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        <title>Über Fragen des Geldwesens und der Valuta während des Krieges und nach dem Kriege</title>
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            <forname>Karl</forname>
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Karl Diehl

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Verlag von Gustav Fischer
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        Verlag von Gustay Fischer In Jena,

Dr. Karl Diehl,
Professor an der Universität Freiburg i. Br.
Über Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus, 20 Vorlesungen.
Zweite vermehrte Auflage, 1911. Preis: 6 Mark, geb. 7 Mark.
Über das Verhältnis von Wert und Preis im ökonomischen System
(Abdruck aus der Festschrift zur Feier des 25 jährigen
von Karl Marx. Bestehens des Staatswissenschaftl. Seminars zu Halle a. 8.)
1898, Preis: 1 Mark.
P. J. Proudhon. Seine Lehre und sein Leben. Drei Abteilungen. Preis: 13 Mark.
I. Die Eigentums- und Wertlehre. 18858. Preis: 2 Mark 50 Pf.
IL Das System der ökonomischen Widersprüche, die Lehre von Geld, Kredit,
Kapital, Zins, Recht auf Arbeit und die übrigen Theorien, sowie die praktischen
 Vorschläge zur Lösung der sozialen Frage. 1890. Preis: 6 Mark,
I. Sein Leben und seine Sozialphilosophie. 1896. Preis: 4 Mark 50 Pf.
Zur Frage der Getreidezölle. 1911. Preis: 3 Mark 50 Pf,
Kornzoll und Sozialreform. 1901. Preis: 1 Mark 20 Pf.
Zur Frage eines  Zollbündnisses zwischen Deutschland und
ä . Zweite, unveränderte Auflage. (50 8, gr. 8°
Österreich-Ungarn. 1915, Preis: 1 Mark 60 PP
Inhalt: 1. Neuere und ältere Stimmen für ein Zollbündnis zwischen Deutsch-Jand
 und Üesterreich-Ungarn. — 2. Zur allgemeinen Beurteilung des Zollbündnisses
zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn. — 3. Prüfung der Frage des Zollbündnisses
 zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn vom Standpunkt der wirtschaftlichen
 Gesamtstruktur beider Länder. a) Die agrarischen Interessen [Landwirtschaft,
 Viehzucht, Forstwirtschaft]. b) Die industriellen Interessen, — 4. Prüfung
der Frage des Zollbündnisses zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn vom
Standpunkte der allgemeinen Wirtschaftspolitik. (Währungs-, Finanz-, Steuer-, Verkehrs-,
 Sozial-, Kartellpolitik.) — 5. Schluß.
Anatı n = : Erster Band: Einleitung in die Natio-Theoretische
 Nationalökonomie. „alökonomie. (IX, 500 S. gr. 8°) 1916.
Preis: 12 Mark, geb. 13 Mark 50 Pf,
Inhalt: Erster Teil: Das Wesen und die Aufgaben der nationalökonomischen
 Wissenschaft. 1. Kapitel. Der Gegenstand der nationalökonomischen
 Wissenschaft. — 2. Kapitel. Die Nationalökonomie als Teil der Sozialwissenschaft.
 — 3. Kapitel. Recht und Wirtschaft. — 4 Kapitel. Technik und Wirt.
schaft. — 5. Kapitel. Die Haupteinteilung der nationalökonomischen Wissenschaft.
Zweiter Teil: Systeme und Methoden der nationalökonomischen Forschung,
6. Kapitel. Die naturgesetzlichen und naturrechtlichen Systeme, — 7, Kapitel. Die
historische Richtung in der Nationalökonomie. 8. Kapitel. Die Reaktion gegen die
historische Schule: Wiedererneuerung der theoretisch-abstrakten Richtung‘ der
Nationalökonomie. — 9. Kapitel. Die evolutionistische (entwicklungsgesetzliche)
Richtung. — 10. Kapitel. Die religiöse Richtung, — 11. Kapitel. Die ethische
Richtung. — 12. Kapitel, Die sozialrechtliche Richtung. Anmerkungen. Register.
Das Werk über theoretische Nationalökonomie, dessen erster Band hiermit
der Oeffentlichkeit übergeben wird, ist auf vier Bände berechnet. Während der
vorliegende Band eine Einleitung in das gesamte Wissenschaftsgebiet der National-Ökonomie
 darstellt, sollen die folgenden drei Bände den eigentlichen Stoff der theoretischen
 Nationalökonomie umfassen. .Der zweite Band soll die Lehre von der
Produktion, der dritte Band die Lehre von der Zirkulation und der vierte Band die
Lehre von der Distribution enthalten. Bei dieser umfangreichen Art der Darstellung
können die Probleme der theoretischen Nationalökonomie in weit größerer Ausführlichkeit
 behandelt werden, als es in den üblichen „Grundrissen“ der Fall ist.
Da zu den einzelnen Bänden bereits verschiedene Vorarbeiten fertiggestellt sind,
dürfte das ganze Werk in nicht allzu Janger Zeit zum Abschluß gelangen. Der vorliegende
 erste Band soll den Studierenden einen Gesamtüberblick über die wichtigsten
methodologischen Grundfragen bieten. Er soll über die Abgrenzung unseres Fachgebietes
 gegenüber verwandten Disziplinen unterrichten und eine kritische Darstellung
 der wichtigsten Richtungen in unserer Wissenschaft — wobei auch die
Wirtschaftspolitik einbezogen ist. — liefern.
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        Über

Fragen des Geldwesens

und der Valuta

während des Krieges
und nach dem Kriege

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Karl Diehl

Jena
Verlag von Gustav Fischer
1918
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        Alle Rechte vorbehalten.

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Vorwort.

Am 13. April ds. Jrs. hielt ich in der Staatswissenschaftlichen
Vereinigung zu Königsberg in Preußen einen Vortrag über das
Thema „Fragen des Geldwesens und der Valuta während des Krieges
und nach dem Kriege“.
Die Arbeit, die ich jetzt unter demselben Titel veröffentliche,
enthält mehr als den erweiterten Inhalt dieses Vortrages. Ich habe
eine ganze Reihe von Problemen des Geldwesens, die ich in dem
Vortrag nur streifen konnte, hier ausführlicher behandelt, , auch
einiges aus den Vorträgen, die ich bei den Hochschulkursen für
Kriegsteilnehmer in Freiburg, Fourmies und Brüssel hielt, bei denen
ich wiederholt Geld- und Valutafragen behandelt habe, hier zum
Abdruck gebracht. In den Teilen der Schrift, die von der Goldwährung
 handeln, habe ich zwei bereits früher veröffentlichte Abhandlungen,
 eine aus dem Bank-Archiv XVI. Jahrg. Nr. ı (Währungspolitik
 und Geldtheorie im Lichte des Weltkrieges) und die andere
aus den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik Bd. 107
(3. Folge Bd. 52) 1916 (Unser Geldwesen nach dem Kriege) mit
Ergänzungen und Nachträgen wieder zum Abdruck gebracht.
Während ich in diesen Abhandlungen mich hauptsächlich mit
Bendixen und Heyn beschäftigt hatte, habe ich jetzt auch die
Geldtheorie von Liefmann und einiger anderer neuerer Gegner
der Goldwährung einer Kritik unterzogen. — Besonders ausführlich
bin ich in meiner Schrift auf die englischen Geld- und Valutaverhältnisse
 zur Zeit der Bankrestriktion (1797—1821) eingegangen,
weil ich glaube, daß wir zur Beurteilung. unserer heutigen deutschen
Geld- und Währungszustände sehr viel aus den damaligen Störungen
des englischen Geldwesens und den wissenschaftlichen Kontroversen,
die sie hervorriefen, lernen können.

Freiburg iBr., Juni 1918.

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        Inhaltsverzeichnis.

I. Einleitung. Über normalen und anormalen Stand der Valuta. . -
[I. Die englischen Geld- und Valutaverhältnisse zur Zeit der sog. Bankrestriktion
 (1797—1821) und ihre Bedeutung für "die Beurteilung der
Verhältnisse des deutschen Geldwesens im Weltkriege . . . ..
I. Die primären und die sekundären Ursachen des ungünstigen Standes
der deutschen Valuta . . 2. 02000000 0 0 0 He He + + + 35— 47
[V. Über den Zusammenhang zwischen dem inneren Preisstand und der
Valuta + 2 0 HH u 48— 58
V. Über den Einfluß der Geldvermehrung auf die Steigerung der Preise
und den Stand der Valuta . 2 0.000004 04 HF
VI. Die Gegner der Goldwährung, . . +. +. ...4
VII. Die Wiederherstellung der Parität der Valuta und die Rückkehr zur
Goldwährung nach dem Frieden .

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59— 75
76—123

. 124—140
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        Einleitung. Über normalen und anormalen Stand
der Valuta.

Als ich Ende Oktober 1917 eine Reise in die Schweiz antrat, mußte
ich für 500 Fr. in Schweizer Noten, die ich zur Reise benötigte, rund
800 M. bezahlen, also etwa die doppelte Summe, die ich in Friedenszeiten
hätte zahlen müssen. Dieser ungünstige Stand des schweizerischen
Wechselkurses war bekanntlich keineswegs vereinzelt; die Wechselkurse
 gegenüber allen Ländern des neutralen Auslandes waren während
des Krieges in mehr oder minder hohem Grade für uns ungünstig.
Dafür nur ein paar Beispiele: }
während am 25.7. 1914: 100 Dollars = M.4109,—n0t,, kosteten sie am 30. 12. 1916 = M. 5441—
» 25.7.1914: 100Fl.holl. = 169,— » 5 nn» 30.12.1916 = „ 239,—
n 25.7.1914: 100 K. schwed. = „ 112,— ” nn » 39.12.1916 = „ 172,—
„ 25.7.1914: 100 Fr.schweiz.== „ 81,40 x 30.12.1916 = „ 117,—
Man nennt Valuta den Wert der einheimischen Zahlungsmittel, [
gemessen am Wert der auswärtigen Zahlungsmittel. Wie kommt es,
daß die deutsche Valuta während des Krieges eine so große Entwertung
aufweist? Und wie erklärt es sich andererseits, daß in Friedenszeiten
unsere Valuta gegenüber allen anderen Ländern mit Goldwährung
immer einen so unabänderlichen Stand hatte? Man kann den Kurszettel
 seit Bestehen.der deutschen Goldwährung, also seit 1876, nachsehen,
 wann man will, immer stand z. B. der Kurs der Francswechsel so,
daß man nicht mehr als etwa 81 M. für 100 Fr. zu zahlen hatte. Dies
erklärt sich daher, daß die Valuta bei ihrem normalen Stand einen ]
festen Preis hat. Man kann sagen: Geld ist die einzige Ware, die SE
festen Preis hat. Im Inland ist der Preis des Geldes ein fester, weil nach
‚den Bestimmungen des Münzgesetzes aus einem Kilo feinen Goldes
h259 Zehnmarkstücke ausgeprägt werden. Das ausländische Geld hat
für uns ebenfalls einen festen Preis, und zwar ist er fixiert durch die
Menge an Gold, die in den ausländischen Goldmünzen enthalten ist,
K. Diehl, Geldwesen und Valuta.

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        . verglichen mit der Menge an Gold, welche die inländischen Goldmünzen:
enthalten. Beim Einschmelzen von 100 Fr. in goldenen 10-Fr.-Stücken
erhält man genau so viel Gold, als in 81 goldenen Zehnmarkstücken:
enthalten ist. Daher kommt es, daß der deutsch-französische Wechselkurs
 sich immer mit ganz kleinen Abweichungen um 81 herum bewegt.
Aus demselben Grunde bewegt sich der deutsch-englische Wechselkurs
immer um 20,43. Wer in Friedenszeiten 1000 Fr. in Frankreich zu
zahlen hat, schickt diese 1000 Fr..nicht in französischen oder deutschen:
Goldmünzen nach Frankreich, sondern er sucht einen auf 1000 Fr.
lautenden Wechsel zu kaufen, den etwa.ein deutscher Kaufmann in
Händen hat, weil er an eine französische Firma Waren geliefert hat,
Für diesen Wechsel ist er bereit, einen Kurs von 8r zu zahlen, aber
niemals etwa 82 oder 83 oder gar, wie wir es jetzt während des Krieges
tun müssen, über 100 M. und zwar aus dem Grunde, weil es dann für
ihn billiger käme, deutsche Goldmünzeri nach Frankreich zu senden,.
wo dann immer durch Einschmelzen von 81 M. 100 Fr. gelöst werden
können. Er wird auch bereit sein, etwas mehr als einen Kurs von 81
zu zahlen, denn er hat durch Versendung, Versicherung, Einschmelzen
der Goldmünzen Spesen, wegen derer er bereit ist, auch z. B. 81,20 M.
oder 81,30 M. zu zahlen, aber er wird nicht über den sogenannten Goldexportpunkt
 hinausgehen, d. h. über den Punkt, zu dem es für ihn vorteilhafter
 wird, Goldmünzen zu exportieren. — Umgekehrt wird jeder,
der Wechsel auf Frankreich zu verkaufen hat, sie nicht viel unter 81 M.
hergeben, denn sonst läßt er sich billiger von seinem französischen
Schuldner Zwanzigfrancsstücke remittieren, die er dann durch Einschmelzen
 so verwerten kann, daß 100 Fr. = 81 M. sind. Auch hier
wird er bereit sein, um die Spesen zu vermeiden, den Wechsel etwas
billiger abzugeben, also etwa für 80,80 M. oder 80,60 M., nicht aber für
| weniger, als dem sogenannten Goldimportpunkt entspricht. Diese
beiden Goldpunkte, zwischen denen sich stets der deutsch-französische
Wechselkurs bewegte, sind nach Haupt = 80,56 und 81,37 M. Auf
diese Weise ist zwischen allen Ländern mit Goldwährung ein normaler
| Stand der Valuta vorhanden, die sogenannte Parität, welche den gegen-.
| seitigen gesetzlichen Ausprägungsverhältnissen der Goldmünzen entspricht,
 So kommt es, daß zwar das Geld jedes Landes nur Gültigkeit
innerhalb der Grenzen des eigenen Landes hat und dennoch die Geldsorten
 aller Länder mit Goldwährung einen international-einheitlichen
Preis aufweisen. Das den Goldwährungen zugrunde liegende gleiche
Metall schafft einen gebundenen festen Ausgleichspreis, eine Solidarität
zwischen den verschiedenen Geldmärkten.
Das Gold bildet also das internationale Ausgleichungsmittel
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        zwischen verschiedenen Ländern für ihre gegenseitigen Forderungen und
Verpflichtungen; und da das Gold einen festen Preis hat, ergibt sich
auch daraus die Festigkeit der Wechselkurse unter normalen Verkehrszuständen
 bei den Goldwährungsländern. Die Ausgleichung durch Gold
ist allerdings nur die letzte Ausgleichungsmöglichkeit, die erst gewählt
wird, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind. Keineswegs
nuß jedes Defizit, das aus dem Warenverkehr zweier Länder hervorgeht,
durch Gold ausgeglichen werden. Den Wareneinfuhrüberschuß, den
Deutschland anderen Ländern zu zahlen hat, kann es z. B. auch
dadurch zahlen, daß es für Frachtdienste Zahlung zu beanspruchen hat
oder daß es fremde Effekten zur Zahlung ins Ausland schickt, oder daßs
Kredit in Anspruch genommen wird, indem das Ausland Kapitalien
zur Anlage nach Deutschland sendet, wozu es durch einen höheren
Diskontsatz veranlaßt werden kann. Erst wenn alle anderen Ausgleichsmöglichkeiten
 erschöpft sind, muß in letzter Linie das Defizit durch
Goldausfuhr ausgeglichen werden.
Der Krieg hat diese normalen Verkehrs- und Ausgleichsverhältnisse
vollkommen verändert. Zunächst hatte Deutschland in immer wachsendem
 Maße gegenüber allen neutralen Ländern eine weit größere Warenainfuhr
 als Warenausfuhr. Der Export zahlreicher Waren ins Ausland
war überhaupt gesetzlich verboten. Für andere Waren verbot sich die
Ausfuhr von selbst, weil diese Waren in Deutschland dringend
zebraucht wurden. So ergab sich in immer steigendem Maße die Notwendigkeit
 für Deutschland, Zahlungsverpflichtungen an das Ausland
zu erfüllen. Die üblichen Ausgleichungsmöglichkeiten außer der Versendung
 baren Geldes waren aber für Deutschland sehr reduziert. Die
Gewinne aus dem Seetransportgeschäft fielen nahezu ganz fort; der
Ertrag ausländischer Kapitalanlagen hatte durch den Erlaß von Zahlungsverboten,
 durch Beschlagnahme deutschen Besitzes in fremden
Ländern und durch die Moratorien eine wesentliche Einschränkung erfahren.
 Die Versendung ausländischer Effekten war also sehr erschwert.
Damit war ein großer Teil der Mittel, mit denen im Frieden die Zahlungs- -
verpflichtungen ans Ausland erledigt werden können, uns entzogen.’
Mit Gold zu zahlen war aber ganz unmöglich, weil der Goldexport
gesetzlich verboten war.
War also Goldzah'ung unmöglich und konnte man auch keine
Devisen oder aus'’ändischen Noten erhalten, so blieb nur Zahlung mit |
deutschen Banknoten übrig. Diese haben aber als ‚Geld nur Gültigkeit
innerhalb Deutschlands, sie können nicht durch Einschmelzen wie die
Goldmünzen zu internationalem Geld gemacht werden, sie können
daher im Ausland nur wiederum zu Zahlungen nach Deutschland benutzt
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        werden. Sobald dieser Zustand eintritt, gibt es keinen festen Preis mehr
für die ausländischen Zahlungsmittel in Deutschland und für die deutschen
 Zahlungsmittel im Ausland, denn die Zahlungsmöglichkeit in
einem international gültigen und anerkannten Zahlungsmittel, dem Gold,
ist ausgeschaltet. Man kann nur mit nationalen Zahlungsmitteln
zahlen, und der Preis der nationalen Zahlungsmittel der einzelnen
Länder richtet sich allein nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage
 für die betreffenden Zahlungsmittel. Während also in normalen
Zeiten die Verhältnisse der Handels- und Zahlungsbilanz den Stand der
Wechselkurse nur um etwa %% verändern können, wird jetzt der
Stand der Handels- und Zahlungsbilanz direkt entscheidend für die
' Höhe der Wechselkurse, die infolgedessen nach oben und unten
grenzenlosen Schwankungen ausgesetzt sind. Gerade so, wie wir hohe
Preise zahlen mußten für Butter, Eier, Milch usw., weil diese Waren
am Markte knapp wurden, so mußten wir auch einen hohen Preis
zahlen für die Schweizer Francsnoten, holl. Guldennoten, schwedischen
Kronennoten, weil wir zur Zahlung der ausländischen Importe diese
in großem Maße brauchten.
So wird in der üblichen Weise der Grund des tiefen Standes der
deutschen Valuta regelmäßig aus dem markttechnischen Grunde der
für uns ungünstigen Waren- und Zahlungsbilanz erklärt. Aber wenn
auch im allgemeinen darüber Übereinstimmung herrscht, daß dieser
ungünstige Stand der Waren- und Zahlungsbilanz eine Ursache des
schlechten Standes unserer Valuta ist, so ist über eine andere
Frage eine große Meinungsverschiedenheit vorhanden, nämlich, ob
wirklich diese Ursache auch die Hauptursache und die ent- |
scheidende ist. Es wird nämlich von anderer Seite behauptet,‘
daß die eigentlich entscheidende und letzte Ursache nicht auf
diesen Umständen der Waren- und Zahlungsbilanz beruhe, sondern
vielmehr auf dem gesunkenen inneren Wert der deutschen Mark
selbst. Gerade so, wie bestimmte Waren nicht nur billig sein können,
weil das Angebot ein sehr großes ist, sondern auch weil die Ware an
sich schlecht ist, so wird auch behauptet, daß der schlechte Preis der
Markwechsel und der Marknoten im neutralen Auslande keineswegs
von einem zu großen Angebot dieser Zahlungsmittel herrühret, sondern
daher, daß der Binnenwert des deutschen Geldes während
des Krieges sich durch unsere Papiergeldwirtschaft verschlechtert habe
und daß der gesunkene Außenwert unseres Geldes, wie er
sich in dem schlechten Stand unserer Valuta auspräge, nur ein Reflex
der Entwertung des deutschen Geldes im Inlande sei.
Ich möchte im folgenden besonders die Untersuchung darauf lenken.
        <pb n="12" />
        ob es richtig ist, daß der ausschlaggebende Grund für den schlechten
Stand unserer Wechselkurse in diesen Verhältnissen, also auf der Geldseite
 zu suchen sei und nicht auf der Seite der Handels- und Zahlungs-|
bilanz. Bevor ich aber diese Frage bei unseren deutschen Geldverhältnissen
 während des Weltkrieges untersuche, will ich zeigen, wie ganz
dieselbe Frage vor hundert Jahren in einem anderen Lande, nämlich
in England während der Napoleonischen Kriege zu ganz ähnlichen
Kontroversen geführt hat. Die Betrachtung der Zustände des englischen
 Geldwesens zur Zeit der Napoleonischen Kriege wird auch
manches Lehrreiche für die Entscheidung unserer Frage während
des Weltkrieges bieten können.
        <pb n="13" />
        IL

