. Und so hatte er seine Rechte in den
Schoß einer provisorischen Zentralgewalt niedergelegt, die aus
Kommissaren bestand, die sterreich und — Preußen gemein⸗
sam gesandt hatten, und die bis zum J. Mai 1850 bestehen
sollte.
Mußte man in diesem neuen Frankfurter Provisorium nun
nicht erst recht eine Fortsetzung des Bundestages sehen? Und
war es mit dem Geiste der preußischen Politik vereinbar, daß
Preußen an seiner Begründung teilnahm 2
Jetzt erließ Osterreich, völlig konsequent, ein Rundschreiben,
in welchem es zum 10. Mai 1850 eine außerordentliche Plenar⸗
oersammlung des alten Bundes nach Frankfurt einberief, um
        <pb n="132" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 128

die provisorische Zentralgewalt, deren Auftrag mit dem 1. Mai
ablief, durch ein endgültiges Bundesorgan zu ersetzen.
Nun wäre dies alles vielleicht noch von geringerer Be—
deutung gewesen, hätte jetzt Friedrich Wilhelm IV. wenigstens an
den Gesichtspunkten festgehalten, die ursprünglich bei Begründung
des Dreikönigbundes und der Union vorgewaltet hatten.
Allein diese Gesichtspunkte waren ihm jetzt, wie die Union
üüberhaupt, schon längst halb verleidet. Wie viele Wandlungen
waren nicht seit der Feststellung des Verfassungsentwurfs der
Union, im Mai 1849, bis zum Mai 1850 eingetreten! Preußen
hatte sich erholt, überall zeigten sich Züge beginnender Reaktion.
Die Verfassung vom Mai 1849 erschien dem Könige jetzt viel
zu liberal. Und voll wurde er in dieser Ansicht durch die sich
bildende preußische Junkerpartei bestärkt.
So hielt er nur noch halben Herzens zu seinem eigenen
Werke. Und daran ist die Union zugrunde gegangen.
Zunächst erließ Preußen freilich noch, als Gegenstück zur
österreichischen Einladung nach Frankfurt, am 1. Mai eine
Einladung an die Unionsfursten zu einem Kongreß in Berlin,
zur Anerkennung der Erfurter Verfassung. Der Kongreß tagte
auch vom 9. bis 16. Mai. Aber der Erfolg war gering. Nur
die kleinen Fürsten wollten die Verfassung anerkennen; die
Opposition führte Kurhessen. Als der Kurfürst von Hessen in
der Fürstenversammlung Friedrich Wilhelm IV. küßte, rief der
Herzog von Braunschweig laut „Judas“. Hassenpflug aber
hatte schon vorher verkündet, er wolle die Union von innen
heraus sprengen. So kam es zu weiter nichts, als zur An⸗
erkennung eines Unionsministeriums an Stelle des bisherigen
Verwaltungsrates.
Durch diese innere Uneinigkeit wurde nun Hsterreich
weiter ermutigt. Es erließ jetzt, auf Vorschag der wenigen
Staaten, die sich am 10. Mai in Frankfurt zusammengefunden
hatten, ein Rundschreiben, in dem es die Wiedereröffnung des
Bundestages zum 1. September 1850 ankündigte.
Und so hatte denn die Nation für die Zeit vom 2. Sep⸗
tember 1850 ab die Aussicht auf zwei Zentralgewalten, eine
        <pb n="133" />
        124 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

preußische und eine österreichische, das Unionsministerium und
den Bundestag.
Es war ein Zustand, der sofort zu den ernstesten Konflikten
führen mußte. Diese Konflikte aber spielten sich in den deutschen
Fragen ab, die damals im Vordergrunde des Interesses standen,
in der hessischen Verfassungsangelegenheit und in der schleswig⸗
holsteinischen Frage. Denn in beiden hatte Preußen wesentliche
 Interessen. In Hessen insofern, als das Land zur Union
gehörte und als die preußischen Etappenstraßen zwischen seinen
westlichen und östlichen Provinzen durch das Kurland liefen,
als überhaupt Hessen beide preußische Landeshälften schied. In
den Elbherzogtümern, weil es die schleswig⸗holsteinische Frage
im Namen des Bundestages und der Frankfurter Nationalbersammlung
 bisher geführt hatte. Beide Angelegenheiten kamen
aber auch vor den neueröffneten Bundestag. Damit war ein
—DVDDDD Schleswig⸗
Holstein.
In Kurhessen galt seit 1881 eine verhältnismäßig liberale
Verfassung; wenigstens stellte sie die Verwaltung und das
Steuerwesen vor willkürlichen Eingriffen der Landesherren sicher.
Allein das war nicht nach dem Sinne des Kurfürsten
Friedrich Wilhelm. Ein äußerst begabter Mann, aber in un—⸗
sittlichen Familienverhältnissen groß geworden, nach Herzens⸗
neigung verheiratet, aber morganatisch, so daß seinen Kindern die
Nachfolge im Lande versagt war, betrachtete er seine Regierung
nur als Gelegenheit zu persönlicher Bereicherung. In dieser
Richtung stand ihm aber die Verfassung mit ihrer Kontrolle
des Staatshaushalts und einer fest vorgeschriebenen Zivilliste
entgegen. Schon 1847 hatte er deshalb einen Verfassungsbruch
versucht; allein die Offiziere seines Heeres hatten keine Geneigt⸗
—DD hatte
ihn durch bundestägliche Bedenken ernüchtert. Im Jahre 1848
mußte er dann sogar einige neue liberale Zugeständnisse machen.
Darauf war er der preußischen Union beigetreten in der Hoffnung,
hier Hilfe gegen die finanzielle Kritik seines Landtags zu finden.
Allein auch darin hatte er sich getäuscht gesehen. So wurde
        <pb n="134" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 125

er denn zum bitteren Feinde der Union und berief aus preußischen
Diensten einen neuen Minister, Hassenpflug, einen Mann, der
schon in den dreißiger Jahren hessischer Minister gewesen und
sich mit dem Landtag herumgeschlagen hatte, einen überzeugten
Fanatiker des Absolutismus und der Orthodoxie, zudem von
aunglaublicher Kühnheit der Mittel.
Und nunmehr begann in Kurhessen ein bis dahin un—
erhörtes Regiment.
Von Februar bis September 1850 begehrte Hassenpflug
oom Landtage die Bewilligung der Landeseinkünfte und Steuern,
ließ aber gleichzeitig keinen Staatshaushalt vorlegen, obwohl
bekannt war, daß ein solcher fertig im Finanzministerium lag.
Die Stände verweigerten darauf die Vollmacht zur Erhebung
der direkten Steuern. Als dann Hassenpflug am 2. September
den Steuerbehörden trotzdem die Erhebung dieser Steuern be—
fahl, verweigerten diese die Erhebung: das gehe gegen ihren
Diensteid. Ein Ausgang, der Hassenpflug keineswegs verblüffte.
Auf Grund eines im Jahre 1848 aufgehobenen Bundesgesetzes
erklärte er jetzt das Land als im Kriegszustand befindlich. Und
als die Behörden diese Erklärung nicht anerkannten, da ver—
anlaßte er, zum Beweise des aufrührerischen Zustandes, den
Kurfürsten, mit ihm zusammen Kassel zu verlassen; und ging mit
—D—
Danau, in die Nähe des wiederhergestellten Bundestages.
In der Tat setzte Hassenpflug dann den Bundestag, vorn⸗
weg Österreich, in dieser unglücklichen Angelegenheit in Be—
wegung. Am 17. September berichtete er; und am 21. September
schon beschloß der Bundestag, die kurhessische Regierung solle ihn
schleunigst über die Mittel unterrichten, die sie zur Bändigung
des Aufruhrs ergriffen habe; das Verfahren der kurhessischen
Ständeverfammlung komme einer Steuerverweigerung gleich; es
sei allen Anforderungen der Regierung Folge zu leisten; und
er, der Bundestag, habe die Pflicht, der Landesregierung zur
Bändigung des Aufruhrs die erforderliche Hilfe zu leisten.
Natürlich schritt jetzt Hassenpflug, wie man ihn im Lande
nannte „Der Hessen Haß und Fluch“, zu neuen Forderungen
        <pb n="135" />
        126 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

fort. Am 2. Oktober unterwarf er das Land einer Militär—
diktatur; überall sollten nur Kriegsgerichte funktionieren. Allein
auch dieses Mittel versagte. Die Ständeversammlung ließ den
General von Haynau, den Oberbefehlshaber, beim Militär—
auditoriat wegen Vergewaltigung und Verfassungsverletzung
verklagen, dieses nahm die Anklage an, und am 9. Oktober
forderten zweihundertdreiunddreißig Offiziere, vier Generäle,
sieben Oberste, zwanzig Oberstleutnants, dreizehn Majore, neun⸗—
undfünfzig Hauptleute und Rittmeister, achtzig Sekondleutnants,
ihre Entlassung.
Damit waren die innerhessischen Mittel erschöpft: es blieb
nichts übrig, als Vermittlung oder Dämpfung von außen her.
In diesem Momente stießen nun Osterreich und Preußen
aufeinander. Der Bundestag wollte unter österreichischem Ein⸗
fluß zur Exekution schreiten: Preußen erhob dagegen Einspruch.
Aber Osterreich war diesmal seiner Sache sicher. Es war
klar darüber, daß der russische Zar, der sich in diesen Jahren
überall in Deutschland zugunsten der Reaktion einzuschreiten
herausnahm, über die Vorgänge in Hessen empört war und
rasche Wiedereinführung des Kurfürsten wünschte. Es sah, wie
alle Mittelstaaten die kurhessische Angelegenheit als Mittel zur
Sprengung der preußischen Union erfreut begrüßten, und so
handelte es rasch.
Am 11. Oktober kamen die Monarchen von Hsterreich,
Bayern und Württemberg in Bregenz zusammen und beschlossen,
dem hessischen „Aufruhr“ entgegenzutreten; bald darauf zog ein
Frekutionsheer von Bayern und Osterreichern gegen das Land.
Mittlerweile aber hatte auch Preußen Militär vorgeschoben;
es hatte Kassel besetzt; es drang nach Süden gegen Fulda
zu vor.

Inzwischen näherten sich die Bundeserekutionstruppen eben⸗
falls Fulda. So stand alles auf der Schneide des Schwertes;
und am 8. November kam es bei Bronzell zu einem Kugelwechsel
der Vorposten der beiden Heeresmassen, der freilich nur einem
Schimmel das Leben kostete; das Zusammentreffen wurde später
als Mißverständnis erklärt.
        <pb n="136" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 127

Jetzt allerspätestens hätte die Ehre Preußens erfordert,
durchzugreifen und loszuschlagen. Allein davon war Friedrich
Wilhelm IV. weit entfernt. Innerlich sympathisierte er keines—
wegs mit dem seiner Ansicht nach revolutionären Hessen; zu⸗
dem war sein Respekt gegenüber sterreich der alte; so wurde
er von widerstrebenden Gefühlen bewegt; und demgemäß lauteten
auch die Befehle an den preußischen Befehlshaber Grafen von
der Gröben schwankend und unbestimmt.
Während sich aber in Kurhessen so alles zuspitzte, stand
es in der schleswig-holsteinischen Frage für Preußen gleich
trostlos.
Unsere Erzählung hat die schleswig-holsteinischen Dinge
bis zu dem für Preußen unrühmlichen Waffenstillstand von
Malmö, vom 26. August 1848, verfolgt!. Auf diesen Waffen⸗
stillstand war es im Herbst 1848 zu Friedensverhandlungen ge⸗
kommen. Diese hatten indes zu keinem Ziele geführt, da sich
Dänemark in seinen Ansprüchen der Zustimmung Englands und
Rußlands und auch der Sympathie Osterreichs sicher wußte.
Und so hatten, am 3. April 1849, die kriegerischen Operationen
in den Elbherzogtümern aufs neue begonnen. Am 13. April
wurden die Düppeler Schanzen von bayerischen und sächsischen
Truppen gestürmt, am 20. April schlug der preußische General
von Bonin, Oberbefehlshaber der schleswig-holsteinischen Truppen,
die Dänen. Dann aber traten diplomatische Verhandlungen
wieder verflachend dazwischen; Preußen wünschte bei seiner
schwachen Stellung in Deutschland die Fessel des nordischen
Krieges los zu sein; es führte den Krieg matt; und die
Schleswig-Holsteiner erlitten infolgedessen bei Fredericia eine
Niederlage, 6. Juli 1849.
Die Entrüstung über diese Vorgänge war in Deutschland
schon groß; sie wuchs, als man das Ergebnis der sie begleitenden
diplomatischen Verhandlungen in dem Waffenstillstand und den
Friedenspräliminarien vom 10. Juli 1849 kennen lernte. In
ihnen wurde vorläufig die Trennung Schleswigs von Holstein

4S. oben S. 98.
        <pb n="137" />
        128 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

ausgesprochen; Holstein sollte unter der von der deutschen
Zentralgewalt angeordneten Statthalterschaft bleiben; Schleswig
aber im Namen des Königs von Dänemark von einer drei—
köpfigen Landesregierung verwaltet werden, an deren Spitze
ein Engländer trat.
Natürlich protestierte die Statthalterschaft von Holstein
gegen diese Lösung, die sich fast mit dem Offenen Briefe König
Christians in Übereinstimmung befand; ihr schlossen sich mehrere
deutsche Regierungen an; und nur fünf Regierungen bestätigten
die Abmachungen.
Inzwischen aber, Januar 1850, begann Preußen die Ver—
handlungen über einen endgültigen Frieden. Sie zogen sich
endlos hin; Preußen verlor in ihnen eine Position nach der
anderen. Gleichzeitig verschlechterte sich das Verhältnis zu
Osterreich und Rußland wegen der Unionsverhandlungen; auch
eine Zusammenkunft des Prinzen von Preußen mit dem Zaren
Nikolaus besserte daran nichts: vielmehr verlangte Nikolaus
gebieterisch einen Dänemark günstigen Abschluß.
Er kam am 2. Juli zustande und gab Schleswig-Holstein
ganz in die Hände Dänemarks. Dem König von Dänemark
blieb es überlassen, alle zur Bewältigung des Widerstandes
von Schleswig-Holstein dienlichen Mittel zu gebrauchen; eine
Erbfolgeordnung sollte begründet werden, die alle Staaten des
Königreichs Dänemark gleichmäßig umfaßte.
Aber die Herzogtümer hatten in Erwartung so trostlosen
Ausgangs ihre Vorkehrungen getroffen. Sie blieben unter den
Waffen; an Stelle des preußischen Generals von Bonin trat
als Oberbefehlshaber der Generalleutnant von Willisen. Doch
Willisen war im Felde unglücklich; am 24. und 25. Juli 1850
erlitt er bei Idstedt, am 12. September bei Missunde Nieder⸗
lagen; und am 4. Oktober unternahm er einen vergeblichen
Sturm auf Friedrichstadt.
Über diese Vorgänge erfüllten sich alle Herzen in Deutsch—
land mit Trauer und Vorwürfen gegen Preußen; innerhalb
der Großmächte aber erschien Preußen gleichwohl für die ewig
ffene Wunde Dänemarks verantwortlich; und namentlich der
        <pb n="138" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Nirche und Staat. 129

Zar war in seiner Weise dafür zu sorgen bereit, daß der
Frieden endlich gesichert werde. Diese Schwierigkeiten traten nun
aber für Preußen im gleichen Augenblicke ein, da es seine Ehre
in Hessen aufs Spiel gesetzt sah.
Eine ehrliche Überwindung dieser Lage wäre jetzt nur
noch durch einen Krieg gegen sterreich und den Deutschen
Bund, vielleicht auch gegen Rußland zu finden gewesen. Allein
hierzu fehlte den preußischen Staatsmännern das Herz, und
der König, in seinen Überzeugungen schwankend, ordnete sich
ihnen unter.
Am 15. Oktober reiste der preußische Ministerpräsident
Graf Brandenburg nach Warschau, wo sich der Zar Nikolaus
befand, um ihn zur Unterstützung Preußens in der hessischen
Sache wie in den Angelegenheiten der Union zu vermögen sowie
mit ihm die schleswig-holsteinische Frage zu regeln. Aber auch
Kaiser Franz Joseph und sein Minister des Auswärtigen, Fürst
Schwarzenberg, stellten sich ein. Natürlich war es ihnen, bei
den Sympathien und Antipathien des Zaren, ein leichtes, diesen
auf ihre Seite zu ziehen. Für Preußen hatte der Zar nur allerlei
freundlich erteilte reaktionäre Ratschläge übrig, Ratschläge, die
seine Demütigung bedeuteten. Und so hatte Graf Brandenburg
schlechte Botschaft heimzubringen. In der deutschen Verfassungs⸗
frage hatte man sich auf freie Konferenzen der deutschen Staaten
zu Dresden zu einen, deren Ergebnis nach den bestehenden Um—
ständen nur die Wiederherstellung der alten Bundesverfassung
sein konnte. In der hessischen Sache blieb es im ganzen bei
der Exekution des Bundesheeres. In der schleswig⸗holsteinischen
Angelegenheit wurden völlig trostlose Ansichten laut; von einer
deutschen Hilfe gegen Dänemark sollte nicht mehr die Rede sein.
Anfang November erschien Brandenburg mit diesen Nach—
cichten und vorläufigen Abmachungen in Berlin. Er riet vom
ckriege ab und starb gleich darauf, am 6. November, an einem
hitzigen Nervenfieber. Gleichzeitig trat Radowitz zurück, und
Otto von Manteuffel übernahm die Leitung der auswärtigen
Geschäfte.
Inzwischen rüsteten Osterreich und die deutschen Bundes—
Ldamprecht, Deutsche Geschichte. XI, J.
        <pb n="139" />
        130 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

staaten immer ernstlicher; ein großer Krieg schien unvermeidlich,
auch in Rußland machte man mobil, schließlich, am 5. November,
auch in Preußen. Aber war es Friedrich Wilhelm IV. ernst
damit, obgleich sich im Volke alsbald Begeisterung kundtat?
Während der König rüstete, gab er gleichzeitig entschuldigende
Erklärungen nach allen Seiten: und Fürst Schwarzenberg rief
in Wien triumphierend aus: Nun Preußen mobil mache, sei
der Frieden sicher; die Mobilmachung sei für Preußens Herrscher
die Brücke, um anscheinend ehrenvoll zurückzuweichen.
In der Tat: so kam es. Am 15. November beantragte
Preußen bei der Union die Aufhebung der Unionsverfassung
hom 26. Mai 1849, ließ es seinen Einheitsberuf gegenüber
der Nation für absehbare Zeiten fahren. Auch die kurhessische
Aktion wurde halb aufgegeben, noch ehe ein österreichisches
Ultimatum eintraf. Ja einmal auf der Bahn des Niedergangs,
geängstigt durch die Nachricht einer Truppenrüstung Napoleons
an der Rheingrenze, verstand sich Preußen auch zu einer fast
bedingungslosen Unterwerfung unter Osterreich.
Am 27. November reiste der Minister von Manteuffel auf
vorheriges Ansuchen König Friedrich Wilhelms IV. bei Schwarzen⸗
berg zu einer Zusammenkunft mit diesem nach Olmütz: sie fand
am 28. und 29. November statt. In ihr verzichtete Manteuffel
namens Preußens auf die Union, auf das Wesentliche einer
weiteren Einmischung in Kurhessen und billigte die Unterwerfung
Schleswig-Holsteins unter Dänemark.
In Hessen rückten die Bundesexekutionstruppen ohne
Hindernis vor: es nahte die Zeit der sogenannten „Bequartie⸗
rungen“ renitenter Staatsbürger und der militärischen Ein—
schüchterung der Verwaltung. Nach dieser Wiederherstellung des
landesherrlichen Ansehens“ kehrte der Kurfürst am 27. Dezember
1850 nach Kassel zurück und begann von neuem sein Gewalt—
regiment.

In Schleswig-Holstein stellten Preußen und Osterreich
gemeinsam den Einmarsch ihrer Truppen in Aussicht, wenn
sich die Herzogtümer Dänemark nicht unterwerfen würden. Da
konnte denn die Landesversammlung der Herzogtümer nicht
        <pb n="140" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 131

anders, als jeden Widerstand aufgeben. Am 11. Januar 1851
verzichtete sie auf alles Weitere. Für Dänemark selbst wurde
durch den Londoner Vertrag vom 8. Mai 1852 die ungeteilte
Erbfolge des Prinzen Christian von Glücksburg in allen Staaten
festgestellt — des einzigen der schleswig-holsteinischen Fürsten,
der auf seiten der Dänen gefochten hatte.
Die allgemeinen deutschen Bundesverhältnisse wurden in
österreichischen Sinne geordnet. Die Dresdener Konferenzen,
wie sie zu Warschau vorgesehen waren und seit dem 28. Dezember
1850 stattfanden, förderten keine Reform der Bundesverfassung
zutage; zwar setzte auch Osterreich seinen alten Plan einer Reform
mit den sechs königlichen Kreisobersten nicht durch, da sich die
kleinen Bundesstaaten unter Preußens Führung gegen ihn
wehrten, doch mußte noch viel mehr Preußen sich dahin fügen,
daß es durch Anerkennung und Beschickung des Frankfurter
Bundestages aller weiteren Erörterungen und Schwierigkeiten
überhoben wurde. Im übrigen lieferten die Arbeiten der
Dresdener Konferenz, die sich bis zum Mai 1851 hinzogen,
nichts Positives, sondern nur „schätzbares Material“, ein Wort,
das von Schwarzenberg damals zur Charakteristik ihrer Er—
gebnisse erfunden wurde.
        <pb n="141" />
        IV.

Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre hatte
man in schwerem Ringen die Einheit Deutschlands herzustellen,
den nationalen Gedanken durchzuführen gesucht.
Anfangs geschah das von den volkstümlich liberalen Kräften.
Sie scheiterten vor allem an der Ungewohntheit zu handeln und
darum an der Unklarheit über die Mittel, die zu dem von ihnen
aufgestellten Ziele führen sollten, einigermaßen auch an der
Energie des Widerstandes der Regierungen.
Dann, nach diesem Scheitern der liberalen Versuche, traten
die beiden deutschen Großmächte auf den Plan, um den Einheits⸗
traum der Nation vom legitimistischen Standpunkte aus zu
verwirklichen. Ernst war es damit nur Preußen. Aber seine
Versuche in Dreikönigsbund und Fürstenunion verliefen kläglich,
ja führten zur völligen Verkennung der preußischen Absichten
und zur Demütigung Preußens in der auswärtigen Politik.
Danach trat OÖsterreich mit seinen Plänen wieder in den
Vordergrund, wobei die Absicht schließlich, je mehr es siegte,
um so mehr auf die Verwirklichung des dem Kaiserstaate ge—
nehmsten deutschen Systems, auf die Wiederherstellung des alten
Bundestags, zusammenschrumpfte.
Gleichwohl blieb keine der ehrlichen Bemühungen dieser
Zeit um die deutsche Einheit ohne Frucht. Die liberale Be—
wegung lieferte für die nächste Zukunft unaustilgbar das Ideal
eines freien und einigen Deutschlands, die preußischen Ver—
suche zeigten die Ergänzung zu diesem Ideal in der gegen—
seitigen Verbindung und Annäherung der Fürsten zu einem
bundesstaatlichen Zusammenschluß auf Grund alter fürstlicher,
legitimistischer Rechtsanschauung. Die kommenden Jahre und
        <pb n="142" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 133

Jahrzehnte mußten die Einheit Deutschlands in der Verbindung
dieser beiden Elemente bringen, wie sie später ihren Ausdruck
in den Grundeinrichtungen des neuen Reichs, in Reichsstag und
Bundesrat, gefunden hat.
Die Zeit unmittelbar nach 1850 indes war keineswegs
durch Bestrebungen in dieser Richtung gekennzeichnet. Es folgte
vielmehr fast ein Jahrzehnt der politischen Ermattung in den
nationalen Kreisen; eine Zeit ähnlich der der zwanziger Jahre
des Jahrhunderts, nur von noch viel durchgreifenderer Ver—
weiflung: ja von völligem politischen Pessimismus.
Und da nun gleichzeitig auch die geistige Bewegung, wie
wir bald sehen werden“, auf Abwege geriet und von dem Pfade
eines gesunden Realismus abseits in Pessimismus und Mate—
rialismus versank, so wagten sich alle noch lebendigen Mächte
einer früheren, den neueren Zielen nicht zugewendeten Ver—
gangenheit hervor und suchten von neuem die Herrschaft zu ge⸗—
vinnen.

So vor allem das alte Kirchentum: evangelische Orthodoxie
und katholischer Klerikalismus. Dann nicht minder die legiti—
mistisch-absolutistische Auffassung vom Staat: und so begann
die klassische Periode der Reaktion der fünfziger Jahre.
Da traten denn nach der Wiederherstellung des Bundes—
rates und nach dem damit ausgesprochenen Siege des Legiti—
mismus vor allem die partikularen Interessen wieder in den
Vordergrund; jeder suchte sich zunächst in seinem eigenen Hause
zu helfen, und allenthalben fast, mit wenigen Ausnahmen, wie
etwa Koburg-Gothas und Weimars, griff man auf die Formen
des territorialen Staatslebens im 17. und 18. Jahrhundert
zurück. Hiergegen machten denn freilich die nationalen und
liberalen Kräfte Front. Indem sich aber auf diese Weise die
großen Gegensätze der nationalen Entwicklung auf die Einzel—
staaten übertrugen, nahmen sie zugleich mehr als bisher eine
soziale Färbung an: Träger der liberalen partikularistischen
Ideen wurde noch weit mehr und ausschließlicher als bisher

S. unten Kap. II S. 142 ff.
        <pb n="143" />
        134 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

das Bürgertum, die Bourgeoisie; als konservativ und reaktionär
hingegen zeigten sich bald vor allem die alten privilegierten
Klassen des Adels, der Ritterschaft.
Dabei gewannen diese an vielen Orten ausbrechenden Kämpfe
in ihren Hauptbrennpunkten wieder Fühlung mit dem Bundes—
tag, also dem verfassungsmäßigen deutschen Gesamtorgan,
dadurch, daß der Adel in seinen Beschwerden gegen den bürger—
lichen Liberalismus bis an diese Stelle ging und sie als Helfer
in die partikularen Kämpfe hineinzog.
Der Bundestag pflegte sich dann durchaus auf seiten des
Adels gegen das Bürgertum zu stellen: wurde also auch seiner—
seits reaktionär tätig. Es war, soweit dies denkbar war, eine
noch weniger glückliche Entwicklung, als sie der Bundestag
schon in den dreißiger Jahren erlebt hatte. Damals hatte er
freilich auch schon auf Antrieb Osterreichs beinahe nur repressiv
eingegriffen: war doch aber immerhin noch das ausführende
Organ für die reaktionär-legitimistischen Bestrebungen des
größten deutschen Partikularstaates geblieben. Jetzt dagegen
geriet er nur noch in Bewegung, wenn die partikulare Aristo—
kratie zumeist kleiner Territorien hier und da von unten her
seine somnolenten Nerven reizte, und reagierte dann, gleichsam
in Form einer Reflexbewegung, mit einigen rückschrittlichen
Maßregeln.
Am deutlichsten trat diese Lage in den mecklenburgischen
Verhältnissen zutage. Hier hatte der Großherzog Friedrich
Franz II. von Schwerin im Jahre 1848 eine Verfassung
oktroyiert, die keineswegs übermäßig liberal war. Aber sofort
nach dem Verhallen der revolutionären Bewegung protestierte
die Ritterschaft, an der Spitze einige erbberechtigte Agnaten des
regierenden Hauses, und wandte sich an den Bundestag, von dem
zur Beurteilung solcher Fälle eine „Bundeszentralkommission“,
gemeinhin „Reaktionsausschuß“ genannt, errichtet worden war.
Das Endergebnis war, daß der Großherzog gegen seinen Willen
die Verfassung aufgeben und wieder nach dem grundgesetzlichen
Erbvergleich aus dem Jahre des Heils 1755 regieren mußte.
Und nun begannen wahre Jubeljahre der ritterschaftlichen Ver—
        <pb n="144" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 135

fassung; überall hatten die Gerichte mit angeblichen Hochverrats—
prozessen zu tun; und der Schluß der Periode wurde durch
ein Gesetz ausgezeichnet, das den adligen Gutsherren noch ein⸗
mal die Prügelstrafe gegenüber ihren Hörigen gestattete.
Ahnlich, wenn auch nicht in ganz so klassischer Weise
mittelalterlich, verliefen die Dinge in Hannover. Hier hatte
der alte König Ernst im Jahre 1848 in eine liberale Anderung
der Verfassung gewilligt und blieb der festen Absicht, sie durch—
zuführen, auch als die revolutionäre Hochflut verlaufen war.
Als er aber an die Umgestaltung der bis dahin von der Ritter—
schaft beherrschten Provinzialstände ging, wandten sich die Ritter
—
Seite, Oktober 1851.
Da starb bald darauf, am 18. November 1851, König
Ernst, und es folgte der blinde König Georg V. Georg, der
von vornherein zur Zurücknahme einzelner Bestimmungen neigte,
ließ sich vom Adel schließlich noch weiter drängen. Das Ende
der ritterschaftlichen Agitation war ein Frankfurter Bundestags—
beschluß vom 12. April 1855, der die Aufforderung an den
König enthielt, die bestehende Verfassung so zu ändern, daß sie
mit der Bundesverfassung vereinbar wäre und den ritterschaft—
lichen Beschwerden abhülfe. Und wirklich wurde darauf unter
bergeblichen Protesten der Liberalen die Landesvertretung auf—⸗
zelöst und die Verfassung durch eine königliche Verordnung vom
1. August 1855 im Sinne der früheren Verfassung vom Jahre
1840 geändert.
Wie dies Spiel aber in den größeren Mittelstaaten ver⸗
lief, so wiederholte es sich vielfach auch in den kleinen, nur
daß es hier nicht selten ins Lustige karikiert wurde. Im Vorder⸗
grunde standen dabei die Duodezstaaten Norddeutschlands, wie
denn durch diese ganze Zeit hindurch der Unterschied zwischen
der viel freiheitlicheren Entwicklung der Südstaaten und der ge—
hundeneren des Nordens augenscheinlich blieb. Besonders aber
zeichneten sich unter diesen Kleinen Anhalt und Lippe-Detmold
aus. Im Großstaat Lippe-Detmold begann damals Lorenz
Hannibal Fischer, der Versteigerer der deutschen Flotte des
        <pb n="145" />
        136 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Jahres 1848 glorreichen Andenkens, nach dem kurhessischen
Rezepte Hassenpflugs zu herrschen. Doch nahm es damit ein
klägliches Ende. Auf einer Thüringer Reise wurde dieser
regierende Minister eines Bundesstaates auf Befehl des Herzogs
Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha wegen Majestätsbeleidigung
gegen den Herzog in Haft genommen, und dem Fürsten von
Lippe blieb nichts übrig, als sein Faktotum zu entlassen.
Schlimmer als diese Stürme im Glase Wasser der kleinen
Staaten war der Verlauf der Reaktion in den beiden deutschen
Großstaaten. Er währte, mit geringen Unterbrechungen, in
Osterreich bis zum Jahre 1859 und in Preußen bis zur Über—
nahme der Regentschaft durch den Prinzen von Preußen 1858;
er hatte bei allen kleinen Differenzen in den deutschen Dingen,
bei allen großen auf dem Gebiete der europäischen Politik doch
immer wieder Annäherungen Preußens und Ogsterreichs zur Folge,
und er verhinderte bei dieser allgemeinen Einheitlichkeit der
inneren Politik beider Großmächte jedes energische Weiterschreiten
auf dem Wege zur nationalen Einheit.
Am schnellsten und unbedingtesten stürzte man sich in
Hsterreich in reaktionäre Bahnen. Die Verfassung von Kremsier
war hier überhaupt noch nicht eingeführt, war auch vom Kaiser
noch nicht beschworen worden. So einigte man sich leicht
dahin, sie wieder abzuschaffen; durch Patent vom 31. Dezember
1851 wurde die absolute Monarchie wieder eingeführt und die
Ministerverantwortlichkeit allein auf die Person des Kaisers
sowie die Tätigkeit des Staatsrats nur auf die Beratung der
Krone bezogen. Nicht minder wurde dann der Versuch ge—
macht, die nationalen Bestrebungen der einzelnen Kronländer zu
unterdrücken; die Monarchie wurde in gleichmäßig organisierte
Verwaltungsbezirke mit einer von oben absolut abhängigen
Beamtenwelt zerlegt und neben der Bureaukratie namentlich
auch der katholische Klerus in den Dienst des Staates gestellt.
Im ganzen war es ein System, das vor allem die Krone
stärken sollte und auch gestärkt hat; der Adel mit seinen be—
sonderen Forderungen wurde dabei wenig beachtet.
Aber während man so mit der politischen Rekonstruktion
        <pb n="146" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 137

des Staates im Sinne etwa Metternichs beschäftigt war, stellten
sich schwere finanzielle Verlegenheiten ein, und sie wurden durch
große Rüstungen zum Krimkriege noch vermehrt. Die Staats—
schulden begannen aufs fühlbarste auf das Wirtschaftsleben zu
drücken; der Verkehr mußte mit einem Papiergeld von sehr
schwankender Valuta bewältigt werden; ganz allgemein sank
der Kredit. Und die österreichischen Finanzmänner, sonst in
tausenderlei Auskunftsmitteln erfahren, verzweifelten dieses Mal
fast an der Heilung. Die Lage des Staates war damit gegen
Schluß der fünfziger Jahre schlimm genug, um so mehr, als
sich Ungarn von den Stürmen der Revolution noch immer nicht
erholen wollte.
In Preußen überlegte die „kleine, aber mächtige Partei“
am Hofe längst, wie sie den König zur Aufhebung der Ver—
fassung veranlassen könnte. Allein in diesem Punkte bewährte
Friedrich Wilhelm IV. seine Standhaftigkeit, unterstützt von
seinem liberalen Freunde Bunsen, beraten auch von einigen
ehrlichen Konservativen, so dem Oberpräsidenten von Sachsen,
Freiherrn Senfft von Pilsach.
Doch fand der Minister des Innern, Herr von Westphalen,
auch ohne Aufhebung der Verfassung Mittel, einer mehr rück—
wärts als vorwärts gewendeten Staatsauffassung Bahn zu
schaffen.
Die Verfassung hatte eine große Reihe liberaler Grund—
sätze aufgestellt, namentlich im zweiten Titel, der von den
Rechten der Preußen handelte. Dabei war die Annahme ge—
wesen, daß diese Grundsätze durch spätere legislative Tätigkeit
in Spezialgesetzen Leben erhalten sollten. Jetzt wußte von West⸗
phalen das zu vereiteln und behauptete, solange eine solche
Ausführungsgesetzgebung noch nicht bestehe, gälten auch deren
Grundsätze noch nicht, sondern das frühere, ihnen vielfach wenig
entsprechende Recht.
Daneben suchte man auch positiv rückschrittlich zu wirken.
Zwar eine starke Begrenzung der Gewerbefreiheit gelang nicht.
Dagegen unterbanden drei Ministerialverordnungen vom Mai
1851 die bisherige Wirksamkeit der Selbstverwaltung, wie sie
        <pb n="147" />
        188 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

sich auf Grund eines Gesetzes vom 11. März 1850 in sehr aus—
gedehnter Weise zu entwickeln begonnen hatte. Statt der freien
Gemeindeverfassung wurde die gutsherrliche Polizei wieder ein—
geführt, statt der alten Städteordnung wurden drei verschiedene
Städteordnungen minder freiheitlichen Charakters erlassen; und
Kreis- und Provinzialvertretungen erhielten wieder einen ver⸗
stärkten Zusatz ständischer Elemente.
Vor allem aber wurde die bisher wählbare erste Kammer
auf Grund einer zweifelhaften Gesetzesinterpretation in jenes
Herrenhaus verwandelt, das schon früher geschildert worden
ist, einen Körper, in dem Grafen und Junker das ent—
scheidende Übergewicht erhielten. Es war im Aufbau der
wichtigsten Elemente des neuen preußischen Verfassungsstaates
schließlich die einzige Stelle, an der Friedrich Wilhelm IV.
sein Ideal einer ständischen Verfassung so ziemlich restlos ver—
wirklicht sah, wenn es auch an einigen anderen minder wichtigen
Stellen, namentlich in den Provinzialverfassungen, gelungen war,
etwas von seinen ständischen Auffassungen zu retten. Kamen
nun aber diese Erfolge seiner staatsrechtlichen Konzeption speziell
dem monarchischen Gedanken zugute? Es muß ernstlich be⸗
zweifelt werden. Was in den Vordergrund gedrängt wurde,
waren vielmehr die feudalen Kräfte; nicht die monarchische
Gewalt wurde gestärkt wie in sterreich, sondern der Einfluß
der alten sozialen, adligen Schichten: und nur wenig wich in
dieser Hinsicht das Schlußergebnis von dem Resultat in den
kleineren norddeutschen Staaten, in Mecklenburg, Hannover und
anderen Ländern, ab. Die ganze dadurch eingeleitete Strömung
aber prägte sich bald in starken Maßregelungen der Beamten—
welt, in Gesetzen zur Knebelung der Presse, in verschärften
Bestimmungen über Gotteslästerung und kirchlich-freiheitliche
Gesinnung, in der Abschwächung der Rechtskontrollen in der
Verwaltung, in der weitgehenden Verdichtung auch der
Disziplinargewalt über die Beamten aus. Ja im Jahre 1855
schuf sich diese Strömung in der sogenannten Landratskammer

S. oben S. 75.
        <pb n="148" />
        Erster KRampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 139

auch ein gefügiges Abgeordnetenhaus und gelangte damit auf
die Höhe ihrer Macht. Für diese aber kann vielleicht als
charakteristisch gelten, daß sie mit einem zunehmend flotten, ja
teilweise unsittlichen Leben der führenden Kreise vornehmlich in
Berlin zusammenfiel.
Bei den engen Beziehungen, die zwischen Staat und
wwangelischer Kirche in allen protestantischen deutschen Territorien
bestanden, und bei der führenden Stellung der Staaten in diesem
Verhältnis verstand es sich weiter von selbst, daß die protestan⸗
tischen Kirchen einen Entwicklungsgang analog dem geschilderten
staatlichen durchmachten. Dabei waren allerdiugs die Er—
scheinungen im allgemeinen nicht gleich extrem, weil die Kirchen
in der Bekämpfung innerer Spaltungen ihre Kraft zersplittern
mußten, und weil in keiner von ihnen eine eigentliche Hierarchie
vorhanden war. Im übrigen trat die analoge Wendung wiederum
in Preußen am stärksten hervor.
In der preußischen Landeskirche bildete sich in den fünf⸗—
ziger Jahren eine aus geistreichen Laien und orthodoxen Ge⸗—
lehrten sowie Mitgliedern des feudalen Adels gemischte Partei,
die ihren Mittelpunkt in den sogenannten Kreuzzeitungsleuten
fand: in Stahl, den beiden von Gerlachs, Wagener: und diese
beherrschten den König. Sie predigten den unbedingten Bestand
der Orthodoxie und forderten demgemäß die „Umkehr der Wissen⸗
schaft“, in kirchlichen Verfassungsfragen wollten sie nichts von Teil⸗
aahme der Laien wissen und brachten die synodale Bewegung
der vierziger Jahre nun gründlichst zum Stillstand.
Im übrigen lieferten sie die staatlichen Interessen der
Kirche, wie sie diese verstanden, aus, soweit sie es nur ver⸗
—
lichkeit gesehen: die Folge war die Ausbildung eines wider⸗
lichen Strebertums: Teilnahme an frommen Vereinen, Zahlung
oon Kollekten, sogenannter frommer Lebenswandel wurden nun
beliebte Mittel zu bureaukratischem Aufstieg. Und auch die Schule
wurde ganz in die Hände der Kirche gegeben: als Schul⸗
revisoren und Schulinspektoren der Elementarschulen dienten
überall Geistliche; die Stiehlsche Regulative vom Jahre 1854
        <pb n="149" />
        140 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Rapitel.

wurde auch den stärksten Anforderungen der protestantischen
Orthodoxie an die Beihilfe der Schule zur Einführung eines
bloß formalen Wissens vom evangelischen Christentum gerecht;
an den Mittelschulen erfolgte eine starke Säuberung des Per—
sonals, insbesondere der Direktoren, von liberalen Elementen;
und der Humanismus der Gymnasien erhielt, besonders seit
dem Eintritte Wieses in das Mittelschuldezernat, eine christlich—
orthodoxe Färbung.
Dabei verbanden sich die kirchlich-orthodoxen Bestrebungen
alsbald mit dem feudal-staatlichen: Junker und Pastor gingen
Hand in Hand den Weg zur Herrschaft, und die Bedeutung
der Dynastie trat um so mehr zurück, als der König nach den
ungeheueren Aufregungen der Revolutionsjahre langsam der
alten geistigen Beweglichkeit zu entbehren begann, immer
willensschwacher wurde und seit etwa 1855 an den ersten völlig
iichtbaren Spuren jener Krankheit zu leiden begann, der er dann
in langem Siechtum zum Opfer fiel.
Im ganzen waren aber Orthodoxie und Junkertum nicht
nur in Preußen, sondern in den norddeutschen Territorien
überhaupt und in ähnlicher Weise auch vielfach in den Süd⸗
staaten die eigentlich siegenden Mächte der fünfziger Jahre.
Es waren Träger von Richtungen, die trotz der originellen
und tüchtigen persönlichen Veranlagung vieler, die ihnen an⸗
gehörten, im ganzen doch nach rückwärts wiesen, soziale und
geistige Gruppen, deren eigentlichste, von ihnen am höchsten
geschätzte Arbeit in den folgenden Jahrzehnten wenig wirkfam
zeworden ist.
Anders hatte sich demgegenüber die Entwicklung der katho⸗
lischen Kirche in den fünfziger Jahren, ja schon gegen Schluß
der vierziger und auch noch im Verlaufe der sechziger Jahre
vollzogen. Dem Staatsleben der Zeit, das in den führenden
Territorien und Staaten protestantisch war, innerlich entgegen⸗
gestellt, zudem schon durch die Konkordats- und Zirkumskriptions—
politik der Kurie in den zwanziger und dreißiger Jahren außer—
ordentlich frei und fast nur noch von Rom abhängig, hatte
die katholische Kirche in dem genannten Zeitraume die liberalen
        <pb n="150" />
        Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 141

Strömungen zur vollen Entwicklung einer klerikal-papalen
Autonomie und diese wiederum zur Gewinnung demokratischer
Beziehungen in der Nation benutzt, und damit diejenige Position
errungen, deren Obmacht über den Staat später den Kultur⸗
kampf heraufbeschwor. Doch von diesen Vorgängen kann erst
später genauer gesprochen werden; denn erst in den siebziger
Jahren sind sie für die Geschichte der Nation von maßgebender
Bedeutung geworden. In den Zeiten dagegen, denen unsere Er—
zählung jetzt gewidmet ist, waren sie noch von geringer Wichtig—
keit und vielfach kaum in weiteren Kreisen bekannt: noch be—
herrschte, namentlich in Norddeutschland, der Protestantismus das
öffentliche kirchliche Interesse und teilte die Publizität seiner großen
Anliegen voll eigentlich nur mit den Anliegen des Staates.
War dem aber so, so begreift man wohl, daß die Zeit im
Grunde klein verlief und ergebnislos, und daß kräftige Geister
sehnend vorwärts strebten in eine bessere Zukunft. Diese Geister
aber mußten der Zukunft um so mehr leben, als auch das
gleichzeitige freie und höhere Geistesleben für die Ode auf kirch⸗
lichem und politischem Gebiete bei manchem Großen doch keinen
Ersatz bot.
        <pb n="151" />
        Zweites Kapitel.

Fortentwicklung des Seelenlebens der ersten sub⸗
jektivistischen Veriode zu vollem Realismus. Ver⸗
fallserscheinungen. Vorbereitende Erscheinungen
einer neuen Veriode.

1. Im vorigen Kapitel ist erzählt worden, wie das politische
Leben der Nation in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts
aus bloßen Vorstellungen zu Theorien, aus Instinkten zu
Willensäußerungen, aus Absichten zu Taten fortschritt. Aber
es mußte zugleich auch mitgeteilt werden, daß diese Taten noch
nicht zum Ziele trafen: noch haftete ihnen zuviel aus der Welt
der Ideen an; noch war eine feurige Stählung der Energie,
ein rücksichtslos klares Verständnis der Wirklichkeit, eine er⸗
barmungslose Reife der Erfahrung nicht erreicht.
Rascher trat die Vollendung zum Realismus auf dem Gebiete
der geistigen Bewegungen ein; denn diese waren von Anbeginn
die Erstlinge des subjektivistischen Seelenlebens gewesen. Indem
diese aber schon in den dreißiger Jahren dem Realismus entgegen
zu reifen begannen, war es selbstverständlich, daß vor allem ihre
intellektualistische Verzweigung diesen Vorgang klar und um—
fassend aufwies: und damit an die Spitze der geistigen Ebolution
überhaupt gelangte.
Und so sind es denn die Wissenschaften vor allem, deren
Verlauf befragt werden muß, soll der zum ersten Male voll
abgeschlossene Charakter der Zeit des Realismus erkannt werden.
        <pb n="152" />
        VDoller Realismus.

148

Unter den Wissenschaften aber wiederum haben sich uns
schon früher die naturwissenschaftlichen Disziplinen als die bei
weitem entwickelteren ergeben: sie waren es, die schon im Be—
ginne der ersten Durchbildung des Realismus die Führung
übernommen hatten!.
Klar war da gewesen, daß sich vor allem die Physik in
vollster Rationalisierung ihrer Tatsachenwelt immer entschiedener
als angewandte Mechanik herausstellte. Am sichersten und
frühesten hatte das vielleicht in der Akustik stattgefunden, in—
sofern die Aerostatik und die Aerodynamik, überhaupt die
Mechanik des Gasförmigen, zum Gebiete allgemeiner mechanischer
Theorien gerechnet werden kann. Dann aber waren auch die
anderen großen physikalischen Gebiete durchaus in diese Art der
Betrachtung hineingezogen worden; und als die Summe ihrer
großen Agentien im Gesetze von der Erhaltung der Kraft auf
den einen Kraftbegriff reduzierbar nachgewiesen worden war,
bestand Anfang der fünfziger Jahre an der vollen Mechanisierung
der physikalischen Anschauungen im allgemeinen keinerlei Zweifel
mehr.
Indes in den Vollendungsjahren des Realismus hielt die
mechanistische Betrachtungsweise innerhalb der Naturwissen⸗
schaften bei der Physik keineswegs inne. Wie wir bald sehen
werden, umfaßte sie vielmehr auch die Chemie; und nachdem sie
früher in leichterer Arbeit für deren anorganischen Teil eine
mechanische Atomistik aufgestellt hatte, gelang ihr nun schließlich
eine solche Durchbildung, wenngleich unter stärkeren Schwierig⸗
keiten, auch für den organischen Teil. Dies aber bedeutete, um
den Schluß der fünfziger Jahre, die Mechanisierung der exakten
Naturwissenschaften überhaupt.
Inzwischen aber haͤtte eine realistisch-mechanische Betrach—
tungsweise über diesen Kreis hinaus auch schon längst die bio—
logischen Disziplinen ergriffen, indem sie diese als ein An—
wendungsgebiet der Physik und Chemie zu umfassen suchte, das
zu diesen seinen Mutterwissenschaften etwa in dem gleichen Ver—

S. Bd. X S. 192f.
        <pb n="153" />
        Fünfundzwanzigstes Buch. Fweites Kapitel.

hältnisse stehe wie die theoretische Maschinenkunde zur allgemeinen
Mechanik. Und so mochte man denn meinen, es werde der
Realismus mit einer rationalistischen Mechanisierung auch der
biologischen Tatsachen enden: und nicht wenigen erschien dieses
Ziel ebenfalls gegen Ausgang der fünfziger Jahre mit der
Verkündung der Anpassunas- und Vererbungslehren Darwins
erreicht.
Dies aber erschien dann fast wie ein Abschluß der Natur—
wissenschaften überhaupt. Denn waren ihre Erscheinungen jetzt
nicht auf ein Prinzip reduziert? War nicht nunmehr jener so
aft gesuchte eine Schlüssel gefunden, der die Geheimnisse aller
Natur und alles Samens aufschloß? —
Die Entwicklung der biologischen Wissenschaft ist im Grunde
im Verlaufe des 19. Jahrhunderts beschlossen. Zwar sind schon
früher wichtige Tatsachen der Biologie entdeckt und genauer fest⸗
gestellt worden: hierher gehören die Versuche Harveys über den
Blutkreislauf, Hallers und Fontanas über die Sensibilität und
Irritabilität der tierischen Organismen, Spallanzanis über die
Bedingungen der Befruchtung. Aber zu einer in sich ausgebauten,
ja nur auch auszubauenden Wissenschaft waren diese vereinzelten
Tatsachen noch keineswegs zusammengeschossen.
Der Grund hierfür war im tiefften darin gelegen, daß die
Wissenschaften der anorganischen Natur noch nicht weit genug
entwickelt waren, um denen der organischen brauchbare Unter—
lagen zur Untersuchung der Lebensvorgänge zu liefern. Deut—
lich trat das in jener Wissenschaft vom menschlichen Leben her⸗
vor, die noch am weitesten entwickelt war, in der Medizin.
Hier war man zwar seit dem 16. Jahrhundert langsam zur
Durchforschung des toten Körpers fortgeschritten, während die
Anatomie im Mittelalter im wesentlichen als ein gottloses Be⸗
ginnen gegolten hatte; aber auch die Anatomie war noch nicht
über die rein beschreibende Behandlung des Befundes hinaus⸗
gekommen: sogar die mechanische Erklärung der Funktionen der
Bänder und des Knochengerüstes hat der Hauptsache nach erst
das 19. Jahrhundert erlebt.
Wie sollte da die Physiologie, als Teil etwa gar einer
        <pb n="154" />
        Voller Realismus.

145

generellen Biologie, weiter entwickelt gewesen sein? Abgesehen von
vereinzelten Versuchen allgemeinerer Art ging sie in der Pathologie,
damals vornehmlich der Lehre von den Krankheitsursachen, auf.
In diesem Gebiete aber wurde ein ganzes Heer luftiger, bald
mechanischer, bald vitalistischer Hypothesen getummelt: länger
wie sonst irgendwo wirkte da vor allem die naturphilosophische
Betrachtung des 16. Jahrhunderts nach, wie sie sich auf dem
Grunde alten einheimischen Aberglaubens und antiker Über—
lieferung entwickelt hatte. Da trat der alten Humoralpathologie
des Hippokrates und Galen, die von der Beobachtung der Ver—
änderungen des Blutes und der flüssigen Sekrete ausging, die
Solidarpathologie entgegen, die aus einer in den Nerven an⸗
genommenen festen, aber feinen und leichtbeweglichen Materie,
den „Nerven“ im speziellen Sinne oder „Lebensgeistern“, die
Funktionen des gesunden wie des kranken Körpers zu erklären
suchte. Und diese Lehre wurde, von den bei Infektionskrankheiten
gemachten Erfahrungen befruchtet, teilweise noch massiver ge—
wendet: wenn der Volksaberglaube des Mittelalters die Krank—
heit selbst als ein unsichtbares Wesen angesehen hatte, das in
den Körper einzöge, um ihn zu zerstören, so führte Paracelsus
diese Volksanschauung in die Medizin des 16. Jahrhunderts ein:
eben dieses Wesen gälte es zu bekämpfen: und sein Vorbild hat
bis ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder, wenn auch in ver⸗
feinerten Formen nachgewirkt!.
Wie war nun bei solchen Grundanschauungen, die dadurch
nicht besser wurden, daß man zu ihrer Verdeutlichung bald die
Fortschritte der Mechanik, bald die der Chemie in Anspruch
nahm, an eine tatsächliche Erkenntnis der eigentlichen Lebens—
probleme zu denken! Erst als die Physiologie sich ganz von
der Pathologie schied und die Forschung von den Versuchen,
die äußerst verwickelten Erscheinungen des kranken Organismus
zu erklären, hinweg zur Untersuchung der einfachsten physio—
logischen Vorgänge des gesunden Organismus überging, und
als sie zu diesem Zwecke, schon zur Isolierung der einfachsten Pro—

Bgl. dazu Bd. X S. 213.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. 1.
        <pb n="155" />
        46 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zesse, das Experiment am Tiere einführte, waren Fortschritte
zu erwarten.
Diesen Übergang hat aber eigentlich erst das 19. Jahr—
hundert gebracht. Und indem man nun, aus den Beziehungen
zur medizinischen Praxis vollends heraustretend, das Augen—
merk allein auf die Lebensvorgänge als solche richtete, er—
weiterte sich die Physiologie des Menschen zu einer solchen der
Organismen, und erhoben sich, diese neue Wissenschaft gleichsam
von allen Seiten umgebend, die noch allgemeineren Probleme
der Biologie überhaupt, d. h. des Lebens, gleichviel in welchen
Formen es auftritt.
Damit erhielten denn zunächst die alten anatomischen
Forschungen einen ganz neuen Charakter. Es war jetzt nicht
mehr mit der bloßen Beschreibung des Befundes getan. Viel—
mehr trat für alle sinnlich wahrnehmbaren Organe und Gewebe
des Körpers — und zwar des tierischen wie des pflanzlichen —
die Frage auf, warum ihre Form- und Lageverhältnisse die eben
bestehenden seien: womit denn die Probleme der Wachstums—
bedingungen, der Bewegungsvoraussetzungen, der hydraulischen
Prinzipien u. a. m. gegeben waren. Vor allem aber erhob sich
die große Frage nach einem eigentlichen, primitiven Form—
element, einer einfachsten Komponente: denn nur von ihrer Be—
antwortung aus konnte auf alle die anderen Fragen, die sich auf—
drängten, ebenfalls Antwort gegeben werden.
Ist dies der grundsätzliche Gang der Entwicklung, wie er
schließlich zur Entdeckung einer einfachsten Komponente in der
oflanzlichen wie tierischen Zelle führte, so ist doch der Weg,
der zu deren Entdeckung zurückzulegen war, nicht so einfach auf
dies Ziel zustrebend verlaufen. Vielmehr blieb die praktische
Durchbildung der biologischen Wissenschaft auch noch in dieser
Entwicklungsphase anfangs an die Medizin gekettet und wurde
daher von den Professoren der medizinischen Fakultäten gleichsam
im Nebenberufe betrieben. Und aus diesem Zusammenhange
ergab sich dann, daß das Studium der Anatomie als das
medizinisch bevorzugte lange Zeit im Vordergrunde auch der
biologischen Entwicklung stand.
        <pb n="156" />
        Voller Realismus.

147

Auf anatomischem Gebiete wurde zunächst der Franzose
Bichat mit seiner seit 1801 erscheinenden „Allgemeinen Ana—
tomie, angewandt auf die Physiologie“, und mit seiner „Be—
schreibenden Anatomie“ zum Vater der wissenschaftlichen Ent—
wicklung des 19. Jahrhunderts; er zuerst hat ein vollständiges
System von 21 Arten der Gewebe aufgestellt, in einer Einteilung,
deren man sich noch heute teilweise bedient. In Deutschland
aber nahm später Johann Friedrich Meckel (1781 -1838) mit
seinem System der vergleichenden Anatomie vom Jahre 1830
eine verwandte, wenngleich schon höhere Stelle ein, insofern
zr zum ersten Male neben der Anatomie des Menschen der
Zootomie stärker Bahn brach. Damit trat denn das ver—
gleichende Moment mehr in den Vordergrund; und es lag in
der Natur der Dinge, daß es alsbald in das entwicklungs⸗
geschichtliche umschlug. Dies um so mehr, als auch schon die
Anthropologie in einzelnen hervorragenden Spezialarbeiten ana⸗—
tomisch betrieben zu werden begann. So hat z. B. Friedrich
Friedmann im Jahre 1816 eine für seine Zeit mustergültige
Studie über „Das Hirn des Negers verglichen mit dem des
Europäers“ veröffentlicht, wenn auch das Studium der Menschen—
rassen eigentlich erst von dem Schweden Retzius (1796 — 1860)
genauer aufgenommen und die feinere Gehirn- und Nerven⸗
amatomie gar erst von Benedikt Stilling (1810 -1879) begründet
wvorden ist.
Noch mehr freilich, als die Anatomie der feinsten Teile des
tierischen und menschlichen ausgewachsenen Organismus, führte
das Studium der Embryonen, und vor allem zunächst wieder
des menschlichen Embryos, der entwicklungsgeschichtlichen Be—
trachtung zu. Und hier begannen nun, nachdem Kaspar Friedrich
Wolff schon im 18. Jahrhundert die doppelt symmetrische Aus—
bildung des Embryos erkannt und auch das erste Auftreten der
meisten Organe richtig beobachtet hatte, ebenfalls seit dem
zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die großen Entdeckungen;
von Pander stellte in seinen „Beiträgen zur Entwicklungsgeschichte
 des Hühnchens im Ei“ im Jahre 1817 zunt ersten
Male die frühesten, aus der Keimhaut her erfolgenden Ent—
10 *
        <pb n="157" />
        148 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklungen eingehend dar; Purkynje sah 1825 zuerst das Keim—
»läschen, und Rudolf Wagner fand 1836 den Keimfleck.
Inzwischen aber hatte Karl Ernst von Baer (1792 -51876)
dem genetischen Gedanken in einer bestimmteren Form Bahn
geschaffen. Auch er ging dabei wesentlich von der Embryologie
aus; er war der Entdecker des Säugetiereies!, das nach ihm
den Namen Baersches Bläschen erhalten hat; und er zeigte,
daß sich die Blätter des Keimes zur Bildung des Nerven- und
Darmrohres umstülpen, worauf das sich im Gehirn und Rücken—
mark differenzierende Nervenrohr die Sinnesorgane, das in
Mundhöhle, Munddarm, Mitteldarm und Enddarm wachsende
Darmrohr die Lungen, die Leber, die Allantois als Aus—
stülpungen hervorbringt. Aber er ging weiter, indem er auf
Grund dieser und verwandter Forschungen für die Tiere schon
dier allgemeine entwicklungsgeschichtliche Kategorien und Typen
aufstellte: die der in die Länge gezogenen gegliederten Tiere,
der strahlenförmigen Tiere, der Mollusken und der Wirbeltiere.
Es war der Anfang einer natürlichen Einteilung der Tierwelt
und einer rationaleren Entwicklungsgeschichte zugleich, nachdem
Cuvier im Gegensatze zu Linné die Formenunterschiede der
einzelnen Tierklassen schon mit einem jeweils den ganzen
Organismus umfassenden anatomischen Blicke studiert und bereits
auch die paläontologische Fauna herangezogen hatte.
UÜber Baer hinaus führte sein Nachfolger in der Königs—
herger Professur, Martin Heinrich Rathke (1793—1860), der
schon vornehmlich zoologischer Anatom war. Er entdeckte in
den Embryonen der luftatmenden Tiere die Schlundspalten,
überbrückte damit die bisher zwischen den Wirbeltieren und den
Fischen angenommene Kluft, und wies nach, daß die Kiemen—
bögen der Fische bei den Wirbeltieren wenigstens in einer ge—
wissen Entwicklungsphase vorhanden sind. Es war eine der
ersten entscheidenden Tatsachen, die später die Aufstellung des
onto-phylogenetischen Gesetzes ermöglichten, wonach das höhere
Tierindividuum in seiner Entwicklung gewisse niedrigere Stufen

Pql. s. Schrift: De ovi et animalium genesi epistola, 1827.
        <pb n="158" />
        Voller Realismus.

149

der Tierwelt durchläuft, bevor es zum Abschluß seines Wachs—
tums gelangt: und insofern eine Tatsache, welche geeignet war,
schon unmittelbar zu den Theorien Darwins hinüberzuführen.
Wollte man indes zu besser begründeten und tieferen Vor⸗
stellungen über die Entwicklung der Lebewesen gelangen, so war
es unbedingt nötig, noch viel weiter zu den eigentlichen Kom—
ponenten der Organismen vorzudringen und auf diesem Wege
vor allem auch die Vergleichbarkeit der tierischen und pflanz⸗
lichen Lebewesen herbeizufuhren. Dies aber war wiederum
nicht denkbar ohne starke Intensivierung der Forschungsmittel.
Dabei mußte die bessere Entwicklung der Injektion und
Mazeration und Verwandtes, auch die Durchbildung der Vivi—
sektion bis zu einem gewissen Grade eine Rolle spielen. Vor
allem aber handelte es sich um einen weit genaueren und
häufigeren Gebrauch des Mikroskopes. Und hier ist nun merk—⸗
würdig zu sehen, wie langsam sich die Anwendung dieses heute
als so gänzlich unentbehrlich erkannten Werkzeuges durchgesetzt
hat. Die älteren Anatomen und Physiologen, vornweg Haller,
hatten alle eine gewisse Abneigung gegen das Mikroskop; und
in der Tat bedurfte es zu ihrer Zeit noch mannigfacher Ver—⸗
besserungen, ehe es für den Mediziner völlig anwendbar wurde.
Dann bediente sich aber in Deutschland wohl eigentlich erst
Krause (1797 1868) eingehender des brauchbarer gewordenen
Werkzeuges. Und erst in den dreißiger Jahren wurde seine
Anwendung gewöhnlicher. Die ersten mikroskopisch-anatomischen
Kurse für Studenten sind gar erst im Jahre 1844 in Würzburg,
von Rinecker, abgehalten worden.
Für die Erkenntnis des Wesens der Organismen bedeutete
die Einführung der Mikroskopik eine wirkliche Epoche. Dabei
war charakteristisch, daß nunmehr die Pflanzenanatomie auf
längere Zeit in den Vordergrund trat: denn es war leichter,
die ersten und wichtigsten Untersuchungen an der Pflanze vor⸗
zunehmen.
Die Beobachtung, daß in den Pflanzen Zellen vorkommen,
ist verhältnismäßig alt. Doch blieben dabei die Vorstellungen
vom Wesen der Zelle noch höchst elementar. Hooke, der um
        <pb n="159" />
        150 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die Mitte des 17. Jahrhunderts lebte, und auf den man die
Prägung des Wortes Zelle zurückführt, hatte sich unter Zellen
noch etwas Ähnliches wie die Waben des Bienenstocks gedacht;
Malpighi war um 1675 zum ersten Male etwas tiefer ein—
zedrungen, indem er Zellenmembran und Zelleninneres unter—
schieden hatte; aber erst Fontana erkannte 1781 genauer den
Unterschied des Kernes mit den Kernkörperchen und des übrigen
Inhaltes der Zelle.
Auch die Tatsache, daß die Zelle das alleinige Grundelement
der Pflanzenstruktur sei, ist wenigstens schon vor den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts deutlich ausgesprochen worden, so
auf deutschem Boden von Treviranus (1779 -1864) und von
Sprengel (1766—1883). Und als von Mohl 18831 nachwies,
daß die Gefäße aus einer Reihe von geschlossenen Zellen be—
stünden, war eigentlich an der Pflanze wenig mehr übrig, was
sich nicht aus der Zusammensetzung aus Einzelzellen hätte er—
klären lassen; und eben Mohl hat später auch die Fasern als
Zellengewebe erwiesen.
Dennoch war es darüber hinaus eine wichtige Tat, als
Schleiden (18904 -1864), den man gewöhnlich als Entdecker
der Pflanzenzelle bezeichnet, in seinen „Beiträgen zur Phyto⸗
zenesis“, 1888, zum ersten Male eine volle Theorie der Zellen⸗
entwicklung gab. Denn damit erst, mit einer Morphologie und
Entwicklungsgeschichte der Zelle, wurde es möglich, die sehr
verschiedenen Formen der Zelle im Pflanzen- und später auch
im Tierkörper mit Sicherheit als bloße Umwandlungen eines
Grundtyps anzusprechen und nunmehr den Beweis, daß
die Zelle die ausschließliche Komponente der Organismen sei,
auch wirklich exakt zu führen. Überhaupt aber hat Schleiden,
namentlich auch durch sein Buch über „Die Botanik als induk—
tive Wissenschaft“, 1842, die Behandlung der morphologischen
und physiologischen Probleme der Botanik kräftig gefördert. Da—
bei ließ sich freilich gerade die von ihm entwickelte Theorie der
Zellenbildung nicht halten. Sichrere Ergebnisse brachten hier
erst Untersuchungen Nägelis, die 1846 veröffentlicht wurden.
Danach ergaben sich für die Bildung aller Zellen immer
        <pb n="160" />
        Voller Realismus.

151

wieder zwei Momente als wesentlich; in einem ersten wird ein
Teil des Inhaltes der Mutterzelle isoliert oder individualisiert;
und in einem zweiten entsteht eine Membran um diesen Teil.
Waren das die äußeren Vorgänge, so blieb freilich immer noch
zu fragen, in welchem Teile und worin man nun eigentlich den
formierenden Vorgang der Bildung zu suchen habe. Aber auch
hier glaubte man sehr bald in einer stickstoffhaltigen Substanz,
dem feit 1846 durch Mohl als Protoplasma bezeichneten Stoffe,
das Zentrum der Entwicklung gefunden zu haben. Und danach
wies Unger schon 1855 auf die Ahnlichkeit des Protoplasmas
mit der Sarkode der niedersten Tiere hin, worauf de Bary
1859 bei Untersuchungen über die Myromyzeten fand, „daß
das Protoplasma lange Zeit in undifferenziertem Zustande fort—
leben könne, bis es zur Zellenbildung kommt“. Mit diesen Nach—
weisen schien denn die Kluft zwischen dem vegetativen und dem
animalischen Leben in der Tat überbrückt, wenn sich auch an
die Bündigkeit der vorgetragenen Beweise noch Zweifel knüpfen
konnten.
Inzwischen aber war wenigstens in der bereits organisierten
zlementaren Form, der Zelle, eine unbedingt gleichmäßige Grund⸗
lage des Tier- und Pflanzenlebens schon sicher gefunden worden.
Im Jahre 1839 hatte Theodor Schwann (1810 -1882) ein
Buch erscheinen lassen, dessen Titel: „Mikroskopische Unter—
suchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und
dem Wachstum der Tiere und Pflanzen“ ziemlich umfassend
angibt, was sein Inhalt bedeutete. Es war Schwann gelungen,
eden Teil des tierischen Organismus als aus Zellen zusammen⸗
gesetzt zu erweisen, und zwar aus Zellen, die den Pflanzen⸗
zellen entweder völlig entsprachen oder doch deren meta—
morphosierte Produkte darstellten. Bald darauf aber, im Jahre
1841 entdeckte Remak auch die Teilung der tierischen Zelle.
Da waren denn in der Tat die Tage einer allgemeinen
Zellenlehre wenigstens, wenn auch nicht schon einer Theorie der
konstituenten der Zelle, angebrochen. In dieser aber blieb doch
auch für die tierischen Zellen das Wichtigste der Nachweis der
Enistehungsform. Während da nun noch Schleiden geglaubt
        <pb n="161" />
        152 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites KRapitel.

hatte, daß sich innerhalb einer in den Zellen befindlichen
Flüssigkeit, die er Cytoblastem nannte, neue Zellen bilden könnten,
und während Schwann gar eine freie Zellenbildung auch
außerhalb der Mutterzelle für möglich gehalten hatte, lehrte
Mohl schon 1846, daß neue Zellen nur durch einen Teilungs⸗
akt der Mutterzelle entstehen können; und nicht allzulange da⸗
nach faßte Virchow die neue Lehre in die Formel: Omnis
rellula e cellula: zusammen.
Man begreift, daß damit für die allgemeine Biologie eine
entwicklungsgeschichtliche Tatsache von höchstem Werte gewonnen
war. Denn was schien der Virchowsche Satz anders zu heißen,
als daß all die Milliarden und Milliarden von Zellen, welche
die lebenden Organismen zusammensetzen, schließlich auf einen
einzigen gemeinsamen Ursprung aus einer einzigen Zelle zurück—
weisen? Die physiologischen und anatomischen Voraussetzungen
für eine durchaus monistische Theorie der Entwicklung der Lebe—
vesen schienen entwickelt.
Im übrigen mußte jede Entwicklungstheorie dieses Charakters
nun freilich im Gebiete der botanischen und zoologischen Systematik
gefunden und durchgebildet werden. Und auf diesem Gebiete waren,
gleichzeitig etwa mit dem Ausbau der Physiologie und Anatomie,
in der Tat große und in manchem Betracht für evolutionistische
Lehren genügende Fortschritte gemacht worden. Sehen wir hier
von der Botanik zunächst ab, da pflanzliche Organismen lange
Zeit der Untersuchung ihrer Variabilitaͤt, insbesondere auch in
den paläozoischen Zeiten, stärkeren Widerstand entgegenstellten als
tierische, so waren doch auch an sich schon die Fortschritte in der
Zoologie besonders bedeutend. Da war vor allem so ziemlich
die ganze Welt der Protozoen, der einzelligen Tiere, die als
Protoplasmaklümpchen mit einem Kerne noch keine Organe
besitzen, erschlossen worden; es war ein Gebiet, auf dem be—
sonders der Mikroskopiker Ehrenberg tätig gewesen war, wenn
auch nach ihm noch viel zu tun blieb. Da hatte noch vor der
eingehenden Untersuchung der Protozoen die Lehre von den
Würmern mannigfache Wandlungen durchgemacht: Rudolphi
hatte seine Entozoorum historia naturalis 1808 bis 1810,
        <pb n="162" />
        Holler Realismus.

