Fünfter Abschnitt. Rückblick und Gesammtergebniss. $$ 178, 179. 177

$ 179, Die nächste Periode von Ende der 40er bis Ende der
50er Jahre muss demgegenüber als eine solche absteigender finanzieller
Verhältnisse für den Preussischen Staat angesehen werden. Der Zinsfuss
 steigt, die Kurse der Staatspapiere sinken. Zuerst sind es die
Ereignisse des Jahres 1848, die, wenn auch nur vorübergehend, den
Staatskredit stark erschüttern, die. Kurse der Staatspapiere, allerdings
auch nur vorübergehend, bis auf 69 Proz. herabdrücken.') In der
folgenden Zeit waren es neben der starken allgemeinen Inanspruchnahme
 des Kredits vor allen zu Eisenbahn- und Militäranleihen
die starken mehrfachen wirthschaftlichen und Handelskrisen (1857,
1864) und politischen Erschütterungen, die besonders in Preussen,
welches zum Theil an den letzteren aktiv betheiligt war, und durch
die sog. Konfliktszeit der 60er Jahre seinen Staatskredit noch besonders
 schädigte,?) einen nachhaltigen ungünstigen Kurs der Staatspapiere
 hervorriefen. Insbesondere waren es der Krimkrieg ( 1854), der
5sterreichisch -sardinische Krieg (1859), der dänische Krieg (1864) und
der preussisch - österreichische Feldzug (1866), welche zu dem Sinken
der preussischen Staatspapiere und dem Steigen des Zinsfusses bis
vegen Ende der 60er Jahre beitrugen. Selbst nach siegreicher Beandigung
 des Krieges von 1866 kam das Gefühl der Sicherheit in den
volitischen Verhältnissen zunächst noch nicht recht auf. Erst mit den
glänzenden Waffensiegen Preussens 1870/71 trat Zuversicht in die
politische Lage, und in Folge dessen ein Sinken des Zinsfusses ein,
welches von da an — begünstigt von dem Milliardensegen der französischen
 Kriegskontribution, vom wirthschaftlichen Aufschwunge u. s. W.
— allmählich sich bis in die neueste Zeit fortgesetzt hat.
Die politische Unreife der 50er und 60er Jahre, das Bestreben
Preussens und seines ersten Staatsmannes Bismarcks, in erster Linie
die militärische Stärke seines Landes zu vervollkommnen, spiegelt sich
in den Staatshaushaltsetats von 1849—1866 deutlich wieder. Nach Anlage
 XI Sp. 4u.5 stiegen die laufenden Ausgaben für die Zuschussverwaltungen
 von 1849 bis 1866 von 198.0 auf 302,7 Mill. M., d. h. um
104,7 Mill. M. Von letzteren entfielen 49,8 Mill. auf militärische Zwecke,
26,3 Mill. auf den Dienst der öffentlichen Schulden — von denen wieder
ain erheblicher Theil auf Militäranleihen entfiel*) und nur 28,2 Mill.
auf Civilverwaltungsausgaben (davon 15,7 Mill. M. auf Justiz, 6,83 Mill.
auf Inneres, 2,8 Mill. auf Kultus und Unterricht, 1,8 Mill. M. auf Landwirthschaft
 und Gestüte). Rechnet man aber die eigenen Einnahmen

') S. auch Anl. HL
?) Während Anfang der 60er Jahre die übrigen deutschen Staaten ihre Anleihen zu
4 Proz emittiren konnten, machte Preussen, als es 1862 die 4'/, proz. Anleihen von 1850
ınd 1852 in 4proz. konvertirte, völlig Fiasko, indem nur die Hälfte der Gläubiger zu-;timmte.
 Kahn, S. 142/143
3) Nach E. Richter, S. 58, kann man rund 84 Mill, nicht ganz die Hälfte der von
1848—1866 aufgenommenen Schulden, für Militärausgaben rechnen.
Schwarz u. Strutz, Staatshaushalt und Finanzen Preussens. HI.