Die englischen Geld- und Valutaverhältnisse zur
Zeit der sog. Bankrestriktion (1797 —1821) und
ihre Bedeutung für die Beurteilung der Verhältnisse
 des deutschen Geldwesens im Weltkriege.

Der Krieg, den England mit. Frankreich führte und der von 1793
ab über 20 Jahre dauerte, gab Anlaß zu einschneidenden Änderungen
des englischen Geld- und Bankwesens!). Die Kriegsausgaben waren
gewaltige und betrugen während des ganzen Krieges rund 17 Milliarden
Mark, eine für die damaligen Zeitverhältnisse ungeheure Summe. Allein
in den 4 Jahren von 1793 bis 1796 hatte sich die fundierte Staatsschuld
Englands um 134,5 Mill. £ vermehrt. Infolge der großen Zahlungen
der Regierung an das Ausland besonders für den Unterhalt der Truppen
und für Subsidien an die Verbündeten gestaltete sich die englische
Zahlungsbilanz immer ungünstiger. So war die englische Regierung
gezwungen, immer größere Kredite bei der Bank von England aufzunehmen,
 und da diese Kredite für das Ausland bestimmt waren und
deshalb hauptsächlich in Gold gegeben werden mußten, verminderte
sich der Barvorrat der Bank von England immer mehr. so daß er schließ-1)

 Vgl. zu den folgenden Ausführungen besonders die Werke von
Tooke u. Newmarch, Die Geschichte und Bestimmung der Preise während
der Jahre 1793—1857. Deutsch von C. W. Asher. 2 Bände 1858 u. 1859.
M. Bouniatian, Geschichte der Handelskrisen in England im Zusammenhang
 mit der Entwicklung des englischen Wirtschaftslebens 1640—1840. München
L908.
P. Aretz, Die Entwicklung der Diskontpolitik der Bank von England 1780
bis 1850, Berlin 1916.
J. Wolter, Das staatliche Geldwesen Englands zur Zeit der Bankrestriktion
(1797—1821). Abhandlungen aus dem Staatswissenschaftlichen Seminar zu
Straßburg, Heft XXXILL. Straßburg 1917.
Diehl, K., Sozialwissenschaftliche Erläuterungen zu David Ricardos Grundgesetzen
 der Volkswirtschaft und Besteuerung, II. Teil. Leipzig 1905.
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        lich im Februar 1797 auf 1272000 £ zusammengeschmolzen war, während
er im März 1796 noch mehr als das Doppelte: 2972000 £ betragen hatte.
Demgegenüber betrug der Notenumlauf 8640250 £. — Diese Bedrängnis
 der Bank von England gab den Anlaß zu der folgenschweren
Bank-Restriktionsakte vom 3. Mai 1797, die zuerst auf 2 Jahre festgesetzt
 war, dann mehrmals verlängert wurde und durch Gesetz für
das Jahr 1823 aufgehoben wurde. Durch diese Akte wurde die Bank
von England von der Verpflichtung zur Einlösung der Noten in barem
Geld entbunden. Die Noten der Bank von England wurden zwar noch
nicht zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt, aber de facto wurden
sie das allgemein übliche Zahlungsmittel, das im Verkehr wie bares
Geld genommen wurde. Hierzu trug vor allem bei, daß 4000 der angesehensten
 Londoner Kaufleute erklärt hatten, Banknoten jeden Betrags
 in Zahlung zu nehmen und sich für ihre Zahlungen untereinander
ebenfalls der Banknoten zu bedienen. In diesem Zeitabschnitt, in
welchem die Bareinlösung der englischen Banknoten aufgehoben
(1797 —1823) und damit die englische Goldwährung, wenn auch nicht
de jure, so doch de facto beseitigt und durch Papierwährung ersetzt
war, traten in mehr oder minder starkem Maße folgende vier Anomalien
des Geld- und Kreditverkehrs auf:

ı. Der Londoner Marktpreis für Gold (der sogenannte Goldpreis)
 stieg über den Preis, den die Londoner Münze für
das Gold, das ihr zu Prägezwecken übergeben wurde (den
sogenannten Münzpreis), zahlte.

Dies war eine Anomalie insofern, als tatsächlich bis zum Jahr 1797
von seltenen Ausnahmefällen abgesehen, der Marktpreis und Münzpreis
des Goldes zusammenfiel, und zwar obgleich eine gesetzliche obere
Preisgrenze für Gold nicht festgesetzt war. Der Zustand der englischen
Goldwährung war bis zum Jahr 19797 folgender1): In England
bestand die Goldwährung, d. h. die Goldmünzen waren gesetzliches
Zahlungsmittel, und zwar galt die Guinee == 21 Schilling. Jedermann
konnte jede beliebige Menge Standardgold zur Ausprägung an die
Münzstätte bringen und erhielt für jede Unze: £ 3. 17. 10%. Damit
war eine feste untere Preisgrenze für’ Gold gegeben, denn niemand würde
Gold zu niedrigerem Preise abgegeben haben, wenn er diesen Betrag
für eine Unze Standardgold in der Münze jederzeit zu erhalten vermochte.
Eine obere Grenze für den Goldpreis war nicht festgesetzt, vielmehr

1) Vgl. Wolter, a. a. O0. S. 1—02,
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konnten nach oben hin Schwankungen eintreten, aber der Marktpreis
für Gold hätte sich auch über diese Grenze nicht wesentlich heben
können, wenn man jederzeit das gemünzte Gold hätte in Metall zurückverwandeln
 können, Hätte man also jederzeit vollwichtige Sovereigns
erhalten und zu Barren einschmelzen können, so hätte sich der Marktpreis
 nicht über den Münzpreis erheben können; denn wäre der Markt--preis’des
 Gol&amp;amp;es höher gewesen als dem Münzpreis entspricht, so wäre:
es lukrativ gewesen, sich durch Einschmelzen gemünzten Metalles dem
Vorteil des höheren Marktpreises zu verschaffen. Nach der damaliger
Geldverfassung Englands war aber diese Möglichkeit, sich beliebige
Mengen Goldmünzen zu diesem Zweck zu verschaffen, ausgeschlossen,
Der Goldverkehr unterlag mannigfachen gesetzlichen Beschränkungen;
Handel und Export englischer Goldmünzen war überhaupt verboten,
ebenso ihr Einschmelzen und die gewerbliche Verwendung sowie Ankauf
und Verkauf der daraus zu bildenden Barren. Erst wenn die Goldmünzen
durch Abnützung in ihrem Gewicht unter das Passiergewicht gesunkem
und damit demonetisiert waren, waren sie dem Inhaber zu beliebiger
stofflicher Verwendung durch das Inland freigegeben. Wer Gold zum
Zwecke der Ausfuhr verkaufen wollte, mußte schwören, daß dieses
Gold nicht aus dem Courantgeld Englands stamme. Brauchte also»
jemand dringend Gold zu Exportzwecken, so mußte er das Metallangebot
 unter Umständen auch annehmen, wenn es für ihn teurer war
als der Münzpreis: „Wer für gewerbliche Zwecke oder zur Ausfuhr Gold
brauchte, war gezwungen, wenn er die Beschränkungsgesetze nicht
übertreten wollte, Gold auf dem Markt zu erstehen und dafür eventuell
mehr zu zahlen, als der Münzpreis betrug. Benützte er für seine Zwecke
das Goldgeld, so machte er sich strafbar*).‘“ Erst im Jahre 1819 wurde
durch Gesetz alles aufgehoben, was den Handel in Gold und Münzmetall
eingeengt hatte. War auch keine obere Preisgrenze für Gold festgelegt,
so hatte sich doch der Marktpreis des Goldes vor der Bankrestriktion
nur in Ausnahmefällen über den Münzpreis erhoben, so z. B. im Herbst
1795, als inıolge ungewöhnlich großer Metallausfuhr der Goldpreis sich
auf £ 4. 4 erhöhte?). Nach der Bankrestriktion war diese Erhöhung
nicht nur sehr häufig und eine fast allgemeine Erscheinung, sondern
eire so bedeutende, wiv sie früher nie vorgekommen war. Zwar entfernte
sich in der ersten Zeit nach der Restriktion der Münzpreis nicht wesentlich
 vom Marktpreis: erst im August 1800 ging er auf £ 4. 4. 5 in die
Höhe und blieb dann dauernd hoch. Im Jahre 180g stieg er auf £ 4. 12

1) Vgl. Wolter, a. a. O0. S. 61.
2) Bouniatian, a. a. O0. S. 178
        <pb n="16" />
        — d.h. 15—16% über pari. Im Jahre 1814 stieg er sogar bis auf
5 £ 8 sh)).

&amp;gt;». Die Goldmünzen erhielten ein Agio gegenüber den Banknoten.


[m Zusammenhang mit der ersten Anomalie stand die zweite, daß
die im Verkehr befindlichen Goldmünzen, die Guineen, ein Agio gegenüber
 den Banknoten erhielten. Während früher die Banknoten als vollkommen
 gleichwertig mit dem Metallgeld genommen wurden, wiesen sie
nach der Restriktion ein Agio auf. Wenn auch die Banknote das allgemein
 verbreitete und übliche Zahlungsmittel war, so wurden doch zu
gewissen Zahlungen auch Goldmünzen benutzt, so z. B. auch für bestimmte
 Zahlungen, die seitens des Staates geleistet wurden.
Soweit Guineen im Umlauf waren, gab man sie nur mit einem
Agio, gab man nicht mehr die Guinee für 21 Shilling her, sondern für
22, 23 oder 25 sh. je nach der Höhe des augenblicklichen Marktpreises
für Gold. Man scheute sich auch nicht, im privaten Verkehr das Goldgeld
 mit einem Agio offen weiter zu geben. So verschwand das Goldgeld
aus dem Verkehr oder es zirkulierte nur mit Agio?), Dieses Agio war
so groß, daß die auf ı £ lautende Note im Oktober 1810 nur einen Wert
von ca. 1814 Schilling hatte, was 8% % unter Pari war, und im Februar
[811 war das Gold so im Preise gestiegen, daß eine Pfundnote knapp
z7 Schilling galt, d. h. gut 15% unter Pari stand®). Dieser Zustand
wurde gesetzlich erst beseitigt im Jahre 1811. Lord King hatte nämlich
ein Zirkularschreiben erlassen, worin er seinen Pächtern mitteilte, daß
er in Zukunft Zahlungen von ihnen nur in Guineen oder portugiesischen
Goldmünzen annehmen würde, Sollten sie Zahlungen in Noten vorziehen,
so könne er sie nur mit einem Zuschlag von 14,5% annehmen. Dieses
Vorgehen gab Anlaß zu dem Gesetz vom 24. Juli 1811, wodurch bestimmt
 wurde, daß kein Aufgeld auf Goldmünzen genommen oder
gegeben werden dürfe. Ferner war bestimmt, daß die Noten der Bank
von England nicht anders als zu dem ihnen aufgedruckten Nennbetrag
in den Verkehr gebracht werden dürften. Damit war dem Papiergeld
zwar nicht ausdrücklich Annahmezwang verliehen, aber durch eine neue
gleichzeitige Verfügung fast dieselbe Wirkung erreicht. Es wurde
nämlich verfügt, daß jeder, der einem anderen eine Rente oder sonstwie
Geld schulde, seinem Gläubiger entweder allein oder neben anderem

ı) Vgl. die Tabellen im Anhang zu Wolter, a. a. O.
2?) Wolter, a. a. O. S. 63.
2 W. Scharling, Bankpolitik, Jena 1900, S. 95.
        <pb n="17" />
        Geld zur Tilgung seiner Schuld Noten der Bank von England anbieten
dürfe. Falls das Angebot den vollen Schuldbetrag erreichte, sollte, auch
wenn der Gläubiger die Notenannahme verweigerte, Pfändung und
Zwangsvollstreckung in das Vermögen des Schuldners ausgeschlossen
sein 1).

3. Die Wechselkurse waren überwiegend ungünstig für
England und zeigten zeitweise einen enormen Rückgang
der englischen Valuta an.
Vor der Restriktion waren die englischen Wechselkurse überwiegend
 zugunsten Englands, nur in Ausnahmefällen waren sie zeitweise
 ungünstig für England. Das änderte sich in der Periode der
Restriktion. In dieser Zeit waren die Wechselkurse überwiegend zuungunsten
 Englands, und oft war eine auffallend große Entwertung
der englischen Valuta festzustellen. Z. B.ist die Parität zwischen England
und Hamburg (dem hauptsächlichsten ausländischen Marktplatz für
den englischen Handel) ı £ = 34 sh. 3% Pfennige vlämisch. Der
Wechselkurs stand aber im Februar 1811: _ı £ = 25 sh. (Es muß hier
daran erinnert werden, daß die Londoner Wechselkursnotierung angibt,
wieviel ausländisches Geld man für ein Pfund erhält; also bedeutet
ein Heruntergehen des Kurses eine Verschlechterung). — Die Parität
zwischen London und Paris beträgt
I £ = 25 Livres,
der Wechselkurs stand aber im
Februar 1811: ı £ = 17 Livres 16 cent?).
Ihren tiefsten Stand erreichten die Wechselkurse im November 1811
mit 31% unter Pari3).