158

1819 seine 8Synopsis entozoorum erscheinen lassen, Werke,
welche zuerst die genauere Einteilung der Würmer begründeten;
dann war eine große Menge von Spezialuntersuchungen ein—
zelner Arten gefolgt, bei welcher Gelegenheit auch, in den
dreißiger Jahren, die Trichine von Hilton entdeckt und von Owen
beschrieben worden war. Und nicht minder hatte sich die syste⸗
matische Durchforschung der tierischen Lebewesen schon früh der
Echinodermen angenommen, aus deren Bereich Tiedemann, ein
Schüler Cuviers, vor allem die Seesterne und Seeigel unter—
suchte, während Cuvier selbst die Mollusken hervorragend be—
schrieb. Seit Cuviers Zeiten hatte man aber auch das weite
Reich der Arthropoden, Spinnen, Krebse, Insekten, Tausend—
füße zu gliedern und zu beherrschen begonnen, und schon mit den
dreißiger Jahren etwa schien hier Ordnung geschaffen. Im Ge—
biete der Wirbeltiere endlich, der Säugetiere, Vögel, Amphibien,
Fische, waren die systematischen Forschungen schon besonders
sttark in die physiologischen übergegangen, und noch früher hatte
die Anatomie sich dieser Gebiete bemächtigt.
So war es denn kein Zufall, wenn sich eine entwicklungs⸗
geschichtliche Betrachtung, die ihr Interesse nicht mehr der Onto—
genese, dem Werden des Einzelwesens einer bestimmten Art oder
des Einzelwesens mehrerer Arten, sondern bewußt der Phylo—
genese, der Entstehung der Arten als solcher zuwandte, zuerst
von der Betrachtung der Wirbeltiere ausgegangen war.
Auf deutschem Gebiete war da schon Goethe zu nennen. Und
wir wissen bereits!, wie der Dichter, für seine Person zunächst
botanischen Betrachtungen folgend und nach Analogie der für
diese entwickelten Methode schließend, dem Gedanken nahetrat,
sich den Schädel aus einer Reihe von Wirbeln entstanden zu
denken. Ein Schafschädel, den er im Jahre 1791 auf dem Lido von
Venedig fand, hatte ihn zuerst zu dieser Betrachtung veranlaßt.
Später, im Jahre 1806, ist dann Oken, unabhängig von
Goethe, zu derselben Anschauung gelangt und hat eine darauf—
hin begründete Lehre so sehr zugespitzt, daß er behauptete, der

Vgl. zum Folgenden Band VIII, 2, S. 385 ff.
        <pb n="163" />
        154 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ganze Mensch sei überhaupt nur ein Wirbelbein. Doch wurde
schon früh klar, daß ein Schluß dieser Art, der sich alle Phylo—
genese vorschnell in eine einzige Ontogenese aufzulösen vermaß,
die Forschung nicht fördern konnte; mühsamer als auf dem
Wege bloßer Spekulation hatte man sich der Wahrheit zu
nähern.

Es geschah, in den Zeiten, da in Deutschland noch die Natur—
ohilosophie blühte, im europäischen Westen. In England hatte
schon Erasmus Darwin (1731 —1802), der Großvater des be—
rühmten Charles, in seiner Zoonomia, allerdings in poetischer
Form, den Gedanken ausgesprochen, daß die jetzt lebenden Arten
der Organismen nicht die unveränderte Form ihrer Urureltern
trügen, sondern Umwandlungen in langer Zeit erfahren hätten.
Etwas später dachten dann in Frankreich Lamarck (1744 - 1829)
und Geoffroy St. Hilaire (1772 -51824) ähnlich. Von ihnen
war Lamarck der weitaus Bedeutendere; ja die Gedanken seiner
Philosophie zoologique scheinen nicht wenigen Forschern
diejenigen Darwins an Kühnheit und Großartigkeit zu über—
ragen. Allein in der Zeit ihres Bekanntwerdens waren es vor
allem die Ideen Geoffroy St. Hilaires, die den lebhaftesten
Streit erregten, indem ihnen in der französischen Akademie
Cuvier mit Erfolg entgegentrat: Probleme, deren Lärm, von
Frankreich herüberhallend, Goethe noch in seinen alten Tagen
bewegt hat.
Der Begründer einer eingehenden Entwicklungslehre der
Organismen aber wurde doch erst Charles Darwin; und
höchstens Wallace ist neben ihm noch zu nennen.
Charles Darwin (1809-1882) hatte den Vorteil, sich in
vier Jahren einer Weltreise (183921848) eine umfassende
Kenntnis der anorganischen wie namentlich der organischen
Natur aneignen zu können; er machte sozusagen die Entwicklung
der botanischen und zoologischen Systematik, soweit sie bis gegen
Ende der dreißiger Jahre gelangt war, noch einmal im Augen⸗
schein der ganzen Welt durch und überwand damit zugleich
ihre Erfahrungen. Seine Reisen, daneben aber auch physio—
logische Studien waren nun die Voraussetzung seiner großen
        <pb n="164" />
        Voller Realismus.

155

Werke „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zucht—
wahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe
ums Dasein“, 1859, und über „Die Abstammung des Menschen
ind die geschlechtliche Zuchtwahl“ vom Jahre 1871.
Was Darwin in diesen Büchern sicher bewies, war die
Tatsache der Evolution. Seit seinen Darlegungen besteht kein
Zweifel mehr: die heute lebenden Arten, einschließlich des
Menschen, sind als solche nicht erschaffen, sondern aus anderen
Arten, welche früher gelebt haben, herausentwickelt; wenn auch
längst noch nicht lückenlose Reihen der Entwicklungsübergänge,
so vor allem auch zum Menschen hin, gefunden worden sind.
Eine andere Frage freilich blieb und bleibt die: wie diese
Entwicklung nun zu erklären sei. Darwin ging zu ihrer Be—
antwortung der Hauptsache nach von einer Beobachtung aus,
in der er sich mit Wallace, der beinahe gleichzeitig in ver—
wandter Richtung arbeitete, traf: von der Wahrnehmung des
Kampfes ums Dasein. Die Natur, so führte er aus, er—
zeuge täglich und stündlich ein ungeheures UÜbermaß von Lebe—
wesen, für welches die Erde keinen Raum biete. Also komme
es zum Kampfe zwischen diesen Lebewesen um den Platz über—
—XDD
Kampfe seien dann wesentlich zwei Elemente entscheidend: die
Anpassung und die Vererbung. Vermöge der Anpassung ge—
linge es auch an sich vielleicht schwächeren Individuen, gleichsam
auf dem Wege einer List der Natur, ihr Dasein zu bewahren. So
z. B. den Tieren, welche auf Schneefeldern ein weißes Kleid
tragen, das sie vor ihren Gegnern schützt; so den Raupen und
Schmetterlingen, deren Gestalt Zweigen, Blättern, Blüten
ähnelt; so den Insekten mit schwachen Flügeln auf sturm—
umsausten Inseln, die darum nicht so leicht ins Meer geweht
würden. Hier überall vollziehe sich ein Vorgang der Anpassung,
indem die nicht angepaßten Individuen rasch vernichtet würden,
ohne Nachkommenschaft zu hinterlassen. Bei den angepaßten
Individuen aber pflege sich die Anpassung allmählich zu vererben:
so daß schließlich eine Abweichung von der ersten Organisation
eintrete, welche die Breite eines vollen Artunterschiedes aus—
        <pb n="165" />
        156 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

zumachen imstande sei. Neben der generellen Anpassung und
Vererbung aber kam nach Darwin innerhalb des Bereiches der
einzelnen Arten auch noch ein anderes Moment in Betracht: das
Recht des Stärkeren. Im Kampfe ums Dasein bleiben ganz
allgemein die Stärkeren übrig; ihre Stärke vererbt und wird
durch Auswahl, insbesondere durch die Zuchtwahl des Stärkeren
bei der Begattung, im Daseinskampfe immer stärker: bis auch
auf diesem Wege neue Arten entstehen können.
Gewalt und List also, subjektiv betrachtet, siegen im Kampfe
ums Dasein; naturwissenschaftlich aufgefaßt diejenigen Quali—
täten, welche Zuchtwahl und Anpassung gewährleisten; und diese
Qualitäten wirken, naturwissenschaftlich betrachtet, an sich, un—
bewußt, unbedingt, auf dem Wege der Vererbung: zeitlos, ewig,
mechanisch.
Die Lehren Darwins, und zwar nicht bloß sein Nachweis
der Entwicklung an sich, sondern auch deren Begründung, wurden
zunächst überwiegend mit Enthusiasmus aufgenommen. Es war
wie eine letzte festeste Begründung der mechanischen Natur—
anschauung: schien diese durch das Gesetz von der Erhaltung
der Kraft für die anorganische Natur ein für allemal stabiliert,
so konnte es als ein fast noch größerer Triumph gelten, sie nun
auch für die lebendige Natur erwiesen zu sehen. In Deutsch⸗
land ist vor allem Ernst Haeckel (* 1834) zum begeisterten An⸗
hänger Darwins geworden; er hat nicht nur die tatsächlichen
Beobachtungen des Meisters durch das, übrigens schon vor⸗
her mehr als einmal ausgesprochene! biogenetische Grundgesetz
erweitert, wonach die Entwicklungsgeschichte eines organischen
Lebewesens (die Ontogenie) die kurze Wiederholung der
Stammesgeschichte (der Phylogenie) ist; er hat vor allem auch
in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“, die im Jahre 1868
erschien, das Bild der Entwicklung der Arten selbst zu ent—
rollen gesucht, indem er den Begriff der Vererbung viel mehr
betonte als Darwin. Neben Haeckel hat dann besonders noch

So von Friedrich Meckel in feinem „System der vergleichenden
Anatomie“ (1830). S. auch oben S. 148.
        <pb n="166" />
        Voller Realismus.

157

dessen Schüler Wilhelm Roux (* 1850) den Gedanken der ein⸗
fachen Entwicklungsmechanik tiefer zu fundieren und durch—
zuarbeiten versucht: so in dem Buche über den Kampf der
Teile im Organismus (1881), in welchem er Darwins Lehre
wesentlich erweiterte, indem er den Begriff der funktionellen
Anpassung durchführte, so in später veröffentlichten Studien
wie durch das Unternehmen einer eigenen Zeitschrift für Ent—
wicklungsmechanik (1895). Als Ziel steckte er sich dabei, „die
Ursachen resp. die gestaltenden Wirkungsweisen des organischen
Geschehens und ihre Wirkungsgrößen zu ermitteln und erstere
möglichst weit auf die im Bereich des Anorganischen vorkommen—
den physikalischen und chemischen Wirkungsweisen zurück—
zuführen“.
Auf der anderen Seite hat sich der Erklärung der ent—
wicklungsgeschichtlichen Tatsachen durch Darwin doch auch schon
früh eine kräftige Kritik entgegengestellt. Sie ging einmal aus
von der fortgesetzten Untersuchung der Vorgänge der Ontogenese
und war hier hauptsächlich Aufgabe der Physiologie und Ana—
tomie des Menschen wie der Pflanzen und Tiere; sie empfing
aber auch wesentliche Anregungen aus allgemeineren Be—
trachtungen der Begriffe Anpassung, Vererbung, Zuchtwahl und
verwandter Vorstellungen, und ist auf diesem Gebiete vornehm⸗
lich Sache der Philosophen und Liebhaberei der Theologen ge⸗
wesen. Im geschichtlichen Zusammenhange freilich kann diese
Kritik nur interessieren, insoweit in ihr neue positive An—
schauungen zutage getreten sind: die Entwicklung dieser aber
gehört erst der zweiten Periode des Subjektivismus an.
Für den Ausgang der ersten subjektivistischen Periode da—
gegen war charakteristisch, daß sich in ihr die mechanische Be—
trachtungsweise, wie sie eben jetzt in der Entfaltung der orga⸗
aischen Naturwissenschaften zu siegen schien, innerhalb der
übrigen Naturwissenschaften auch für diejenige exakte Disziplin
erst gänzlich systematisch entwickelte, die ihr bei weitem später
als die Physik, man kann sagen erst seit dem Ausgange des
18. Jahrhunderts unterworfen worden war, für die Chemie.
In der Darstellung des aufkommenden Realismus haben
        <pb n="167" />
        158 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

wir die Entwicklung der Chemie bis zu der Zeit verfolgt, da
die elektrochemische Atomtheorie von Berzelius als das allgemein
angenommene System gelten konnte!l. Auf der Untersuchung
vornehmlich der Salze mit ihrem binären Charakter, also auf
Forschungen durchaus im Bereiche der anorganischen Chemie
aufgebaut und innerhalb dieses Bereiches auf die elektrischen
Erfahrungen der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts eingeftellt,
ordnete diese Theorie die Elemente in eine nach elektrischen
Prinzipien entworfene, von Elementen negativer zu Elementen
positiver Elektrizität fortschreitende Reihe und sah ihre chemischen
Verbindungen als nach binärer Anordnung erfolgend an. Es
waren die ersten Anfänge einer klaren, in sich schon etwas be—
stimmteren Atomtheorie, die freilich, wie spätere Erfahrungen
ergaben, nur auf einer anorganischen, ja vornehmlich nur auf
einer Chemie der Salze aufgebaut werden konnten.
Nun stellte sich aber bald heraus, daß eine so einfache
Lehre selbst der Mannigfaltigkeit der chemischen Erscheinungen
auf anorganischem Gebiete in keiner Weise gerecht wurde. Schon
bei den Sauerstoffsalzen, die mindestens drei Elemente enthalten,
ergaben sich Schwierigkeiten in der binären Anordnung, und
diese mehrten sich, als später Verbindungen von noch weit
mehr als drei Elementen bekannt wurden. Allein Berzelius half
sich da, um das binäre System aufrechtzuerhalten, anscheinend
sehr einfach durch Zusammenfassung von zwei und mehr
Elementen unter dem Begriffe eines sogenannten Radikals:
d. h. eines „zusammengesetzten Komplexes, der sich formal wie
ein Element verhält, indem er ohne Anderung seiner Zusammen⸗
setzung aus einer Verbindung in die andere übergehen kann“.
Und er brachte diese Ergänzungshypothese auch mit der her⸗
kömmlichen elektrochemischen Anschauung in Übereinstimmung,
indem er, ganz nach dem Herkommen, einen der zusammen—
gesetzten Bestandteile der Verbindung als positiv, den anderen
als negativ ansah.
Indes da ergaben sich nun wiederum bald neue, starke und

S. Bd. XS. 292f.
        <pb n="168" />
        Voller Realismus.

159

steigende Schwierigkeiten. Um nur von den elektrochemischen
Gegensätzen zu sprechen, so wurden diese naturgemäß um so
geringfügiger und somit für eine Systembildung um so un—
brauchbarer, je zusammengesetzter die Bestandteile waren: denn
in dieser Zusammengesetztheit erschöpfte sich schon ein größerer
Teil der ursprünglichen Polarität.
In diesem Momente, da die bestehende atomistische Theorie
der Chemie der anorganischen Körper kaum noch zu genügen
schien, stellte sich aber dadurch nochmals eine weitere, scheinbar
unüberwindliche Schwierigkeit heraus, daß sich inzwischen eine
andere Chemie entwickelt hatte, die mit dem Verhalten von Salzen
in wässeriger Lösung, von dem man in der elektrochemischen Zeit
ursprünglich ausgegangen war, gar nichts mehr zu tun hatte, ja
in der eben nichtsalzhaltige Verbindungen überwogen: die Chemie
der organischen Stoffe. Würde sie sich nun wohl der herkömm⸗
lichen elektrochemischen Atomistik fügen, ja würde sie überhaupt
in irgendein System mechanischer Atomistik aufgehen? Das war
zunächst die wichtigste Frage der chemischen Zukunft.
Die organische Chemie entwickelte sich nun seit den zwanziger
Jahren, namentlich unter der Führung von Justus Liebig
(1803 - 1873) mit besonderer Schnelligkeit: derart, daß sie schon
in den dreißiger und vierziger Jahren voll erblühte und seit
den fünfziger Jahren die weitere Entfaltung der chemischen
Wissenschaft auf längere Zeit fast gänzlich beherrscht hat.
Und da ergab sich nun sehr bald, daß die Verbindungen
dieser neuen Disziplin weit verwickelter waren als die der bisher
— DDDVD
gar die Frage aufzutreten, ob nicht eben die Verbindungen der
Irganischen Chemie zum großen Teile bloß umwandlungsfähige
Zwischenformen darstellen, ohne daß die bisher bekannten Gesetze
der chemischen Mechanik ausreichen, sie mit Erfolg auf stabile
Formen zu beziehen. Indes wie dem auch sei: sicherlich kamen mit
der Behandlung der organischen Verbindungen außerordentliche
Gärungsmomente in die Entwicklung der chemischen Wissenschaft;
und vor allem konnte es zweifelhaft erscheinen, ob die mechanisch—
atomistische Theorie der Schwierigkeiten Herr zu werden vermöge.
        <pb n="169" />
        —160 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

Zunächst versuchte allerdings Berzelius auch jetzt noch einmal
das von ihm nur für die anorganische Chemie aufgestellte binäre
elektrochemische System selbst für die organischen Verbindungen
als brauchbar, ja notwendig zu erweisen; und eine Zeitlang
wurde die organische Chemie von diesem Gesichtspunkte aus
wohl auch als Chemie der zusammengesetzten Radikale bezeichnet.
Allein bald zeigte sich, daß fundamentale Erscheinungen der
neuen Wissenschaft mit diesem Systeme unvereinbar waren.
Zunächst ergab sich eine steigende Unsicherheit für die Unter—
bringung von neuen Tatsachen in dem alten Formelwes en; nirgends
reichte dieses mehr aus, und die Unbestimmtheit in der Definition
neuer Erscheinungen infolge unzureichender Beschreibung erwies
sich früh als ergiebiger Boden für gelehrten Streit. Dann
aber kam es, zuerst im elektrischen Bereiche der Theorie, zu
unmittelbaren, unlösbaren Widersprüchen. Da war 3. B.
Wasserstoff als positives, Chlor als negatives Element ein—
geordnet. Nun zeigte sich aber, daß sich in gewissen organischen
Verbindungen Chlor und Wasserstoff gegenseitig vertreten, sich
substituieren konnten! Es war eine mit den Grundarxiomen der
Lehren von Berzelius unvereinbare Tatsache. Und so begann denn
allmählich ein Kampf zwischen den Vertretern der alten und der
neuen Richtung, in dem der Altmeister schließlich unterlag, die
Organiker aber, vornweg Liebig, siegten. Nach gewonnener Schlacht
aber kam es dann freilich vor allem darauf an, an Stelle der
elektrochemisch-dualistischen Theorie der anorganischen Chemie von
Berzelius eine neue Theorie nunmehr der organischen Chemie zu
setzen. Es geschah nicht ohne starken Einfluß noch der besiegten
Lehre selbst insofern, als man die ihr speziell zugrunde liegenden
Tatsachen, besonders die der binären Verbindung der Salze,
allzusehr zurückschob. Im ührigen aber hatte man sich für die
Fundamentierung der neuen Theorie natürlich an die im Kampfe
neu entwickelten Begriffe zu halten. Und da stand nun ganz im
Vordergrunde der Begriff der Vertretung. Man nahm da an,
daß wenn sich selbst so verschiedengeartete Elemente, wie Chlor
und Wasserstoff, in gewissen Verbindungen vertreten könnten,
dies mit ähnlicheren Elementen erst recht der Fall sein müßte.
        <pb n="170" />
        Voller Realismus.

161

Und somit müsse es möglich sein, um eine gegebene Aus—
gangsverbindung Abkömmlinge in nahezu unbegrenzter Zahl an—
zuordnen, welche alle aus jener Stammverbindung durch Ver—
tretung (Substitution) gewisser Elemente entstehen müßten. Es
war eine Richtung des Denkens, die gleichsam an Stelle des
künstlichen chemisch-mechanischen Systems von Berzelius ein
System von natürlich-organischen chemischen Typen setzen wollte,
so wie im Bereiche der Organismen die natürlichen Systeme
an Stelle der Linnéschen Einteilung getreten waren.
In der Bildung dieser Typen aber begann man, wie es
auf dem Boden der organischen Chemie in der Tat am nächsten
lag, mit dem Einfachsten, mit dem Kohlenwasserstoffe, als einer
Stammverbindung, indem man die Familie dadurch zu bilden
bersuchte, daß man die Wasserstoffatome der Verbindung durch
andere Elemente ersetzte. Dann schritt man zur Bildung anderer
Typen fort; nach Dumas, der 1889 eine erste Typenlehre ent⸗
wickelte, übrigens auch zum ersten Male absolut deutlich aus—
sprach, daß für die chemischen Außerungen einer Verbindung
in erster Linie Zahl und Anordnung der Atome, nicht aber
deren spezifische Natur maßgebend sei, haben sich auf diesem
Gebiete insbesondere Laurent und dessen Schüler Karl Ger—
hardt (1816-1856), ein Elsässer, Schüler Liebigs, verdient
gemacht.
Gerhardts Theorie wurde dabei der Hauptsache nach in
dem Précis de chimie organique vom Jahre 18550ab—
geschlossen. Da erschienen nun alle Verbindungen, vorab die
organischen, sozusagen definitiv geordnet, indem sie sämtlich mit
dier Typen, nämlich Wasser, Ammoniak, Wasserstoff und Chlor⸗
wasserstoff, in Parallele gestellt wurden. Es war aber in
Wahrheit doch nur ein oberflächliches unitarisches System der
organischen Körper; ein sinnreicher Schematismus gleichsam;
auf einen tieferen Einblick in die eigentliche (atomistische) Struktur
war dabei grundsätzlich verzichtet. Aber schon vorher hatte sich
noch viel allgemeiner gezeigt, daß die Typentheorie überhaupt
nicht zu halten war. Man konnte in ihr am Ende jede
zusammengesetztere Verbindung innerhalb jedes beliebigen Typs
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 11
        <pb n="171" />
        162 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

unterbringen: war die elektrochemische Lehre für die Gegeben⸗
heiten der organischen Chemie zu begrenzt gewesen, so erwies
sich die Typentheorie als zu unbestimmt, zu weit. Und so
sah man sich denn von der Frage der Verbindung der Elemente
wieder auf diese selber, und das hieß nach Lage der bisherigen
Entwicklung auf die Atome als Konstituenten einer neuen Lehre,
zurückgetrieben.
Auf die alte Atomtheorie und deren Prinzipien allein aber
konnte man dabei doch nicht wieder eingehen; denn längst waren
inzwischen selbst auf dem Gebiete der anorganischen Chemie
zahlreiche Tatsachen bekannt geworden, denen diese nicht mehr
gerecht wurde.
So hatte zunächst Gay-Lussac im anorganischen Bereiche
schon in den ersten Zeiten des 19. Jahrhunderts gefunden, daß
in allen ihm bekannten Fällen, wo sich zwei oder mehr Gase
chemisch verbanden oder sonst an chemischen Reaktionen teil—
nahmen, dies immer nach einfachen Volumenverhältnissen ge—
schah. Hielt man damit die beiden Tatsachen aus dem Gebiete
der Gastheorie zusammen, daß Gase sich nur nach Maßgabe
ihrer Verbindungsgewichte vereinigen, und daß sie dies nur
nach einfachen Volumenverhältnissen tun, so war sehr leicht zu
dem Schlusse zu kommen, daß die Gewichte gleicher Volumen
den Atomgewichten einfach proportional gesetzt werden müßten.
In der Tat hatte man diesen Schluß gezogen. Allein darauf
hatte sich gezeigt, daß diese Rechnung in Wirklichkeit, wenigstens
für die elementaren Gase, keineswegs zutraf. Da beispielsweise
Sauerstoffgas sechzehnmal dichter ist als Wasserstoffgas, so hätte
geschlossen werden müssen, daß ein Atom Sauerstoff sechzehnmal
schwerer wäre als ein Atom Wasserstoff. Und demgemäß hätte
ein Atom Wasser aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom
Sauerstoff bestehen müssen. Dies war auch wirklich richtig.
Allein ging man nun zum Wasser dampf über, so begannen die
Schwierigkeiten. Aus einem Atom Sauerstoff und zwei Atomen
Wasserstoff kann nicht mehr als ein Atom Wasser entstehen;
der Wasserdampf hätte also denselben Raum einnehmen müssen
wie der Sauerstoff, aus dem er entstanden ist. Er nahm aber
        <pb n="172" />
        Voller Realismus.

1638

tatsächlich den Raum des Wasserstoffs, d. h. einen doppelt so
großen Raum ein!. Nun hätte man annehmen können, daß
ein Atom Wasser aus einem Atom Wasserstoff und einem halben
Atom Sauerstoff bestünde, und die Schwierigkeit wäre behoben
gewesen. Allein durfte man halbe Atome in die Hypothese ein—
führen, da doch die Atomtheorie die Unteilbarkeit des Atomes
boraussetzte?
Man half sich schließlich damit — und zwar kamen Avogadro
(1776- 1856) und Ampère (1775 1836) unabhängig voneinander
auf die gleiche Lösung —, daß man, in dem beispielsweise an—
geführten Falle, doppelte Atome Sauerstoff im Sauerstoffgase
annahm: dann kam je ein Sauerstoffatom auf ein Atom Wasser—
dampf. Und in entsprechender Weise konnte man, wie sich
zeigte, durch Verdoppelung auch in allen anderen Fällen durch—
schlüpfen.
Was hieß das nun aber vom Standpunkte der Ato—
mistik? Offenbar konnten jetzt die kleinsten Teilchen der Gase
nicht mehr mit den Atomen identisch gesetzt werden, sondern
man mußte sie in diesem Fall der elementaren Gase als aus
Paaren gleicher Atome zusammengesetzt ansehen. Dabei führte
sich für die kleinsten Gasteilchen allmählich der Name Molekeln
oder Moleküle ein, während die kleinsten Teilchen der Elemente
nach wie vor Atome genannt wurden.
Nun ist freilich leicht zu sehen, daß diese Lehre im Grunde
die vollste Zersprengung zunächst der alten Atomlehre der an⸗
organischen Chemie bedeutete. Allein da Berzelius dem mit aller
Wucht seines Ansehens widersprach, so brachten es Forschungen
und Bedenken, wie die soeben berührten, zunächst nur zu ge—
ringer Anerkennung. Doch mußte sich das schließlich doch ändern,
je mehr die Interessen der organischen Chemie den Ausschlag
gaben, und in dem vorliegenden, noch der anorganischen Chemie
angehörenden Falle insbesondere, nachdem Williamson (1824 bis
1904 gezeigt hatte, daß nicht die äquivalenten Mengen, sondern
bielmehr die auf gleiche Dampfvolumina bezogenen Formeln die

Ostwald, Leitlinieu der Chemie, 1906, S. 77.
11*
        <pb n="173" />
        164 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gegenseitigen Beziehungen und Umwandlungen der chemischen
Verbindungen am besten darstellen.
Noch mehr aber als auf dem anorganischen Gebiete der
Chemie hatte sich inzwischen auf dem organischen die alte Atom—
theorie als unhaltbar erwiesen.
Da hatte, wenn auch noch nicht voll im Bereiche der
organischen Chemie, Mitscherlich schon im Jahre 1820 den
Isomorphismus entdeckt. „Gewisse Kristalle, die einander in allen
Einzelheiten vollständig glichen, konnten sowohl phosphorsaure
als arsensaure Salze liefern, wenn man sie analysierte. Danach
stellte sich also heraus, daß in den stereometrisch identischen,
aber chemisch verschiedenen Körpern die gleiche atomistische An—
ordnung obwaltete: sind zwei Körper aus einer gleichen Anzahl
von Atomen aufgebaut, einerlei, wie diese sonst beschaffen sein
mögen, so ergibt sich für erstere eine übereinstimmende Kristalli—
sation.“ Es war ein Ergebnis, das sich bei Annahme der
alten atomistischen Hypothese kaum begreifen ließ.
Ganz mitten im Gebiete der organischen Chemie aber hatten
dann zwei junge Chemiker von später größtem Rufe, Liebig
und Wöhler (1800—1882), unabhängig voneinander für zwei
ganz verschiedene Stoffe, die sich ihnen bei der Ableitung von
Knallquecksilber und Blutlaugensalz ergeben hatten, nach der
herkömmlichen Lehre genau dieselbe Formel gefunden; und
diese hatte sich auch bei Nachprüfung und bei gegenseitiger
persönlicher Aussprache der beiden iungen Gelehrten als stich—
haltig erwiesen.
Schien da nicht ein im Grunde kaum zu verwindender
Schlag gegen die bestehende Atomtheorie geführt? Berzelius,
der das eigentümliche Zusammenfallen zuerst bemerkt hatte,
wußte gleichwohl auch jetzt noch Rat. Vom Standpunkte feiner
inzwischen fortgebildeten Theorie aus gab er die Erklärung, es
handle sich in der Tat um ganz die gleiche Atomverbindung:
also bleibe nur die Annahme übrig, daß die Atome in beiden
Fällen — und ebenso in später häufig nachgewiesenen ver—
wandten Fällen — „auf verschiedene Weise zusammengelegt“
seien. Und man stimmte ihm darin zu; insbesondere äußerte
        <pb n="174" />
        Voller Realismus.

168

sich auch Dumas bald unabhängig von Berzelius in derselben
Weise. Damit war denn der Grundgedanke jener Lehre von
der Isomerie für Stoffe von gleicher Zusammensetzung und
verschiedenen Eigenschaften gefunden, die heute noch einen der
Bestandteile der Schulchemie bildet.
Zugleich aber hatte man nunmehr, an der Kritik der alten
Atomtheorie gewonnen und doch auf deren Grundbegriff, dem
Atom, anscheinend wiederum aufgebaut, zwei Elemente einer
neuen Lehre zur Verfügung: einmal nämlich die Auffassung,
daß die Atome, als kleinste Teilchen der Elemente, unter ge—
wissen Umständen in kleinsten Teilchen der Gase, den Molekeln,
beschlossen wären; und dann die Auffassung, daß dieselben
Atome in gewissen Fällen dazu beitrügen, durch verschiedene
Art der Lagerung die Verschiedenheit solcher Stoffe zu kon⸗
stituieren, die der Zusammensetzung nach gleich waren.
Ließ sich nun von diesen Gegebenheiten her nicht recht
wohl eine neue Atomtheorie aufstellen, die auch den Tat—
sachen der organischen Chemie gerecht wurde? In der Tat
hat sich in diesem Zusammenhange im Laufe der fünfziger
Jahre, fertig um etwa 1858, in den Arbeiten von Kekulsé,
Couper und Butlerow die sogenannte Strukturtheorie als neue
mechanische Hauptlehre der Chemie entwickelt.
Notwendig war für ihre Durchbildung vor allem, daß ein
Faktor ausgemittelt wurde, nach welchem sich, sowohl in der
organischen wie in der anorganischen Chemie, die beschriebenen
Lagerungs- und Zusammenschichtungsverhältnisse regelten. Da—
bei lag es nahe, diesen Faktor zunächst auf dem Gebiete der
alten Gerhardtschen Substitutionstheorie zu suchen; und Kekuls
hat das getan, indem er zu dem Zwecke die Typen Gerhardts
durch solche noch weit verwickelterer Natur erweiterte, während
Kolbe schon über die Schablone Gerhardts hinauszudringen
suchte, indem er eine neue Interpretation des Wesens orga—
nischer Verbindungen gab, die in dem Satze gipfelte, daß die
organischen Körper durchweg Abkömmlinge anorganischer Ver—
bindungen seien (1857).
Die schließliche Klärung kam indes von einem Begriffe
        <pb n="175" />
        166 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

her, der auch von Kolbe nicht herangezogen oder weiter durch—
gearbeitet wurde, obwohl sein Besonderes war, daß er sich schon
auf dem Gebiete der anorganischen Chemie bilden ließ und
auch längst gebildet hatte. Hat man zwei verschiedene Grund⸗—
stoffe a und b, so kann sich ein Atom a mit einer be—
stimmten Anzahl von Atomen des Elementes bzu einem neuen
Körper verbinden: es besitzt in dieser Hinsicht, wie Williamson
es schon 1851 ausgedrückt hatte, eine gewisse Sättigungsfähigkeit.
Hatte man diese Tatsache längst gekannt, so kam man doch
erst jetzt darauf, die sogenannte Valenz wirklich auszumitteln,
d. h. die Zahlen festzustellen, welche das Zusammentreten eines
Elementes mit Atomen anderer Elemente zu einer neuen Ver—
bindung regeln: und damit einen Faktor zu gewinnen, von dem
aus eine systematische Einsicht in die Molekular- und Lagerungs—
verhältnisse der Atome erreicht werden konnte. Gleichwohl
machten die Versuche, auf diesem Gebiete vorzudringen, nicht
besondere Fortschritte, bis Kekuls den Kohlenstoff in dieser
Hinsicht untersuchte. Er fand ihn, den für die organische
Chemie grundlegenden Stoff, vieratomig. Wie auch der Stoff
beschaffen sein mag, der sich mit Kohlenstoff verbindet: addiert
man die Anzahl der Atome dieses Stoffes, welche zu einem
einzigen Atome Kohlenstoff hinzutreten, stets kommt die Zahl 4
heraus. Damit war die Grundlage einer neuen atomisti—
schen Systematik der organischen Chemie, ja der Chemie über—
haupt, gewonnen. Denn nachdem die Valenzen des Kohlen—
stoffes gefunden waren, ließen sich auch die anderen Valenzen
leichter aufstellen. Standen aber die Valenzen fest, so ließen
sich durch sie Typen bilden, welche nicht mehr der Vieldeutigkeit
der alten Typen der Theorie Gerhardts und Laurents unterlagen.
Dabei war der oberste Grundsatz der, daß eine gegebene Ver—
bindung so vielen verschiedenen Typen angehörte, als Wertig—
keiten von den in ihr enthaltenen Elementen betätigt wurden:
oder noch allgemeiner, daß sie allen Typen aufwärts bis zu
dem des höchstwertigen Elementes angehörte, das sie enthält.
Die auf Grund dieser Vorstellungen durchgebildete Lehre
pflegt man als Strukturtheorie zu bezeichnen; sie hat auf der
        <pb n="176" />
        Voller Realismus.

167

ersten Stufe ihrer Entwicklung ihren besten, wenn auch un—
—D
funden.
Mit alledem trat nunmehr die bisher immer wieder zurück—
gestellte Frage nach der Verkettung der einzelnen Atome für die
organische und die anorganische Chemie in gleicher Weise hervor;
die Lehrmeinung von der prinzipiellen Verschiedenheit orga—
nischer und anorganischer Verbindungen, wie sie immer noch
auf der Annahme einer gewissen Lebenskraft bei den Außerungen
der chemischen Verwandtschaft beruht hatte, schien damit end—
zültig zu schwinden: und ein rein mechanisches System aller
hemischen Verbindungen war die anscheinend konsequente Folge.
Und was mehr war: dies neue System einer mechanischen Ato—
mistik ließ den Zusammenhang mit der verwickelten und müh—
seligen Evolution der älteren chemischen Wissenschaft nicht
fallen, sondern nahm vielmehr deren bewährte Errungenschaften
in sich auf: denn es ersetzte zunächst die alte Substitutionslehre
zanz; es erlaubte weiterhin ein überraschend zutreffendes Bild
der inzwischen bekannt gewordenen Tatsachen der Isomerie zu
geben, und es inkorporierte sich endlich völlig die Errungen—
schaften der Molekulartheorie.
Und so schien denn alles zum besten bestellt und in einer
zwar komplizierten, aber die bekannten Tatsachen zunächst be—
herrschenden Theorie der Sieg der Atomistik besiegelt.
Freilich: wie weitere Erfahrungen vornehmlich seit dem
Schluß des 19. Jahrhunderts ergaben: es schien nur so. Es fanden
sich später neue Tatsachen, die namentlich bei dem einfachen Be—
griffe einer festen Valenz zu verbleiben nicht gestatteten. Und
indem sich damit die Frage nach der Struktur der Atome überaus
derwickelte und insbesondere die Frage der Umlagerung von
kleinsten Teilchen von Bedeutung wurde, traten atomistische
Theorien auf, deren logischer Unterbau an denjenigen viel
früherer Zeiten erinnerte. Was jetzt die proteusartige Iso-, Meta—
und Tautomerie war, das war fuür die Physik um 1700 die
Kapillarität gewesen; und auch die Analogien zu den Haken,
Zangen und Borsten der Korpuskeln des 17. und 18. Jahr—
        <pb n="177" />
        168 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

hunderts fehlten in den sechziger und siebziger Jahren des
19. Jahrhunderts nicht. Man hat dann freilich den Schwierig—
keiten, die sich immer mehr häuften, durch eine stereometrische
Anordnung der kleinsten Teilchen im unendlichen Raume zu
begegnen gesucht. So entstand, wesentlich durch van t'Hoff
seit 1874 begründet, die besondere Disziplin der Stereochemie,
deren wichtigster selbständiger Vertreter in Deutschland Wislicenus
(1835 1902) gewesen ist, und die sich noch heute einer glück—
lichen Fortbildung durch Hantzsch (* 1857) erfreut.
Daß indessen mit dieser Lehre eine letzte Lösung gegeben sei, ist
nicht wahrscheinlich. Bezeichnend ist, daß schon Wislicenus nicht
ohne Voraussetzung besonderer, Richtung gebender Affinitäts—
energien auskommen zu können glaubte. Anderen schien die auf—
fallende Erscheinung der Tautomerie auf einen Schwingungs⸗
zustand der Atome hinzuweisen. Und so ergab sich denn die
Notwendigkeit immer dringlicher, Bewegungshypothesen zu Hilfe
zu nehmen: eine Fortbildungsrichtung, die, wenn durchgeführt,
am Ende die Überführung der chemischen Wissenschaft in eine
ganz neue Periode ihrer Entwicklung bedeuten würde.
Blickt man indes auf die Lage der chemischen Wissenschaft
gegen Schluß der ersten Periode des Subjektivismus zurück, so
ging ihre Theorie gegen Ende der fünfziger und in den sechziger
Jahren anscheinend einer völlig klaren Entwicklung in der Durch⸗
bildung einer quantitativ charakterisierten Atomtheorie ent—
gegen: und so schien es, als sei auch auf diesem Gebiete wie
auf dem der Physik und der organischen Naturwissenschaften
ein gewisser Abschluß der Zeiten gekommen. Und hier wie
dort kennzeichnete dieser sich durch eine Anzahl ganz allgemein
entwicklungsgeschichtlich wichtiger Eigenschaften, deren Ganzes
auf das philosophische wie das geisteswissenschaftliche Denken
schon deshalb großen Einfluß üben mußte, weil es das klarste
und fortgeschrittenste wissenschaftliche Denken überhaupt darstellte.
Wie die anorganische Naturwissenschaft der zwanziger bis
siebziger Jahre, so hatten jetzt auch die organischen Disziplinen
und die Biologie dieser Zeit ein Prinzip des Starren, Statischen,
wohl Genetischen, aber nicht Evolutionistischen in sich entwickelt.
        <pb n="178" />
        Voller Realismus.

16o

Auf dem Gebiete der anorganischen Naturwissenschaften ist diese
Erscheinung aus der Natur des Gesetzes von der Erhaltung
der Kraft leicht anschaulich zu machen und zu erklären: nach
ihm erscheinen alle physikalischen Vorgänge im Grunde als Aus—
gleiche hin zu einem letzten Gleichgewichtszustande der Kraft;
und nicht ohne Grund haben scharfsichtige Vertreter der rein
mechanisch-naturwissenschaftlichen Anschauung dieser Zeit darum
einen solchen Gleichgewichtszustand als das Ende aller Dinge
vorausgesagt.
Aber auch die Organismen und ihr Leben wurden durch
die Lehren Darwins, insbesondere durch seine Theorie der An—
passung und Vererbung, im Grunde statischen Gesetzen unter—
worfen; ihre Evolution ist nur scheinbar, denn sie steht unter
dem Drucke unwandelbarer statischer Gesetze, die tiefste quali—
tative Anderungen ausschließen; und völlig konsequent hat ein
junger Vertreter des reinen Darwinismus darum seine Aufgabe
darin gesucht!, alle Lebensvorgänge auf physikalische und
chemische Agentien, und das heißt schließlich auf den statischen
Ausdruck des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft zurück—
zuführen.
Danach besteht denn kein Zweifel, daß der Entwicklungs—
gedanke der mechanischen Naturwissenschaften der ausgehenden
ersten Periode des Subjektivismus streng von den Anfängen eines
ganz anderen Entwicklungsgedankens in der zweiten Periode zu
scheiden ist: jener ist nur transformatorischer Natur, dieser erst
ist wirklich evolutionistisch; jener kennt ewige Gesetze außerhalb
und jenseits des Ganges der Entwicklung, diesem sind die Ge⸗—
setze der Entwicklung selbst letztes Recht und letzte Ordnung,
gegenüber deren Immanenz ein Jenseitiges nicht gegeben ist.
Man sieht leicht, wie sich diesem Gegensatze nun auch die
Entwicklung der Chemie bis zum Ausgange der ersten Periode
des Subjektivismus einordnete. Jede Atomistik ist im Grunde
eine statische Theorie, denn sie handelt nur von Ausgleichs—
bewegungen, mithin Gleichgewichtsstörungen nur quantitativ

Wilhelm Roux; s. oben S. 157.
        <pb n="179" />
        170 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

charakterisierter kleinster Teilchen; jedes Element des eigentlichen
Evolutionismus fehlt ihr. Nun hatte aber gerade diese ato—
mistische Theorie gegen das Ende der ersten subjektivistischen
Periode gesiegt, indem es ihr gelungen war, die organische
Chemie sich anscheinend völlig und für immer einzuordnen.
Im ganzen ist nach alledem die imposante Einheit der natur—
wissenschaftlichen Anschauungen in den fünfziger bis siebziger
Jahren des 19. Jahrhunderts nicht zu verkennen. Durchaus hatte
die mechanische Naturwissenschaft gesiegt; in jeder Hinsicht war
ein statischer Grundton der Betrachtung, und demgemäß zwar
ein gewisser Historismus, aber nur der äußeren Vorgangsformen,
nicht dagegen ein wirklicher Evolutionismus, eine Theorie
der inneren Fortentwicklung, zur Geltung gelangt. Es war
eine Lehre, der die Welt der Erscheinungen schließlich immer
in irgendeiner Weise aus einem gestörten Gleichgewichtszustande
der Materie hervorgegangen war und bestimmt schien, in einen
solchen Gleichgewichtszustand wieder zurückzukehren: eine Lehre,
deren tiefe Unterströmung die Philosopheme Schopenhauers und
Hartmanns, der Modedenker dieser Zeit, gleichmäßig befruchtete.
Und es war eine mächtige Lehre. Es sind die Jahre des so—
genannten naturwissenschaftlichen Zeitalters, die Jahre der
Philosophie der Naturforscher und der naturwissenschaftlichen
Versuche der Philosophen, die Jahre zugleich des ersten hohen
Aufschwungs der modernen Technik und damit der Entwicklung
des wissenschaftlichen Fermentes in der modernen Volkswirt—
schaft, im Wirtschaftsleben der Unternehmung.

—3

2. Sollte nun dieser ganze Vorstellungskomplex nicht auch
auf die Entwicklung der Geisteswissenschaften eingewirkt haben?
Die Fortbildung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen
erschien seit den dreißiger Jahren fast noch mehr als vorher an
das Schicksal der Geschichtswissenschaft geknüpft. Aber dabei kam
im Grunde nicht so sehr der zentrale Charakter der Geschichts—
wissenschaft als der Disziplin des Evolutionismus in Betracht,
wie vielmehr die Tatsache, daß die übrigen Wissenschaften des
        <pb n="180" />
        Holler Realismus.

171

Geisteslebens dem allgemeinen Aufschwunge der Weltanschauung
des Subjektivismus zu Zeiten der Romantik kaum genügend oder
wenigstens nicht selbständig genug hatten folgen können.
Es ist ein Verlauf, der besonders aus der Geschichte der
alten angewandten Geisteswissenschaften, der Theologie und
der Jurisprudenz, deutlich hervorleuchtet. Die Theologie war
fast historisch geworden, soweit sie nicht, wie namentlich im
Bereiche des Katholizismus, nach dem Absterben einiger Ver—
suche, modern zu sein, mittelalterliches Denken neu zu beleben
versuchte. Allein in der Atmosphäre historischer Betrachtung
war sie alsbald einem ausgesprochenen Hegelianismus verfallen,
von dem sich auch so bedeutende Köpfe, wie Baur in Tübingen,
erst in späterer Zeit losmachten, und zwar unter dem Einflusse
einer realistischen Geschichtswissenschaft, von der wir bald hören
werden.
Trostloser aber sah es noch in den weiten Gebieten der
Jurisprudenz aus. Eine Rechtswissenschaft, die enge Fühlung
mit dem Leben hält, wird vor allem von der wissenschaftlichen
Bewältigung des Charakters des geltenden öffentlichen Rechts
abhängig sein. Und so bedarf es zu ihrer Blüte der Höhezeit
eines bestimmten, klar ausgesprochenen Staatslebens. Wer aber
würde nun diese Vorbedingung in dem Deutschland der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts haben erfüllt sehen wollen? So
schleppte man als Fermente juristischer Ideenbildung Rest—
bestände früherer Anschauungswelten geduldig fort. Da galt
in konservativ-klerikalen Kreisen im Grunde noch immer das
alte Natur- und Vernunftrecht, das die scholastischen Aristoteliker,
—
von den Jahrhunderten des humanistischen Naturrechts bis in
die neueren Zeiten hinein gefristet worden war: ist es doch
selbst heute vom Klerikalismus noch nicht aufgegeben und be—
—D
katholische Rechts- und Moralphilosophie der Gegenwart. Aber
auch auf freierer und protestantischer Seite hatte man, wenn
nicht die Theorie, so doch die Methode der humanistischen
Lehre vom Staate noch keineswegs verlassen. Es war, sehr
        <pb n="181" />
        172 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites LKapitel.

begreiflich bei ihrer Entstehung im Zeitalter des Absolutismus,
eine zivilistische Methode: und so ergab sich die wunderlich
verkehrte Welt, daß für die Staatstheorie, deren Methode
ihrerseits das bürgerliche Recht hätte befruchten sollen, viel—
mehr die privatrechtliche Methode zur Erschließung weiterer
Errungenschaften eingespannt wurde. Natürlich war damit dem
Verständnisse des Staates als eines gesellschaftlichen Organismus
und damit dem Verständnisse des subjektivistischen Staates über—
haupt Tor und Tür verschlossen: und nichts vielleicht hat die
Entwicklung eines gesunden politischen Sinnes in der Nation
mehr beeinträchtigt als die zivilistisch-juristische Erziehung der
Denkweise gerade großer Teile ihrer führenden Schichten. Ja
noch heute dauert diese verderbliche Einwirkung teilweise fort,
wenn auch die Entwicklung der vergleichenden historischen und
soziologischen Wissenschaften allmählich zu einer Betrachtung zu
zwingen weiß, in der an Stelle äußerlicher Auffassung der
Staatsformen eine tiefere Untersuchung des Wesens und der
Wesensunterschiede der Staatsorganisationen dringlich wird.
Wie stark aber noch in den vierziger und selbst fünfziger
Jahren der Einfluß der zivilistischen Methode auf das öffentliche
Recht und die Versuche sogar einer mehr organischen Betrachtung
des Staatslebens war, zeigt vielleicht nichts besser als der Um—
stand, daß in der deutschen Nationalökonomie bis in diese Zeiten
hinein das Evangelium Adam Smiths gegolten hat: eines
ökonomischen Liberalismus, der sehr wohl uls eine abgezweigte
Blüteerscheinung der Naturrechtstheorie gefaßt werden kann und
erst von den sechziger Jahren ab den ganz anders gearteten
Anschauungen der historischen deutschen Schule eines Roscher,
Knies, Schmoller gewichen ist.
Es sind Zusammenhänge, deren Wirkung auf die Ent⸗
wicklung der inneren Politik man nicht gering anschlagen darf:
wie die Theorien jeder in sich abgeschlossenen Wissenschaft haben
sie das Leben stark beeinflußt und müssen für den traurigen
Ausgang der achtundvierziger Einheitsbewegung ebenso mit—⸗
verantwortlich gemacht werden wie für den überalen Formalis⸗
mus der neuen Verfassungen, insbesondere für die mit Rück—
        <pb n="182" />
        Voller Realismus.

178

sicht auf die allgemeinen subjektivistischen Tendenzen ungenügende
Lösung der Frage der Volksvertretung.
Wie aber die dogmatische Jurisprudenz auf diesem Ge—
hiete des öffentlichen Lebens schadete, so hatte auf einem
anderen, kaum minder wichtigen, ja noch von den Generationen
der Jahre 1800 und 1820 als weit wichtiger angesehenen Ge—
biete inzwischen eine die wissenschaftliche Entwicklung schädigende
Dogmatisierung stattgefunden.
Wir erinnern uns der außerordentlichen Bedeutung, die
der emporkommende wie der blühende Subjektivismus der ersten
Periode der Erziehung zuschrieb. Dabei hatte sich denn, während
die Erziehungsfrage für die Elementarschulen durch Pestalozzi
und seine Schüler in zeitgemäßer und rein nationaler Weise
gelöst wurde, für die Mittelschulen eine Kombination nationaler
und klassizistischer Forderungen ergeben, aus der das Gymnasium
des 19. Jahrhunderts als die eigentliche Schule der führenden
Volksschichten hervorgegangen war.
Es war von vornherein eine bedenkliche Lösung. Denn
nicht nur, daß kirchliche und klassizistische Tendenzen in ihrer
— D
scheinen lassen mußten und zu den wunderlichsten Versöhnungs⸗
versuchen zwischen Plato und Jesus, zwischen Heidentum und
Christentum führten: schlimmer war vielleicht, daß die Not—
wendigkeit des Erwerbs eingehender Kenntnisse einer fremden
Kultur von vornherein den unterrichtlichen Charakter der Mittel⸗
schule gegenüber dem erziehlichen zu stark hervorhob.
Indes wie dem sei: anerkannt muß werden, daß die neue
Mittelschule mit allem pädagogischen Enthusiasmus auch noch
der zwanziger bis vierziger Jahre durchgebildet wurde und eben
in dieser Entstehungsweise das Kleinod hoher idealer Gesinnung
der Lehrenden und demzufolge auch der Lernenden barg.
Am vollendetsten und jedenfalls am energischsten wurde das
neue System wohl in Preußen durchgeführt. Hier war, wie
wir schon wissen!, bereits seit den letzten Jahrzehnten des

1 S. Bd. VIII S. 300.
        <pb n="183" />
        174 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

18. Jahrhunderts mit der Begründung des Oberschulkollegiums
und der Einführung des Abiturientenexamens, dann mit der
weiteren Durchbildung vornehmlich der Zentral- und Aufsichts⸗
behörden des Staates in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr⸗
hunderts am frühesten der Grundstein zur Organisation eines
besseren Mittelschulwesens gelegt worden. Und durchgreifend
wurde das neue System dadurch gestaltet, daß gleichzeitig viele
alte bürgerliche Lateinschulen aufgehoben wurden — es waren
um die Mitte des 18. Jahrhunderts noch etwa vierhundert vor⸗
handen gewesen —: ein Vorgang, der zugleich eine Verengerung
der höchsten nationalen Bildungskreise, und zwar vornehmlich
auf das Bürgertum der größeren Städte zur Folge hatte. Die
innere Organisation des neuen Gymnasiums aber war doch
vornehmlich erst der Zeit nach 1806 und nach 1815 vorbehalten
geblieben. Denn erst jetzt ergingen umfassende Verordnungen über
die Lehrerprüfungen und wurde der Lehrplan von 1816 aus—
gearbeitet, worauf Johannes Schulze (1786 — 1869), seit 1818
Rat im Ministerium Altenstein, die neue Ordnung eingehend be—
festigte: und erst mit dem Rundschreiben vom 24. Oktober 1837
konnte das System als im ganzen abgeschlossen gelten.
Es war zu einer Zeit, da auch andere Staaten längst in
die gleiche Bewegung eingetreten waren, da diese überhaupt
als ganz selbstverständlich und notwendig begriffen zu werden
begann; selbst die radikalsten Lehrerversammlungen der vierziger
Jahre haben nichts mehr als die Vollendung des Gymnasial⸗
systemes gefordert. Für die mittel- und süddeutschen Länder
wurde dabei Sachsen, das klassische Land der reformatorischen
Schulentwicklung, noch einmal vorbildlich; vornehmlich von
den alten Fürstenschulen, darunter auch dem inzwischen preußisch
gewordenen Schulpforta, ging hier eine Bewegung aus, die in
gesunder Reaktion gegen die intellektualistischen Gefahren des
Klassizismus nicht so sehr zum Wissen wie wenigstens zum
Können zu erziehen und auf diesem Wege auch charakterbildend
zu wirken suchte; gestützt wurde sie durch den großen Einfluß
Gottfried Hermanns, der an der Universilät Leipzig als Philo—
loge pädagogisch etwa noch in dem alten Sinne der Gezner
        <pb n="184" />
        Voller Realismus. 175

und Heyne wirkte. Von Hermann ist dann Friedrich Thiersch
ausgegangen, seit dem Ende der zwanziger Jahre der Reformator
des bayerischen Schulwesens. Ungefähr gleichzeitig aber voll—
zog sich unter Kohlrausch, einem preußischen Schulmann, eine
verwandte Entwicklung in Hannover, während Württemberg, wo
das Schulwesen eigenartiger geordnet ist, und Baden erst im
Verlaufe der dreißiger Jahre folgten. Am spätesten endlich
drang, eines der vielen Zeichen absterbenden deutschen Interesses
und Berufes, die Bewegung nach Österreich. Erst im März
1848 wurde hier, unter der Einwirkung der Revolution, ein
Unterrichtsministerium gegründet; dann verfaßten Exner und
der von Preußen her berufene Hermann Bonitz einen Entwurf
für die Organisation der Gymnasien und Realschulen, der, 1849
veröffentlicht, im wesentlichen die klassizistischen Anforderungen
Preußens einführte, daneben aber auch dem Unterrichte in den
Naturwissenschaften einigen Raum ließ.
Mit den fünfziger Jahren, darf man sagen, stieg so Ent—⸗
wicklung und Einfluß des Gymnasiums in deutschen Landen
allenthalben auf eine höchste Höhe; und noch trat die Real—
schule mit ihm nur wenig in Wettbewerb. Was später er⸗
folgte: mindestens fur das Deutsche Reich gemeinsame Fest⸗
legung des Ziels und der Ausdehnung der Kurse aller höheren
Lehranstalten und Ausbildung eines an den Mittelschul—
unterricht anknüpfenden überaus verwickelten Berechtigungs—
wesens, zumal für den Einjährigendienst im Heere: das kann
historisch nur als eine bedenkliche Fortentwicklung unter gut
bekannten und tausendmal wiederkehrenden, typischen Zeichen
zeschichtlichen Verfalles verstanden werden.
Indes noch bevor dieser Verfall eintrat, hatte die Ent—
wicklung des Gymnasialwesens schon eine lähmende Wirkung
auf die Fortbildung der philologischen Wissenschaften ausgeübt.
Gewiß wurde davon an erster Stelle nur die klassische Philo—
logie betroffen: allein da die zeitlich nach ihr entwickelten Zweige
der deutschen, romanischen, indischen und anderer Philologien,
ja bis zu einem gewissen Grade sogar die neuen Disziplinen
der Linguistik zunächst noch unter ihrem Einflusse verharrten, so
        <pb n="185" />
        176 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

traf das Mißgeschick auch diese Wissenschaften wenigstens teil⸗
weise mit. Dabei handelte es sich um einen nur schwer zu
beseitigenden und tatsächlich auch erst im jüngsten Verlaufe der
zweiten Periode des Subjektivismus gelösten Zusammenhang.
Das junge Emporblühen der klassischen Philologie hatle
darin seinen entscheidenden Ausdruck gefunden, daß diese
Philologie zur Altertumswissenschaft, zur umfassenden Geschichte
der antiken Völker erweitert worden war: es war, wenn auch
in verschiedener Fassung, das gemeinsame Programm der
Friedrich August Wolf, Welcker, Ottfried Müller gewesen. Ließ
sich nun aber ein energisches Fortschreiten auf dieser Bahn
mit der Stellung vereinigen, die dem klassischen Altertum im
Gymnasium angewiesen wurde? Jeder Schulstoff empfängt
innerhalb eines wesentlich intellektualistisch aufgebauten Unter—
richtswesens an sich allmählich und unweigerlich eine dogmatische
Prägung: denn er muß unbedingt angeeignet werden und er—
fordert darum autoritäre Geltung. Diese Stellung aber fiel
dem klassischen Altertum in dem Gymnasium der dreißiger bis
fünfziger und sechziger Jahre um so eher zu, als dieses eine
mit den Lehren, insbesondere auch den Offenbarungslehren —
also geschichtlichen Stoffen — des Christentums parallele Stellung
erhielt: ganz unvermeidbar erschien also seine Dogmatisierung.
Dogmatifierung eines historischen Stoffes? ... wird man
in diesem Augenblicke fragen. Es ist klar, wie damit, daß sie
eintrat, der wissenschaftlich- historische Charakter der klassischen
Altertumswissenschaft mindestens im Lehrbetrieb der Gymnafien
unheilbar geschädigt wurde; und bald haben sich die Folgen
davon denn auch im inneren Verfalle der Gymnasien geäußert.
Allein die Konsequenzen griffen weiter. Da der Betrieb der
ohilologischen Wissenschaft an den Universitäten unter der Ent—
wicklung des Gymnasiums zur einzigen oder wenigstens zur
vornehmlich privilegierten Mittelschule den Charakter eines an—
gewandten Wissenschaftsbetriebes, also ein polytechnisches Wesen
anzunehmen drohte, so färbte selbstverstäudlich die gymnasiale
Auffassung auf die universitäre ab: und der historische Charakter
der Altertumswissenschaft erschien durch auffsteigende dogmatische
        <pb n="186" />
        Voller Realismus.

177

Gelüste je länger je stärker beeinträchtigt. Dies um so mehr,
als das Vorurteil von der ganz ausnahmsweisen Stellung der
alten, insbesondere der griechischen Geschichte im Verlaufe der
Entwicklung der Menschheit auch in der Geschichtsphilosophie
noch keineswegs ausgestorben war.
Es ist der Verlauf, innerhalb dessen der klassischen Philo—
logie die Führung der Geisteswissenschaften zum guten Teile
verloren gegangen ist, so sehr sie sich auch wenigstens das
strengere Wesen ihrer Methode im einzelnen zu bewahren suchte
und vielfach auch bewahrt hat.
Die Hegemonie in den Geisteswissenschaften aber ging
unter den geschilderten Umständen, freilich zugleich innersten
Tendenzen des subjektivistischen Zeitalters überhaupt folgend,
an die Geschichtswissenschaft im Sinne einer allgemeinsten
Disziplin über.
Hier hatte nun die verklingende Romantik und der be—
ginnende Realismus die hohe Erscheinung Rankes in seinen
besten Jahren gesehen!. Worauf beruhte sie im Grunde?
Man kann, nach gewissen Phasen der aufsteigenden Jahr—⸗
zehnte der ersten subjektivistischen Periode, zwei Stufen in der
Entwicklung der Geschichtswissenschaft der neueren Zeiten unter—
scheiden: in Sturm und Drang und reinem Klassizismus
wurden Herder und Niebuhr schöpferisch; der rationalisierende
Klassizismus und die Romantik brachten die geschichtlichen An—
schauungen Kants und die nicht zum geringsten Teile historische
Ideenlehre der Identitätsphilosophie. Herder erfaßte all die
unbewußten Vorgänge des seelischen Lebens, wie sie der einzelne
kennt, und wie sie die Tiefen der menschheitlichen Entwicklung
ausmachen, unter dem Gedanken des Volksgeistes: es war die
erste, radikalste, grundlegendste historische Anschauung des neuen
Zeitalters, wenn sie auch zunächst nur ahnungsreich und darum
unklar und stückweise, zerrissen und nebelhaft ergriffen wurde.
Weit sicherer, aber auf viel begrenzterem Boden stellte sich
Niebuhr auf dieselbe Grundlage. Er hat seine geschichtliche

1S. dazu Bd. X S. 320 f.
Lamprecht, Deutjsche Geschichte. XI, 1.
        <pb n="187" />
        178 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Stellung selbst mit den Worten charakterisiert!: „Seitdem die
kritische Behandlung der Historie und des Altertums erwacht
ist, wird es immer mehr erkannt, daß auch das fleißigste
Studium der Quellen kein Licht und keine Wahrheit gewähren
kann, wenn der Leser nicht den Standpunkt faßt, von wo, und
die Media kennt, wodurch der Schriftsteller sah, dessen Berichte
ex vernimmt.“ Es war, wie bei Herder für das Ganze der
geschichtlichen Anschauung, so bei Niebuhr für die Quellenkunde
und die Ausbeutung der Quellen die Anerkennung des sozial—
psychologischen, kulturgeschichtlichen Standpunkts: nur durch
—
Und wiederum einmal zeigte sich, daß eine neue Geschichts—
auffassung sich immer nur auf einer neuen und tieferen Er—
gründung und Interpretation der Quellen aufbauen kann und
auferbaut. Während Herders Anregungen als Ganzes mehr
verflossen, als daß sie, wenigstens alsbald und in den Gene—
rationen unmittelbar nach ihrer Verlautbarung, die Geschichts—
wissenschaft sichtlich und entscheidend beeinflußt hätten, brachte
es die neue Betrachtungsweise der Quellen durch Niebuhr, wenn
auch langsam, so doch schließlich unbedingt zu durchgreifender
Herrschaft. Und mochte und mag dabei für so manchen Forscher
das Wort Goethes gelten: „Der gemeine Wissenschaftler hält
alles für überlieferbar und fühlt nicht, daß die Niedrigkeit seiner
Ansichten ihn sogar das eigentlich Überlieferbare nicht fassen
läßt“: für Ranke war es das erste große Ereignis seiner wissen—
schaftlichen Entwicklung, daß er sich durchaus der Niebuhrschen
Methode und im allgemeinen doch auch der Anschauungsweise
Herders bemächtigte.
Inzwischen waren aber auch die Einflüsse Kants und der
Identitätsphilosophie ins Leben getreten. Kant hatte, von
Problemen der praktischen Philosophie her, vor allem aus
der Ethik und der Politik, den Staat ganz in den Vorder—⸗
grund des historischen Interesses geschoben, so sehr er dessen
Notwendigkeit für den einstigen Abschluß der Zeiten ver—

Aleine Schriften J S. 132.
        <pb n="188" />
        Holler Realismus.

179

neinte; Schelling und andere hatten die Ideenlehre entwickelt
als eine Theorie des unmittelbaren Einflusses Gottes, des
Absoluten, auf die großen und größten Zusammenhänge der
Geschichte.
Ranke hat auch unter dem Einfluß dieser Anschauungen,
sei es direkt, sei es indirekt gestanden: sie waren ihm, wie sie
getreuer Ausdruck der sozialen Psyche seiner Entwicklungsjahre
waren, so Lebensluft seiner ganzen Persönlichkeit hinein bis in
sein höchstes Alter.
Waren sie nun aber eigentlich wissenschaftlicher und das
heißt intellektueller Natur? Man wird es schwerlich behaupten.
Aber eines steht fest: sie gaben dem historischen Denken in der
Betrachtung des Staates einen festen Kern und in der Ideen—
lehre die Möglichkeit weitester phantasievoller Entfaltung. Welche
unvergleichliche Kombination für einen Historiker, der zudem
durch Niebuhrs Methode sicher der Perzeption und „Penetration“
der Einzelheiten der Überlieferung zugeführt und für deren
subjektivistisches Verständnis gestählt wurde! Man behauptet
wohl immer wieder, die Historie sei keine Wissenschaft. Und
man tut recht daran. Sie ist weit mehr. Jede bloße Begriffs⸗
bildung zerreißt das Leben der Dinge und vergröbert die Wirk—
lichkeit: sie ist ein brutaler Vorgang intellektueller Eroberung
der Welt: und so sind alle Wissenschaften, die sich nur der
Begriffsbildung bedienen, im Grunde eben deshalb Phantasie⸗
bildungen, ausgeweidete, ihres eigentlichen Daseins beraubte
Wirklichkeit. Die Geschichte gehört nicht zu diesen Wissen⸗
schaften. Auch sie kennt eine Begriffsbildung zur Beherrschung
hrer ungeheuren Stoffe. Aber nicht eigentlich dem bloß
Praktischen zugewandt, benutzt sie das Netz dieser Begriffe nur
zum Einfangen der gröbsten, aber freilich auch wichtigsten Er—
eignisse und Zusammenhänge, um sich im einzelnen nachschaffend
einer Tätigkeit hinzugeben, die der intuitiven Schöpfung des
Poeten verwandt ist und eine unmittelbare, wahrste Wieder—
gabe der Tatsachen beabsichtigt: eine wahrere, mehr unmittel—⸗
bare, als sie dem rein wissenschaftlich-begrifflichen Denken jemals
erreichbar ist. Ist nun dies die besondere, im höchsten be—
12*
        <pb n="189" />
        180 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gnadete Stellung vor allem der Geschichtschreibung, so begreift
man, was es für einen wahren Geschichtschreiber von der
Phantasiestärke Rankes bedeuten mußte, wenn ihm in Staat
und Idee zugleich sichere und weite Anhaltspunkte einer begriff⸗
lichen historischen Auffassung zur Verfügung gestellt wurden. Er
sah seine Einbildungskraft im Nahen wie im Fernen dressiert;
er fühlte sich wohl in selbsterrichteter Schranke; und er schuf
in diesem Bereiche durch die Tage eines langen Lebens hin
Unsterbliches.
Aber konnte diese Gunst der Umstände fortwähren, als-die
Entwicklung der Wissenschaften in die Periode des Realismus
rintrat?
Wir sehen, wie sich die Linien der bisher festen theoretisch—
methodischen Gängelbänder wie die weiten Flächen der Grund—
inschauungen alsbald verkürzen. Was wollten Freytag und
Riehl neben Herder besagen? Beide betrieben Kulturgeschichte
im Grunde antiquarisch; das einzelne gewann bei ihnen an
Leben bis zu dem Gedanken Freytags, in seinen Bildern aus
der deutschen Vergangenheit vor allem doch die Quellen selbst
reden zu lassen: die großen Perspektiven verschwanden. Für
Riehl gar ist es charakteristisch, daß er es als Dichter nie zu
einem größeren Romane, also dem Versuche der gesamtpsychischen
Schilderung einer Zeit, sondern nur zu Novellen, an sich gewiß
sehr artigen Kabinettsbildern, gebracht hat. Und so verkriecht
sich die kulturgeschichtliche Forschung überhaupt unter dem Vor—
geben der Exaktheit ins Kleine, in Folklore und Quellenedition,
ohne zu sehen, daß sie dadurch gedankenlos und antiquarisch
wird; bedenklich nahen sich die Beziehungen zum Kunstgewerbe
und zum Bric-à-brac-Handel, und eine Schilderung in Fresko
heginnt als unmoralisch zu gelten. Aber selbst die scharfen und
zinfachen Errungenschaften der Quellenmethode Niebuhrs werden
aicht festgehalten. Die „Historische Zeitschrift“ das Hauptorgan
der neuen realistischen Geschichtswissenschaft, kann einem langen
Streite zwischen Zeller und Ritschl, einem in Gegensatz zur
Tübinger Schule geratenden Jünger Baurs, über das Wunder
in der Geschichte, insbesondere in der christlichen Offenbarungs⸗
        <pb n="190" />
        Ooller Realismus.

181

geschichte, Raum geben; und Ritschl trägt zur Rettung des
Wunders allerlei Sophistikationen eines wunderlichen In—
tellektes vor.
Ließ sich da denken, daß die Ideenlehre in ihrer alten
Wucht und Erhabenheit erhalten blieb? Stark betonte man
jetzt das Einseitige, Supranaturalistische, wohl gar auch von
Schelling oder Hegel Abhängige ihres Charakters, ohne ihre
die Intuition stark anregenden Eigenschaften, ja auch nur die
streng methodologische Seite ihres Wesens, die höhere Zu—
sammenfassung einer niedrigeren Begriffswelt, genügend zu
würdigen. Und so geriet die Ideenlehre allmählich ins Hinter—
treffen. Zunächst ging dabei natürlich ihr transzendenter
Charakter verloren. Man konnte darin noch einen historischen
Gewinn sehen. Denn transzendent gedacht bewegten sich die
Ideen nur zu leicht ganz über dem Kreise des rein Mensch—
lichen, ohne mit ihm in ständige Verbindung zu geraten: und
erschien mithin menschliches Tun nur zu oft als schemenhaft
und seiner eigentlichen, ihm innewohnenden Bedeutung ent—
fleidet. Indem man also statt dessen die Immanenz erklärte,
nicht aber zugleich einer monistischen Weltanschauung zustrebte
oder anhing, lag es nahe, daß der Gebrauch der Idee ins
Spielerische entartete.
So hat Giesebrecht wohl von dem „Leben großer Nationen“
gesprochen, „in denen die Gedanken Gottes sich gleichsam
verkörpern“. Es ist klar, daß mit Analogievorstellungen dieser
Art wissenschaftlicher Ernst nicht verträglich ist. Ging man
nun aber zur vollen Immanenz der Idee über, so geriet man
fast unbedingt so sehr unter die Wucht einer einzigen leitenden
Tendenz, da nunmehr die heitere Freiheit transzendenter An⸗
nahmen abgestreift war, daß sich das historische Verständnis
im höchsten Grade verengte und einseitiger Rigorismus Platz
griff. Es ist der Fehler, den die meisten Geschichtswerke des
Realismus, die sich der Ideenlehre bedienen, aufweisen: und
zwar nicht bloß in der Blütezeit des Realismus, in den fünf—

Historische Zeitschrift J, 8.
        <pb n="191" />
        182 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

ziger und sechziger Jahren, sondern erst recht in den Jahrzehnten
seines Verfalles bis hin zur Gegenwart.
Doch ist nicht zu verkennen, daß die zunehmende Vor—
stellung von der Immanenz der Ideen da, wo die Konsequenzen
nicht bis zu Ende gedacht oder gefühlt wurden, auch glückliche
Folgen hatte. Es war eine vielfach anmutige Vermenschlichung
der Ideenwelt, trat man den Einzelheiten nahe und näher und
mit ihnen vor allem dem Einzelmenschen; ein schöner Helden⸗
kultus blühte empor, um später aus Quellen des Seelenlebens der
zweiten subjektivistischen Periode noch satter gespeist zu werden;
und die Geschichte erschien wiederum, nach altem pragmatischem
Rezept, fast als eine Schöpfung nicht so sehr Gottes wie mensch—
licher Halbgötter.
War es da weiter verwunderlich, wenn nun auch der Kult
des Willens begann, und wenn man in der Geschichte vor
allem nur die besonders aufdringlichen Willensäußerungen in
Krieg und Frieden, in Staatislenkung und in Führung aus—
wärtiger Angelegenheiten, nicht dagegen die stillere Tätigkeit
des Denkers und Künstlers sah? Eine neue Periode halb
rationalistischer politischer Geschichte stand, rein aus den nächsten
Voraussetzungen der Wissenschaftsgeschichte selbst heraus, in
Aussicht.
Wie aber mußte diese Entwicklungstendenz gleichzeitig durch
die Vorgänge im heimatlichen Staatsleben gefördert werden!
Es ist die Zeit, da der Ruf nach Einheit und Freiheit immer
lauter erklang, da man in den Taten der Väter suchte — und
fand, was die Zukunft den Enkeln bescheren sollte. So war
es nicht Staatengeschichte schlechtweg, sondern nationale Staaten⸗
geschichte, was gefördert wurde; und eine Periode begann, in
welcher Geschichtschreibung und Politik, Tagesinteressen und Ver—
senkung in die Vergangenheit ein engstes, für die rein historischen
Interessen freilich verhängnisvolles Bündnis schlossen.
Dabei glaubte man allerdings, wenigstens anfangs, Natio—
nales und Universales verschmelzen zu können, indem man an⸗
nahm, daß eben aus der Versenkung in das Nationale erst die
tiefere Erfassung des Universalen hervorgehen werde. Von
        <pb n="192" />
        Voller Realismus.

