1064 Dritter Hauptabschnitt. Laufende Ausgaben d. Handels- u. Gewerbeverwaltung.

grösstentheils in allgemeine Reallehranstalten über, das eigentliche
fachliche mittlere Gewerbeschulwesen, wie wir es heute besitzen, verdankt
 seine Entwickelung auf die jetzige hohe Stufe erst den letzten
Jahrzehnten. Das mittlere landwirthschaftliche Schulwesen wiederum
beruht in seiner heutigen Gestaltung auf einer erst seit 1875 durchgeführten
 Organisation.
In gleicher Weise nimmt auch die bedeutende gegenwärtige Ausdehnung
 des niederen landwirthschaftlichen erst seit Mitte der 70er
Jahre ihren Anfang (vgl. Bd. II Buch 1I 88 242 ff. und weiter unten
88 107 ££.).
Bei dieser Uebereinstimmung in der Entwickelung des fachlichen
Unterrichtswesens in Landwirthschaft und Handel und Gewerbe finden
sich nun doch auch grosse Verschiedenheiten beider Unterrichtszweige vor.
So sind zunächst die Anstalten des mittleren Unterrichtswesens
zwar insofern gleichartig, als sie beide eine abgeschlossene Bildung
gewähren wollen und nicht etwa Vorbildungsstätten für die fachlichen
 Hochschulen sind. Als solche fungiren vielmehr nach wie vor
die allgemeinen höheren Unterrichtsanstalten.
Die mittleren Landwirthschaftsschulen begnügen sich dagegen mit
Abschlussprüfungen, welche das Recht, einjährig-freiwillig zu dienen,
gewähren, was der Reife für Obersecunda entspricht. Man kann sie
in dieser Hinsicht also den 6klassigen höheren Sehulen (sog. Nichtvollanstalten)
 des allgemeinen Unterrichtswesens gegenüberstellen.
Nur einzelne Spezialfachschulen (Gärtnerlehranstalt Potsdam)
fordern für den Eintritt die Reife für Obersecunda, und schliessen
daran einen 2jährigen Lehrkursus an, kommen also den staatlichen
Vollanstalten des allgemeinen Unterrichtswesens näher, soweit ein
solcher Vergleich überhaupt zulässig ist.
Auf dem Gebiete des gewerblichen Unterrichts finden wir dagegen
eine grössere Anzahl von fachlichen Mittelschulen, welche für die Aufnahme
 die wissenschaftliche Berechtigung zum einjährig-freiwilligen
Militärdienst oder wenigstens eine gleichwerthige Vorbildung fordern
und daran einen 2 bis 3jährigen Lehrkursus anknüpfen, also sich
mehr den 9Kklassigen Vollanstalten des höheren allgemeinen Unterrichtswesens
 nähern.
Ein weiterer Unterschied zwischen dem landwirthschaftlichen und
gewerblichen mittleren Unterrichtswesen liegt darin, dass bei ersterem
die die sämmtlichen Zweige der Landwirthschaft umfassenden
Schulen (Landwirthschaftsschulen) überwiegen,!) während bei dem
gewerblichen Unterrichtswesen vorwiegend Spezial-Fachanstalten
(Baugewerkschulen, Textil-, Maschinenbau-, keramische Mittelschulen)
in Betracht kommen.

') Mittlere landwirthschaftliche Spezialschulen sind nur die pomologischen bezw. Weinbauinstitute
 Potsdam, Proskau und Geisenheim.