4. Die Preise vieler wichtiger Waren wiesen oft eine außerordentlich
 starke Erhöhung auf, so daß zeitweise eine
Teuerung eintrat, z. B.
der Preis für Weizen betrug:
per Quarter am Michaelistag 1797 .
1798
1799 . .
TRa0

13

ı»ı Wolter, a. a. O. S. 91.
) Wolter, a. a. O. Tabellen im Anhang.
3) Aretz, a. a. O. S. 121.
‘) Tooke, a. a. O. ı. Bd. S. 7097.
        <pb n="18" />
        Die ersten zwei dieser vier Anomalien des Geld- und Kreditverkehrs
 wies Deutschland während des Weltkrieges nicht auf. Da
Deutschland keinen Goldmarkt hat — dieser ist in London konzentriert,
so daß der Londoner Goldmarkt der Weltgoldmarkt ist —, gibt es.auch
hier keinen eigenen Goldmarktpreis, der gegenüber dem. Münzpreis der
Reichsbank eine Differenz aufweisen könnte. Ein Agio auf Goldmünzen
konnte auch nicht eintreten, da bald nach Kriegsbeginn die Bekanntmachung
 betreffend Verbot des Agiohandels mit Reichsgoldmünzen
vom 23. November 1914 erschien?). Danach macht sich jeder strafbar,
der es ohne eine besondere Genehmigung des Reichskanzlers unternimmt,
 Reichsgoldmünzen zu einem ihren Nennwert übersteigenden
Preise zu erwerben, zu veräußern oder solche Geschäfte über sie zu
vermitteln. Aber abgesehen von dieser Strafbestimmung waren über-‚haupt
 bei uns sehr bald nach Kriegsausbruch die Goldmünzen
fast ganz aus dem Verkehr verschwunden. Die Reichsbanknoten, die
vor dem Kriege bereits gesetzliches Zahlungsmittel waren, übten jetzt
nebst anderen papierenen Geldsurrogaten die Funktion des Zahlungsmittels
 aus. Wohl aber haben sich die beiden anderen Anomalien
auch bei uns in wachsendem Maße gezeigt, nämlich das Sinken der
Valuta und die Steigerung der Preise. Beide Erscheinungen werden mit
derselben währungspolitischen Maßnahme, die auch England während
der Napoleonischen Kriege ergriffen hatte, in Zusammenhang gebracht,
nämlich mit der Erklärung der Uneinlöslichkeit. der Reichsbanknoten.
Abgesehen von dieser bankpolitischen Maßnahme weisen allerdings die
wirtschaftlichen Verhältnisse Englands während der Napoleonischen
Kriege gegenüber den deutschen Zuständen während des Weltkrieges
gewisse Abweichungen auf. Vor allem hatte England nicht dauernd
und stetig wie Deutschland unter den Absperrungsmaßregeln der Feinde
zu leiden. Je nach der wechselnden Kriegslage war die Absperrung
Englands größer oder geringer, während bei uns die Absperrung mit der
wachsenden Zahl der Feinde immer größer wurde. Aber gerade in der
Zeit, als der wissenschaftliche Streit über die Ursachen der. Teuerung
and des Sinkens der Wechselkurse am heftigsten war, in den Jahren
1808 bis 1811, hatte die Lage Englands infolge der Kontinentalsperre
mit der Deutschlands in diesem Kriege große Ähnlichkeit. Am
Schluß des Jahres 1807 fand sich England durch die Kriegsereignisse
(Dekret von Mailand vom 17. Dezember) vom unmittelbaren Handels-1)

 Nur ganz vereinzelt kam Agiozahlung vor (z. B. zahlte die städt. Sparkasse
Essen eine Zeitlang bei Einzahlung in Gold ı % Agio), wären solche Maßnahmen
zahlreich geworden, so hätte sich auch eine Spannung zwischen Gold und Papier
ergeben (vel. Calwer. Monatsberichte 7. 1915).
        <pb n="19" />
        verkehr mit jedem europäischen Staate, außer Schweden, abgeschlossen,
wodurch ein Mangel an allen europäischen Produkten, die England
für seine Fabriken und Flotte gebrauchte, entstand. Um dieselbe Zeit
begannen auch die Streitigkeiten mit den Vereinigten Staaten von
Nordamerika, woraus zuerst eine förmliche Aufhebung des Verkehrs,
dann ein Krieg entstand. Anfang 1809 hatten die politischen Hindernisse
der Einfuhr ihren Höhepunkt erreicht, die Preise stiegen damals auf
eine enorme Höhe, z. B. für Hanf von 58 £ pro Tonne im Sommer 1807
auf 118 £ im Laufe von 1808, und Flachs aus ähnlichen Gründen von
68 £ auf 142 £; Bauholz aus Memel, das 1806 und 1807 zwischen 3 £
z3 sh. und 8 £ 10 sh. varliert hatte, stieg auf 17 £ pro. Last; Bretter
und andere Sorten Holz im Verhältnis. Leinsaat von 43 auf 150 sh,
pro Quarter und russischer Talg von 53 auf 112 sh. pro Zentner?).
Das Disagio der Noten war im Jahre 1809 von 2% bis 3% in
wenigen Monaten auf 13—14% gestiegen. Der Wechselkurs auf Hamburg
 stand im Juli 1809 auf 28 sh. 6 d. (Parität 34 sh.), auf Paris im
August 1809 auf 20 Fr. I ct. (Parität 25 Fr.). Dieser Stand der
Wechselkurse erregte großes Aufsehen. Die Ursache wurde zu ergründen
 gesucht und in dem darüber entstandenen Meinungsstreite
traten sich zwei Richtungen schroff gegenüber.
Die eine Richtung behauptete, daß die Steigerung der Preise
und das Fallen der Wechselkurse durch den inneren Zustand des
englischen Geldwesens verursacht sei. Infolge übermäßiger
Ausgabe der englischen. Banknoten sei eine Entwertung des englischen
 Geldes eingetreten. Diese habe das Steigen des Goldgeldes,
 die Steigerung der Preise und das Fallen der Wechselkurse
bewirkt. — Die andere Richtung bestritt, daß der Zustand des
englischen Geldwesens irgendwie an einer dieser Anomalien beteiligt
sei; sie seien lediglich auf die Verhältnisse des auswärtigen Handels
und der Zahlungsbilanz zurückzuführen. Da infolge der dringenden
Goldausfuhr das Gold selten und knapp geworden sei, habe es einen
hohen Wert erlangt, wie viele andere Waren auch, aber das Papiergeld
sei nicht entwertet gewesen, sondern die Banknotenausgabe habe sich
durchaus in den für den Zahlungsmittelverkehr Englands notwendigen
und berechtigten Grenzen gehalten. Die Preise seien gestiegen infolge der
durch die Absperrung entstandenen Warenknappheit, aber nicht durch
Geldentwertung. Die Vermehrung der Noten sei die notwendige Folge
der gestiegenen Preise gewesen, aber nicht umgekehrt, und ebenso habe
die Steigerung der Wechselkurse nichts mit einer Geldentwertung zu tun,
sondern nur mit der ungünstigen Zahlungs- und Handelsbilanz Englands.
7 9 Vel. Tooke, a. a. O0. SS. 127.
        <pb n="20" />
        .-Hören

 wir einige Stimmen aus beiden Lagern, Zunächst einige
Äußerungen von Bullionisten — so nannte man diejenigen, welche die
Ursache der beklagten Mißstände auf der Geldseite erblickten —. Hier
war der Hauptwortführer Ricardo, der sehr großes Ansehen genoß
zugleich als einer der ersten nationalökonomischen Gelehrten und als
einer der erfahrensten Bankfachleute. Er stellte die Behauptung auf,
daß die zu große Notenausgabe die Ursache der Störungen sei. Nachdem
er bereits in einigen Artikeln im Morning Chronicle diesen Zusammenhang
 nachzuweisen gesucht hatte!), gab er 1809 eine Broschüre heraus,
betitelt „The High Price of Bullion a proof of the depreciation of bank
notes‘, welche eine Neu- und Umarbeitung dieser Zeitungsartikel darstellt.
 Die Hauptgedanken dieser Schrift sind folgende:
Gold und Silber haben, wie andere Waren, einen inneren Wert,
der nicht willkürlich ist, sondern von ihrer Seltenheit, von der Arbeitsmenge,
 die zu ihrer Herstellung nötig war und von dem Werte des
Kapitals, das in den Bergwerken gebraucht wurde, um sie zu beschaffen,
abhängt.
Die Menge Geld, die ein Land braucht, steht im Verhältnis zur
Ausdehnung seines Handels und Verkehrs: wenn in der Entwicklung
zum Reichtum ein Land schneller, als die anderen vorwärts kommt, so
würde auf dieses Land mehr Anteil des Geldes der Welt kommen.
Würde nun eine Goldmine in einem der miteinander verkehrenden
Länder entdeckt werden, so würde der Wert des Goldes in diesem Lande
vermindert infolge der vermehrten Menge der in den Verkehr gebrachten
Edelmetalle und würde daher nicht länger mit dem Golde der anderen
Länder im Werte gleich sein. Sofort würde Gold und Silber gemäß dem
Gesetze, das für alle Waren gilt, das Land verlassen, wo sie billig sind,
nach den Ländern, wo sie teuer sind, und dies würde so lange fortgesetzt,
bis das Verhältnis, das zwischen Gold und Kapital vor der Entdeckung
der Mine bestand, wiederhergestellt ist und Gold und Silber überall
wieder denselben Wert hätten. Im Austausch für das exportierte Gold
würden Waren eingeführt; und obgleich die sogenannte Handelsbilanz
gegen das Land wäre, das Gold oder Barren ausführte, wäre es klar,
daß es einen sehr vorteilhaften Handel treibt, indem es ausführt, was
in keiner Weise ihm nützlich ist, für Waren, die zur Vergrößerung seiner
Gewerbe und zur Vermehrung seines Reichtums gebraucht werden
können.

1) Die Beiträge Ricardos zum Morning Chronicle in dieser Frage sind
neu herausgegeben unter dem Titel: „Three letters on the Price of Gold‘ by
David Ricardo (A reprint of economic tracts edited by Hollander), Baltimore
[903.
        <pb n="21" />
        — 14

Sei

Würde nun an Stelle einer entdeckten Goldmine eine Bank errichtet,
wie die Bank von England, mit dem Recht, Noten als Zahlungsmittel
auszugeben, so würde, wenn ein großer Betrag davon, sei es in Form
von Darlehen an Kaufleute, oder von Vorschüssen an die Regierung,
ausgegeben ist, dieselbe Wirkung ausgeübt, wie durch die Entdeckung
 einer Mine, weil ebenfalls die Summe des Geldes beträchtlich
vermehrt würde,
Das Geld würde entwertet und die Warenpreise würden steigen;
das Gleichgewicht zwischen diesen und anderen Ländern könnte nur
durch die Ausfuhr eines Teiles der Münze wiederhergestellt werden.
Die Bank setzt also ein Geld ohne Wert an Stelle eines sehr kostspieligen
 Geldes und erlaubt, die edlen Metalle in ein Kapital zu verwandeln,
 das Ertrag abwirft.
In einer Randbemerkung zu Mac Cullochs Artikel ‚Money‘ in dem
„Supplement to the Encyclopaedia Britanica‘“ spricht sich Ricardo
über diese Zusammenhänge nochmals klar aus. Er gibt eine Kritik der
englischen Geldverhältnisse und bemerkt, daß der englische Geldumlauf,
der fast vollständig aus Papier besteht, vor allem gegen die Entwertung
des Papiergeldes geschützt werden müsse und daß dieses versäumt
worden sei —: durch die Bankrestriktion, wodurch die Bank der Verpflichtung
 enthoben sei, in barer Münze zu zahlen, sei die frühere Hemmung
 einer zu großen Notenausgabe beseitigt, und jetzt hätten es die
Leiter der Bank in der Hand, den Wert des Papiergeldes zu erhöhen
oder zu vermindern. Die Entwertung der Banknoten sei die direkte
Folge davon, daß die Bank von England zuviel Noten ausgegeben hätte;
der niedrige Wechselkurs könne unmöglich, aus ungünstiger Handelsbilanz
 erklärt werden, sondern sei verursacht durch die Geldentwertung.
Da jetzt alle Hemmnisse gegen eine Zuvielausgabe seitens der Bank
durch die Parlamentsakte beseitigt seien, würden die Banken nicht
länger durch „fear for the safety of their establishment‘‘ abgehalten,
die Menge ihrer Noten auf den Betrag zu beschränken, welcher sie
denselben Wert bewahren läßt, als die Münze, welche sie vertreten.
Daher fänden wir, daß Goldbullion von 3 £ 17 sh. 17% d., dem Durchschnittspreise
 vor der Restriktion, auf 4 £ 10 sh. gestiegen sei und
sogar auf 4 £ 13 sh. per Unze gestanden hätte. Wir können daher —
fährt Ricardo fort — richtig schließen, daß dieser Unterschied in dem
relativen Wert oder mit anderen Worten, daß diese Entwertung in dem
tatsächlichen Wert der Banknoten durch die zu große Menge verursacht
ist, welche die Bank in Umlauf gesetzt hatte. Dieselbe Ursache, welche
einen Unterschied von 15—20% in Banknoten, verglichen mit Goldbullion.
 bewirkt hat, kann ihn auch auf 50% vermehren.
        <pb n="22" />
        Der extreme Standpunkt der Bullionisten wird vielleicht am besten
charakterisiert durch einen erst 30 Jahre später veröffentlichten Börsenartikel
 des Morning Chronicle (vom 3. Juli 1839), wo es heißt: „Die
Bankdirektoren haben es in ihrer Gewalt, durch Ausdehnung oder Einziehung
 des Notenumlaufs die Preise der meisten Handelsartikel zu
steigern oder herunterzudrücken.‘“
Schon vor Ricardo hatte Walter Boyd in seiner im Dezember
z800 erschienenen Broschüre „A letter to the Right hon. William Pitt
on the Influence of the Stoppage of Issues in Specie at the Bank of
England on the Prices of Provisions and other Commodities‘“ behauptet,
daß die größte Wahrscheinlichkeit vorläge, daß die Vermehrung der
Banknoten seit 1797 die Hauptursache des großen Steigens der Warenpreise
 sei®).
Besonders hatte Lord King in seiner 1803 veröffentlichten Broschüre
 „Thoughts on the Effects of the‘ Bank Restrictions‘‘ die Zusammenhänge
 zwischen Notenmenge und Preisen in einer Weise erklärt,
die in den Grundzügen genau mit den Ideen Ricardos und der übrigen
Führer der Currency-Theorie übereinstimmt.
Einige Monate nach der Veröffentlichung von Ricardos Schrift
bildete das Parlament einen besonderen Ausschuß zur Untersuchung
der Frage (Bullion Committee). Der Bericht nebst den Zeugenaussagen
zeigte deutlich, wie stark die Anschauungen Ricardos auf die Meinung
des Ausschusses eingewirkt haben”).
Es heißt dort: „Der Ausschuß spricht es als seine Meinung aus,
nach einer sehr gründlichen Beratung dieses Punktes, daß es ein großer
praktischer Irrtum ist, anzunehmen, daß die Wechselkurse mit fremden
Ländern und der Goldpreis nicht von dem Betrag eines Papiergeldes,
das ohne die Einlösungspflicht nach dem Wunsche des Inhabers ausgegeben
 wird, abhängig wären. Daß durch eine übermäßige Ausgabe
von Papiergeld die Wechselkurse fallen und der Goldpreis steigen, wird
nicht nur als ein Grundsatz von den hervorragendsten Autoritäten
über Handel und Finanzen aufgestellt, sondern seine praktische Wahrheit
 wird durch die Geschichte fast jedes Staates der neueren Zeiten
belegt ?).“
Ferner: „Die Suspension der Barzahlungen hat die Wirkung gehabt,
in die Hand der Direktoren der Bank von England die wichtige Aufgabe
zu legen, das Land mit der Menge von umlaufender Münze zu versehen.

4 Me Culloch, Literature of pol. ec. S. 169.
?) Report together with minutes of evidence and accounts, from the Select
Committee on the high Price of bullion, London 1810.
2) a. a. O. S. 30.
        <pb n="23" />
        Ay

die gerade den Bedürfnissen des Publikums angepaßt ist. Nach der
Meinung des Komitees ist dies eine Aufgabe, von der es unverständig
ist, zu erwarten, daß die Direktoren der Bank von England sie jemals
erfüllen könnten .. .1).““
Der Ausschuß empfahl als Aushilfsmittel, daß das Geldsystem
dieses Landes mit soviel Eile als mit der nötigen Klugheit und Vorsicht
vereinbar sei, zu dem ursprünglichen Grundsatze der Barbezahlung
nach dem Wunsche der Inhaber der Noten zurückzukehren.
Von den Vertretern der entgegengesetzten Richtung nenne ich
Bosanquet (Practical observations on the report of the bullion committee)?),
 der erklärte, daß nicht ein Übermaß an Umlaufsmitteln,
sondern XI. die veränderte Lage des Kornhandels und die damit zusammenhängende
 Not von 1800 und 1801; 2. die Vermehrung der
Steuerlast seit Beginn des Krieges (1793) die Ursache der Preissteige-(ung
 sel.
Eine sehr geschickte Vertretung hatte diese Richtung auch in
Thornton gefunden, der 1802 ein Buch „An Inquiry into the Nature
and Effects of the Paper Credit of Great Britain‘ veröffentlichte, worin
die Beweisführung der Currency-Theorie, die damals durch Boyd ver-:reten
 wurde, widerlegt wurde.
Er bezeichnet die Befürchtungen, die man von einer übermäßigen
Ausnutzung der Notenausgabe seitens einer Zettelbank hegt, als übertriebene
 und führt den Stand der Preise und der Wechselkurse auf
andere Ursachen zurück?): „Daß der Geldpreis einiger englischer
Artikel in letzter Zeit sehr erhöht wurde, und daß der Geldpreis aller,
oder fast aller Artikel im gewissen Grade gestiegen ist, sind Tatsachen,
die nicht bezweifelt werden können. Aber daß diese Erhöhung einer
Vermehrung des Papiergeldes geschuldet ist, ist nicht in gleicher Weise
zuzugeben; denn es ist klar, daß andere Ursachen mächtig eingewirkt
haben, nämlich der Kriegszustand, neue Steuern, und zwei schlechte
Ernten, die, indem sie den Brotpreis erhöhten, in gewissem Grade auch
den Preis der Arbeit und aller Waren gesteigert haben.“
Namentlich ist aber Tooke als Vertreter der Richtung zu erwähnen,
die jeden unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Notenausgabe
und dem Stand der Wechselkurse und der Preise bestritt. Tooke
wendet besonders gegen die Bullionisten ein, daß die Preiserhöhung in
der in Frage kommenden Periode keineswegs eine allgemeine war,
sondern fast nur bei dem Getreide vorgekommen sei. Wäre wirklich