183

diesem Gesichtspunkte aus war im Grunde selbst Niebuhrs
Römische Geschichte (1811) schon geschrieben worden; er hatte
den Männern nicht ferngestanden, die in den zwanziger Jahren
für die Ausgabe der deutschen Geschichtsquellen in den Monu-—
menta Germaniae das Geleitswort Sanctus amor patriae
dat animum gefunden hatten. Und ward nicht auch dies Wort
im Grunde einer Anschauung der zugleich patriotischen und
—
die universalen Gesichtspunkte so gut wie völlig hinwegfielen.
Man erlebte so Unerhörtes und Unglaubliches im Zusammen—
sturze alter vergessener und abgelebter Ordnungen, daß schon der
Vergleich mit einer gänzlich anders gearteten, bloß nationalen
Vergangenheit genug der Schulung historischen Sinnes zu ergeben
schien; im Grunde war man von dem Gefühle drohender Gefahren
und Glückszufälle einer hehren Zukunft beherrscht und modelte
unwillkürlich immer mehr nach ihm auch die Betrachtung des
Vergangenen. Dadurch gewann denn allerdings die Darstellung
der deutschen Geschichte viel an Glanz und innerem, wenn auch
teilweise erborgtem Leben. Und schon in den dreißiger Jahren
wandte sich ihr vor allem und ihr leidenschaftlich das Interesse
der Nation zu; die Historiker an den Universitäten wurden
rückwärts gewandte Propheten und vorwärts schauende Politiker;
ihren Vorlesungen strömte zu, was vaterländisch fühlte, und
ihre Werke fanden weiteste Verbreitung. Das galt schon von
den Angehörigen einer früheren Generation, soweit sie noch
schufen. „Wenige Lehrer der Geschichte haben einen dankbareren
Zuhörerkreis gehabt als Luden in Jena, und selten ist ein Buch
mit größerer Sehnsucht erwartet worden als seine Geschichte
des deutschen Volkes!.“ Wie sehr aber jubelte man gar den
eigentlichen Vertretern des Neuen zu! Da fand man jene
ittliche Wärme, die Staatsmänner und Diplomaten vermissen
ließen; da zerstreute die Wiedererweckung der glänzenden Ge⸗
stalten der hohen deutschen Kaiserzeit das Mißtrauen in die
eigene Kraft; da sah man nun endlich die realen Kräfte wirken,

Zwölf Bände, bis 1237; erschienen 1825— 1837.
        <pb n="193" />
        184 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

nachdem man kühn das Reich der Ideen zu verlassen gewagt hatte;
und da vermochte man sich, wenn auch zunächst nur in Gedanken,
nun tatsächlich dazu vorzubereiten, einer großen Geschichte eine
nicht minder gewaltige Fortsetzung folgen zu lassen.
Mit diesem Verlaufe von Strebungen und Ideen hing es
zusammen, daß die Geschichtschreibung des Realismus, die
sich nun voll entfaltete, wesentlich den Kreisen angehörte, die
Einheit und Freiheit erstrebten. Gewiß hat es auch in dieser
Zeit eine Historie des Partikularismus und eines anderen als
vaterländischen Zielen zugewendeten Konservatismus und Kleri—
kalismus gegeben. Im ganzen aber überwog durchaus das
nationale und liberale Interesse.
Als frühester Führer zu dieser neuen Konzeption der Ge—
schichte kann Dahlmann (1785—1860) bezeichnet werden. Gewiß
war er noch stark von Friedrich August Wolf bestimmt, und
seine Geschichte Dänemarks wie seine kleinen weitverbreiteten
Bücher über die englische und die französische Revolution ge—
hörten nicht eigentlich der vaterländischen Geschichte an. Allein
der Titel hatte hier weniger zu besagen als der Inhalt und
vor allem der Gehalt an Gedanken: wirksam haben alle diese
Bände Liberalismus und Einheitsgedanken verbreitet. Aber
erst die Tatsache, daß Dahlmann zugleich ein System der
Politik geschrieben hat, vervollständigt ganz das Bild des
Mannes als geschichtlichen Autors: denn schwer ist es zu sagen,
ob nicht in seinen historischen Werken schon das eigentlich
politische Interesse völlig überwog. Neben Dahlmann waren
Häusser und Droysen frühe Vertreter der neuen Richtung;
Häusser von Schlosser und dessen ethischem Rigorismus aus—
gehend und darum bald ins Politische gewendet, der Verfasser
einer noch heute ergreifenden Geschichte vor allem der Freiheitskriege;
 Droysen zunächst Philologe und auf dem Gebiete des
klassischen Altertums tätig, daneben stark von Hegel angeregt,
dann aber, seit 1848, im hohen Grade Politiker und als solcher
der Verfasser einer kleindeutschen Geschichte der preußischen
Politik. Die Höhe der Entwicklung aber bezeichnet Heinrich
von Sybel. Stets von allgemeineren Interessen getragen und
        <pb n="194" />
        Voller Realismus.

185

eng nur im Vergleiche zu dem weiten Ideenkreise seines Lehrers
Ranke hat er die deutsche Urzeit mit dem Buche über die Ent—
stehung des deutschen Königtums (1844) in der ihm genehmen
Richtung des Betrachtens durchstreift, in diesen Anfängen
äußerlich in Wettbewerb mit Georg Waitz, dem antiquarischen
Verfassungshistoriker der Schule; ist darauf mit der Geschichte
des ersten Kreuzzuges dem Mittelalter in einem seiner glühendsten
und charakteristischsten Ausbrüche nahegetreten: und hat sich
schließlich über die Geschichte des französischen Revolutions—
zeitalters (1833 ff.) der Gegenwart der deutschen Entwicklung
zugewendet, um ihr als Historiker und Politiker zugleich zu
dienen. Ursprünglich wenig erfreulich in der Form und in
ihr selbst Giesebrecht, dem Geschichtschreiber der deutschen
— DDDD0—
Drange nach stilistischer Vervollkommnung zu einem der an—
mutigsten Erzähler des 19. Jahrhunderts entwickelt; und vor
allem das Werk seines Alters, die Geschichte der Gründung des
neuen Deutschen Reiches, wird als ein hervorragendes Denk—
mal dieser in hochentwickelten Kulturen immer seltener werdenden
Kunst noch auf lange fortleben. Der Benjamin der Schule
aber war Heinrich von Treitschke. In seinen Werken, vor allem
in seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert (1870 ff.)
ist noch einmal, freilich im Extrem, zusammengefaßt, was
an ihr groß war und liebenswert: die scharfe Betonung des
staatlichen Momentes, wenn auch nun schon gegengewogen
durch unvermittelt eingeschobene kulturgeschichtliche Partien, die
leidenschaftliche Begeisterung des Patrioten der liberalen und
preußischen Einheitsbewegung, und die Heroldssprache eines
Mannes aus den sächsisch-thüringischen Gegenden, aus der
slawisch-deutschen Agitationsstätte Luthers.
Mit dem Eintritte der zweiten Periode des Subjektivismus
und mit der Erfüllung der Einheitsidee der Nation, insoweit
sie die Grundung des Deutschen Reiches mit sich brachte, ist
der Glanz der Historisch-politischen Schule verblaßt. „Fragt
man,“ so hat von Sybel einmal geschrieben, „was die er—
freulichen Erscheinungen der deutschen Geschichtschreibung seit
        <pb n="195" />
        —186 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

1848 von ihren Vorgängern unterscheidet, so wird man bald
inne, daß die charakteristischen Merkmale nicht in dem Kreise
des wissenschaftlichen und gelehrten Apparates liegen. Die
kritische Methode ist noch dieselbe, wie sie von Niebuhr und
Ranke gelehrt worden; die Grundbegriffe der Kulturgeschichte
werden noch in gleichem Sinne gehandhabt, wie sie Eichhorn
und Savigny vor vierzig Jahren feststellten. Das Neue liegt
durchaus in der veränderten Stellung des Autors zum Staate.“
Eine im Bereiche der Punkte, die zur Sprache gebracht werden,
richtige Charakteristik: enthält sie doch in der Kennzeichnung
der romantischen Kulturgeschichtschreibung nur durch zwei Rechts⸗
und Verfassungshistoriker selbst die vollste, weil unbewußte Be—
wegung allein auf den Staat hin; und hat doch ein so wohl⸗
wollender und feiner Beobachter wie Herman Grimm später
finden können, daß die Rhetorik der Schriften von Treitschkes
nicht so sehr an Kathederdeutsch wie an Tribünendeutsch -er⸗
innere.

Sehr natürlich aber trat eine Richtung von der Einseitigkeit,
wie sie soeben festgestellt worden ist, auch bald unter die
Verfallszeichen dieser Einseitigkeit. Selbst in der pragmatischen
Zeit der Geschichtschreibung hatte ein großer Gelehrter wie
Mascov äußern können: „dignum est candore historiae et
libertate saeculi nossstri, seriem rerum gestarum sine
odio, sine amore eéeruere“s!, Im Jahre 1866 aber wurde in
der „Historischen Zeitschrift“ bekannt?: „Wir verstehen kaum
mehr, was unsere Vorfahren die Geschichtschreibung sine ira
et studio nannten; wir kennen ihn kaum mehr, den stillen,
ganz auf sein Studierzimmer beschränkten Gelehrten ... Ja,
wir vermissen wohl die Seele der Geschichtschreibung, wo
nichts vom Hauche der Gegenwart, nichts vom vaterländischen
Gefühle uns anweht.“ Man wird auch heute die politische
Bedeutung der diesen Worten zugrunde liegenden Konstellation
nicht verkennen; und in der Geschichte der Einheitsbewegung

Comment. sub Heéinr. IV eét V, Praefatio (1748).
2 15, 351.
        <pb n="196" />
        Voller Realismus.

187

der Nation wird die Politisch-historische Schule stets mit Ehren
zenannt werden. Allein zwanzig Jahre darauf, 1886, konnte
Lorenz doch eins der mit ihrem Emporkommen für die wissen⸗
schaftliche Entwicklung verbundenen und selbst bei streng un—
parteiischem Betriebe einer reinen Staatengeschichte unvermeid⸗
lichen Verfallszeichen schon deutlich angeben: „Die Gefahr,
welche in der strengen Festhaltung des staatsgeschichtlichen
Standpunktes für den Geschichtsforscher immer lag und liegen
wird, ist ohne Zweifel darin zu suchen, daß er leicht in ein
allzu äußerliches Wesen gerät und die Erscheinungen, welche
in der Form der Staatsaktion vor sich gehen, allzuwenig tief
und ohne jede Ahnung innerer Notwendigkeit erfaßt.“ Und
andere sahen um dieselbe Zeit bereits von der politisch-historischen
Schule weder historische Gattungsbegriffe noch wissenschaftliche
Hypothesen von zwingender Neuheit gefunden: wie denn die Aus—
einandersetzungen über das Verhältnis von Geschichte und Politik
von Ranke über Maurenbrecher und über diesen hinaus bis
Treitschke in der Tat wesentlich Neues nicht gebracht haben.
Mit diesen Bemerkungen aber wird weiter schon an eine
Wesensseite der Politisch-historischen Schule gestreift, die sie,
im Verhältnis zu den Zeiten des Frühsubjektivismus und der
Romantik, überhaupt zu früher Unfruchtbarkeit verdammt hat.
Schon 1858 wird für sie die zunächst äußerliche Beobachtung
gemacht, „die wissenschaftliche Bewegung setze sich vornehmlich
durch monographische Bearbeitungen“ fort?; und in der Tat
hat sich die Produktion der Schule schon früh wesentlich in
Monographien und Biographien verloren. Dadurch wurde aber
die historische Betrachtung an sich langsam kurzatmiger, sie ver—
lor die großen Werte und weiten Begriffe aus den Augen; und
sie entbehrte schließlich jeder weiteren Perspektive bis zu dem
Grade, daß sie selbst ihre eigensten Tendenzen schädigte. „Ich
hin der Ansicht, daß die vorwiegend staatsrechtliche und ab⸗—
strakte Behandlung der Geschichte neben der ausschließlichen

Geschichtswissensch. 1, 40.
Hist. Zeitschr. 1, 16.
        <pb n="197" />
        188 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Richtung auf die literarisch-kritischen Handgriffe den gesunden
historischen Sinn in der deutschen Nation tötet. Die doktri—
nären Parteien unseres heutigen Parlamentarismus sind die
Produkte dieser mangelhaften historischen Heranbildung“: — so
hat 1886 Lorenz getadelt?. Darüber hinaus aber darf man
heute sagen, daß die immer stärkere Verkürzung des wissen—
schaftlichen Horizontes eine Weiterentwicklung der geschichtlichen
Studien allmählich überhaupt auszuschließen drohte: denn da
die Geschichtswissenschaft die spezifische Wissenschaft vom Ver—
laufe der Dinge in der Zeit ist, so begreift sich, daß eine
Schule, deren Forschungen sich schließlich in stetig verkürzten
Zeiträumen bewegten, nicht in der Lage war, die größeren
Probleme dieser Wissenschaft auch nur aufzustellen, geschweige
denn zu lösen.
Im allgemeinen aber riß die führende Stellung der poli—
tischen Geschichte in den vierziger bis achtziger Jahren zunächst
auch die anderen Zweige der Geschichtsforschung zum großen
Teile mit sich; und so verflachten auch diese; in den Gebieten
der Geschichte der Phantasietätigkeit zum Beispiel, in der Kunst⸗
zgeschichte und in der Geschichte der Dichtung, ja sogar in der
der Musik zeigte sich eine oberflächlich ästhetisierende Betrachtung
und eine Vorliebe für das Biographische bis hin zu anekdo—
tischen Neigungen. Vor allem aber ging mit der Verkürzung
des weiten Blickes der eigentlich evolutionistische Instinkt, die
große Errungenschaft des Frühsubjektivismus und der Romantik,
verloren. Ähnlich wie auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
wurde er bestenfalls durch eine genetische Betrachtungsweise ersetzt,
die wohl die nächstbenachbarten Geschehnisse noch durch Kausal⸗
oder Motivenreihen zu verknüpfen suchte, sich aber jedes weiteren
Vergleiches und Auffassungsversuches begab. Ja was anfangs
nicht zu vermeidende Verfallserscheinung war, wurde am Ende gar
als Errungenschaft gepriesen: und das Persönlich-Individuelle
erschien als das eigentlich Lebendige der Geschichte. Es war
ein Standpunkt, der natürlich nicht minder, wie die Verkürzung

A. a. O S. V.
        <pb n="198" />
        Voller Realismus.

189

des historischen Horizontes, die Geschichtswissenschaft an sich,
auflöste: denn liegt in dem Persönlich-Individuellen der
Schlüssel zur Gesamtentwicklung, so muß Geschichtswissenschaft
in der unbegrifflichen, absolut vollständigen Repristination des
Geschehenen bestehen: in einem Ding, das selbstverständlich
unmöglich ist. Und so begreift sich wohl, daß in die letzten
Vertreter der Schule doch eine Empfindung dieser Lage leise
einzog und mit ihm Versinken in Pessimismus. „Wir graben
und graben, wie die Lemuren gruben, als sie auf Faustens
Geheiß die Kanäle zogen, um ihm von neuem Land zu ge—
winnen; aber Mephisto war ihr Werkführer, und sie gruben
dem Meister das Grab.“!

Lenz, Deutsche Rundschau 1897 S. 355 ff.
        <pb n="199" />
        II.

Die Entwicklung der Geisteswissenschaften und im Grunde
auch der Naturwissenschaften in den Zeiten des Realismus zeigt
lehrreich, wohin eine wissenschaftliche Bewegung führt, die nur
rational⸗intellektuelle Kräfte heranzieht und es unternimmt, der
Hypothese wie der phantasievollen Intuition engste Grenzen zu
setzen. Das Ergebnis wird immer Materialismus und Pessi—
mismus sein und war es im vorliegenden Falle doppelt, da
sich die intellektualistische Verknöcherung als Rationalisierung
der schöpferischen Eingebungen früherer Phasen der ersten sub—
jektivistischen Periode einstellte.
Da aber eben in solchem Zusammenhange die Wissen—
schaften während dieser Jahrzehnte geistig führten, so versteht
sich, daß ihr Wesen und ihre Haltung auf die anderen Gebiete
seelischen Lebens nicht bloß abfärbte, sondern sogar bis zu einem
gewissen Grade entscheidend einwirkte. Von dieser Einwirkung
aber wurde an erster Stelle und besonders schwer natürlich
dasjenige Gebiet betroffen, das der Intellektualisierung der
Kultur innerlich am wenigsten zuneigt, das Gebiet der Phantasie⸗
tätigkeit. Wie einschneidend gerade hier der Einfluß der wissen⸗
schaftlichen Bewegung war, läßt sich am einfachsten aus der
Tatsache ersehen, daß es nicht bloß gelegentliche, zerstreute und
aus Einzelheiten hervorgehende Wirkungen des Intellektualismus
waren, welche in dieses Gebiet eindrangen, sondern daß ständig
und zentral das Kernhafte des Intellektualismus einwirkte. Dieses
Kernhafte aber war gegeben in jener historischen Anschauung
der Dinge in Natur und Geist, die schon wiederholt als
genetisch bezeichnet worden ist: in einer Anschauung, die nur
die nächsten Zusammenhänge sah, und der daher auf natur⸗
        <pb n="200" />
        Voller Realismus.

191

wissenschaftlichem Gebiete physikalische und chemische Er—
scheinungen als völlig dem Begriffe der Zeit entrückt und also
als ungeschichtlich, und der auf historischem Gebiete nur die
kleinen individuellen Vorgänge als wesentlich und darum als
geschichtlich erschienen. Ausscheidung daher aller wahrhaft
großen Naturvorgänge, in denen sich physikalische und chemische
Verläufe als historisch bedingt erweisen, in den Bereichen der
Phantasie und im Kreise der historischen Ereignisse Ablenkung
dieser selben Phantasie auf das Äußerliche der isolierten
Aktion, auf historisch-antiquarische und schließlich vielfach wohl
gar nur kunstgewerbliche Interessen: das wurde zur Signatur
der Zeit.
Konnten dabei die einzelnen Zweige der Phantasietätigkeit
wahrhaft gedeihen? Die Musik versagte von vornherein; die
großen musikalischen Meister dieser Jahre, vornweg Richard
Wagner, gehören mit ihrem Innersten schon ganz den Ent—
wicklungsanfängen der zweiten subjektivistischen Periode an.
Fast ebenso stark verlor die Dichtung, die schon durch die
Sprache, ein für sie und die Wissenschaft gleichmäßig vor—
handenes Ausdrucksmittel, immer stark an die wissenschaftliche
Bewegung gefesselt erscheint. Am wenigsten wurde noch die
bildende Kunst betroffen. Und doch war, wie wir alsbald
sehen werden, auch auf ihrem Gebiete die Einwirkung schon
stark genug; und wo sie sich nicht in einem Inhalt und Form
fast gleich stark ergreifenden Historismus kundgab, da führte
sie wenigstens zu einer Erschlaffung der nationalen Phantasie—
stärke, die fremden Einflüssen den Eintritt in die deutsche
Kunstübung erleichterte, wenn nicht überhaupt erst eröffnet hat.
1. Gewiß blühte dabei in dem Deutschland der vierziger
und fünfziger Jahre zunächst noch manches von der Kunst der
Romantik und des Klassizismus fort. So selbst in der am
raschesten fortschreitenden, weil führenden Kunst, in der Malerei.
Da ist zum Beispiel ein Teil der Werke Genellis erst in den
sechziger Jahren erschienen: selbst damals also hatte der Klassi⸗
zismus noch seine Verehrer. Diese Jahre brachten aber auch
recht eigentlich erst die volkstümliche Verbreitung der Schöpfungen
        <pb n="201" />
        192 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Romantiker Moritz von Schwind und Ludwig Richter. Und
keineswegs handelte es sich dabei nur um populäre Strömungen;
auch die Ästhetik und die ganz von ihr beeinflußte Kunstgeschichte
hielt noch zumeist am Alten fest.
Da konnte denn wenigstens ein Zweig der Malerei, frei—
lich derjenige, für den die Entwicklung einer realistischen Kunst,
insofern sie auf einseitigen Kolorismus hinauslief, am wenigsten
Fortschritte zu bringen hatte, die Freskomalerei, tatsächlich
noch fast bis über den Abschluß der ersten Periode des Sub—
jektivismus hinaus den Zusammenhang mit dem alten Karton—
stil festhalten. In dieser Verbindung zeigen zum Beispiel noch
die Malereien Geselschaps (1835—98) in der Ruhmeshalle zu
Berlin ganz die alten, bei diesem Meister freilich auch durch
die innere Verwandtschaft mit Cornelius begründeten Zusammen⸗
hänge mit Klassizismus und Romantik; und eine andere Gruppe
zumeist jüngerer Meister, Peter Janssen (182991) etwa mit
seinen Krefelder Rathausmalereien (1873), Arthur Kampf, Fritz
Röber, vor allem Hermann Prell (* 1854) mit den Wand—
malereien im Berliner Architektenhause (1878), im Palazzo
Caffarelli der Deutschen Botschaft zu Rom (1899) und im
Ständehause zu Dresden (1907), ist zwar von dieser Grund⸗
lage zugunsten stärkerer koloristischer Wirkungen abgerückt, hielt
indes in Kompositionsweise und Betonung des gedanklichen
Inhalts für die Konzeption der Hauptsache nach doch noch mit
der alten Kunst Fühlung. In der Tat brachte es schon die
Stellung der Wandmalerei zur Architektur, solange diese nicht
zu einem wirklich neuen Stile überging, mit sich, daß sich die
Formengebung im Umriß und mit ihr wenigstens sehr leicht
auch die alte Kompositionsart aufdrängte. Zudem war diese
Malerei die Kunst der konservativen Mäzene, der Kirche, der
Fürsten, allenfalls noch der führenden städtischen Geschlechter.
Genau den entgegengesetzten, mithin einen dem allgemeinen
Fortschritte des Seelenlebens sich unmittelbar anschmiegenden
Verlauf nahm dagegen je länger je mehr das leichte Volk der
reproduzierenden Künste, des Holzschnittes, der Lithographie, des
Kupferstiches, der Radierung. Sehr begreiflich; denn, wie
        <pb n="202" />
        Voller Realismus.

98

wir schon früher gesehen haben!, waren sie fast schon seit Be—
ginn des 19. Jahrhunderts, ja vereinzelt schon in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, demokratische Offenbarungen, recht
eigentlich die Kunst des aufstrebenden Teils der Nation, des
Bürgertums. In diesem Zusammenhange wirkten sie nun aber
nicht eigentlich als reinste anschauliche Schöpfungen: selbst vom
Kupferstich ließe sich das nicht sagen und noch viel weniger
von der Radierung oder gar von der Lithographie und dem
Holzschnitt. Denn die Zeichnung, die ihnen schließlich allen
zugrunde liegt, die Kunst des Griffels, ist nicht nur ein Hilfs—
mittel zur Wiedergabe bloßer Anschauung, sondern zugleich
ein halb vergeistigtes, sozusagen ein wenig intellektualisiertes
Werkzeug, das den Inhalt stark zu betonen pflegt. Man be—
greift daher, wie gerade dieser ihr Charakter in Zeiten wirken
mußte, in denen der Intellektualismus zu führen begann. Ihre
eben in diesem Sinne noch immer zunehmende Wichtigkeit be—
zeichnete recht eigentlich die am weitesten vorwärts führenden
Pfade der demokratischen Kunst der Revolution und der aus—
zgehenden ersten Periode des Subjektivismus. Und so trat
denn ihre Brauchbarkeit für besondere Zwecke einer stark gegen—
ständlichen Phantasie, insbesondere für die Übertreibung, immer
mehr in den Vordergrund: und die Karikatur wurde zum be—
sonderen Kennzeichen dieser Entwicklung.
Die europäische Karikatur der Neuzeit hat freilich ihre
Geburtsstätte nicht in Deutschland gehabt. Wie sich der atlan—
tische Westen seit dem 16. und 17. Jahrhundert ganz allgemein
früher und rascher entwickelt hat als die Länder der Mitte, so
sind England und Frankreich zu Wiegen auch dieser Kunst ge⸗
worden. In England knüpften Männer wie Rowlandson und
Cruikshank mit ihrer klobigen Satire noch unmittelbar an
Hogarth an?. Abgemessener, feiner, nationaler wurde dann die
neue Kunst in dem 1841 gegründeten Punch gehandhabt; da
arbeitete neben Cruikshank John Leech, und seine einfache,

Bd. X S. 262f.
2 S. dazu Bd. VIII, 2, 262 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.
        <pb n="203" />
        194 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zartere Natürlichkeit ist später nie wieder, weder von dem
wesentlich der Darstellung der feinen Gesellschaft zugewandten
George du Maurier, noch von dem unübertroffen sicheren Zeichner
Charles Keene, dem von Menzel so vielfach Bewunderten, er—
reicht worden.
Beinahe gleichzeitig, seit mindestens dem Beginne des
19. Jahrhunderts, hatte sich die Karikatur aber auch in Frank⸗
reich zu einer besonderen Kunst entwickelt, wenngleich das
„Journal pour rire“, das 1856 den Titel „Journal amusant“
annahm, erst 1848 begründet worden ist.
Auf deutschem Boden ist die Entwicklung nicht bloß später
angebrochen, sie war auch, bis auf die neuesten Zeiten, weniger
reich: abgesehen von der Rückständigkeit der allgemeinen
psychischen Voraussetzungen fehlte der große Zug einer natio—
nalen Politik, fehlte noch mehr der einheitliche Ton einer
augenscheinlich nationalen Gesellschaft, um sie zu entbinden.
Am ehesten und frühesten hätte ihr noch die geistige Gesellschaft
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brauchbare Vorwürfe
liefern können. Aber Chodowiecki!, wenn man ihn in diesem
Zusammenhange nennen will, hat keinen Nachfolger gehabt;
und die volkstümliche Kunst vor allem des Kupfers und des
Holzschnittes begnügte sich mit der einfachen Wiedergabe des
Lebens der Gegenwart, wie sie etwa ein Klein und Erhard in
Nürnberg, wie sie später auf der Grundlage sächsischer Volks—
sitten, nun freilich mit einem starken idealistischen Einschuß von
Gemüt, Treuherzigkeit und Frische, Ludwig Richter geübt hat.
Als aber diese Kunst mit der gemachten und suffisanten Art
Pletschs verfiel, da begannen die schönen Zeiten der Karikatur,
als des vollsten demokratischen Ausdruckes einer Griffelkunst des
Realismus; und die netten Bildchen Hendschels wie die geist—
— V00
zügler der alten objektiv-gegenständlichen Manier.
Zur Tat ging dabei die Disposition zur Karikatur vor
allem durch 1848 über. Vorher haätte es in Deutschland nur

S. Bd. VIII a. a. O.
        <pb n="204" />
        Ooller Realismus.

195

Einzelblätter von Karikaturen gegeben; nun nahmen die seit
1844 erscheinenden „Fliegenden Blätter“, damals auch noch
politischen Inhalts, sowie die „Münchener Bilderbogen“, nahm
auch der seit 1848 erscheinende „Kladderadatsch“ mächtigen
Aufschwung. Vertraten sie süddeutschen und norddeutschen
Humor, und stand dabei der „Kladderadatsch“ künstlerisch im
Hintertreffen, während die „Fliegenden Blätter“ einen ganzen
Stab von Künstlern zeitigten, darunter Meister von der Höhe
Oberländers, so übertraf sie doch alle, namentlich auch als
Vertreter wichtiger Zeittendenzen, ein niederdeutscher, echt
sächsischer Meister, der zugleich in Oberdeutschland zu Hause war:
Wilhelm Busch (geboren 1832 zu Wiedensahl im Hannoverschen,
gestorben 1907 in Mechtshausen am Harz — lange Zeit in München
ansässig; erste Zeichnungen für die „Fliegenden Blätter“ 1859).
Fur Busch ist vor allem die Verbindung von Wort und
Zeichnung charakteristisch. Beide greifen oft so ineinander, daß
eines ohne das andere unverständlich ist. Dabei überwiegt
aber als Ausdrucksmittel die Zeichnung: sie gibt die feineren
Schattierungen der Komik; sie unterstreicht das Typische, und
nicht selten geht die satirische und humoristische Wirkung des
Ganzen der Darstellung eben daraus hervor, daß sie dem er—⸗
zählenden Worte vorgreift. Ja noch mehr: die Zeichnung be—
stimmt auch den inneren Charakter des Wortes; wie dieses,
betont sie im Grunde doch nur das Wesentliche und holt dies
urzeitlich vor allem durch energische Ausführung der Bewegungs⸗
motive heraus. Es ist ein Zusammenhang, der wohl zu einer
wunderlichen Parallele zwischen Busch und einem anderen
gleichzeitigen Enthusiasten des Gesamtkunstwerks, Richard
Wagner, führen könnte. Und folgen wir, in diesem Zusammen⸗
hange vielleicht nicht ohne ein gewisses Recht, einen Augenblick
dem Grotesken dieser Zusammenstellung, so wird sie uns doch
am Ende ganz ernstlich über die Grenzen der Kunst Buschs
wie vielleicht der Satire überhaupt belehren. Während für
Wagner nichts wichtiger ist als der Gesamtaufbau, während
bei ihm in der Einzelaufführung Längen oft nicht vermieden
werden, wie sie freilich einer in der Zeit verlaufenden Kunst
13*
        <pb n="205" />
        196 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

wie der Musik nahe liegen: lebt Busch ganz in der Einzelszene;
die Gesamtdisposition seiner Erzählungen ist mit Ausnahme
vielleicht von „Max und Moritz“ schwach; um so sicherer aber
erfaßt er, indem er von allen Vorteilen einer simultanen Kunst
Gebrauch macht, die springenden Momente. Dieser Umstand
bestimmt dann aber auch wieder die Wichtigkeit des Inhalts;
Wagner sucht in sehnsuchtsvollen Reizen ewige Werte und ver—
körpert sie in romantischen und urzeitlichen Stoffen, die er dem
Seelenleben neuerer Zeiten anbildet; Busch lebt der gegen⸗
wärtigsten Gegenwart, ist ein scharfer Anhänger bestimmter
politischer und geistiger Tendenzen seiner Zeit und ewig jung
nur da, wo er Momentbilder jeglicher Zeit, Tierzeichnungen,
Schlafdarstellungen, Prügelszenen hinwirft.
Eins aber zeigte seine Kunst wie die der Karikaturisten
der fünfziger bis siebziger Jahre überhaupt: gewaltig war in
diesen Zeiten des Realismus die Zeichnung schon fast bis hin
zum Impressionismus entfaltet worden — während ihr gegen⸗
über noch immer die alte Kunst der Wandmalerei altväterisch
fortwährte.
Zwischen diesen beiden Strömungen extremer Art aber
verlief nun die Entwicklung der eigentlich hohen repräsentativen
Kunst des Realismus, die Malerei vornehmlich in Ol, die
Tafelmalerei.
Der Weg, der auf diesem Gebiete eingeschlagen wurde,
führte zu einem immer stärkeren Kolorismus hin: aber einem
Kolorismus, der wesentlich in der Entwicklung des großen
Historienbildes erreicht wurde. Es war eine Bewegung, die
schließlich nicht ohne fremde Hilfe in Fluß kam, wenn sie auch
nicht eigentlich von ihr abhing: Frankreich und das Vlamen—
tum Belgiens, bis zu einem gewissen Grade auch England,
wurden hier zu Lehrern des Fortschritts.
Wie die Karikatur, so hatte sich auch Kolorismus und
Historienbild im Grunde am frühesten in England ein⸗ und
zusammengefunden; insbesondere waren neben die englischen
Koloristen noch im 18. Jahrhundert große amerikanische Historien⸗
maler getreten, die, getragen von den republikauischen und
        <pb n="206" />
        Voller Realismus.

197

revolutionären Stimmungen des neuen Kontinents, alsbald
die Darstellung der Massen in geschichtlicher Aktion versuchten
und damit nicht selten auch schon das Kolossalgemälde schufen:
so hat West den Tod des Generals Wolfe in der Schlacht
von Quebec gemalt, ein Bild, das 1768 bei der Eröffnung der
Royal Academy das größte Aufsehen erregte; so besitzt man
don Copley, der 1775 nach England übersiedelte, Darstellungen
von Ereignissen der damals jüngsten Vergangenheit in einem
nüchternen, klaren Vortrag, ohne statuarische Haltung von
Staatsmännern und Feldherren, ohne Genien, ohne römisches
Kostüm und antikisierende Waffen.
Es war eine neue Kunst, die auch in Frankreich, nament⸗
lich ihrem Inhalte nach, bald bekannt wurde. Im übrigen
hatte die französische Kunst gegenüber der deutschen schon um
1800 den Vorteil eines weit stärkeren Kolorismus. Als David
damals den „Raub der Sabinerinnen“ malte, bewegte er sich
noch immer in den blühenden Farben etwa eines Mengs, die
die deutsche Malerei bereits seit mehr als einer Generation
berloren hatte: so frisch und so lange hielt die Farbenwelt des
Rokokos bei unseren westlichen Nachbarn vor.
Auf diese Art versteht es sich, daß Frankreich eine Karton—
kunst im Sinne der deutschen Frühromantik nie kennen gelernt
hat; vielmehr entfaltete sich hier der Kolorismus der Romantik
unmittelbar aus der noch blühenden Palette des Rokokos; und
so waren nach Proudhon und Gros schon Géricault und
Delacroix gewaltige Koloristen: über die zarten Pastelltöne der
Schäferwelt des 18. Jahrhunderts hinaus ließen sie, wenn auch
in neuem Geiste, den kräftig duftenden Farbenstrauß etwa eines
Rubens wiederum erblühen. Zugleich aber lernten sie die
englische Entwicklung kennen; Géricault hat 1820, Delacroix
1825 London besucht. Und was sie hier sahen, war nicht
bloß die Farbenwelt des englischen Frühsubjektivismus, sondern
zugleich auch das fortentwickelte Historienbild des 18. Jahr—
hunderts, wie es die Amerikaner geschaffen hatten und wie
es in England namentlich William Etty glänzend zu vertreten
wußte.
        <pb n="207" />
        198 cFünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Eigneten sie sich aber den neuen Inhalt und die neue
Form über die eigene Vergangenheit hinaus nur aus der
Fremde an? Die französische Entwicklung führte in diesem
Momente selbst zu Historie und Kolorismus. Denn die zwanziger
Jahre waren es, in denen, neben allem Aufschwunge einer
romantischen Dichtung, auch die romantische Geschichtschreibung
der Franzosen emporkam. Und so erstaunt es nicht weiter,
fünf Jahre nach dem Erscheinen von Guizots „Geschichte der
englischen Revolution“, 1831, über Géricault und Delacroix
hinaus Delaroche mit Bildern aus dem Leben Cromwells
und Karls J. als ersten großen Werken der neuen Kom—
bination auftreten zu sehen. Und von da an gingen dann
französische Geschichtswissenschaft und französische Malerei auf
lange Zeit zusammen; und indem sich die Materien der
Geschichtsforschung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erweiterten,
beherrschte das Historienbild einen nicht minder wachsenden
Kreis von Tatsachen: bis es, in den dekadenten Jahren des
zweiten Kaiserreichs, Schauderszenen und in Leichenkult
schwelgende Stoffe bevorzugte, in denen Nero und die In—⸗
quisition, Greuel der Merowingerzeit und die Märtyrer ab—
stoßender Askesen des Mittelalters eine widerwärtige Rolle
spielten.

Ehe aber dieser Verfall eintrat, mit dem eine wollüstige
Ausbeutung der inzwischen erschlossenen Farbenwelt Hand in
Hand ging und den Beweis lieferte, daß an der Seine wie
am Rhein ein ideenloser Realismus schließlich auch in der
Kunst zu sittlicher Verderbnis geneigt macht, hatte die franzö—
sische Bewegung, bereits seit den dreißiger Jahren, die vlämisch—
germanische Kunst Belgiens wie so oft schon früher eingehend
befruchten helfen.
Die vlämische Kunst hatte noch gegen Ausgang des
18. Jahrhunderts von den Überlieferungen der großen Ver—
gangenheit gelebt, der Zeit, da die St. Lukasgilde von Ant—
werpen die angesehenste Malergenossenschaft Europas gewesen
war. So malte zum Beispiel Herreyns, seit 1800 Direktor der
Antwerpener Akademie, noch wie ein verspäteter Jordaens. Doch
        <pb n="208" />
        Ooller Realismus.

lod

wuchsen daneben schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts immer stärker französische Einflüsse heran; und schließ—
lich, besonders nachdem David seinen Aufenthalt in Belgien
genommen hatte, siegte der französische Klassizismus in dem
Maße, daß selbst Rubens in Verachtung geriet. Und so malten
denn die Künstler der ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts,
ein Paelinck, van Henselaere, Odevaere, Duvivier u. a., ganz
überwiegend gräzisierende Menschen in französischer Pose.
Allein mit dem Eindringen romantischer Tendenzen fand
diese Kunst ein jähes Ende. Der junge Wappers kam und
erneuerte die großen Überlieferungen der Lukasgilde; sein Bild
„Der Bürgermeister van der Werff von Leiden bietet bei der
Belagerung der Stadt 1576 den ausgehungerten Bürgern seinen
eigenen Körper zur Nahrung an“ erschien nach Juhalt wie
nalerischer Auffassung gleichsam als eine Offenbarung, zumal
2s 1830 an die OÖffentlichkeit trat, in einer Zeit revolutionärer
Erregung, da jede Erinnerung an die große niederländische
Vergangenheit besonders ans Herz griff. Aber wie noch ganz
anders begeisterte dann seine malerisch von den französischen
Romantikern wie von den alten Vlamen gleich stark beeinflußte
„Szene aus der belgischen Revolution von 1880“, die, ein
„Jubelhymnus auf das Erreichte, ein Klagegesang um die Opfer“,
1834 zur Ausstellung kam. Durch Wappers war das neue
olämische Historienbild in beträchtlicher koloristischer Durch—
bildung gleichsam mit einem Schlage geschaffen. Doch erhob
sich neben ihm bald de Keyser mit seiner Darstellung der Sporen⸗
schlacht von Kortrijk (1836), die ihm die Bestellungen der
Schlachten von Worringen, Seneffe und Nieuwpoort von der
belgischen und holländischen Regierung eintrug; und bald darauf
machten auch Gallait, Bieèfve und Slingeneyer mit ihren
Kolossalbildern Aufsehen. Gallaits „Abdankung Karls V.“ maß
zwanzig Fuß: eine auch dem Formate nach große Historien—
malerei war inauguriert, und ihre Blütezeit hat bis etwa 1848
gedauert. Dabei war diese Malerei aber zugleich eine Malerei
——
Periode und eine Malerei starker Einwirkungen des französischen
        <pb n="209" />
        200 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

koloristischen Historismus, wie ihn nunmehr namentlich Delaroche
vertrat.
Es war ein Aufschwung, der bei dem Umstande, daß das
innere Deutschland den künstlerischen Zusammenhang mit
Flandern niemals ganz aufgegeben hatte, bald auch am Rhein
bekannt wurde. Bei weitem tiefer und weiter aber griff auf
deutschem Boden die Wirkung, welche die Hauptbilder Gallaits
und Biefves, „Abdankung Karls V.“ und „Kompromiß des
niederländischen Adels“, ausübten, als sie seit dem Jahre 1842
in den wichtigsten deutschen Kunststädten — in Berlin neben dem
„Christus in der Vorhölle“ von Cornelius — zur Ausstellung
gelangten.
Bis dahin waren Originalschöpfungen der neueren franzö⸗
sischen und vlämischen Malerei in Deutschland überhaupt kaum
gesehen worden, so sehr man durch übertreibende Berichte
Heinrich Heines über den Pariser Salon auf sie aufmerksam
geworden war. Jetzt schaute man diese Werke der Vlamen:;
und erreicht schien in ihnen, wonach man sich selber sehnte.
Kolorismus vor allem, das war es, worauf man hinaus wollte;
und das Wort König Ludwigs von Bayern „Der Maler muß
malen können“ wurde eine Zeitlang zum Feldgeschrei. Kolorismus
aber besonders auf dem Gebiete, dem aller höherer geistiger
Intellektualismus zudrängte, im Reich der Historie und des
Historienbildes: und damit ein Kolorismus, den man sich un⸗
eingestanden auch selbst immer historisch, als einen Kolorismus
also der alten Meister, anfangs namentlich der Vlamen, später
vornehmlich auch der Venetianer, dachte.
Da aber die äußeren Anregungen in dieser Richtung aus
dem Westen kamen, so war es natürlich, daß sie vor allem bei
den Malern am Rhein, den Düsseldorfern, Aufnahme fanden.
Das galt zunächst von dem in Düsseldorf arbeitenden Halb—
amerikaner Emanuel Leutze, dessen „Ubergang Wellingtons über
den Delaware“ noch heute jedem Bürger der Union teuer ist,
und der wohl von vornherein auch in Kenntnis wenigstens
von Stichen der Bilder Wests und Copleys geschaffen hat.
Das galt noch mehr von dem Düsseldorfer Lessing. Denn
        <pb n="210" />
        Voller Realismus.

201

Lessing sah sich jetzt nicht bloß gefördert, sondern gleichsam
auch gerechtfertigt auf dem Wege, den er für das Historienbild
bereits betreten hatte; und er schuf nun ganz den Vlamen
analog zwar historisch, aber zugleich hinein in die Tages—
ereignisse und den Kampf der öffentlichen Meinung. Bilder
wie sein „Huß vor dem Konzil“ (1847) und sein „Huß auf
dem Scheiterhaufen“ (1850) sollten nicht bloß Kunstwerke sein;
sie nahmen auch Partei gegen den Klerikalismus und damit
zugleich, wie die Dinge nunmehr lagen, gegen die Frömmig-—
keit und schließlich das ganze System der Nazarener; das Bild
von 1850 wurde von einem Fanatiker zerschnitten; als das
Bild von 1847 in Frankfurt a. M. gekauft wurde, legte Veit
sein Amt als Museumsdirektor nieder, während der katholisch
gewordene Schadow schon längst auf jeden Verkehr mit dem
Maler der Reformationsgeschichte verzichtet hatte. Es war ein
neuer, unbändiger, intellektualistisch-politischer Geist, der, ein
künstlerisch fremdes Element, doch an die Geschichtschreibung der
Historisch-politischen Schule in ihrem Verhältnis zur Geschichts—
wissenschaft erinnernd, jetzt in die Historienmalerei einzog; und
er war von nun ab auf lange nicht mehr gänzlich zu bannen.
Auf dem eigentlich technischen, dem malerischen und kolo—
ristischen Gebiete aber konnte man sich einstweilen, gegenüber
dem gewaltigen Vorsprung der Kunst jenseits der Westgrenze,
nur dadurch helfen, daß man ziemlich voraussetzungslos bei
Vlamen und bei Franzosen in die Schule ging, und daß man
bald auch mehr als bisher bei den lang verpönten farbenreichen
Alten, bei Rubens und seiner Schule, zu lernen begann. Und so
führte sich denn schon in den vierziger Jahren das Wallfahren
deutscher Maler nach Brüssel, Antwerpen, Paris, in die Werk—
stätten von Gallait, von Wappers, von Delaroche ein. In den
fünfziger Jahren aber wurde der Hauptlehrer der deutschen
Maler der übrigens auch von Franzosen viel aufgesuchte
Thomas Couture, den man in seinem Kolossalbild „Römer in
der Verfallszeit“ vom Jahre 1847, das jetzt im Louvre hängt,
von vorteilhafter Seite kennen lernt. Bezeichnend für ihn war,
daß er den starken Kolorismus der französischen Romantik
        <pb n="211" />
        202 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mit den gemäßigteren Anforderungen des Historismus an Pose
und „Typik“, d. h. Verblasenheit der Charakteristik, zu ver⸗
binden wußte. Und merkwürdig blieb, daß schließlich vor allem
Norddeutsche, junge Leute aus Berlin besonders, dem Orte der
künstlerischen Tätigkeit von Cornelius, den Weg nach Westen
zogen: so erschienen in Paris seit Beginn der fünfziger Jahre
und von da an bis zum Kriege von 1870 u. a. Julius Schrader,
Becker, Knaus, Steffeck, Gustav Richter, Henneberg, Gentz,
Anton von Werner, Paul Meyerheim, und auch religiöse Maler,
wie Plockhorst und Spangenberg, wanderten die gleiche Straße.
Ist nun aus diesen Zusammenhängen eine neue große wahr—
haft deutsche Malerei hervorgegangen? Es hätte nur der Fall
sein können, wenn man den französisch-vlämischen Kolorismus
nicht bloß sich angeeignet, sondern auch übertroffen hätte. Aber
dazu erwiesen sich die jungen deutschen Maler noch keineswegs
als fähig.
Zunächst waren sie noch weit entfernt davon, die leitenden
Tendenzen der Gedankenmalerei der Nazarener und Klassizisten
gänzlich abgeschüttelt zu haben: ja gerade die große Historien—
kunst erschien ihnen noch vor allem als Darstellung bestimmter,
diesmal zwar nicht unanschaulich philosophischer oder dogma—
tischer, wohl aber anschaulich-historischer Ideen. Solche Ideen
und damit ein erster Ursprung des Schaffens nicht aus der
sinnlich-augenfälligen Anschauung, sondern aus der Vernunft
her wurde aber auch noch vom Publikum verlangt: sowohl
von dem alten fürstlichen und kirchlichen Mäzenat, dem diese
Forderung von alters her familiär war, wie auch von der
spärlich heranwachsenden bürgerlichen Gönnerschaft, die zu bloß
künstlerischen Schauen noch kaum erzogen war und vor allem
dem Inhalt des Bildes nachging. Wie hätte da nun, unter
dem Drucke dieses Zustandes, ein frischer, voraussetzungsloser,
vornehmlich nationaler Kolorismus emporbrechen sollen? Im
Grunde blieb man bei der von den belgischen und französischen
Akademikern geübten Malweise: modellierte den Raum, den
ein gedanklich arrangierter Inhalt füllen sollte, mitsamt den
darin gegebenen Figuren in einem gleichmäßig dunkeln, bald
        <pb n="212" />
        Voller Realismus.

203

mehr bald minder warmen Tone, zumeist Braun, durch und
beließ die Farbe wesentlich nur für die Lichtseite. Es war
eine im Grunde aus der Technik der Rubens und Rembrandt
abgeleitete konventionelle Monochromie, deren Wirkung eigentlich
nur dekorativ sein konnte.—
Unter diesen Umständen bedurfte es, um einen wahrhaften
deutschen Kolorismus zu entwickeln, mochte auch er vorderhand
pvieder noch konventionelle und historische Züge aufweisen, vor
allem einer mehr eingeborenen Schulung. Und da bezeichnet
es denn die geschichtliche Stellung der seit Mitte der fünfziger
Jahre wieder emporkommenden Münchener Akademie, daß sie
den Schritt zu einer solchen Schulung am entschiedensten getan
hat. Zu Hilfe kam ihr dabei, daß in dieser Zeit schon eine
etwas volkstümlichere Auffassung der Kunst erwacht war, daß
man die Kunstübung nicht mehr als eine auf das Vergnügen
weniger ausschließlicher Kreise gerichtete Tätigkeit, sondern als
eine notwendige Lebensäußerung der Nationen anzusehen begann
und demgemäß alte Kunst überhaupt mehr zu schätzen, aus
hren Verstecken herauszuholen und eingehend zu betrachten
anfing. Ein solches Studium, das, wenn die Betrachtung
rxgendeiner gewordenen Kunst überhaupt, noch am ehesten neue
Züge auslösen mußte, war aber in München bei dem großen
Reichtum der dort aufgehäuften Galerieschätze besonders leicht
möglich. Dazu kam zugunsten der bayerischen Hauptstadt ein
Weiteres, vielleicht noch Wichtigeres. In München fand sich um
diese Zeit ein Lehrer ein, der die Möglichkeiten neuer Auffassung,
die in den geschilderten Verhältnissen lagen, zur Wirklichkeit
zu formen verstand, Piloty (1826—86). Piloty, der auch mit
den Errungenschaften der westlichen Malerei bekannt war, war
kein Künstler von großer Originalität; seine Historienbilder,
die „Gründung der Liga“ (18534), „Seni vor Wallensteins
Leiche“ (1855), „Kolumbus Land erblickend“, „Galilei im Ge—
fängnis“ und andere hinab bis zum „Triumph des Germanikus“
(1873) sind theatralisch und in manchem matter Abklatsch der
venetianischen Malerei guter Zeiten. Aber er war ein guter
Techniker; er beobachtete die Natur auf bestimmte Lichtwirkungen
        <pb n="213" />
        204 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

hin; und indem er die damit auftauchenden Probleme bei den
Niederländern und auch bei gewissen Italienern, Correggio z. B.,
gelöst glaubte, wies er seine Schüler unmittelbar an diese
Alten. Und mehr: als großer Lehrer war er nicht einseitig.
Er ließ den verschiedensten Individualitäten seiner Schüler
ihren Lauf und half ihnen den Weg finden, indem er sie kon—
genialen Meistern der Vergangenheit nahebrachte, ohne des—
halb zu verwerfen, was sie Gutes aus Eigenem und aus einer
intensiven Betrachtung der malerischen Gegenwart hinzufügten.
Damit wurde denn, zunächst für die Münchener Kunst,
bald aber auch über deren engere Kreise hinaus ein verhältnis—
mäßig schon freierer Anschluß der Malerei an die Malschulen
und großen Künstler der Vergangenheit gewonnen, die die letzte
und höchste Etappe des Vordringens zu jener Welt hin ein—
genommen hatten, die vom künstlerischen Auge der Gegenwart
gesehen zu werden begann: über die Zeiten der klassizistisch—
romantischen Umrißmalerei hinweg knüpfte man an die Perioden
der Vergangenheit an, in denen man Ton fand, in denen
bereits das Problem bestimmter Licht- und Schattenwirkungen
studiert erschien. Und daraufhin ergab sich denn eine ungemein
rege Tätigkeit: der feste Boden eines höheren Kolorismus war
gewonnen. Zunächst freilich im Bereiche nur der Historien—
malerei; doch auch die anderen Gebiete der Malkunst wandten
sich allmählich den neuen Zielen zu.
Freilich: auch dieser neue Boden begrenzte doch noch
immer das künstlerische Auge; nur zu leicht hielt er es ab vom
Studium der reinen Natur; nur eine Steigerung der verhältnis—
mäßig noch geringen künstlerischen Durchbildung innerhalb der
von der alten Malerei namentlich des 16. und 17. Jahrhunderts
durchlaufenen Entwicklungsstufen von den ersten Anfängen der
Lichtwiedergabe bis zum Ausdruck gebundener Lichtführung ließ
sich erzielen: künstlerische Regungen, die über dieses klar und
sorgsam, aber auch eng begrenzte Programm hinausgingen,
wurden eher geschädigt als gefördert: und so bildete diese Ent—
wicklung, wie sie durch eine Übertragung sozusagen des Historis⸗
mus vom Inhaͤltlichen des Bildes auf dessen anschauliche Kon—
        <pb n="214" />
        Voller Realismus.

205

—DD
dielleicht freieste Grundlage einer doch immer noch die Ver—
zangenheit wiederholenden und darum auch vom rein malerischen
Standpunkte aus historisch begrenzten Kunst.
Stand nun aber eine solche Kunstübung im Mittelpunkte
der gesamten Entwicklung, so begreift es sich, wie sehr sie die
Fortbildung derjenigen Gebiete der Malerei aufhalten, ja ver⸗
hindern mußte, in denen es sich am leichtesten zu Entdeckungen
und freien Fortschritten nur an der Hand der Natur gelangen
ließ. Diese Gebiete waren vornehmlich die der Landschafts⸗
malerei und des größeren, in weitere Räume verlegten
Sittenbildes, bis zu einem gewissen Grade auch noch die des
Porträts.
In der Landschaft war man aus jener ersten Periode des
schüchternen Düsseldorfer Kolorismus, die wir früher kennen
gelernt haben!, rasch herausgetreten und hatte sich umfassenderen
Problemen des Lichts, der Luft, der Farbe genähert. Vor—
wärtstreibend hatte sich dabei vornehmlich auch der Einfluß
erwiesen, der von den nordischen Künstlern ausging, die im
dritten und vierten Jahrzehnt von Norwegen, Kopenhagen,
Hamburg aus im inneren Deutschland einwirkten: von Dahl
in Dresden, Morgenstern in München, Gurlitt in Düsseldorf.
Sie hatten, wie der Schlesier Lessing, der in Düsseldorf groß
geworden war, von der Romantik abgeführt hinein in ein
energisches realistisches Studium der Natur. Durch Gurlitt
war dann Andreas Achenbach angeregt worden; 1839 war er
nach Norwegen gegangen und hatte die fremde Natur seinem
technischen Können unterzwungen, ein ganzer Realist, kühl
und der Wiedergabe des objektiven Stimmungsgehaltes noch
fern, aber geschickt in der Wahl der Motive, auf bildmäßige
Wirkung ausgehend, und darum freilich bald schablonenmäßig
und Kopist eigener Produkte. Von Achenbach aber gingen
dann starke Wirkungen auf jüngere Norweger aus, so auf
Knud Baade, der seit 1842 in München arbeitete, und auf

S. Bd. X S. 276.
        <pb n="215" />
        206 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Hans Gude, den „Calame des Nordens“, der 1841 nach Düssel—
dorf gekommen war.
In München war der am schärfsten vorwärtsschreitende
Schüler Morgensterns Eduard Schleich gewesen. Bei ihm
traten schon leise Übergänge zu der späteren Landschaft der
freien Luft hervor. Das Wesentliche seiner Kunst aber war
das Studium der wallenden und wechselnden Elemente der
Landschaft, wenn auch noch nicht im völlig natürlichen Lichte:
der Wolkengebilde, der Regendünste und des Nebels, der feinen
Schwaden des Sonnenlichts vornehmlich auf der bayerischen
Hochebene. So waren ihm Herbst- und Regen-, auch Mondschein—
landschaften Gegenstände der liebsten Einkehr; und leise näherte
er sich den Problemen, die in Frankreich die Meister von
Barbizon, nur in ganz anderem Umfang bewegten.
Diese schönen Anfänge einer realistischen Landschaftskunst,
die sehr bald zu den Problemen des Impressionismus hätten
führen müssen, wurden aber unter dem lähmenden Einflusse der
Historienmalerei, wie sie noch an erster Stelle die Kunst der
Alten nachahmte, bald nicht mehr fortgebildet: an ihrer Stelle
kam eine Landschaftsmalerei auf, die eine Behandlung der
Landschaft nach Analogie des Historienbildes versuchte. Gewiß
gab es dabei Künstler, die dennoch weiterstrebten; bei dem
Berliner Blechen blitzt gelegentlich etwas wie Freiluft hin—
durch; und Jüngere wie Wenglein oder Baisch oder von Boch⸗
mann durchschnitten wohl auch die engen Zirkel der regulären
historischen Braunmalerei. Im ganzen aber sahen die Meister
dieser Entwicklungsphase die Natur doch vornehmlich noch
durch die Augen der alten Holländer, Hobbemas etwa oder
Ruisdaels oder Cuyps; das Studium nach deren nachgedunkelten
Bildern ist jedenfalls nirgends verkennbar. Darum gewann
der braune Ton die Oberhand, gingen die Wandlungen der
Jahreszeiten, Tage und Stunden der Landschaft in einer gleich—
mäßigen koloristischen Auffassung und in dem Streben nach
bildmäßiger Wirkung verloren. Ja im Grunde fühlten sich
diese Meister noch mehr zur Form hingezogen als zur Farbe;
und so fehlte noch die Einstellung des Bildes auf ein be—
        <pb n="216" />
        Holler Realismus.

207

bestimmtes Licht, so lebte nichts in der Luft, und die Gegen—
stände standen in einem toten Fluidum, gleich den Reflexen
alter Hölzer in trub faulendem Wasser. Auf diesen Grund—
lagen aber baute sich dann ein sogenannter stilvoller Reälismus
von schöner Farbengebung auf, eine Salonkunst, die nicht
eigentlich fortschritt, aber, was erreicht war, auf die Wieder⸗
gabe neuer Gegenden und Momente übertrug: so eroberte
Douzette die Landschaft der untergehenden Sonne und des
Mondscheins, Eschke gewisse Momente des Meereswebens, Oswald
Achenbach die italienische Landschaft der Mittage und Abend—
stimmung vornehmlich am Golf von Neapel, Bellermann den
tropischen Urwald.
Es war ein für deutsche Verhältnisse weites Ausgreifen,
wie es die Zunahme der Verkehrsmittel ermöglichte. Es sah
wie eine erneute Auflage der Panoramenmalerei aus dem Be—
zinn des Jahrhunderts aus, wenn auch auf höherer Stufe;
ein Fortschritt aus Eigenstem aber zu böherer Entwicklung
blieb aus.
Nach München drang wohl schon etwas ein von der weiteren
Durchbildung der Landschaft durch die Franzosen und von der
Schule von Barbizon; Adolf Lier war von Dupro beeinflußt,
Fröhlicher von Rousseau. Allein man verarbeitete diese Ein—
flüsse nicht ernst, und noch weniger ging man klar auf eigener
Bahn. Selbst Lier, der Führer dieser Gruppe von Land—
schaftern, verband die französischen Einflüsse nur in seiner
Jugend mit den Anregungen, die von dem älteren Schleich
herüberkamen; später wurde er konventionell, und die „schöne“
Form trat auch bei ihm an die Stelle der Wirklichkeit.
AÄhnlich, wenn auch nicht gleich klar, war die Ent—
wicklung im Sittenbild, das um die Wende des dritten und
dierten Jahrzehnts so verheißungsvoll eingesetzt und schon bei
den Düsseldorfern so beträchtliche Förderung erfahren hatte.
Gewiß ging man auch auf diesem Gebiete über die ältere
Malerei hinaus, die zumeist Bauernmalerei gewesen war und
grob ironisiert oder grob idealisiert hatte. Wenn man aber zu⸗
nächst wenigstens inhaltlich realistischer zu werden versuchte, so
        <pb n="217" />
        208 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gelang selbst auch dies kaum den Besten: zumeist schien dennoch
der malende Städter hindurch, so verstandesgemäß bei Knaus,
durch eine Schicht von Gemüt und Temperament bei Vautier:
und unbewußt, fast gänzlich objektiv war eigentlich nur Defregger
und darum der stilvollste und größte unter den Genannten.
Noch weniger aber gelang der eigentlich künstlerische, technische
Realismus. Man ging wohl aufs Land und machte realistische
Skizzen von Einzelheiten und Einzelfiguren. Aber dann kam
der Einfluß der Alten und der Historienmalerei. In der Werk—
statt wurden die Details zusammenkomponiert und erhielten
altmeisterlichen Ton. Und auch wo man anders arbeitete, waren
doch realistische Detailskizze und werkstattliche Komposition des
Ganzen gleich unausbleibliche Bestandteile des Verfahrens.
Im übrigen wurde der Inhalt des Sittenbildes allerdings
viel mannigfaltiger: neben die Bauernmalerei trat das bürger⸗
liche Genre und das Genre der verschiedenen Berufsarten: bis
eine außerordentliche Differenzierung der stofflichen Gebiete er—
reicht war. In gewissem Sinne der typische Vertreter und
technisch gewiß der Hauptmeister dieser neuen Sittenmalerei war
dabei Louis Knaus, von Düsseldorf ausgehend, aber fruh an
den Niederländern gebildet, dann, seit 1832, acht Jahre lang in
Paris: ein feiner Kolorist von vornehmem Gesamtton; später
in dem ihm kongenialen Berlin von ein wenig aufdringlicher
Tendenz, zuspitzender Schärfe und berechnender Komik; am
natürlichsten vielleicht in seinen Kinderbildern, wenngleich auch
hier noch gelegentlich etwas von hahnebüchener Charakteristik
durchbricht. Neben Knaus kann Vautier nicht als Kolorist, sondern
nur als koloristischer Zeichner gelten. Aber er ist unmittelbar,
gemütsfrisch, träumerisch, feinfühlig für die Empfindungen von
Gestalten, die ihm innerlich nahestehen, und auch das Kleine
intim durchdringend. Defregger endlich, 1835 geboren, bekannt
seit 1869, war der letzte der großen Genremaler dieser Periode.
Technisch hinter Knaus wie Vautier zurückbleibend, hart, trocken
und ängstlich in der Farbe, aber innerlich noch gesünder als
selbst Vautier, steht er mit dem Herzen auf seiten der Bauern,
die er malt: man sieht, daß er bis zum fünfzehnten Jahre
        <pb n="218" />
        Voller Realismus.

200

selbst das Vieh seines Vaters auf den Hängen des Ederhofes,
mitten im Tiroler Hochgebirge, geweidet, daß er selbst auf
dem Hofe gewaltet hat. Er ist der Rosegger der bildenden
Künste.
Neben diesen Meistern aber gab es eine ganze Anzahl
kleinerer Genremaler, die bald diese, bald jene Art des Sitten⸗
bildes mehr oder minder ausschließlich pflegten; und die Be—
wegung drang noch über Deutschland hinaus vornehmlich in
die skandinavischen Länder. In der Tat entsprach sie dem,
was das Bürgertum der Zeit inhaltlich verlangte: und war
das Ideal vor allem der seit Ende der zwanziger Jahre be⸗
gründeten, nun immer zahlreicher auftretenden Kunstvereine,
die allmählich in die Rolle eines philiströsen Mäzenats hinein⸗
wuchsen.
Noch weniger erfreulich indes als das Schicksal des Sitten—
bildes war der Verlauf der Bildnismalerei. In den Jahr—⸗
zehnten der Kartonkunst und auch noch des jungen Realismus
hatte sie überhaupt nicht als volle Kunst gegolten. Dann aber
hatten sich die polygraphischen Künste vor allem auf ihr Ge—
biet geworfen: zuerst die Lithographie, darauf, immer stärker
vordringend, auch die vornehmlich mechanische Kunst der
Daguerreotypie und des Photographierens; es waren Porträt⸗
verfahren, die dem mittleren Bürger genügten.“ Übrigblieb
darum für die Kunst eigentlich nur noch das vornehme Porträt.
Hier aber ließ sich im allgemeinen Rahmen des geltenden
Kolorismus allerdings Großes leisten: denn dieser war, wie
die niederländische Malerei bereits des 17. Jahrhunderts ge—
zeigt hatte, ein schon sehr hoch stehendes Mittel der Wieder⸗
gabe gerade für das Bildnis.
Der größte Meister des Porträts, wie er aus diesem
Zusammenhange hervorging, war Lenbach. Lenbach ist in seiner
Jugendzeit in Bildern, die nicht Bildnisse sind, gewissen Ent—
wicklungsrichtungen der späteren impressionistischen Kunst über—
raschend nahegekommen; als Porträtmaler aber schuf er von
vornherein mit den Mitteln und in der Malweise der Alten.
Aber raffinierter und kenntnisreicher als irgendein Zeitgenosse
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 14
        <pb n="219" />
        210 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wandte er diese Mittel überaus geschickt an und zwang ihnen
durch geistreiche Kombinationen neue, freilich in der Natur
schwerlich zu beobachtende, zumeist gelblich-bräunlich-goldige
Wirkungen ab. Doch war bei der Art, wie gerade er das
Bildnis faßte, der Charakter der angewandten Darstellungs⸗
mittel, insbesondere auch ihr Verhältnis zu den impressionistischen
Problemen der zweiten Periode des Subjektivismus verhältnis—
mäßig gleichgültig. Denn Lenbach malte überhaupt eigentlich
nur die Augenpartie, also einen kleinen Teil des Kopfes, wirk—
lich eingehend; schon die anderen Teile des Kopfes erscheinen,
wenigstens in den Bildern seiner reifsten Zeit, fast nur noch
angelegt, und das übrige gar ist nur stkizziert, und zwar in
neutralen Tönen, damit die Unvollendung weniger auffalle.
Weiterhin war der Meister selbst eine starke Persönlichkeit, und
diese tritt darum in allen seinen Bildern hervor: nur der Ein—
druck ist wiedergegeben, den der Maler von der dargestellten
Person empfunden hat. So weiß denn Lenbach mit leeren
Gesichtern wenig anzufangen; seine Bildnisse von Kindern und
blühenden schönen Frauen, namentlich aus der späteren Zeit,
zeigen Manier und vages Gepinsel. Altere Frauenköpfe dagegen
und erfahrungsreiche Männergesichter sind seine eigentlichste
Domäne. Hier herrscht er unbedingt und gibt mit Sicherheit
und außerordentlichem Treffen des Stimmungsvollen den Typ
der Persönlichkeit wieder, der ihm aus den Einzelmomenten
seines Verkehrs mit dieser hervortritt. Bei solchen — wie man
will: Reduktionen oder Konzentrationen der Aufgabe des
Bildnismalers spielen denn die Fragen größerer Raumvertiefung
und bestimmterer Belichtung eine untergeordnetere Rolle. Zu⸗
gleich aber ergibt sich aus alledem das eigentliche Wesen der
Malerei Lenbachs: sie ist inhaltlich höchst fortgeschritten, höchst
subjektiv: sie gibt sich bei aller altmeisterlichen Technik gleich⸗
sam als ein gedanklicher Impressionismus. Lenbach ragte
damit von den großen Meistern der fünfziger Jahre entwicklungs⸗
geschichtlich am weitesten nach vorwärts und vermochte mit fast
vollem Erfolge die technischen Voraussetzungen zu überleben, auf
deren Grund er zu schaffen begonnen hatte.
        <pb n="220" />
        Voller Realismus.

211

Diese Voraussetzungen aber, die letzten der ersten Periode
des Subjektivismus, veralteten inzwischen immer mehr infolge
von Vorgängen auf demselben engeren Gebiete, innerhalb dessen
sie sich vornehmlich gebildet hatten: sie verloren vor allem in
der Historienmalerei an Wert und Geltung.
Gewiß sah in der guten Zeit dieser Malerei, von der
Mitte der fünfziger bis zur Mitte der sechziger Jahre, die
„Idee“ nicht mehr in dem Grade aus dem Bilde heraus wie
noch bei Kaulbach oder gar Cornelius. Das Abstrakte war
mehr hinter den bunten Schein verlegt; der eigentliche Vor—
gang gelangte zur Darstellung. Aber er war doch noch nicht
in der freien Art etwa eines Menzel oder auch eines Meissonier
veranschaulicht: in jener Natürlichkeit, welche die Historien—
malerei in späteren, um vieles realistischeren Zeiten erreichte,
die ihre Vorwürfe zunächst auch gern jüngeren geschichtlichen
Perioden, dem Zeitalter Friedrichs des Großen oder Napoleons,
entnahmen. Er war noch komponiert: nach gewissen, von einer
Ästhetik, die die Kunst noch beherrschte, für ewig gehaltenen
Gesetzen drapiert, ausstaffiert und arrangiert. Und für das,
was bei diesem sehr bewußten Verfahren herauskam, hatte die
Ästhetik der Zeit auch eine bestimmte charakteristische Bezeichnung:
'm Gegensatze zu dem früheren „reinen Idealismus“ wurde von
Realidealismus gesprochen.
Da wurde denn zunächst mit einem bestimmten Raume
gerechnet, innerhalb dessen eine gewisse Summe von Ideen zur
Verkörperung zu gelangen hätten; und in diesem Raume wurden
darauf, in einem bestimmten Rahmen, eine gewisse Anzahl von
Personen untergebracht. Dabei entbehrte die Darstellung dann
schließlich des Ungezwungenen und gleichsam Einsamen der
Natur; einem Photographenarrangement vielmehr näherte sie
sich in der Komposition oder erinnerte an Theater und wohl⸗
gestellte lebende Bilder, wenn sie nicht gar gleichsam mehrere
solcher, auf einen Raum zusammengeschobener Bilder enthielt,
wie namentlich die großen Maschinen Pilotys. Diese gemachte
Anordnung reflektierte dann naturgemäß auch auf die Modelle:
sie alle posierten. Zudem aber: wie sollten diese armen Teufel,
14*
        <pb n="221" />
        212 Ffünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

in deren Wiedergabe nun endlich ein stärkerer Realismus hätte
zur Geltung gelangen können, sich jetzt rasch in wenig Stunden
in die Rolle von würdevollen Königen und trutzigen Feldherren,
von lebensfrohen Kuünstlern und grübelnden Gelehrten, von
intriganten Maitressen und edlen Fürstinnen hineinfinden, die
ihnen vermöge ihres äußeren Kostüms auferlegt wurde! Es
erging ihnen wie den armseligen Figuranten des Theaters;
nicht mit dem Anstand von Helden und Primadonnen, sondern
nur zu oft mit der berufsmäßigen Grazie von Choristen und
Choristinnen agierten sie. Der Maler aber wurde in diesem
ganzen Wesen schließlich nur zu leicht selbst zum Regisseur und
Theatergarderobier, zum Kostüm-⸗, Gerät- und Waffenmeister;
und bald sah er darum diese Requisite nicht mehr mit den
leuchtenden Augen des Romantikers an, sondern mit dem Kenner—
blicke des Antiquars und Gelehrten. Auf diesem Gebiete vor
allem mußte daher jetzt, wenn nicht das Gemüt, so doch der Ver⸗
stand befriedigt werden; es mußte alles echt sein und genau nach
alten Vorlagen. Natürlich ging aber mit dieser Wandlung langsam
auch noch die ursprüngliche relative Wahrheit der Komposition
verloren. Nicht so sehr lebende Atelierbilder großen Geschmacks
und energischen Zugs wurden noch geschaffen wie vielmehr
Bühnenszenen eines ungebildeten Personals von Statisten. Und
damit schlummerten denn die höheren künstlerischen Eigenschaften,
Phantasie und schöpferische Sehkraft, gewaltsam selbst da ein,
wo sie der Anlage nach vorhanden gewesen waren: und leere
Schönheit und bunte Schminke, faule Phrase und ein geräusch⸗—
volles Nichts von Farben bezeichneten nicht selten den Ausgang.
Um aber dennoch Gemüt und Anschauungskraft der Kunst⸗
freunde zu treffen, wirkte man nunmehr durch immer sentimen⸗
taleren oder grausigeren, auf alle Fälle pathetischeren und
mannigfacheren Inhalt. Schon Piloty malte aus alter, mittel⸗
— DDD—— französischer
Geschichte. Andere gingen darüber noch hinaus und suchten
zugleich immer raffiniertere Vorwürfe, nachdem die einfachen
großen Ereignisse erledigt zu sein schienen: assyrische Opfer,
Molochszenen, christliche Martyrien, Feme, Inquisition und
        <pb n="222" />
        Voller Realismus.

218

Hexenwahn wurden beliebt. Es war das Ende der ganzen
Richtung. Gewiß ging es dabei in Deutschland, gegenüber den
entsprechenden Zeiten in Frankreich, noch immer im ganzen ge⸗
mäßigt her. Das Wort, das Taine von der französischen Kunst,
zunächst der Dichtung dieser Zeit sprach: Depuis dix ans une
nuance de brutalité complète l'slégance fand im allgemeinen
auf die deutsche Kunst noch keine Anwendung. Andrerseits aber
war der technische Stillstand, der durch diese Wendung herbei—
geführt wurde, in Deutschland größer. Noch einmal hatte am
Ende das Stoffliche den Fortschritt im Können gelähmt, ja
gleichsam aufgesaugt.
Doch schien in dieser traurigen Neigung zum Verfalle
immerhin noch von einer anderen Seite her ein Rettungsstrahl
aufzuleuchten. Von der Malerei der großen Maschinen hatte
sich inzwischen ein dem Inhalte nach begrenzteres Gebiet ab—
gezweigt, auf dem sich einmal die Aufnahme des Könnens der
alten Meister viel stärker, wie man glaubte sagen zu dürfen
fast restlos vollzog, und das zugleich, weil intensiverer Arbeit
im einzelnen zugänglich, zu allerlei neuen Experimenten Raum
ließ, ja aufforderte. Es war das Gebiet des historischen Genres,
der kulturgeschichtlichen Parallele zu den dröhnenden Dar—
stellungen der Staatsaktionen. Hier konnte man ins Intime
arbeiten; ja, Ruhe, Stille, Eingehen auf die innere Wahrheit des
Stoffes und damit auch der Farbe erschienen als eine der ersten
Voraussetzungen des Erfolgs.
Auf diesem Gebiete hatten nun wiederum, wie in der
großen Historienmalerei, die Niederländer die Initiative ergriffen.
In Belgien hatte Hendrik Leys (1815—1869) diese Richtung
zuerst mit vollem Erfolge eingeschlagen. Von Rembrandt und
Pieter de Hoogh ausgehend hatte er schon im Jahre 1845 sein erstes
großes Werk, die „Hochzeit im 17. Jahrhundert“, geschaffen;
und in den ersten fünfziger Jahren stand er auf der Höhe einer
frühesten künstlerischen Vollendung. Dann lernte er auf einer
Reise in Deutschland Dürer und Cranach schätzen und wandte
sich zugleich dem Studium der älteren Niederländer des 15. Jahr⸗
hunderts zu: womit er denn um die Mitte der fünfziger
        <pb n="223" />
        214 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
— ανν —”,, Vories Ac —

Jahre eine neue Periode seiner Kunst eröffnete, die inhaltlich
namentlich der Reformation nachging, in der Malerei aber auf
dem energischen Studium der genannten Alten verharrte. Und
eben in diesem Studium fand Leys eigentlich erst ganz die
Eigenart seines vlämischen Stammes und seiner Heimat wieder,
während die Maler der großen Historien in Belgien immer
mehr oder weniger von den Franzosen abhängig geblieben
waren. Darum hat ihm denn auch sein Stamm in innigster Liebe
angehangen und ihn nach seinem Tode fast vergöttert. Leys
hat in Belgien keinen ebenbürtigen Nachfolger gehabt. Wohl
aber sind von ihm mittelbar außerordentliche Wirkungen aus⸗
gegangen. Er hatte mit seiner strikten Nachahmung der Alten
so weit vom gewöhnlichen Wege abgelenkt, daß er das künst⸗
lerische Auge freimachte auch für die unmittelbare Erfassung
der Natur: und er veranlaßte damit Entwicklungsvorgänge,
die früh schon bis hart an die Grenze der Freiluftmalerei
führten.
Im inneren Deutschland wurde, da München lange die
große Historienmalerei vertrat, das historische Sittenbild an—
fangs mehr von der Berliner Schule gepflegt: so z. B. von
Gustav Spangenberg, der sich vor allem der Reformationszeit
annahm, oder von Karl Becker, der im alten Venedig zu Hause
war. Aber auch später ist die Berliner Schule der Richtung
des historischen Sittenbildes getreuer geblieben, wenn auch
unter Wandlungen, in denen ihr besonderer Charakter sich
glücklich widerspiegelte. Von jeher hatte sie etwas mehr dem
Realen Zugewandtes gehabt und hatte daher weder von der
Ideenmalerei der Romantik noch von der Staatsaktionenmalerei
des frühen Realismus viel wissen wollen; Cornelius und Kaul⸗
bach sind in Berlin im Grunde immer Fremde geblieben; den
Genius der Schule vertrat Menzel. Es ist der norddeutsche
verständige, nicht selten sarkastische, im schlimmeren Falle
naturalistisch-brutale Zug, der sie kennzeichnet. Und eben in
seinem Sinne hat sie das historische Geure behandelt.
Ein höchst merkwürdiger Künstler aber erhob sich inner⸗
halb dieser allgemeinen Zusammenhänge der historischen Sitten—
        <pb n="224" />
        Voller Realismus.

218

malerei, einsam und für sich stehend, zuerst in den sechziger
Jahren mehr hervortretend, in Düsseldorf: Eduard von Geb—
hardt (geb. 1838). Gebhardt entwickelte in einer Richtung, der.
auch Spangenberg nicht fern stand, doch mit ungleich größerer
Energie, aus dem historischen Sittenbild eine neue religiöse
Malerei, indem er die heiligen Vorgänge in das deutsche
Leben des 16. oder 15. Jahrhunderts verlegte. Und er tat
dies nicht bloß äußerlich, dem Kostüme und der sichtbaren
Ausstattung nach, sondern, soweit dies möglich war, auch
innerlich, indem er den archaischen Zug durch eine starke und
echte Note protestantischer Frömmigkeit, der Frömmigkeit
Lutherscher Zeiten, adelte. Eine spezifisch protestantisch-religiöse
Malerei entstand auf diese Weise und fand wenigstens in
einzelnen Meistern Fortbildung.
Im übrigen aber wurde entwicklungsgeschichtlich, und das
heißt in erster Linie formal-technisch betrachtet, das historische
Sittenbild in Deutschland schließlich nicht in Berlin oder
Düsseldorf seiner höchsten Vollendung zugeführt, sondern in
München. Von Bedeutung für diesen Verlauf war eine bereits
vor 1870 namentlich in Süddeutschland und sterreich ein⸗
setzende, dann aber durch die Ereignisse von 1870 und 1871
ganz unerwartet geförderte Bewegung auf einen der deutschen
Vergangenheit zu entnehmenden, sogenannten altdeutschen
Renaissancestil. Es war die Zeit, da mit den Büchern von
Thausing über Dürer und Woltmann über Holbein die Periode
dieser Meister kunstgeschichtlich zum ersten Male mehr erschlossen
wurde, da auch kunstgewerblich eine Renaissancebewegung be—
gann, da der Münchener Gedon deren Neigungen und Absichten
in höherer künstlerischer Vollendung auf die Dekoration, ja
die Architektur im allgemeinen zu übertragen suchte. Im
Zusammenhang mit diesen Vorgängen fand nun in München
eine ungemeine koloristische Vertiefung in die malerischen
Voraussetzungen der alten deutschen Kunst von der Renaissance
bis schließlich zum Absterben der Vlamen und Holländer statt;
und das Jahr 1876 mit der großen Münchener Kunstgewerbe—
ausstellung bezeichnete ungefähr die höchste Stärke dieser
        <pb n="225" />
        216 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Strömung. Ihr genügte nun aber auf malerischem Gebiete
keineswegs mehr der Historismus Pilotys. Was die Diez, Har⸗
burger, Claus Meyer, Fritz August Kaulbach nunmehr anstrebten,
war ein weit anderes: die Farben⸗- und Lichtraffinements vor
allem der alten Kleinmeister suchten sie nachzuahmen. Natür⸗
lich wurden sie auf diesem Wege zu Genußmenschen einer zarten
künstlichen Farbengebung; und insofern waren sie noch nach rück⸗
wärts gerichtet. Allein ihr Standpunkt wies sie doch zugleich
auch nach vorwärts, insofern sie das Hauptgewicht immer mehr
auf die bloße malerisch-künstlerische Erscheinung der Bilder
und nicht mehr auf deren Inhalt, ja zum Teil auch nicht
mehr auf deren Zusammenhang mit der Kunst der Alten legten.
Es war ein Umstand, der natürlich geeignet war, sie über sich
selbst hinaus in eine ganz neue Entwicklungszeit der Malerei
zu führen, die Zeit des Impressionismus und der Kunst der
zweiten subjektivistischen Periode überhaupt, wie sie einen
entwicklungsgeschichtlich ganz wesentlichen Fortschritt in der
technischen Wiedergabe der Erscheinungswelt bedeutete.
Den ganzen Eindruck dessen aber, was den Übergang so—
wohl zur älteren großen Historienmalerei, wie weiter zu den
freien Farbenraffinements der historischen Sittenmalerei und
damit das volle Durchlaufen der Zeiten des Realismus bis zu
deren Ende technisch bedentete, und damit wiederum die volle
Übersicht über die entwicklungsgeschichtliche Stellung der letzten
Zeiten der ersten subjektivistischen Periode zu dem Realismus der
dreißiger und vierziger Jahre und dem Können des Klassizismus
und der Romantik gewährten doch erst zwei Meister, die beide
Süddeutschland angehörten, und deren einer von Böhmen ausging,
 um in München zu wirken, während der andere in München
in der Lehre war, um auf der Höhe seiner Kunst vornehmlich
in Wien zu schaffen: Max und Makart.
Erst Makart erreichte jene Höhe des Kolorismus, zu der
im günstigsten Falle die ältere große Historienmalerei vordringen
konnte, und erst Max erlaubte einen ziemlich selbständigen Ein—
blick in die möglichen Freiheiten des geschichtlichen Genres.
Makart ist nicht ohne Vorgänger gewesen. Schon seinen
        <pb n="226" />
        Holler Realismus.

217

unglücklichen Gegner, Anselm Feuerbach, kann man mit einem
Teile seines Wesens unter sie rechnen: als Schüler Coutures
und noch lange danach als Kopist Tizians und Bewunderer
Bordones und Paolo Veroneses hat er einem glänzenden Koloris⸗
mus gehuldigt.
Noch mehr ein Vorläufer und Parallelgenie zu Makart
war in gewissem Sinne Viktor Müller (geb. 1829). Auch er
war gleich Feuerbach und dem koloristisch ebenfalls hochstehenden
Henneberg ein Schüler Coutures; später hat er in Frankfurt
gelebt, seit 18663 aber dauernd in München, wo er in den
letzen Jahren seines Lebens mit Hans Thoma befreundet war.
Müller war ein Maler von südlicher Glut und wilder Romantik,
etwas von Delacroix spiegelt sich in ihm wider; und auch
dem Inhalte seiner Bilder nach hat er noch eine Neigung zum
Romantischen: Illustrationen zu Shakespeare und zu Goethe,
Märchenbilder, freie Erfindungen, in denen Waldnymphen eine
Rolle spielen, sind ihm beliebte Objekte. Aber sein Farben—
sinn ist doch schon der des Realismus; und wer weiß, ob er
nicht noch über Makart hinausgegangen sein würde, wäre er
nicht früh schon, mit zweiundvierzig Jahren, 1871 gestorben.
Makart wurde 1840 geboren und starb auch verhältnis—
mäßig früh, 1884. In den Jahren seiner reifen Kunst lebte
er, in Wien seßhaft, recht eigentlich am Orte seiner Be—
stimmung: welch einen Hintergrund bot für einen leidenschaft—
lichen Kolorismus die farbenfrische Kaiserstadt mit ihrer wohl⸗
lebigen Luft, ihrem heiteren Daseinsgenusse, ihren Frauen, ihrer
Vorliebe für das Dekorative, für Glanz und Schimmer und alle
süßen Täuschungen der Luft und des Lichtes!
Auf Makart hat aus der Welt der Erscheinungen fast aus—
schließlich der farbige Reiz gewirkt; die Form war ihm fast
gleichgültig und noch gleichgültiger die Art des Gegenstandes,
—VD
kompositionen noch nicht gewußt, welchen stofflichen Inhalt sie
einmal bekommen sollten. Das unterscheidet ihn von den alten
Vorbildern, den Venetianern oder den Vlamen, insbesondere
auch von Rubens, den er so viel studiert hat; er sieht die Farbe
        <pb n="227" />
        218 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

nicht inhaltlich mehr umgrenzt, ganz anders wie sie verliert
er auch den linearen Umriß: man wittert schon Übergänge zum
malerischen Impressionismus. Sehr natürlich daher, daß die—
jenigen seiner Bilder, die im gewöhnlichen Sinne des Wortes
etwas vorstellen sollen, eigentlich die schwächsten sind: so die
großen Repräsentationsbilder „Catarina Cornaro“ oder der
„Einzug Karls V. in Antwerpen“. Ganz in sein Element tritt
Makart dagegen da, wo er bloße farbige Allegorien geben kann,
wie in der „Abundantia“, und am vollendetsten wird er, wo er
innerhalb des Dekorativen die Reize des von Reflexlichtern be—
lebten nackten Frauenkörpers schillern lassen darf, wie in seinen
Darstellungen des Frühlings und Sommers oder im Bacchus⸗
fest oder in der Jagd der Diana. Da erreicht er in der Durch—
flechtung der Töne koloristische Gesamtwirkungen, die bis dahin
unerhört waren, die narkotisierend wirken wie ein ekstatisches
Gedicht.
Denn der Meister des malerischen Lebensgenusses: das
eigentlich war Makart. Auf diesen war sein eigenes Leben
gestimmt; er tönt wieder aus seinen Werken. Jedes seiner
Bilder hat eigentlich denselben Inhalt; es ist eine Poesie des
Farbenrausches, zusammengesetzt im Grunde aus wollüstig ver⸗
führenden Farbenharmonien, in denen ein leuchtendes Rot und
der Gegensatz eines metallisch glänzenden Blaugrüns zu warmem
gelblichem Braun eine entscheidende Rolle spielen, und nur
nebensächlich aus einer bunten Ansammlung von Weiberkörpern
und von Fruchtgehängen bestehend, von schillernden Wand—
schirmen und spiegelnden Wasserflächen, von reflexxeichen Marmor⸗
architekturen und gleißenden Pfauen, von Brokaten und Seiden⸗
geweben und schillerndem Herbstlaub. Denn das, was wir von
all diesen schönen Dingen erhalten, ist nur die Farbe, das
äußere Dasein, das Animalische: die Männergesichter scheinen
den Modejournalen entnommen und die Frauen tragen Puppen⸗
köpfe: kaum eine Spur einer Poesie des Seelischen taucht
empor.
Und mehr noch: selbst auch nur zu zeichnen weiß dieser
Meister nicht: wie oft vergreift er sich in den Proportionen,
        <pb n="228" />
        Voller Realismus.

219

welche Fehler finden sich gegen die Perspektive! Und noch ein⸗
mal mehr: auch malen kann er in gewissem Sinne nicht, näm⸗
lich nicht abmalen; wie weißkreidig ist der Fleischton hier und
dort wie rosenrot! Aber das alles war auch nicht Makarts
Sache. Er wollte nur dekorieren, der Gobelinton war ihm
eben recht. Und er dekorierte in der äußersten, mit wunder—
barer Hand ausgespielten Palette des historischen Realismus,
und er komponierte seine Dekorationen nach farbigen Harmonien
und Kombinationen innerhalb der für die Darstellung des
großen Historienbildes geltenden Gesetze.
Makart hat mit dieser Kunst nicht ganz allein gestanden.
In Deutschland kann man Ferdinand Keller (geb. 1842) bis zu
einem gewissen Grade seinen Nachfolger nennen, in Frankreich
entsprach ihm etwa Baudry, der Dekorateur der großen Oper,
deren unendlich ausgedehnte Malereien 1874 vollendet wurden.
Und wie diese Meister an die große Historienmalerei an—
schlossen, indem sie ihren Inhalt vielfach ins Dekorative auf⸗
lösten und demgemäß vor allem bei einer faszinierenden Durch—
bildung ihrer Palette verweilten, so läßt sich von Max sagen,
daß er der historischen Sittenmalerei im Grunde ihren Inhalt
genommen und ihre Palette zu einer Stimmunasmalerei
modernsten Charakters verwendet habe.
Gabriel Max (geb. 1840, seit 1863 in München) nutzte
in seinen der Kirchengeschichte entnommenen oder unmittelbar
religiösen Bildern, wie in der Märtyrerin von 1867 oder in
der Darstellung der Madonna, die Wucht der malerischen
Stimmung geraden Weges dazu aus, den religiösen Geheim—
nissen den Charakter des nervös Überreizten, Somnambulen zu
geben. Und auch in anderen Malereien blieb er der Maler
der gebrochenen Empfindungen, wie sie nunmehr die Reiz—-samkeit
 der beginnenden zweiten Periode des Subjektivismus
auszulösen begann: des Heiter-Sentimentalen, des Hysterisch-Schwärmerischen,
 des Süß-Schmerzlichen, des Peinlich-Be—
rückenden, Ahnungsvoll-Grausigen, Gespenstisch-Verzückten.
Dabei war es das Besondere seiner Kunst, daß er diese Stim—
mungen in die raffiniert vornehmen und delikaten Farbenakkorde
        <pb n="229" />
        220 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

einer Palette zu fügen wußte, die, vom einfach melancholischen
Kolorismus bis zu wahrhaften Verwesungstönen, noch den
Zeiten des Historienbildes und insbesondere des historischen
Sittenbildes angehörte.
Mit der Kunst von Max und Makart und ihrer Nach⸗
folger und Nachahmer sind wir an den Grenzen des malerischen
Realismus der ausgehenden ersten subjektivistischen Periode an—
gelangt: ja diese Grenzen zeigen sich, hier in der Technik, dort
in den Inhalten fast schon überschritten: und unentwirrbar
mischen sich in der Tütigkeit dieser Spätlinge einer verfallenden
Kunst konservative und vorwärtsdrängende Elemente.
Überblicken wir aber jetzt, von den letzten Ufern der ge—
waltigen Periode, die mit Empfindsamkeit und Sturm und
Drang eingeleitet wurde und über Klassizismus und Romantif
verlief, noch einmal die Entwicklung der Malerei in der Zeit
des Realismus, so können wir in ihrem Verlaufe im Grunde
‚zwei Tendenzen wahrnehmen. Einmal nämlich beherrscht sie
der Drang, die Ausdrucksmittel der Kunst, die, verglichen mit
den vorhergehenden Zeiten, in der großen Kunst wenigstens
des Klassizismus und der Romantik stark zurückgegangen waren,
wieder voll zu entfalten und womöglich zu übertreffen. Zweitens
aber wird in ihr die für den Inhalt bisher vielfach maßgebende
Asthetik, überhaupt der ideologische Grundton der Zeit abgelöst
durch den Historismus: durch eine zwar noch nicht real-gegen⸗
wärtige, wohl aber dieser sich annähernde Betrachtung der
Welt. Einheitlich wirken dabei diese beiden Tendenzen dadurch,
daß sie bis zu einem gewissen Grade die Möglichkeit gegen⸗
seitiger Vermischung zeigen: das Streben nach besseren, der
Natur, wie man sie in dieser Zeit sieht, näher kommenden
Ausdrucksmitteln knüpft immer und immer wieder an das an,
was die alten Meister des 17. und 18. Jahrhunderts, ja teil⸗
weise bereits früherer Jahrhunderte schon erreicht zu haben
schienen, wenn sich auch mit ihrer Nachahmung steigend neue
Errungenschaften verknüpfen: und dadurch erhält der Historis⸗
mus auch auf die Form und somit die eigentliche malerische
Entwicklung beträchtlichen Einfluß.
        <pb n="230" />
        Voller Realismus.

221

Unter dieser Konstellation hat dann der malerische Realis—
— DDD
stufen passiert. Begann er, in den zwanziger Jahren, mit einer
Zeit mehr selbständig aus der Gegenwart emporblühenden
Lebens der Form in modernen Inhalten, im Porträt, im
Militärbild, in der Bauernmalerei und in der Landschaft, so
brachte die Kunst der Schadowschen Schule einen Ausgleich
dieser neuen Tendenzen mit einem primitiven Historismus. Es
war der Zusammenhang, aus dem dann um das Jahr 1840
die ersten großen selbständigen Leistungen des Realismus aus—
strahlten: die Landschaft der Schleich und der Morgenstern,
das erste Aufsteigen der großen Meister der Griffelkunst, die
vollendete Kunst schon eines echt deutschen Historienbildes:
Rethel. Aber von neuem und stärker nahten die Einflüsse des
Historismus, nun auch vermischt mit Einwirkungen des Aus—
landes, wenngleich anfangs zumeist nur des stammverwandten
Flanderns. Da entstand denn die Kunst vornehmlich der fünf⸗
ziger Jahre und ganz zentral in ihr das volle Historienbild;
bis sich neben ihm, bald mehr Träger des koloristischen Fort—
schrittes, das historische Sittenbild entwickelte. Es war eine
Kunst, die, auch auf die anderen Gebiete der Malerei über⸗
tragen, eine letzte Höhe des Realismus bedeutete: denn jenseits
von ihr lag das Siegesfeld einer ganz neuen, wenn auch in
vereinzelten Erscheinungen schon längst vorbereiteten Kunst, der
Kunst des Impressionismus. Über sie hinaus gab es daher,
in der letzten Phase des Realismus, nur noch eine Verfallskunst
 raffinierten Charakters, wenn auch in ihr schon einige
Züge des impressionistischen Neuen emportauchten.
Kürzer als die Darstellung der Geschichte der Malerei
kann sich die Erzählung der Entwicklung der Baukunst, des
Kunstgewerbes und der Bildnerei fassen. Denn keine dieser
Künste war so beweglich wie die Malerei und gab daher den
leisesten Zügen der allgemeinen seelischen Entwicklung so elastisch
Ausdruck, wie sehr sie sich auch alle dem Ganzen dieser Ent⸗
wicklung mit der gleichen Bestimmtheit unterwarfen. Die Folge
war, daß bei ihnen ältere Tendenzen vielfach länger noch als in
        <pb n="231" />
        222 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Malerei vorhielten, daß der charakteristische Ausdruck des
eigentlich Realistischen geringer war, daß sie mit ihren Aus—
läufern weiter in die zweite Periode des Subjektivismus hinein⸗
reichten: und daß sie schließlich nach deren voller Entfaltung
um so gründlicher und fast unter den Erscheinungen eines
Bruches von einer neuen Kunst, der Kunst der Gegenwart, ver⸗
drängt wurden.
Am deutlichsten tritt dieser Verlauf in der Baukunst her⸗
vor und reflektiert daher auch von hier in manchem speziell
architektonischen Zuge auf Kunstgewerbe und Plastik.
Bezeichnend für die Entwicklung der Baukunst ist zunächst,
daß sich verhältnismäßig noch überaus lange die klassizistische
Antike und die romantische Gotik erhielten, wenn auch in ab—
gewandelten Formen. So ist im klassizistischen Stile monu—
mental wie in kleineren Anlagen noch bis in die sechziger Jahre
hinein gebaut worden; erst 1863 wurde in Wien der Grund—
stein zu Hansens Parlamentshaus gelegt!, und in Berlin sind
noch um 1870 Villen in der Bauweise Schinkels entstanden.
Freilich wurde dabei der Charakter des Stiles immer malerischer
durchgebildet in dem Sinne, daß die strenge Gerüstbildung
hinwegfiel und das Wesen eines Wandstils stetig stärker hervor—
trat. Indem dies aber geschah, wurde zugleich der Eindruck
der Bauten immer mehr dekorativ. Denn während alle Gerüst⸗
stile, und unter ihnen ganz besonders die Gotik, an Struktur⸗
elementen so reich sind, daß sie eigentlich Dekoration kaum noch
erfordern, um gefällig zu wirken, verfügen Wandstile — und
unter ihnen z. B. die Renaissance — nicht über einen solchen
Überfluß und bedürfen daher noch besonders dekorierender Ele⸗
mente, mögen diese nun in starken Schattenwirkungen der
Wände eines bewegten Grundrisses oder aber, wie in der Ge—
schichte der Renaissance namentlich seit den Zeiten der Hoch—
renaissance, in der Formenwelt einer eigens entwickelten archi—
tektonischen Dekoration gefunden werden.
In dem Zuge zum Malerischen aber, der klassizistische und

S. Bd. VIII, 2, 682 f.
        <pb n="232" />
        Voller Realismus.

228

gotische Bauten des 19. Jahrhunderts allmählich immer mehr
erfüllte, kündigte sich recht eigentlich der Sieg eines schon
zum Koloristischen der Malerei fortschreitenden künstlerischen
Auges, der Sieg des künstlerischen Geschmackes des Realis—
mus an.
Besonders deutlich läßt sich diese Entwicklung in der Ge—
schichte der Gotik etwa der dreißiger bis achtziger Jahre ver—
folgen, während die Zahl der klassizistischen Gebäude dieser
Zeit doch schon zu gering ist, um mit Sicherheit die Durch—
führung eines allgemeinen Überblickes zu gestatten. Zudem er⸗
laubte in der Gotik das stetig fortschreitende und bald recht
weitgehende Verständnis der mittelalterlichen Kunst um so mehr
die Befriedigung der künstlerischen Tendenzen des Realismus,
als sich in der Entwicklung der spätmittelalterlichen Gotik
Perioden befinden, die ähnlichen Bedürfnissen jener Zeiten schon
Zugeständnisse gemacht hatten.
Am entschiedensten trat diese Entwicklung der realistischen
Gotik in Wien und in Hannover und von Hannover abgeleitet
in Mittel- und Norddeutschland, vor allem in Berlin hervor. In
Wien wurde Friedrich von Schmidt (182521891) zum Träger
der Bewegung. Von der Kölner Domhütte ausgehend und aus
innerster Beanlagung der Süßlichkeit Zwirnerscher Gotik abhold,
entwickelte er seinen reicheren und pittoreskeren Stil vor allem
an der Formensprache des Wiener Stephansdomes, den er seit
1862 zu erneuern hatte, und hat dann im Wiener Rathause
(1869) sein Meisterwerk geschaffen.
Von größerem Interesse indes ist die Entwicklung der
hannoverschen Gotik, wie sie namentlich Konrad Wilhelm Hase
verdankt wird, der seit 1848 die Kirche zu Loccum erneuert
hatte und 1849 Lehrer am Hannoverschen Polytechnikum ge⸗
worden war. In Hannover hatten sich reiche Reste gotischer
Bauweise aus dem Mittelalter erhalten: eine Backsteintechnik
—— blinkender
Dachziegel, mit breiter Lagerung der Massen, mit Einfügung
zweckdienlicher Kleingebilde in die hauliche Hauptmasse: und
darum mit malerischer Wirkung der Innen- wie der Außen⸗
        <pb n="233" />
        224 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

räume; eine Gotik, gleich geschickt für kirchliche wie für welt—
liche Zwecke. Hase nahm diesen einheimischen Stil wieder auf,
um ihn unter französischen Einflüssen zu veredeln: und so ent⸗
stand jene Gotik von äußerster Beweglichkeit des Grundrisses,
von unregelmäßig wohnlicher Gestaltung der Innenräume, von
zgeknicktem Dachgesims und von der Durchbildung des Daches
zu einem wesentlichen Bauglied, jene Gotik der Giebel und
Erker und Türme und Chörlein und Hallen, die sich auch in
der Reduktion der Vertikale der deutschen Renaissance an⸗
näherte: wie sie denn auch dem modernen Villenstil von so⸗
zenanntem Renaissancecharakter zugrunde liegt: eine Gotik des
rein Malerischen: ein Ubergang zu den Wandstilen der
Renaissance und des Barocks.
Aus ihr hat sich denn auch die moderne gotische Form
des protestantischen Kirchenbaus herausgestaltet mit seinem Be—
streben hin aufs Wohnlichere, auf den Versammlungsraum
mehr als den Kultbau; so hat Hase ihn schon ausgebildet, und
so wurde er später namentlich durch Otzen in Berlin noch
weiter entwickelt.
Die Renaissance, der Stil, der unter allen historischen
Stilen dem künstlerischen Auge wie auch den baulichen Bedürf⸗
nissen des Realismus am besten entgegenkam, ist im 19. Jahr⸗
hundert als eine Bauweise, die das Städtebild zu bestimmen
begann, wohl zuerst in Wien gepflegt worden: in der Haupt⸗
stadt eines Landes, das enge Verbindungen mit Italien nie—
mals abgebrochen hat. In Wien haben van der Nüll (1812
bis 1868) und Siccard von Siccardsburg (1818 -1868) in
diesem Stile gebaut, ehe sie durch den Einfluß Försters und
Hansens verdrängt wurden. Aber auch an anderen Orten
wurden seit den dreißiger und vierziger Jahren stärkere Bau—
versuche im Renaissancestil gemacht, so von Leins (1814-092)
in Stuttgart, von Nicolai (1811-81) in Dresden, von Neu⸗
reuther (181187) in München. Derjenige indes, der dem
Stil ein neues volles Heimatsrecht schuf, war doch erst Gott⸗
fried Semper (1808—79). Semper, dem es zuerst gelang,
den klassizistischen Theorien Böttichers in seinem Buche über
        <pb n="234" />
        Holler Realismus.

225

den Stil in den bildenden Künsten! eine weitherzigere Lehre
gegenüberzustellen, war allerdings nicht eigentlich und aufs
grundsätzlichste Renaissancearchitekt. Er ging vielmehr von der
Anschauung aus, daß der Bau jeder Zeit Ausdruck des speziellen
baulichen Bedürfnisses, des künstlerischen Auges und der aus dem
Material hervorgehenden besonderen technischen Anforderungen
sein müsse; und er hat selbst in den verschiedensten Stilen
gebaut. Allein mit Recht hat er, wenn er in den Stilen der
Vergangenheit Umschau hielt — und in historisch-archäologischer
Richtung bewegte man sich nun doch einmal — betont, daß die
Renaissance der seelischen Haltung wie auch noch den praktischen
Bedürfnissen der Zeit am besten entsprach: und vor allem, er
wußte aus der innigen Überzeugung von diesem Zusammenhange
wie aus den Regungen einer fein empfindenden Künstlerseele
heraus den alten Stil der Florentiner Renaissance in lebens⸗
voller Umgestaltung der Gegenwart anzupassen. Dabei tat er
das ohne äußerlichen Bruch mit dem Klassizismus; vielmehr ver—
mittelte er von diesem heraus, wenn er der neuen Renaissance
die Fähigkeit zuschrieb, die von den Griechen gefundenen Einzel⸗
formen sinnbildlich zu verwerten und mit der Raumkunde der
alten Römer zu verbinden.
Semper war 1829 in Paris gewesen als Schüler der—⸗
jenigen Architekten, die mit französischer Klarheit und Leichtig—
keit die Renaissance erneuerten, Lesueurs und Labroustes. Aus
ihrer Lehre her hat er dann die italienische Renaissance vor
allem begriffen und, seitdem er 1834 Professor in Dresden
geworden war, nach deren Bilde geschaffen: vom Jahre 1841
ib entstand als sein erstes großes Werk in diesem Sinne das
später abgebrannte ältere Dresdener Hoftheater. Es war eine
Renaissance, die dem aufblühenden Kolorismus, dem Sinne
fürs Malerische bei aller gemessenen Vornehmheit der Formen
entgegenkam; ist doch Semper selbst für die Farbigkeit der
antiken Tempel theoretisch eingetreten. So gab er seinen Bauten
gegenüber dem, was die Zeit, aus geringer Kenntnis der alten

1 VBgl. Bd. VIII, 2, 634.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.
        <pb n="235" />
        226 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Denkmäler abgeleitet, für den Typ der Renaissance hielt, ent⸗
schiedenere Gliederung, stärkere Gegensätze, breitere Schatten,
bewegtere Flächen; und schmückte die Innenräume durch eine
Farbenpracht, deren Vorbild die pompejanischen Wandmalereien
und der ihm nachgeschaffene Innenschmuck Raffaels und seiner
Schüler waren. Damit wurde eine Entwicklung eingeleitet,
die ihren Höhepunkt erst mit den fünfziger und sechziger Jahren,
in den Zeiten des blühendsten Kolorismus, erreichte; ihr
wichtigstes Denkmal vielleicht, das heutige Dresdener Hof⸗
cheater, ist nach Sempers Plänen erst von 1871 ab gebaut
vorden.

Inzwischen aber war, nicht zum geringsten durch Sempers
Einfluß, eine jüngere Generation von Renaissancearchitekten er⸗
wachsen, die nun die Formen mit noch mehr Beweglichkeit und
nicht bloß nach dem als Typ angesehenen Muster weniger
Bauten der höchsten Blütezeit des 15. und 16. Jahrhunderts
handhabten, und unter deren Arbeit die deutsche Renaissance
mit ihrer größeren Freiheit der Raumkomposition und darum
stärkeren Anpassungsfähigkeit an moderne Bedürfnisse immer
mehr neben die italienische Renaissance trat: vor allem das
Wohnhaus der neuen Renaissance wurde ihr verdankt.
Es war eine Bewegung, die allenthalben einsetzte, in ihrem
Verlaufe waren Gnauth in Stuttgart und Nürnberg, Weiß—
bach und Giese in Dresden, Durm in Karlsruhe tätig; wesent—
liche Entwicklungsstätten aber wurden Wien und Berlin. In
Wien trat Heinrich Ferstel (1828 —88) hervor und nach ihm
Karl von Hasenauer (1833—-1894); sie haben jene prunkende
Hochrenaissance geschaffen, die dem Wiener Sinn entsprach,
auf Fremde aber nicht selten einen überladenen Eindruck
macht.

Viel später als in Wien wurde die Renaissance in Berlin
heimisch; und auch unter ganz anderen Bedingungen ist sie hier
groß geworden. Ihre Einführung fiel erst in die bewegten
sechziger und siebziger Jahre, die durch das Wort „Berlin wird
Weltstadt“ charakterisiert wurden. Es war eine Zeit des Drängens
und Treibens; es waren die Jahre, da Berlin zur Millionen—
        <pb n="236" />
        Holler Realismus.

227

stadt heranwuchs, da alles gleichsam amerikanische Dimensionen
aund amerikanisches Wesen anzunehmen drohte. Der Baukunst
wurden damit völlig neue Aufgaben gestellt: Banken, Geschäfts—
häuser, Gasthäuser, Privathäuser in einer bisher nicht gekannten
Größe und Uppigkeit: und die Ausführung dieser Bauten fiel
zumeist, entsprechend dem zum modernen Unternehmertum er⸗
wachenden Kapitalismus, Architekten anheim, die sich zu förm—
lichen Baufirmen entwickelt hatten: Ende und Böckmann,
Kyllmann und Heyden, van der Hude und Hennicke, Kayser und
von Großheim, Gropius und Schmieden usw. Die Folge war
natürlich zunächst eine mehr geschäftsmäßige Auffassung des
Bauens, stärkerer Wettbewerb im Kostenanschlag, skrupellosere
Verwendung von Surrogaten. Doch besserte sich die künstlerische
Auffassung im Laufe kurzer Zeit: den schüchternen Anfängen
mit Villen und Palästen in der ersten Hälfte der sechziger
Jahre, die zudem noch mit der ungestümen Kritik der ver⸗
fallenden Schinkelschen Schule zu kämpfen hatten, folgte, nach—
dem schon 1867 das Rote Schloß von Ende und Böckmann
gebaut worden war, in der Zeit nach dem Großen Kriege die
Anwendung deutscher Renaissance auch schon an Geschäfts⸗
häusern, und die Bauten der Börse und der Reichsbank durch
Hitzig, der großen Bankanstalten durch Ende und Böckmann,
der Kaisergalerie durch Kyllmann und Heyden zeigten rasche
Fortschritte zu Selbständigkeit und Größe, während man bis
dahin noch von Wien gelernt hatte.
Seit dieser Zeit wurde dann die neue Renaissance auf
mehrere Jahrzehnte zum eigentlichen deutschen Stil überhaupt;
sie hatte den Klassizismus fast gänzlich verdrängt und die Gotik
der Hauptsache nach auf gewisse Aufgaben, Kirchen oder Rat⸗
häuser oder Hallenbauten, beschränkt; was sie in dieser Zeit
vermochte, bezeichnet vielleicht kein Bau besser als der Prunk—
palast des Hamburger Rathauses von Bluntschli und Mylius
(seit 1872).
Vom Ende der achtziger Jahre ab unterlag der Stil dabei
einer immer deutlicheren Abwandlung. Man lernte größer und
freier bauen; die Betonung von Licht und Schatten wurde in
152
        <pb n="237" />
        228 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Fassadenanlage stärker; und vor allem in der Disposition
der Innenräume wurden ganz neue Wirkungen und Gegensätze
slutenden Lichts und beschatteter Räume durchgeführt. Das
Problem der Lichtführung als wesentliches Mittel ästhetischer
Wirkung drang damit vor und bald durch; man ging zu den
Formen des Barocks über, und man kam von da aus denselben
Folgezusammenhängen heraus, die sich im 18. Jahrhundert
geltend gemacht hatten, zu der Formenwelt auch des blühenden
Rokokos.
Doch vollzog sich die Entwicklung nun nicht etwa auch
immer nach den für das 18. Jahrhundert geltenden Gesetzen.
Neue Faktoren mischten sich ein, veränderten das Bild und
führten aus dem nachahmenden Stilarchaismus zu den An⸗—
fängen einer wirklich neuen, modernen Bauweise. Diese Faktoren,
wie sie die nachahmende und nachschaffende Phantasie immer
mehr beengten und dem naiven, mit dem in der Gegenwart Ge—
gebenen rechnenden Künstlersinn immer mehr Freiheit schufen,
waren der Hauptsache nach: veränderte Volkswirtschaft und
darum veränderte Raumbedürfnisse bei steigendem Reichtum;
verändertes Material, namentlich Eisen, und darum veränderte
Technik im weitesten Sinne des Wortes; endlich ein verändertes
künstlerisches Auge, das auch im Innenraum einfache Klarheit
und Größe und darum einfaches, stark flutendes und freies
Licht suchte. Es sind die Vorgänge, die in die neue, hier
nicht mehr zu behandelnde zweite Veriode des Subiektivismus
hinüberführen.
In der Natur der Dinge lag es, daß der Übergang von
den Gerüststilen der Antike und der Gotik zu den Wandstilen
der Renaissance und des Barocks zugleich das Kunstgewerbe in
sebhafte Bewegung setzte: denn der Stil der Kleinkunst wird
wesentlich durch das Mobiliar im weitesten Sinne, dessen Stil
aber durch den der Architektur bestimmt. Dabei verlangen die
Gerüststile im allgemeinen Möbel, in denen das konstruktive
Element klar zutage tritt: so ist es bei dem antiken Mobiliar
der Fall gewesen, so noch mehr bei dem gotischen bis zu dem
Grade, daß das einzelne gotische Möbel fast zu einer Detail⸗
        <pb n="238" />
        Voller Realismus.

229

architektur des großen Stils entartete. Ein solches Gerüst⸗
mobiliar aber hat im ganzen und großen immer etwas Nüch—
ternes, Gemessenes, nicht selten fast Unwohnliches, Unbehag⸗
liches. Das ist denn auch der Eindruck, den in ihrem Mobiliar
rein erhaltene Räume aus der ersten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts vermitteln. Erinnert man sich weiter, daß diese Zeit
in Deutschland noch arm war und daß man am besten noch
aus der Armut eine Tugend machte, und fügt man hinzu, daß
schon die Zimmerausstattung des Rokokos in Deutschland im
allgemeinen, d. h. bei den Bürgern, ärmlich gewesen war, und
daß eben diese Bürger jetzt zum führenden Stand der Nation
geworden waren: so begreift sich, daß das Kunstgewerbe der
Zeit der Linienkunst und des Gerüststils, des Klassizismus und
der Romantik wenig bedeutete.
Wie ganz anders wurde das, als die Periode der Farben⸗
kunst und der Wandstile, vor allem der neuen Renaissance
heraufkam! Jetzt wurden die schmückenden Teile gerade der
— DDD
Möbel übertragbar sind, Anlaß zu raschem Fortschritt in der
Dekoration des Tischlergewerbes; und bald wurden auch die
Möbel wieder nach Analogie der einzelnen Bauteile der
Renaissance konstruiert: die Schränke, die Kommoden wurden
gleichsam kleine Renaissancepaläste. Und was fast ebensoviel
besagte: auf diesem Gebiete konnte die Phantasie der Klein—
kunst ganz anders an die Vergangenheit anknüpfen wie auf
dem der Gotik oder der Antike. Welche Unsumme kunst⸗
gewerblicher Gegenstände der Renaissance war in deutschen
Bürgerhäusern noch aus der ersten großen Zeit des Bürger⸗
tums erhalten! So nahm das Kunstgewerbe noch früher als
die große Architektur eine entschiedene Richtung auf die vater—
ländische Renaissance des 16. Jahrhunderts; es ist in dieser
Richtung beinahe tonangebend gewesen; die Baumeister sind
ihm vielfach erst gefolgt. Und indem man so den Blick rück—
wärts wandte auf das Kunstgewerbe noch wohl erkennbarer
Zeiten und zugleich der allgemeinen historischen Strömung
folgte, wurde eine Bewegung entfaltet, die mit der Samm⸗
        <pb n="239" />
        230 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

lung kunstgewerblicher Schätze der Vergangenheit in besonderen
Museen die Wiederentdeckung früherer Techniken und die Er—
weckung eines neuen Kunsthandwerks in besonderen Lehranstalten
verband.
Die Anfänge des Neuen auf diesem Gebiete führen wie
die anfängliche Verbreitung des Renaissancestils überhaupt nach
Wien. Hier nahmen sich Eitelberger und Dumreicher dieser
Dinge zuerst kunstgeschichtlich an; die Formen, die man dann,
vornehmlich unter Ferstels schöpferischem Einfluß, entwickelte,
waren zunächst die der italienischen Renaissance, und allzulange
vielleicht wurde gerade in Wien an ihnen festgehalten. Ver⸗
stärkt wurde die Bewegung durch die Erfahrungen der Welt—
ausstellung des Jahres 1807, in der man die Höhe der tech—
nischen Leistungen anderer Nationen kennen und bewundern
lernte und namentlich sah, wie sehr England eine ähnliche
Leitung des Kunstgewerbes, wie man sie vorhatte, zustatten
gekommen war: hier hatte Semper als politischer Flüchtling
nach 1848 zusammen mit dem Prinzgemahl Albert die Be—
gründung des South-Kensington-Museums, des ersten Kunst⸗
gewerbemuseums der abendländischen Kulturen, durchgesetzt.
Zugleich aber packte man jetzt allenthalben das neue Werk an;
in Wien traten Jakob von Falke und Bruno Bucher hervor,
in München der Bronzegießer von Miller; in Berlin wurde
1867 ein Kunstgewerbemuseum begründet. Und bald kamen so
wunderbare Werke der Dekoration, wie das Innere des Hauses
des Grafen von Schack in München, 1874 von Gedon voll⸗
endet, zur Ausführung.
Inzwischen aber war die Strömung, verstärkt durch den
überschäumenden Kolorismus der Zeit und vornehmlich der
Pilotyschule, schon im Begriff, über die Renaissance hinaus in
die üppigeren, ausladenderen Formen des Barocks zu fluten.
Bezeichnete das Erscheinen von Lübkes Buch über die deutsche
Renaissance im Jahre 1873 die Eroberung einer vollen Kenntnis
dieses Stils, so machte im selben Jahre von Zahn den ersten
Versuch, das Barock historisch zu gliedern, und hatte ein Jahr
darauf Hettner sein Werk über den Zwinger herausgegeben.
        <pb n="240" />
        Voller Realismus.

2831

Diesen gelehrten Vorarbeiten folgte dann die praktische Ver—
wendung des Erforschten; 1880 schrieb Albert Ilg sein Büch—
lein über die Zukunft des Barockstils; und während Gurlitt
in den achtziger Jahren dessen Geschichte wie die des Rokokos
noch genauer klarlegte, zog das Barock, zunächst im Kunst⸗
gewerbe, dann auch im Baustil, und mit ihm und nach ihm
hier und da auch das Rokoko, vornehmlich freilich zunächst nur
in Dekoration und Kunstgewerbe, ein.
Konnte nun aber eine Zeit, wie die bisher in Kunst—
gewerbe, Architektur und Malerei geschilderte, der Entwicklung
einer freien und großen Bildnerei besonders günstig sein? War
diese etwa noch von den großen künstlerischen Kulturen des
Barocks und der Renaissance auf deutschem Boden hervor⸗
gebracht worden? Und hatte der malerische Kolorismus jetzt
irgendwie stärkere Beziehungen zur Plastik? Alle Künste dieser
Jahre hatten sich der Hauptsache nach schließlich einer Ent—
wicklung nach der Seite des Schmuckes zu hingegeben, allen ent—
sprach darum auch weit mehr eine hohe Blüte dekorativer als
selbständiger und hoher Bildnerei. So war denn für eine große
Plastik kaum Raum; höchstens daß die Bildnerei der früheren
Zeit, der klassizistischen und romantischen Linienkunst, im wesent⸗
lichen am Dasein blieb, obschon auch sie nicht besonders lebendig
hervortrat, wenn sie auch allmählich eine zunehmende Neigung
zuerst zum Realismus überhaupt, dann insbesondere zum Male—
rischen entwickelte.
Dabei war diese Plastik ihrer äußeren Formgebung nach
zumeist noch eine solche des Klassizismus. Daneben hätte ja wohl
auch noch eine solche der Gotik in Betracht kommen können.
Allein deren gerade in der Bildnerei des 14. und 15. Jahr—
hunderts ins Äußerste getriebene Formensprache war der Zeit
doch zu fremd, als daß sie allgemeinen Anklang und Nachbildung
gefunden hätte; selbst Meister wie Schwanthaler (1802-48)
blieben, soweit sie gotisierten, ziemlich vereinzelt. Wohl aber
retteten sich, zumeist vermutlich durch Vermittlung gotisierender
Malereien, einige abgeschwächte Einflüsse der Gotik auch in
die klassizistische Richtung, wie denn in dieser bis zu ihrem
        <pb n="241" />
        232 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Untergange auch noch etwas von dem Anmutig-Gezierten des
Rokokos zurückblieb.
Die letztere Beobachtung gilt namentlich für den eigent—
lichen Vater der Bildnerei dieser Zeit, für Rauch (1779 bis
1857)1. Erwies es sich für Rauch als notwendig, sich dem
steigenden Realismus des Tages zu nähern, so wurde er leicht
befangen; und nur, wo ihn der feste Sinn des Bestellers und
besondere Begeisterung für die gestellte Aufgabe vorwärtstrieb,
etwa in seiner Königin Luise im Tiergarten, auch in seinem
Denkmal Friedrichs des Großen unter den Linden, hat er dann
Tüchtiges geschaffen. Das Problem aber, das bei solchen Denk⸗
mälern — und namentlich seit den sechziger und siebziger Jahren
wurde die Zahl der öffentlichen Denkmäler in Deutschland
Legion? — immer wieder auftrat, war das des gegenüber den
klassizistischen Anforderungen etwa noch zulässigen Realismus;
und es spitzte sich äußerlich der Regel nach auf die Frage zu,
ob für den Dargestellten das Zeitkostüm zulässig sei. Auf
diesem Gebiete haben dann die Besteller, deren Meinung für
dergleichen Arbeit nicht gleichgültig bleiben konnte, meist für
den Realismus, d. h. das Zeitkostüm, entschieden; und damit
drang dieses denn schließlich auch völlig durch. Indes selbst
Bgl. schon Bd. VIII, 2, 689.
Um 1850 gab es noch wenig öffentliche Denkmäler in Deutschland,
von Goethe und Schiller z. B. je eines in Frankfurt und Stuttgart. Eben
1850 wurde das Herderdenkmal in Weimar enthüllt. Diese Gelegenheit
gab Liszt (Ges. Schr.? 8, 2, 70 -71) Gelegenheit zu folgender, für die Zeiten
des Historismus bezeichnender Betrachtung: „Diese Bevorzugung eröffnet
zugleich der Kunst des Bildhauers eine reiche Quelle der Juspiration. Sie
gibt ihm Gelegenheit, öfter von der Sphäre des Gefühls und des Gedankens
in die der Geschichte zu treten und der Verkörperung bestimmter Ideen
aachzugehen. Gezwungen, nicht nur die Größe der Männer, die er den
Jahrhunderten überliefern soll, genau zu kennen, sondern auch in ihr
geistiges Wesen vorzudringen, bis er gleichsam den Strahl auffängt, der
sich über ihre Person ergießt, den Blick mit mildem, sanftem Widerschein
belebt oder auch den Konturen den Charakter gebieterisch lebendiger Be—
stimmtheit aufdrückt, findet der Bildhauer, um zu der Menge zu reden,
eine Form, die er ihr vertraut, verftändlich und teuer macht, und durch
welche er sich mit ihr in unmittelbare Beziehungen setzt.“
        <pb n="242" />
        Voller Realismus.

288

damit wurde ein gewisser äußerlicher Klassizismus noch keines⸗
wegs ausgetrieben. Denn es gelang schließlich, sogar den Hosen
und Westen und Röcken einen antikischen Faltenwurf abzu—
gewinnen: in anderer Umhüllung lebten so die alten Stil—
momente, wenn auch oft schon unverstanden, fort und gaben
den meisten öffentlichen Denkmälern jenes Weltabgeschiedene,
das den Blick der Vorbeigehenden heutzutage eher abwehrt als
auf sich lenkt.
Aus den Bahnen dieser Auffassung hat sich dann freilich
allmählich Rauchs größester Schüler, Rietschel (1804 -1861),
mehr der Wirklichkeit zugewendet; seine besten Werke aus den
fünfziger Jahren, der Lessing in Braunschweig (1833), das
Goethe- und Schillerdenkmal in Weimar, enthüllt 1857, zeigen
ihn auf der Höhe dieses Weges; und später sind Schaper
(Goethe von 1880) und andere seinen Spuren gefolgt.
Allein daneben blieb doch immer noch der zahme Klassizismus
Rauchs bestehen, und auch in größeren Denkmälern, wie
Schillings Germania auf dem Niederwald (1883) und Siemerings
Leipziger Siegesdenkmal (1888), herrschte er noch mit, wenn
auch an beiden Denkmälern einzelnes, dort der Genius des
Krieges, hier die Reiterdenkmäler Bismarcks und Moltkes, weit
realistischere Züge aufweisen. Vor allem aber rettete sich der
Klassizismus in die vielfachen Allegorien der Weisheit und der
Tapferkeit, des Handels und der Künste, des Gerüchtes und
des Ruhms und in die Genrebildchen nach antikischer Weise,
die flötenden Hirten und badenden Mädchen, die ironisierten
Amoretten und humoristisch behandelten Faune und all die
andere philiströs-liebenswürdige Formenwelt klassizistisch-anti—
quarischer Phantasie. Die Schule, die hier am eifrigsten tätig
war und manch braves Werk geschaffen hat, war die Dresdener
unter Führung Hähnels; noch die sechziger und siebziger Jahre
hat sie ganz beherrscht. Neben Hähnel (181191) war Schilling
(geb. 1828) ihr bedeutendster Vertreter; eines seiner liebens—
würdigsten und zugleich bedeutendsten Werke ist die Vierzahl
der Gruppen auf der Treppe der Brühlschen Terrasse zu
Dresden (1862).
        <pb n="243" />
        234 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Hinaus über diese ruhselige Kunst, wie sie im Schoße
einer immer pedantischer betrachteten Antike glücklich war,
führten erst die Meister, die entweder der Natur einzig und
direkt auf den Leib gingen, wie etwa Diez in seinem Gänse—
dieb (Dresden 1880), oder mit energischerem Naturstudium,
namentlich für das Porträt, die Anlehnung an Renaissance,
Barock und Rokoko verbanden. Unter ihnen ragten der früh—
verstorbene Tilgner (1844496) und der langlebige Begas
(geb. 1831) hervor: ein liebenswürdiger Wiener und ein straffer
Berliner, jener weichen Linien huldigend, dabei nicht eigentlich
von mehr als einer allgemeinen Rokokohaltung, dieser ein
energischer Kenner und Nachahmer der Alten, Michelangelos,
Gianbolognas, Berninis, ein Lenbach der Plastik, schon etwa
ein Jahrzehnt vor Tilgner, mit den sechziger Jahren, erfolg⸗
reich und mit immer höheren Aufträgen in seiner Kunst steigend
vom Berliner Schillerdenkmal (1872) bis zu dem großen Denk—
mal Kaiser Wilhelms, das 1897 enthüllt wurde. An diesen
größeren Werken hat Begas dann eine ganze Schule jüngerer
Bildhauer herangezogen, die namentlich bei den Bildwerken der
Siegesallee zu Berlin im Auftrage Kaiser Wilhelms II. be—
schäftigt war; und in ihr ragte damit die Periode des künstle—
rischen Auges der dreißiger bis siebziger Jahre noch lange in
einiger Frische bis tief in schon ganz anders geartete Zeiten.
Dabei ist es kein Zufall, wenn gerade auf dem Gebiete
der Plastik selbst noch mehr als auf dem der Architektur diese
Periode am längsten fortwährte. Mehr wie andere Zweige
der bildenden Künste ist die Plastik an die Form und durch
sie an den Umriß und mit diesem an das künstlerische Auge
eines Linienstils gebunden: eben darum verließ sie schon die
allgemeinen Vorbedingungen künstlerischen Schaffens, wie sie
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bestanden,
am spätesten, nahm darum auch die Voraussetzungen des
künstlerischen Auges des Realismus, das Malerische, die
Stimmung — von der Farbe zu geschweigen — am spätesten
auf und bewahrte diese schließlich über die Jahre des Realis—
mus hinaus bis weit in eine Zeit hinein, die aus den all—
        <pb n="244" />
        Voller Realismus.

235

gemeinen künstlerischen Bedingungen des Impressionismus heraus
allmählich eine ganz anders geartete Plastik entstehen sah.

2. Für den Gesamtverlauf der bildenden Künste in der
Zeit des Realismus ist vielleicht nichts bezeichnender als der
volle Beginn mit der Entwicklung der Historienmalerei und der
Abschluß mit einer Blüte vornehmlich und fast allein des Kunst⸗
gewerbes: eine schon im Anfange von des Gedankens Blässe
angekränkelte Geschichte endete in Formen, die, an den Auf—⸗
gaben der hohen Kunst gemessen, das Gepräge des Äußerlichen,
des Dekorativen tragen. Es war ein ähnlicher Verfall, wie
ihn die Kunst des frühen Individualismus, die Kunst der
van Eycks und Schongauers und Dürers und Holbeins mit
den dreißiger Jahren etwa des 16. Jahrhunderts durch das
UÜberwiegen der religiösen Interessen der Reformation erlebt
hatte.
Die ideologischen Momente aber, die diesen Ausgang herbei—
führten, griffen in dem einen wie dem anderen Falle weiter.
Wie die Dichtung des 16. Jahrhunderts unter dem sengenden
Strahl einer neuen Gottesgewißheit verdorrte, so litt in ähn—
licher Weise die Literatur des 19. Jahrhunderts unter den aus⸗
trocknenden Wirkungen zunehmender Wissenschaftlichkeit. Und
wie diese Wissenschaftlichkeit auf dem Wege der Historienmalerei
in die bildende Kunst eindrang, so verbreitete sie sich in der
Literatur auf dem Wege der Romandichtung, neben der Drama
und Lyrik eine immer geringere Rolle spielten: bis beide, vor
allem aber die Lyrik, ins Spielerische und rein Formale über—
gingen, entsprechend dem kunstgewerblichen Schicksal der Bau—⸗
kunst und Plastik.
Um das Jahr 1840 lag ein Wendepunkt in der Geschichte
der deutschen Erzählungskunst. Gewiß währte die alte idyllische
Erzählung einst Rousseauschen Ursprungs, wie sie zum Teil
von außen durch Bernardin de St. Pierres „Paul et Virginie“
(1789) und Chateaubriands „Atala“ (1801) von neuem an—
        <pb n="245" />
        236 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

geregt sein mochte, in den Tiefen und namentlich in der Form
des transozeanischen Idyllenromans noch fort. Und auch der
Gesellschaftsroman der früheren Perioden, insoweit er Gattung
geworden war, der Roman der Lafontaine und Kotzebue, war
nicht ausgestorben; Held dieser Schriftstellerei war jetzt der
von Hauff verspottete Clauren (der preußische Hofrat Carl Heun,
1I771-1854): in seinen Romanen herrschte ein widerliches Ge⸗
misch von Sentimentalität und Lüsternheit, von Reflexion und
Anspornung niedriger Instinkte: kurz Unwahrhaftigkeit im
einzelnen wie im ganzen, auch in der Schilderung der Charaktere
und der landschaftlichen Umwelt. Allein der eigentlich roman—
tische Roman war um diese Zeit abgestorben, und nicht minder
gehörte nun der künstlerisch halb romantische, halb realistische
Roman des Jungen Deutschlands schon zu den Toten. Frei
schien die Bahn für eine reine Entfaltung des Realismus.
Dabei fehlte es, in einer Vorperiode etwa seit den zwan⸗
ziger Jahren, nicht an Ansätzen in dieser Richtung. Da hatte
Julius von Voß (1768 1838) sogar schon noch früher die
militärische Skizze entwickelt, aus deren Keim sehr wohl die Kunst
eines rein realistischen Militärromans hätte hervorgehen können.
Allein dieser Ansatz war nicht fortentwickelt worden; der nächste
Nachfolger Vossens ist eigentlich erst Hackländer (1816-1877)
gewesen; und dessen Militärhumoresken, die der Hauptsache
nach erst in den vierziger und anfangs der fünfziger Jahre er—
schienen, waren grob gezeichnet und nicht geeignet, das be—
sondere Stoffgebiet literarisch zu empfehlen. Neben die militä—
rische Skizze aber hatte sich früh schon auch die bäuerliche
Skizze gestellt, so wie neben der realistischen Soldatenmalerei
das malerische Bauerngenre aufgekommen war. Aber es war
der Hauptsache nach nur in der Schweiz geschehen und hier in
engster, ja fast erstickender Verbindung mit pädagogischen Ten—
denzen: so bereits bei Pestalozzi, noch mehr bei Zschokke (1771
bis 1848), vollendet endlich und nun freilich auch in fast un—
bewußter hoher, doch schon impressionistischer Kunst bei Bitzius.
Daneben konnte sich allenfalls nur noch das der Schweiz in
so vieler Hinsicht seelisch verwandte Niedersachsen sehen lassen;
        <pb n="246" />
        Voller Realismus.

287

hier gipfelten vereinzelte Versuche in Immermanns „Oberhof“
(1839). Allein in den meisten dieser Produkte und selbst auch
im „Oberhof“ wurde ein wirklicher Realismus eigentlich doch noch
nicht erreicht. Gewiß gelang es Immermann, dem zerfahrenen,
broblematischen, überromantischen Münchhausen in den klaren,
festen Bauernnaturen Westfalens fesselnde Parallelcharaktere
gegenüberzustellen, und eben in dieser Kontrastierung sieht er
schärfer; aber seine Frauengestalten bleiben noch blutleer gleich—
sam im Bereiche einer auszehrenden idealistischen Luft und
romantisch farblos. Endlich hat auch die ethnographische
Schilderung und der ethnographische Roman frühem Realismus
eine gewisse Unterkunft geboten: auch hier wird man wieder
an die Entfaltung der Landschaftsmalerei, namentlich auch an
die Durchbildung der italienischen und mittelmeerischen Vedute
erinnert. In diesen Zusammenhang gehören Leopold Schefers
Novellen, deren erste 1825 bis 1829 erschienen. Schefer ist vor
allem im östlichen Mittelmeer, an den Küsten von Hellas und
Kleinasien und auf den Agäischen Inseln zu Hause; und während
seine Charakterstudien noch weich und verschwommen bleiben,
schildert er die Landschaft nicht ohne Geschick, schriftstellerisch
schon auf der malerischen Entwicklungshöhe etwa eines Leopold
Robert. Aber Nachfolger hat er nicht gehabt; vergebens würde
man sie etwa unter den Verfassern der zahlreichen Romane
aus den Jahren der griechischen Freiheitskämpfe suchen, die
in Deutschland nicht wenig beliebt waren. Dagegen fand sich
ein Schilderer von großer Kraft der Imagination und der
Wiedergabe für ein ganz anderes, damals noch voll exotisches
und doch den Deutschen verwandtschaftlich nahes Gebiet, für
Nordamerika. Es war Karl Postel (Charles Sealsfield). Postel
hatte von 1822 ab in Amerika gelebt, ließ sich 1832 in der
Schweiz nieder und veröffentlichte nun vor allem im folgenden
Jahrzehnt eine Reihe von Romanen, die das größte Aufsehen
erregten. Was Postel vor allem auszeichnete, das war die
Virtuosität der ethnographischen und noch mehr der land—
schaftlichen Schilderung. Bewältigte er die erste vor allem
dadurch, daß er die verschiedenen Nationalitäten so viel als
        <pb n="247" />
        238 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

möglich in ihrer Sprache reden ließ, womit er ihnen freilich
den stärksten Duft ihrer Eigenheit wahrte, so wurde der ent—
schiedene Wirklichkeitseindruck seiner Landschaftsschilderungen
durch wenige drastische Mittel der Sprache gewonnen: hier
vor allem war er von vorher unerreichter Kunst. Freilich aber
erschöpfte sich sein Realismus in der Ausbildung dieser
doppelten und vornehmlich der landschaftlichen Skizze; die
Durchdringung der ganzen Fabel mit den starken Eigenheiten
des Amerikanismus konnte schon darum nicht seine Sache sein,
weil er dem amerikanischen Charakter einen idealistischen Kultus
weihte; und auch in der allgemeinen Kunst der Komposition
blieb er zurück. Sein Realismus war also gleichsam frag⸗
mentarisch, indem er sich nur auf Teile des Romans bezog.
Mit Sealsfield ist aber der ethnographisch-geographische Roman
in Deutschland nicht ausgestorben. Doch hat er, soweit er sich
auf fremde Länder bezog, der literarischen Entwicklung später
kaum noch neue Momente hinzugefügt. Männer wie Mügge
(180661), Gerstäcker (1816272) und ihre weiteren Nach—
folger hielten sich der Hauptsache nach ans Stoffliche; ihre
Schriften dienten mehr der belehrenden Unterhaltung als
ästhetischem Genusse. Die künstlerische Fortbildung des land⸗
schaftlichen und ethnographischen Elements fiel vielmehr zum
Teil den wissenschaftlichen Reisebeschreibungen, soweit die Heimat
in Betracht kam, aber vor allem der Bauerngeschichte zu—
In erster Linie bezeichnend indes für die Frühzeit und
Vorperiode der realistischen Erzählungskunst ist es, daß sich
alsbald und von vornherein künstlerisch überwiegend neben
Versuche unmittelbaren Eindringens in Natur und menschliche
Gegenwart die historische Erzählung stellt. Und nicht minder
bezeichnend ist, daß in dieser Entwicklung neben dem besonderen
historischen Sinn sofort, fast ganz wie auf dem Gebiete der
Malerei, der Einfluß fremder Kulturen wirksam wird.
Maßgebend aber war dabei in der Literatur nicht so sehr
der Einfluß Frankreichs oder Flanderns wie der Englands oder
richtiger Schottlands. Und hier wurde wieder fast ausschließ⸗
lich die Kunst eines einzigen Mannes wichtig, die Walter Scotts.
        <pb n="248" />
        Holler Realismus.

289

Scott, der selber erst durch Goethes „Götz“ und Webers „Sagen
der Vorzeit“ angeregt worden war, hatte eine neue Methode
epischer Vergegenwärtigung und — wie das so häufig mit—
einander zusammengeht — zugleich auch eine neue Stoff—
abgrenzung gefunden. Über die Entwicklung seiner Methode
hat Scott eine Reihe lehrreicher Selbstbekenntnisse hinterlassen.
Darunter das folgende: „Ich habe mein künftiges Werk zu
wiederholten Malen abgewogen, es in Bände und Kapitel ein⸗
geteilt und mich bemüht, eine Geschichte zusammenzufügen,
welche sich stufenweise und anregend entwickelte, in Spannung
erhielte und die Neugier reizte und zuletzt in einer ergreifenden
Katastrophe endigte. Aber ich glaube, ein böser Geist setzt sich
auf die Feder, wenn ich anfange zu schreiben, und lenkt sie
anders, als ich will. Die Charaktere vergrößern sich unter der
Hand; die Vorfälle mehren sich, die Geschichte hat einen lang⸗
sameren Verlauf, während der Stoff anschwillt; mein regel⸗—
rechtes Haus wird zu einem gotischen Bau, und das Werk ist
geschlossen, ehe ich das Ziel erreiche, das ich mir vorgesteckt.“
Es sind Sätze, die sehr anschaulich die Schwierigkeit schildern,
die es in den frühesten Zeiten des Realismus machte, zu einer
wirklich ebenmäßig durchgeführten Komposition einer größeren
Erzählung zu gelangen. Aber eben Scott hat diese Schwierig⸗
keit zuerst überwunden. Er zuerst band die Komposition strenger
an die Höhepunkte der Erzählung ganz im Gegensatze zu den
willkürlichen Abschweifungen und der Häufung von Zufällen
namentlich in der deutschen Romantik: und fand damit den
Punkt, von dem aus sich die epische Kunst des realistischen und
des modernen Romans überhaupt erst entwickeln konnte. Zu⸗
gleich aber schritt er zu einer weit stärkeren Vergegenwärtigung
der Vergangenheit fort, als man sie bis dahin gekannt hatte:
er drang halb wissenschaftlich in die Einzelheiten der alten
Jahrhunderte ein und nützte den Ertrag seiner antiquarischen
Studien für seine Schilderung. Und da er hierbei erkannte,
daß von dem vergangenen Seelenleben, ja von der Außenwelt
der Vergangenheit in Sitte und Brauch große Bruchstücke noch
in den niederen Schichten des Volkes fortlebten, so ergab er
        <pb n="249" />
        240 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

sich dem Studium auch dieser Kreise, der Bauern, Jäger,
Hirten, als einem auch für ihn wichtigen Stoffgebiet: hier
streifte er die Gegenwart und kann in diesem Zusammenhange,
so sehr er in jeder Hinsicht romantischer Romancier blieb, doch
auch als ein Vorläufer der späteren Dorfnovelle und Bauern⸗
geschichte gelten.
Scotts Romane erschienen in Deutschland seit 1815 in
Übersetzungen; sie machten auch schon deshalb außerordentliches
Aufsehen, weil sie auf keinerlei große Produktion einheimischer
historischer Romane stießen; in dem mit 1820 beginnenden
Jahrzehnt beherrschten sie beinahe das literarische Interesse, ja
griffen in die wissenschaftliche Bewegung ein; es ist lehrreich zu
sehen, wie sehr sie auf Ranke gewirkt haben. Natürlich führte dies
Interesse bald zur Nachahmung. Dabei handelte es sich anfangs
um eine sehr unselbständige Nachfolge; Willibald Alexis hat
seinen ersten Roman „Walladmor“ sogar unter Scotts Namen
eingeführt. Doch bald begann ein reicher Flor freierer Nach—
ahmung: Tiecks „Aufruhr in den Cevennen“ (1826), Zschokkes
„Addrich im Moos“ (1826), Rehfues' „Scipio Cicala“ (1832),
vor allem Hauffs „Lichtenstein“ (1824) gehören in diesen Zu—
sammenhang. Aus dem Kreise der zahlreichen Romanschreiber
auf diesem Gebiete — neben den Genannten sei an Rellstab,
Storch und den Baron von Ungern-Sternberg erinnert — hob
sich aber im Grunde doch nur einer bis zum wirklichen Wett—⸗
kampf mit dem Vorbild des großen Schotten, und dieser eine,
den man wohl den Rethel der Literaturgeschichte nennen darf,
wurde zunächst, eben wegen seines fortgeschrittenen Wirklichkeits⸗
sinnes, von den Zeitgenossen nicht anerkannt: Willibald Alexis
(Häring, aus einer Breslauer Refugiéfamilie Harenc stammend,
1798- 1871). Die fruchtbarste Schaffensperiode von Alexis
lag zwischen 1840 und 1856; 1840 erschien sein „Roland von
Berlin“, 1842 „Der falsche Waldemar“, 1846 „Die Hosen des
Herrn von Bredow“, 1852 „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“,
1854 „Isegrimm“, 1856 „Dorothee“. Dieser Periode voraus
gehen aber zwei Frühperioden, eine erste, in der Alexis ganz
nach Walter Scott schuf, und eine zweite, in der außer Scott
        <pb n="250" />
        Voller Realismus.