1) a, a. O, S. 57.
*) IL, ed., connected with a supplement. London 1810.
3 a. a. O. S. 201.
        <pb n="24" />
        eine Geldentwertung schuld gewesen, so hätte sich die Preiserhöhung
auf alle Waren erstrecken müssen: „Nicht wohl zu begreifen ist es daher
— sagt Tooke —1) wie es in dem Bericht der Commission (Bullion C.)
von 1810 heißen konnte: „Die Preise aller Waren sind gestiegen und
Gold scheint nur in Gemeinschaft mit ihnen gestiegen zu sein. Wenn
diese gleichmäßige Wirkung einer und derselben Ursache zuzuschreiben
ist, so kann diese Ursache nur in der Lage der Landesvaluta zu suchen
sein.‘ Diese Bemerkung wurde zu einer Zeit niedergeschrieben, als
alle Waren, mit Ausnahme von Lebensmitteln, an welchen Mangel war,
reißend im Preise fielen und noch im Fallen begriffen waren, als Gold
stieg. ‚„,...Es gab im Jahre 1810 sehr wenige Waren, deren Verkauf
damals nicht einen Kapitalsverlust von 29, 30% und selbst mehr im
Vergleich zum Einkaufspreise von 1800 gebracht haben würde. Bei
Ländereien, Häusern oder Schiffen würde allerdings eine Ausnahme
stattgefunden haben; die ist aber leicht zu erklären. Die wiederholten
Mißernten hatten die Getreidepreise zu einer, wie es schien, bleibenden
Höhe getrieben und dadurch die Grundbesitzer in den Stand gesetzt,
bei jedem neuen Pachtkontrakt ein höheres Pachtgeld zu erhalten, so
daß diese in einzelnen Fällen dreimal so hoch wurden, wie sie 1792
gewesen und Spekulationen in Land fast sicher einen Vorteil abwarfen.
Bei Häusern wirkten die vermehrten Abgaben auf Baumaterial und
die so viel höheren Preise von Bauholz, neben der Zunahme der Bevölkerung,
 wie eine Prämie zugunsten aller vorhandenen Gebäude, und
führten notwendig eine Steigerung ihres Wertes herbei. Bei Schiffen
kam außerdem noch hinzu, daß sehr viele zu Truppentransporten,
namentlich nach Portugal und Spanien, gebraucht: wurden. Aber mit
diesen Ausnahmen, für welche die Erklärung vorliegt, waren die Preise
fast aller Verkehrsgegenstände 1810 und 1811 niedriger als 1800;
in wenigen Fällen um nur 20, in vielen um mehr als 50%,
in Papier bemessen, während Gold um 25% gestiegen war.“
Tooke weist ferner darauf hin, daß die Ursache des niedrigen
Wechselkurses 1809 in den außergewöhnlichen Zahlungsverpflichtungen
Englands an das Ausland gelegen hätte: „Der Krieg auf der pyrenäischen
Halbinsel hatte begonnen, der große Barsendungen für den Sold und
Unterhalt der verbündeten Heere erforderte, und mit Österreich wurden
im Hinblick auf dessen Kriegserklärung gegen FF. Tankreich, die im Frühjahr
 1809 stattfand, Subsidientraktate gepflogen.
Diese Verhältnisse mußten mächtig auf die Wechselkurse einwirken,
die demnach beträchtlich hinuntergingen, ohne daß die Bank vorher

?) a. a. O. S. 142/43 u. 144/45-K.
 Diehl, Geldwesen und Valuta.
        <pb n="25" />
        ihre Notenausgabe vermehrt hätte. Der durchschnittliche Betrag dep
Noten von 5 £ und darüber war während des Vierteljahres endend am:
Kurs auf Hamburg
30. Juni 1808 £ 13,189,270 z. Juli 35sh. 3 d. (Bcomb. 13. 3. 6),
30. Sept. 1808 £ 13,060,650 30. Sept. 33sh. 9d. ( ,, 12.10. 6),
31. Dez. 1808 £ 13,259,780 230. Dez. 31sh.3d. ( .. 11.11. 6).

Und dieser Fall des Kurses war eingetreten, obgleich die Bank
inzwischen über 3 Millionen in Metall ausgegeben hatte. Am Schluß
von 1808 wurde kein Preis von Gold notiert; im Verhältnis zum Kurs
mußte er etwa 4 £ 7 sh. 6 d. sein. . . . Die Zahlungen der Regierung im;
Auslande betrugen 1808, 1809 und 1810 über 32 Millionen, und die
Getreide-Einfuhr nahm noch über 10 Millionen in Anspruch, was mithin
einen Betrag an außerordentlichen Zahlungen von 42 Millionen £ bildete.
Dazu kamen 1809 und 1810 noch sehr viele andere Einfuhren außer
Getreide, und da alle diese schweren Güter in fremden Schiffen eingeführt
 werden mußten, so machten schon allein die Frachtgelder, die
damals übertrieben hoch waren, einen ferneren bedeutenden Posten:
unter den dem Auslande zu leistenden Zahlungen aus, der für das Jahr
z810 auf nicht weniger als 5% Millionen angegeben wird, Und während
die von England zu leistenden Zahlungen zu so übermäßiger Höhe
anschwollen, zielte das Kontinentalsystem, demunsere eigenen Kabinettbefehle
 in die Hände arbeiteten, dahin, uns die Möglichkeit zur Bestreitung
 dieser Ausgaben mittels Warenausfuhr immer mehr zu beschneiden
 11.“

Tooke zieht dann zum Beweis für seine Auffassung die Verhältnisse:
der Jahre 1813 und 1814 heran. Die Bank von England hätte damals
ainen sehr großen Notenumlauf gehabt, nämlich rund 25 Millionen £.
Der Goldpreis sei bis auf 5 £ 8 sh. gestiegen, der Wechselkurs auf Hamburg
 auf 29 sh., der auf Paris auf 21 Fr. gefallen. Er erwähnt die großen:
Zahlungsverpflichtungen Englands für Subsidien und die großen,
Zahlungen für Korneinfuhren, so daß insgesamt für diese beiden Rubriken
 in den Jahren 1813 und 1814 England 53 Millionen £ zu zahlen
gehabt hätte. Dann fährt er fort: „Ein entscheidender Beweis, daß,
wenn auch unter so außergewöhnlichen Umständen der Umlauf der
Noten zu groß war, um das Papier auf gleicher Höhe mit seinem Wertmesser
 zu erhalten, dieses nicht der Fall war, sobald jene Umstände
wegfielen, liegt darin, daß die Wechselkurse wieder stiegen und Gold.
rasch fiel. als der Betrag der Noten nicht nur nicht vermindert, sondern.

N a. a. O0. S. 161/62 u. 164.
        <pb n="26" />
        mm IQ —

geradezu vermehrt wurde. Die Friedenspräliminarien zwischen den
verbündeten Mächten und Frankreich wurden im April 1814 unterzeichnet
 und innerhalb der nächsten 6 Monate war Gold auf 4 £ 5 sh.
gefallen, der Kurs auf Hamburg auf 33 sh. (Bcomk. 12.6 sh.), der auf
Paris auf 23 Fr. 30 sh. gestiegen. Auch fielen die Warenpreise in diesem
Zeitraum beträchtlich !).“
In derselben Zeit aber habe die Bank von England ihren Notenamlauf
 noch erheblich vermehrt, nämlich auf 28,3 Millionen (31. 8. 1814).

Das Urteil darüber, welche der beiden Richtungen im Rechte ist,
lautet auch heute in der Wissenschaft noch verschieden. Bis in die
neueste Zeit herein fanden die Bullionisten (d. h. diejenigen, die wie
Ricardo die Ursache der beklagten Mißstände im Zustand des englischen
 Geldwesens erblickten) ihre Anhänger, wie z. B. Kellenberger®),
wie andererseits auch den Antibullionisten vielfach Zustimmung zuteil
wird. In gewisser Hinsicht wird man auch sagen können, daß auf beiden
Seiten die Gesichtspunkte zur richtigen Beurteilung der Sachlage
gegeben werden, daß aber infolge zu großer Verallgemeinerungen und
Einseitigkeiten eine objektive Würdigung fehlt und der wahre Kausalzusammenhang
 verkannt wird. Auf Grund des reichen Materials, das
heute vorliegt, und das in einer außerordentlich großen Literatur
verarbeitet ist und der Beobachtungen, die unter der Wirksamkeit
der Bankgesetze gemacht worden sind, die gerade unter dem Einfluß
bestimmter Theorien der Bullionisten zustande gekommen sind, läßt
sich heute das folgende Urteil fällen:
Wir müssen unterscheiden zwischen der primären, d. h. der
aigentlich entscheidenden Ursache des Sinkens der Wechselkurse und
der Preissteigerung und den sekundären Ursachen.
Was die pri märe Ursache anlangt, so haben die Bullionisten offenbar
 Unrecht, wenn sie diese auf der Seite des Geldes, d. h. in der Entwertung
 der Banknoten erblicken, und es ist den Antibullionisten
entschieden Recht zu geben, wenn sie die damalige Gestaltung der
Handels- und Zahlungsbilanz als ausschlaggebenden Faktor bezeichnen.
Auf der anderen Seite war es eine Einseitigkeit der Antibullionisten,
zu bestreiten, daß auch die Geld- und Währungsverhältnisse teilweise
 die Schuld trügen, und Ricardo mit seinen Anhängern hat

4 a. a. O. SS, 191. . .
?) Vgl. seine Abhandlung „Die Aufhebung der Barzahlung in England 1797
und ihre Folgen“, In Conrads Jahrb. 1916 IL, 5. 391.
        <pb n="27" />
        vv.

durchaus mit ‘Recht auch auf diese Seite des Ursachenkomplexes
hingewiesen.
Unter den sekundären Faktoren spielt zweifellos die Entwertung
 der Noten eine Rolle. Wäre wirklich - die Entwertung
der Noten infolge der Bankrestriktion die entscheidende Ursache
gewesen, so hätte sich während der ganzen Restriktionsperiode
eine viel stabilere und stetigere Preissteigerung und ein fortdauernd
ungünstiger Stand der Wechselkurse zeigen müssen. Dies war aber
keineswegs der Fall, sondern wir sehen vielmehr, daß die Wechselkurse
und die Preise einen sprunghaften Charakter an sich trugen, daß
Zeiten großer Preissteigerungen auch solchen von gedrückten Preisen
Platz machten und ebenso, daß auch der Goldpreis und die Wechselkurse
 nur zu bestimmten Zeitperioden eine für England sehr ungünstige
Gestaltung angenommen haben. Die besonderen, durch den Krieg
hervorgerufenen ungünstigen Gestaltungen des Warenmarktes und der
auswärtigen Handelsbeziehungen hatten zeitweilig zu den schlechten
Wechselkursen und teueren Preisen geführt. Die Gestaltung der Handelsund
 Zahlungsbilanz war in dieser Periode öfters so — namentlich infolge
der Absperrungspolitik —, daß England nicht genügend Waren aus-{ühren
 konnte, um seine dringend notwendigen Zahlungen sowohl für
Subsidien wie für die Einfuhr nötiger Waren mit Waren zu bezahlen.
Da die englischen Wechsel wegen ungenügender Ausfuhr nicht so
dringend nachgefragt waren wie umgekehrt die Wechsel auf das Ausland
von England gesucht waren, so mußte der Preis für die Auslandswechsel
entsprechend steigen. Weil England für viele Zahlungen auf Goldsendungen
 angewiesen war, wurde in gewissen Zeitperioden Gold
ımmer seltener, knapper und teurer, und hieraus erklärt sich im
wesentlichen die häufige Steigerung des Goldpreises über den Münzpreis.
 Trotz aller Einfuhrbeschränkungen gelang es England auch in
den Zeiten strengster Absperrungsmaßregeln, gewisse Waren, die es
dringend benötigte, auf dem Wege des Schmuggels, durch Lizenzen usw.
einzuführen. Dafür waren Goldzahlungen nötig; denn Wechsel auf
England ‚wurden gerade in jener Zeit z. B. in Hamburg nicht mehr
gezogen, da niemand mehr wagte, offen mit England in Verbindung
zu bleiben. So mußte England große Goldmengen für seine ausländischen
Verpflichtungen der verschiedensten Art reservieren, wodurch der Goldvorrat
 immer mehr zusammenschmolz und das Gold immer teurer
wurde. Ebenso mußte England in jener Absperrungsperiode für die
Bezahlung der Einfuhr aus den neu eröffneten südamerikanischen
Märkten Gold senden, da für englische Waren der südamerikanische
Markt nicht in entsprechendem Maße aufnahmefähig war und ein
        <pb n="28" />
        21

geregelter Wechselverkehr mit diesem Lande nicht möglich war?):
„Diese fast 3 Jahre dauernde Übersendung von Metallgeld hatte aber
den Vorrat an solchem jetzt vollständig aufgebraucht. Gold fing an,
buchstäblich eine Rarität zu werden und war nicht mehr in ausreichender
Menge zum Auslandtransport zu haben. Das Silbergeld des Landes
war in einer Verfassung, die jeder Beschreibung spottete. Es hatte
durchweg eine Begültigung, die zu seinem Edelmetallgehalt in fast
gar keinem Verhältnis stand. So mußte denn England tatenlos zusehen,
wie die Wechselkurse sich immer ungünstiger gestalteten ?).““
Schon vor der Aufhebung der Einlösungspflicht war gelegentlich
aus demselben Grunde, nämlich wegen dringender Nachfrage nach Gold
zu Auslandszahlungen der Goldpreis über den Münzpreis gestiegen, So
z. B.:

1720 auf £ 4. 5.
1783 „ £4. 2.3.
1705 ‚,, £ 4. 8.3)

Die irrige Meinung der Bullionisten ist auf gewisse falsche Grundanschauungen
 Ricardos über das Verhältnis zwischen Geldmenge und
Warenpreisen zurückzuführen. Sein Hauptirrtum lag in der von ihm
vertretenen Quantitätstheorie, die zwar eine bedeutende Verbesserung
 gegenüber der naiven Quantitätstheorie von Locke und
Hume darstellt, aber auch in dieser verfeinerten Form zu falschen
Schlüssen führen mußte. Sei zuviel Geld im Land, so meint Ricardo,
dann sänke sein Tauschwert, es’stiegen infolgedessen die Warenpreise,
bis wieder durch Abströmen des zu billigen Geldes ins Ausland das
cichtige Verhältnis hergestellt sei; umgekehrt, sei zu wenig Geld im
Lande — sei es zu „teuer“, so fielen die Warenpreise, bis durch Zuströmen
 des im Auslande billigen Geldes wieder ein Ausgleich stattfände.
So faßt Ricardo in sehr einseitiger Weise das Verhältnis zwischen
Geldmenge und Warenpreisen als ein mechanisch-automatisches auf.
Preise der Waren einerseits und Menge des Geldes andererseits stünden
im engsten Konnex.
„Verminderung oder Vermehrung der Menge des Geldes steigert
oder erniedrigt immer den Preis der Waren‘‘*) — so lautet eine seiner
apodiktischen‘ Behauptungen vor der Unterhauskommission. — Und
zwar soll die Einwirkung der Geldmenge auf die Preise in fast arithmetisch-exakter
 Weise vor sich gehen. Auf die Frage vor derselben

1) Wolter, a. a. O. 8. 77.
3 Wolter, a. a. O. S. 104.
3 Vgl. Bouniatian, a. a. O, 5. 218.
1) Commons Cash payments reports, S. 198.
        <pb n="29" />
        — 22

Kommission: „Glauben Sie, daß eine Verminderung der Umlaufsmittel
eine Verminderung der Preise in exakt-arithmetischer Progression hervorbringt
 ?‘“ antwortete er: „Ich glaube, sie hat eine Tendenz so zu
wirken, aber sie wird nicht genau so exakt zum Vorschein kommen 1),““
Ricardo übersah die besondere Eigentümlichkeit des Geldes, die
es vor allen anderen Waren auszeichnet, nämlich, daß Geld das einzige
gesetzlich zulässige letzte Solutionsmittel für Forderungen aller Art ist.
Wenn also ein Land gezwungen ist, eine bestimmte Ware vom Ausland
zu beziehen, so ist es genötigt, Geld dafür zu zahlen, wenn nicht
ein Ausgleich durch andere Waren möglich ist. Dann ist es aber verkehrt
 zu sagen, Geld geht aus dem Lande, weil es verhältnismäßig
billiger ist als dort, wohin es ausgeführt wird, sondern Geld geht dorthin,
weil unter den konkreten Marktverhältnissen Geld zum Ausgleich bestimmter
 Forderungen für Warenkäufe die einzig mögliche Gegenleistung
darstellt. Mit Eigensinn hält er aber den Einwänden von Malthus
gegenüber daran fest, daß eine sogenannte ungünstige Handelsbilanz
immer nur durch Billigkeit, das heißt Überfluß des Geldes verursacht
sein könne.
Nicht also die Nachfrage nach Waren, oft dringendster Art, wie
z. B. nach Getreide, sei die Ursache ungünstiger Handelsbilanz, sondern
immer nur die „Billigkeit‘“ bzw. .‚Teuerkeit‘“ des Geldes soll in Frage
kommen.
So kam Ricardo schließlich zu dem vor dem parlamentarischen
Untersuchungsausschuß (1819) ausgesprochenen Satz?): „Es gibt keinen
ungünstigen Wechselkurs, der nicht durch eine Verminderung in der
Menge der Umlaufsmittel zu unseren Gunsten geändert werden könnte.“‘
Man könnte es fast als Sophisterei bezeichnen, wenn Ricardo auf
die wiederholten Einwände Malthus’, daß doch unter Umständen ein
desonders dringlicher Bedarf nach einer Ware die Preissteigerung
erkläre und daß die anderen Waren daher im Preise stabil blieben, an
seiner Meinung festhält mit der Motivierung, daß es auf die Gesamtmenge
 der Waren einerseits und die Gesamtmenge des Geldes auf der
anderen Seite ankomme?). „Obwohl zugegeben werden kann, daß die
Preissteigerung einer Ware, im Falle eines Mangels an Getreide, von
einem Fallen der Preise aller übrigen begleitet sein kann, warum sollte
ein Überfluß an Geld unter solchen Umständen unmöglich sein? Das
Geld muß, behaupte ich. als ein Ganzes betrachtet werden. und muß