241

auch der Einfluß der Jungdeutschen so stark und unvermittelt
wirksam wird, daß historische Erzählung und Schilderung in
einem Romane wie „Cabanis“ (1832) nur zu häufig der
Reflexion das Feld räumen. Es waren Perioden, die zeigen,
wie schwer es in den zwanziger und dreißiger Jahren selbst einer
ausgesprochen epischen Begabung noch wurde, in realistischer
Ruhe zu schildern, und insofern drücken sie der Vorperiode
des realistischen Romanes in Deutschland ganz allgemein ein
letztes Siegel auf.
In seinen späteren reifen Werken machte Alexis dann einen
merkbaren Schritt über alle mitstrebenden Romanciers der Früh—
zeit hinaus in vollere Wiedergabe der Wirklichkeit. Es geschah
auf einem Pfade, den man früher und gleichzeitig, aber frei—
lich viel entschiedener, auch in England einschlug: auf dem
Wege des Ergreifens des Ganzen eines großen Romans durch
eingehende Genremalerei der Teile: ja durch Zusammensetzen
aus diesen Teilen. Arbeitete die Phantasie in dieser Richtung,
so wurde es ihr natürlich leichter, das Detail zu sehen, zu
ziselieren, zu differenzieren, entschiedener der Wahrheit der
Dinge auf den Leib zu rücken. Freilich ging darüber wiederum
leicht die Einheit des Ganzen verloren: es sei denn, daß der
Dichter die liebevolle Versenkung ins einzelne schon als nichts
denn als einen Teil der notwendigen Technik begriff. So weit
ist nun Alexis allerdings noch nicht gekommen. Der Regel nach
blieb er im Genre stecken, das er dann freilich einem Menzel
in seinen frühen Zeiten vergleichbar mit einer unerhörten Deut—
lichkeit der Archäologie ausmalte: und das Ganze fügte sich
ihm höchstens durch ein außerhalb der Erzählung liegendes
ubjektives Kolorit zusammen; z. B. durch den Humor in den
„Hosen des Herrn von Bredow“. Er wandte aber seine Methode
auch auf die Konzeption und die Schilderung der Charaktere
an. Man kann sich die Folgen denken: die Charaktere blieben
schließlich Kompositen, und der Phantasie des Lesers wurde
es schwer, wenn nicht unmöglich gemacht, sie aus diesem Zu—
stande in das Leben einer einheitlichen Vorstellung überzuführen.
Gleichwohl leistete Alexis' Kunst schon Außerordentliches; welch
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 16
        <pb n="251" />
        242 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ein Abstand von dem Schematismus der Geschichtsromane vor
ihm mit ihren kaum konturierten Helden, welch ein Fortschritt
in der Richtung auf die großen historischen Fabulisten der
fünfziger bis siebziger Jahre, hin zu einem Spielhagen etwa
oder Freytag! Von Alexis führen aber auch schon starke Spuren
auf die impressionistischen Frühgefilde einer besseren Bauern⸗
erzählung und einer gegenständlicheren Landschaftsschilderung;
in dem Roman „Isegrimm“ (1856) hat er sogar beides mit—⸗
einander in glänzender Weise verbunden.
Sollte indes die Höhe eines weiter entwickelten Realismus
nicht bloß vereinzelt, sondern allgemein erreicht und ständig
festgehalten werden, so bedurfte es eines realistischen Aufbaues
der Erzählungskunst von den Grundelementen aus: und das
hieß vor allem einer realistischen Durchbildung der Skizze. Nur
wenn deren Kunst voll erreicht war, konnte mit stetigerem Er—
folge an eine wirksame realistische Technik für das Ganze des
Romanes gedacht werden.
Die Skizze trat nun aber erst um etwa 1840 als eigene
Kunstform auf, indem sie das reflektierende Feuilleton der jung⸗
deutschen Bewegung ablöste. Es war, wie sich im Zusammen—
hange unserer Erzählung fast von selbst versteht, der wirkliche
Anfang des eigentlichen Realismus: ein Vorgang, der mit dem
gleichzeitigen stärkeren Aufblühen der Griffelkunst, insbesondere
auch der Karikatur in Parallele gesetzt werden kann; in beiden
Fällen handelte es sich darum, zunächst einmal das isoliert
Gegenständliche des Lebens, das Leben als Einzelvorgang fest⸗
zuhalten.
Entwickelt wurde die neue Form der Skizze innerhalb des
Schwesternbereiches der europäischen Nationen freilich nicht
zuerst in Deutschland, sondern in Paris; und mit Sicherheit
können eine gar nicht große Anzahl französischer Romanciers
als ihre ersten Schöpfer bezeichnet werden. In dem hastigen
Treiben der einzigen kontinentalen Weltstadt der Zeit bot sich
dem Schriftsteller, der auf die Kenntnis des realen Lebens
ausging, eine Welt von ganz anderer Weite und auch ganz
anderem Charakter dar wie in den einfachen Verhältnissen des
        <pb n="252" />
        Voller Realismus.

248

platten Landes und der mittleren Städte Deutschlands. Be—
wegten sich hier Personen und Zustände innerhalb wohl—
begrenzter Wahrscheinlichkeiten, so herrschte dort gleichsam die
Ausnahme, und das Leben selbst erzeugte in ungeahnten Höhen
und Tiefen Vorgänge, wie sie der kühnsten Einbildungskraft
eines Dichters kaum ersinnbar erschienen. War es da nicht
schon genug, wenn diese neuen Wunder sachgemäß, nach eigener
Erfahrung oder nach der unmittelbaren Erfahrung Nächst—
stehender, geschildert wurden? Hier endlich, auf dem Boden
neuer Tatsachen, schien man der leidigen Reflexion hoher
Kulturen entbehren zu können, ohne langweilig zu werden.
Zugleich aber war damit, bei dem augenscheinlichen Bedürfnis,
getreu zu schildern, der Übergang zum vollen Realismus ge—
wonnen. Denn ganz mit Recht hat Reuter später das Ge—
heimnis der realistischen Dichtung in den simplen Worten aus—
gedrückt: „wenn Einer 'ne Geschichte ordentlich wedder vertellen
will, dann möt Einer dor fülwst mit mang west sin, oder
daum wenigsten möt hei se ut de Mund von de Lüd heww'n,
de't wat angeiht.“ Und so konnte denn zunächst in Paris die
Skizze, als Unterlage und Bestandteil des Kunstwerkes längerer
Erzählungen, von einem Realismus ohnegleichen sein: sie be—
wegte sich darum noch nicht in bekannten Gleisen; sie traf
dennoch das Wunderbare, Außerordentliche: ja sie traf es dann
gerade erst recht. Indem nun aber solche Skizzen nach dem
deben sofort als für sich stehende kleine Kunstwerke die breite
Offentlichkeit suchten und in den Zeitungen fanden, entwickelte
sich — neben dem alten räsonierenden — das beschreibende
Feuilleton: ein Schritt weiter zum bloßen Naturalismus. Und
alsbald stellte sich auch die Zusammenfassung solcher Skizzen,
zunächst an der Hand oft recht loser Verbindungsfäden, zum
Roman ein; die Anfänge lassen sich in den vierziger Jahren
deutlich verfolgen; und schon Sues Romane sind im Grunde
aus Feuilletonbausteinen zusammengefügt.
Es versteht sich nun, daß in Deutschland, wo verwandte
seelische Einwirkungen verwandte Bedürfnisse schufen und die
erstrebte realistische Skizze doch in keinem Leben einer wirklich
16 *
        <pb n="253" />
        2

Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zewaltigen Stadt ihr Objekt fand, die Pariser Entwicklung
zroßen Einfluß ausübte. Das um so mehr, als sich Romane
und Romantechniken, als Erzeugnisse einzelner, insbesondere der
führenden Gesellschaftsschichten, vornehmlich leicht von Land
zu Land übertragen; denn diese Schichten, in unserem Falle
die Bourgeoisie der dreißiger bis fünfziger Jahre, pflegen in
sedem Lande derselben universalgeschichtlichen Entwicklungs—
gruppe in verwandten Formen vorhanden zu sein.
Die Einflüsse, die hier wirksam wurden, waren nun speziell
die Victor Hugos, des älteren Dumas und ganz besonders
Eugen Sues; hinzu kam noch von England her aus den ver—
wandten Verhältnissen Londons die Einwirkung von Dickens.
Dabei waren die französischen Dichter, ganz ähnlich wie die
gleichzeitig für die deutsche Kunst so bedeutsamen französischen
Maler, eigentlich noch etwas Romantiker von jener farben—
reichen Schilderungsgabe des Kolorismus, den wir in der
Malerei bei Géricault und namentlich Delacroix getroffen haben.
Die Romantik bezog sich also bei ihnen mehr auf die äußere
als die innere Form der Erzählung: und war in dieser Richtung
namentlich bei Sue durch das Außerordentliche seiner Er—
zählungen, wie es das große Lesepublikum vor allem in den
„Geheimnissen von Paris“ kennen lernte, auch vom realistischen
Standpunkt aus nicht selten motiviert. Anders dagegen wirkte
Dickens ein. Zwar schilderte auch er wesentlich Londoner Leben
und hier wiederum das der unteren Klassen. Aber diese Klassen
beobachtete er nicht bloß gleichsam als Kuriositätensammler,
sondern als Herzenkündiger. Und so erhält seine Aufmerk—
samkeit etwas Humoristisch-Gefühlsreiches an Stelle der kälteren,
ntellektuellen französischen Beobachtung, und seine Skizzen und
Genrebilder vereinigen sich ihm aus dem inneren Interesse an
den dargestellten Personen zu Romanen, deren Kompositions⸗
schwäche die freundliche Subiektivität des Bindemittels leicht
übersehen läßt.
Dickens' Hauptromane und nicht minder die Romane der
Franzosen sind in Deutschland während der vierziger und
fünfziger Jahre, ja noch später außerordentlich viel gelesen
        <pb n="254" />
        Voller Realismus.

245

worden. Aber ließ sich nun in der Tat so sehr viel von ihnen
lernen?

Gewiß sind in dem einen Jahre 1844 in Nachahmung des
bekannten Sueschen Romans Geheimnisse von Berlin, Ham—
burg, Königsberg erschienen, und nicht minder erschienen Deutsche
Pickwickier von Stolle, Berliner Pickwickier von Heßlein. Aber
boten die Bevölkerungen deutscher Städte die nötige Unter—
lage für solche Schilderungen? Höchstens Berlin hätte hier
ein wenig in Betracht kommen können: blieb aber in den
Darstellungen, die es fand, außerhalb seiner vier Pfähle so
* unbeachtet. Und so konnte denn die deutsche Städte—
erzählungskunst nur an die nirgends vorhandene sogenannte
„Residenzstadt“ anknüpfen, deren Utopie gelegentlich sogar
heute noch in unserer Literatur spukt. Doch war es natürlich,
daß sie auf diese Weise nur bis zur Schilderung bloßer Typen
und, entsprechend dem Charakter der meisten „Residenzstädte“,
namentlich zu Philistergestalten zumeist sentimentaler Observanz
gelangte. In Deutschland wurden daher die entscheidenden
Fortschritte der Erzählungskunst schließlich dennoch nicht an
städtischen Erzählungsstoffen erreicht; sie ergaben sich vielmehr
an erster Stelle ganz wo anders her, aus der Darstellung bäuer⸗
lichen Lebens.
Wenn nun aber die verwickelte Existenz großstädtischer
Kreise zur Darstellung in der breiten Kunstform des Romans
drängte, so ergab sich als Kunstform für die Schilderung der
einfachen bäuerlichen Verhältnisse vielnehr die Novelle. Und
wenn die Buntheit des Stadtlebens von vornherein zur rea—
listischen Wiedergabe der äußeren Erscheinungswelt verlocken
mußte, so traten im einfachen Bauernleben vielmehr die psycho—
logischen Momente und daneben noch das Landschaftliche hervor:
was wiederum auf novellistische Darstellung hindrängte. Schufen
daher die westlichen Nationen an erster Stelle die Form des
großen, äußerlich realistischen Romans, so wurde in Deutsch—
land trotz alles fremden Einflusses schließlich doch weit mehr
die Novelle zur Trägerin der künstlerischen Entwicklung. Es
ist eine Bewegung, deren innerster Kern ganz mit dem Ent—
        <pb n="255" />
        246 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklungsmotiv in der Malerei übereinstimmt, insofern dieses
sich vornehmlich im historischen Sittenbild aussprach: und selbst
im einzelnen zeigt die Geschichte der deutschen Novelle und des
deutschen historischen Sittenbildes in der Zeit des Realismus
Punkte überraschender Übereinstimmung.
Von den Anfängen der Bauerngeschichte, der Keimbildung
des späteren novellistischen Realismus, ist schon die Rede ge—
wesen!. Wir wissen, daß sie als Genre mit angehender litera—
rischer Überlieferung vornehmlich in der Schweiz, daneben auch
in Niedersachsen-Westfalen zu Hause war, und daß sie über—
wiegend noch nicht ästhetischen, sondern erziehlichen Charakter
hatte: so namentlich bei ihrem glänzendsten Vertreter von der
Mitte der dreißiger bis zur Mitte der fünfziger Jahre, Jeremias
Botthelf.
Darauf wurde Berthold Auerbach zum Begründer und
bald wichtigsten Vertreter der eigentlichen realistischen Dorf—⸗
novelle der vierziger und fünfziger Jahre. Auerbach, von
jüdischen Eltern in einem Schwarzwalddorfe 1812 geboren,
ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, brachte aus Familie und
Beburtsort den Sinn für die Bedeutung der Sitte, die Ehr—
furcht vor dem aus langem Alter Hergekommenen mit. Das
ist der Nerv seines Wesens, der ihm zu seiner besonderen
realistischen Anschauung des Dorflebens verhalf. Literarisch
betrachtet war er dagegen ursprünglich von den Romantikern
und noch mehr von Jean Paul abhängig, ja hatte durch den
letzteren sogar noch Fühlung mit der — wenn man so will —
Dorfdichtung des Rokokos, dem Idyll, gewonnen: das alles, ob—
wohl er sich schon früh, bereits im Jahre 1886, gegen die Jung⸗
deutschen und die romantischen Elemente ihrer Reflexion wandte.
Später ist denn auch der Einfluß Goethes auf ihn beträchtlich
gewesen. Alle diese Elemente verbanden ihn so weit der Ver—⸗
gangenheit, daß er alles andere wurde als ein literarischer
Revolutionär; andererseits aber schob ihn sein gestärkter Sinn

S. oben S. 236.
        <pb n="256" />
        Voller Realismus.

247

für das Anschauliche vorwärts in einen entschiedenen, wenn
auch noch primitiven Realismus.
Das, was bei dieser Mischung in seinen Dichtungen zu—
nächst am wenigsten gewann, war die Schilderung der Charaktere,
zumal ihn ein pädagogischer Zug, der auch bei ihm noch nicht
fehlte, immer wieder der Schilderung von Typen zudrängte; erst in
seinen späteren Werken ist er tieferen psychologischen Problemen
nachgegangen und dadurch auch zu einer eingehenderen Charakter⸗
auffassung seiner Figuren gelangt. Aber auch dann noch haftete
den meisten seiner Personen ein gemachter Zug des bewußt
Sentimentalen an, wie es uns heutzutage scheinen will: ein
süßlicher Idealismus; die harte bäuerliche Seele hat er noch
wenig erkannt; der sozialpsychischen, dörflichen Grundlage seiner
Personen ist er noch nicht genügend gerecht geworden. Was er
dagegen schon in seinen ersten Erzählungen (1843 ff.), die viel mehr
noch Geschichten als Novellen zu nennen sind, mit einer an—
schaulichen Entschiedenheit traf, die vorher höchstens Immermann
und auch er nur ausnahmsweise erreicht hatte, das war der
Realismus der Außenwelt, die Wiedergabe der Situation und
auch der von Immermann fast noch ganz vernachlässigten Land⸗
schaft. Und diese Elemente waren es, die dem deutschen Lese—
publikum der zweiten Hälfte der vierziger Jahre neu erschienen
und — freilich in Verbindung mit dem nicht selten empfind⸗
samen Tone — dem Dichter Anerkennung in den breitesten
Schichten verschafften.
Die fünfziger und auch noch die sechziger Jahre brachten
dann den Höhepunkt von Auerbachs literarisch wichtigerem
Schaffen: es erschienen 1852 ,Diethelm von Budenberg“, 1857
„Barfüßele“, 1860 „Joseph im Schnee“: Werke, denen die
späteren allgemeinen Zeitromane des Dichters an Erfolg nicht
entfernt gleichkamen. Und Auerbach hat in ihnen auch noch
eine Entwicklung von allgemeinem Interesse durchlaufen. Zu
dem Realismus der Einzelzeichnung, der Skizze, fand er immer
mehr einen entsprechenden Realismus der Komposition: der
Stoff wurde vereinfacht und den Anforderungen eines raschen
Ganges der Haupthandlung unterworfen; in den Mittelpunkt
        <pb n="257" />
        248 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Erzählung trat die Entwicklungsgeschichte eines oder
mehrerer Charaktere; ein leiser dramatischer Hauch erhob sich:
ein Zug erschien angedeutet, der bei stärkerem Realismus
der Darstellung aus der Bauernerzählung zu jenem Bauern—
schauspiel hätte führen müssen, das auf Auerbach Anzengruber
folgen ließ.
Einstweilen aber war mit der schwäbischen Dorfgeschichte
Auerbachs ein Typ realistischer Erzählungskunst gefunden, der
sich in tausend Anwendungen auf die deutschen Landschaften
verbreitete. Überall sproßten jetzt Dorfgeschichten empor, so —
noch früher, aber keineswegs so einflußreich als Auerbachs Er—
zählungen — Ranks Bilder und Erzählungen „Aus dem Böhmer—
wald“ (1842) und Moritz Hartmanns „Krieg um den Wald“
(1850), so Melchior Meyrs „Erzählungen aus dem Ries“ (von
1854 ab), so die schwäbischen Geschichten von Hermann Kurz
und die mecklenburgischen und pommerschen von Edmund Höfer
(beide etwa seit Mitte der fünfziger Jahre). Und diesen Autoren
—00
Osterreich Silberstein: bis auf dem Boden der Südostmarken
Rosegger und vor allem Anzengruber der Dorfgeschichte einen
entwicklungsgeschichtlich veränderten Charakter gaben.
Mitten innen aber zwischen dieser und der vorhergehenden,
durch Auerbach charakterisierten Entwicklungsstufe, doch so, daß
er schon bei weitem mehr zu vollem Realismus neigte, stand
Fritz Reuter. Reuter hatte den Mut und den Vorteil, für die
Dorfgeschichte zum ersten Male entschieden und systematisch —
gelegentlich und in Bruchstücken war es schon oft von ihm ge—
schehen — den Dialekt zu verwenden, von den Schnaken und
Schnurren der „Läuschen un Rimels“ (1833—554) an bis zu
den großen Werken der „Franzosentid“ (1860), der „Stromtid“
(1862 - 64) und der „Festungstid“ (1863). Und was für einen
Dialekt! Haben die Niederdeutschen immer als die Realisten
unter den Deutschen gegolten, so hatte sich das auch im Geiste
ihrer Sprache ausgedrückt; alle niederdeutschen Dialekte bieten
ein unvergleichliches Sprachmaterial, um zum adäquaten Aus—
druck vor allem der äußeren Erscheinungswelt zu gelangen.
        <pb n="258" />
        Voller Realismus.

249

Dieser Vorteil also stand Reuter zu Gebote, und er hat sich
ihn nicht entgehen lassen; hoch steht seine Erzählung in dieser
Richtung schon über der Art Auerbachs. Aber der Dialekt
brachte ein Weiteres. Man wird dem Geiste, der Stimmung,
der Seele bestimmter Gesellschaftsschichten ganz doch erst gerecht,
wenn man ihre Sprache redet: denn die feinsten Schattierungen
dieses Geistes gelangen eben doch nur in dieser Sprache zu
Worte. Das hatte in Frankreich schon Balzac beachtet, nicht
minder empfand es auf deutschem Boden schon in den dreißiger
Jahren Jeremias Gotthelf, und die Impressionisten, Gerhart
Hauptmann z. B., haben dann später von dieser Einsicht den
reichlichsten Gebrauch gemacht. Reuter fiel in dem Augenblicke,
da er sein mecklenburgisches Platt literarisch hoffähig machte,
der ganze Vorteil dieses Zusammenhanges fast unter allen
deutschen Dichtern der Zeit zum ersten Male völlig zu: und
bei ihm deckten sich daher Stoff und Geist der Erzählung
ganz anders als sonst. Überschritt er trotzdem die letzten
Grenzen der Auerbachschen Periode nicht in jeder Hinsicht, so
lag das an seiner Charakterzeichnuung. Gewiß hat er da
realistischere Figuren auf die Beine gestellt als Auerbach; aber
gleichwohl liegt über vielen seiner Personen noch der idealistisch—
empfindsame Firnis der allgemeinen Dorfgeschichte früherer
Zeiten und bleibt seine Gesichtsweite der Hauptsache nach einem
engen Kreise bestimmter Stoffe zugewandt: kein Zeitpoet, nur
ein gemütlicher Haus- und Feldpoet ist er gewesen. Es ist
dieselbe Note, die auch die Genremalerei dieser Zeit aus—
zeichnet: etwas Gemachtes, Philiströses, eine Zutat von un—
wahrscheinlichem Edelsinn oder von wenig begrenzter Bosheit
aus der unter allen Umständen ideal gefaßten Persönlichkeit
des Autors, ein zu starkes Ausschlagen des Pendels nach rechts
und links, ein Fehlen noch von inzwischen bekannt gewordenen,
das Leben viel genauer treffenden mittleren Werten.
Im übrigen geht Reuter auch noch in einer anderen
Richtung über Auerbach als Dorfgeschichtenschreiber und über
den allgemeinen Typ der Dorfgeschichte hinaus. Wie später
eine ganze Anzahl großer Novellisten im persönlichen Ent—
        <pb n="259" />
        250 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklungsgange von der Novelle zum Roman fortschreitet, so,
um nur zwei zu nennen, Keller und Heyse, so vollzieht Reuter
im allgemeinen Verlaufe der Dorfgeschichte diesen Übergang:
seine größten Werke sind Romane zu nennen. Freilich ist
dabei die Technik des Romans gering entwickelt; und man
sieht, daß die Dorfgeschichte an erster Stelle doch eine andere
Kunstform verlangte und zu fördern geeignet war, die Kunst⸗
form der Novelle.
Die Novelle ist, soweit ihre Technik zu realistischer Zeit
nicht in der Dorfgeschichte wurzelt, in Deutschland romantischen
Ursprungs und ihrer Entstehung in der Romantik nach nahe
verwandt mit dem literarisch bearbeiteten Märchen. Und sie
hat auch später diesen Ursprung niemals verleugnet; vor allem
ist die Erzählung einer besonders wunderbaren Begebenheit stets
ihr eigentliches Geschäft geblieben. Wenn sie aber erst seit
dem Aufkommen der Dorfgeschichte und von ihr befruchtet die
höchste Höhe ihrer Entwicklung erreichte, so war das nicht
ohne Grund. Denn erst die Technik der Dorfgeschichte, auf
die Novelle übertragen, gab dieser den nötigen Grad von
Realismus, um die novellistische Erzählung ganz vom Märchen
zu scheiden.
Besonders deutlich tritt dieser Zusammenhang bei dem
ersten der großen Novellisten der realistischen Periode, bei Gott—
fried Keller hervor. Kellers „Leute von Seldwyla“, 1856 er—
schienen, entnahmen der Dorfgeschichte das bestimmte Kolorit
einer Landschaft, hier der schweizerischen, und auch die Bestimmt—
heit eines großen sozialpsychischen Kreises, des kleinstädtischen.
Und auch in der Konzeption war jede einzelne Novelle der Dorf⸗
geschichte nachgebildet in der läßlichen Behandlung des Details
bei doch scharfem Festhalten des Fadens der Erzählung, der
bei der ausgesprochen epischen Beanlagung gerade Kellers nie—
mals verloren geht. Und nur in der Zusammenfassung einer
größeren Anzahl von Novellen zu einem Zyklus, dessen breite
Grundlage das Durcheinandergreifen verschiedener kleinerer gesell⸗
schaftlicher Kreise gestattet, gingen die „Leute von Seldwyla“
über das Vorbild der Dorfgeschichte hinaus.
        <pb n="260" />
        Voller Realismus.

251

Daneben aber erinnert gerade dieser erste große Novpellen—
kranz, der in seiner zyklischen Form eine spätere analoge, nur
größere Entwicklung namentlich des Romans vorbereitet, in
seinem stofflichen Charakter aufs stärkste an den romantischen
Ursprung der Novelle. Denn noch halb märchenhaft erscheinen
diese schalkhaften Geschichten der braven Kleinbürger, und die
Dorfnovelle „Romeo und Julie“ kann wenigstens ihrem ganzen
Inhalte nach geradezu als romantisch bezeichnet werden. Die
ungemeine Wirkung der Seldwyler Novellen aber beruht zum
großen Teile eben mit darauf, daß ein halb märchenhafter Inhalt
mit schon recht fortgeschrittenem Realismus der Darstellung, ins—
besondere auch der Personencharakteristik kontrastiert erscheint.
Auch die späteren Novellenzyklen Kellers, die „Sieben
Legenden“ (1872) und das „Sinngedicht“ (1881) schmecken noch
nach Märchen oder entbehren wenigstens gerade in ihren all—
gemeinsten Voraussetzungen und Zusammenhängen nicht märchen—
hafter Züge: und nur in den „Züricher Novellen“ (1878) ist
der festere Boden gegenständlicher Wirklichkeit gewonnen.
Eine andere Seite der alten romantischen Novelle hielt
—DDD
Meister der Novellistik dieser Zeit, Theodor Storm (1817 bis
1888), fest. Es lag in der Natur der Romantik, daß die
Novellen ihrer Periode im hohen Grade von einem bestimmten
Kolorit gefärbt waren, daß sie subjektive Stimmung besaßen.
Diese Stimmung ist auf Storm übergegangen, nur daß sie nun
objektiviert erscheint. Storm versteht es, vermöge der eigen⸗
artigen Stringenz seiner Erzählungsart und durch starke Betonung
des Landschaftlichen Stimmungsgehalte von einer Wucht zu er—
zeugen, wie nur wenige unserer Dichter, z. B. etwa Grillparzer;
und schon sein erstes Meisterwerk „Immensee“ (1852) legt
Zeugnis von dieser Begabung ab. Später hat sich der Dichter
dann, ähnlich wie Keller, immer mehr den rein realistischen
Forderungen der Kunst der fünfziger und sechziger Jahre an—
bequemt, und zwar in dem Sinne, daß er der Stimmungs—
malerei psychologische Vertiefung folgen ließ.
Der hohe Meister aber der realistischen Novelle, ihr Voll⸗
        <pb n="261" />
        252 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

ender als einer besonderen Kunstform, war Paul Heyse (geb. 1830).
Seit einer ersten feinen Novelle „L'Arrabbiata“ (1853) sind
Dutzende um Dutzende seiner Novellen gefolgt in gebundener
wie ungebundener Rede: und immer mehr hat der Dichter in
ihnen die eigentlichen Kompositionsforderungen der Novelle:
den durchsichtigen Aufbau, den raschen Gang der Erzählung,
das wunderbar erscheinende, oft paradox⸗psychologische Problem
und seine überraschende Lösung, zu erfüllen gewußt, während
gleichzeitig seine wohlgebildete, schmiegsame und anmutige
Sprache der Wiedergabe des realistischen Details gerecht wurde.
Nach Heyse und Storm und Keller, deren novellistische
Tätigkeit um die Mitte der fünfziger Jahre begann, sind später
noch große Poeten der Novelle gefolgt, und einzelne haben auch
noch Technik und Komposition der Form erweitert, so vor
allem Konrad Ferdinand Meyer, der Meister der Rahmen—
erzählung. Im ganzen aber war mit den Hauptschöpfungen
der drei Meister die Höhe der Novelle des Realismus erreicht.
Inzwischen aber hatte sich schon längst auch eine volle
Blüte der größeren Form der Kunsterzählung, des Romans,
entfaltet. Entscheidend für ihr volles Aufbrechen waren im
allgemeinen die letzten vierziger Jahre; jetzt erhob sich stärker
als je bisher jener für den Roman unbedingt erforderliche
Wirklichkeitssinn, der sich um 1840, in der Zeit ausgesprochensten
Verfalls des jungdeutschen Romans, soweit er schon vorhanden
war, von der großen erzählenden Dichtung wieder zurückgezogen
hatte.
Währenddes aber hatten Franzosen und Engländer aus
der großstädtischen Skizze, deren Entstehung wir kennen gelernt
haben!, längst den breiten Roman der Gegenwart und damit
das Hauptstück ihrer Romandichtung im 19. Jahrhundert ent⸗
faltet. Konnte nun dieser Roman, der politische, soziale und
Sittenroman, ganz ohne Einfluß auf die deutsche Entwicklung
bleiben? Er mußte wirken, sobald sich auf deutschem Boden
im Verlaufe eigenen Fortschreitens über den jungdeutschen

S. oben S. 242f
        <pb n="262" />
        Voller Realismus.

253

Roman hinaus das Bedürfnis eines realistischen Zeitromans
einstellte.
Die Anfänge eines solchen Bedürfnisses waren nun aller—
dings in günstigen Fällen und vereinzelt schon im Verlaufe
der jungdeutschen Bewegung wahrnehmbar gewesen. Beweisend
ist in dieser Hinsicht z. B. der Unterschied des ersten und des
zweiten Teils des „Jungen Europas“ von Laube. Der erste
Teil, 1883 erschienen, hatte noch tief in Technik und künstle—
rischer Anschauungsweise der Romantik gesteckt; der zweite Teil
dagegen, der 1837 herauskam, zeigte außer dem Einflusse von
Scott doch wohl auch schon den jüngerer französischer und
englischer Romandichtung und führte seiner Technik nach
hereits in leisen Andeutungen zu der Art Freytags und Spiel—
hagens hinüber. Allein die vierziger Jahre förderten diese
fachten Anfänge wenig, und auch um das Jahr 1848 fielen
die ersten Versuche ealistischer Gegenwartsromane noch un—
geschickt genug aus: und sind darum auch in der Literatur⸗
geschichte von heute fast vergessen. Denn noch konnte man
sich nur schwer von der reflexionsreichen Manier der Jung⸗
deutschen trennen, so sehr man deren Überschwenglichkeiten zu
meiden suchte; und noch immer hielt man gern eine zerrissene
Komposition und eine Austapezierung der Fabel mit Geist⸗
reichigkeiten in der Weise Jean Pauls für erforderlich. In
dieser Art schrieb man Romane über das Jahr 1848 und über
die geistigen Strömungen, welche die Revolution vorbereitet
hatten, urteilte man über deren Helden als „kleine Leute aus
zroßer Zeit“, suchte man überhaupt nicht bloß zu erzählen,
sondern auch, wenngleich möglichst realistisch und objektiv, Stand⸗
punkt zu nehmen. Daß das nicht gelang, daß sozialistischen,
demokratischen und liberalen Romanen konservative und ortho—
doxe entgegentraten, lag dann freilich in der Natur der Dinge.
Wichtiger war literargeschichtlich, daß unter all diesen den
Stoff betreffenden Sorgen die Kunstform vernachlässigt, min—
destens nicht in bestimmter Harmonie zum Stoffe entwickelt
wurde. Und das galt nicht bloß von den Anfangsversuchen
während etwa der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, sondern
        <pb n="263" />
        254 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mindestens für Osterreich noch weit länger; so zeigen z. B. die
Romane Alfred Meißners (1822 -1885) beziehungsweise Franz
Hedrichs (18251895) noch bis zu den siebziger Jahren diesen
Charakter.
Inzwischen war denn aber doch, in schwerem Ringen mit
der Form, der große, der Gegenwartsroman der realistischen
Kunst geboren worden. Die Schwierigkeiten, die es hier zu
besiegen galt, lagen der Hauptsache nach in der Aufgabe, die
neue Kunstform zu begrenzen und ihr im einzelnen zugleich die
Technik der objektiven, realistischen Skizze dienstbar zu machen.
Da wurde man sich nun allerdings früh und instinktiv des
Fundamentalsatzes bewußt, daß der Gegenwartsroman ein
Spiegelbild sein müsse aller der unzähligen und vielfach
divergierenden Entwicklungsrichtungen, welche diese Gegenwart
erfüllten. Wie aber das ungeheuere Bild dieser Tendenzen in
seiner Allseitigkeit zu erfassen und auch noch künstlerisch zu be—
wältigen sei, das war eine weit schwierigere Frage. Die Technik
der jungdeutschen Schule war darauf ausgegangen, den Ver—
lauf einer verhältnismäßig einfachen Erzählung mit Reflexionen
zu durchsetzen, deren Summe dann ein möglichst lückenloses
Weltbild der Zeit liefern sollte. Kam aber auf diesem Wege
dies Weltbild wirklich zustande? Im besten Falle doch nur die
Darstellung einer subjektiven Weltanschauung. Aber eben dabei
wollte sich der fortgeschrittene Realismus nicht mehr beruhigen;
er verlangte nach einem objektiven Universalbilde der Gegen—
wart. Und hier war nun die erste Lösung der Aufgabe die,
daß man, um eine Totalität namentlich des sozialen Bildes zu
erreichen, in der Fabel sich möglichst viele Arten der Gesell—
schaft, möglichst viele soziale Ringe schneiden ließ, so daß in
den dargestellten Personen die Eigentümlichkeit aller möglichst
zur Geltung kam. Wurde dieser Weg völlig zu Ende ge—
schritten, so vermochte man in der Tat wohl der Reflexion zu
entbehren: und an ihre Stelle trat allein die Skizze, ins—
besondere auch die Darstellung der verschiedenen gesellschaft—
lichen und persönlichen Berührungen als kompositionelles Ele—
nent.
        <pb n="264" />
        Voller Realismus.

255

Das ist etwa die Technik, deren sich Gutzkow zu bedienen
suchte, als er sich um 1850, nach einem Jahrzehnt dramatischer
und dramaturgischer Tätigkeit, wieder dem Roman zuwandte
in der Absicht, diesen zum Gefäß und Werkzeug einer großen
politischen wie religiösen und sittlichen Wiedergeburt der Zeit—
genossen zu machen. Denn diesem Plane dienen im Grunde
die „Ritter vom Geist“ (18830—52) wie der „Zauberer von
Rom“ (1859 -61). Aber freilich hat Gutzkow mit den beiden
Romanen weder diese oberste Absicht erreicht, noch ist es ihm
zgelungen, die Kunstform des Romans des „Nebeneinanders“
ganz zu entwickeln und auszubauen. Die gleichzeitige Ent—
faltung des Zustandsbildes wie des Handlungskomplexes inner⸗
halb verschiedener Gesellschaftskreise erforderte eine Höhe des
von dem Dichter einzunehmenden Standpunktes und eine Ge—
schicklichkeit in der Leitung der von Kreis zu Kreis bestehenden
Zusammenhänge, der sich der Dichter nicht gewachsen erwies.
Und so verlief denn das Ganze trotz forcierter Handlung, trotz
aller Kunstmittel, Vorgänge indirekt und im Reflex der Ab—
sichten und Taten Dritter zu schildern und damit die Einheit
des Ganzen zu fördern, schließlich doch ins Unklare: womit
denn auch der künstlerische Erfolg auf die Dauer ausblieb.
Und doch hatte Gutzkow das genannte Zeitbild schon von vorn—
herein auf zwei Romane verteilt, also auf grundsätzliche Ein⸗
heit von vornherein verzichtet.
Gutzkows Erfahrungen schon in den „Rittern vom Geist“,
noch mehr im „Zauberer von Rom“ zeigten, daß die Erfassung
eines vollen Weltbildes vermöge des Romans des Neben—
einanders außergewöhnlich schwierig, ja vielleicht kaum möglich
war. Der weitere Entwicklungsgang der Romanschreibung lief
daher darauf hinaus, daß auf die Darstellung eines vollen
Weltbildes in einem einzigen Romane verzichtet wurde, und
daß nur jeweils einzelne Abschnitte dieses Bildes zur Dar—
stellung gelangten: bis auf diesem Wege wirklich eine gewisse
döhe der Einzeltechnik und der Komposition erreicht wurde.
In diesem Sinne hat schon Auerbach geschrieben, nachdem
er sich dem Zeitromane zugewandt hatte; besonders „Auf der
        <pb n="265" />
        256 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Höhe“, das mittlere seiner drei vornehmlich hierher gehörigen
Werke, 1865 erschienen, zeigt den Aufbau sich schneidender und
zugleich kontrastierender Gesellschaftskreise nur des höfischen und
des bäuerlichen Lebens. Allein es läßt sich nicht sagen, daß
er die neue Form künstlerisch mit dem vollen, für sie not—
wendigen Leben erfüllt hätte. Die Stärke seiner Phantasie reichte
selbst für diesen engeren Rahmen nicht aus; in seinem ersten
Roman „Neues Leben“ (1851) hatte er gar noch ganz in der
Art der Jungdeutschen reflektiert, und in dem letzten „Das
Landhaus am Rhein“ (1869) gelangte er, obgleich realistischer,
doch nicht zu eindringlich plastischer Zeichnung der Charaktere.
Das, was Auerbach an der völligen Beherrschung der großen
Romanform hinderte, war wohl der starke ethische, oft fast ins
Didaktische entartende Zug seiner Natur: er forderte immer
und immer wieder zur Reflexion auf, und er unterband bei
dem allgemeinen Wohlwollen, mit dem der Dichter alles,
Figuren und Zustände übergoß, die Ausgestaltung der Einzel—
heiten im Sinne der realistischen Skizze.
Zum eigentlichen Helden des neuen Romans wurde erst
Gustav Freytag (1816-1895). Von Freytags großen Romanen
gehören zwei in diesen Zusammenhang, „Soll und Haben“
(1855) und „Die verlorene Handschrift“ (1864). Gleichmäßig
in dem einen wie dem anderen wird die Form des Neben—
einanders mit der angeborenen Mäßigung eines starken Kraft—
gefühls angewendet. Je drei Gesellschaftskreise treten in beiden
Romanen zueinander in ein Geflecht von Beziehungen: in „Soll
und Haben“ der solide christliche Kaufmannsstand, das jüdische
Wuchertum und ein leichtsinniger, das Leben genießender Adel;
in der „Verlorenen Handschrift“ eine Hofgesellschaft, das Ge—
lehrtentum einer Universität und ländlich-agrarische Kreise.
Dabei sieht man, wie sich die sozialen Schichten beider Romane
gegenseitig zu einem, wenn auch immer noch unvollständigen
Gesamtbild deutscher Gesellschaft und deutscher Kultur in den
fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ergänzen:
in dieser Hinsicht stehen sie so zueinander wie die beiden
Romane Gutzkows aus dem Jahrzehnt von 1830 —60. Weit
        <pb n="266" />
        Voller Realismus.

mehr aber als Gutzkow wurde Freytag Herr der inneren
HOkonomie seiner Romane. Da blieb nichts im Zweifel oder
im Halbdunkel; mit feinem künstlerischen Takte zeigen sich die
Massen gegeneinander abgewogen und in reinster Deutlichkeit
zur Darstellung gebracht. Und innerhalb des Rahmens der
Komposition reiht sich Bild an Bild und Skizze an Skizze,
besonders lebenskräftig und mit zartem Humor erfüllt in „Soll
und Haben“, schon etwas verblaßter, bereits mit etwas erstarrtem
künstlerischem Leben in der „Verlorenen Handschrift“. Wie aber
wären all diese Vorzüge denkbar gewesen ohne scharfe Erfassung
der Charaktere? Doch ist auch hier „Soll und Haben“ im Vor—
teil, während der zweite, um fast ein Jahrzehnt jüngere Roman
bereits von einem Streben nach historischer Objektivität erfüllt
ist, das den Gelehrten Freytag, den einstigen Privatdozenten
der Breslauer Hochschule, ehrt, dem Historiker Freytag, der in⸗
zwischen der Nation in den „Bildern aus der deutschen Ver—
gangenheit“ (1839-62) eine erste große Kulturgeschichte ge—
schenkt hatte, wohl anstand: aber dem Zeitroman notwendig
Farbe und Leben nehmen mußte.
Denn das war eben die Frage, die sich bei dem Roman
des Nebeneinanders doch immer wieder erhob: war mit
ihm nun tatsächlich ein Weltbild der Gegenwart, wenn auch
nur in Ausschnitten, gewonnen? Es würde der Fall gewesen
sein, wenn sich bei dem eingeschlagenen Verfahren alle Sub—
jektivität der Dichternaturen hätte unterdrücken lassen. Aber
eben davon war natürlich nicht im geringsten die Rede. Gewiß
ist ein Fortschritt in der Objektivität der Darstellung bemerk—
bar: Auerbach war objektiver als Gutzkow, und Freytag ob⸗
jektiver als Auerbach: und eben mit darum bedeuten Freytags
Romane den Höhepunkt dieser Entwicklung. Allein auch bei
Freytag kann von einer vollen Objektivität selbst in der „Ver⸗
lorenen Handschrift“ nicht die Rede sein: es ist kein Zweifel,
daß aus ihr der bürgerliche maßvolle Liberalismus der Zeit
zwischen 1880 und 1870 und eine sehr bestimmte Künstler—
persönlichkeit spricht.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.

17

257
        <pb n="267" />
        258 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Und war denn gerade im Roman der Gegenwart über⸗
haupt eine wirkliche Objektivität, ein subjektloser Realismus
denkbar? Eine jüngere Richtung großer Dichter des Gegenwart—
romans verneinte es in ihrer Produktion, und einer von ihnen,
Spielhagen, hat seine abweichende Auffassung theoretisch be—
gründet. Das Weltbild, das die Objektivisten, wie wir die
ältere Richtung wohl nennen dürfen, im Gegenstande gesucht
hatten, suchten diese Neueren, Subjektivisten, vielmehr in der
Persönlichkeit, in dem Mikrokosmos des Dichters: eben dieser
Mikrokosmos solle sich, meinten sie, unbedingt im Makrokosmos
des Romanes widerspiegeln.
Da konnte es denn freilich scheinen, als sei man mit dieser
Auffassung auf den Reflexionsroman der Jungdeutschen, wenn
nicht gar auf Jean Paul zurückgeworfen; und in der Tat hat
die Erinnerung an beide die Entfaltung des subjektivistischen
Romans längere Zeit begleitet. Es war aber auch eine andere
Lösung denkbar. Der Mikrokosmos des Dichters konnte von
diesem selbst dichterisch wiedergeboren und plastisch veranschau⸗
licht werden; er konnte dann, ja er mußte ein in seiner Weise
eingehendes und klares Bild der Zeit, welcher der Dichter an—
gehörte, ergeben: und vermochte damit sehr wohl in den Mittel⸗
punkt eines Romans gestellt zu werden. Geschah dies aber, so
war damit zugleich für den Roman wieder ein kompositioneller
Mittelpunkt gegeben, wie er in dem Roman des Nebeneinanders
so schwer zu finden gewesen war.
Ein Charakter, erfüllt von dem Mikrokosmos des Dichters,
ein auf das Ich des Verfassers mit dichterischer Freiheit auf⸗
gebauter Held mußte nun im Zentrum des Romans stehen,
und nach seinem Maße, nach der Richtung seines Empfindens
und Denkens waren die übrigen Charaktere, war auch die Fabel
des Romans zu bilden. Das Subjekt des Dichters erschien
damit schließlich anschaulich verobjektiviert in einer ganzen
Welt von Gestalten — und in diesem Sinne war ein zwar
zunächst nur auf den Dichter bezogenes Weltbild, aber doch
immerhin ein Weltbild von unbegrenzter Weite errungen, in
welchem das Subjiekt des Dichters, eben weil verobiektiviert,
        <pb n="268" />
        Voller Realismus.

259

völlig zurücktrat und damit der realistischen Technik der Skizze
vollste Herrschaft gesichert schien.
Im Sinne eines solchen verobjektivierten Subjektivismus
hat sich nun in der Tat ein großer Zeitroman parallel zu dem
Roman des Nebeneinanders, wenn auch etwas später und in
seinen Anfängen nicht sogleich deutlich erkennbar, entwickelt.
An die Spitze dieses Verlaufs läßt sich Gottfried Kellers
(181990) „Grüner Heinrich“ (1854) stellen. Der „Grüne
Heinrich“ enthält bekanntlich, und in den ersten Auflagen be—
sonders deutlich, die seelische Bildungsgeschichte des Dichters
selbst; er ist also ein „Ich-Roman“ ausgesprochenster Art, wenn
auch nicht in dem engen Sinne, daß der Autor in der ersten
Person erzählte. Aber er ist weit davon entfernt, Memoiren⸗
charakter zu tragen. Als der Dichter Wahrheit und Dichtung
über seine Entwicklungsjahre niederschrieb, hatte er mit dieser
Zeit schon innerlich abgeschlossen: ja mehr, er hatte auch mit
der Entwicklungsgeschichte der Periode des nationalen Geistes⸗
lebens abgeschlossen, dem eben diese Bildungsjahre angehörten,
und deren getreuer Ausdruck sie in vieler Hinsicht sind. Er
war also ganz in der Lage, die subjektiven Hergänge zu ver⸗
objektivieren, ja sogar ins Typische zu erheben.
Das, was Keller in seinem Romane gibt, ist daher in
Wahrheit die Naturgeschichte einer Spezies des „problematischen
Charakters“, dessen Periode seine Jugendzeit und dem seine
Jugend selber angehört hatte. Insofern ist der „Grüne
Heinrich“ ein Roman der neuen, soeben charakterisierten Richtung
wie nur einer. Wenn er trotzdem und trotz aller seiner hohen
zeitgeschichtlichen und persönlichen Bedeutung nicht ganz den
entwicklungsgeschichtlichen Höhepunkt dieser Richtung bezeichnet,
so liegt das mehr an den Eigenheiten der Formbehandlung im
einzelnen. Hier wußte nämlich Keller noch nicht die individuellen,
dem Kunstwerk als solchem schädlichen Eigenheiten seiner
Persönlichkeit zu unterdrücken. Immer und immer wieder
hören wir die Person Kellers mit allen seinen krausen Ein⸗
fällen dem Erzähler ins Wort fallen, bald in der Art Jean
Pauls, bald frühromantisch, bald mit Reminiszenzen an
174
        <pb n="269" />
        260 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

E. T. A. Hoffmann, bald und vornehmlich auf gut schweizerisch:
erziehlich, kantig, knorrig, charaktervoll. Und so entsteht der Ein⸗
druck einer gewissen Fortdauer des alten Reflexionsromans: so
hoch daher die Erzählung als Kunstwerk für sich stehen mag,
so wenig bedeutet sie schon den Gipfelpunkt einer neuen Kunst⸗
form.
Auch mit dem Roman seines Alters, „Martin Salander“
(1886), hat Keller die volle Höhe dieser Kunstform nicht er—
reicht. Es zeigte sich, daß es in seiner Natur schlechthin lag,
allerlei krause Nebenpfade zu gehen. Dennoch, wie man den
Helden des Romans, Salander, den gereiften grünen Heinrich
genannt hat, der nun, wenn auch als unverbesserlicher Idealist,
so doch kräftig und tapfer fürs Leben einsteht, so erscheint
auch der Roman selbst gegenüber dem Jugendwerke des Dichters
als ein Erzeugnis höchst ausgereifter Auffassung der Kunst.
In einer bestimmten Richtung hat hiermit der „Ich-Roman“
immerhin einen Höhepunkt erreicht.
Noch viel weniger als Keller ist Wilhelm Raabe (geb. 1831)
in dem engeren, sozusagen technischen Sinne des Wortes ein
Künstler zu nennen. Während Keller in der Hauptsache die
Herrschaft der Form anerkennt, wenn auch in immer noch stark
fühlbarem Gegensatz zu seinem engeren Landsmann Conrad
Ferdinand Meyer, dem Künstler von Gottes Gnaden, so scheint
es bisweilen, als wenn Raabe überhaupt den Sinn dafür ver⸗
löre, was eigentlich ein Kunstwerk sein müsse. Wahllos spaziert
er in dem Garten der Poesie umher, pflückt Blumen, wo er
sie findet, und windet sie zum Kranz, wo und wie er sie gefunden
hat: — aber freilich Blumen von den sonderbarsten Farben
und vom berückendsten Dufte. Dennoch mag er mit seinen
großen Erzählungen aus der Gegenwart der subjektivistischen
Dichtung des realistischen Romans zugezählt werden: denn das,
was ihn innerlichst kennzeichnet, ist das Untertauchen jeglichen
Stoffes in seine Subjektivität, die bewußte Färbung des je—
weiligen Abschnittes aus dem Weltbild, das er bietet, nach
seiner Persönlichkeit. Nur daß er gar nicht darauf aus ist,
gerade bestimmte, wohl gar sich ergänzende Abschnitte dieses
        <pb n="270" />
        Voller Realismus.

261

Weltbildes zu gestalien. Er ist kein Systematiker. Er will
nicht Typen schildern. Das, was er sucht, ist etwas ganz
anderes, ist das Original. Originale — wie er selbst — sind
seine Helden, von dem Schreiber der „Chronik der Sperlings—
gasse“ (18357) an über die Figuren des „Hungerpastors“ (1864)
hin bis zum „Schüdderump“ (1870) und darüber hinweg:
— und Originale bleiben seine Helden auch, insoweit er sich,
vornehmlich in späteren Zeiten, mehr historischen Stoffen, etwa
solchen des 16. bis 18. Jahrhunderts, zuwendet. Denn bei seiner
Art sind eigentlich auch seine historischen Romane Gegenwarts⸗
romane, da sie ganz von der Subjektivität ihres Autors durch⸗
tränkt sind. Natürlich zeigen aber unter diesen Umständen auch
die untergeordneten Fragen der Formgebung Ragabe vielfach
auf besonderen Wegen. Er reflektiert noch, wie Jungdeutsche
und Romantiker, vor allem aber wie Jean Paul, mit dem er
durch Verwandtschaft des Charakters verbunden ist. Aber da—
neben weiß er auch aufs wunderbarste realistisch zu schildern:
welche unendliche Fülle unvergeßlicher Skizzen stehen in seinen
Erzählungen aneinandergereiht. Freilich fehlt auch in ihnen
nicht ein eminent subjektives Element: die persönliche Stimmung.
In dieser Hinsicht weist Raabe vorwärts; er geht den litera⸗
rischen Impressionisten so vorauf, wie die Stimmungslandschaft
der ausgebildeten Malerei der freien Luft und des Lichtes.
Das aber, was Raabe nicht gelingt, die volle Verobjektivierung
des dichtenden Subjekts im Roman: das erreicht etwas später
und in gewissem Sinne schon weit jenseits der Zeitgrenzen der
Periode der realistischen Erzählung Friedrich Vischer (807 -1887)
in seinem Romane „Auch Einer“. Die Grundrichtung, der
Vischer bei der Abfassung dieses Romans folgte, hat er selbst
in einer Stelle des Tagebuchs seines Helden vortrefflich geschildert.
„Goethe hat gesagt, der Humor sei zwar ein Element des Genies,
aber, sobald er vorwalte, begleite er die abnehmende Kunst,
zerstöre und vernichte sie zuletzt. Das ist doch nur wahr, wenn
man unter ‚Vorwalten‘ außer dem Überhandnehmen besonders
versteht eine Einmischung in das Dichtwerk auf Kosten der
Objektivität. Belehrend ist hierin Jean Paul; das humoristische
        <pb n="271" />
        262 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Ich des Dichters drängt sich zersprengend in das Bild, das er
geben soll. Er verwechselt Dichter und Gedicht. Er will Narren
oder seltsame Begebenheiten vorführen, und statt dessen führt
er seltsam und närrisch vor. So wird der reiche, herrliche
Geist ungenießbar, und niemand liest ihn mehr — leider!
Sollte es aber nicht eine schöne Aufgabe sein, zu zeigen, daß
es auch einen Humor gibt, der dieser Versuchung widersteht
und ein Bild des Närrischen mit der Objektivität des Künstlers
entwirft und durchführt? Zweite verbesserte Auflage Jean Pauls,
der mit Unrecht zu den Toten geworfen ist? Auferstandener,
genießbar gewordener Jean Paul?“ Das ist es, was Vischer in
seinem Roman hat geben wollen, indem er in seinem Helden
den deutschen Idealisten schildert, der doch immer und immer
wieder durch ein elendes kleines Gebrechen, einen chronischen
Katarrh, in seinen idealsten Bestrebungen behindert wird:
und indem ihm dies verobjektivierte Bild, das humoristisch
und poetisch widergespiegelte Bild seiner selbst gelungen ist, hat
er mit seinem Roman einen der Höhepunkte des subjektivistischen
Romans des Realismus erreicht — wenn nicht gar die Formen
dieses Romans schon zugunsten eines primitiven und doch schon
idealistischen Impressionismus gesprengt!.

Die Dichtergruppe Keller-⸗Raabe⸗-Vischer wird man vielleicht mit
zleichem Rechte in eine Geschichte des deutschen Impressionismus einbeziehen
können, wie das innerhalb der Entwicklung der bildenden Kunst mit der
Gruppe Feuerbach-Böcklin-Thoma-Klinger geschehen kann (und von mir im
ersten Ergänzungsband der Deutschen Geschichte S. 143 ff. durchgeführt
worden ist). Denn betrachtet man den sehr fortgeschrittenen Realismus
der Technik bei ihnen als primitivsten Impressionismus, so gehören fie
offenbar diesem Zusammenhange an. Ob man aber einen aufs höchste ent—
wickelten Realismus schon Impressionismus nennen will, ist im Grunde
willkürlich: es handelt sich um eine kontinuierliche Entwicklung, in welche
jede Zäsur ein in gewissen Grenzen freier Behandlung fähiges Element
hineinträgt. Sind die drei Dichter hier in den Zusammenhang der Dar—
stellung des Realismus einbezogen worden, so ist es geschehen, um dessen
Ausgang bei anderen Dichtern, wie z. B. Spielhagen, um so klarer er—
scheinen zu lassen. Die Tatsache, daß Keller, Raabe und auch Vischer heute
noch viel gelesen werden, spricht aber auch und zwar ganz besonders dafür,
        <pb n="272" />
        Voller Realismus.

26s

Einen anderen entwicklungsgeschichtlichen Höhepunkt der
subiektivistischen Richtung des realistischen Romans bezeichnen
die Werke Spielhagens (geb. 1829). Spielhagen hat einmal
geäußert: „J was always of opinion — Ich war immer der
Meinung — das ist der recht eigentliche Anfang für den
modernen Roman. Der epische Dichter unserer Tage hat uns
nichts zu sagen als: Ich habe diese Meinungen von Gott und
den Menschen, und so bin ich zu diesen Meinungen gekommen.“
In der Tat hat Spielhagen damit das eigentliche Wesen seiner
Romandichtung richtig beschrieben. Aber neben diese absolute
Subjektivität des innersten Erlebnisses trat bei ihm ein anderes:
die absolute und weiter und tiefer als bei irgendeinem andern
Dichter dieser Richtung fortgeführte Verobjektivierung dieses
Erlebnisses in der Form. Und das eben erhebt seine Romane
zu reineren Kunstwerken, als es die stofflich vielfach weit be—
deutenderen Werke Kellers und Raabes und auch Vischers
geworden sind: wenn es zu einer abgeklärten Kunstform des
objektivierten Ich-Romans des ausgehenden Realismus überhaupt
gekommen ist, so hat Spielhagen sie entwickelt, wie er denn
auch oft und gern über diese Kunstform systematisch nachdachte.
Spielhagens erster großer Roman, die „Problematischen
Naturen“ (1860—61), führt in die vormärzliche Zeit: es ist
die reifste Darstellung der verschiedenen wichtigsten Abarten der
problematischen Naturen, die wir in unserer Literatur besitzen.
Dabei ist der Standpunkt zu dem Thema etwa so genommen,
wie in Kellers „Grünem Heinrich“; der Dichter betont gegen⸗
über dem Überschwang der vierziger Jahre, daß Großes, ja
Dauerndes nur geschaffen werden kann, wo man ruhigen Fußes
auf fester Erde steht. Sozialen Problemen sind dann die
folgenden Romane, „Die von Hohenstein“, „In Reih und Glied“,
„Hammer und Amboß“ (1863, 66, 69), gewidmet, wie denn
dem Dichter die gesellschaftlichen Fragen der Zeit näher stehen
als die politischen; und in den meisten Fällen verknüpft sich

daß sich in ihnen schon imprefsionistische Elemente in einer gewissen Ent—
wicklung finden.
        <pb n="273" />
        264 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
ihm mit der Darstellung sozialer Verhältnisse zugleich die
Lösung eines sozialen Programmpunkts.
Eben dies ist nun aber charakteristisch. Gewiß beherrscht
Spielhagen ganz die Technik des realistischen Romans; er ist
ein vortrefflicher, breitbehaglicher Erzähler, eine episch beanlagte
Natur; von großer Eindringlichkeit und Treue sind auch seine
landschaftlichen Bilder, namentlich soweit sie den Boden seiner
Kindheit, das Meer und die Ebenen und Berge Pommerns
schildern. Aber darüber hinaus schob ihm der Ausbau der
Technik des Ich-Romans, den er seiner innersten Beanlagung
nach mit steigender Konsequenz verfolgte — ist doch „Hammer
und Amboß“ auch insofern ein Ich-Roman, als der Held in
der ersten Person erzählt —, fort und fort bestimmtere Tendenzen
zu. Das um so mehr, als Spielhagen von vornherein mit
seinen Romanen nicht bloß die Zeit widerspiegeln, sondern
auch auf sie wirken wollte. Es war der Punkt, in dem er von
allen großen Romanschreibern der Zeit von 18830—1880 vor
allem Gutzkow am innigsten verwandt war: es war die Stelle,
von der aus seine Romane immer mehr zu Tendenzromanen
wurden, allzu starken Gegenwartswert erhielten und darum dem
Interesse schon der nächsten Zukunft, der heutigen Gegenwart,
verloren gingen.
Indes auch ganz allgemein entstand dem subjektivistischen
Zeitroman aus diesen Zusammenhängen her bald eine große
Gefahr. Denn wenn sich in dem Romane ausgesprochen sei es
politischer, sei es sozialer, sei es sittlicher Tendenz die Persön—
lichkeit des Dichters zu sehr hervordrängte: lag es dann nicht
nahe, daß die Personen, und selbst das Hauptbild, statt nach dem
Totalbilde des Autors geformt zu sein, vielmehr schemenhafte
Träger, bloße Gestelle gleichsam gewisser einseitiger Richtungen
und Teiltendenzen dieses Totalbildes wurden? Die Schwierig—
keit war schon von Auerbach nicht ganz vermieden worden,
klarer hervor trat sie in der allzustarken Idealisierung gar vieler
Gestalten bei Spielhagen: ein Schritt noch, und man war
beim Verfall des subjektivistischen Romans, beim Tendenz- und
Thesenroman und Schlimmerem angelangt.
        <pb n="274" />
        Voller Realismus.

268

Die Gefahr wurde allgemein, sobald die Technik des neuen
Romans aus den seelischen Voraussetzungen der realistischen
Zeit her einmal feststand und ihr Gebrauch den zahlreichen
Romanfabrikanten möglich wurde, die seit den geistigen und
politischen Emanzipationskämpfen des Bürgertums in immer
wachsender Anzahl auftraten: und ihr Eintritt bezeichnet insofern
auch entwicklungsgeschichtlich den Verfall des realistischen Romans.
Für den mehr äußeren Verlauf aber bildete in dieser Hinsicht
das Jahr 1870 einen gewissen Abschnitt. Seitdem wuchs
die Bedeutung der Presse für die Erzeugung von Romanen
in Zeitschriften wie Zeitungen außerordentlich und trat zugleich,
eine wichtige Erscheinung in der Bewegung der modernen
Frauenemanzipation, der Frauenroman noch stärker als bis
dahin hervor. Beides förderte die Dutzendware, und in dieser
waren die Autoren nur zu leicht geneigt, bestimmte Tendenzen,
die Frauen zumeist die der Emanzipation des Weibes zu fördern.
Aber auch die großen Vertreter des Zeitromans vor 1870
wie einige neu eintretende Romanschreiber, die schon vor 1870
Bedeutung erlangt hatten, betraten nach 1870 nur zu gern den
Weg ausgesprochenster Tendenzdichtung. Der Anlaß dazu war,
abgesehen von der allgemeinen Verfallstendenz, zumeist ein
doppelter; die in den liberalistischen Anschauungen der letzten
Jahrzehnte groß gewordenen Männer fanden sich in dem
politischen und sozialen Leben des neuen Reiches nicht zurecht,
empfanden auch wohl unmittelbaren Widerwillen gegen die
großen staatsmännischen Begründer des neuen Zustandes, und
die in die künstlerischen Anforderungen des Realismus derselben
Zeit eingelebten Autoren vermochten es nur mit Mühe oder
verschmähten es ausgesprochenermaßen, sich den künstlerischen
Anforderungen des Impressionismus anzupassen, wie sie mit
den achtziger Jahren immer dringlicher erhoben wurden. Beide
Motive förderten seit 1870 den politischen und sozialen und
seit etwa 1875 den literarischen Tendenzroman in bestimmtester
Weise.
Was dabei schließlich das künstlerische Ergebnis war und
bei ganz ausgesprochener Tendenz sein mußte, das zeigte nur
        <pb n="275" />
        266 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zu deutlich Gutzkows letzter Roman, die „Neuen Serapionsbrüder“,
 vom Jahre 1877. Er brachte den vollen Rückfall in
den Reflexionsroman der Jungdeutschen: die Charaktere nur
leere Typen, ja nicht einmal dies, blutlose Skelette vielmehr zu
Tendenzen; die Komposition formlos; die Einzelheiten nicht
mehr anschaulicher Skizze verdankt, sondern abstrakte Reflexion,
Kritik, Satire, ja Invektive.
Nun sind gewiß nicht alle Tendenzromane so augenscheinlich
in diese Fehler verfallen, im ganzen aber näherten sie sich ihnen
dennoch, und ihre Gesamtheit bildete, als solche betrachtet, bei
allem Schönen im einzelnen doch nur einen Nachtrab gleichsam
der Hauptarmee der großen Romane zwischen 1850 und 1870.
Dahin gehören Romane politischer und sozialer Tendenz wie Spiel⸗
hagens „Sturmflut“ (1876), „Was will das werden?“ (1887),
„Der neue Pharao“ (1889); hierhin sind auch Paul Heyses mit
den „Kindern der Welt“ (1878) beginnende Romane zu zählen,
vor allem „Im Paradiese“ (1885). Literarischer, dem Im—
vpressionismus feindlicher Tendenz waren dann später Heyses
„Merlin“ (1892), Wilbrandts „Hermann Ifinger“ (1892),
Spielhagens „Sonntagskind“ (1893), und gegen die Nietzschesche
Philosophie, speziell den Ubermenschen, wandten sich Wilbrandts
„Osterinsel“ (1894), Heyses „Über allen Gipfeln“ (1895) und
Spielhagens „Faustulus“ (1897).
Aber schon hatte inzwischen das Zeitalter des realistischen
Romans noch eine weitere letzte, über den bloßen Tendenzroman
nochmals hinausgehende Verfallserscheinung besonders be—
zeichnender Art gezeitigt: der Thesen- und Feuilletonroman
hatte sich eingefunden.
Diese Romanform blieb freilich auf deutschem Boden der
Hauptsache nach immer eine fast ausschließlich Berliner
Erscheinung. Sie konnte nur in dem Berlin nach 1870 erwachsen,
und sie bedurfte, um wurzelfest zu werden, ständig ausgeprägt
großstädtischer Zustände. Worin bestand nun ihre Eigenart?
Die Skizze, diese Zelle des größern Organismus des Romans,
war als selbständige literarische Gattung im Verlaufe des immer
mehr anschwellenden Wachstums der Zeitungsliteratur schließlich
        <pb n="276" />
        Voller Realismus.

267

der Hauptsache nach auf den Raum unter dem Striche ver—⸗
wiesen worden: war in gewissem Sinne Feuilleton geworden
und stand hier neben dem belehrenden Aufsatze etwa wie die
Novelle neben dem wissenschaftlichen Essay. Das hatte dann zur
Folge, daß sie nicht selten auch einen bestimmten Thesencharakter
annahm: für den Beweis einer bestimmten Behauptung gebraucht
wurde. Dieser Charakter aber übertrug sich danach auch auf den
Roman unter dem Striche, der, wollte er das Interesse der Leser
dauernd fesseln, ja bis zu einem gewissen Grade in der Form
von einzelnen Feuilletonskizzen gearbeitet sein mußte. War dies
die gleichsam technische Entstehung des Feuilleton- und Thesen—
romans, so begegnete diese sich noch zugleich mit einer inhaltlichen
und wichtigeren Entwicklung. Die Tendenz, das Leitmotiv des
Tendenzromans, war eine politische, sittliche, soziale Richtung
von langem Atem gleichsam gewesen, eine Richtung, die einen
ganzen Menschen charakterisierte. Demgegenüber entwickelte sich
nun mit der steigenden Hast des Berliner großstädtischen Lebens
die These als gleichsam nur ein Ausschnitt, nur ein Moment
einer Tendenz. Eine These ist z. B. die von Paul Lindau in
seinem Roman „Arme Mädchen“ (1887) erörterte Frage, ob
„ein Mann von Ehre auch dann verpflichtet sei, die Wahrheit
zu sagen, wenn durch eine wahrheitsgetreue Aussage der Ruf
der Frau gefährdet, ihre Ehre vielleicht vernichtet wird'. Man
sieht: die These ist recht eigentlich nur das Erzeugnis eines
besonderen Momentes und greift nicht entfernt so weit und so
tief wie eine Tendenz: und eben hierin liegt es begründet, wenn
ihr Emporkommen auch inhaltlich auf die Entstehung der
Feuilletonskizze und des Feuilletonromans als eines Thesen⸗
romans hindrängte.
Unter den gegebenen Umständen versteht es sich nun eigentlich
von selbst, daß die neue Form zuerst in den großen Weltstädten des
Westens, vor allem in Paris ins Leben getreten ist; hier hat
Dumas Klls in den fünfziger Jahren die ersten Thesenromane
geschrieben. Und natürlicherweise hat diese frühere Entwicklung
des Westens die Berliner nicht wenig beeinflußt; insbesondere
deren Hauptvertreter, Paul Lindau (geb. 1839), hatte eine ganz
        <pb n="277" />
        268 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

französische literarische Durchbildung genossen. Aber auch die
übrigen Romanciers dieser Richtung, Mauthner etwa (geb. 1849)
und Dernburg (geb. 1838), standen unter französischem Ein—
fluß. Von ihnen hat Dernburg mehr die Seite des bloßen
Feuilletonromans bearbeitet; der vollen Thesenarbeit näher stand
Lindau. Das Ergebnis aber waren bei allen dreien Werke
mehr von kulturgeschichtlichem als von literargeschichtlichem
Werte; Romane, die zudem chronologisch teilweise schon außer—⸗
halb der Zeitgrenze des eigentlichen Realismus liegen, dem sie
doch innerlich, wenn auch als Elemente des Verfalls, noch
zugehören.
Muß aber jetzt, am Ende dieser Darstellung des zeit⸗
genössischen Romans während der Zeit des Realismus, noch
gesagt werden, daß die eigentlich bewegende, wenn auch schließlich
zugleich aushöhlende Kraft dieser ganzen Entwicklung keineswegs
bloß die spezifische Phantasietätigkeit, sondern in nicht geringem
Grade auch die wissenschaftliche Bewegung war? Immer mehr
traten in dieser Entwicklung intellektualistische Tendenzen hervor,
immer stärker schwand das reine Spiel bloßer Einbildungskraft:
näher kam die Zeit, da man die Romandichtung als die genaue
Beschreibung nur von menschlichem Geschehen, ihre Denkmäler
als wissenschaftlich fundamentierte Documents humains be—
zeichnen konnte. Bei diesem nahen Verhältnis der Wissenschaft zur
Dichtung versteht es sich denn, daß die Geschichtswissenschaft,
nun schon die zentrale Disziplin der Geisteswissenschaften wie
neuerdings die beginnende Herrin auch der Naturwissenschaften,
besonders starke Spuren in der intellektualistischen Beeinflussung
der Dichtung zurücklassen mußte. Neben dem Roman der
Gegenwart stand während des ganzen Verlaufes der realistischen
Zeiten, ihn schließlich überflügelnd, der historische Roman, der
Roman der Vergangenheit.
In diesen Zusammenhängen liegt es vor allem zugleich
begründet, daß der historische Roman seiner inhaltlichen Grund—
lage nach fast ganz ein Kind der Geschichtswissenschaft und der
Geschichtschreibung war: von ihnen erhielt er den zubereiteten
Stoff oder, wenn dieser nicht schon behauen vorlag, die An⸗
        <pb n="278" />
        Voller Realismus.

269

weisungen, nach denen er zu finden, zu brechen und zu bearbeiten
war. Und darum gliedert sich der historische Roman des
Realismus an erster Stelle nicht nach den Entwicklungs—
momenten einer ihm etwa innewohnenden Kunstform, sondern
vielmehr nach den um 1850, 1860 oder 1870 bestehenden Ent—⸗
wicklungsmomenten der historischen Kunst und Forschung.
Denn erst nach getroffener Stoffwahl und Stoffdisposition
wurden dann, für die feinere Disposition des Romans als
Kunstwerk, die Einflüsse des Gegenwartsromans, vornehmlich
seiner objektivistischen und subjektivistischen Ausbildung bemerkbar.
Doch brachte es der historische, an sich zur Objektivität auf—
fordernde Stoff dabei mit sich, daß die subjektivistische Teil—
entwicklung weniger vertreten war: und da sie im Gegenwarts⸗
roman im allgemeinen die modernere war, so ergab sich daraus,
daß der historische Romman im ganzen und großen mehr auf
den technischen Anfangsstufen des realistischen Romans zu ver—
harren pflegte.
Die geschichtliche Forschung und Kunst stellte in dieser
Zeit im großen und ganzen drei Arten der Aufbereitung und
des Vortrags eines historischen Stoffes zur Verfügung: das
einfache Referat der Tatsachen, mochten sich diese nun auf
Handlungen namentlich der politischen Geschichte oder auf die
archäologische Wiedergabe von Zuständen (die sogenannte
niedere Kulturgeschichte) beziehen; ferner die Ideengeschicht—
schreibung, in der die ungeheure Masse der überlieferten
Tatsachen eines Zeitverlaufs dem Einflusse gewisser Ideen
untergeordnet erschien; und endlich die kulturgeschichtliche
Behandlung, welche die Tatsachen einer Zeit im Grunde schon,
wenn auch noch sehr vage und unbestimmt, als Ausfluß
einer der ganzen Zeit zugrunde liegenden besonderen seelischen
Disposition, als Außerung der „Kultur“ dieses Zeitalters
ansah.
Alle diese Formen der Behandlung geschichtlicher Stoffe
wurden nun auch im historischen Romane angewandt, und zwar
durchgängig in der objektivistischen Kunstform des Gegenwart⸗
romans: so daß man einen referierenden, teils auf Handlungen,
        <pb n="279" />
        270 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites RNapitel.

teils auf Zustände gerichteten, einen ideengeschichtlichen und
einen kulturgeschichtlichen Roman unterscheiden kann.
Von diesen Formen war aber natürlich die referierende
die verbreitetste, schon deshalb, weil sie altherkömmlich war
und die wenigsten Schwierigkeiten bot; höchstens daß der
Zustands⸗- oder archäologische Roman, der Roman des geschicht⸗
lichen Genrebildes, etwas mehr gepflegt wurde als bisher.
Wer aber wird nun die Erzeugnisse gerade der Kunst des
referierenden Romans alle herzählen wollen, die sich so oft in
dem niedrigsten Unterhaltungsbedürfnis verlor? Hier wären
etwa nur die Romane der Luise Mühlbach (1814573) zu
nennen, die namentlich die Helden des 18. Jahrhunderts in
ihren Gräbern aufftörten, daneben die späteren Produkte Emil
Brachvogels (1824578), aus etwas jüngerer Zeit auch die
zahlreichen Bände von Felix Dahn (geb. 1834), der die Gattung
mit viel Schwung und einem großen Talent der Inszenesetzung
gepflegt hat. Haben diese Autoren besonders politisch-historische
und anekdotisch-historische Romane geschrieben, so erstreckten sich
Ausläufer einer ihnen verwandten Praxis bis in die Gegenwart,
so die zeitgeschichtlichen Erzählungen Hermann Gödsches, der in
den fünfziger bis siebziger Jahren unter dem Namen Sir John
Retcliffe schrieb, sein „Sebastopol“ etwa (1836 57) und sein
„Puebla oder die Franzosen in Mexiko“ (1865—-68), und die
verwandten Geschichten Gregor Samarows (Ps eudonym für Oskar
Meding), der seit Anfang der siebziger Jahre die Firma Gödsche
übernahm und mit verstärkten Kräften fortführte. Der archäo⸗
logischen Form des referierenden Romans aber huldigten noch
viel mehr Autoren; und hier kam es zu Schöpfungen, die sich
ganz besonderer Gunst des lesenden Publikums erfreuten und teil⸗
weise diese Gunst auch von künstlerischem Standpunkte aus ver⸗
dienten: Scheffel schrieb 1855 seinen „Ekkehard“; Ebers begann
1864 mit seinen ägyptischen Romanen, denen später auch solche
aus dem deutschen Mittelalter folgten, Ernst Eckstein verarbeitete
seit den achtziger Jahren in Römerromanen vornehmlich die
der Zeit besonders interessanten Jahrhunderte der Kaiser⸗
—Re
        <pb n="280" />
        Voller Realismus.

271

Die höher strebenden Dichter des historischen Romans aber
wandten sich im allgemeinen von der referierenden Form, deren
populäre Reize freilich nie vergehen werden, ab und dem ideen—
und dem kulturgeschichtlichen Romane zu.
In den Vordergrund trat dabei sehr bald der kultur—
geschichtliche Roman, der übrigens das Hereinspielen ideen—
geschichtlicher Elemente, z. B. der Idee des preußischen König—
tums, nicht auszuschließen brauchte. Sehr begreiflich: die
allgemeine seelische Haltung einer Zeit und eines Volkes, das
—D
nennen kann, erschien in diesen Jahrzehnten besonders geeignet,
als Grundlage einer Romandichtung der Vergangenheit zu
dienen: ein historischer Roman auf dieser Basis bedeutete ja
eigentlich nichts als die UÜbertragung des eben mühsam in
Entwicklung begriffenen Wesens des Gegenwartromans in die
Vergangenheit. Den Verlauf einer geschichtlichen Idee — dies
Wort im Sinne der Geschichtswissenschaft des Realismus ver—
standen — oder gar mehrerer solcher Ideen in einem Romane
darzustellen, erwies sich dagegen als schwierig, weil sich das
Wesen der Idee alsbald in dem Oberbau des Romans, in der
Handlung selbst verkörpern mußte: womit denn der Ideenroman
sich sofort bedenklich der eigentlichen Ideengeschichte näherte
und das phantasievolle, ja sogar das künstlerische Moment im
höheren Sinne, das Moment vollendeter künstlerischer Freiheit,
vermissen ließ. Und so haben denn die ideengeschichtlichen
Romane ihre Autoren meist wenig befriedigt und auch die Liebe
der Nation nur wenig gewonnen: weder Frenzels, noch Rodenbergs,
noch Laubes Werke sind viel gelesen worden.
Dem kulturgeschichtlichen Romane dagegen gehörten mit
die gefeiertsten Erscheinungen des historischen Romans der Zeit
an. Schon das war bezeichnend, daß gerade diese Richtung
in Meinholds „Bernsteinhexe“ (1843) einen trefflichen Vorläufer
gehabt hat, so wie etwa Jeremias Gotthelfs Schriften um
dieselbe Zeit den Charakter des viel späteren impressionistischen
Romans vorwegnahmen: es handelte sich beim kulturgeschicht⸗
lichen Romane um eine tiefere, originäre Bewegung, nicht nur
        <pb n="281" />
        272 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

um einen Seitenweg und Nebenzweig der literarischen Ent—
wicklung.
Die eigentliche Aufgabe der kulturgeschichtlichen Erzählungs—
kunst hat wohl Riehl zuerst bewußt und deutlich formuliert:
„auf Grund der Gesittungszustände einer gegebenen Zeit solle
man freigeformte Charaktere in ihren Leidenschaften und
Konflikten walten lassen“. Es war das Programm vor allem der
kulturgeschichtlichen Novellen Riehls selber, die 1856 erschienen;
auf die große Form des Romans hat es vollendet Freytag an⸗
gewandt. Und indem dies geschah, erfolgte zugleich eine be—
sondere Ausgestaltung des Romans als Kunstwerk.
Es ist früher die Rede davon gewesen, daß der große
Gegenwartroman, insofern er ein volles Weltbild geben wollte,
als stoffliche Grundlage seiner Kunstform eigentlich einen Schau—
platz haben mußte, auf dem sich die Ringe aller wichtigen
Gesellschaftskreise der Zeit trafen und schnitten!. In diesem
Sinne hatte Gutzkow in Deutschland zuerst die Aufgaben dieses
Romans gefaßt. Es war aber auch noch eine andere, grund⸗
sätzlich allerdings wohl unvollkommenere Lösung der Aufgabe
denkbar: man konnte die verschiedenen Haupttendenzen der Zeit
in einzelnen Romanen vorführen, denen man unter sich einen
gewissen Zusammenhang gab; man konnte eine zyklische Form
wählen. Diese zyklische Form ist für den Gegenwartsroman
zuerst in Frankreich gefunden worden, anfangs, von Balzac, in
einer sehr losen Praxis; denn erst nachträglich hat Balzac
gewisse Romane zu dem großen Zyklus seiner Comédie humaine
zusammengefaßt; später weit ernster von Zola in den Rougon-Macquard.
 Außerhalb Frankreichs aber ist dann die zyklische
Form des Gegenwartsromans auch in Deutschland versucht
worden; die Feuilletonromane „Berlin“ und „Berlin M“
Lindaus und Mauthners gehören ihr an.
Von ganz anderen Motiven her konnte nun aber die
zyklische Form auch für den historischen Roman von Bedeutung
werden. Während sie für den Gegenwartsroman nur eine

S. oben S. 252 ff.
        <pb n="282" />
        Voller Realismus.

278

Erleichterung in der Darstellung des sozialen Nebeneinanders
brachte, ohne dafür absolut notwendig zu sein, wurde sie un—
erläßlich und darum künstlerisch auch erft ganz berechtigt, wenn
sich im Bereiche des historischen Romans die außerordentliche
Absicht kundgab, das Aufeinander des Geistes und der Gesittung
der Kultur verschiedener Zeitalter zur Darstellung zu bringen.
Das aber war Freytags Meinung in seinem letzten Werke,
den „Ahnen“ (1872 -1880): denn die einzelnen Romane dieses
Zyklus: Ingo und Ingraban, Das Nest der Zaunkönige, Die
Brüder vom deutschen Hause, Markus König, Die Geschwister, Aus
einer kleinen Stadt, boten die Geschichte eines deutschen Geschlechts,
dessen Generationen reiche Schicksale in der deutschen Kultur⸗
welt der Urzeit und in den Zeiten der Karlingen, der Sachsen⸗
könige, der Staufer, der Reformation und der folgenden Jahr⸗
hunderte erlebten. Freilich kann man, ganz abgesehen von der
Tatsache, daß die dichterische Kraft Freytags während der Aus⸗
führung des Zyklus derart ermattete, daß die letzten Romane
nur noch als mittelmäßige Kunstwerke gelten können, die
Frage erheben, ob ein solcher Zyklus überhaupt noch vollen
künstlerischen Wert besitzen könne. Da nämlich das verbindende
Moment nur bei oberflächlicher und äußerlicher Betrachtung der
Generationenablauf desselben Geschlechtes ist, während in Wahr⸗
heit der Kulturverlauf, d. h. etwas in Form der Schilderung von
wenigen konkreten Personen schwer, wenn nicht unmöglich Dar⸗
stellbares, die einzelnen Teile miteinander verknüpft: so schwindet
für den inneren Zusammenhang eigentlich das unmittelbare,
anschauliche, nur in der Tiefe persönlicher Charakteristik erfaß—
bare dichterische Interesse — und in den Vordergrund schiebt
sich der Drang zuständlicher Vergleichung, ein rein kultur—
geschichtliches Interesse: — und die Kunst weicht der Wissenschaft.
Und so war es denn schließlich nicht anders: an diesem
entscheidendsten, umfassendst durchdachten aller historischen Romane
zeigte sich, daß die ganze Gattung doch eigentlich eine Zwitter—
gattung zwischen Kunst und Wissenschaft war trotz ihrer Blüte
in dieser Zeit; und daß diese Blüte nicht einem besonderen
dichterischen Aufschwung, sondern vielmehr dem UÜberwiegen
Lamprecht, Deutiche Geschichte. XI. J. 18
        <pb n="283" />
        274 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wissenschaftlichen Denkens, dem Triumph des Historismus inner⸗
halb der Kunst verdankt wurde. Der historische Roman ist
darum auch mit dem Schwinden des Historismus seit den
achtziger Jahren als Gattung sehr zurückgegangen, wenngleich
sich gerade auf kulturgeschichtlichem Gebiete noch später so treff⸗
liche Erscheinungen verzeichnen lassen wie die Romane Hausraths
(G. Taylors), und wenngleich gerade Hausrath noch neuerdings
einen lehrreichen Versuch gemacht hat, wenigstens in einem
Novellenkranz die zyklische Form des historischen Romans in
einer neuen Auffassung wiederum zu beleben („Unter dem
Katalpenbaum“, 1900).
Indes der historische Roman verlief doch nicht bloß in
der bisher geschilderten objektivistischen Reihe von Erscheinungen.
Vielmehr machte sich auch in ihm die Subjektivität der Dichter
geltend. Nun ist ja diese Subjektivität selbstverständlich nirgends
ganz ausgeschlossen, so wenig wie dies in der Geschichtschreibung
und in der Geschichtswissenschaft und auch in der Naturwissen⸗
schaft der Fall ist. Aber nicht darum handelt es sich hier, ob
überhaupt Subjektivität vorlag oder nicht, sondern ob das
subjektive Element bewußt zugelassen oder gar vorgeschoben
wurde. Und da ergibt sich denn für den durchgebildeten ge—
schichtlichen Roman des 19. Jahrhunderts die bemerkenswerte
Tatsache als eine der merkwürdigsten Ausdrucksformen eines
allgemein subjektivistischen Seelenzustandes, daß selbst in dieser
—
scheint, eine voll subiektivistische Entwicklungsreihe zu ver—
folgen ist.
Die Anfänge auf diesem Gebiete lagen in der an und für
sich noch nicht so auffälligen Erscheinung, daß der referierende
historische Roman, soweit er politische Handlungen darstellte,
nicht selten auch parteipolitisch gefärbt war; man hat feudale
und radikale, liberale und konservative, orthodore, klerikale
und kirchlich freisinnige historische Romane erlebt. Bezeichnender
war schon, daß auch in den archäologischen Roman nicht nur Zeit⸗
tendenz, sondern ebenso sehr Subjektivität eindrangen; Scheffels
„Ekkehard“ reflektiert in der Schilderung des Titelhelden nicht
        <pb n="284" />
        Voller Realismus.

275

bloß Zeitrichtungen des 19. Jahrhunderts, sondern enthält auch
starke persönlich-dichterische Momente. Später aber eutwickelte
sich, vornehmlich auf dem archäologischen und dem kultur—
geschichtlichen Gebiete, geradezu ein subjektiver Stimmungsroman,
dessen Meister vornehmlich Jensen (geb. 1837; „Nirwana“ 1877,
„Um den Kaiserstuhl“ 1878) und Raabe (z. B. „Das Odfeld“ 1888)
geworden sind.
Freilich: das Element, das namentlich im kulturgeschicht—
lichen Roman die Möglichkeit dieser Entfaltung ergab, war
doch nicht das ungebrochen subjektive, das sich im Gegenwarts⸗
roman aussprechen kann. Handelte es sich hier vornehmlich
um die Objektivierung des eigenen Ichs im Haupthelden, so
trat im kulturgeschichtlichen Roman vielmehr die Frage auf,
inwieweit die Schilderung der seelischen Haltung eines bestimmten
Zeitalters durch subjektive Momente der Dichterpersönlichkeit
beeinflußt werde: nicht Schilderung eines Charakters, sondern
einer Stimmung, nicht Behandlung der Personen, sondern der
Umwelt im weitesten Sinne kamen in Betracht. Man kann
daher hier recht eigentlich von Stimmungsromanen reden, will
man das subjektive Element andeuten.
Nun vermochte aber auch dies Element wiederum ver—
objektiviert zu werden, indem es aus dem Munde einer anderen
Person eines anderen Zeitalters zur Aussprache kam. So ließ
3. B. Conrad Ferdinand Meyer die „Hochzeit des Mönches“ am
Hofe der Skaliger durch Dante erzählen. Dabei versteht sich,
daß solche Kunststücke historischer Rahmenerzählung nur großen
Meistern der Technik gelangen.
C. F. Meyer (1825—1898) aber war einer dieser Meister.
Auch da, wo er nicht, wie er es mit Vorliebe tat, durch den
Mund zweiter Personen erzählte, war er Herr einer bis zum
Verschwinden fast alles Subjektiven objektivierten historischen
Stimmung. Schon sein Gedichtzyklus „Huttens letzte Tage“
(1871), im Grunde das Gerüst einer großen kulturgeschichtlichen
Erzählung, brachte das deutlich zum Ausdruck; spätere
Schöpfungen, freilich namentlich auf dem Gebiete der Novelle,
oft aber mit dem Inhalt eines ganzen Romans, haben das
18*
        <pb n="285" />
        276 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

dann bestätigt; am wenigsten freilich vielleicht sein einziger
Roman (, Jürg Jenatsch“ 1876). In Meyer ist damit vielleicht
nicht der beste geschichtliche Erzähler, gewiß aber der größte
Künstler der historischen Erzählung dahingegangen.

3. In der Kunsterzählung fand die darstellende Phantasie
des Realismus ihren eigentlichen Ausdruck.
Natürlich wurde damit die Prosa die eigentliche Form
der Dichtung; die gebundene Form trat zurück. In diesem
Tausch ist an sich noch kein Verfall der darstellenden Phantasie—
tätigkeit zu erblicken. In Zeiten des keimenden Neuen, wenn
vor allem auch neue Stoffe neue Formen der Dichtung ver—
langen, mag es sehr wohl geschehen, daß die alten metrischen
Gehäuse der Dichtung verfallen und die Prosa einstweilen für
sie eintrit. Und wer möchte behaupten, daß sich nicht auch
dieser Vorgang in den Zeiten des ausgehenden Realismus ab⸗
gespielt hätte? Dichter von großer Eigenart, die schon damals
dem Impressionismus zustrebten, ein Hebbel, Otto Ludwig,
Bitzius, haben vornehmlich, teilweise fast ausschließlich in Prosa
geschaffen. Allein so sicher diese Unterströmung vorhanden war
und gegen Ausgang des Realismus immer rascher und kräftiger
floß, so wenig war sie für die realistische Zeit charakteristisch.
Wenn in dieser die Prosa ganz allgemein zu herrschen drohte, so
war die Ursache hierfür in dem Überwiegen der intellektuellen
Funktionen, dem langsamen Versiegen der Einbildungskraft
gegeben: nicht umsonst wurde in diesen Jahren auf dem Ge—
biete der Phantasietätigkeit mit Vorliebe von Kunstverständnis
gesprochen, wo die Gegenwart lieber von Kunstanschauung,
vielleicht gar von Kunstempfindung reden würde.
Es ist kein Zweifel, daß Prosa und Überwiegen der Kunst⸗
erzählung in diesem Zusammenhange ein langsames Verdorren
der intensiveren darstellenden Phantasie überhaupt anzeigten.
Hatte doch schon die bildende Kunst außerordentlich gelitten!
Und doch pflegt sie in Zeiten einer Hegemonie des Verstandes
        <pb n="286" />
        Voller Realismus.

277

viel weniger rasch abzublühen als die Dichtung, da ihre be⸗
sonderen Ausdrucksmittel sie mit der Sprache, dem Ausdrucks—
mittel zunächst doch einmal der begrifflichen Welt, nicht in
Verbindung bringen.
Unter den Zweigen der hohen darstellenden Kunst aber hat
weitaus am meisten die Musik, hat weniger die Lyrik und am
wenigsten das Drama gelitten: je feiner die Mittel darstellender
Phantasietätigkeit waren, um so früher und um so mehr ver—
sagten sie.
Das Drama hätte an sich wohl der realistischen Richtung
zu folgen vermocht, wäre diese im Aufsuchen neuer Naturalismen
über die physiologische und psychologische Beobachtungsgabe
der früheren Zeiten der ersten Periode des Subjektivismus
hinausgelangt. Denn in dem Augenblicke, da, mit dem Im—
pressionismus der zweiten Periode, ein solcher Fortschritt ein—
trat, begann alsbald auch eine Zeit lebhaftesten Experimentierens
auf dramatischem Gebiete, nahten die Zeiten der Sudermann
und Hauptmann, die Jahre eifriger Aufführung der Stücke
Ibsens und Hebbels. Allein eben dieser Zusammenhang
zeigt am besten, daß im Verlaufe des späteren Realismus
eine Vertiefung der Kräfte darstellender Phantasie nicht mehr
stattfand. Wie in allen ausgehenden Perioden handelte es sich
vielmehr im besten Falle nur noch um eine Verbreiterung und
Vervollständigung früher erworbener Fähigkeiten, im allgemeinen
sogar nur um deren einfach fortgesetzte, immer mehr handwerks⸗
mäßige Übung.
Unter diesen Umständen kann sich eine entwicklungs⸗
geschichtliche Erzählung über die Erzeugnisse der höheren dar—
stellenden Phantasie des Zeitraums der fünfziger bis achtziger
Jahre kurz fassen: es sei denn, sie verfolge den mehr mono—
graphischen Zweck, zugleich einen Beitrag zur Psychologie des Ver—
falls der Einbildungskraft in einem bestimmten Falle zu liefern.
Schon die Romantik hatte das Drama im Grunde er—
folglos gepflegt: was ist von ihrer reichen dramatischen Pro—
duktion überhaupt bis zur Bühne vorgedrungen, und was hat
sich auf dieser bis in die Gegenwart erhalten? Bühnen—
        <pb n="287" />
        278 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

wirksamkeit aber erbringt zwar nicht das einzige, wohl aber
ein unerläßliches Zeugnis wahrhaft dramatischen Lebens. Dann,
in den Zeiten des beginnenden historischen Realismus, hatte
sich ein noch primitiveres historisches Drama eingestellt, dem
Geschichtswerke wie Raumers „Hohenstaufen“ zu einem flachen
und breitspurigen Leben verhalfen: es war eine Parallel⸗
entwicklung gewesen zu den Einflüssen Scotts im Roman und
zur Historienmalerei der Schadowschen Schule. Im übrigen ver⸗
sank die Dichtung in den dreißiger Jahren zu nicht geringem
Teile in die immer noch ziemlich phantasievoll ausgestatteten
Leidenschaften einer embryonalen Politik; die Romanschreiber des
Jungen Deutschlands traten auf und nach ihnen die politischen
Lyriker der vierziger Jahre!. War nun aber in diesem Verlaufe
noch Raum gegeben für eine starke Entwicklung des Dramas?
Dennoch haben sich in dieser Zeit, seit etwa 1840, die Jung⸗
deutschen als Dramendichter geregt, wie in ihr, noch vor
stärkerem französischem Einflusse, die Historienmalerei eines
Rethel erblühte und in der realistischen Kunsterzählung mit
der Dorfnovelle und Verwandtem selbständige Anfänge gemacht
wurden. Und die Jungdeutschen waren in diesem Zusammen—
hange wohl am Platze. Die sentimentale, manchmal wohl auch
humoristische Romantik ihrer Romanproduktion war erledigt;
sie sahen dem Leben schärfer ins Gesicht; und sie hatten einst—
weilen genug vom politischen Heroldstum. So begann der
schärffte Kritiker von Staat und Kirche unter ihnen, Gutzkow,
am frühesten den dramatischen Reigen mit „Werner oder Herz
und Welt“ (1840), mit der „Schule der Reichen“ (1841) und
mit anderen Dramen, bis er mit „Zopf und Schwert“ (1848)
eine erste Höhe erreichte. Am stärksten oder wenigstens erfolg—
reichsten aber war die dramatische Tätigkeit der ehemaligen
Jungdeutschen wohl gegen Ende der vierziger Jahre: Laubes
Monaldeschi“ (1845), seine „Karlsschüler“ (1847), Gutzkows
„Urbild des Tartüff“ und „Uriel Acosta“ (1847) führten hier
den Reigen. Und schon gesellten sich zu den älteren Autoren,

S. Bd. X S. 474 ff., 509 ff.
        <pb n="288" />
        Voller Realismus.

27d

die, zumeist im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts geboren,
nun schon mit ermattender Phantasie schufen, junge Elemente
von Frische und Kraft, so Geibel und Freytag.
Aber schon war auch auf diese Entwicklung der Meltau
der Mißgunst der innerlichen nationalen Entwicklung und
steigenden fremden Einflusses gefallen: und aus der Einwirkung
der Mischung beider ist dann das eigentlich typische Drama
des Realismus hervorgegangen.
Otto Ludwig, der die Entwicklung des realistischen Dramas
als leidenschaftlicher Kritiker und insofern tiefster Kenner, als
ein Sachverständiger des Hasses miterlebt hat, sah die erste
Schwierigkeit einer nationalen Entfaltung des Dramas wie über—
haupt der Dichtung in dieser Zeit ganz allgemein in dem Über—⸗
wiegen des Gedanklichen, der Philosophie: es ist der noch fort—
währende Einschlag der romantischen Zeit der Identitätssysteme,
der ertötend wirkt: „Wie die Theologie früher, so hat die Philo—
sophie in neuerer Zeit die Poesie unterjocht und sich zur Stoff—
und Gesetzgeberin der Poesie aufgeworfen, und so unter dem
Vorwande der Bildung der Poesie eigenstes Wesen gefährdet.“
Es geschah natürlich besonders durch Vermittlung der Ästhetik,
wie sie wiederum vornehmlich in der Schule Hegels ausgebildet
worden war und darum eigentlich den Realismus erst recht
bedrückte. Was da das Drama speziell zu leiden hatte, kann
man aus der Tatsache ermessen, daß Vischer und Hettner gerade
in den Anfängen des vollen Realismus, nämlich Vischer in
seiner Ästhetik, die 1846 bis 1857 erschien, und Hettner in
seinem Buche vom modernen Drama (1882) je eine triadische
Stufenfolge von Arten des Tragischen festgestellt hatten: näm—
lich Vischer eine Stufenfolge des Tragischen als des Gesetzes des
Universums, als einfacher Schuld und als sittlichen Konfliktes,
Hettner aber eine Stufenfolge des Tragischen des Verhältnisses,
der Leidenschaft und der Idee. Man hat neuerdings freilich
noch viel mehr Arten des Tragischen aufgestellt, aber man
berlangt nicht mehr gleich den Ästhetikern der fünfziger Jahre,
daß der Dichter sich nach diesen Distinktionen als Normen
seiner schöpferischen Tätigkeit richte. Unter diesem Druck der
        <pb n="289" />
        280 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Asthetik aber hat damals ganz besonders die Dichtung und vor—⸗
nehmlich wiederum das Drama gelitten, denn aus ihnen vor
allem wurden die ästhetischen Gesetze abgeleitet, während die
frühere Zeit der ersten subjektivistischen Periode mehr eine
Asthetik der Plastik, der Beginn der zweiten subjektivistischen
Periode mehr eine Ästhetik der Malerei erlebt hat.
Es ist ein Unterschied, der zu der eigentlich wesentlichsten
Belastung der dramatischen Tätigkeit im Zeitalter des Realis—
mus durch die innere Entwicklung hinführt. Die Asthetik ist
aus den geisteswissenschaftlichen Spekulationen Hegels hervor⸗
gegangen: in ihnen, in der Geisteswissenschaft überhaupt und
vornehmlich wieder in der Geschichtswissenschaft und dem
Historismus lauerte der Wurm, der die Knospe des neuen
Dramas vernichtete. Ein auf den ersten Anblick verwunder—
licher Zusammenhang: wie sollte eine Wissenschaft vom Handeln
der Menschen nicht das Drama vielmehr befruchtet haben?
Im echten Drama subjektivistischer Zeiten ist aber die
Handlung nur Akzidenz der Personen, nur Gelegenheitsmacherin
für deren Exposition und Bewegung: die Psyche der Personen
vielmehr und deren Gestaltung zu Ganz⸗ und Randfiguren
bildet die Materie des Kunstwerks: diese Personen handeln
unter einem obersten Schicksale nach ihrer Art; in welchen
Aktionen das geschieht, ist Nebensache.
Nun erhob aber der Historismus diese Aktionen zur Haupt—⸗
sache, genau so, wie er in der Malerei, insbesondere im Genre
und im großen Historienbild, den Gegenstand vor dem Farben⸗
—DDDDD— ihm galt vor allem die
Fabel und nicht die psychische Entfaltung der Personen.
Es konnte die Zurückschraubung des Wesens des Dramas
auf seine Anfangszeiten im 15. und 16. dahrhundert bedeuten;
damals hatte Hans Sachs in der Tat noch durchaus auf dem
Standpunkte der Bevorzugung der Handlung gestanden. Eine
solche Folge trat nun freilich nicht ein, denn die geschichtliche
Entwicklung kennt keinen wirklichen Rückschritt im Sinne des
psychischen Wiederauflebenlassens früherer Zeiten; wohl aber
hatte sich jetzt das fubjektivistische Drama der Hegemonie der
        <pb n="290" />
        Voller Realismus.

281

Handlung in seiner Art zu unterwerfen. Die Folgen sind leicht
zu ermessen. Aus der zu starken Betonung der Handlung ergab
sich ein zu strikter kausaler Nexus; und da dieser langweilig zu
wirken drohte, wie allzuviel Symmetrie in einem Gemälde, so
griff man, um das Interesse zu erhöhen, zur Einführung von
allerlei künstlichen Spannungselementen: was dann wieder eine
sehr äußerliche Behandlung von Raum und Zeit zur Folge
hatte. Unter dem Vollstopfen der Akte mit Stoff- und Handlungs⸗
momenten litt dann schließlich nicht bloß die Führung des
Dialogs, der zur kurzen Mitteilung von Tatsachen, zum
„Katechismusdialog“ einschrumpfte, sondern vor allem auch die
Charakteristik der Personen: denn deren Wesen ließ sich jetzt
nicht mehr ausmalen; sie wurden zu Haubenstöcken, zu Trägern
einer viel zu reichen, viel zu sehr in Einzelheiten zerfließenden
und noch dazu durch das Beduürfnis effektvoller Aktschlüsse zer⸗
rissenen Handlung. Von dem Walten einer Schicksalsidee, von
hohem ethischem oder gar religiösem Pathos aber war natürlich
nach alledem auch nicht einmal mehr die Rede.
Ergaben sich diese Konsequenzen schon aus der deutschen
Entwicklung, entwuchs ihr allein bereits ein „Handlungsdrama“
von trockener aber komplizierter Mechanik, so wurde dieser
Verlauf noch gesteigert durch französische Einflüsse.
In Frankreich war, bei dem engen Parallelverlauf der
mittel⸗ und westeuropäischen nationalen Entwicklungen nicht
weiter verwunderlich, ganz ähnlich wie in Deutschland ein
Handlungsdrama aufgekommen. Nur daß es, auf dem Boden
der alten dramaturgischen Zeit- und Raumanforderungen der
französischen Poetik, sich noch weit radikaler als in Deutschland
verbildet hatte. Denn innerhalb einer zu reichen und zu ver—
wickelten Handlung machte die gleichzeitige Forderung der engsten
Konzentration in Raum und Zeit jede tiefere perspektivische
Gruppierung der Gestalten eigentlich unmöglich; die Kleinigkeit,
der nackte Behelf trat in die Reihe der wichtigen Momente,
das bloße Detail wurde zum unerläßlichen Teile der Verlaufs—
reihe von Ursache und Wirkung. In diesem Verlaufe aber
zing es dann hurtig her und wie beim Kartenspiele, Stich um
        <pb n="291" />
        282 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Lapitel.

Stich, damit das kritische Nachschaffen der Zuschauer nicht zu
Atem komme; und so trieb das Ganze als ein Spiel des Witzes
ins Oberflächliche, und eine frostige Symmetrie erkältete. Dieser
Charakter aber drängte sich allmählich auch dem deutschen Drama
um so leichter auf, als er in der Richtung der von diesem schon
an sich eingeschlagenen Entwicklung überlegen war, und als der
Einfluß des französischen Theaters auf die deutsche Bühne seit
der Tragédie classique trotz Lessing niemals aufgehört hatte.
In Frankreich war Scribe der Hauptvertreter dieses
Handlungsdramas. Er hatte schließlich eigentlich nur noch Sinn
für Mittel, die Handlung bühnenwirksam vorwärts zu hasten: für
neue Situationen, geschickte Verwicklungen und noch geschicktere
Lösungen: und so entfloh seinen Stücken allmählich außer der
höheren sittlich-philosophischen Motivation, die stets nur in An—
deutungsversuchen vorhanden war, jede Idee, jede Bedeutung,
alle Psychologie, alle Beobachtung wirklichen, lebendigen Daseins.
In Deutschland korrespondierte mit Scribe etwa Gutzkow,
mit seinen Nachfolgern und Übertreibern Augier und Sardou
etwa Lindau und Blumenthal; sie haben schließlich in einem
sogenannten Gesellschaftsdrama eine Gesellschaft gebildet, die in
Wirklichkeit auf deutschem Boden nirgends zu finden war; schon
aus diesem Grunde ist es nicht nötig, ihre Dramen zu nennen
und die zwischen ihnen verlaufende Entwicklungslinie noch mit
weiteren Namen zu füllen.
Wohl aber ist es lehrreich, zu sehen, wie sich in der
Geschichte des Dramas nun, unter der stillen Wirkung des
Historismus, allmählich dieselben Verfallsmotive und Verfalls—
stufen einstellten, die wir im Gegenwartsroman kennen gelernt
haben. Da ein hohes Schicksal nicht waltete, so trat an dessen
Stelle die persönliche Tendenz des Dichters; ein subjektivistisches
Drama wucherte auf gleich dem Tendenz- und Thesenroman;
ästhetische und philosophische, vor allem aber soziale, ethische
und politische Tagesthemata wurden an dem Corpus vile eines
Bühnenstückes demonstriert und der Absicht des Dichters nach beant⸗
wortet, und die Charaktere wurden zu programmatischen Figuren,
zu Allegorien fast, zu Sinnekens im Stile der Erfindungen
        <pb n="292" />
        Voller Realismus.

288

der alten Rederijker, zu Gestalten, die im Auftrage des Dichters
etwas zu sagen hatten. Je mehr aber diese Entwicklungs⸗
richtung die Praxis der Dichter zu beherrschen begann, um so
mehr schwand natürlich das sinnliche Element der Dichtung
überhaupt: und das hieß für das Drama, die anschaulichste aller
Dichtungsgattungen, das Ende.
Allerdings unterlag dabei die deutsche dramatische Poesie
nicht durchaus diesem Verfalle. Zwar die große Dichtung, die
die Blicke über die Zeit hinaus schweifen läßt, die an höchste
Ideen rührt und die Tiefen des nationalen Herzens bewegt, die
hohe Tragödie vor allem, fehlte. Aber da, wo der Historismus
nicht bloß die dramatischen Mittel bestimmte, sondern auch den
Stoff der Handlung lieferte, im geschichtlichen Drama, leuchtete
doch noch eine gewisse Harmonie und »ein letzter Abglanz
poetischen Schaffens auf. Wie es Otto Ludwig einmal, nicht
ohne das Lächeln der Resignation, geschildert hat: „Die Poesie
oerfährt nach den Gesetzen der Erinnerung; sie ändert nicht,
was geschehen, aber sie mildert es künstlerisch. Daher sind,
wenn alles andere gleich, die Stoffe poetischer, die in der Ver—
gangenheit liegen; sie erlauben eine künstlerische Darstellung.
Wir haben keinen anderen Maßstab, sie zu messen, als das
rein Menschliche; mit Stoffen aus der Gegenwart und aus der
aächsten Nähe ist es anders.“ Und so entwickelte sich denn
eine leidliche historisch-dramatische Poesie, wenn sie auch in
hohen Stoffen zumeist ein wenig blutleer blieb: denn man lebte
in einer bürgerlichen, ja einer bürgerlich-revolutionären Epoche,
und die Schicksale der Könige rührten weder, noch wußten sie
zu erheben. Dabei war es im Grunde noch günstig, schloß
man sich der Form nach an die Großen der ersten subjektivistischen
Periode, an den Klassizismus Goethes und noch mehr an
die leicht nachzuahmende Art Schillers an. Und so erblühte
denn eine bescheidene dramatische Epigonie, der sich nur wenige
wichtigere Erscheinungen, wie Brachvogels „Narciß“ oder Wil—
brandts „Arria und Messalina“ nicht einordneten. Der Schluß⸗
held dieser Entwicklung war Wildenbruch (geb. 1845) mit seinem
„König Harold“, mit den, Karolingern“, den , Vätern und Söhnen“
        <pb n="293" />
        284 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

und auch noch den „Quitzows“. In ihm verhallt schließlich wohl
am reinsten, wenn auch gelegentlich ein wenig bombastisch,
mancher tiefen Pedalstimme alter Orgeln vergleichbar, der
Schillersche Jambenstil:

Die Welt ist tot. Das schweigende Entsetzen
Sitzt auf den Trümmern und gebiert das Nichts.
(Schluß der Karolinger.)

Wenn aber so im ernsten Drama die elementare, die aus
dem Herzen der Natur aufquellende Empfindung versiegte: blieb
dieser Zeit des Verstandes nicht wenigstens das heitere Spiel
des Humors und des Witzes?
Auch hier versagte die intellektualistische Erfüllung der
Zeiten. Gewiß: in den Niederungen, da wo alte bürgerliche
Lebensformen als Philisterium fortvegetierten, da hielt sich auch
ein behäbiges Repertorium ständiger breitlachender Witze. In
diese ewig satte Atmosphäre führte in dieser Zeit und schon
früher das Lustspiel von Roderich Benedix (1811 -1873): und
wer wird nicht Phäakenstunden haben, in denen er das über
„Doktor Wespe“, „Die Dienstboten“ und tausend andere Stücke
hingelagerte Behagen noch heute historisch genießt? Neben die
Kleinmaler vom Stile Benedixens aber stellten sich auch noch einige
anmutige Genremaler, die wohl an die Leistungen der gleich—
zeitigen historischen und modernen Sittenschilderung erinnern
können: als letzter Adolf L'Arronge, ein ernster Künstler in
seiner Art und fern der Schleuderarbeit der Firmen Moser oder
Schönthan und Rosen.
Zu einer wirklichen Komödie kam es aber nicht. Wohl fanden
sich ausnahmsweise einmal verheißungsvolle Ansätze ein, wie
in Freytags „Journalisten“ etwa oder in Wilbrandts „Malern“,
und bewiesen nicht minder, wie die in ihrem begrenzten Kreise
sehr tüchtige Wiener und Berliner Lokalposse, daß es an den
für die Konzeption eines tapferen Lustpiels nötigen Gegenständen
in der Umwelt keineswegs mangelte. Was fehlte, war etwas
viel Wichtigeres, die innere Disposition: breite, seelische Er—
fahrung, voraussetzungsloses wirklich schöpferisches Schaffen.
        <pb n="294" />
        Voller Realismus.

285

Und so endete man in Requisitenspäßen und Wortwitzen:
banalen Scheinwirkungen.
So war denn diese Zeit im gewissen Sinne das Dorado
des Schauspielers: auf seine Bedürfnisse wurden die Stücke
allmählich zugeschnitten. Aber hob ihn das? Keineswegs; so
sehr jetzt gewisse Mimen Virtuosen der Mätzchen wurden, dafür
aber die Charakterzeichnung in um so verwaschenerem Umriß hin⸗
warfen. Aber selbst so äußerlich wurde nicht der Schauspieler
Herr, sondern der Regisseur. Man verwarf sich aus historisch—
archäologischen Gründen der Ausstaffierung auf die Not—
wendigkeit eines Ensembles: die Schauspieler und die Kulissen
wurden zusammengestimmt. Geschah das mit künstlerischem
Sinn und aus dem Pathos einer edlen Menschlichkeit heraus,
wie in der Truppe des Herzogs von Meiningen, so mochten
dabei wohl treffliche Aufführungen der Werke großer Meister
der Vergangenheit herauskommen: war es nicht mindestens, als
sähe man die Malereien eines Lessing, Piloty, Defregger
ebendig geworden?
Im allgemeinen aber waltete der Regisseur mit einem
philistrssen Despotismus seines Berufes. Er interpretierte
Hamlet nicht als an Entschlußlosigkeit krankenden Prinzen,
sondern als Träger shakespearischen Lebensverständnisses: denn
nicht auf eine schwächliche Intuition komme es beim Schauspiel
an, sondern auf die Macht des analytischen Verstandes. Er
unterwarf sich mit dem Schauspieler den Dichter; und selbst
wo Dichter etwa Lieblingsakteuren Leibstücke geschrieben hatten,
arbeitete sein zeilen- und gedankenmordender Rodtstift.
So war denn alles in hübscher Subordination, und die
Konzeption wich der Technik, das Drama der Bühne. Und da
war es denn ein ganz entsprechender Ausdruck der Lage, wenn
das aufholende Wirtschaftsleben der Unternehmung das Theater
der Gewerbegesetzgebung unterstellte und die fortwaltenden Be—
hörden des alten Absolutismus zwar die Bühnenzensur dran⸗
gaben: an der Theaterzensur aber mit Zähigkeit festhielten.
Echte Dichternaturen, wie etwa Herrig, wandten sich in
dieser Zeit von der Bühne ab; die Dramen anderer, wie Geibels
        <pb n="295" />
        286 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

„Roderich“, „Brunhild“ oder „Sophonisbe“ (1844, 1857, 1864)
versandeten in Schutt und Geröll des Buchdramas; ernsten,
aber vielleicht verfehlten Versuchen, wie denen Heyses, begegnete
man auf der Bühne mit zu geringer Achtung; ein wahrer Lust⸗
spieldichter, wie Jordan, sah sich in Vergessenheit verkommen.
Nicht die Dichter fehlten, es fehlte die Dichtung.
Es ist ein Verlauf, der uns mit nur geringen Erwartungen
an die Geschichte der Lyrik herantreten läßt. Und sie werden mehr
als bestätigt. Da lebt wohl noch die alte Romantik in letzten
Vertretern fort und wird auch von Liebhabern des Alten, nament⸗
lich in Osterreich, noch geschätzt: so dichteten Redwitz, Roquette,
Putlitz, Müller von Königswinter. Aber je länger, je mehr
stirbt diese Poesie ab und verflacht und verdorrt unter den
heißen Sandwehen einer immer mehr macterialistischen Zeit.
Wie es von der Lorelei Mitte der siebziger Jahre heißt:
Doch seit sie dem jungen Weltschmerz sich
Mit Herz und Seele ergeben,
Ist zwar ihr Singen noch fürchterlich,
Nur kostet es keinem das Leben.
(Blüten a. d. Treibhause der Lyrik S. 42.)

Da wird auch die politische Lyrik der vierziger Jahre noch
fortgepflegt: Geibel, Kinkel, Freiligrath. Aber wie hatte sie
Hebbel schon 1844 parodiert! „Ein Einfall über den ,Baum'
der ‚Menschheit,, an dem die ‚Blüte‘ der Freiheit‘ unter
dem „Sonnenkuß‘ des ‚Völkerlenzes‘ aufbricht, will wirklich
nicht mehr besagen als ein einfaches, lyrisches Hausvätergefühl
unterm blühenden Apfelbaum.“ Doch was trat nun an die Stelle
der abblühenden Richtungen? Gewiß leuchteten noch einige große
Dichter auf in den Winkeln des deutschen Lebens, Keller in
der Schweiz, Klaus Groth im Holsteinischen, allenfalls hierher
zu rechnen auch der Steirer Hamerling. Aber im übrigen kam
es nur noch zu echter Epigonenpoesie für Haus und Familie.
Da dichteten fromm und stilrein Gerok und Sturm. Da
riefen Träger und Rittershaus in glatten Versen fürs Vaterland
auf. Und vor allem florierten die Kneiplieder Scheffels und
        <pb n="296" />
        Voller Realismus.

287

Baumbachs Lieder eines fahrenden Gesellen. Aber es waren
mehr arbeitsteilige Motive, die sich da auswirkten, als tief⸗
gründige Züge besonderer Persönlichkeit. Jeder konnte schließlich
alles anempfinden. Wie sicher und erfolgreich sang nicht
Träger! auch in Baumbachs Art:
Schon wieder hab ich mein Bündel geschnürt,
Du gibst mir, mein Schatz, das Geleite ..., oder
Durch manchen Wald noch werd' ich schweifen,
Am Hut des Blattes grüne Zier ... oder
Wunderbare Sommernacht, deine Zauber lafse walten ...
und doch hatte er damit im Grunde wohl Wilhelm Müller
oder Geibel und Uhland oder gar Tieck kopiert. Geibel aber
hat in banger Charakteristik seiner eigenen Zeit als Epigramm
das Distichon geschrieben:
Wann der Verfall anhebt? Wenn die Zeit die geschwollene Phrase
Von des empfundenen Worts Fülle zu scheiden verlernt.
Aber vermochte nicht eben hier der Historismus zu retten?
Konnte nicht eben er der Lyrik neuen Gehalt geben; stand nicht
gar eine neue Blüte des Epos zu erwarten? — Schon die Be—
deutung der Kunsterzählung für den ganzen Verlauf dieser Jahr⸗
zehnte hat uns gezeigt, daß das dichterische Gefühl für die ge⸗
bundene Form des Epos nicht mehr stark genug war; nur ein
einziges wahrhaft episches Gedicht ist aus der Periode hervor—
gegangen, die Nibelungen Jordans (1867): und auch sie leiden
an archäologischer Breite. Im übrigen vollzog sich der Einzug der
Epik und damit des Historismus in die Lyrik in den sogenannten
Aventiuren. Das in gewissem Sinn neue Genre wurde Scheffel,
einem der ganz zeitgemäßen Poeten, verdankt; sein „Trompeter
von Säkkingen“ ist 1854 erschienen. Aber was hier noch frisch
und munter in vergnüglicher Empfindung in die Welt hinaus—
gesungen wurde, das klang bald blechern aus dem poetischen
Drgan minder Begabter wieder: bis Wolff dem ganzen Sing⸗
sang in dreijährigem Ringen durch seinen „Till Eulenspiegel
redibivus“ (1875), seinen „Rattenfänger von Hameln“ (1876)

Vgl. die Harts, Kritische Waffengänge 3, 58.
        <pb n="297" />
        288 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

und seinen „Wilden Jäger“ (1877) unbewußt einen mitleidigen
Fang gab.
Dabei mag nicht verkannt werden, daß Wolff von großer
Sicherheit und Glätte der Form war. Überhaupt bildete diese
Zeit den Vers zu einer Reinheit aus, wie sie früher auf
deutschem Boden fast unbekannt gewesen war; in ihrem weichen
Wohllaut, ihrem ruhig rollenden Rhythmus ist diese Dichtung
etwa der der französischen Parnassiens vergleichbar. Allein es
ist die Formenglätte einer ausgebrauchten Kunst: jedermann
kann viel, auch der Unbedeutende, niemand aber vermag Neues.
Und so erstarrt man denn auch in der Sprache schließlich
konventionell; vergebens sucht ein eklektischer Dilettantismus
nach leuchtenden Effekten; und nur im gegenseitigen Lobe bleibt
man lebendig:

Wir leben in einer praktischen Zeit,
Und alles treibt sich gewerblich;
Vermittelst Gegenseitigkeit
Wird jeder Lump unsterblich.
H. Leuthold, 1872.)

Der Eindruck, den der Entwicklungsgang des Dramas und
der Lyrik hinterläßt, wiederholt sich in verstärktem Maße in der
Geschichte der Musik.
In der Instrumentalmusik ging die Entwicklung schon in
den dreißiger Jahren, mit Schumann, in dessen Klaviermusika,
den Weg der künftigen symphonischen Dichtung von Liszt und
Wagner: auf keinem Gebiete der Phantasietätigkeit hat die
neue Strömung der zweiten subjektivistischen Periode früher
begonnen wie auf dem musikalischen: wiederum bewährte fich
die Musik als die eigentliche erste Führerin der Kunst höchst—
kultivierter Zeiten.
Damit hing es denn aber auch zusammen, daß die späteren
großen Meister dieser Kunst in ihren Anfängen von der Zeit
des Realismus keineswegs schon verstanden, geschweige denn
geschätzt wurden. Es ist ein noch sehr ruhiges und wohl—⸗
wollendes Urteil, wenn es im Jahre 1848 in dem Kaleidoskop

S. Bd. X S. 141f.
        <pb n="298" />
        Voller Realismus.

289

von Dresden heißt: „Wagners Werke sind die Schöpfungen
einer gewaltigen, zügellosen Phantasie, eines reichen, fast über—
reichen Genius und gänzlich abweichend von der Bahn aller
modernen und antiken Komponisten. Sie sind ein Chaos von
Tönen, ein Meer der Harmonie, vor denen allerdings der
lauschende Hörer anfangs mehr überwältigt staunt, als er sie
in sich aufnehmen kann.“
Statt der neuen Musik, die damals noch im eigentlichsten
Sinne Zukunftsmusik war, blühten vielmehr noch einige letzte
Herbstblumen des spätesten, schon ganz epigonischen Klassizismus.
Es handelt sich um die Werke von Meistern, die heute so gut
wie vergessen sind, Friedrich Schneider (1786 — 1858), Wilhelm
Taubert (18111891), Heinrich Dorn (1804 1892): alles
Männer, die zu ihren Lebzeiten als berühmt galten. Von
ihnen hat Schneider allein dreiundzwanzig Symphonien,
sieben Opern, vierhundert Chorlieder, zweihundert Klavierlieder
und sehr beträchtliche Kirchen- und Kammermusik geschrieben.
Zur akademischen Zusammenfassung und zum vollen Ab—⸗
schluß zugleich kam die instrumentale Epigonie vor allem in
Leipzig und Berlin. In Leipzig bildete sich an dem von
Mendelssohn begründeten Konservatorium? eine förmliche Schule
aus, die zunächst die Pflege der Klassik in zimperlich-anmutiger
Weise betrieb. Dabei brachten Männer wie Moscheles, welche
die Klassiker noch teilweise selbst hatten musizieren hören,
anfangs noch einen frischeren Ton in das Getriebe; später aber
entwickelte sich in Kopien nach Kopien ein langsam verhallendes
Epigonentum zweiten Aufgusses, das bei den Schülern des
Konservatoriums zwar noch Gediegenheit und Sorgfalt förderte,
die musikalische Schöpferkraft aber unterdrückte. Und so sind
die deutschen Meister der Leipziger Schule, ein Ferdinand
Hiller (181141885), Karl Reinecke (geb. 1824) oder Robert
Volkmann (18135— 1888) zwar liebenswürdig und korrekt

Zit. Chamberlain, Wagner, S. 45. Bekannt waren damals „Rienzi“
und der „Fliegende Holländer“.
2 S. Bd. X S. 140.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI. J.
        <pb n="299" />
        290 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

— ————— Funke.
Das gleiche läßt sich aber auch von den ausländischen Schülern
sagen, die in England und Dänemark Abzweigungen der Leipziger
Schule gründeten, von William Sterndale Bennett (1816—1875)
und Niels Wilhelm Gade (18171890): sie waren zwar in⸗
folge der Resonanz ihrer besonderen Nationalität etwas eigen⸗
artiger und kräftiger, blieben aber doch Vertreter einer aus—
laufenden Bewegung. Weit unbedeutender als die Leipziger
waren aber noch die Berliner Akademiker; zu nennen wären sie
fast nur als später rücksichtsloseste Gegner des Neuen, vor allem
Wagners; und den Ruf einer wirklichen Musikstadt hat Berlin
erst in jüngsten Zeiten gewonnen.
Indes die Instrumentalmusik war nicht die für die Zeiten
der Epigonie eigentlich charakteristische Gattung der musischen
Kunst. Auf diesen Titel kann vielmehr weit eher die Oper —
und zwar die große Oper Anspruch erheben. Diese Oper war
allerdings kein Kind deutscher Herkunft; wesentlich französischen
Ursprungs ging sie vielmehr zunächst aus der heroischen Oper
hervor. Die heroische Oper ihrerseits hatte seit den Tagen
Glucks die italienische Opera seria mit ihren Göttern, Halb—
göttern, Helden und Königen von der Bühne verdrängt.
Cherubini und Méhul waren es dann namentlich gewesen, die
Glucks strenge Formen mit so manchem Apparate der Opera
zéeria zu einer neuen menschlicheren Oper verschmolzen hatten;
und schließlich hatte Spontini (1774 1851), in Deutschland
als Berliner Kapellmeister in besonders schlimmem Andenken,
der neuen Form, etwa in seiner „Olimpia“, die letzte Appretur
gegeben. Es war im Jahre 1819, in der Zeit, in der zugleich
etwa auch die deutsche romantische Oper mit der ersten Auf—⸗
führung von Webers „Freischütz“ den Gipfel ihrer Vollendung
erreichte. Inzwischen aber hatte sich in Frankreich aus der
Romanze, wie in Deutschland aus dem Lied, ebenfalls eine
romantische Oper, die sogenannte Spieloper zu entfalten be—
gonnen . Boieldieu war ihr frühester, und Auber (1782-1871)

Vogl. dazu Bd. X. S. 124 ff.
        <pb n="300" />
        Voller Realismus.

291

wurde ihr verehrtester Meister. Indes hielt Auber an der ur—
sprünglichen Spieloper nicht fest, sondern begann ihre Formen
mit denen der letzten Ausgestaltung der heroischen Oper zu
vermählen: so zuerst in der „Stummen von Portici“ vom
Jahre 1828, die zugleich einen für die Zeiten der Restauration
höchst aufregenden Text brachte und gleichsam zur musikalischen
Patin der Julirevolution geworden ist. Es ist der Beginn
jener Opernform, die man bald als große bezeichnete.
Der ausgesprochenste Vertreter dieser neuen Form wurde
Giacomo Meyerbeer, eigentlich Jakob Liebmann Meyer Beer
(1791 1864), der Sproß einer jüdischen Berliner Bankier—
familie gleich Mendelssohn, und gleich Mendelssohn auch von
spezifisch deutsch-jüdischer Veranlagung. Nichts vielleicht
charakterisiert ihn in dieser Hinsicht besser, als daß er von
Jugend auf ein überaus geschickter und sicherer Improvisator
war, und daß er, obwohl er am Bekenntnis seiner Väter fest⸗
hielt, doch sein ganzes Leben hindurch auch christliche Kirchen—
musik, Kantaten, Psalmen und anderes geschrieben hat. Eine
——
das Charakteristische, von um so größerer dagegen für das
Effektvolle, war er von vornherein besonders für die Oper und
vornehmlich die Oper als Ausstattungsstück und rhetorisch—
musikalisches Drama geschaffen. So lag denn seine Wahl⸗
verwandtschaft mit der werdenden großen Oper Frankreichs
zutage; und in Paris hat er sich immer am wohlsten gefühlt.
In seinem Schaffen aber war er keineswegs ein Schleuderer;
er kalkulierte vielmehr aufs genaueste und ist in späteren Jahren
vor allem Kalkulieren fast dem Versiegen seiner Produktivität
anheimgefallen. Seine Hauptopern waren „Robert der Teufel“
vom Jahre 1831, „Die Hugenotten“ von 1836, „Der Prophet“
von 1849 und die erst nach seinem Tode, im Jahre 1868, auf⸗
geführte „Afrikanerin“. In allen zeigt sich dieselbe Virtuosität
der Mache, die ihnen noch heute eine bestimmte Sorte von
Popularität sichert; sie alle beruhen auf derselben effekt—
haschenden Vermengung verschiedenartigster, schon gegebener
Stilelemente, wenn sie auch durch deren raffinierte und vor
19*
        <pb n="301" />
        292 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

allem auch lärmende Anwendung einen Fortgang in der Richtung
auf das musikalische Drama bedeuten: und vornehmlich nur
insofern läßt sich ein Fortschritt in ihnen wahrnehmen, als mit
den „Hugenotten“ das früher mythische und märchenhafte
Libretto durch ein angeblich historisches ersetzt wird: schon im
Jahre 1836: so fein war die Witterung des Komponisten für
die kommende Zeit des Historismus.
In Deutschland ist die große Oper nicht eigentlich heimisch
geworden; die Nation verstand es nicht, in einer Form schöpferisch
tätig zu werden, bei der „Wirkungen ohne Ursache“, wie Richard
Wagner zu sagen pflegte, die Hauptrolle spielten. Und doch
war die einzige Oper, die in diesem Zusammenhange eigentlich
genannt werden kann, ein Erzeugnis — wenn auch nur ein
Anfangserzeugnis — eben Richard Wagners! „Rienzi“ ist in
den Jahren 1839 und 1840 entstanden, als der Meister sich
selbst noch nicht voll gefunden hatte; die wirklich großen Werke
aber schon seiner ersten Schaffensperiode, ,Tannhäuser“, „Lohen-—
grin“, enthalten nur noch schwache Erinnerungen an die spezifische
Technik der großen Oper.
Bezeichnend dagegen war, daß selbst „Rienzi“, 1842 zum
ersten Male in Dresden aufgeführt, in Deutschland schwer Fuß
faßte; noch mehr galt das von den Maschinen der Franzosen
und Italiener, so sehr sie als Gegenstücke zu den großen
Historienbildern auch der deutschen Kultur erscheinen mochten.
Der musikalische Trieb und Sinn wandelte sich in der Nation
überhaupt nicht mehr ab, er erschien zurzeit fast erloschen.
Und so hat denn auch die weitaus charakteristischste Kunstform
der Musik, die der sinkende Realismus noch hervorgebracht hat,
die Operette, ihre Vollendung auf deutschem Boden nicht ohne
den stärksten französischen Einfluß erlebt.
Die Operette ist, soweit deutsche musikalische Entwicklungs—
motive für sie in Betracht kommen, zum Teil aus dem alten
Singspiel, vor allem aber aus der Tanzmusik hervorgegangen:
und zwar nicht aus der idealisierten Tanzmusik, sondern aus
den rein tatsächlichen, oft recht realistischen Rhythmen des Tanz—
bodens selber. Damit war sie vornehmlich wienerischen Ur—
        <pb n="302" />
        Voller Realismus.

298

sprungs: denn in Wien hatte zuerst Joseph Franz Lanner
(1801- 1848) und nach ihm der ältere Johann Strauß (1804
bis 1849) aus dem Ländler den modernen Walzer und in ihm
den eigentlichen Träger wie des nationalen Tanzes des 19. Jahr⸗
hunderts so der nationalen Operettenmusik entwickelt. Diese
wienerischen Elemente aber erhielten, um die Operette der vollen
Epigonie auszumachen, noch eine Legierung mit französischem
—
Paris hatte inzwischen Offenbach, ein Kölner jüdischer Ab—
stammung, in der frivolen Atmosphäre des zweiten Kaiser—
reichs seine liederlich-geistreichen Parodien der olympischen und
Satiren der Napoleonischen Herrschaft geschaffen: „Orpheus
in der Unterwelt“, die „Schöne Helena“ und Verwandtes. Die
Einflüsse dieser Eingebungen der leichten Muse Offenbachs wie
die anderer, oft recht liebenswürdiger, kleiner Singspiele des
Meisters verband wohl zuerst Franz von Suppé (1820 - 1895)
in seiner „Schönen Galathee“ (1865) und in seinem „Boccaccio“
(1879) vollkommener mit der Wiener Tradition, wie sie das
Singspiel des 18. Jahrhunderts noch lange, wenn auch in ab⸗
gewandelten musikalischen Formen festgehalten hatte; der größte
Vertreter der damit eingetretenen Paarung aber wurde einer
der späteren Walzerkönige, der jüngere Johann Strauß, vor—⸗
nehmlich mit der „Fledermaus“ vom Jahre 1871. Auch nach
Strauß ist dann die Operette freilich noch nicht ausgestorben;
Millöcker setzte mit dem „Bettelstudent“ (1881), Genée mit
„Nanon“, Zeller mit dem „Vogelhändler“ und dem „Ober—
steiger“ die Tradition fort: doch in diesem Verlaufe eines
langwährenden Verfalles trat auch immer stärker jenes Kunstgewerbliche
 als Künstlerische der ganzen Gattung mehr hervor,
das im Grunde schon mit ihrer Abhängigkeit von der modernen
Ballmusik gegeben war.
        <pb n="303" />
        III.

Wir stehen am Ausgange der Phantasietätigkeit des
Realismus. Es ist ein Bild fast endlosen Ringens gegen die
unsichtbare feindliche Macht des Intellektualismus: ein Bild
schließlich des Verfalls.
In den hohen Zeiten des Kampfes aber hatte sich doch
auch hier wieder das Wort bewährt, daß der Krieg der Vater
der Dinge ist; indem der Intellektualismus in seiner für die
Phantasietätigkeit gefährlichsten Durchbildung, der geistes⸗
wissenschaftlichen, und das hieß schon nach dem damaligen
Stande der wissenschaftlichen Bewegung der geschichtswissen⸗
schaftlichen, sich der ästhetischen Einbildungskraft verschmolzen
hatte, war das große Historienbild und das historische Genre,
war der historische und der Gegenwartsroman wie die historische
Novelle und die Aventüre, waren große Oper und, bis zu
einem gewissen Grade, historische Operette entstanden. Es war
gewiß nur eine Kunst für die Zeit; wie viel von ihr ist nicht
schon heute vergessen. Aber es war doch eine starke und klare
Auswirkung des Historismus: die Wissenschaft in demjenigen
ihrer Zweige, der die Dinge stark unter den Begriff der Zeit
stellt, der in der Geschichte der Menschheit sein Zentrum findet,
hatte sich völlig in den Bereichen der Phantasietätigkeit zur
Herrschaft niederlassen können: und es war charakteristisch hier⸗
für, daß alle Kunst dieser Zeit schließlich in denjenigen ihrer
Elemente, die die diskursiven sind, in der Kunsterzählung, im
Historienbild, im historischen Drama und Epos und in der
historischen Oper gipfelte.
In gewissem Sinne ein Gegenstück zu dieser Bewegung
war es, wenn nun gleichzeitig auch der andere Zweig wissen—
        <pb n="304" />
        Voller Realismus.

298

schaftlichen Denkens, der naturwissenschaftliche, in ein fremdes
Gebiet, das der Weltanschauung, hinüberwucherte. Denn Welt—
anschauung und Philosophie sind die Bereiche der Spekulation
and damit einer sozusagen zeitlosen Phantasietätigkeit: ihnen
wurden daher an erster Stelle und am frühesten diejenigen
wissenschaftlichen Disziplinen gefährlich, die nach der Auf—
fassung des Realismus zu ewigen und das heißt zeitlosen Ge—
setzen vorgedrungen waren und ihrem Charakter nach darum
nicht so sehr diskursiv wie zentralistisch und systematisch zu sein
schienen.
Die mechanische Naturwissenschaft hat von jeher, wo sie
auch auftauchte, auf philosophischem Gebiete Beziehungen zu
materialistischen Lösungen des Welträtsels entwickelt: sehr be—
greiflich: denn sie führt alle physischen Vorgänge auf Bewegungs—
vorgänge von Körperteilchen zurück: Kraft und Stoff also, um
Ausdrücke der fünfziger Jahre zu gebrauchen, sind die Elemente
hres Denkens. Damit erscheint denn der Materialismus als
ihre nächstliegende metaphysische Konsequenz: und so ist diese
auch im Verlaufe der griechischen Philosophie nicht minder wie
innerhalb des Denkens der west- und zentraleuropäischen Kultur
seit dem 17. und 18. Jahrhundert gezogen worden; während
noch Haller, ein idealistisch und spiritualistisch veranlagter Kopf,
in der physiologischen Fundamentierung psychologischer Vor—
zänge an der alten galenischen Hypothese vom Nervensaft und
von den Nervengeistern festgehalten hatte, hat schon Newton
eine im Grunde ganz materialistische Psychologie und damit die
Grundlage einer materialistischen Metaphysik entwickelt, indem
er den Empfindungsvorgang als einen Schwingungsprozeß in
dem festen elastischen Körper der Nerven erklärte. Denn aus
den Empfindungen als einzigen elementaren Vorgängen des
Seelenlebens pflegt der Materialismus dieses Leben überhaupt
abzuleiten.
In Deutschland hatten sich in der Zeit, da die mecha—
nischen Naturwissenschaften mächtig emporblühten und in der
Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft die
Weihe vollen Erfolges erhielten, die naturwissenschaftlichen
        <pb n="305" />
        296 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Forscher von jeder philosophischen Spekulation noch fern—
gehalten: denn noch hatten sie das warnende Beispiel der Ent—
wicklung der romantischen Naturphilosophie in nächster Ver—
gangenheit vor sich: und Enthaltsamkeit von philosophischen
Dingen war darum eine Meinung, die auf deutschem Boden
auch in den kommenden Jahrzehnten viele bedeutende Forscher,
es sei nur an Rudolf Virchow erinnert, ständig fortvertreten
haben.
Allein als seit den vierziger Jahren neben dem Energie—
gesetze eine materialistische Atomtheorie immer mehr als sicheres
Ergebnis des chemischen und physikalischen Denkens hervor—
zutreten schien, da begann man doch die Anschauungen, die
sich an diese Hypothese zunächst nur für die anorganische
Natur knüpften, auch auf die organische Natur zu übertragen:
und machte sie dann schließlich zum Fundament einer Welt—
anschauung überhaupt. Der Naturforscher, der dies schon in
den vierziger Jahren tat, war Karl Vogt (1817 -1895). Er
lehrte, daß nur die Materie wirkliches Sein habe, mithin alles
Denken und Bewußtsein, überhaupt alle geistigen Erscheinungen
nur besondere, keineswegs so sehr wunderbare Effekte der Be—
wegung der Materie seien; und er wußte diese Lehre teilweise
sehr drastisch zu illustrieen. In das große Publikum aber
drangen die Einzelheiten dieser Theorie doch eigentlich erst seit
dem Streite Vogts mit Rudolf Wagner auf der Naturforscher⸗
versammlung zu Göttingen 18534. Damals faßte Vogt seine
Anschauungen nach einer bestimmten Seite hin in dem Satze
zusammen, „daß die Physiologie in den Seelentätigkeiten nur
Funktionen des Gehirns als des materiellen Substrates er—
kenne“, gab dem dann in einer späteren Broschüre noch klareren
Ausdruck in der Behauptung, „daß die Gedanken etwa in
demselben Verhältnis zum Gehirn stehen wie die Galle zu der
Leber oder der Urin zu den Nieren“: und bezeichnete entgegen⸗
—
diese Zeit ein ganzer Stab materialistischer Denker gebildet;
Hauptvertreter waren neben Vogt Moleschott (1822 -1898) und
Büchner (1824 —1899), und in weitverbreiteten Büchern wie
        <pb n="306" />
        Voller Realismus.

2o7

namentlich Büchners „Kraft und Stoff“ warfen sie ihre An—
schauungen in das große Publikum.
Denn das große Publikum vor allem war es, das sich
dieser Lehren annahm. Eine leicht verständliche Tatsache, wenn
man bedenkt, daß der altväterische Christenglaube des 16. Jahr⸗
hunderts durch die Einwirkungen des Rationalismus und der
Aufklärung vielfach entwurzelt war, während anderseits die
kritische Philosophie der neuen subjektivistischen Periode, schwer
vorgetragen und schwer verständlich, nur in kleinen Kreisen der
Gebildeten Fuß gefaßt hatte und vor allem auch standhielt.
Freilich: in den tiefsten Schichten der Nation war man auch
zur Aufnahme der materialistischen Lehren keineswegs reif. Man
lese aus dem äußersten Süden des deutschen Bodens jene Be—
trachtungen auf Grund einer gänzlich mittelalterlichen Psychologie,
die Bitzius höchstwahrscheinlich mit vollem Wirklichkeitsrechte
als Religion Ulis des Knechtes vorträgt, oder man versenke
sich in die fast noch urzeitliche seelische Disposition, aus der
heraus im äußersten Norden das kurze Bruchstück der Memoiren
Hebbels, des Dithmarschner Käthner- und Häuerlingssohnes,
über die Kinderzeit berichtet: in beiden Fällen wird man den
gleichen Eindruck haben, daß die bäuerliche Welt oder wenigstens
das seelische Dasein des Kleinbauern sich noch in weit, weit
zurückliegenden psychischen Lebensformen bewegte. Aber das
Publikum, auf das die materialistischen Theorien rechneten und
rechnen konnten, war auch keineswegs das bäuerliche, sondern
vielmehr das des kleinen und mittleren Bürgers, das sich in
den fünfziger Jahren noch weit in heute höher stehende Schichten
hinein erstreckte: war das „Philisterium“. Dies waren die
Kreise, die der Popularisierung der Wissenschaften, wie sie seit
den dreißiger und vierziger Jahren auf dem Gebiete der Natur⸗
wissenschaften mit Liebigs Chemischen Briefen (in der Beilage
zur Augsburger Allgemeinen Zeitung, als Buch 1844) begann,
mit heller Begeisterung folgten, dies die Köpfe, deren Fassungs—
kraft für lehrreiche Romane und halbwissenschaftliche Zeitschriften
kaum zu erschöpfen schien: dies das Publikum der „Garten—
laube“, die in diesen Zeiten als allgemeinst verständliches Organ
        <pb n="307" />
        298 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

für Wissenschaft und Bellestristik bezeichnenderweise den „Dorf—
barbier“ ablöste.
Bedurfte es nun einem so gearteten Zuhörerkreis gegenüber
der tieferen Begründung einer Botschaft, die man so gerne
vernahm? Aufgabe eines durchgebildeten philosophischen Materia—
lismus hätte es damals sein müssen, den Nachweis zu erbringen,
daß die Vorgänge unseres Seelenlebens in der Tat nichts
weiter als Bewegungsvorgänge in den Zentralteilen unseres
Nervensystems, z. B. etwa in den Zellen der Großhirnrinde,
seien. Aber diesen Nachweis haben die Verbreiter der neuen
Lehren in den fünfziger und sechziger Jahren auch nicht einmal
versucht. Die Grundbehauptungen genügten ihnen völlig; sie
wurden von einem rein intellektualistisch gerichteten Seelen—
leben, dem Ausgangsprodukt der ablaufenden seelischen Periode,
durchaus befriedigend getragen; und Christentum und idealistische
Auffassung der Antike führten gegen sie bald gemeinsam, bald
vereinzelt einen einstweilen aussichtslosen Kampf. Freilich:
indem diesem primitiven naturwissenschaftlichen Materialismus
der Sieg so leicht wurde, war er auch zu baldigem Untergang
nach den Tagen seiner Modezeit bestimmt; eigentlich schon die
siebziger Jahre sahen ihn der Beachtung durch denkende Kreise
beraubt, und heute ist er in dem Denken auch der Kreise
mittlerer Bildung längst zurückgetreten.
Die Jahre seiner vollen Macht, ja fast Allgewalt aber
charakterisiert es, daß der „materialistische Zeitgeist“ außer einer
naturwissenschaftlichen auch einer geisteswissenschaftlichen Meta—
physik des Materialismus zujubelte. Freilich waren dabei die
Erscheinungen nicht ganz ebenso klar und auffällig. Spielhagen
bemerkt einmal in seinem Buche über Theorie und Technik des
Romans: „Ich glaube, daß man im großen und ganzen zu—
stimmen werde, wenn ich als den hervorragendsten Zug, als
das eigentlich Charakteristische in der Physiognomie der jetzt
lebenden Menschen den Drang und den Entschluß bezeichne:
das ihnen zugewiesene Erbe endlich einmal voll und ganz an—
zutreten; es sich heimisch zu machen auf dieser unserer Erde,
der fest gegründeten, dauernden, die nicht eine Vorstufe des
        <pb n="308" />
        Voller Realismus.