) Ebendort S. 136.
“ Commons cash payments reports 1819, S. 200.
$) Letters of David Ricardo to Thomas Robert Malthus 1810—1823
ed. by James Bonar. Oxford 1887. (B. W. I.) 5. ı3.
        <pb n="30" />
        als solches verglichen werden mit der Gesamtheit an Waren, die es
umsetzt. Wenn es also in „a greater proportion‘“ zu Waren steht, nach
als vor einer schlechten Ernte, während keine solche Änderung in dem
Verhältnisse zwischen Geld und Waren auswärts stattgefunden hat,
so scheint mir, daß kein Ausdruck diesen Zustand der Dinge richtiger
bezeichnen kann, als „a relative redundancy of currency‘““,
Unter solchen Umständen würde nicht nur Geld, sondern jede
andere Ware verhältnismäßig billiger werden, verglichen mit Getreide,
und würde infolgedessen gegen das Getreide, welches in diesem Lande
verlangt wird, ausgeführt. Unter relativer Überfülle verstehe ich also
relative Billigkeit und die Ausfuhr der Ware sehe ich in allen gewöhnlichen
 Fällen als Beweis solcher Billigkeit an.“
Bei seiner Theorie von dem engen Zusammenhange zwischen der
im Lande vorhandenen Geldmenge und den Warenpreisen übersieht
ferner Ricardo zu sehr den Unterschied der beiden Funktionen des
Geldes als eines Wertumsatzmittels und eines Wertaufbewahrungsmittels,
Es ist gar nicht nötig, daß jede Geldeinfuhr die Umlaufsmittel als solche
vermehre, das heißt den Teil des Geldes, der dem Güterumsatze dient,
wie umgekehrt auch nicht durch jede Geldausfuhr die in Zirkulation
befindliche Geldmenge verringert zu werden braucht. Es können auch
die in den großen Banken und sonstigen Kreditinstituten ruhenden
Geldbestände sein, die in beiden Fällen allein geändert werden; das im
Umlauf befindliche Geld kann unberührt bleiben, und daher kann auch
ein direkter Einfluß dieser Änderung der Geldmenge auf die Preise
nicht stattfinden.
Es ist das besondere Verdienst Fullartons, in seiner Schrift „On
the Regulation of currencies‘“1) auf diesen Punkt nachdrücklich aufmerksam
 gemacht zu haben. Er wies auf die Bedeutung der „Hoards“‘“
hin, die „einen Teil des Geldes aller Länder ausmachen, und deren
Wichtigkeit bis jetzt noch nicht genügend beachtet wurde ?).““
Wenn auch die den- Reservebeständen entnommenen Beträge
wieder aus den in der Volkswirtschaft vorhandenen ersetzt werden
müssen, so braucht dies doch nicht momentan zu geschehen, es kann
lange Zeit vergehen, bis dies nötig wird. Zweifellos ist der mechanische
Zusammenhang, den die Bullionisten zwischen der im Lande befindlichen
 Geldmenge und den Warenpreisen annehmen, auch gerade im
Hinblick auf die erwähnten Hoards zu bestreiten,
Es ist ferner für Ricardos Auffassung charakteristisch, wonach

1) Il. ed. London 1845.
4) S. 70,
        <pb n="31" />
        24

ss auf die Menge der Umlaufsmittel ankommt, und nicht auf die Art.
derselben, daß er in der Frage der Einwirkung der Notenmenge auf den:
Geldwert es als ganz gleichgültig bezeichnet, auf welche Art die Notem
ausgegeben werden. Bei seiner Vernehmung vor dem parlamentarischenm
Ausschuß über die Wiederaufnahme der Barzahlungen (1819), wurde:
er gefragt, ob es nicht einen Unterschied für die Frage der Zuviel- oder
Zuwenigausgabe der Noten ausmache, ob letztere gegen Ankauf von
Edelmetall oder in Form von Darlehen ausgegeben würden. Er antwortete:
 „Es scheint mir keinen Unterschied zu machen, ob die Ausgabe
auf dem Weg des Diskonts, in Form von Regierungsdarlehn oder gegen
Ankauf von Münze vor sich geht, es ist der ziffernmäßige Betrag,
der die Wirkung hervorbringt!).“
Indem Ricardo die letztere theoretisch bestehende Gefahr auch
als praktisch vorhanden annahm, irrte er über den Kausalzusammenhang
 zwischen Wechselkursen und Notenausgabe; die letztere schien
ihm für alle abnormen Preisgestaltungen verantwortlich. Nur wenn
wirklich Schritt für Schritt mit vermehrter Notenausgabe auch eine
Erhöhung der Preise und Verschlechterung der Kurse verbunden gewesen
 wäre, hätte man aus den tatsächlichen Vorkommnissen auf diesen.
Zusammenhang schließen können. Es läßt sich aber leicht zeigen, daß.
sine solche allmähliche Entwicklung gar nicht vorlag ; ebenso auch, daß.
die Kurse und Preise sich bedeutend besserten, ohne daß eine Verminderung
 in der Notenausgabe eingetreten war.
Somit wäre auch das von Ricardo vorgeschlagene Heilmittel
— nämlich eine proportionelle Einschränkung der Notenmenge — nicht.
imstande gewesen, den ungünstigen Preis- und Kursverhältnissen entgegenzuwirken,
 sondern die Sanierung konnte erst eintreten, als die
Verhältnisse der Handels- und Zahlungsbilanz sich gebessert hatten.
Ricardo spricht von einem „progressively increasing‘“ schlechten.
Stand der Wechselkurse und sucht nach einer „permanent cause‘ und
findet, „that it is to be accounted for only by the depreciation of the
circulating medium“. Es ist also das Charakteristische, daß Ricardo.
allein die Geldentwertung für die niedrigen Wechselkurse verantwortlich
macht, nicht, was ohne weiteres zuzugeben ist, daß sie nur eine der
Ursachen sei.
Tatsächlich hatte aber der Stand der Handelsbilanz die ungünstigen
Wechselkurse hervorgerufen, was klar daraus hervorgeht, daß auch
während der Restriktion und zuzeiten starker Notenausgabe die Kurse:
besser waren, sobald die Handelsverhältnisse bessere wurden. und daß,

') Commons cash reports 1819, S. 1309.
        <pb n="32" />
        die gesunkenen Kurse sich wieder erholten, ohne daß die Menge der
Noten abgenommen hatte. Für Ricardo ist eigentümlich, daß er
eine „ungünstige Handelsbilanz“ gar nicht anerkennt; wenm infolge
 der großen Warensendungen Geld aus dem Lande gezogen wird,
so ist für ihn Geld „the cheapest exportable commodity““, ein Ausdruck,
Jer immer beiihm wiederkehrt. Es findet dann ein natürlicher Austausch
zwischen zwei Waren statt, und die natürliche Preisbildung soll bewirken,
4aß Geld und keine andere Ware exportiert wird.
Den Ausdruck „ungünstige Handelsbilanz‘“ erklärt daher Ricardo
für inkorrekt!). „Aus welchem Grunde immer eine Ausfuhr von Gold
im Austausch gegen Waren geschehen mag, sie wird stets (wie ich glaube,
sehr inkorrekter Weise) ungünstige Handelsbilanz genannt.“
Fullarton sagt sehr zutreffend?): „Ricardo lebte zur Zeit der
Streitigkeiten, die sich an die Restriktionsakte anschlossen, und hatte
sich so lange daran gewöhnt, alle großen Schwankungen des Wechselkurses
 und des Goldpreises als Folge der übermäßigen Notenausgabe
der Bank von England anzusehen, daß er zu gewissen Zeiten kaum bereit
schien, zuzugeben, daß ein derartiges Ding wie eine ungünstige Handelsbilanz
 überhaupt existiere.“
Anstatt der schematischen, generalisierenden Auffassung der
Bullionisten über den Zusammenhang zwischen Notenausgabe, Wechselkursen
 und Warenpreisen derart, daß es nur die zu große Menge von
Noten sei, die den ungünstigen Stand der Kurse und den hohen Preisstand
 erklärten, ist der methodisch viel richtigere Standpunkt Tookes
unbedingt zu akzeptieren, der in genauer Weise für die einzelnen Zeitabschnitte
 im einzelnen untersucht, wie der Stand der Wechselkurse
und der Preise zu erklären ist. Das Resultat dieser sorgfältigen und
gründlichen Untersuchungen Tookes ist, daß die Ansicht Ricardos
and des Bullion-Committees falsch ist, und daß es andere Ursachen
waren, welche die abnormen Preis- und Kursverhältnisse bewirkt haben,
daß jedenfalls der Geld- und Notenumlauf bei dieser Gestaltung nur
aine sekundäre Rolle gespielt hat.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1809 und der folgenden
Jahre können ein Weichen der Kurse erklären, ohne in erster Linie auf
die Notenemission der Bank von England zu rekurrieren. Senior hat
diese Zustände einmal so charakterisiert?) : „Die schlechten Ernten von
r808/09, die ungeheuren Ausgaben der Regierung im Auslande, die

ij The high price etc., S. 270.
') On the regulation of currencies. London 1849. S. 133-3)
 Zitiert von Tooke I, S. 608.
        <pb n="33" />
        — 26 —

Ausschließung britischer Waren und Schiffe von den Häfen des Fest-Jandes,
 die übertriebenen Frachten und Versicherungen, die unsere
Einfuhren in fremden Schiffen uns kosteten, die plötzliche Eröffnung
der südamerikanischen Märkte und die Verrechnungen unserer Kaufleute
hinsichtlich des Umfanges und der Beschaffenheit der neuen Bedürfnisse
— alle diese Umstände verursachten Spekulationen, Bankrotte, Mißkredit,
 kaufmännische Verlegenheiten in einem Umfange, wie er noch
nicht dagewesen war und wahrscheinlich nie wiederkehren wird.“
Wenn man die dem Bullion-Report beigegebene Tabelle über die
Notenausgabe der Bank von England und die Wechselkurse prüft,
findet man keine Bestätigung der von den Bullionisten angenommenen
Wechselwirkung zwischen Notenmenge und Wechselkurs; wäre wirklich
der ungünstige Stand des Wechselkurses die Folge der vermehrten
Notenmenge, so müßte dieser in Jahren besonders großer Notenausgabe
auch sehr niedrig sein.
Der Totalbetrag' an Noten am Tage der Restriktionsakte war
8% Millionen £1). Dieser Betrag stieg allmählich im Laufe der Jahre
[797/98 bis auf 13 Mill. £, der Hamburger Wechselkurs aber stieg trotz
dieser Vermehrung der Noten auf 38 sh., und auch im März 1799, als
die Noten weiter auf 13% Mill. vermehrt wurden, stand der Kurs noch
auf 37 sh. 7 d. Dann fiel der Kurs allerdings bis zu dem abnorm tiefen
Stand von 29 sh. 8 d. am 2. Januar 1801. In der Zwischenzeit war die
Notenmenge zwar von 13% auf 16% Mill. £ gestiegen, aber diese Steigetung
 kam wesentlich auf Noten von ı und 2 £, die Menge der Noten
über 5 £ war 1802 nicht höher als 13,9 Mill. £. Das Fallen des Wechselkurses
 hatte seine Ursache in der großen geschäftlichen Depression,
der großen Einfuhr von Getreide und den Subsidien, die England zu
zahlen hatte. Als dann später, d. h. in der Zeit von Januar 1803 bis
Ende 1804 eine Steigerung der Notenmenge bis auf 18 Mill. £ stattfand,
erholte sich der Kurs so, daß er von 20,8 auf 32,10 und dann auf 35.10
stieg.
Erst die ungünstigen Handelsverhältnisse der Jahre 1808 und 1809
orachten ihn wieder auf 28,6 herab.
Wie in der Frage der Einwirkung der Geldmenge auf die Wechselkurse,
 so haben die Bullionisten auch in der Frage der Einwirkung der
Geldmenge auf die Warenpreise einen viel zu mechanisch-automatischen
Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen angenommen, Wie
den schlechten Stand der Kurse, so schreibt sie auch den hohen Stand
der Preise — und zwar hier besonders der Getreidepreise — der durch

4) Appendix of accounts zum bullion report 1810, S. 6o,
        <pb n="34" />
        m. 27 in

die Bank betriebenen zu großen Notenemission und der dadurch hervorgerufenen
 Überfülle an Umlaufsmitteln zu. — Sie nahmen einen Parallelismus
 zwischen Notenausgabe und Teuerung an, weil sie meinten,
daß die Bankbeschränkung eine fortwährend sich steigernde und anhaltende
 Zuvielausgabe der Noten bewirke, wie einmal Graham
behauptet!), es habe während jener langen Periode jede Vermehrung
der Noten mit wunderbarer Pünktlichkeit eine entsprechende Erhöhung
der Getreidepreise zur Folge gehabt.
Die wirklichen Ursachen lagen in den Verhältnissen des Handels
und bewirkten auch nur zeitweilig ein großes Disagio der Noten. In
der Zeit von 1797—1814 waren zeitweise die Preise der Lebensbedürfnisse
 und vieler anderer Gegenstände um 50—100% und darüber
gestiegen und später bis zu ihrem Ausgangspunkt und darunter gesunken,
 der durchschnittliche Börsenpreis des Goldes über dem Münzpreis
 aber in den ersten 12 Jahren nach Einstellung der Barzahlungen
betrug nicht mehr als 4% und in den folgenden Jahren nicht mehr
als 20%?)
Einen wie großen Anklang aber diese Lehren von dem Zusammenhang
 der Geldmenge und der Preishöhe gefunden hatte, ergibt sich aus
einer Stelle im Bullion-Report, wo diese Lehre völlig akzeptiert ist?):
„Eine Vermehrung in der Menge des lokalen Geldumlaufs eines bestimmten
 Landes wird die Preise in diesem Lande genau (exactly) in
derselben Weise erhöhen, wie eine Vermehrung in dem allgemeinen
Vorrat von edlen Metallen die Preise in der ganzen Welt erhöht. Vermittels
 der Vermehrung der Quantität wird der Wert einer gegebenen
Menge des Umlaufsmittels, im Austausche für andere Waren, verringert;
mit anderen Worten, die Geldpreise aller übrigen Waren werden erhöht,
und der der Münze ebenso. — In dieser Weise wird ein Überschuß des
lokalen Geldes eines bestimmten Landes ein Steigen des Marktpreises
des Goldes über seinen Münzpreis bewirken.“‘
Aus dem reichen Tatsachenmaterial, das Tooke beiträgt, sei noch
auf die Statistik der Preise und des Notenumlaufs in der Zeit von
1803—1808 hingewiesen (I S. 131ff.), einen „Zeitraum, der die größten
Preisschwankungen, Finanzoperationen und politischen Veränderungen
umfaßt‘ und doch ist dieser Zeitraum durch einen sehr mäßigen Betrag
an Noten charakterisiert, ganz besonders aber durch die Gleichmäßigkeit
 des jährlichen Durchschnitts im Notenumlauf, Die Jahre 1802

1) In einer 1826 erschienenen Schrift „Corn and Currency‘ (vgl. Tooke,
a. a. O. I. S. 122).
?* Tooke, I S. 65.
3) Bullion report 1810, S. 17.
        <pb n="35" />
        28 —

und 1803 sind besonders dadurch bemerkenswert, daß die Weizenpreise
sehr niedrig waren, der durchschnittliche Betrag an umlaufenden Noten
von 5 £ und darüber aber größer war, als in den fünf folgenden; aus den
von Tooke nebeneinander gestellten Weizenpreisen und Beträgen an
Noten, die im Umlaufe waren, ergibt sich, wie wenig Zusammenhang
zwischen beiden ist (I, 1371).
Festzuhalten ist noch folgende von Tooke berichtete Tatsache:
Während im Jahre 1810 die Banknoten zu einem bedeutenden Belaufe
vermehrt wurden, wie sie ihn bis 1813 durchschnittlich nicht wieder
erreichten, fielen die Preise im allgemeinen; 1811—1812 stiegen die
Preise des Getreides und anderer europäischer Rohstoffe beträchtlich
bei einem verminderten Notenumlauf (I, 169). Gegen die Annahme
der Verursachung des hohen Preisstandes des Getreides 1810 durch
die Landesvaluta spricht aber auch ferner, daß diese Preisgestaltung
ganz ähnlich in anderen Ländern Europas war.
„Nun aber hat sich dieselbe Erscheinung der Preiserhöhungen in
gleicher Zeit auch in den anderen Ländern Europas wiederholt, wobei
freilich der Unterschied in dem gewöhnlichen Stande der Preise von
den englischen festzuhalten ist. 1810, 1811 und 1812 war der Charakter
der Witterung auf dem Festland, und namentlich in Frankreich, dem
in England ähnlich, und die Preise stiegen daselbst in einem gleichen
Verhältnis1).“
Neben Tooke hatte auch Lowe in seinem 1822 erschienenen Werke
„The Present State of England“ die Irrtümer der Currency-Theorie
statistisch zurückgewiesen; in einer übersichtlichen Tabelle zeigt er,
daß die Fälle großen Sinkens der Wechselkurse in der Zeit von 1797
bis 1822 hauptsächlich auf zwei überwiegende Ursachen zurückzuführen
ind, auf die großen Ausgaben der Regierung und die großen Einfuhren
von Getreide 2).“