2od

Himmels oder der Hölle ist, sondern der Grund und Urgrund,
aus dem unsere Leiden und Freuden quellen, das Rhodus, auf
dem wir tanzen müssen, es tanze sich nun gut oder schlecht.
Es ist das trotzige Glaubensbekenntnis des Prometheus, es ist
sein demütig stolzes Wort: Hast du nicht alles selbst vollendet,
heilig glühend Herz! was wir sichtbar⸗-unsichtbar auf die Stirn
jeder Lokomotive geschrieben sehen.“ Diese Worte kennzeichnen
zutreffend einen positiv-optimistischen Zug, der die vierziger
und auch noch die fünfziger Jahre belebte. Es ist die
Stimmung, aus der die Opposition gegen das Christentum
entsprang. Es ist eine seelische Haltung, aus der schöpferisch
etwas wie ein geisteswissenschaftlicher Materialismus hervorging.
Und wie in dem Kampfe gegen das Christentum, so war in
dem Entstehungsprozeß dieses Materialismus Feuerbach der
Führer. Natürlich handelte es sich da, bei der historischen
Durchtränkung aller Geisteswissenschaften, um eine geschichtlich
bedingte Weltanschauung. Um hier aber zu fundamentieren,
bedurfte es einer materialistischen Erkenntnistheorie. In dieser
Hinsicht ging nun Feuerbach von einer dem fortschreitenden
Realismus der dreißiger und vierziger Jahre an sich schon
familiären Auffassung aus, nämlich der, daß unsere Gedanken
aicht schöpferisch konstituierend, sondern vielmehr nur mehr oder
weniger abstrakte Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge
seien. Dieser Gedanke war allerdings an sich noch nicht gegen—
sätzlich zu dem idealistischen Denken der Romantik; auch Hegel
hat in den Dingen nichts als Abbilder des wahren Seins
gesehen. Wohl aber wurde er von Feuerbach dadurch absolut
zegen Hegel und allen Idealismus der Romantik und auch
noch frührealistischer Zeiten gewendet, daß dieses wahre Sein
nunmehr gänzlich anders gefaßt wurde. Bei Hegel waren die
Dinge und die ihnen zugrunde liegenden Ideen nichts gewesen
als Abbilder der logischen Struktur des wahrhaft seienden
absoluten Geistes — bei Feuerbach dagegen wurden sie zu Ab—
dildern nur der allein wahrhaft seienden Materie.
So war es denn eine materialistische Erkenntnistheorie,
die dem weiteren Denken Feuerbachs als Basis diente. Und
        <pb n="309" />
        300 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mit Recht hat sie später Engels schon in Feuerbachs „Wesen
des Christentums“ (1841) finden wollen: mit einem Schlage
habe dies Buch den Materialismus ohne Umschweife auf den
Thron erhoben. „Die Natur existiert unabhängig von aller
Philosophie; sie ist die Grundlage, auf der wir Menschen, selbst
Naturprodukte, erwachsen sind; außer der Natur und den
Menschen existiert nichts ... Mit unwiderstehlicher Gewalt
drängt sich Feuerbach schließlich die Einsicht auf, daß ... die
stoffliche, sinnlich wahrnehmbare Welt, zu der wir selbst gehören,
das einzig Wirkliche, und daß unser Bewußtsein und Denken,
so übersinnlich es scheint, das Erzeugnis eines stofflichen,
körperlichen Organs, des Gehirns, ist. Die Materie ist nicht
ein Erzeugnis des Geistes, sondern der Geist ist selbst nur
das höchste Produkt der Materie. Das ist natürlich reiner
Materialismus.“
Doch blieb der Materialismus Feuerbachs der Haupt—
sache nach noch anthropologischen Charakters; eine eigentlich
materialistische Geschichtsphilosophie hat er nicht entwickelt.
Die Konsequenzen für den vollen Verlauf der Geschichte zogen
vielmehr erst Marx und Engels. Es war eine Wendung, die
die materialistische Geschichtsanschauung zugleich auf lange Zeit
zur geistigen Grundlage der sozialdemokratischen Parteibildung
und somit, seit etwa 1870, des Denkens der großen Masse
der neuen, unteren Stände machte oder wenigstens zu machen
geeignet schien.
Die materialistische Geschichtsauffassung hat Engels in
seiner Schrift gegen Dühring mit folgenden Worten dargelegt.
Sie „geht von dem Satz aus, daß die Produktion und nächst
der Produktion der Austausch der Produkte die Grundlage
aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auf⸗
tretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte und mit ihr
die soziale Gliederung in Klassen oder Stände sich danach
richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte aus⸗
getauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesell⸗
schaftlichen Veränderungen und Umwälzungen zu suchen nicht
in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in
        <pb n="310" />
        Voller Realismus. 301

die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen
der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht
in der Philosophie, sondern in der Okonomie der betreffenden
Epoche. Die erwachsende Einsicht, daß die bestehenden gesell—
schaftlichen Einrichtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß
Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein An—
zeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austausch-—
formen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen sind,
zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen zugeschnittene
gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt. Damit ist zugleich
gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten Mißstände
ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen selbst —
mehr oder minder entwickelt — vorhanden sein müssen. Diese
Mittel sind nicht etwa aus dem Kopf zu erfinden, sondern ver⸗
mittelst des Kopfes in den vorliegenden materiellen Tatsachen
der Produktion zu entdecken.“ Diese Zusammenhänge zwangen
nun nach Engels dazu, „die ganze bisherige Geschichte einer
neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß alle
bisherige Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß
diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal
Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit
einem Wort der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche, daß
also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die
reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der
rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen,
philosophischen und sonstigen Vorstellungsweisen eines jeden
geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Hand zu erklären sind.
Hiermit war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort,
aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische
Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das
Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr
Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.“
Geht nun aus Engels' Darstellung in der Tat hervor, daß
die neue, hier vorgetragene Geschichtsphilosophie — und damit
Weltanschauung — eine materialistische war?
Kein Zweifel zunächst, daß die Lehre vom Sein und Bewußt—
        <pb n="311" />
        302 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

sein in Engels' Worten auf Feuerbach zurückweist!. Zum Überfluß
ruft Engels an einer anderen Stelle, in der „Heiligen Familie“,
auch noch beweisend aus: „Wer hat denn das Geheimnis des
Hegelschen Systems aufgedeckt? Feuerbach. Wer hat die
Dialektik der Begriffe, den Götterkrieg, den die Philosophen
allein kannten, vernichtet? Feuerbach. Wer hat ...‚den
Menschen‘ an die Stelle des alten Plunders, auch des ‚unend⸗
lichen Selbstbewußtseins gesetzt? Feuerbach und nur Feuerbach.“
Und so erzählt er denn von Marrx und sich: „Wir faßten die
Begriffe unseres Kopfs ... materialistisch als die Abbilder
der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder
dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs. Damit reduziert
sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen
Gesetzen der Bewegung sowohl der äußeren Welt wie des
menschlichen Denkens — zwei Reihen von Gesetzen, die der
Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschieden
sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewußtsein anwenden
kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch großenteils
in der Menschengeschichte sich in unbewußter Weise, in der Form
der äußeren Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe schein⸗
darer Zufälligkeiten durchsetzen.“
Wie aber nun die Gesetze dieser Notwendigkeit, die
materialistische Form geschichtlicher Bewegung finden? Es war
der Punkt, in welchem, neben der materialistischen Grundlage
der Erkenntnistheorie Feuerbachs, das Denken Hegels in die
Konstruktion der neuen Geschichtsauffassung eintrat. „Der
klassische französische Materialismus“, meint Engels, sei unfähig
gewesen, „die Welt als einen Prozeß, als einen in einer
geschichtlichen Fortbildung begriffenen Stoff aufzufassen“. Hegel
dagegen erkenne an, daß hinter den Beweggründen der Menschen
in der geschichtlichen Welt andere bewegende Mächte stehen.
Aber er suche sie außer der Geschichte, transzendent. Sie seien

VBgl. hierzu wie überhaupt zu diesem Abschnitte B. Erdmann, Die
philosophischen Voraussetzungen der materialistischen Geschichtsauffafsung
Schmollers Jahrbuch XXXI, 8 [1907] S. 1ff).
        <pb n="312" />
        Voller Realismus.

308

aber vielmehr immanent, ja, wir wie schon wissen, durch—
aus wirtschaftlich. Für die wirtschaftliche Entwicklung und
deren Bewegung wie für die Bewegung der ideologischen
Konsequenzen aber gelte allerdings das Hegelsche Triaden—
gesetz!.

In diesem Zusammenhange zeigt sich, was Hegel für die
materialistische Geschichtsauffassung bedeutete. Er hat nicht
das System bestimmt: dies gehörte vielmehr dem Materialismus
der fünfziger Jahre an. Wohl aber kam im einzelnen, in der
Ausführung, sein dialektisches Denken dem materialistischen
Entwicklungsbedürfnis in der entsprechenden Umbildung zu
Hilfe: sehr natürlich: denn die materialistische Umbildungs—
philosophie entstand noch vor Darwin, und das hieß noch vor
einer mechanischen Theorie der Vorgänge des biologischen
Verlaufes.
Charakteristisch aber war nun wiederum für diesen historischen
wie auch schon für den naturwissenschaftlichen Materialismus
der fünfziger Jahre, daß jede nähere Ausführung der generell
aufgestellten Behauptungen und erst recht alle Nachweisversuche
für ihre Richtigkeit im einzelnen unterblieben. Gewiß war
Marxens großes Werk über das Kapital ein Versuch, die Ent—⸗
wicklungsgesetze des modernen Kapitalismus aufzufinden: aber
darüber hinaus erging es sich nur in Einzelheiten der geschicht⸗
lichen Entwicklung. Und noch weniger haben Marx und Engels
etwas über das Verhältnis etwa anzunehmender allgemein
historischer Entwicklungsgesetze zu den mechanischen Prinzipien
der Naturwissenschaft ausgesagt. Da war es denn freilich nicht
möglich, daß die beiden Denker normative Disziplinen der
Philosophie, daß sie Ethik etwa und Religionsphilosophie oder
dielleicht gar theoretische Politik von ihrem Standpunkte aus
pflegten. Im ganzen reduzierte sich die Philosophie für ihre
Geschichtsauffassung vielmehr auf Logik und Dialektik, die, vor
allem dem Empirismus Feuerbachs, dann auch dem Rationalismus
Hegels entnommen, völlig materialistisch umgebildet und um—

S. dazu schon oben S. 179 ff., sowie Bd. X S. 336 ff.
        <pb n="313" />
        304 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gedeutet wurden; eine innere Verknüpfung der ökonomischen
Hypothesen dagegen mit irgendwelchen vorwärts weisenden
philosophischen Voraussetzungen wurde nicht versucht: und
darum erschien die materialistische Geschichtsauffassung selbst im
Kreise ihrer Anhänger von vornherein einem verhältnismäßig
frühen Tode verfallen: noch das 19. Jahrhundert hat sie be—
kanntlich erledigt, so stark auch ihre indirekten Nachwirkungen
auf dem Gebiete der modernen Geschichtswissenschaft bald waren
und noch immer geblieben sind.
Nicht gleich rasch ist das Leben des naturwissenschaftlichen
Materialismus erloschen. Während die materialistische Geschichts—
philosophie noch in den siebziger Jahren wissenschaftlich so
unbekannt war, daß sie z. B. Friedrich Albert Lange selbst in
der zweiten Auflage seiner Geschichte des Materialismus (1875)
noch nicht erwähnt hat, und schon zwanzig Jahre darauf
wiederum abstarb, verschaffte der Umstand, daß die biologischen
Tatsachen Ende der fünfziger Jahre in den Bereich der
mechanischen Naturbetrachtung einbezogen wurden, dem natur—⸗
wissenschaftlichen Materialismus einen erneuten, kulturgeschichtlich
nicht unwichtigen Aufschwung.
Das entscheidende Ereignis war da natürlich das Bekannt⸗
werden der Lehren Darwins. Man weiß, daß diese in der Ein—
führung einer immanenten entwicklungsgeschichtlichen Kausalität
in das Werden der Welt ohne alle Mitwirkung eines Zweck⸗
prinzipes gipfeln: aus einem Urorganismus, der sich in
Exemplaren unbedeutender individueller Spielart fortpflanzte,
entwickeln sich durch Anpassung und Vererbung neue Arten
von Organismen hin bis zu der mannigfachen Buntheit der
uns bekannten Welt. Da war denn klar, daß der mechanische
Charakter dieser Vorstellungsart das Einrangieren der organischen
Natur in die materialistischen Vorstellungen, wie sie aus dem
Wesen der anorganischen Natur her gestaltet worden waren,
mit größter Leichtigkeit gestattete: ja sogar die Ersetzung der
Hegelschen Dialektik durch eine Entwicklungsmechanik auf dem
Bebiete der Geschichte der Menschheit nicht auszuschließen schien.
Und so konnte denn auf dieser Grundlage mindestens ein volles
        <pb n="314" />
        Voller Realismus.

305

System der Naturphilosophie, bis zu einem gewissen Grade
sogar der Geschichtsphilosophie entstehen.
In Deutschland hat vor allem, neben und nach den letzten
Arbeiten von David Friedrich Strauß, insbesondere dem „Alten
und neuen Glauben“ von 1872, Ernst Häckel von seiner „Natür—
lichen Schöpfungsgeschichte“ (1868) ab dies System ausgebaut,
ja in ihm durch eine poesievolle Durchführung des biogenetischen
Leitmotives sogar für eine Lehre vom Individuum als einem
historischen Mikrokosmos Platz geschaffen. Häckel erscheint dabei
alle Materie als beseelt; aus der untrennbaren Vereinigung von
Kraft und Stoff ist ihm die organische wie die anorganische
Welt hervorgegangen; und Gott läßt sich nach ihm als die
unendliche Summe der Naturkräfte, als die Summe aller Atom—
kräfte und aller Ätherschwingungen bezeichnen. Das ist die
Lehre, die der Jenger Naturforscher noch jüngst in den „Welt—
rätseln“ vor dem breitesten Publikum vorgetragen hat: ein
dynamischer Monismus erscheint ihm als der Weisheit Schluß.
Man pflegt Häckel krassen Materialismus zum Vorwurf zu
machen; und er pflegt sich dagegen mit allen Kräften zu wehren.
Das Geheimnis der weiten Verbreitung seiner Lehren, besonders
freilich in den philosophisch ungeschulten Kreisen des Mittel—
sttandes und der niedrigeren Breiten der Gebildeten, beruht doch
wohl in der entschiedenen Betonung vor allem einer monistischen
Anschauung. Denn auf diese hin drängte seit seinem erften
Erscheinen der vorwiegende Intellektualismus der Zeit; und erst
innerhalb dieser Grundforderung standen sich wiederum die Gegen⸗
sätze materialistischer und spiritualistischer Auffassung gegenüber.
Dabei konnte denn die Berührung zwischen beiden Gegensätzen
unter Umständen enger sein, als man gelegentlich annimmt; und
nicht selten gab es Brücken geistiger Entwicklung, die von dem
einen zum anderen hinüberführten. So hatte sich z. B. Heinrich
Czolbe (1819 18783) in seinen Werken aus den fünfziger Jahren
dem Materialismus etwa Moleschotts oder Büchners angeschlossen
und Empfindungen und Gefühle als Elemente der Seele aus
ohysikalischen Bewegungen der Materie zu erklären gesucht. In
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 20
        <pb n="315" />
        306 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

— D00
lichen Erkenntnis (1865) dagegen unterschied er schon drei
fundamentale Grenzen der Erkenntnis, nämlich die Materie, die
zweckmäßigen Formen dieser Materie und die Weltseele, die
hm mit den im Raume verborgenen Empfindungen und Gefühlen
identisch erschien; und verband mit diesen drei fundamentalen
Grenzen noch als äußerste „ideale“ Grenze der Erkenntnis den
letzten Zweck der Welt, „das durch die möglichste Vollkommenheit
bedingte Glück jedes fühlenden Wesens“. Es ist klar, daß in
diesem neuen System alle Elemente eines dem Spiritualismus
zueilenden Monismus neben der Materie vorliegen: und deutlich
und in typischer Form vollzieht sich der Übergang zu einer
dynamischen Weltanschauung, von der sich wird sagen lassen,
daß sie, in dieser oder anderer Ausbildung, für breite Massen
der Nation wenn nicht als System, so doch als Empfindungs-⸗
kreis noch während des Ausgangs des 19. Jahrhunderts
Harakteristisch war.
Wahrhaft fruchtbar freilich ist diese Weltanschauung nicht
zeworden; in der Tatsache, daß sich aus ihr heraus weder ein
großes ethisches System noch eine verbreitete ethische Lebens—
haltung entwickelt hat, erscheint das Kainszeichen ihrer Herkunft
aus einer Verfallszeit, aus einem überwiegenden Intellektualismus.
Und so war sie denn auch nicht geeignet, als Ausgangspunkt
für eine Philosophie der zweiten subjektivistischen Periode zu
dienen. Vielmehr erschien den Denkern dieser neuen Zeit
zunächst das Feld der Philosophie als unbestellt und als gänzlich
frei für neue Versuche. In diesem Sinne klagte Kuno Fischer
schon 1860: „Die Wissenschaften haben die Welt unter sich
geteilt; das Asyl bei den Göttern hat die Dichtung erhalten:
wo bleibt die Philosophie?“ Und Richard Wagner, bereits in
den fünfziger Jahren nicht der letzte der philosophischen Ergrübler
einer neuen Zukunft, grollte: „Der Philosophie Hegels ist es
gelungen, die Köpfe der Deutschen dermaßen zu dem bloßen
Erfassen des Problems der Philosophie unfähig zu machen, daß
seitdem gar keine Philosophie zu haben für die eigentliche rechte
Philosophie gilt.“
        <pb n="316" />
        Voller Realismus.

307

Der Wandel zu neuem philosophischen Denken aber kam
dann schließlich nicht von der Philosophie selbst her und auch
nicht aus den Geisteswissenschaften, in denen es, sehr begreiflich
bei dem damaligen Stande der kulturgeschichtlichen Forschung,
noch nicht gelang, die Klippe des historischen Relativismus zu
umschiffen, und durch deren Fortgang somit kein Platz frei
wurde zur neuen Begründung normativer Disziplinen. Er kam
vielmehr noch einmal von den Naturwissenschaften: und zwar von
ihnen durchaus, und nicht nur aus geistreichen Kombinations—
versuchen naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher
Gegebenheiten, wie sie am schönsten wohl Lotze in seinem
Mikrokosmos (1886 64 versucht hat.
In der Entwicklung der westlichen Völker hatte das ein—
gehende Durchdenken der Grundhypothesen der mechanischen
Naturwissenschaft schon im 17. und 18. Jahrhundert, weit
früher also als in Deutschland, ebenfalls zur Entwicklung gut
durchgebildeter Systeme einer materialistischen Metaphysik ge⸗
führt. So war z. B. in Frankreich schon 1748 Lamettries Buch
„L'homme machine?* erschienen, der Vorläufer der Systeme
eines Helvetius und Holbach: im selben Jahre mit Montesquieus
„EPsprit des Lois“, in dem sich Hineigungen zu einem anthro—
pologischen Materialismus im Sinne etwa Feuerbachs verraten.
Die Folge dieser frühreifen Entwicklung war es dann gewesen,
daß man in Frankreich und auch in England in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit vollendeter Durch—
bildung der mechanischen Naturwissenschaften, gegen jede Art
materialistischen Denkexzesses schon hinlänglich gewappnet war;
denn zum mindesten fehlte den Anwandlungen materialistischen
Denkens in dieser Zeit bereits die Überraschungsgewalt des
Neuen. Vielmehr entnahm man der Vollendung der mecha⸗
nischen Naturwissenschaften metaphysisch jetzt eigentlich nur noch
den Gedanken des Agnostizismus, wie er dem englischen Denken
etwa Mills, vor allem aber dem Denken Comtes zugrunde liegt.
Anders dagegen verlief die Entwicklung in Deutschland.
Hier war der Antrieb der mechanisch-naturwissenschaftlichen
Anschauung im 18. Jahrhundert zu schwach gewesen, um gegen⸗
90 *
        <pb n="317" />
        308 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

über dem allgemeinen idealistischen Denken der Zeit zu mehr
als höchst schwächlichen Erscheinungen des Materialismus, als
deren Vertreter etwa Michael Hißmann (1752 -84) genannt
werden kann, zu führen. Und so kam es denn dazu, daß die
Nation das rein materialistische Entwicklungsstadium, das die
westlichen Nationen schon im 18. Jahrhundert passiert hatten,
erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts, auf Grund der nun
boll erworbenen mechanischen Naturanschauung, durchlebte. Allein
dem folgte dann auch alsbald und viel rascher, als dies in
den westlichen Nationen der Fall gewesen war, die weitere
Stufe des Agnostizismus, um mit den herkömmlichen Vor—
stellungen überhaupt Tabula rasa zu machen: und alsbald
danach, wie im Westen in den Zeiten Mills und Comtes, und
nur wenige Jahrzehnte darauf, ein neuer philosophischer Ansatz
empiristischen Charakters.
Diesen neuen, erkenntnistheoretisch wohl verankerten und
zielbewußten Empirismus haben am erfolgreichsten zunächst
Forscher wie Avenarius und Mach vertreten. Gewiß haben sie
dabei anfangs noch an den französischen und englischen Em—
pirismus Comtes und Mills angeknüpft. Allein im Grunde
bewegte sich ihr Denken doch selbständig auf der Basis einer
durch philosophische Reflexion verstärkten naturwissenschaftlichen
Beobachtung und war darin so wurzelhaft, daß sich re—
pristinierende Strömungen, wie sie sich bald an den Kantschen,
bald an den Fichteschen und neuerdings auch an den Rationa—
lismus Hegels angelehnt haben, zu ihnen mehr wie halb ab—
hängige kritische Leistungen denn als originale Schöpfungen
verhalten. Denn die große Metaphysik, die das neue Leben
der zweiten subjektivistischen Periode zusammenfassen könnte,
steht noch aus oder kann höchstens, in frühem Anfang, in dem
ohilosophischen Werke Wundts gefunden werden.
Lange indes, ehe diese neuen Strömungen einer hier nicht
weiter zu verfolgenden jüngeren Periode emporbrachen, hatte
ich aus dem Materialismus der vierziger und fünfziger Jahre,
rin echtes Kind noch der sinkenden ersten subjektivistischen Periode,
eine der schlimmsten Verfallserscheinungen der Zeit entwickelt:
        <pb n="318" />
        Voller Realismus.

—X

der philosophische Pessimismus und mehr als dies: der Pessi—
mismus als Lebenshaltung.
Stimmungen des Weltschmerzes hatte schon die Romantik
gekannt!: sie waren im Grunde Reaktionserscheinungen zur
romantischen Weltüberhebung gewesen; und nicht zum geringsten
hatte auf ihnen jene Idealisierung der Vergangenheit beruht,
die als historisch galt, da man nicht gewillt war, die Gegen—
wart mit freudiger Sympathie zu genießen und noch weniger
froh hoffend der Zukunft wartete. Es war die Stimmung, aus
der heraus Schelling schon in einer Schrift vom Jahre 1805 die
Weltgeschichte als eine Tragikomödie behandelt hatte. Dann hatte
die Zeit des staatlichen Elends in den zwanziger und dreißiger
Jahren bei klarerer, realistischerer Einsicht in den Verlauf der
zffentlichen Dinge diese Stimmung bei nicht wenigen und oft
den Besten vertieft. Da hieß es für leidenschaftliche Köpfe
müßig feiern oder sich in Verhältnissen ständigen passiven Wider—
standes bewegen, wenn man nicht gar auf alles Wirken ver—
zichten mußte: und neben manch hartem Arbeiter, der trotz—
dem unverdrossen blieb, entwickelte sich die Zeiterscheinung einer—
seits der absoluten Schwächlinge, andrerseits der Fauste, der
Titanen, der problematischen Naturen. Und etwas von dieser
Stimmung überhaupt ging in das Zeitbewußtsein über. Die
letzten Konsequenzen, wie sie seelischer Allgemeineindruck wurden,
sind auf diesem Gebiete vielleicht von niemand tiefer greifend
geschildert worden als von Otto Ludwig. „In unserer Zeit der
Nivellierung, wo der einzelne sich fürchtet, sich anders zu zeigen
als die anderen, und wo wirklich das Gesetz der Not stärker
ist, bei von Kindheit an geschwächten Leidenschaften, bei ge—
regelten Einrichtungen, Allgegenwart der Polizei usw., bei
kräftig aufrecht gehaltener Ordnung, in unserer Zeit zeigt sich
der Charakter fast nur im Affekte, in der Gewalt der Reaktion
gegen den ersten Eindruck des Motives. Die Gewohnheit, sich
im Niveau zu halten, Rücksichten auf die Folgen von seiten des
Ordnungsstaates, drücken die individuelle Intention herunter zu

S. Bd. X S. 24 ff.
        <pb n="319" />
        310 J Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Handlungsweise aller, zu der durchschnittlichen. Dafür
rächt sich die durch diesen Zwang beleidigte Individualität in
Verbissenheit an sich selbst.“
Begann diese Richtung der Entwicklung schon in den
dreißiger und vierziger Jahren eingeschlagen zu werden, so be—
greift sich, wie reinigend und erquickend die revolutionären Er—
eignisse von 1848 mit ihren Vorläufern empfunden werden
mußten. Aber wie erst mußte dann der Rückschlag in und
nach 1848, das endgültige politische Mißlingen, der Mißerfolg
der Tat überhaupt wirken! Mit dem beginnenden sechsten
Jahrzehnt gab man sich einer wahren Selbstpeinigung der Ent—⸗
mutigung hin. Es war die Zeit, da Feuerbach die Welt ein
Irren⸗ und Schurkenhaus nannte. Und im Frühjahr 1850
schrieb er an Kapp: „Du gehst nach Paris, und ich gehe ...
auf ein deutsches Dorf; du beginnst ein neues Leben, und ich
fange, ganz im Einklange mit der Geschichte der deutschen
Revolution, wieder das alte Leben an. Du gehst der Zukunft
entgegen, und ich sinke tiefgebeugt in die Vergangenheit zurück.
Du Glücklicher! segelst jetzt selbst in das jugendliche Amerika
hinüber, und ich sitze auf dem Mist des altersfaulen Europas.“
Dabei war diese Stimmung allgemein. Nirgends mehr
Rat. Wer wollte von öffentlichen Dingen noch etwas wissen?
Auch der Aufschwung der Wissenschaften stützte nicht, denn nur
die wenigsten konnten ihm in der Süße eigenen Schaffens
folgen. Und die Kunst, die Musik, die Poesie? Sie litten
selbst unter den fahlen Tönen des Lebens. Das Glück jener
kraftvollen Resignation aber, die in nie ermüdender Tätigkeit
dem Nächsten abhilft, das eigentliche Männerglück schöpferisch
froher subjektivistischer Zeiten, blieb den matten Epigonen der
ihrem Ende zuneigenden ersten Veriode des Subiektivismus
versagt.
Da stellte sich als letzter Ausweg die Spekulation ein.
Natürlich nicht die große, freie, kühne, selbständige. Vielmehr
ein schwaches Anlehnen an schon Erfahrenes, schon Gedachtes.
Konnte da nicht vor allem der Buddhismus trösten, den
oor nicht so langer Zeit die indische Philologie genauer kennen
        <pb n="320" />
        Holler Realismus.

311

gelehrt hatte? Der Buddhismus, in dem Religion und Philo—
sophie fast widerspruchslos verquickt schienen, ein Labsal den
im Willen Armen; dessen Systeme anscheinend der unerbittliche
Kausalnexus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung ein—
berleibt war; dessen Erlösungslehre in dem Nirwana, in dem
völligen Verwehen des abstrakt gewordenen Menschen eine dem
eigenen Bewußtsein in vieler Hinsicht sympathische Lösung aller
Qualen einer unerträglich gewordenen Kultur zu bieten schien?
Den schließlichen Sieg errang nicht der Buddhismus,
sondern ein diesem eng verwandtes Erzeugnis der eigenen
nationalen Kultur, die Philosophie Schopenhauers. Schopen⸗
hauer (1788-1860) hatte gegen Schluß des zweiten Jahr⸗
zehnts des Jahrhunderts ein Buch unter dem Titel „Die Welt
als Wille und Vorstellung“ erscheinen lassen, in welchem er, im
engen Anschluß an Kant, unter Verwerfung der inzwischen
entwickelten Philosopheme Fichtes, Schellings und Hegels, die
oon uns wahrgenommene Welt zwar als nichts weiter denn
unsere Vorstellung erklärte, zugleich aber die Behauptung auf—
stellte, daß dieser Vorstellung dennoch eine uns durch innere
Wahrnehmung völlig bekannte Realität zugrunde liege, nämlich
der Wille, d. h. eine Energie, die vom bewußten Begehren der
höheren Organismen bis zum unbewußten Triebe des niederen
Organismus und von diesem bis zu den in der anorganischen
Natur sich bekundenden Kräften stetig abgestuft sei. Und er
—
Energie, des Willens, als dem Absoluten und den einzelnen
Individuen die Verbindung hergestellt würde durch Ideen in
Platons Sinn: so daß diese Ideen als Stufen der Obiekti⸗
dierung des Willens erschienen.
Es war eine Philosophie, die zunächst wenig oder gar
keinen Eindruck gemacht hatte, weil sie in den dunkeln Tiefen
noch beinahe unerforschter psychischer Erscheinungen verankert
war. Für den weiteren Verlauf des subjektivistischen Zeitalters
freilich wurde der Wille zur vielleicht wichtigsten seelischen Tat⸗
sache; ist doch die zweite Periode des Subjektivismus durch
eine Philosophie des Voluntarismus gekennzeichnet. War aber
        <pb n="321" />
        312 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

die erste Periode, zumal im Verlaufe ihrer früheren Phasen,
durch Wesenszüge charakterisiert, die auf starke Betonung und
also auch Betrachtung des Willens hinwiesen? Völlig unklar war
man noch darüber, was eigentlich Triebe und Neigungen seien,
inwiefern fie sich etwa zur Begierde oder zum Abscheu steigerten,
und wie sich von solchen Vorgängen das eigentliche Wollen
unterscheide. Und da hätte eine Metaphysik Anklang finden
sollen, die von dem Wollen als einem dunklen Triebe aus—
ging? Erst eine Zeit der Tat — oder des schmerzlichen, er—
zwungenen Verzichtes auf die Tat — konnte an ihr Geschmack
haben. Dazu kam noch, daß dem Systeme als Ganzem starke,
leicht erkennbare Widersprüche innewohnten.
Allein was hatte das zu sagen, als mit den vierziger und
fünfziger Jahren nun wirklich die Zeiten kamen, für deren
Verständnis diese Philosophie, nach ihrem Untergrund wie nach
ihrem Ausbau, recht eigentlich gemacht schien! Es bedurfte
kaum noch der glänzenden Form, der prachtvoll künstlerischen
Sprache, des leicht verständlichen Ausdruckes, der Durch⸗
würzung mit geistvollen, schlagend vorgetragenen Bemerkungen,
wie sie ihr Autor liebte, um sie zur Modephilosophie der Zeit
zu machen: und vor allem ihre Ethik wurde zum Leitstern
der melancholischen Resignationen nach 1848. So wurde denn
die zweite Auflage der „Welt als Wille und Vorstellung“, die
1844 erschien, obwohl der größte Teil der ersten Auflage noch
unverkauft war, alsbald günstiger aufgenommen; populär im
weitesten Sinne aber wurde die Philosophie Schopenhauers,
nachdem, mit dem Jahre etwa 1854, die Frauenstädt und
David Ascher, später auch Gwinner anfingen, sie auch noch
gemeinverständlich zu kommentieren und biographisch zu er—
läutern.
Man kann bei einer genaueren Betrachtung der Philosophie
Schopenhauers, wie wir sie jetzt versuchen, trotz allen Gegen⸗
satzes ihres Urhebers gegen Fichte, dennoch den Standpunkt
vertreten, daß Schopenhauer an Fichte angeknüpft habe, in—
sofern Fichte innerhalb der Systeme der Romantik der eigent—
liche Prophet des Willens gewesen war. In diesem Sinne ist
        <pb n="322" />
        Voller Realismus.

313

Schopenhauer denn auch von den Grundlagen der idealistischen
Philosophie überhaupt ausgegangen. Allein er hatte, und dies
läßt ihn als Paralleldenker zu den Materialisten der fünfziger
Jahre erscheinen, diese Grundlagen materialistisch weiter ent—
wickelt. Denn hatte Fichte die Welt der Erscheinungen zunächst
als Produkt des absoluten Bewußtseins angesehen, und hatte
es ihm nicht ferngelegen, sie auch als Ergebnis einer göttlichen
Willenskraft zu fassen, so erschien zwar auch Schopenhauer die
Welt als Produkt der Vorstellung und des Willens: aber er
sah in der Vorstellung nur den blinden Drang der Materie
zur Vergegenwärtigung und in dem Willen nur einen dunklen
Trieb zu sein.
Dunkle Instinkte sind somit der Urgrund der Welt; sie sind
egoistisch aufs Leben, aufs Dasein gerichtet: alles ist nur, weil
es den Trieb hat, zu sein. Gewiß erhebt sich dabei dieser Trieb
in den höheren Existenzformen zu intellektueller Schärfe. Aber
dies nur, um diesen Existenzen zu zeigen, daß sie in ihrem Tun
und Streben ewig unbefriedigt bleiben werden. Es ist das
eigentliche Motiv der Ethik unseres Philosophen. Und immer und
immer wieder führt er darum insbesondere auch in der Betrachtung
des menschlichen Schicksals, als des Schicksals des höchststehenden
Organismus, aus, daß jeder menschliche Wille, als das Indivi—
duationsprinzip des menschlichen Organismus, unglücklich machen
müsse: denn als Streben entspringe er dem Gefühl der Un—
zufriedenheit mit dem individuellen Zustande, und als individuell
sei er zur ewigen Nichtbefriedigung dieses Strebens verdammt.
Unser Leben erscheint Schopenhauer deshalb als nichts denn ein
fortgesetztes, teils jämmerliches, teils schreckliches Leid. Es
trägt den Charakter einer großen Mystifikation, um nicht zu
sagen einer Prellerei; es ist eine unnützerweise störende Episode
in der seligen Ruhe des Nichts. Der Wille ist das durch—
—VVVV
verbergen, wie die Genitalien, obgleich beide Wurzel unseres
Lebens sind.
Natürlich ist darum auch die Welt, in der wir leben,
schlecht; sie ist „an allen Enden bankerott und das Leben ein
        <pb n="323" />
        314 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Geschäft, das die Kosten nicht lohnt“. Die Welt etwa gar
als wohleingerichtet zu erklären, ist aller Torheiten größte; die
Welt ist vielmehr genau so wenig gut, als sie es eben noch nötig
hat, um zu existieren. Dabei darf man auch nicht glauben, man
könne sich in einem einfachen Gefühl dennoch über dies Jammer—
tal erheben. Nein! Die Welt als Vorstellung allein angeschaut
mag ja vielleicht indifferente und möglicherweise sogar an—
genehme Gefühle wecken können, und idealistisch, in der Kunst,
gewährt sie sogar den Genuß des Schönen — nirgends mehr
als in der Musik, der wunderbarsten aller Künste, dem Abbild des
Willens, des Absoluten selbst. Aber solche Genüsse und Gefühle
sind vorübergehend: wahrhaft erlösen können sie nicht. Erlösen
kann nur die Verneinung des Willens, denn sie allein erlöst von
dessen Begehrlichkeiten. So kommt Schopenhauer aus seinem
Pessimismus zum Quietismus, zur Theorie einer ruhseligen
Askese, zu den moralischen Daseinsbedingungen des Buddhismus
und zum Lobe greisenhafter Bewußtlosigkeit aus Ertötung des
Ichs.
Es war eine Theorie, die dem politisch resignierten Ge—
schlechte der fünfziger Jahre gründlich zusprach; und die, in—
sofern sie Betäubungstheorie der aufgeregten Nerven kommender
Zeiten der Reizbarkeit sein konnte, auch den Menschen noch
der siebziger und achtziger Jahre mit ihren politischen Er—
regungen und dem starken Massenverbrauch an Nervenkraft in⸗
folge gesteigerter Genußsucht und zunehmender Verkehrsbelastung
entgegenkam.
Für diese Zeit empfing sie denn auch eine neue Formu—
lierung in Hartmanns Theorie des Unbewußten. Eduard von
Hartmann, 1842 in Berlin geboren, seit 18605 wegen eines
rheumatischen Knieleidens pensionierter Offizier, ließ seine
„Philosophie des Unbewußten“ im Jahre 1869 erscheinen. Das
Unbewußte ist bei ihm das Absolute, das mit den Attributen
sowohl der Vorstellung, d. h. der Hegelschen Idee, wie des
Triebes, d. h. des Schopenhauerschen Willens, ausgestattet ist.
Beide Attribute werden dabei als Funktionen eines höheren
Absoluten aufgefaßt, denn der Wille ist an sich ebensowenig
        <pb n="324" />
        Voller Realismus.

315

imstande, sich zu Ideen auszuwirken, wie die Idee, ohne Willen
zur Realität zu werden.
Ist dann aber aus dem Unbewußten in der gemeinsamen
Funktion von Wille und Vorstellung die Welt hervorgegangen,
so folgt doch aus dem Überwiegen des Willens in ihr ein
Schopenhauerscher Zustand des Schmerzes: nur daß die
Organismen sich mit ihrem Schmerz in eine Welt hinein versetzt
sehen, die doch nicht das Ideal der Unvollkommenheiten, sondern
dielmehr, wie die aus der Welt überall hervorscheinende Teleologie
heweist, die beste eben noch mögliche ist. In dieser Welt aber
ist es die sittliche Aufgabe, sich zur Willenlosigkeit, zur Besiegung
des Willens emporzuarbeiten. Es geschieht, indem der Mensch
in sich die andere geistige Kraft, das Bewußtsein, bis zum
größtmöglichen Maße steigert: dann wird sich die Vorstellung in
uns vom Willen zu emanzipieren suchen.
Man sieht: diese Philosophie, auf einer Wurzel mit der—
senigen Schopenhauers gewachsen, ist doch immerhin schon
wieder weit weltfreudiger, kraftvoller: sie war die Mode—
ohilosophie eines Geschlechts, das in der Wissenschaft den Trost
der Zeit gesucht, das 1866 erlebt hatte und 1870 entgegen—
ging. In diesen Zeiten aber ist dann die Jugendlehre von
Hartmanns — sechsundzwanzigjährig hatte er sie vollendet — in
der Tat der Glaube weitverbreiteter Schichten gewesen; bis zum
Jahre 1879, im ersten Jahrzehnt also nach ihrem Erscheinen, sind,
in einer Philosophie hassenden Zeit, über 11000 Exemplare des
Buches verkauft worden. Das letzte Wort freilich von Hartmanns
ist das System des Jahres 1868 noch keineswegs gewesen; dem
Denken der zweiten Periode des Subjektivismus schon auf leisen
Sohlen entgegengehend, ist die Philosophie Hartmanns später
zu Formen emporgeläutert worden, deren Wirksamkeit in der
Gegenwart noch keineswegs erschöpft scheint.
In den fünfziger und sechziger Jahren aber waren die Systeme
Schopenhauers und später auch Hartmanns nicht bloß von
intellektuellen Folgen. Wesentlich auch ethisch gewendet, be—
einflußten sie vielmehr im hohen Grade auch praktische Welt—
anschauung und Sittlichkeit. Freilich: ist es nicht richtig, wenn
        <pb n="325" />
        316 Fünfundzwanzigstes Buch. 5weites Kapitel.

Rod in seinem Buche „Les idéos morales du temps présent“,
das sich bei der außerordentlichen Wirkung, die Schopenhauer
namentlich nach 1870 in Frankreich ausgeübt hat!, hier sehr
wohl zitieren läßt, seinerseits die Frage erhebt, ob es sich denn
bei dem Einflusse der pessimistischen Philosophie auf die Massen
nicht viel mehr um die bloße Hebung eines schon vorhandenen
seelischen Zustandes ins Bewußtsein, als um die Verbreitung
einer neuen systematischen Lehre gehandelt habe? Und traf das
Wort Rods über Schopenhauer: „il transformait leurs
désillusions en lois metaphysiques“ nicht mindestens für die
Träger des politischen Denkens auch in Deutschland zu?
Aber auch auf sittlichem Gebiete ist unverkennbar, daß der
Einfluß der pessimistischen und auch der materialistischen Systeme
nur durch einen gleichzeitigen sittlichen Verfall überhaupt völlig
erklärt werden kann. Und dieser Verfall war schließlich nichts
als die letzte Signatur, das äußerste Kennzeichen der verfallenden
Zeit des frühen Subjektivismus überhaupt. Die großen Ideale
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie der Romantik,
der primitiven Phasen wie der höchsten Erhebungszeit der ersten
Periode des Subjektivismus, sie waren jetzt, wenn nicht ver—
wirklicht, so doch rationalisiert; voll hatte man von dem Baume
der Erkenntnis des neuen Zeitalters gegessen. Neue erhabene,
im Dunkeln des Geheimnisses schwebende Ideale, große Ziele,
die den Atem versetzt hätten, waren nicht vorhanden. Es schien
alles plan, alles verständlich, und nichts darum eigentlich noch
verehrenswert. Selbst der Haß war eingeschlafen und hatte dem
Indifferentismus Platz gemacht. Es ging nur noch um welt⸗
liche, politische, materielle, nicht mehr um für ewig erachtete
BGiüͤter.

Es sind die Zeichen aller verfallenden seelischen Perioden.
Die alten Normen, die einst droben hingen, neu aus eigener
Kraft geschaffen und darum als unveräußerlich verehrt, sie waren
nun in sichtbare Nähe gerückt, konnten kontrolliert werden, und
der Staub des Schmetterlings verlor sich unter roh zugreifenden

Vgl. Genaueres bei Texte in Peétit de Julleville 8, 684.
        <pb n="326" />
        Voller Realismus. 317

Händen. Die alten Dominanten schwanden; neue waren noch
nicht entwickelt; der Zustand eines moralischen Interreanums
trat ein und mit ihm sittliche Anarchie.
Es ist möglich, diese Dinge genauer zu beobachten. Schon
das war charakteristisch, daß die Philosophie Schopenhauers
und auch noch Hartmanns Anhänger fand bis in tiefste Schichten
hinein und hinein bis in die Kreise der geistig Unmündigen;
und daß selbst die Zahl der Selbstmorde, insbesondere Jugend⸗
licher, wenn auch gewiß zumeist aus anderen als nur philo—
sophischen Ursachen, zunahm. Um vieles mehr aber war be—
zeichnend, daß der Zeitgeist zwar die Lehre von der Süße des
Nirwana, von dem dunklen und unmoralischen Triebe des
Willens gerne aufnahm, aus ihr aber dem philosophischen
System entgegengesetzte Folgen zog. Und es muß gesagt werden,
daß ihm in dieser Hinsicht der Begründer des pessimistischen
Systems selber voranging. Schopenhauer, den schon Goethe in
fruͤhen Jahren einen „meist verkannten, aber auch schwer zu er⸗
kennenden verdienstvollen jungen Mann“ genannt hatte, war bei
der rätselhaften Ausstattung seiner Natur später weit davon ent—
fernt, für seine Person die praktischen Konsequenzen seines
Denkens zu ziehen. Als ein leidlich vergnügter Junggeselle,
von Haus aus reich, in höheren Jahren dem französischen
Grundsatze Après les plaisirs du lit les plaisirs de la table
lebend, ist er in Frankfurt, sich ein wenig griesgrämig in den
Strahlen seines Ruhmes sonnend, hochbetagt gestorben. Mag
sein, daß ihn seine wesentlich ästhetische Anlage, seine künstle—
rische Natur zu dieser Art von Doppeldasein besonders hin—
zog und befähigte. Hat er doch von sich selbst einmal gesagt,
er habe die Kraft, sich selbst zu erschüttern, in hohem Maße
besessen und würde ein großer Schauspieler geworden sein,
hätte er sich nicht für die Laufbahn des Philosophen ent—
schieden. Aber kann eine solche Doppelnatur sittlich vorbildlich
wirken? Hätte sie sich etwa mit der Anschauung eines Kant
oder Fichte vertragen? Kuno Fischer schildert unseren Philo—
sophen objektiv und doch tief vorwurfsvoll in dem gut ge—
wählten Bilde: „Die Tragödie des Weltelends spielte im
        <pb n="327" />
        318 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Theater; Schopenhauer saß im Zuschauerraum auf einem
höchst bequemen Fauteuil mit seinem Opernglase ...; viele der
Zuschauer vergaßen das Weltelend am Büfett, keiner von allen
folgte der Tragödie mit so gespannter Aufmerksamkeit, so
tiefem Ernst, so durchdringendem Blick wie Schopenhauer;
dann aber ging er tief erschüttert und seelenvergnügt nach
Hause und stellte dar, was er geschaut hatte.“
Aber die Leute am Büfett? Begnügten sie sich mit dem
Schauspiel? Da nun von Philosophie wegen das menschliche
Dasein geächtet war und man schließlich doch lebte, so schien es
ihnen am besten, dies philosophisch nun einmal prostituierte Leben
wenigstens möglichst lustig zu verbringen. Champagner her! Und
so wuchs aus der Krankheit des Byronismus die Weltfaulenzerei
hervor und das Spiel mit geistreichen Ideen ohne die Kraft,
etwas Lebendiges zu schaffen: charakteristische Merkmale der
ausgehenden fünfziger und der sechziger, auch teilweise noch
der siebziger Jahre. Wie es Oskar Blumenthal einmal auch
in einer Form, die die Sache bezeichnet, zum Ausdrucke brachte:
„Der Pessimist, der Humor hat, macht aus seinem Leichentuch
eine Harlekinsjacke: und gibt es eine passendere Maske in dem aber⸗
witzigen Karneval des Seins? Was kann man auf dieser lang⸗
weiligen Lehmkugel Vernünftigeres tun als unvernünftig sein 2“
Selbstverständlich, daß damit auch die Schätzung aller
hohen Lebenswerte sank, ja schließlich scheinbar völlig dahin⸗
schwand. Und mit ihr die eigentliche kine flöur moralischer
Bildung. Höflichkeit wurde zur Korrektheit äußerlicher Handlung;
eine gewisse feierliche Starrheit in Haltung und Miene galt als
moralisch bezwingend; Eigenes zu geben, einen Hauch persön⸗
lichsten Empfindens auch Fremden einzuflößen hielt man für
Narretei. Damit wurde dann das Edle zum bloß Nobeln, die
Treue zur Loyalität, die Würde zum Anstand und die Anmut
zur Eleganz: und, das Charakteristischste vielleicht von allem, das
Gefühl des Erhabenen verflüchtigte sich völlig vor der Neigung
zur „Imposanz“, zum „Grandiosen“.
Im Grund ging damit natürlich der Charakter verloren,
und mit ihm die besondere Persönlichkeit.
        <pb n="328" />
        Voller Realismus.

319

Alles zu leisten, getraut sich ein jeder, und jeder nur stümpert:
An die besondere Kraft glauben die Menschen nicht mehr.
Buntheit ersetzt den Gehalt und die Formen ein fertig Gepräge,
Was ursprünglich erscheint, gilt als verwegen und schroff.
Alles Bedeutende finkt in der Schätzung; die Künste entfliehen;
Was die Seele sonst sang, ahmen die Lippen nur nach.
(Martin Greif.)

Bewiß erwuchsen auch aus diesem Boden noch neue Eigen⸗
schaften. Aber sie waren zerstörender Natur: so vor allem der
Kultus der Gewalt und des Erfolges. Während zunehmende
Genußsucht sich immer breiter in die Tiefen der Nation fraß —
die fünfziger und sechziger Jahre sind die Zeiten der großen
Volksfeste:
Turner, Sänger, Schützen
Sind der Freiheit Stützen —,

bildeten sich aus diesem Kultus der Gewalt und des Erfolges
heraus zunächst in den oberen Schichten der Gesellschaft zwei
der schlimmsten sittlichen Krebsschäden auch noch unserer Zeit
aus, Grundertum und Strebertum.
Strebertum ist die Prostitution anständiger sozialer Stellung
um glänzender Laufbahn willen:

Wer aufwärts will, muß Einsicht haben,
Mit Umficht brauchen seine Gaben,
Sich keiner Ansicht widerfetzen,
Die Tat nach ihrer Aussicht schätzen,
Zu steter Nachsicht sich bequemen
Und täglich so viel Rücksicht nehmen,
Daß er aus Vorsicht ganz und gar
Vergißt, was seine Absicht war.
Eudwig Fulda.)

Gründertum ist die Prostitution anständiger wirtschaftlicher
Existenz höheren Gewinnes halber; weil besonders gemein, so
ist es niemals, auch nicht einmal satirisch, besungen worden.
Wohl aber waren die Dinge auf diesem Gebiete schon in den
siebtiiger Jahren so weit gediehen, daß Eugen Richter den
Gruͤnderkurswert eines Staatsministers außer Dienst mit
Exzellenzrang für Stellungen in Aufsichtsräten und dergleichen
        <pb n="329" />
        320 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

öffentlich auf etwa einen dreifachen Ministergehalt veranschlagen
konnte, und daß Lasker im preußischen Abgeordnetenhause von
gewissen Gründergeschäften auszuführen vermochte, sie seien
offenbarer Betrug, das Strafgesetzbuch setze Gefängnis darauf,
und dann fortfuhr: „Es ist Sache der Justizpflege, einer so weit
m Lande verbreiteten Krankheit abzuhelfen. Alle Gesellschafts⸗
schichten sind davon ergriffen; selbst Mitglieder des höchsten
Adels beschäftigen sich mit Dingen, die vor den Staatsanwalt
gehören.“
Wie stets in Zeiten starker Schwankungen der Normen des
sittlichen Koder trat dann, das bisher gezeichnete Bild be—
stätigend und abschließend, ein besonderer Hang zu geschlecht—
licher Sinnlichkeit hervor. Vor allem auch in der Dichtung
läßt er sich verfolgen. Denn gewiß sind diese Zeiten schon,
soweit sie in noch vereinzelten und isolierten Erscheinungen vor—
wärts weisen, der fruchtbarste Schoß einer neuen, selbständigen
deutschen Kunst gewesen von großem Ernste und heiligem
Schaffen: die Zeiten der leidenschaftlichen Tiefe eines Hebbel,
Otto Ludwig, Richard Wagner. Aber mitnichten waren sie
zugleich auch schon Zeiten der Anerkennung dieser Großen. Und
in mehr als einem Zuge hat namentlich Wagner auch ihrem
Charakter seinen Tribut entrichtet. Er hat, lange bevor noch
in Meißners „Sansara“ (1858) der erste pessimistische Roman
erschien, dem Pessimismus gehuldigt und dessen charakteristische
Resignation niemals ganz verloren:

Ach, wie sollte ich da klagen,
Wie, mein Herz, so schwer dich sehn,
Muß die Sonne selbst verzagen,
Muß die Sonne untergehn?
Und gebieret Tod nur Leben,
Geben Schmerzen Wonnen nur:
O, wie dank, ich, daß gegeben
Solche Schmerzen mir Natur

Vor allem aber ist er in den sexuell-sinnlichen Momenten
seiner Musik und seiner Dichtung einer der bemerkenswertesten
Vertreter des sittlichen Verfalls der fünfziger bis siebziger Jahre
        <pb n="330" />
        Voller Realismus.

321

zgewesen; und wie ein Motto durchklingt die Erfahrung Tann—
häusers „Und im Genuß nur kenn' ich Liebe“ frühe und späte
Weiten seiner Kunst.
Man begreift da, wie sehr erst Dichter, die der Zeit nur
einfach eingeschrieben waren, das sexuelle Thema behandeln
mußten. Von der Sinnlichkeit Hamerlings oder Wilbrandts
soll dabei noch nicht einmal die Rede sein. Am charakteristischsten
ist der um vieles ruhigere Heyse. Denn bei ihm tritt die Frei—
heit geschlechtlichen Gebarens grundsätzlich unter die weitere
Perspektive eines extremen rationalistischen Subjektivismus über—
haupt. Heyse kennt den modernen Staat wie irgendeinen Staat
überhaupt nicht; an dessen Stelle steht ihm eine völlig freie
Bühne für das Ausleben der einzelnen Persönlichkeit, deren
Grenzen höchstens gegen den Horizont des eigenen Gewissens als
höchster Instanz hin verschwimmen. So müßten seine Gestalten
eigentlich Revolutionäre sein, falls sie von dem heiligen Eifer
etwa des Dranges zur Einführung höheren menschlichen Daseins
getrieben würden. Aber da ist nun eben bezeichnend, daß sie
das nicht sind. Sie sind „Kinder der Welt“, Aristokraten eines
Schönheitslebens, das schließlich seine höchsten Werte doch nur
in der Freude am bloßen Dasein und nicht selten eben an den
natürlichsten Funktionen dieses Daseins findet. War nun zu
bermeiden, daß sich im Bereiche eines solchen Denkens und einer
solchen Kultur auch die Begriffe von Familie und Ehe, und
damit die Bedingungen des Zellenlebens gleichsam der nationalen
Gesellschaft wenigstens in gewissen Teilen ihres oberen Ausbaus
verschoben? Bereits die Romantik und selbst schon die früheren
Stadien des Subjektivismus hatten der Frau eine andere
Stellung angewiesen, als sie früher gehabt hatte: sie war
zum ersten Male sozusagen rein als Mensch betrachtet worden;
und sie war deshalb vor allem auf den Gebieten, auf denen
diese Zeiten schöpferisch tätig waren, auch in steigendem Maße
produktiv aufgetreten, in der Kunst und in der Literatur, vor
allem in der Dichtung!: bis ungefähr dieselben Jahrzehnte die

1Bgl. Bd. VIII, l, S. 291 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.
        <pb n="331" />
        322 Funfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

kindisch-geistreiche Bettina von Arnim, die erst ausgelassene,
dann bigotte Gräfin Ida Hahn-Hahn und die in der Ein—
samkeit ihres Dichtens männlich-spröde Annette von Droste
hervorbrachten.
Auf literarischem Boden begann damit der Hauptsache nach
die deutsche Emanzipation der Frauen; und schon seit den
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte man Anlaß genug,
darüber nachzudenken, was sie im Grunde bedeute. Ins Grobe
gerechnet ließ sich da wohl sagen, daß die literarische Tätig—
keit, wie sie nun immer breiter, namentlich im Bereiche der
leichteren Poesie des Romans entwickelt wurde, auf die Frauen
vor allem intellektuell erziehlich wirke: sie begannen zu denken.
Allein lag es nicht auch unweigerlich in dem Ungewohnten der
neuen Lage, daß nun vielfach der reiche Grund der Sitte
und des Sittlichen zu leiden begann, auf den die Frau bisher
doch einmal gestellt gewesen war? In die Strudel des Lebens
geworfen, im ungebundenen Verkehr mit jenen männlichen
„Titanen“, die in einer Zeit abflauender seelischer Bewegung
die Welt von Grund aus zu reformieren gedachten, verfielen
die emanzipierten Frauen nur zu leicht einer Kopie des Lebens
jener freigeistigen Damen, die sie etwa aus der Lektüre des
George Sand kennen lernten. Und wo dies nicht der Fall
war, da konnten doch nur überaus selten harmonische Be—
ziehungen zwischen dem neuen Intellektualismus und dem dunkel⸗
sinnlichen Untergrunde des Frauenlebens hergestellt werden, der
nach vegetativer Stille und Mutterfreuden dürstet.
Es war ein Zustand, der mit der steigenden Rationalisierung
der Lebensinhalte in den fünfziger und sechziger Jahren nicht
besser wurde; und es darf als eine tragische Seite der modernen
Frauenemanzipation in Deutschland bezeichnet werden, daß ihre
Anfänge eben in solche Zeiten und nicht in Zeiten eines hoch—
gemuten Pathos und eines durch neue sittliche Werte idealisierten
Gemütslebens gefallen sind.
Indes handelte es sich in dieser Phase zuerst und im
ganzen doch nur um eine geringe Anzahl von Personen und
um Angehörige meist nur der höheren Stände. In den Zeiten
        <pb n="332" />
        Voller Realismus.

323

vollen Ausganges der ersten subjektivistischen Periode aber kam
ein anderes hinzu. Nicht nur, daß das steigende Wirtschafts—
leben der Unternehmung schon zahlreiche weibliche Existenzen
der niederen Schichten auf sich allein zu verweisen begann: die in
diesem Kreise beginnende Bewegung war noch durchaus in den
Anfängen und insofern unbedeutend und harmlos. Schlimmer
war, daß die Folgen des Verlustes hoher Ideale und das
Eindringen von Materialismus und Pessimismus sich bei den
Männern auch der mittleren Schichten einzustellen begannen.
Die Männer insbesondere der stark an Bevölkerung wachsenden
größeren Städte begannen den Geschmack an der Ehe zu ver—
lieren; die Halbwelt gewann zum ersten Male etwas wie klassen—
oder berufsmäßige Bedeutung; und der stille Kampf gegen sie
wurde von den Frauen nicht mit der Zähigkeit und Erbitterung
geführt, die man hätte erwarten mögen.
Man weiß, wie diese Dinge weiter gefressen haben, wenn
auch die Halbwelt in Deutschland noch nicht salonfähig ge—
worden ist. Und sicherlich ist damit auch der Geist, ja schon
die Institution und die äußere Verfassung der Ehe anders ge—
worden, als sie vordem war. Doch ist das neue Bild, das
sich hier entwickelte, selbst heute noch trüb und eingeschlagen;
denn in der sittlichen Anarchie, die der turbulente Anfang der
weiten subjektivistischen Periode nicht minder mit sich brachte,
wie sie der Ausgang der ersten zurückließ, wuchsen natürlich
die berührten Erscheinungen üppig fort: und ihre Dauer durch
mehr als zwei Menschenalter hin sorgte dafür, daß sie sich im
Werden eines völlig Neuen niederschlugen, das darum noch
keineswegs unsittlich zu sein brauchte.
Für die Einzelperson aber männlichen wie weiblichen Ge—
schlechts bedeutete der ganze Vorgang vor allem in seinen
frühesten Phasen zunächst Isolierung. Es war eine Erscheinung,
die schon die sechziger Jahre deutlich spürten; wie oft hat ihn
nicht damals Spielhagen in seinen Romanen, z. B. in „Hammer
und Amboß“ (1869), behandelt. Aber schon sah man auch
das positive Neue in all dieser Zersetzung. Nicht Hammer oder
Amboß soll die Einzelpersönlichkeit schon nach Spielhagen sein,
21*
        <pb n="333" />
        324 J Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

sondern Hammer und Amboß zugleich, bestimmt und bestimmend:
und auch für den Geringsten unter den Millionen der Nation soll
eine Zeit hereinbrechen, da er, ob Mann oder Weib, gefestete,
auf sich gestellte und darum auch anderen liebevoll zugängliche
Persönlichkeit sein muß, will er nicht zertreten werden oder
zerbrechen: womit auch für die untersten Klassen der großen
Menge zum ersten Male ein volles Leben des Subjektivismus
inzuheben bestimmt sein wird.
        <pb n="334" />
        IV.

Dunkel ist das Bild, mit dem wir uns am Schlusse des
borigen Kapitels von den Ausgangspforten der ersten sub—
jektivistischen Periode verabschiedet haben. Sehr natürlich. Ver—
fall ist Herbst; Menschen und Ereignisse gilben; und bei allem
freundlichen Zwischenblicken der Sonne durch Nebelmassen bleibt
Melancholie die herrschende Stimmung.
Doch die Sonne wird bald wieder dem vollen Werden eines
neuen Frühlings scheinen; und eben schon im Verfall mensch—
licher Dinge pflegen die Umrisse neuen, höheren Daseins zu
erwachsen.
So ist das Gemälde der fünfziger bis siebziger Jahre,
das bisher gezeigt wurde, einseitig gewesen. Es hat nur die
rückwärts gewendeten Seiten der Entwicklung abgespiegelt. Da—
neben aber sproßte schon üppig in Dichten und Denken, in
Anschauen und Darstellen die Saat des Neuen: Keller, Lud⸗
wig, Hebbel; Lotze, Hartmann, Wundt; Feuerbach, Böcklin,
Marses; Liszt, Wagner, Cornelius: und nur das ist bezeichnend,
daß dies Neue, je zukunftsreicher es war, um so weniger an—
erkannt oder verehrt wurde. Es war wie bei einem Nebelbild
der Camora obscura: während die alte Darstellung verschwindet,
erscheint schon die neue; aber der Blick ist zunächst noch durch
die Konturen des Schwindenden gefesselt, und das Vergehende
hat noch zu einem letzten Male recht.
Auf einem Gebiete aber griff das Neue in den fünfziger
bis siebziger Jahren doch schon so entscheidend in die damalige
Gegenwart ein, daß es auch innerhalb der hier gezogenen
Grenzen der Darstellung schon einer, wenn auch kurzen Be—
obachtung bedarf.
        <pb n="335" />
        326 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Der Zusammenhang ist lehrreich genug.
Alle Geschichtschreibung ist zunächst als politische Historie
erwachsen. Neben vielen anderen Gründen auch aus dem, daß
sich in der politischen Geschichte tatsächlich zumeist, wenn auch
nicht immer, das Gesamtergebnis des historischen Lebens am
leichtesten — freilich auch oberflächlichsten — widerspiegelt.
Denn nach Macht drängen am Ende alle Erscheinungen des
geschichtlichen Lebens, insofern Macht Daseinsmöglichkeit be—
deutet: und der einfachste Konzentrationspunkt der Macht ist
der Staat, sind politische Gebilde, politische Strebungen.
Aus diesen Verhältnissen aber geht zugleich auch hervor,
daß die politischen Erscheinungen im normalen Falle nicht die
zeitlich führenden der Entwicklung sind, sondern die letzten,
schließenden: sie sind nicht Keime, sondern Blüten, nicht An—
regungsformen, sondern Formen letzter Ergebnisse.
Deutlich tritt dieser Zusammenhang in den großen politischen
Ereignissen der Deutschen Geschichte während der sechziger und
siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts, in Einheitsbewegung und
Kulturkampf, hervor: sie gehören keineswegs der zweiten Periode
des Subjektivismus an, sondern schließen die erste.
Aber doch werden sie zugleich schon durch gewisse, im Ver—
hältnis zu ihrem Wesen weiter fortgeschrittene Kulturelemente
der fünfziger und sechziger Jahre mit bestimmt, jene nämlich,
die nicht dem Verfalle der ersten, sondern der Keimbildung der
zweiten Periode angehören! Dabei ist denn freilich der Ein—
fluß der idealistischen Bewegungen in diesem Bereiche gering:
wer wollte zwischen Hebbel oder Wundt oder Marées und
Cornelius oder selbst dem größten Propheten des Neuen,
Richard Wagner, und der deutschen Einheitsbewegung einen
wirklich engeren Zusammenhang der Beeinflussung nachweisen?
Um so stärker wirkt er aber die wirtschaftliche und soziale
Vorbereitung der neuen Periode bereits ein: der Umkreis alles
dessen, was man Wirtschaft und Gesellschaft des freien Unter⸗
nehmens nennen kann; es braucht in diesem Zusammenhange
nur daran erinnert zu werden, daß dem Reichstage des Nord⸗
deutschen Bundes und des neuen Reiches ein Zollparlament
        <pb n="336" />
        Voller Realismus.

327

als erster Vertretungskörper der heute im Reiche geeinigten
Deutschen vorausging. Und so ist es eine notwendige und
zugleich die melancholischen Stimmungselemente der vorher—⸗
gehenden Kapitel aufhellende und lösende Aufgabe, die Dar—
tellung der Zustände der ausgehenden ersten Periode des Sub—
jektivismus mit einem Lichtblick auf diese neue Bewegung zu
schließen.
Die Wirtschaftsentwicklung der fünfziger bis siebziger Jahre
war im wesentlichen schon an das Aufsteigen des Bürgertums
gebunden. Nicht als ob dieses der fundamentale und allseitige
Träger der ganzen Bewegung gewesen wäre. Vielmehr war
dies die noch viel allgemeinere Erscheinung des Unternehmer⸗
tums überhaupt.
Der Wirtschaftsform der Unternehmung unterlag in dieser
Zeit, soweit sie sich lebhafter fortentwickelte, auch die Land⸗—
wirtschaft und in ihr alle agrarischen Stände. Und so erschien
denn der Bauer, der einstweilen an ihr keinen oder nur geringen
Anteil hatte, eigentlich fast allein als so ziemlich stabil. Die
untersten agrarischen Schichten dagegen waren in einer beträcht—
lichen Umbildung begriffen: denn sie hatten die zunehmend ge—
fragten Arbeitskräfte des landwirtschaftlichen Großunternehmens
zu stellen. So erwuchsen jetzt aus Insten und Häuslern hier und
da neue seßhafte Bildungen einer ländlichen Arbeiterbevölkerung;
und schon zeigte sich gelegentlich die späteren Jahrzehnten viel
geläufigere Erscheinung landwirtschaftlicher Wanderarbeiter aus
den slawischen Gebieten des östlichen Preußens und aus dem noch
östlicher liegenden russisch-polnischen Grenzland.
Die entscheidend vorwärtsschreitende Gruppe der Land—
bhepölkerung aber war die der großen agrarischen Unternehmer,
wie man sie unter einiger Vorwegnahme künftiger Erscheinungen
nennen kann, der Gutsbesitzer und Rittergutsbesitzer, der bürger—
lichen Pächter und Eigentümer, der Junker, des hohen Adels.
Denn eben sie waren es, die seit den fünfziger Jahren ganz
allgemein zum Betriebe der Unternehmung übergingen: durch
verbesserten Landbau auf Grund der neuen Agrikulturchemie,
durch Entwicklung der großen landwirtschaftlichen Nebengewerbe
        <pb n="337" />
        328 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Brennerei zur Alkoholbereitung und der Fabrikation des
Zuckers: Gewerben, denen in freierem und oft ganz los—
gelöstem Zusammenhange auch das Müllergewerbe zu folgen
begann!.
Hätte man nun nicht glauben sollen, daß eine so bedeutende
wirtschaftliche Umbildung auch stark führend in die Allgemein⸗—
geschichte der Nation eingreifen würde? Gewiß ist sie auch
volitisch von hoher Bedeutung gewesen; sie war der Nährboden
einer Gestalt wie Bismarck; und noch sind die agrarischen Ein—
flüsse besonders der Junker und auch eines Teiles des hohen
Adels in Leben und Politik selbst der jüngsten Gegenwart
keineswegs ausgeschaltet. Gleichwohl wurden sie, eins ins andere
gerechnet, schon in den fünfziger Jahren von den bürgerlichen
Einwirkungen übertrumpft.
In den ersten Zeiten des 19. Jahrhunderts war die adlige
und noch mehr die fürstliche Lebenshaltung von der bürger—
lichen noch sehr getrennt gewesen und hatte ihr zugleich noch
in manchem Betracht als Vorbild gedient?. Jetzt änderte
sich dieser Zusammenhang. Immer mehr wirkten die großen
Errungenschaften der bürgerlichen Geisteskultur der ersten sub—
jektivistischen Periode ein: selbst das Königtum erhielt sozial
bürgerlichen Anstrich; so schon unter Friedrich Wilhelm III.;
Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Ludwig J. von Bayern
gar sind erst recht in mehr als einer Hinsicht bürgerlich lebende
Herrscher gewesen. Noch mehr aber beeinflußte das Bürgertum
den Adel. Schon früh hatte man in verständigen Geschlechtern
einzusehen begonnen, daß Geburt allein künftighin nicht mehr
lüberwiegenden Einfluß im Staate vermitteln werde. Und so

Dampfmühlen in Preußen 18373 27 mit 64 Gängen,
1846: 115, 303 ,
1852: 339, 604,
1861: 664 ,1727
Trotzdem halten sich die kleinen Mühlen noch; die großen arbeiten viel—
fach auf den Export. In Preußen waren 1861 von allen Wassermühlen
noch 880/0 ländliche Mühlen. Vgl. Schmoller, Kleingewerbe S. 398.
2 S. dazu unten S. 852f.
        <pb n="338" />
        Holler Realismus.

ze9

hatte eine jungere Generation schon im Ausgange des 18. Jahr⸗
hunderts ernst und andauernd zu studieren begonnen: aus ihr
ist der Reichsfreiherr vom Stein, sind die Herren von Vincke,
von Schön, von Hardenberg, von Humboldt hervorgegangen.
Darauf, mit den inneren Reformen der ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts, fielen auch die halbstaatlichen, patrimonialen,
grundherrlichen Herrschafts- und Rentenrechte; der niedrige Adel
begann ganz in den einfachen staatsbürgerlichen Verband ein⸗
zutreten; der hohe Adel aber erhielt demgegenüber durch Ar—
tikel 14 der Bundesakte doch eigentlich nur Scheinvorrechte und
hatte diese noch dazu in dem schließlich führenden Staate, in
Preußen, mit nicht wenigen Geschlechtern aus dem altangesessenen
und reich begüterten Landadel zu teilen.
Da fragte es sich denn geradezu, welches die künftige soziale
Stellung des gesellschaftlich einst füuhrenden Standes wohl sein
werde; und dieses Problem ist von Angehörigen des Adels selbst
aamentlich in den ersten Dreivierteln des 19. Jahrhunderts bis
zur Gründung des Reiches und bis zum endgültigen Beginn der
Ausgestaltung einer neuen bürgerlichen Aristokratie immer und
immer wieder behandelt worden. Besonders reich an Reform⸗
vorschlägen waren dabei bezeichnenderweise die fünfziger Jahre.
Denn jetzt, nach 1848, sah man wohl, daß an eine Wieder—
gewinnung verlorener gutsherrlicher Rechte und Verwandtes
nicht mehr zu denken war, und daß überhaupt eine andere als
staatsbürgerliche Stellung innerhalb des neuen Staates wenigstens
auf dem Wege rechtlicher Begründung unerreichbar bleiben
werde. Um so mehr warf man sich daher auf die soziale Seite:
suchte den Familienbesitz zu mehren, betonte den edelmännischen
Beruf des Rittergutsbesitzers, revidierte die schon so oft er—
örterte Frage von der Standesmäßigkeit der Ehen, sorgte für
Fideikommisse und Apanagierung der nachgeborenen Söhne und
entwarf neue Grundlinien für ein modern-genossenschaftliches
Zusammenwirken des Adels als Körperschaft.
Nicht alle in dieser Richtung begeistert geplanten Reformen
sind durchgeführt worden. Allein selbst wenn dies der Fall
gewesen wäre: hätten sie dem Adel eine besondere Stellung
        <pb n="339" />
        330 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

im Staate an sich gewährleisten können? Liefen sie nicht fast
alle und eben die wichtigsten unter ihnen im Grunde auf eine
Fundamentierung der alten Stände im Sinne eines Berufs-—
standes agrarischer Unternehmer hinaus? Faßten sie nicht
politische Ziele höchstens indirekt und dann so, daß die Ergeb—
nisse für den Adel nicht exklusiv zur Erscheinung kamen, ins
Auge?
Eben in diesen Reformbestrebungen zeigte sich, daß sich
der Adel und damit die führenden agrarischen Schichten doch
der neuen Wirtschaftsgewalt der Unternehmung im Grunde
beugen mußten. Und tatsächlich ergab die spätere Entwicklung
diesen Verlauf. Nirgends mehr vielleicht als im Bereiche des
hohen preußischen Adels, der noch heute zum Teil, in schwäch—
lichen Sympathien für Süddeutschland und Osterreich verharrend,
nur wirtschaftlichen Zielen lebt und die ihm von Rechts wegen
zukommende Rolle einer politischen Einflußnahme als Träger
agrarischer Großunternehmen eigensinnig verabsäumt.
Allein indem eben dieses Wesen des agrarischen Unter⸗
nehmertums für den alten Adel niederer wie hoher Grade deut⸗
lich hervortrat, war doch zugleich auch gesagt, daß er nicht
allein und daß er schließlich nicht an erster Stelle mehr führen
werde. Denn das Wirtschaftsleben der Unternehmung ist nicht
vorwiegend und in den wesentlichen Wurzeln seiner Kraft dem
platten Lande und landwirtschaftlichen Betriebe, sondern bürger—
licher Nahrung und den Städten entwachsen. Und damit lag
es denn doch in den ersten Folgen weiterer Wirtschafts⸗
entwicklung, daß eben das bürgerliche Großunternehmertum zur
sozialen und politischen Hegemonie berufen war und hindrängte.
Und schon die fünfziger und sechziger Jahre haben dafür
einen Instinkt, ein sozusagen unbewußtes Bewußtsein gehabt.
Es gibt keinen großen Romanschreiber unter den zahlreichen
Schilderern des damaligen deutschen Lebens, der für den Adel
jene Sympathie zeigte, von der sich unwillkürlich das Werdende,
Zukunftsreiche begleitet sieht; und eben Spielhagen, der den Adel
so gut kannte und in dieser Zeit vielleicht am besten geschildert
hat, stand mit seinen Neigungen auf seiten des Bürgertums.
        <pb n="340" />
        Voller Realismus.