Ist somit die Grundauffassung der Bullionisten zurückzuweisen,
daß die Entwertung der Noten die Hauptursache der Teuerung und
des Sinkens der Wechselkurse war, so gehört sie doch zu den
sekundären Ursachen; die Disparität zwischen Noten und Gold war
zugleich auch ein Zeichen, daß eine Entwertung der Noten eingetreten
 war; und diese Entwertung war eine Folge ihrer Uneinlöslichkeit.‘

Insofern haben die Bullionisten recht, wenn sie einen gewissen

1) Tooke, I S. 15%
2) Fullarton, S. ıs09.
        <pb n="36" />
        Zusammenhang zwischen dem Disagio der Noten und der Restriktionsakte
 behaupten. Die von Vansittart eingebrachte und im Mai 1811
vom englischen Unterhause angenommene Resolution, daß die Scheine
der Bank von England bis jetzt in der öffentlichen Meinung für gleichbedeutend
 mit der gesetzlichen Landesmünze gegolten hätten und noch
gälten und allgemein in allen Geschäften wie Münze angenommen
würden, ist mit Recht der allgemeinen Lächerlichkeit verfallen,
Ricardo und seine Anhänger machten immer den Fehler, die
Banknotenausgabe schlechthin mit Papiergeldausgabe zu identifizieren:
‚A Banknote payable in specie is the same thing as coin or bullion““
erklärte er bei seiner Vernehmung als Zeuge vor der Kommission des
Unterhauses betr. Wiederaufnahme der Barzahlungen?).
Und ebenso sagt er in den kurz vor seinem Tode verfaßten und 1824
erschienenen „Proposals‘“ 2): „Die Bank von England verrichtet zwei
ganz verschiedene Bankoperationen, die keine notwendige Verknüpfung
miteinander haben müssen: sie gibt ein Papiergeld aus als Stellvertreter
 für Metallgeld‘““ usw.
Da Ricardo von der Ansicht ausging, daß es nur von der Willkür
der Bank abhinge, so viele Noten auszugeben, als ihr beliebe, so meint
er auch, daß es die notwendige Konsequenz des damaligen Geldsystems
sein müsse, mit jeder größeren Notenausgabe eine immer wachsende
Entwertung der Noten hervorzurufen und er prophezeit eine allmähliche
Entwertung bis zu 50%): „Dieselbe Ursache, welche einen Unterschied
von 15 bis 20% in Noten im Vergleich mit Geld bewirkt hat, wird ihn
bis zu 50% steigern.“
Immer wieder sah er auf die Quantität der Noten und schloß
aus einer Vermehrung der Noten auf die Gefahr einer Entwertung
derselben, statt auf die Qualität der Noten zu sehen, hiernach verschiedene
 Arten der Notenausgabe zu unterscheiden und auch danach
die Folgen der Notenausgabe für den Stand der Preise und der Wechselkurse
 zu erklären. Es ist aber von der größten Bedeutung für den, Geldund
 Kreditverkehr, ob die Noten gegen sichere Handelswechsel
oder gegen Finanzwechsel oder als Darlehen ’an die Regierung auSgegeben
 werden: „Selbst bei den uneinlöslichen Banknoten‘, sagte ich
in meinem Ricardo -Kommentar, „mit tatsächlicher Qualität als
gesetzliches Zahlungsmittel kann von einem „Papiergeld“ nicht die Rede
sein; denn so bedenklich auch der Mangel der Einlösungspflicht ‚ist,
auch unter diesem System werden die Banknoten nicht ausgegeben, ur

1): Commons cash payments reports 1819, S. 140.
2?) Proposals S..503.
3) High price S. 278.
        <pb n="37" />
        30 —

Geld im Umlauf zu bringen, sondern sie werden in Form von Darlehn
an den Staat oder an Kaufleute ausgegeben — also gegen Forderungsrechte,
 die die Bank ihrerseits erwirbt. Dann hängt alles von der Art
der Geschäftsführung der Bank, nicht aber von der Notenmenge
ab, ob und inwieweit auch unter diesen Verhältnissen die Notenausgabe
nur berechtigten Kreditbedürfnissen des Staats und des Handels dient,
oder ob sie darüber hinausgehend zu einer den ganzen Kredit gefährdenden
 Papiergeldwirtschaft führt‘“2),
Für die Art der Geschäftsführung war vor allem maßgebend, ob
und inwieweit sie ihren Kredit der Regierung zur Verfügung stellte,
und es ist für den Geldumlauf von größter Bedeutung, ob die Noten
gegen solide Handelswechsel oder als Darlehen an die Regierung ausgegeben
 wurden, Bei der Hingabe von Noten im Wege der Diskontierung
von Handelswechseln findet überhaupt keine eigentliche Vermehrung
der Zahlungsmittel statt, sondern nur eine kurzfristige Kreditierung
von Zahlungsmitteln, denn diese Notenausgabe erfolgt so, daß die
Wechselverkäufer auf Grund bereits vollzogener Warenverkäufe die
Wechsel einreichen, so daß nach kürzester Frist regelmäßig bei Fälligkeit
der Wechsel die Noten wieder zur Bank zurückfließen. Ein Zahlungsmittel
 — der Wechsel — wird durch ein anderes Zahlungsmittel — die
Note — ersetzt. Anders bei den Darlehen an den Staat. Hier gehen
die Noten nicht aus bereits getätigten Handelsgeschäften hervor,
sondern in einseitiger Weise werden der Regierung neue Zahlungsmittel
gegeben, die sie ihrerseits für alle möglichen Ankäufe benutzen kann.
Die Rückzahlung ist oft erst nach längerer Zeit und in unbestimmten
Terminen zu erwarten. Meist kommen die Noten auf dem Weg der
Steuerzahlung an die Bank zurück: ‚Wegen dieses Fehlens der rege]l-!)

 Diehl, a. a. O. S. 235. Aretz, der mit Recht auf die Bedeutung hinweist,
welche der Art der Notenausgabe für die Entwertung der Noten zukommt, zitiert
meine obige Äußerung mit dem Bemerken: „Auch hier wird der Wesensunterschied
zwischen Kreditbedürfnissen des Staates und der Erwerbswelt vernachlässigt‘
(a. a. O. S. 97). Aber gerade in meinem Ausdruck „berechtigte Kreditbedürfnisse
des Staates‘ und „Art der Geschäftsführung“‘ sollte doch implicite enthalten sein,
daß ich die Art und Weise der Notenausgabe hierbei in Betracht zog. Auch tadelte
ich kurz danach, daß Ricardo auf die Art der Notenausgabe nicht Rücksicht
genommen habe (S, 236). Ebenso sage ich ausdrücklich an anderer Stelle, daß
die Bank von England in der Art der Notenausgabe hätte vorsichtiger sein müssen
(S. 235). Damit wollte ich sagen, daß sie namentlich in ihren Darlehensgewährungen
soweit sie nicht auf Grund von Handelswechseln erfolgten, zurückhaltender hätte
sein müssen, Auf Einzelheiten der Politik der Bank von England ging ich deshalb
an dieser Stelle nicht ein, weil es mir dort auf eine Kritik der Einseitigkeit der
Ricardoschen Quantitätstheorie ankam und nicht auf eine Kritik des Verfahrens
der Bank von England.
        <pb n="38" />
        mäßigen Rückströmung gilt von der finanziellen Notenausgabe allerdings
 das, was der Bullion Report fälschlich von der gesamten damaligen
 Notenausgabe der Bank von England sagt: Diese Noten gelangten,
 wie wir bereits früher erwähnten, meistens nur auf dem Wege
der Steuerzahlung an die Bank zurück. Währenddem die Noten aber
im Verkehr blieben — und das dauerte um so länger, als in politisch
bewegten Zeiten die Steuern oft sehr unregelmäßig einfließen — vermehrten
 sie den Notenumlauf, und hatten die Tendenz, auf dessen
Entwertung hinzuwirken. Soweit die Noten der Bank an die Regierung
vorgestreckt waren, hatten sie ihren Charakter als Kreditpapiere ver-Joren;
 waren sie „entartet‘. Je größer also die finanzielle im Verhältnis
 zu der merkantilen Notenausgabe der Bank war, desto mehr lag
die Gefahr einer Entwertung der Noten vor““?),
Da die Bank von England in ganz bedeutendem Umfang häufig
solche Darlehen der Regierung gewährte, wurde die Menge der Zahlungsmittel
 zeitweise in einer Weise vermehrt, die auf den Wert der Noten
Einfluß haben mußte. Sicher hat die große Liberalität, mit der die
Bank von England der Regierung Darlehen gewährte, in verschiedenen
Abschnitten der Restriktionsperiode durch die große so geschaffene
zusätzliche Kaufkraft zu einer Entwertung der Noten und damit zu
einer Erhöhung der Preise beigetragen. Im Jahre 1810, in dem, wie
wir sahen, das Goldagio besonders groß war und die Wechselkurse so
tief gesunken waren, wurde die Notenpresse in stärkster Weise für
fiskalische Zwecke ausgenützt: „Von 4%%-—5 Millionen in den Jahren
808/10 stiegen diese seit Anfang 1811 rapide und betrugen Mitte dieses
Jahres 12 Mill. £. Ungeachtet wiederholter Vorstellungen der Direktoren
 beim Finanzminister schwollen die Vorschüsse weiter an bis auf
etwa 15 MilL £ Ende Februar und Ende August 1813. Die Regierung
machte zu der Zeit riesige Kriegsaufwendungen und hatte beträchtliche
Summen an das Ausland für Unterhaltungsmittel der englischen Truppen
und Hilfsgelder an die Verbündeten zu zahlen. Allein in den Jahren
1813/14 betrugen diese ausländischen Zahlungen 48;3 Mill. £, davon
3,78 Mill. £ in Edelmetall. Letzteres war bis auf % Mill, £ der Bank
von England entnommen‘““‘?).
Es ist also nicht richtig, wenn Tooke sagt, daß der ganze Vorwurf
einer ungebührlichen Notenausgabe der Bank sich auf die beiden letzten
Kriegsjahre und. die fünf ersten nach dem Frieden beschränke®).
Der große Anteil, den die Regierungsvorschüsse bei der Notenaus-1)

 Aretz, a. a. O. 5. 90/91.
*) Ebenda S. 120/121.
3 Tooke, a. a. O. I S. 135.
        <pb n="39" />
        a,

gabe der Bank von England spielten, mußte auf die Bewertung der
Noten einen ungünstigen Einfluß ausüben, denn die Sicherheit der
späteren Bareinlösung war in. dem Maße vermindert, bzw. gefährdet,
je höher diese Vorschüsse waren und je unsicherer es war, ob diese
Vorschüsse in barem Geld zurückgezahlt werden konnten. So zeigte
sich auch damals, wie stets, wenn ein Kreditgeld die Stelle des Metallgeldes
 einnimmt, daß allmählich ein gewisses Mißtrauen in die Sicherheit
des Geldes eintrat, und dieses Mißtrauen hat auch teilweise zur Entwertung
 der Noten und zur Preissteigerung beigetragen‘?).
Aber nicht nur durch liberale Kreditgewährung an die Regierung,
sondern auch durch die Art der Kreditgewährung an die Handelswelt
 trug die Bank zur Entwertung der Noten bei. Einmal dadurch,
daß sie in Zeiten, in denen sich ohnehin schon eine große Spekulationslust
zeigte, diese noch durch große und billige Kreditgewährung verstärkte. —
50 wurde der Bank von England mit Recht vorgeworfen, daß sie durch
zu große und billige Kreditgewährung von Mitte 1809 bis Mitte 1810
die Erhaltung eines unnatürlich hohen Preisstandes unterstützt habe?).
Auch die große Spekulation im Warenexport nach Südamerika
Ende 1808 und Anfang 1809 wurde von der Bank von England unterstützt.
 Die Fabrikanten von Manchester, Birmingham und Sheffield
wurden mit Aufträgen für die neu eröffneten Märkte förmlich überhäuft,
and das erhöhte wieder den Preis der Rohstoffe 3),
Auch Tooke meint, daß durch die vermehrte Ausgabe von Noten
damals die Preissteigerung verstärkt wurde*). Hiernach läßt sich das
Urteil von Bouniatian nicht aufrecht erhalten, daß die große Bedeutung
 der Suspension darin gelegen hätte, daß sie der Bank von
England gestattete. offenbar ohne wesentliche Veränderung des

1) Selbst Wolter, der als Schüler von Knapp gern metallistische Voreinzenommenheit
 und metallistisches Vorurteil annimmt, gibt zu, daß die große
Menge den Noten der Bank von England, nachdem sie Papiergeld geworden waren,
sehr mißtrauisch gegenüber gestanden hätte, zumal es keine Möglichkeit gegeben
habe, es in metalloplatisches zu verwandeln (vgl. a. a. O. S. 36). — Und an anderer
Stelle sagt er: „Und wie jedesmal, wenn eine Metallwährung einer papierenen
weichen muß, Beunruhigung und Mißtrauen des Volkes die nächste Folge sind,
so war auch in England die Angst vor einem Staatsbankrott und Vermögensverlust
zunächst unter den geschilderten Umständen besonders groß, da wegen der fakultativen
 Stellung der Noten niemand, der sich zu ihrer Annahme verstanden hatte,
sicher war, daß er sie auch wieder als Geld würde zirkulatorisch weiter verwenden
können; was bei Noten wegen ihrer stofflichen Wertlosigkeit ja die einzige Befriedigungsart
 ist‘ (a. a. O. S. 83).
? Bouniatian, a. a, O. S. 220.
3) Bouniatian, a. a. O., S, 204.
 Tooke. a. a. O0. 15. 166.
        <pb n="40" />
        323

Preismaßstabes ein billiges Ersatzmittel für die Metallzirkulation
zu liefern und somit die Erfüllung der großen Zahlungen nach auswärts
ohne große wirtschaftliche Störungen zu ermöglichen !).““
Ferner hatte die Bank von England die vorsichtigen Grundsätze
der Diskontgewährung vielfach außer Acht gelassen. So urteilt Sir
Francis Baring: „Man kennt viele Beispiele von Kommis, die, ohne
ein Kapital von 100 £ zu besitzen, sich als Kaufleute etablierten, und
von der Bank, seit der Restriktion, Kreditgewährung erhielten durch
Diskontierung von sogenannten guten Wechseln, im Betrage von vielleicht
 5000—1I0 000 £. Ich neige zu der Ansicht, daß eine solche Nachfrage
 von der Bank geschaffen worden ist, und nicht dem regulären
Laufe des Handels entspringt‘““?).
Im allgemeinen aber war die Meinung der Direktoren der Bank
von England, daß die Banknotenausgabe in gar keiner Beziehung zu
den Wechselkursen stünde, und sie sagten daher bei ihrer Vernehmung
vor dem Bullion-Committee aus, daß sie bei ihrer Notenausgabe sich
durch den Stand der Wechselkurse nicht beeinflussen ließen. So erklärte
 Whitmore®), daß er bei der Regulierung des Betrages an Darichen
 und Diskontierungen nicht auf den Stand der Wechselkurse
Rücksicht nähme, da eine Prüfung des Notenbetrages und Wechselkurses
 ergäbe, daß sie häufig nicht in Beziehung zueinander stünden.
Er sagte später noch einmal%): „Meine Meinung ist, daß der Betrag
unseres Notenumlaufs absolut keine Beziehung zum Stand der Wechselkurse
 hat.“ Und schließlich erklärte derselbe Sachverständige nochmals:
 „daß der augenblickliche ungünstige Zustand des Wechselkurses
gar keinen Einfluß auf den Umfang ihrer Notenausgabe habe, da die
Bank genau so gehandelt habe, wie vorher.‘ Zwei andere Direktoren
der Bank von England, Pearse und Harman, erklärten ihre Zustimmung
 zu der Meinung Whitmores. Sie meinten sogar, man hätte
den Diskont auf 4 oder 3% herabsetzen können, ohne daß eine Zuvielausgabe
 der Noten zu befürchten gewesen wäre. Auf die Frage vor
dem Bullion-Committee: „Ist es Ihre Meinung, daß dieselbe Sicherheit
gegen ein Übermaß an Notenausgabe vorhanden wäre, wenn die Diskontrate
 von 5 auf 4% reduziert würde ?‘“ antwortete Whitmore®):

ı) Bouniatian, a. a. O. S. 219.
2) Aretz, a. a. O. 5, 86.
%) Report, together with minutes of evidence, and accounts, from the Select
Committee on the high price of bullion, ordered by the House of Commons, to be
Printed June 8, 1810, S. 111.
*) Ebendort S, 112.
5) Bullion Report 1810, 5. 128.
K. Diehl, Geldwesen und Valuta.
        <pb n="41" />
        34

„Die Sicherheit gegen eine Zuvielausgabe würde meiner Meinung nach
genau dieselbe sein,“ Pearse fügte hinzu: „Ich stimme mit dieser
Antwort überein,“ Auf die weitere Frage: „Wenn sie bis auf 3% reduziert
 wäre?“ antwortete Whitmore: „Ich meine, es wäre kein Unterschied,
 wenn unsere Praxis dieselbe wie jetzt bliebe, keine Note in den.
Umlauf zu zwängen.‘“ Auch dieser Antwort gab Pearse seine Zustimmung.

Zusammenfassend. können wir also sagen: Die Hauptursache für:
die Steigerung der Preise und das Sinken der Valuta in der Periode:
der Bankrestriktion 1797—1823 ist nicht in der Aufhebung der
Einlösungspflicht und der daraus hervorgehenden Entwertung der:
Banknoten zu erblicken, sondern in den durch die Kriegsverhältnisse:
hervorgerufenen Verhältnissen der Handels- und Zahlungsbilanz. Aber
durch eine zu weitgehende Gewährung von Notenkredit, besonders in.
Form von Regierungsdarlehen, sind zeitweise die Tendenzen verstärkt.
worden, welche diese Erscheinungen hervorgerufen haben.
Wir wollen jetzt zu den deutschen Verhältnissen zurückkehren:
und werden später Gelegenheit haben, auf die englischen Zustände
jener Zeit zurückzukommen, besonders auch, wenn wir der Frage
näher treten, wie die Valutaverhältnisse nach dem Kriege gebessert:
werden können.
        <pb n="42" />
        LI.