331

Was hieß aber in dieser Zeit führendes Bürgertum?
Man muß sich die älteste industrielle Schicht des mittel—
alterlichen Bürgertums, das Handwerk, noch in den vierziger
bis sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts weit weniger von
seinen Ursprüngen als von seinem heutigen Bestande abweichend
denken. Gewiß hatten die Kodifikationen des Handwerkerrechts,
die mit der ersten Belebung der neuen Volkswirtschaft der
Unternehmung, zumeist in den zwanziger und dreißiger Jahren
des 18. Jahrhunderts, vorgenommen worden waren, etwa ein
Jahrhundert später, insbesondere seit den dreißiger Jahren des
19. Jahrhunderts, unter der Einwirkung des wirtschaftlichen
Aufschwunges nach Begründung des Zollvereins freieren Ord—
nungen Platz gemacht oder waren ihnen Platz zu machen im
Begriff. Allein die alte seelische Haltung des Handwerks war
dadurch noch keineswegs gesprengt, und nicht minder erschien
die alte wirtschaftliche und soziale Lage noch gewahrt; noch
mmer stand im allgemeinen der kräftige Meister mit zwei oder
drei Gesellen in der Werkstatt, arbeitete gegen bare Bezahlung
und war im Besitze eines einzigen Geschäftsbuches, in das er
Ausgaben und Einnahmen gewissenhaft eintrug: so wie uns
Kretzer noch aus weit späterer Zeit den ehrwürdigen Meister
Timpe gezeichnet hat. Dabei mochte es wohl nicht mehr so
leicht sein, zur Selbständigkeit zu gelangen wie vordem; die
Zahl der Gehilfen hatte sich gemehrt; in Heidelberg kamen im
Jahre 1588 auf zehn selbständige Gewerbe siebenundvierzig, im
Jahre 1882 aber einundsechzig Personen. Allein im ganzen
sah man sich doch in der alten Organisation und im alten Betriebe
noch nicht gestört; und auch eine starke Konkurrenz durch außer⸗
handwerksmäßige Herstellung drohte noch nicht; die moderne
industrielle Entwicklung hat sich bis etwa 1870 wesentlich auf
anderen Gebieten als denen des Handwerks und teilweise auch
in Exportindustrien vollzogen, während der Handwerker nach
wie vor für den Kunden in der Nähe schuf; ein zerstörendes
Eindringen in den goldenen Boden des Handwerks durch die
Fabrikation ist stärker erst im neuen Reiche beobachtet worden.
So schien denn noch alles beim guten Alten. Allein eben indem
        <pb n="341" />
        332 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

man sich nur noch hielt, blieb man zurück. Es war eine Lage
ähnlich der des Bauers auf dem platten Lande. Aber während der
Bauer aus der Berührung mit der mütterlichen Erde doch immer
noch eine sich stetig erneuernde Kraft festen sittlichen Daseins sog
und auch wirtschaftlich schließlich später, derselben natürlichen
Kraftquelle teilhaftig, dem modernen Wirtschaftsaufschwung in
ruhigem Nachtrab gefolgt ist, bestand für den Handwerker kein
ähnlich glücklicher Zusammenhang. Er war, nur auf die Enge des
städtischen Gassenbereichs angewiesen, trotz der Möglichkeit eines
viel rascheren Umtriebes seines Kapitals, als der Bauer sie besaß,
durch seine ganze Existenzart an ein Arbeiten gebunden, das in der
emporkommenden neuen Zeit bald als völlig veraltet erscheinen
mußte, und daher im Grunde schon in den fünfziger Jahren am
Verdorren. Ja bereits für das Ende der vierziger Jahre beweist
die Art der Teilnahme der Handwerker an den revolutionären
Vorgängen ihre vollste Zurückgebliebenheit; und schon für den
Anfang der vierziger Jahre gibt Hebbels „Maria Magdalena“
einen furchtbaren Einblick in die dumpfe, erstickende Enge des
Handwerkerstandes, sieht man auch von dem besonderen Charakter
des Vaters in dem Stücke ab, den Hebbel nach seinem eigenen
Vater gezeichnet haben mag.
So war denn das Handwerk mitnichten mehr zur Führung
der bürgerlichen Welt berufen, mochte auch ein ehrsamer Meister
noch in der sozialen Schätzung kleiner Städte nicht ohne Würde
mit dem Gymnasiallehrer auf verwandter Höhe standhalten.
Sollten da aber neben dem Handwerker etwa die einstmals
aus dem Handwerk heraus entwickelten Meister der Haus—
industrie oder gar die Hausindustriellen überhaupt als sozial
höher stehend und zur Führung berufen in Betracht gekommen
sein? Weithin zerstreut saßen sie in den großen Städten, in
Bremen, in Berlin, vor allem aber in den Mittelgebirgen vom
Glatzer Gebirgskessel den Zug des Riesen- und Erzgebirges,
des Fichtelberges und des Thüringer Waldes entlang bis zum
Eichsfeld und von den Bergen hinab ins Flachland, in den
gebirgigen Teilen der Regierungsbezirke Düsseldorf und Aachen,
im württembergischen Schwarzwald und jenseits der Grenze
        <pb n="342" />
        Voller Realismus. 333

in Lothringen und im Unterelsaß: und webten Sammet und
Seide, Leinwand und Baumwollstoffe, Strumpfwaren und
Tuche; nähten, schneiderten, schusterten, posamentierten, schlugen
als Zeug-, Sensen- und Messerschmiede drein, manch anderer
Tätigkeit nicht zu gedenken. Allein eine soziale Bedeutung
hatte diese Masse wie die Aristokratie ihrer Verleger als solche
schon deshalb nicht, weil sie sie nicht beanspruchten. Ist doch
erst in den siebziger Jahren der Unterschied zwischen Haus—
und Fabrikindustrie begrifflich genauer festgelegt worden: eben
in den Zeiten, da sich der Stand der eigentlichen Fabrikarbeiter
sozial durchzubilden und höhere politische Ansprüche zu stellen
begonnen hatte.
Allein auch dieser neue Stand der Fabrikarbeiter, in dessen
Geschichte die Hausindustriellen eigentlich erst wie im Sinne
einer Reflexerscheinung begrifflich klar auftauchen, war doch in
den vierziger und fünfziger, ja selbst in den sechziger Jahren
noch ohne stärkere politische Bedeutung: erst die Jugendjahre
des Reiches haben die volle Evolution der Sozialdemokratie ge—
sehen.
Freilich trug er dabei von vornherein die Verheißung in
sich, in einem Wirtschaftsleben der Unternehmung zu Worte
zu gelangen, denn er ist der klassische Widerpart des Unter—
nehmers: hier der kaufmännisch geschulte Besitzer der Produktions—
mittel, der Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Werkzeuge mit
seiner organisierenden Kraft; dort der besitzlose Inhaber einer
Muskelkraft, Intelligenz, Gesinnung, die in den unbedingten
Dienst der Produktionsmittel und der für sie geschaffenen Or—
ganisation gestellt werden soll.
Allein daß aus diesem Verhältnis heraus die neue Klasse
selbst schon in den Ausgangszeiten der ersten Periode des
Subjektivismus die nötigen wirtschaftlichen, sozialen oder gar
politischen Folgerungen gezogen hätte, davon war man noch
weit entfernt. Für diese Zeiten und ihren Verlauf war es
— E —
Standes, vor allem auch der seelischen Konsequenzen seiner
Tätigkeit, eigentlich bei weitem mehr bei einzelnen Politikern,
        <pb n="343" />
        334 — Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Literaten und Dichtern begegnete als bei den Angehörigen des
Standes selbst. Die Teilnahme der Politiker ist bekannt; man
weiß, wie sie, die Bourgeois, in den fünfziger und sechziger
Jahren das sozialdemokratische Programm geschaffen haben.
Aber zeitlich noch viel weiter ging auf deutschem Boden die
Sympathie der Poeten und Romanschreiber zurück; und nicht
erst die siebziger und achtziger Jahre haben in ihnen Empfindungen
gleich denen Oswalds ausgelöst:
Maschinenlärm ... einförmig dumpfes Dröhnen,
Dabei die Habgier träumt, die dunkle Pein,
Das Ohr geneigt dem immer einen Tönen:
Gold — und die große, weite Welt ist mein!

Schon die spätere Romantik, z. B. Chamisso, kannte ein
tiefes Mitleid mit den Armen, den niederen Kreisen überhaupt;
und man kann diese Sympathie immerhin als allgemeine seelische
Grundlage für viel konkretere Stimmungen auffassen, die dann in
den dreißiger Jahren auftauchten. So zeigte z. B. der Düssel⸗
dorfer Immermann in den „Epigonen“ (1836) bereits eine
ganz bestimmte Opposition gegen den Industrialismus: er haßt
die Fabriken, und er weissagt eine Zeit, da der Pflug wieder
über ihre Stätten gehen wird. Dabei war freilich der soziale
Gegensatz, von dem er ausging, noch nicht der von Arbeitgeber
und Arbeitnehmer, sondern sehr bezeichnend der des industriellen
Arbeitgebers, des neuen Adels, zu dem alten, der agrarischen
Aristokratie: wie in noch viel späterer Zeit Auerbach im
„Landhaus am Rhein“ (1869) Humanität und Industrialismus
gegenübergestellt hat. Allein daneben begann doch auch schon
früh, am ehesten wohl bei den Jungdeutschen, die Teilnahme
speziell für den Arbeiter des vierten Standes; und schon in
den vierziger und fünfziger Jahren findet sich sein Los in den
düstersten Farben geschildert. So läßt sich in dem Romane
von Prutz „Engelchen“ (1851) ein Fabrikant in einem blühenden
Weberdorfe nieder und macht aus seinen freien Arbeitern
Fabrikarbeiter, Sklaven des Brotherren. Und nun zieht
Unsittlichkeit und Trunk und Verbrechen in diesen Kreis ein;
und bei den Besseren entwickelt sich der grimmigste Haß gegen
        <pb n="344" />
        Voller Realismus.

385

die Maschine: den Drachen und Kraken, der, dem Abgrunde
des Meeres entstiegen, mit seinen eisernen Kiefern, seinem
unersättlichen Schlunde das blühende Leben, Scham und
Tugend und Recht hinabschlürft und vernichtet. Doch dies
Ungeheuer, in dessen Rädern und Walzen die Seele des zu
ewiger Qual verdammten Erfinders pfeift und ächzt, wird
wieder dahinschwinden; und an Stelle bleicher Sklaven werden
kraftreiche Handwerker von neuem das Dorf freundlich bevölkern.
An Stimmungen, wie sie hier poetisch verdichtet erscheinen,
wird es auch unter den Fabrikarbeitern selbst nicht gemangelt
haben, mögen auch ihre Schattierungen anders gewesen sein;
was aber fehlte, war ihre gewohnheitsmäßige und gleichgeartete
Intensität, war der soziale und wirtschaftliche Zusammenschluß
des neuen Standes und ein auf dies alles hin entwickelter
Anspruch auf Lebensgenuß, Besserung und Herrschaft.
Und so wurden denn die Arbeitgeber zur eigentlich
führenden Schicht des neuen und damit auch des fortwährenden
alten Wirtschaftslebens, zum Vortrab des siegenden Bürgertums,
zu Eroberern des neuen Verhältnissen anzupassenden politischen
Daseins: — und schon in der Bezeichnung „Industrielle“
schlechtweg gelangte zum Ausdruck, daß diese führende Rolle
der Arbeitgeber auch die indirekte Anerkennung der Zeitgenossen
fand.

Dabei spielte natürlich die Umbildung der älteren Manu—
fakturen und Verlagsanstalten zu eigentlichen Fabrikindustrien
eine im gewissen Sinne erste Rolle; denn auf diesem Gebiete
am meisten wurde an eine kräftig fortblühende und zu neuem
Aufschwung erwachsende Vergangenheit angeknüpft. Es handelte
sich dabei in der Hauptsache zunächst um die verschiedenen Tertil⸗
industrien: denn das Bedürfnis der Bekleidung ist eines der
aältesten und mächtigsten aller Kulturen und hat darum auch
vornehmlich die frühesten industriellen Betriebsformen höherer
Art erzeugen helfen. In diesem Bereich aber erweist es sich
als nötig selbst in dieser Skizze auf einige Einzelheiten ein⸗
zugehen, um ein volleres Verständnis für den Verlauf des Fort⸗
hildungsprozesses zu gewinnen.
        <pb n="345" />
        336 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Vielleicht die älteste, jedenfalls aber die verbreitetste der
deutschen Textilindustrien war die Leinenindustrie. Und in ihr
hatte Ende des 18. Jahrhunderts im allgemeinen noch ein recht
gutes Auskommen geherrscht; aus Schlesien z. B., einem der
Hauptländer dieser Industrie, hört man, es habe in dieser
Zeit unter den Verlegern Reichtum und UÜppigkeit, unter den
arbeitenden Klassen ein gewisser Wohlstand und ein leichtsinniges
Wohlleben geherrscht. Im Verlaufe der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts aber stellte sich eine Erscheinung ein, die
für die Entwicklung der deutschen Texrtilindustrien in dieser
Zeit überhaupt, wenn nicht gar für die gesamte deutsche
Industrie charakteristishh war. Da man zu kapitalarm war,
um alsbald die kostbareren Werkzeuge und neuen Maschinen
anzuschaffen, die, zunächst in England, in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts erfunden und in Gebrauch genommen
waren, so hielt man länger als in anderen Volkswirtschaften
an den veralteten Produktionsbedingungen früherer Menschen⸗
alter fest. Und indem dies geschah und man trotzdem in den
Wettbewerb mit anderen Nationen einzutreten hatte, mußte
man diese natürlich durch die Billigkeit der Produktion zu
schlagen suchen. So stellte sich allmählich das Prädikat „billig
und schlecht“ für die deutsche Industrie ein und hat ihre
Entwicklung noch bis nach 1870 in um so verhängnisvollerer
Steigerung begleitet, als mit den Reformen des beginnenden
19. Jahrhunderts jene absolutistische Reglementierung der In—
dustrien weggefallen war, die im 18. Jahrhundert von Obrig—
keit wegen eine gute Qualität der Erzeugnisse verbürgt hatte.
Fur die Arbeiter aber bedeutete dieser ganze Verlauf eine
immer traurigere Reduktion der Lohnhöhe: bis Hungerlöhne
eintraten.
Zuerst hat die Leinenspinnerei diesen furchtbaren Ent—
wicklungsgang erfahren. In Westfalen betrug der Verdienst
eines Spinners 1828 schon selten mehr als zwei Groschen
täglich. Nun suchte man freilich — in Glatz und Schlesien
z. B. schon 1827 — durch Wiedereinführung der Reglementierung
die Qualität wieder zu heben. Allein vergeblich; nur die
        <pb n="346" />
        VDoller Realismus.

337

Industrie des Königreichs Hannover, wo die alte Leggeordnung
niemals aufgegeben worden war, hielt sich. Zu Anfang der
bierziger Jahre war man dann so weit, daß „eine ganze Spinner—
familie, Mann, Frau und Kinder, bei allem Fleiße, wenn sie
fast Tag und Nacht am Spinnrade saßen, nicht über zwei
Groschen täglichen Verdienstes hatten“. Und Tausende von
Arbeitern und Arbeiterfamilien erlagen jetzt dem Hungertyphus,
vor allem in Schlesien und in der Lausitz. Es blieb nichts
übrig als volles Aufgeben des todbringenden Berufes. Aber
erst seit Ende der vierziger Jahre fand ein Übergang in andere
Berufe statt. In Preußen gab es 1849 noch immer 84 286
mit Handspinnerei von Leinengarn beschäftigte Personen; 18601
erst waren sie auf 14557 gesunken. Von welch furchtbarem
Elend aber, von welch schweren persönlichen Schicksalen berichtet
die stumme Sprache dieser Zahlen!
Schlimm war, daß die Maschinenspinnerei erst sehr spät
an Stelle der Handspinnerei trat. Im Jahre 1848 gab es in
Preußen erst 20 mechanische Spinnereien, 1861 erst 38; die
Zahl der Feinspindeln stieg im Zollvereinsgebiet im gleichen Zeit⸗
raum nur von 36000 auf 186492. So sank denn die Produktion
von Garn überhaupt. Noch im Jahre 1833 hatte eine Ausfuhr
in deutschem rohen Leinengarn von 35 267 Zentner bestanden;
ihr trat schon 1842 -46 eine Mehreinfuhr von äiährlich
29990 Zentnern gegenüber.
Was mußte da aus der von der Spinnerei abhängigen
Leinenweberei geworden sein? Auch sie ging reißend zurück.
Leidlich erhielten sich dabei die alten Zustände noch in
Hannover und um Bielefeld, wo man teilweise ein so feines
Garn verwebte, wie es die konkurrierende Maschine des Aus—
lands zu verarbeiten noch nicht imstande war. Aber in Schlesien
kam es, da trotz allem die Zahl der Leineweber nicht abnahm,
zu der furchtbaren Krisis im Anfang und in der Mitte der
bierziger Jahre, die der schlesische Dichter jüngerer Zeiten in
dem ergreifenden dramatischen Gemälde der „Weber“ für unser
Gefühl und unsere Einsicht erneut hat. Zwar gingen hier, wie
auch anderswo, die Leineweber schließlich teilweise zur Baumwoll—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 22
        <pb n="347" />
        338 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

weberei und sonstiger rentablerer Tätigkeit über: — aber an
ihre Stelle rückten die in noch schlimmerer Not befindlichen
Spinner!
Natürlich sank damit der Lohn immer mehr; er betrug
1846 „für mühevolle vierzehn- bis sechzehnstündige Arbeit,
zugleich für Abnutzung der Gerätschaften, Benutzung der Wohn—
räume, Heizung und Beleuchtung, für Beihilfe von Frau und
Kindern“ durchschnittlich nicht über zwei bis drei Silber—
groschen! Darüber ging denn die Bevölkerung sittlich zugrunde,
wurde geistig stumpf, körperlich schwach; borgte ohne Aussicht,
zahlen zu können, und verhungerte. Und diese entsetzliche Lage
währte in manchem Betracht bis in die sechziger Jahre: bis
endlich mit dem vermehrten Eisenbahnbau und der sonstigen
steigenden Nachfrage nach unqualifizierter Arbeit in den Fabriken
die Weber anfingen, sich ihrem Beruf zu entfremden. Zugleich
verbreitete sich nun endlich die Maschinenweberei. Im Jahre
1858 gab es freilich erst eine verschwindende Anzahl mechanischer
Stühle, in den sechziger Jahren aber stieg sie rasch; doch waren
es 1868 im Zollvereinsgebiete immer erst 1800 gegenüber 3000
in Belgien, 4000 in Frankreich, 20000 in England.
Weniger hart erging es in dieser Zeit der Umbildung
zum mechanischen Betriebe der Wollindustrie — schon deshalb,
weil für sie von jeher ein größeres Kapital nötig gewesen war.
Freilich war die deutsche Volkswirtschaft in das 19. Jahr—
hundert noch mit sehr vielen kleinen Spinnereien und Webereien
eingetreten; und diese wurden durch Einführung prohibitivartig
wirkender Zölle in Rußland, dem Hauptabsatzgebiete jenseits
der Grenzen, bald schwer getroffen; sie verlegten deshalb ihre
Fabriken zum Teil über die Grenze; in dem Jahrzehnt von
1818 bis 1828 sollen gegen 250000 Deutsche in Polen ein—
gewandert sein. Trotzdem blühte aber die Industrie auf
deutschem Boden bald mächtig empor; die preußische Produktion
verdoppelte sich zwischen 1806 und 1831; und die folgenden
Jahrzehnte brachten bei steigender Qualität und Quantität der
heimischen Wollerzeugung noch weiteren Aufschwung.
Aber im Verlaufe alles dessen fielen zugleich die kleineren
        <pb n="348" />
        Voller Realismus.

339

Spinnereien und Webereien hinweg und entwickelten sich
konzentriertere und größere Betriebe. Die Hauptzeit dieser
Krise, aus der eine sehr wichtige Gruppe der neuen industriellen
Gesellschaft hervorging, umfaßte etwa die Jahre 1843 bis
1861, vor allem aber das erste Jahrzehnt dieser Zeit. Die
Zahl der Spinnereien sank damals in Preußen auf den dritten
Teil, der Umfang des einzelnen Geschäftes dagegen stieg, zum
Teil auch schon infolge der Einführung der Kammgarnindustrie,
auf das Drei- bis Sechsfache. Im Jahre 1861 gab es im
ganzen Zollverein 1797 Streichgarnspinnereien mit 1117870
Feinspindeln, so daß auf eine Spinnerei durchschnittlich
629 Spindeln mit einer Bedienung von etwa fünfzehn Personen
zu rechnen waren. Daneben wurde denn auch die Weberei
konzentriert; doch erhielten sich vielfach noch Handstühle. Denn
die Aufgabe in der Wollweberei war weniger die, die nicht um
sehr vieles rentableren mechanischen Webstühle einzuführen,
als in großen geschlossenen „Etablissements“ die Verbindung
——
auch des Färbens und Spinnens herbeizuführen. Eben dies
aber gelang den energischeren der bisherigen Spinner und
Weber von mittlerer Wohlhabenheit vielfach: und so wuchs
hier organischer als sonst und ohne größere soziale Revolution
früh aus dem Kreise der kleineren Fabrikanten ein Stand der
Großindustriellen hervor.
Am leichtesten und harmonischsten indes hat sich die dritte
und letzte der deutschen textilen Großindustrien, die Baumwoll⸗
industrie, entwickelt. Auf leidlich jungfräulichem und frucht—
barem Boden im Beginn des Jahrhunderts fast neu erwachsen,
—
teilweise auch geneigt zum Übergang in konzentriertere
Produktionsformen; und dieser Übergang vollzog sich dann in
glücklicher Langsamkeit, indem die Verleger anfangs kleinerer
Geschäfte allmählich zu mittleren und großen Verlegern und zu
Fabrikherren heranwuchsen. Und auch die der Industrie nötigen
Nebengewerbe, Druckerei, Färberei u. dergl., gingen denselben
günstigen Weg der Entwicklung.
        <pb n="349" />
        340 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Wo indes die Gesamtindustrie der Baumwolle einen
konzentrierten Charakter beibehielt oder annahm, wie das
namentlich in Baden, Bayern und am Rhein der Fall war,
wie überhaupt zumeist überall da, wo die Spinnerei ins Große
getrieben wurde, da erhielt sie auch schon früh ganz den
Charakter eines mechanischen Betriebes, und die Handweberei
verschwand. Wo dagegen die Form der Hausindustrie wenigstens
für die Weberei bis in die sechziger Jahre festgehalten wurde,
da hat es auch im Baumwollgewerbe an der Entwicklung
eines industriellen Proletariates nicht gefehlt. Dabei gab es
im Jahre 1861 im Zollvereinsgebiete noch immer über
152000 Handstühle, gegenüber nur 24000 Maschinenstühlen
in 940 Fabriken.
Überhaupt wäre es falsch, zu glauben, daß sich in der
deutschen Textilindustrie mit den sechziger Jahren schon der volle
Übergang zum mechanischen Betriebe vollzogen gehabt hätte.
Gewiß hat diese Zeit ein wesentliches Moment dieses Überganges
erlebt; insbesondere hat die schwere Krise von 1862, die mit
der Stockung des Absatzes nach Amerika eintrat, vielfach zur
Einführung von Rundstühlen und verbesserten eisernen Stühlen
und damit zur verstärkten fabrikmäßigen Konzentration geführt.
Gleichwohl aber währte es noch fast ein Menschenalter, ehe die
Umbildung ganz vollzogen war; und einstweilen erhielt sich der
Handwebstuhl noch fast völlig ungestört für alle Gebild- und
Musterweberei, für den größten Teil der Seidenindustrie wie
für die Industrie der Shawls, Plüsche und Krimmer.
Was aber, nächst der Umbildung der texrtilen Industrien,
die Entfaltung eines Standes der Großindustriellen mit am
meisten hervorrief, das war die Ausbildung für Deutschland
überhaupt so gut wie neuer Industrien seit den vierziger und
fünfziger Jahren, vor allem der sogenannten schweren Industrien,
der chemischen Industrien und der Industrien des Transport—
wesens. Es sind Vorgänge, deren hier nur mit zwei Worten
gedacht zu werden braucht.
Man berechnet die Pferdekräfte der Dampfmaschinen, wie
sie um 1840 über die Erde verteilt waren, auf etwa anderthalb
        <pb n="350" />
        Voller Realismus.

341

Millionen. Bis zum Jahre 1900 hatte sich diese Zahl etwa
oerfünfzigfacht. In Deutschland waren um 1840 im Zoll-⸗
oereinsgebiete kaum 500 Motoren vorhanden. Erst in den
fünfziger Jahren wird ein Ansatz zu schärferem Fortschritte
hbemerklich; in dem besonders industriellen Königreich Sachsen
wuchs die Zahl der Maschinen von 1856 bis 18601 um 8200
und die Zahl der Pferdekräfte um 119 0/0. Das Zeitalter der
Maschinen war damit angebrochen, wenn auch eine ganz rapide
Steigerung der im Dienste des Menschen befindlichen mechanischen
Kräfte in Deutschland erst nach 1870 stattgefunden hat; von
1873 bis 1895 ist die Zahl der motorischen Kräfte auf deutschem
Boden um 220040 gewachsen.
Natürlich konnten diese neuen Kräfte nicht gewonnen
werden ohne starke Entwicklung der heimischen Kohlen⸗, Eisen—
und Maschinenindustrie, so sehr man auch anfangs Motoren
und Werkzeugmaschinen aus England beziehen mochte. Und so
bezeichnet es besonders augenfällig den Anbruch des neuen Zeit—
alters selbständigen deutschen Wirtschaftslebens der Unter—
nehmung, daß seit Ende der dreißiger Jahre die eigene schwere
Industrie zuzunehmen begann; um diese Zeit trat die Laura—
hütte in Schlesien für Walzeisen in den Wettbewerb mit Eng—
land ein, und bald, seit den vierziger Jahren, sekundierten ihr
cheinisch-westfälische Walzwerke mit Profileisen und Puddlings—
blechen. Von da ab aber hat sich dann die Entwicklung zwar
anfangs langsam und nicht ohne Schwierigkeiten vollzogen: wie
mühsam nur konnte Krupp den Gußstahl seiner Erfindung
gegenüber den entsprechenden englischen Erzeugnissen zur Geltung
bringen! Indes mit dem Beginne der sechziger Jahre war
doch schon eine gewisse Höhe des Aufschwungs erreicht; die
Londoner Industrieausstellung des Jahres 1862 zeigte der
Welt und vor allem den Deutschen selbst, daß sie in vielen
ihrer Produkte sehr wohl mit den englischen, bisher für unüber—
trefflich gehaltenen Erzeugnissen konkurrieren konnten; und der
Verlauf der sechziger Jahre sah schon einen wesentlichen Auf—
schwung der edelsten Produktion des neuen Zeitalters, der
Produktion des Stahles. Dabei soll nun nicht weiter verfolgt
        <pb n="351" />
        342 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

werden, wie diese Produktion sich unter der Einführung des
Thomas und Gilchrist-Verfahrens — 1879; der Bessemer⸗ und
der Martens-Prozeß waren schon 1856 und 1865 eingeführt
worden — gehoben hat: genug, daß im Bereiche dieser höchsten
schweren Industrien, deren Entwicklung wesentlich der Aufnahme
besonderer physikalischer Verfahren verdankt wurde, Deutschland
seit etwa Ausgang der sechziger Jahre sich neben die bisher
weiter fortgeschrittenen Nationen des Westens mit Erfolg zu
stellen begann.
Das gleiche aber war erst recht in dem stetig sich erweiternden
Gebiete der chemischen Industrien der Fall; denn hier hatte
die deutsche Entwicklung die der anderen Nationen im ganzen
wohl schon in den fünfziger Jahren erreicht und begann sie
bereits in den Sechzigern und Siebzigern zu überflügeln. Und
doch hatte man erst Ende der dreißiger Jahre schüchtern, mit
der Ultramarinfabrikation etwa in Nürnberg und Wermelskirchen,
begonnen. Aber bald trat daneben eine reichliche Erzeugung
von Soda und Wassergas, das für die Gewinnung von Ammoniak
und Teer samt seinen Derivaten, wie Karbolsäure und Anilin—
farben, wichtig wurde. Von großer Bedeutung wurde dann,
gegen Ende der fünfziger Jahre, die Ausbeutung der schon
1843 entdeckten Staßfurter Kalisalzlager; und ein allgemeinster
Fortschritt trat in den sechziger Jahren auf Grund des außer—
ordentlichen Aufschwungs der deutschen chemischen Wissenschaft ein.
Denn mit dem Aufkommen insbesondere der schweren und
der chemischen Industrie stellte es sich von Jahr zu Jahr
deutlicher heraus, welche einzigartige Unterstützung die deutsche
Entwicklung gegenüber aller fremden an der hohen Blüte der
heimischen Naturwissenschaften besaß: kaum gab es eine wichtigere,
rein idealistisch und ideologisch gefundene Tatsache dieser Wissen—
schaften, die sich nicht in beträchtliche, oft unerwartet hohe
wirtschaftliche Werte umsetzte. Es sind die Jahre des Empor—
kommens der modernen Technik in jener Phase ihrer Entwicklung,
da sie sich noch aufs unmittelbarste von den exakten Wissen—
schaften unterstützt sah; ihren anschaulichsten Ausdruck hat sie
in Denkmälern wie denen Kekulés in Bonn oder Helmholtzens
        <pb n="352" />
        Voller Realismus.

348

in Berlin gefunden, die, nicht zum geringsten durch Industrielle,
Professoren, Männern also reinster Wissenschaft, errichtet worden
sind. Es war ein Zusammenhang, der noch jetzt zum Teile
fortwährt, und dessen fruchtbare Momente sich in der heutigen
Stellung der Geisteswissenschaften, insbesondere der Geschichts—
wissenschaft, zu den Fragen der praktischen Politik auf einem
andern Gebiete zu wiederholen beginnen.
In der Natur der Dinge aber lag es, daß diese Konstellation
nicht bloß auf die bisher geschilderten Industrien einwirkte;
der Aufschwung war allgemein; und fast schien der prophetische
Ausspruch Goethes bewahrheitet: „Wer sich von nun an nicht
auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird übel dran sein.
Das Wissen (allein) fördert nicht mehr bei dem schnellen Um—
triebe der Welt.“ In der Tat: wie hatte sich in den sechziger
und erst recht den siebziger Jahren die Lage für alles, was
Industrie hieß, gegenüber den Zuständen im Beginn des Jahr-—
hunderts, ja noch am Ausgange der dreißiger Jahre geändert!
Noch nach den Freiheitskriegen war der Zustand nicht eben
günstig gewsen: noch war die Nation kapitalarm; noch ließ
der geringe Bestand ihrer Mittel Hungersnöte wie die von
1816 auf 17 und so schwere Ackerbaukrisen wie die von 1820
bis 1825 zu; noch konnte sie in der Zeit von 1830 auf 1831
durch Cholera und Nachwirkungen der Julirevolution empfindlich
gestört werden. Dann aber, seit der Mitte der dreißiger Jahre
etwa, begann ein erstes Regen zum Fortschritt. Die Anfänge
gemeinsamer Ordnung des gesamten deutschen Wirtschaftslebens,
wie sie der Zollverein gebracht hatte, begannen zu wirken; dazu
stellten sich nun endlich die günstigen Einflüsse der Verbesserung
der städtischen Gemeindeverfassungen, der errungenen Gewerbe—
freiheit, der Umgestaltung des Agrarrechts, der Änderung
der gewerblichen Steuern: wenigstens der Handwerkerstand er—
freute sich seit 1834 in Preußen und auch wohl anderswo
dauernder Zunahme. Mit den vierziger Jahren aber setzte
dann auch die eigentlich modern industrielle Bewegung merk—⸗
licher ein. Sie konnte die Verbesserungen des Transportwesens
und der Verkehrsorganisation, die schon die dreißiger Jahre
        <pb n="353" />
        344 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

eingeleitet hatten, nutzen; sie zeigte sich fähig, Bergwerks- und
Verkehrsunternehmungen, die bis dahin von ausländischem
Kapital gelebt hatten, nun ihrerseits zu veranlassen, zu über—
nehmen und zu befruchten; sie schritt zu eigener Maschinen—
produktion fort: und sie konnte auf einer ersten Industrie—
ausstellung der Zollvereinsstaaten zu Berlin 1844 ihre frühesten,
noch bescheidenen Triumphe feiern. Die fünfziger Jahre aber
führten weiter. Die Erfahrungen auf der Londoner Industrie—
ausstellung des Jahres 1851 waren, wie schon angedeutet, er—
mutigend; man sah, daß die englische Produktion, insbesondere
auch in Motoren und Maschinen, nicht so starke Übermacht besaß,
wie man gemeint hatte. Freilich fehlte es auch jetzt noch vielfach
an Kapital. Allein nun halfen noch einmal die Regierungen
und Staaten kräftig nach: mit Schutzzöllen, mit direkter Geld—
unterstützung, mit Erleichterungen des Geldverkehrs durch staat—
liche Banken, nicht zum wenigsten mit Begründung technischer
Schulen und Hochschulen, bald dem eigentlichen Pivot gerade
des deutschen Fortschritts. Es war der volle Zug der spezifisch
modernen Bewegung, der damit anhob, wenn er auch noch einmal,
1858, durch eine starke Krise unterbrochen wurde. Nun blühte
allenthalben, auch in Süddeutschland, z. B. in der Pfalz, ein
neues Leben auf, begannen die Räder zu sausen und die Schlote
zu rauchen: und selbst die Kriege von 1806 und 1870 wirkten
fast nur stimulierend auf diese neue Welt. Schon in den sieb⸗
ziger Jahren begann daher der Übergang zu so modernen Er—
scheinungen wie den großen Unternehmungskomplexen; und
bereits um 1870 verfügten Kramer-Klett in Nürnberg, Hart—
mann in Chemnitz, Borsig in Berlin und Krupp in Essen über
Massen von ein⸗, zwei⸗, drei⸗ und achttausend Arbeitern. Der
volle Zug dieser Entwicklung ist dann im 19. Jahrhundert wohl
noch durch Krisen unterbrochen worden, so 1873, Mitte der
achtziger und Anfang der neunziger Jahre; allein diese Krisen
waren im Grunde mehr Zäsuren, die, wenn auch unter manch
schmerzlicher Einzelerscheinung, eher den Rhythmus der neuen
Bewegung andeuteten, als daß sie den Gang der Ereignisse voll
durchschnitten hätten.
        <pb n="354" />
        Voller Realismus.

345

Am Aufschwunge der Industrie läßt sich die Entwicklung
des modernen Wirtschaftslebens seit den fünfziger Jahren am
greifbarsten darstellen. Aber es versteht sich, daß ihm stärkste
Fortschritte des Handels und Verkehrs zuvor und zur Seite
gingen und nachfolgten. Es ist eine Entwicklung, auf die hier
nur mit wenigen Worten hingewiesen werden kann.
Für den Deutschen ist das Meer im allgemeinen nicht
leicht zu erreichen; es gibt im heutigen Reiche Orte, die in
gerader Linie siebenhundert Kilometer vom nächsten Seeplatze
entfernt sind; in Italien mißt die größte Entfernung dieser Art
nur zweihundertundvierzig Kilometer. So versteht sich, wie
die Nation als Ganzes noch während der ersten vier Jahr—⸗
zehnte des 19. Jahrhunderts dem Meere so gut wie fern bleiben
konnte; selbst dichterisch, künstlerisch und musikalisch haben es
erst Heine mit seinen Nordseebildern, Andreas Achenbach und
Preller mit ihren holländischen und norwegischen Marinen und
Richard Wagner, nach Webers phantastischem „Oberon“, mit
dem „Fliegenden Holländer“ wirklich entdeckt. Wie aber hat
sich das bereits seit den fünfziger Jahren zu ändern begonnen!
Schon dies war charakteristisch, daß um diese Zeit die Bevor—
zugung der Nordseehäfen, bereits seit der Kontinentalsperre in
der Luft, nunmehr deutlich hervortrat: die Nordsee aber führte
in die Welt der großen Ozeane, wies eine freie Bahn zu allen
Völkern, allen Kontinenten. Anfang der sechziger Jahre sahen
daher weitschauende Männer, wie Frantz in seinem „Handbuch
der Statistik“ (1864), schon die kommende Entwicklung der über—
seeischen Interessen Deutschlands voraus — wie etwa um die
gleiche Zeit Deutsche, welche die Welt kannten, z. B. der Deutsch—
amerikaner Kapp in seinen „Rheinischen Industriebriefen“ (1862),
die Zukunft Deutschlands schon nicht mehr auf dem Wissen
seiner Universitätszjugend, sondern auf der Tüchtigkeit seiner
Techniker, Industriellen und besseren Handwerker beruhend er—
blickten.
Neben den weiten Flächen der Weltmeere aber waren es
nicht minder die kontinentalen Verbindungen, die wesentlich
amgebildet und verbessert wurden. Nichts auf diesem Gebiete
        <pb n="355" />
        346 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

war vielleicht bezeichnender als die Wandlung der Beziehungen
zu den Gestadeländern des wichtigsten aller Binnengewässer,
des Mittelmeeres, besonders zu Italien. Man weiß, was diese
Beziehungen im Mittelalter bedeutet hatten. In den späteren
Jahrhunderten waren sie nicht abgebrochen, aber auch nicht er—
weitert worden; noch immer dauerte der alte Paßverkehr über
die Alpen, insbesondere über die Verkehrswege des Rheinquellen—
gebietes, Lukmanier, Splügen, Septimer, St. Gotthard fort,
während neuere Kunstbauten von höchster Vollendung, wie die
Simplonstraße Napoleons J., Deutschland nur indirekt zunutze
kamen. Da begann, seit den fünfziger Jahren, die Über—
schienung und Durchbrechung der Alpen: mit der Linie Wien —
Triest, der Semmeringbahn, wurde 1854 die erste Alpenbahn
eröffnet; dann folgte, mit 1867, die Brennerbahn und mit
1882 die Bahn des St. Gotthards. Es war für Deutschlands
Wirtschaftsleben ein wenig wie die Entdeckung einer neuen
Welt; Genua erhielt einen deutschen Verkehr von steigender
Ausdehnung, und wie der Südwesten Europas, so ging der
Drient der Erschließung auf neuen Wegen entgegen.
Allein die ersten dauernden und großen Errungenschaften
des neuen Aufschwungs waren doch noch mehr aufs Innere
gewendet, bezogen sich auf Deutschland selbst. Da wurden vor
allem die größeren Flüsse, insbesondere der Rhein, einem
steigenden Verkehr erschlossen. Und daneben trat der Ausbau
des Straßennetzes. Der spätere Marschall Moltke schreibt ein—
mal im Jahre 1841 aus dem Braunschweigischen: „Seit sechs
oder acht Jahren sind hier im Harze mehr Chausseen gebaut
worden, als das Königreich Dänemark überhaupt jemals zu—
stande gebracht hat.“ Und um diese Zeit, als er 1848 den
Aufsatz schrieb: „Welche Rücksichten kommen bei der Wahl der
Richtung der Eisenbahnen in Betracht?“, der eine erste Prinzipien⸗
lehre militärischer Betrachtung des neuen Verkehrsmittels auf—⸗
stellte, nahm Moltke auch an der Direktion der Berlin-Ham—
burger Bahn teil, bei der er seine Ersparnisse, volle 10000 Taler,
angelegt hatte. Später aber, als berühmter Heerführer, hat er
noch erlebt, daß Deutschland, gegen Ende des 19. Jahrhunderts,
        <pb n="356" />
        Voller Realismus.

347

mehr Kilometer Eisenbahnen aufwies als nach den Freiheits—
kriegen Chausseen.
Es war eine Entwicklung, die zunächst einmal den gesamten
Binnenhandel umgestaltete. Schon in den fünfziger und sech—
ziger Jahren fiel in ihm der Zwischenhandel zum großen Teile
hinweg zugunsten der Ausgestaltung direkterer Beziehungen. So
begann z. B. der Getreidehandel von Posen und Breslau un—⸗
mittelbar an den Rhein zu gehen; die bisher vermittelnden
Häuser in Mitteldeutschland wurden nicht mehr in Anspruch
genommen. In verwandter Weise bedienten sich die westfälischen
Hütten für den Vertrieb im deutschen Osten nicht mehr des
Zwischenhandels, sondern ließen die östlichen Landschaften durch
Reisende besuchen und brachten die von diesen entgegen—
genommenen Aufträge direkt zur Ausführung. Am Rhein selbst
aber wurde der große Holzhandel von Süddeutschland nach
Holland auch unmittelbar; die Zwischenhändler in Heilbronn,
Mannheim, Köln fielen weg. Und ganz allgemein begannen
im Kolonialwarenhandel die kleinen Händler nun direkt mit
Hamburg und Antwerpen anzuknüpfen, statt wie vor alters
vom Zwischenhändler der nächsten Großstadt zu beziehen. Die
Folge dieser und verwandter Vorgänge wie des allgemeinen
wirtschaftlichen Aufschwungs war natürlich ein gewaltiges
Wachsen des deutschen Binnenverkehrs überhaupt. Die Steige—
rung war von 1850 bis 1870 eine solche von 1400 auf
4270 Millionen Mark: es handelte sich also um eine Verdrei—
fachung, während von 1830 bis 1850 und in den nächsten Jahr—
zehnten nach 1870 nur eine Steigerung um ein und drei Viertel
tattfand.
War damit die Ordnung des deutschen Binnenhandels
beinahe schon auf die moderne Höhe gebracht, so blieben aller—
dings im Außenhandel noch vielfach die alten Formen erhalten;
noch blühte hier der Zwischenhandel namentlich der großen
Seeplätze, noch kam der Termin-, überhaupt der Spekulations—
handel kaum in Betracht. Doch bahnte sich auch auf diesem
Gebiete in der Ära des britischen Freihandelssystems, das
zwischen 1853 und 1860 mit den Gladstoneschen Zolltarifen
        <pb n="357" />
        348 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

und dem Cobdenschen Handelsvertrag den Höhepunkt grund⸗
sätzlichen Ausbaues erlebte, und mit seiner Rückwirkung auf
Deutschland vornehmlich in den sechziger Jahren eine Anderung
an, die dann freilich zur kommerziellen Emanzipation eben von
England führen mußte.
Immerhin aber erforderte die erreichte und erstrebte Höhe
der industriellen wie der Handelsentwicklung schon den Ausbau
eines reicheren Systems des Geldverkehrs, und in der Be—
gründung zahlreicher Banken schon in den fünfziger und sech⸗
ziger Jahren, namentlich auch im Gebiete der deutschen Klein—
staaten, der Gothaer, Darmstädter, Luxemburger Bank, wurde
er erreicht. Und gleichzeitig mit alledem traten die deutschen
Staaten selbst mit ihren Finanzen, insbesondere mit ihrem
Schuldenwesen, in die moderne Ära einer Volkswirtschaft des
Unternehmerkredites ein; sie häuften Schulden auf Schulden
für direkt produktive Unternehmen wie für militärische Zwecke;
und die Kapitaldarleiherin, die neue Bourgeoisie der industriellen
Rentner, begann durch den Zinserlös, der ihr aus den Staats⸗
papieren in ihrem Besitze erfloß, und der zum großen Teile durch
Steuern der niederen Klassen eingebracht wurde, an dem Ge⸗
nusse der Staatseinnahmen ebenso teilzunehmen, wie einst der
Ritter, der Angehörige des agrarischen Adels, durch Abs chöpfung
der überschüssigen Naturalerträge in der Form patriarchalischer
Einnahme von Fronden und Abgaben vom Fleiße seiner Bauern
gelebt hatte.
Hieß das nun nicht schon in gewissem Sinne der Anfang
der Vollendung eines neuen politischen Systems? Und der
neue Beruf der großen industriellen und kommerziellen Unter—
nehmer, wie der auf diesen Beruf sich leise schon begründende
Zusammenhang einer neuen Aristokratie des bürgerlichen Unter—
nehmens, hätte nicht auch die politische und damit auch soziale
Seite seiner Tätigkeit empfinden und in seinem Interesse zu
regeln versuchen sollen? Eine neue führende Schicht des Bürger—
tums ging aus all den geschilderten Verhältnissen hervor!.

Val. zu früheren leisen Anfängen schon Bd. X S. 486 f.
        <pb n="358" />
        Voller Realismus.

349

Wie sehr unterschied sie sich aber auch geistig und gesell⸗
schaftlich von dem, was noch bis in die vierziger Jahre hinein
als führende Schicht deutschen Bürgertums gegolten hatte!
Im Mittelalter hatte sich unter den aufsteigenden Schichten
des Handwerks und der alten Kaufmannschaft ein gewisses
Residuum bürgerlicher Existenzen gebildet, das zu der wirt—
schaftlichen Handlungssicherheit und dem einfachen politischen
Sinn der höher gestiegenen Mehrheit in Gegensatz trat, und
dessen munter karikierte Züge im Schildbürgertum und in den
Handlungen der Lalenburger verewigt wurden. Ein solches
Sediment hatte nun auch schon die neue bürgerliche und geistige
Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts bis spätestens zur
Mitte des letztgenannten Jahrhunderts abgesetzt: das Philisterium.
Und dies Philisterium, heute vor dem scharfen Wehen der
Stürme neuer Wirtschafts- und Gesellschaftsbewegungen gänz—
lich im Aussterben begriffen, das vergnügliche Bürgertum vor
allem der Kleinstadt, hat ebenfalls in unserer Dichtung un—
— D— liebenswürdige
Unbeholfenheit nicht den Poeten gereizt haben! So hat es
Wilhelm Raabe in seiner norddeutschen Schattierung und inner⸗
halb dieser wiederum vornehmlich in seinen guten Eigenschaften
geschildert: der Abneigung gegen und doch dem Respekt vor
dem Bureaukratismus, dem Haß gegen materielle Gewinnsucht,
gegen gesellschaftliches und politisches Strebertum, der Ver—
werfung wohl auch offizieller Gesinnungsheuchelei. Die Be—
tonung der komischen oder wenigstens originellen Seiten ist
dagegen mehr der mitteldeutschen und süddeutschen Poesie zu⸗
gefallen: wer dächte in diesem Zusammenhang nicht an Kellers
„Leute von Seldwyla“ und Ludwigs „Luckenbacher“?
Uber dieser Schicht aber, geistig nicht um vieles höher,
doch gesellschaftlich wenigstens sich felbst erhöhend erstaad iu
den deutschen Mittelstädten vor allem der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts eine weitere Gruppe, die vielleicht wiederum
Ludwig in seiner Erzählung „Zwischen Himmel und Erde“ (1855)
am besten geschildert hat. Denn was lehrt über sie nicht schon
allein eine Bemerkung wie die über einen „Bürgerverein“, „der
        <pb n="359" />
        350 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

zusammengetreten war, sein Ergötzen von dem der niedriger
stehenden Schichten der Bevölkerung abzusondern“.
Über alledem aber stand in den Zeiten vor der Revolution
sporadisch in den Klein- und Mittelstädten, ein wenig dichter
gesät in den Großstädten, nun die eigentlich führende Schicht:
noch immer eine Schicht wesentlich der Gebildeten.
Das Leben in diesen Kreisen floß im ganzen behaglich
dahin, mochten sie dem Beamtentum oder der Gelehrsamkeit oder
dem Unterricht oder freien Berufen, darunter auch wirtschaft—
lichen angehören. So schildert uns ein Bildnis dieser Zeit!
die Hamburger Familie Speckter am Kaffeetisch. Die Eltern
sitzen auf dem Sofa; die beiden erwachsenen Töchter und ein
Hausfreund dürfen auch mit am Tische sitzen. Die jüngeren
Schwestern sitzen auf Stühlen an der Wand; der junge Sohn
steht hinter dem Stuhl des Hausfreundes; er darf überhaupt
noch nicht sitzen. Es ist ein Bild behaglichen Friedens und ein
Bild noch fester patriarchalischer Ordnung zugleich. Denn noch
herrscht in diesen Kreisen viel Steifheit und Konservatismus der
Sitte des 18. Jahrhunderts; die Kinder siezen die Eltern; der
Vater sagt vom Sohne „Mein Herr Sohn“. Dazu kommt
in den höheren Teilen der Gebildetenschicht auch noch manche
letzte Anmut des Rokokos und manch Einfluß aus dem Gesell—⸗
schaftston der adligen Kreise: ein wenig leichter, ein wenig be—
lebter und wippender gleichsam verläuft hier das Leben. Doch
hat man auch hier in der Kleidung die freudigen Farben des
18. Jahrhunderts immer mehr abgetan. Und schon tritt die
Neigung zu einer Art bürgerlicher Uniform auf, die peinlich
davor schützen soll, äußerlich etwas zu scheinen; die Schnitte
werden immer unpersönlicher; von Farben bleiben schließlich
nur die unbedingten Negationen Weiß und Schwarz, und Grau
in geringfügigen Nuancen. Alledem aber paßt sich dann auch
das Benehmen an; man soll sich kein „Air“ geben, so sehr grobe
Formlosigkeit verpönt ist.
Es sind einfache, in gewissem Sinne gesättigte Verhältnisse;

1Lichtwark, Bildnis 2, 133.
        <pb n="360" />
        Voller Realismus.

351

das Repräsentative verschwindet, das Intime bleibt oder nimmt
zu; und auch Haus und Wohnung bringen das zum Ausdruck.
Um da nur auf den Geschmack der Zeit in Kunst und Kunst—
gewerbe zu kommen, den uns der ,Biedermeierstil“ der Gegen⸗
wart in manchem wieder nahe gebracht hat, so verschwinden
an den Wänden der Zimmer die Olgemälde des 18. Jahrhunderts
mit den prunkenden Goldrahmen und bedecken statt dessen Litho⸗
graphien oder Kupferstiche in billiger Einrahmung eine einfache
Tapete, so findet sich auch wenig mehr von dem alten Stolze auf
den Hausrat der Ahnen: Familienreliquien werden verschleudert,
Bildnisse mißachtet, Möbel vernichtet; man will sozusagen auf
sich stehen, ja man verschmäht als physische Person sozusagen auch
sich selbst. So geht denn die Bildniskunst, deren Pflege selbst—
bewußte Geschlechter verlangt hatten, zurück; man begnügt sich
mit Lithographien!; und die neu aufkommende Daguerreotypie
findet trotz ihrer anfangs wenig erfreulichen Leistungen bald
stärkeren Anklang.
Konnte bei alledem das Leben mehr als einen resigniert
freudigen Ton haben? Von der Vergangenheit wurde es durch
die Erscheinung geschieden, daß die unteren Altersklassen bei
abnehmender ehelicher Fruchtbarkeit geringer vertreten waren,
um einiges mehr als früher fehlte das fröhliche Lachen der
Kinder; die Gegenwart war durch eine getragene Haltung der
Erwachsenen bezeichnet, die manch einen, der vom platten Lande
hinzuzog, an Kunstfabrikate erinnerte und, soweit die Frauen
in Betracht kamen, dem Thüringer Ludwig, einem der
objektivsten Schilderer der Zeit, den Seufzer entlockte: „Die
Weiber in Eisfeld und Leipzig sind wie eine Wiese und ein
Herbarium.“
Doch verlief in dieser Zeit schon das Leben wenigstens der
Männer der höheren bürgerlichen Gesellschaft nur zum Teil
noch im Hause. Bereits die zwanziger und dreißiger Jahre
waren die Zeiten einer ersten Begründung von Klubs und Ver—
einen gewesen, und neben der Pflege einer wesentlich männlichen

Vgl. schon oben S. 209.
        <pb n="361" />
        352 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Geselligkeit boten diese auch Raum zur Aussprache über öffent⸗
liche Dinge, so sehr man zunächst im ernsten Gespräche noch
philosophischer und literarischer Erörterung zuneigte.
Über diesen Kreisen, den herrschenden Kreisen noch der
vierziger Jahre, wuchs nun aber die neue industrielle Gesell—
schaft des sechsten und siebenten Jahrzehnts empor. Und war
sie auch anfangs noch wenig organisiert, so zeigte sie doch ent—
schieden abweichenden Charakter. Sie war vor allem im Sinne
der Gebildeten der Zeit zum größten Teile eine Gesellschaft von
Emporkömmlingen, von Selfmademen: eben diese Jahrzehnte
haben das englische Wort für den neuen Begriff in Deutsch—
land eingebürgert. Und dieser Charakter war der neuen
Gesellschaft so entscheidend aufgeprägt, daß es noch Ende der
siebziger Jahre von einem der Größten des neuen Standes,
Gustav Mevissen, ausgesprochen werden konnte: „Es ist eine
leicht zu konstatierende Tatsache, daß die Chefs der großen
deutschen Bankhäuser, der Großhandelshäuser, der großen in⸗
dustriellen Firmen, sowie die Leiter der so zahl- und kapital—
reichen deutschen industriellen und kommerziellen Aktiengesell—
schaften nur in seltenen Fällen die deutschen Universitäten be—
sucht und sich auf denselben jenes Maß der Bildung angeeignet
haben, welches von den Jüngern der Wissenschaft, von den
Dienern der Religion, von den Doktoren der Medizin und den
Beamten im Reiche wie in den einzelnen deutschen Staaten als
unerläßlich für ihren Beruf erfordert wird.“ Weiter aber war
diese neue industrielle Gesellschaft ihrem ganzen Wesen nach
gesellschaftlich demokratisch. Es ist eine alte Erfahrung, daß
soziale Schichten, die sich auf wirtschaftlicher Grundlage bilden,
in ihren Anfängen diesen Charakter tragen: so sind die ältesten
Ackerbauer Deutschlands auf markgenössischer, die ältesten Hand⸗
werker auf zünftiger Grundlage demokratisch gewesen. Denn
die erste Bezwingung neuer wirtschaftlicher Herrschaftsmittel ge⸗
lingt nur mit vereinten Kräften; und erst deren spätere volle Be—
herrschung schafft dem Individualismus und damit aristokratischer
Denkart und Haltung Spielraum.
Konnte sich aber eine demokratische Berufsgruppe von Self⸗
        <pb n="362" />
        Voller Realismus.

353

mademen alsbald in den Besitz der gesellschaftlichen wie der
geistigen Bildung der älteren bisher noch immer führenden
Klassen setzen? Es wurde vereinzelt versucht; gelungen ist es
nicht. Das bedeutete gesellschaftlich gewiß in manchem Betracht
einen Verfall. Die Vornehmheit der Erscheinung fehlte der
neuen Klasse; die geschmackvolle Pflege der eigenen äußeren
Erscheinung ließ zu wünschen; die Pracht war unkünstlerischer;
das Banale und das Auffallende zugleich fand sich vertreten.
Wichen doch sogar die physiologischen Elemente der neuen
Schicht von denen der herrschenden ab: der Knochenbau war
— DDD Gesichter schienen seltner
zu werden; und das Leben lieferte den alternden Köpfen an⸗
scheinend weniger durchgearbeitete und verfeinerte Züge. Auch die
Haltung fiel auf; sie war weniger frei; man bewegte sich noch
nicht in der strengen Bahn klarer und vornehmer Gestikulation;
man ahmte noch nach, wo man herrschen wollte. Auch die
Wohnräume und Häuser der neuen Gesellschaft ließen es nach
der Anschauung der noch führenden Schichten an Geschmack
fehlen; ein plumper Luxus herrschte; und wo ihn die Einsicht
von Baumeister und Dekorateur gemäßigt hatte, da entdeckte
das Auge erfahrener Kritiker um so mehr den Mangel persön⸗
lichen Geschmackes.
So war es denn klar, daß für eine wirkliche gesellschaftliche
Durchbildung der neuen Schicht eine zweite, wenn nicht dritte
Generation abzuwarten war; und den besten Beweis für diese
gesellschaftlich einstweilen verzweifelte Lage erbrachte die Er—
scheinung, daß im Laufe der fünfziger Jahre neben dem neuen
Stande eine ganze Anzahl älterer Standestypen wiederum von
neuem auflebte: bewußt hoben sich Pfarrer und Lehrer, Ge—
lehrter und Beamter sogar auch äußerlich von dem un—
vollendeten Neuen als von etwas ihrer sozialen Auffassung nach
noch Ungewöhnlichem ab.
Und wurde nicht auch auf geistigem Gebiete etwas Ahn⸗
liches versucht? Auch hier, ja hier noch mehr suchte man sich
von der neuen Schicht abzusondern, um sich ihrer zu erwehren.
Allein eben hier entfaltete diese Eigenschaften, die sie bald
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1. 238
        <pb n="363" />
        354
Fü
nfu
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igstes B
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3w
eite
s
K
a
pite
l.

ebenbürtig, ja in manchem überlegen dem alten Kreise der Ge—
bildeten gegenüberstellten.
Schon durch die enthusiastische, noch mehr durch die
romantische und frühintellektualistische Höhezeit der ersten Periode
des Subjektivismus war ein Streben eben der Besten und
Weitestblickenden gegangen, den ideologischen Werten der neuen
Kultur praktische, dem scheinbaren Jenseits ihrer durchschnitt—
lichen Bildung ein sichtbares Diesseits gegenüberzusetzen. Ein
leiser Zug in dieser Richtung schwellt schon das praktische
Christentum des „Wandsbecker Boten“ und selbst vor ihm
Hamanns und Lavaters; später ist vor allem Goethe der
Verkünder einer neuen Kultur der Tat und des Willens ge—
wesen.
Diesen noch mehr prophetischen als praktischen Tendenzen ent—
sprach dann aber, wir wissen es, der weitere tatsächliche Verlauf der
ganzen Periode. Gewiß hat der Realismus, mit dem sie schloß, zu⸗
nächst die Rationalisierung der mehr enthusiastischen und poetisch
gewonnenen Werte des Beginns der Periode durchgeführt: aber
indem man sich damit aus Weltenfernen auf die breite Fläche
dieser Erde versetzt sah, empfing zugleich das praktische Leben,
die Willenstätigkeit erhöhte Impulse. Und es würde zu den
lehrreichsten Aufgaben speziellerer Durchforschung dieser Zeit
gehören, den Vorgang dieser Umbildung vor allem in den Er—
zeugnissen der Phantasietätigkeit, soweit sie die jeweilige Gegen—
wart widerspiegeln, zu verfolgen. Welch ungeheurer Sprung
hier von den Idealismen Werthers in Goethes Jugendroman
bis etwa zu den willensfesten und in ihre Sphäre wohl—
eingestellten Figuren in Freytags „Soll und Haben“, wie sie
vielleicht am besten den Übergang zu der neuen Schicht in—
dustrieller Hegemonie kennzeichnen! Da ist nicht mehr die
Rede von transzendenten Dingen und Imaginationen einer un⸗
produktiven Phantasie: bei seiner Arbeit, „da, wo es noch in
seiner Tüchtigkeit zu finden ist“, will der Dichter sein Volk
suchen. Und so predigt er keine Ideen und setzt seine Hoff—⸗
nungen auf keine Ideen, sondern erzählt von dem schlichten
Nutzen einfacher Willensbetätigung im Nächsten: und die Helden—
        <pb n="364" />
        Voller Realismus.

355

figuren, deren Schicksale er schildert, sind die Inhaber einer
Kolonialwarenhandlung, die in redlichem Gewinne den Segen
bürgerlicher Tätigkeit genießen, und als Gegenstück dazu die
Vertreter adlig-ländlicher und jüdisch-wucherischer Gesellschaft,
die Schwäche und Habsucht um die Frucht wirtschaftlichen Er—
werbes betrügen. Ein Ton war damit angeschlagen, der in
der Erzählungsliteratur der späteren fünfziger und der sechziger
und siebziger Jahre immer wieder anklingt. Wie lehrreich sind
in dieser Hinsicht Spielhagens Romane! Schon vor Freytag
aber hat selbst der idealistisch angelegte Auerbach es (1881, in
dem Romane „Neues Leben“) ausgesprochen, daß die „Ge—
—D
sollten, sondern dazu übergehen müssen, sich anderen zu widmen,
um sie durch ihre. Erkenntnis zu beherrschen und zu lenken“;
und fast gleichzeitig mit Freytag überwand sogar Scheffel in
der in romantische Zeiten zurückführenden Schilderung seines
„Ekkehard“ (1855) die bloße Resignation und ließ seinen Helden
sich nach der Abfassung des Walthariliedes mit neuer Kraft
einfacher Pflichterfüllung widmen. Dies aber war zugleich die
neue Atmosphäre, welche die Philosophie Schopenhauers
wenigstens insofern, als sie den Trieb zum Urphänomen
machte, willig und überzeugungsvoll aufnahm Wie sehr damit
geistige Haltung und Stimmung selbst der Intellektuellen ver⸗
ändert wurden, das hat im Jahre 1870 niemand vielleicht
besser als Wilhelm Scherer formuliert: „Wir fliegen nicht
(mehr) gleich zu den letzen Dingen empor. Die Weltanschauungen
sind in Mißkredit gekommen ..., das bloß Interessante hat
keinen Wert mehr. Wir fragen: wo sind die Tatsachen, für
welche uns ein neues Verständnis eröffnet wird? Mit schönen
Ansichten, mit geistreichen Worten, mit allgemeinen Redensarten
ist uns nicht geholfen. Wir verlangen Einzeluntersuchungen,
in denen die sicher erkannte Erscheinung auf die wirkenden Kräfte
zurückgeführt wird, die sie ins Dasein riefen.“
Während sich aber die Gebildeten dieser neuen Bewegung
erst anzupassen hatten, wurden zu ihren Trägern eben die
Führer des „Volkes bei seiner Arbeit“, die neuen Aristokraten
23 *
        <pb n="365" />
        356 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der bürgerlichen Unternehmung. In der Betonung des Willens,
der Kraft, der Auswirkung ins Nächste: im Dasein auf dieser
Scholle, an diesem Quell maschineller Kraft lag ihre Stärke.
Nicht als ob sie nun alsbald eine neue Kultur des Willens
entwickelt hätten. Eher kam es zu einem Kult des Willens,
zu einer Machtanbetung, die von vornherein eine Summe von
Momenten höchst unzivilisatorischen Charakters in sich schloß
und noch heute in sich zu bergen scheint. Und suchten einzelne
Kreise und Personen daneben sich der eben im Verfall be—
griffenen intellektualistischen Kultur zu nähern, so ergab sich in
den meisten Fällen die Gefahr als naheliegend, daß sie deren
frivole Elemente aufnahmen und in Leben und Praxis ver⸗
gröberten. Man lese die Literatur, die diese Entwicklung zum
Ausdruck bringt, beispielshalber etwa Sudermanns Jugend—
geschichten „Im Zwielicht“, deren Titel schon bezeichnend genug
ist, und man wird auf Unterscheidungen wie die Einteilung
des weiblichen Geschlechts in Mütter, geschlechtslose Wesen und
Weiber stoßen: überhaupt Brutalität der Anschauung nament—
lich auch in sexuellen Dingen triumphieren sehen.
Allein nicht die Anhänger und Opfer einer solchen Ent—
gleisung machten die Größe des neuen Standes aus, und nicht
sie waren für ihn als schöpferische Elemente einer neuen Zeit
charakteristisch. Neben ihnen lebte die große Mehrzahl der
neuen, erst werdenden Standesgenossen unbedingt fleißig, vom
Tag bis in die Nacht arbeitend und in dem sicheren Gefühle,
etwas vor sich zu bringen, beglückt. Dabei überschaute sie
freilich zunächst wohl nur die unmittelbare Umgebung, die sie
despotisch-patriarchalisch mit ungebrochenen Willenskräften be—
herrschte; fern blieb ihren Ansichten und Absichten noch das
Ganze auch nur der nationalen Welt. Und so machte sie in
diese Weite hin wohl auch noch Zugeständnisse selbst in der
Form: sie überschätzte die Vornehmheit der älteren Kultur—
schichten und ihrer Träger und ordnete sich ihr innerlich und
erst recht auch oft äußerlich bei gegenseitigem Begegnen unter.
Aber das hinderte nicht, förderte vielmehr eher die Er—
scheinung, daß die selbständigen seelischen Werte des neuen
        <pb n="366" />
        Voller Realismus.

387

Standes wuchsen. Noch etwas begrenzte, aber sehr feste sittliche
Grundsätze, zunächst aus dem Kreise der geschäftlichen Usancen
her entwickelt, bildeten sich. Intellektuell trat als beherrschend der
„gesunde Menschenverstand“ hervor. Und aus Pflichtbewußtsein
und neuem Denken erwuchs das Justemilieu eines ganz be—⸗
stimmten Zustandes ohne viel Phantasie, ohne Lebensvergoldung
einstweilen noch durch wahre Poesie oder hohe Kunst; nichts
Überquellendes, nichts Abschattiertes; keine Feinheit, kein Sinn
schon für Ironie, bisweilen nicht einmal für Humor: aber
eine brave Hausbackenheit und im Kreise höheren Seelenlebens
eine unbedingte Ehrfurcht und Bewunderung für ein Leben
der Tat in Arbeit, bisweilen sogar schon in kriegerischem
Kampfe.
Da begreift man denn ohne weiteres, was diese neuen
Erscheinungen für das deutsche Leben der fünfziger und sechziger
Jahre bedeuteten.
Die großen ideologischen Werte der ersten Periode des
Subjektivismus wurden in dieser Zeit intellektualisiert; sie ge—
rieten unter die Schatten des Baumes der Erkenntnis; die
starke treibende Kraft ging ihnen verloren.
Vor allem hatte sich diese Kraft nicht als stark genug
bewährt, um der neuen subjektivistischen Kultur eine stark—
gebaute und sichere äußere Behausung zu schaffen: Freiheit
und Einheit waren von den Gebildeten der ersten Hälfte des
Jahrhunderts wohl immer stärker ersehnt, in den Revolutions—
jahren aber nicht erreicht worden.
Noch immer erschien es da als eine letzte große Aufgabe
der ablaufenden Periode, dies feste Haus zu bauen — und sei
es mit Gewalt. Und hier nun, in diesem Zusammenhange,
bedeutete der neue Stand etwas Außerordentliches. Er war,
in einer Zeit des allgemeinen Pessimismus, voll des männ—
lichen Geistes einer bescheidenen und doch bewußten bürger⸗
lichen Gesinnung; er vertraute seiner Kraft in steigenden
Akkorden; er sah mit Optimismus in eine noch in keinem
Sinne kompromittierte Zukunft. Da mußte er denn auch einer
gewaltsamen Lösung der Einheits- und Freiheitsfrage zu—
        <pb n="367" />
        358 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

stimmen, ja er würde ihr zujubeln, denn er liebte den Kult
der Macht. Und gaben ihm nicht sehr realistische Anfänge
einer künftigen Einheit und Freiheit, die sich längst bewährt
hatten, ein Recht, auch mitzuraten und mitzutaten? Drängte
nicht der Zollverein von der wirtschaftlichen zur politischen
Einheit? Lagen nicht die Forderungen einer gemeinsamen
Münze, eines gemeinsamen kaufmännischen und bürgerlichen
Rechtes, einer gemeinsamen Gerichtsverfassung: kurz eines
gemeinsamen Reiches bei steigender Expansion der Unternehmer⸗
wirtschaft in der Luft? Und sicherte nicht der Fortschritt des
neuen Wirtschaftslebens mit seinem Ergebnis zunehmenden
Nationalreichtums dem entschlossenen Politiker erst dasjenige
Wachstum der Bevölkerung zu, das die Nation einmal be—
fähigen konnte, wiederum ein Rolle zu spielen unter den Völkern
der Welt? Wohin eine künftige Machtpolitik der Einheit auch
prüfende Ausschau halten mochte: überall wieder sah sie sich
auf die Bundesgenossenschaft der neuen bürgerlichen Entwicklung
angewiesen.
Und wenn sie für die Verwirklichung eines einheitlichen
Staatsideals festhielt an dem innersten Sinne des Programms
bon 1848 und damit an einer rationalistisch-liberalen Grund—
lage des Staatswesens freilich noch teilweise im Sinne des
18. Jahrhunderts und gewiß im Sinne der ersten Periode des
deutschen Subjektivismus, wie er sich nun einmal gestaltet
hatte: konnte sie dann nicht wiederum auf den neuen Stand als
feste Stütze rechnen? Das Wirtschaftsleben der Unternehmung
war auf den Freiheiten der staatlichen Reform aus dem Beginn
des Jahrhunderts erwachsen, wie es auf den Freiheiten von
1848 weiter emporblühte: ohne sie war es nicht denkbar; und
wie der vierte Stand, der Stand der Arbeitnehmer, auf dieser
Basis radikal und demokratisch-revolutionär geworden ist, so
wurde der Stand der arbeitgebenden Unternehmer auf der
gleichen Grundlage gemäßigt und darum national und liberal—
rationalistisch.
Dabei war es gewiß noch ein besonderes Glück, daß sich
der alte führende Stand der bürgerlich Gebildeten vor diesen
        <pb n="368" />
        Voller Realismus.

359

neuen Anschauungen nicht zu beugen hatte: sie waren im Kerne
auch die seinigen. Was aber die Lösung der Einheitsfrage und
die Teilnahme des neuen Bürgertums daran betraf, so ge—
wöhnte er sich daran, in der vorangegangenen Periode der
Revolutionszeit nur eine verdorbene und verworrene Vergangen⸗
heit zu sehen und in der Gegenwart der sechziger Jahre eine
neue bessere Zeit, in der sich ein jüngeres, gesunderes Geschlecht
„unbehilflich bemühen mochte, heraufzukommen“.
        <pb n="369" />
        Altenburg
Pierersche Hofbuchdruckerei
Stephan Geibel &amp;amp; Co.
        <pb n="370" />
        <pb n="371" />
        <pb n="372" />
        <pb n="373" />
        <pb n="374" />
        <pb n="375" />
        <pb n="376" />
        <pb n="377" />
        <pb n="378" />
      </div>
    </body>
  </text>
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