Die primären und die sekundären Ursachen des
ungünstigen Standes der deutschen Valuta.

Kehren wir jetzt zu der in der Einleitung aufgeworfenen Frage
zurück, wie der ungünstige Stand der deutschen Wechselkurse während
des Weltkrieges zu erklären sei, so können wir die. Frage dahin beantworten,
 daß — bei aller Verschiedenheit im einzelnen — dieselben
Ursachen vorliegen wie für den schlechten Stand der englischen Wechselkurse
 während der napoleonischen Kriege. Die primäre Ursache ist
der Stand der Handels- und Zahlungsbilanz, die sekundäre Ursache
die Geldentwertung. Alle anderen Ursachen, die für die ungünstige
Valutä des öfteren angeführt werden, besonders die spekulativen und
politischen Einflüsse, hängen mit der primären Ursache aufs engste
zusammen.
Ich werde in den folgenden Abschnitten die auf die Geldentwertung
bezüglichen Probleme prüfen, hier nur auf die primäre Ursache eingehen.
 Ich kann mich hier kurz fassen, weil in der großen Literatur
über die Valutafrage diese primäre Ursache des öfteren eingehend
dargelegt wurde.
Gerade wie durch die Kontinentalsperre England vom Außenhandel
 großenteils abgesperrt wurde und dadurch die Ausgleichungsmöglichkeiten.
 zur Stabilisierung seiner Wechselkurse sehr
eingeschränkt waren, SO ist auch die für Deutschland während des
Krieges eingetretene Absperrung vom Auslande die entscheidende
Ursache des Sinkens der Wechselkurse. Man mag ermessen, was es
heißt, wenn ein Land mit einem Außenhandelsverkehr von rund
20 Milliarden plötzlich eines großen Teiles dieses Verkehrs sich beraubt
sieht. Nicht nur der Handel mit dem feindlichen Auslande hörte auf,
auch der Handel mit den neutralen Ländern erlitt die größten Einschränkungen,
 besonders unser Exporthandel, weil Deutschland zur
Sicherung der Versorgung der einheimischen Bevölkerung zöhlreiche
2
        <pb n="43" />
        36 —

Ausfuhrverbote, bzw. Ausfuhrbeschränkungen eintreten lassen mußte.
Soweit Deutschland noch Außenhandel hatte, schloß er mit einem
Passivsaldo ab; die Einfuhr aus den neutralen. Ländern war regelmäßig
viel größer, als unsere Ausfuhr nach diesen Ländern. Forderungen auf
die skandinavischen Länder, auf die Schweiz, Holland und andere
neutralen Länder waren stark begehrt wegen der großen Einfuhr aus
diesen Ländern, Diese Passivität unserer Handelsbilanz konnten wir
nicht durch Aktivität unserer Zahlungsbilanz ausgleichen, weil die
sonst üblichen Ausgleichungsmittel,.wie Forderungen aus Schiffahrts-Jiensten,
 Zinsen und Dividenden aus auswärtigen Anlagen, Ausfuhr
fremder Wertpapiere uns nur in stark verringertem Maße zur Verfügung
 standen und wir uns zur Aufnahme von Auslandsanleihen in
nennenswertem Umfang nicht entschließen konnten; weil ferner viele
kurzfristige Forderungen Deutschlands im Ausland infolge der ausländischen
 Zahlungsverbote nicht realisierbar waren. War also ein
Defizit zu decken, so mußte eine stürmische Nachfrage nach aus
ländischen Zahlungsmitteln eintreten, während umgekehrt im neutralen
Auslande die deutschen Zahlungsmittel stark angeboten. waren.
Bei dem Mangel an ausländischen Wechseln genügte oft eine kleine
Verstärkung der Nachfrage bei uns, um die Devisen auf Kosten der
eigenen Valuta zum Steigen zu bringen!), und da die deutsche Devise
unter den Verhältnissen des Krieges überhaupt nur einen kleinen Markt
hat, und bei dem passiven Charakter unserer Zahlungsbilanz schwer
verkäuflich war, so erklärt sich, daß bei uns die Kurse der fremden
Zahlungsmittel stiegen und die Kurse unserer Zahlungsmittel im neutralen
 Auslande fielen. Die deutschen Industriellen waren vielfach
vestrebt, schon während des Krieges Vorsorge für den Fall des Friedensschlusses
 zu treffen und sich mit Rohstoffen einzudecken, die noch
nicht geliefert werden konnten, aber sofort bezahlt. werden mußten;
hierdurch entstand neuer Begehr nach Devisen. Oft kam es auch vor,
laß Mengen von Waren angekauft waren, ohne 'daß Devisen :zur
Zahlung bereit lagen. Mußten dann die Waren in kürzester Frist‘ bezahlt
 werden, so konnten die ausländischen Verkäufer die höchsten
Kurse fordern. Dazu kamen noch die besonderen Schwierigkeiten des
deutschen Außenhandels mit, einzelnen neutralen Ländern. ‘Schon
Monate vor Ausbruch des Krieges war das Exportgeschäft nach Argentinien,
 Brasilien, Mexiko, China usw. lahmgelegt infolge der finanziellen
Schwierigkeiten, unter denen besonders Südamerika zu leiden hatte,
oder infolge politischer Unruhen. Noch schwieriger wurde diese Lage,

1 Vgl. Monatsbericht des Schweizerischen Bankvereins März 19150 ©
        <pb n="44" />
        x

als durch den Krieg die Schiffahrt fast völlig stillgelegt wurde, und
dazu noch neue finanzielle Schwierigkeiten traten, weildie Finanzierungsmöglichkeiten‘
 stark unterbunden waren. In den meisten südamerikanischen
 Ländern war ein Moratorium erklärt worden, und die deutschen
 Exporteure waren infolge des Krieges mit England von ihren
dort liegenden Aktiven abgeschnitten!). Große Industriezweige, wie
z. B. die chemische Industrie, die jährlich für etwa 1800 Mill. M. Waren
herstellt, wovon etwa die Hälfte ins Ausland abgesetzt wird, wurden
des größten Teiles dieses Absatzes beraubt, weil wir zu Ausfuhrverboten
der chemischen Fabrikate im Interesse unserer Kriegsführung gezwungen
waren. Wenn England längst nicht in dem Maße wie Deutschland
während des Weltkrieges unter ungünstigen Wechselkursen zu leiden
hatte, so hat dies seinen Grund darin, daß es den Fehlbetrag seiner
internationalen Handelsbilanz durch Aufnahme von Anleihen und Versenden
 von Wertpapieren ausgleichen konnte. Daß die Wechselkursgestaltung
 in der Hauptsache auf die Verhältnisse der Handels- und
Zahlungsbilanz zurückgeht, ergibt sich deutlich aus dem Handelsverkehr
 einzelner neutraler Länder. — Man kann an Hand der Handelsstatistik
 beobachten, wie mit der Veränderung der Aus- und Einfuhrziffern
 sich auch die Wechselkurse verändern. So führte z, B. Norwegen
im Jahre 1913 für 75 Millionen Kronen nach Deutschland aus, während
die Einfuhr aus Deutschland einen Wert von 167 Millionen Kronen
darstellte (wesentlich Mehl und Getreide). Diese Ausfuhr Deutschlands
hatte im Kriege ganz aufgehört; natürlich war die Folge, daß jetzt
die norwegische Ausfuhr statt mit Waren, bar bezahlt werden
mußte, daß also ein großer Begehr nach norwegischen Zahlungsmitteln
entstand, dem nur ein geringer Begehr nach deutschen Zahlungsmitteln
in Norwegen gegenüberstand, Infolgedessen war der Reichsmarkkurs
schon gleich nach Kriegsausbruch in den nordischen Ländern fortgesetzt
 gesunken. Während der Kurs sonst durchschnittlich für eine
Reichsmark mit‘ 88% bis 89 Öre notiert zu werden pflegt, betrug er
im November 1914: 84—85 Öre, war also um 4—5 % gesunken. Gleichzeitig
 mit dem Sinken des Markkurses hat in Skandinavien — aus
ähnlichen Gründen — ein erhebliches Steigen des Pfund-Sterling- und
Dollarkurses stattgefunden. Während der Durchschnittskurs eines
Pfund Sterling etwa 18,20 Kronen ist, betrug der Kurs Ende November
1914: 19,10 Kronen, war also mehr als 5% über das Normale gestiegen.
Der Grund lag auch hier an der Handelsbilanz. Norwegen führte im
Jahre 1913 Waren im Werte von 94 Millionen Kronen nach England

1) Vgl. „Der deutsche Exporthandel und der Krieg‘ im Handelsteil der
Frankfurter Zeitung vom ıs. September 1914.
        <pb n="45" />
        — 38 —

aus, während der Wert der Einfuhr 147 Millionen Kronen betrug. Nach
dem Kriegsausbruch war die Differenz zwischen der Ein- und Ausfuhr
Norwegens, soweit England in Frage kommt, noch größer geworden,
da Norwegen einer erheblichen Zufuhr an Kohlen und Getreide bedurfte
 1),
Ähnlich war es in Schweden. Der normale Kurs ist M, 100 = rund
89 Kronen. Er fiel schon Mitte Oktober 1914 auf 87 Kronen (während
sonst der niedrigste Kurs seit 1890: 88,75 war). Diese Entwertung der
deutschen Valuta erklärt sich wiederum leicht aus der Gestaltung des
Warenaustausches zwischen Schweden und Deutschland. Für die bedeutenden
 Lieferungen Schwedens an Eisenerzen, Metallen, Holz,
Lebensmitteln usw. hatte Deutschland nicht genügend Waren zu
liefern; es lieferte hauptsächlich Kohlen und Koks?),
In Holland wurde der Stand der deutschen Wechselkurse sofort
für uns günstiger, als infolge der Warenausfuhrverbote in Holland
unsere Handelsbilanz günstiger wurde, Während der holländische
Gulden in normaler Zeit bei uns mit 1,68 M. bewertet wird, war er
bereits Oktober 1914 auf 1,87 M. gestiegen, fiel aber in demselben Monat
wieder auf 1,80 M. infolge der Verringerung unserer Warenbezüge aus
Holland 3),
Gerade die Veränderungen des Markkurses gegenüber Holland
zeigen in anschaulicher Weise, wie sozusagen unmittelbar die Kurse
auf die Bewegungen des Warenmarktes reagieren, Bis zu Anfang
Oktober 1915 war die Mark gegenüber der holländischen Währung
nur um etwa 4,8% verschlechtert, dann trat vom 18. bis 28. Oktober
eine weit stärkere Verschlechterung ein, die jedoch ihren Grund nur
larin hatte, daß vom 20. bis Ende Oktober für einige Waren, besonders
für Butter und Fett, die Ausfuhr aus Holland gestattet war. Auch
waren gewisse Kredite, die Berliner Banken in Holland aufgenommen
hatten, zum Teil abgelaufen. Als die damit zusammenhängenden
Zahlungen beendet waren, trat in den beiden letzten Tagen des Monats
Oktober wieder eine Besserung des Wechselkurses ein, aber schon im
November folgte wieder eine Verschlechterung, weil die Ausfuhr von
Schweinefleisch aus Holland für einige Zeit gestattet war %).
Wie ausschlaggebend die Verhältnisse der Handels- und Zahlungs-!)

 Vgl. „Die Bewegung der Devisenkurse in Skandinavien‘ im Handelsteil
der Frankfurter Zeitung vom 2. ı2. I914. ;
°) Finanzielles aus Schweden, Frankf. Ztg. vom 22. 10. 1914.
% Vgl. Handelsteil des Berl. Tageblattes vom 24. 10. 1914.
*) Vgl. W. Jutzi-Cöln, Markwährung und Auslandswährungen im Kriege,
Essen 1916. S. 15.
        <pb n="46" />
        —— 39 —

Dilanz für die Gestaltung der Wechselkurse während des Krieges sind,
zeigt besonders gut das Beispiel der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika.
 Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges stand der Markkurs
in New York ungefähr auf pari (in New York sind 95,2 Cents für 4 Mark
die Parität). Im Laufe des Jahres 1915 sank der deutsche Wechselkurs
in New York, so daß er z. B. am 3%. Mai 1915 auf 82 stand, also ein
Disagio von 13,1% aufwies. Das Sinken ist zu erklären durch die
großen Baumwollversendungen Amerikas nach Deutschland, die bezahlt
 werden mußten, ohne daß Deutschland genügend Waren als
Gegenwert liefern konnte 3,
Ebenso sind die Veränderungen im englisch-amerikanischen
Wechselkurs aus den Handelsbilanzverhältnissen zu erklären, Im Anfang
 des Krieges stand der Pfundwechsel in Amerika sehr günstig, da
England noch große Guthaben in Amerika hatte, über die es verfügen
konnte. Infolge der großen Goldexporte nach England hatte der Sterlingkurs
 in New York eine ungewöhnliche Höhe erreicht, Im September
1914 mußte in New York das Pfund Sterling mit etwa 5 Dollars bezahlt
werden (Parität 4,86%); um die Wende des Jahres 1914/15 trat aber
ein Umschwung zuungunsten Englands ein und der Kurs sank sehr
rapid herunter, so daß er z. B. Ende Juni I915 etwa 3% unter Parität
notierte (4,72). Diese Entwertung des Pfundwechsels ist aus der stärker
werdenden. Passivität der englischen Handelsbilanz leicht zu erklären.
Durch die großen amerikanischen Lieferungen an Kriegsmaterial und
Lebensmitteln waren große Forderungen Amerikas an England entstanden,
 wodurch die englische Valuta diese Entwertung erfuhr. —
Vergleicht man die Außenhandelsziffern Englands in den ersten 5 Monaten
 des Jahres I915, SO ergibt sich in der Einfuhr eine Steigerung
von 317,7 auf 353,2 Millionen Pfund, während die Ausfuhr einen Rückgang
 von 215,6 auf 150,4 Millionen Pfund aufweist.
Umgekehrt zeigt sich das Wachstum der amerikanischen Ausfuhr
in folgenden Ziffern:
diese Ausfuhr hatte 1912/13 einen Überschuß von 652 Mill. Dollars,
1915/16 » » 2130 „3.
Auch in der Schweiz stieg der Dollarkurs infolge der großen Ausfuhr
 der Vereinigten Staaten bedeutend und erreichte Februar 1915
eine Höhe von 5,50 Fr., was einem Aufgeld von 61% % entspricht: er

1) Vgl. Bonn, Die Wechselkurse im Kriege. Europäische Staats- u. Wirt-‚schaftszeitung
 vom 13. Oktober 1917.
2) Jastrow, Dollar contra Sterling. Berliner Tageblatt v. 6. 3. 1915 und
ebenda Handelsteil v. 8. 7. I9I15.
        <pb n="47" />
        40

besserte sich aber so, daß er im Juli 1915 auf 5,37 Fr. stand. Zum Teil
war das der Unterbringung von 15 Millionen Dollars eidgenössischer
Schatznoten zu verdanken, deren Erlös zur Bezahlung von eingeführtem
Getreide und anderen Produkten verwendet wurde, wodurch die Beschaffung
 von Dollars in der Schweiz vorläufig hinfällig wurde1),
In neuerer Zeit verschlechterte sich der amerikanische Wechselkurs:
gegenüber den neutralen Staaten in dem Maße, als Amerika immer“
mehr zu Exporteinschränkungen schritt, teils wegen des wachsenden.
Eigenbedarfs, teils um die Versorgung Deutschlands aus den neutralen,
Staaten zu verhindern. Wenn auch der Export der neutralen Staaten
nach den Vereinigten Staaten wahrscheinlich sehr geringfügig ist, so
sind doch die Ententemächte immer noch auf ihn angewiesen und sie
besorgen sich die neutrale Valuta über New York. Daher stammt der
in New York hervortretende große Goldbegehr für Exportzwecke und der
starke Kursrückgang der New Yorker Devisen an den neutralen Plätzen,
Jer vorübergehend in Stockholm bis zu über 30% Disagio führte ?)..
Die Handelsbilanzverhältnisse erweisen sich unter den Kriegsverhältnissen
 sogar als so mächtig, daß der Wechselkurs selbst von
Ländern mit schlechten Währungsverhältnissen günstig stand, wenn.
las betreffende Land eine große Warenausfuhr aufzuweisen hatte, Dies.
lehrt: die Gestaltung des Kurses der spanischen Pesetas, Zum ersten
Male in der Geschichte der spanischen Finanzen kam es vor, daß die
spanische Währung auf allen Märkten, London ausgenommen, ein
Aufgeld bedang. Sicher hat die Entwicklung der spanischen Ausfuhr
dies bewirkt, die Ausfuhr an Fabrikaten, Rohstoffen und verarbeiteten
Metallen hatte zugenommen, während die Einfuhr bedeutend vermindert
 war. Beide Ursachen ergaben zusammen eine aktive Handelsdilanz?).
 Während die spanische Peseta im I. Halbjahr 1914 im Vergleich
 zum Schweizer Franken beständig einen Verlust von 4—5 %
aufwies, hob sich der Kurs nach Ausbruch des Kriegs allmählich, um
im Januar 1915 den Paristand zu erreichen und ihn in der Folge sogar
zu überschreiten — notierte sie doch ein Aufgeld von 6% —7 % gegenüber
 dem engl. Pfund und von 11% gegenüber dem französ. Franken.
Die fortwährende Nachfrage nach spanischen Wechseln hat diese Steige-.
rung hervorgebracht 4).

?) Vgl. Monatsberichte des wirtschaftsstatistischen Bureaus von Calwer
1915, Heft 8, S. 20.
») Vgl. Österreichischer Volkswirt v. 30. 1. 1018.
3 Calwer, a. a. O. 5. 21. .
') Vgl. Monatsschrift des Schweizerischen Bankvereins März 1915, S. 90.
        <pb n="48" />
        Die von uns vertretene Meinung, daß der Stand der Handels- und
Zahlungsbilanz die Hauptursache der Verschlechterung unserer Valuta
sei, wird oft mit dem Hinweis auf die Spekulation bestritten. Es
heißt, in viel einflußreicherem Maße hätten spekulative Machenschaften
den Kurs unserer Wechsel gedrückt als die Vorgänge des Handelsverkehrs,
 Diese Argumentation ist in doppelter Hinsicht falsch,
Es wird dabei übersehen, daß bei den meisten dieser Spekulationen,
deren Tragweite gar nicht geleugnet werden soll, sich Hausse- und
Baissespekulanten gegenüberstehen, die in ihren Wirkungen auf den
Markt .sich gegenseitig neutralisieren. Ferner aber, daß insoweit einseitige
 und überwiegende Baissespekulationen vorliegen, sie im engsten
Zusammenhang mit der primären Ursache, der Handels- und Zahlungsbilanz,
 stehen. Die Baissespekulanten nutzen die durch die Handelsund
 Zahlungsbilanz bewirkte Tendenz zum Sinken der Kurse aus, indem
sie diese Tendenzen bewußt verstärken durch falsche Nachrichten und
Berichte über die künftig zu erwartende noch schlechtere Gestaltung
der Marktlage usw. Während in normalen Zeiten, wie wir oben sahen,
die Wechselkurse nur innerhalb ganz enger Grenzen sich bewegen
können, daher der Spekulation nur’ein begrenzter Spielraum gegeben
ist, ist in Kriegszeiten dieses Schwanken ein unbegrenztes. Da jetzt
an Stelle des einheitlichen internationalen Zahlungsmittels, des Goldes,
die nationalen Zahlungsmittel treten, deren Wert sehr erheblich
durch das Vertrauen bedingt ist, das in die wirtschaftliche Kraft des
betreffenden Landes gesetzt wird, sucht der Baissespekulant dieses
Vertrauen zu erschüttern und verstärkt die in der wirklichen Verkehrsbilanz
 begründete Tendenz zum Sinken noch weiter. Man kann also
sagen: die primäre Ursache der schlechten Valuta ist die Handels- und
Zahlungsbilanz und die Spekulation darauf, Diese Spekulationen
fanden in besonders großem Maßstabe statt, solange vor dem Inkrafttreten
 der beiden Devisenordnungen vom 21. Januar 1916 und 8. Februar
1917 der Devisenverkehr noch frei war.
Bei den Spekulationen, die auf die Wechselkurse einwirken, sind
die des neutralen Auslandes, des feindlichen Auslandes und des Inlandes
 zu unterscheiden. Im neutralen Auslande sind die Markwechsel
und Marknoten seit Beginn des Krieges ein sehr beliebter Gegenstand
der Spekulation. Besonders in der Schweiz werden solche Spekulationen
auch von Leuten ausgeübt, die allem geschäftlichen Leben fernstehen.
In neuerer Zeit wird sie mehr A la Hausse ausgeübt, während sie früher
mehr A la Baisse operierte, Viele Menschen kaufen dort heute Mark,
die sie berufsmäßig keineswegs brauchen, weil sie hoffen, daß die infolge
der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk eingetretene Erhöhung
        <pb n="49" />
        des Markkurses noch weiter anhält. Vom kleinen Geschäftsmann bis
zum Dienstboten — so berichtet die Frankfurter Zeitung vom 7. Januar
[918 — kauft man Mark, Die Hoffnung, an dem heutigen Kurs und
dem Friedensstand verdienen zu können, reizte die kleinen Käufer
ebenso wie die hier gegebene Möglichkeit, mit den geringsten Frankenbeträgen
 noch an der Jagd nach Gewinn sich beteiligen zu können.
Bei der zuerst vorhandenen allgemeinen Tendenz der Devisen, zu
steigen, rechneten die Spekulanten mit immer weiterem Steigen, hielten
oft mit dem Angebot zurück und verstärkten dadurch die Steigerung.
Die Spekulanten kauften mit Vorliebe fremde Geldsorten, Noten,
Wechsel, Schecks usw.,um bei der zu erwartenden Preissteigerung Vorteil
zu ziehen. Andererseits hat das Steigen der Devisenkurse importierende
Geschäftsleute in Deutschland veranlaßt, größeren Bedarf an fremden
Zahlungsmitteln anzumelden, als wirklich bei ihnen vorhanden war.
Vom feindlichen Auslande wurde durch allerlei falsche Gerüchte, die
über die Zahlungsfähigkeit Deutschlands verbreitet wurden, ein Druck
auf die deutschen Wechselkurse ausgeübt. Es ist auch anzunehmen,
laß das feindliche Ausland, besonders England, durch indirekte Käufe,
die in Deutschland vorgenommen wurden, ausländische Zahlungsmittel
mit Beschlag belegte, und dadurch die deutsche Valuta entwertete.
Durch Zeitungsanzeigen im neutralen Auslande wurden oft Marknoten
in größten Mengen zu nieürigeren Preisen angeboten, als ihrem wirklichen
 Werte entsprach. Die Engländer kauften deutsche Markwechsel
auf und warfen große Posten auf den Markt, um den Preis zu entwerten.
In holländischen Zeitungen erschien eine Anzeige, die 17 Mill. M.
deutschen Geldes zum Kurs von 41 Gulden für 100 M. anbot; der amtliche
 Kurs war damals 41% Gulden. Zweck: die deutsche Valuta
möglichst schlecht zu machen !). Leider sind auch von Deutschen viele
Spekulationen vorgenommen worden, die eine weitere Verschlechterung
der Valuta zur Folge haben mußten. Diese Spekulation ä la Baisse
der eigenen Landeswährung wurde z, B. so vorgenommen, daß jemand
Reichsmarkvermögen bei einem Kursstand von 108 Franken für 100 M.
in die Schweiz sandte mit der Absicht, die umgekehrte Transaktion
mit einem entsprechenden Gewinn an Reichsmark vorzunehmen. Auf
diese Weise wurden große Summen Reichsmark auf den Schweizer
Geldmarkt geworfen und dadurch der Reichsmarkkurs geschädigt?)
Es war eine große Lücke in der ersten deutschen Devisenordnung,
daß die Ausfuhr von Marknoten freigelassen war. Infolgedessen wurden

!) Zukunft vom 12. 2. 1916, '
2) Vgl. Weyermann, Das deutsche Valutaproblem und die Devisenzentrale.
Im Handelsteil der Frankfurter Zeitung vom 22. I. 1917.
        <pb n="50" />
        4“

große Mengen Banknoten ins neutrale Ausland gebracht in allen Fällen,
wo eine Devisenanschaffung nicht möglich war, Auch hierbei wirkte
die Spekulation mit, da bei den steigenden Preisen vieler Waren in
Deutschland es eine vorteilhafte Spekulation war, im neutralen Auslande
 diese Waren anzukaufen und in Deutschland zu verkaufen. Mit
großen Mengen deutscher Banknoten ausgestattet, reisten deutsche
Aufkäufer ins neutrale Ausland, um derartige Geschäfte abzuschließen,
und schädigten dadurch die deutsche Valuta. Auch durch österreichische
und galizische Händler wurden in großem Maße deutsche Banknoten
in die neutralen Länder gebracht. Häufig haben unsere Bundesgenossen
die ihnen aus Deutschland zukommenden Überweisungen dazu benutzt,
 ihre Käufe in den neutralen Ländern in Mark zu bezahlen.
Ähnlich wirkte vielfach die Übertragung deutscher Wertpapiere ins
neutrale Ausland, Durch solche Vermögensverschiebungen, wie Weyermann
 es nennt, wurden namentlich in die Schweiz große Mengen
flüssigen Vermögens geschafft, teils auch zur Vermeidung künftiger
Steuern, Durch diese Ausfuhr deutscher Effekten wurde das Angebot
deutscher Zahlungsmittel im neutralen Auslande noch weiter vermehrt,
und ein Druck auf die deutsche Valuta ausgeübt. So wurde zeitweise
das neutrale Ausland förmlich mit Marknoten überschwemmt, die dann
ausgeboten wurden wie „sauer Bier“.
Auch in den dem deutschen Reichstag vorgelegten Denkschriften
über wirtschaftliche Maßnahmen wird wiederholt die große Ausdehnung
lieser Art von Markzahlungen ans Ausland hervorgehoben?).
Ebenso wie die Spekulation im engsten Zusammenhang mit der
primären Ursache des Standes der Wechselkurse im Kriege, der Handelsund
 Zahlungsbilanz, steht, ist dies der Fall mit den Einflüssen der
„Politik“. Als Ende des Jahres 1917 infolge der Friedensverhandlungen
in Brest-Litowsk die deutschen Wechselkurse in den neutralen Ländern
sich bedeutend verbesserten, wurde die Meinung geäußert, hier zeige
es sich, daß die politischen Faktoren weit mächtiger auf den Stand
der Wechselkurse einwirkten, als die Verhältnisse des Handels- und
Zahlungsverkehrs. Dies ist jedoch irrig. Im Gegenteil, gerade dieses
Einwirken der politischen Ereignisse bestätigt unsere Auffassung von
der primären Bedeutung der Handels- und Zahlungsbilanz; denn wenn
durch die Friedensverhandlungen die deutschen Wechselkurse in die
Höhe gingen, so geschah es aus dem Grunde, weil dadurch das Vertrauen
 wuchs, daß binnen kurzer Zeit die Handelsbeziehungen Deutschlands
 wieder neu belebt würden, daß die Hemmungen des Waren- und

n Vgl. 10. Nachtrag S. 146 und ır. Nachtrag S. 168
        <pb n="51" />
        Schiffahrtverkehrs aufhörten, daß daher die deutschen Zahlungsmittel
wieder begehrter würden. . Sobald an die Stelle des international
zleichwertigen Zahlungsmittels, des Goldes, nationale Zahlungsmittel
treten, die im Werte schwanken, und die nicht wie das Gold einen
realen. Stoffwert haben, sondern auf Kredit beruhen: die Wechsel,
Schecks, Noten, muß alles, was den Kredit des betreffenden Landes
erhöht, auch die Zahlungsmittel, die dem betreffenden Lande entstammen,
 im Werte erhöhen. Die Inhaber solcher papierener Zahlungsmittel
 geben sie nicht länger aus Besorgnis noch größerer Entwertung
zu billigem Preise her, sondern gehen mit ihrem Preisangebot in die
Höhe, weil sie erwarten, daß diese Zahlungsmittel in Zukunft wieder
mehr gesucht werden. — Im Hinblick auf die veränderte politische
Lage werden die Wechsel der Länder mehr gesucht, von denen anzunehmen
 ist, daß sie infolge des Friedens große wirtschaftliche und
politische Vorteile erringen.
Der Zusammenhang zwischen Politik und Valuta ist also der,
daß alle politischen Ereignisse, die das Vertrauen in die wirtschaftliche
Kraft eines Landes zu stärken geeignet sind, auch die Valuta des betreffenden
 Landes verbessern. Gänzlich verfehlt muß es aber sein,
die Zusammenhänge zwischen Politik und Valuta parteipolitisch zu
verwerten. Die eine Partei wirft dann der anderen vor, daß sie durch
ihr Verhalten die Valuta „verschlechtere‘. Es ist ebenso falsch, wenn
Dernburg sagt: „Das Gerede der Vaterlandspartei über den Hungerfrieden
 verschlechtert unsere Valuta‘‘, als wenn Kl1oß behauptet, „daß
bei einer Rede von Erzberger der Kurs gesunken, bei der Gründung
der Vaterlandspartei gestiegen sei“ 1),
Es heißt direkt Mißbrauch mit der Statistik treiben, wenn man,
wie es K1oß in dem genannten Artikel tut, sogar in Kurven darstellt,
wie gewisse Tiefpunkte der Valuta eingetreten seien, wenn bestimmte
friedensfreundliche Reden im Reichstag gehalten wurden, daß dagegen
in den Tagen, als die Vaterlandspartei auf den Plan trat, eine starke
Besserung der Valuta eintrat. Mit mathematischer Genauigkeit will
er sogar feststellen, daß Erzbergers „Flaumacherei‘“ am Schwedenkurs
 gemessen, 25mal so schädlich war als die Kriegserklärung Rumäniens
und mehr als 1omal so schädlich als die der Amerikaner. Es wird hierbei
ganz‘ übersehen, daß der Stand der Wechselkurse die Komponente
zahlreicher Faktoren ist, und daß es daher durchaus verfehlt erscheinen
muß den Stand der Wechselkurse an einem bestimmten Tage mit

1) Vgl. „Verzichtfriede und Valuta‘‘ von Prof, Dr. K10ß in der Rheinisch-Westfälischen
 Zeitung vom 16. 1. 1918.
        <pb n="52" />
        45

anbedingter Sicherheit auf diese oder jene Rede eines Parteiführers
zurückführen zu wollen. Diese Art Statistik zu treiben erinnert an die
statistische Beweisführung des Gegners der Getreidezölle, der mit Hilfe
der Statistik feststellen wollte, daß die Jahre mit den höchsten Getreidepreisen
 zugleich die der zahlreichsten Verbrechen waren und hieraus
die Verwerflichkeit der Getreidezölle zu beweisen suchte. Die ganzen
Kurvenzeichnungen von Kloß, die zeigen sollen, wie sehr die
Richtung Scheidemann-Erzberger die deutsche Valuta schädige, übersieht
 ferner, daß auch hier sich wiederum zwei Parteien gegenüberstehen,
 und daß daher, soweit Valutaspekulationen mit solchen
politischen Strömungen zusammenhängen, Hausse- und Baisseparteien
sich ausgleichen.
Der währe Zusammenhang zwischen Politik und Valuta ist der,
4aß wirklich entscheidende Schlachten oder Niederlagen und ebenso
positive Friedensberatungen oder Friedensschlüsse zweifellos und zwar
in dem oben von mir erklärten Sinne einen Einfluß ausüben. Dies hat
gerade der Weltkrieg mehrfach erwiesen. .
Interessant ist in dieser Hinsicht ein Vergleich der Wechselkurse
im Dezember 1916 einerseits und Dezember 1917 und Anfang 1918
andererseits. Als es sich im Dezember 1916 nur um Friedensgerüchte
und unsichere Friedensaussichten infolge des deutschen .. Friedensangebotes
 handelte, schwankten die deutschen Wechselkurse hin und
her, je nach der Beurteilung dieser Aussichten. So war z. B. der Schweizer
Wechselkurs.
„am 12. Dezember =

79,—%
75
5 50

nn

„Die Kurse steigen mit den Friedensgerüchten und fallen, wenn diese
Aussichten sich zu verflüchtigen scheinen‘ 1).
Man vergleiche damit die entschieden.anhaltende und nachhaltige
Besserung der deutschen Valuta; als die positiven Friedensverhandlungen
begannen und, der- Friede mit ’der Ukraine "geschlossen wurde. . Von
Anfang November bis Ende Dezember 1917 war der amerikanische
Wechselkurs um etwa ein Drittel des vorherigen Höchststandes zurückgegangen.
 Die Reichsmarkkurse stiegen seit dem 8. November 19017
bis Ende Dezember in

) Vel. Monatsbericht ‚des Schweizer Bankvereins vom Januar 191%.
        <pb n="53" />
        46

Zürich ‚von 61,75 auf 86,—, also um etwa 39,27 %
Kopenhagen 40,60 „ 64,—, » » » 57,63 %
Stockholm „u 34rm— 60,—, » » 75,47 %
Kristiania » 40,— „60,50, „ 2» =» 51,25 %
Amsterdam ,, 32,10 „ 45,40, „2 41,43 % 1)

Dagegen sanken die Entente-Devisen und zwar berechnet auf der
Grundlage der Züricher Notierungen vom 8, November 1017 und
31. Dezember 1917:
engl.
E
8. II. 17 21,05
31. I2. 17 20,85

französ. italien. amerikan,
Franc Lire Dollar
76,80 54,50 4,40
76,75 52,75 4,382)

Ohne daß also erhebliche Änderungen im Stande der Handelsbilanz
eintraten, ist nur durch die Stärkung des Vertrauens, das in die Wiederaufnahme
 der deutschen Handelsbeziehungen gesetzt wurde, diese
Besserung eingetreten. Aus derselben Ursache, aus welcher viele Warenpreise
 sanken, weil nämlich infolge der zu erwartenden Öffnung der
Grenzen das Angebot der Waren sich verstärken mußte, stiegen die
Preise für deutsche Wechsel, weil jetzt die Aussicht bestand, daß durch
den neu belebten Warenverkehr die deutschen Zahlungsmittel weit mehr
vegehrt würden. Wie unter dem Eindruck der Brest-Litowsker Verhandlungen
 der französische Kurs sank und der deutsche Kurs stieg,
ergibt sich auch gut aus der folgenden Entwicklung der Schweizer
Kurse. Während bis zum Oktober 1917 die Reichsmark in der Schweiz
(und in anderen neutralen Ländern) bis zu 20% weniger wert war als
der französische Franken, hat sich dieses Verhältnis so geändert: die
erste Notierung im neuen Jahre lautete für uns auf 86,25, für den
Franken auf 77, d. h. die Mark stand um etwa 13% über dem französischen
 Franken?®). Der Friede mit der Ukraine und die Beendigung
des Kriegszustandes an der russischen Front bewirkte sofort eine bedeutende
 Verbesserung der deutschen Wechselkurse. Der Züricher
Wechselkurs auf Deutschland war
am 09. Februar (am Tage des Friedensschlusses) . , 82,50
„ IX. . U... en € 0 nn en a. 87 ,—
in Kopenhagen stieg er von 60,50 am ı1o. Febr. auf 63,75
„Stockholm » » » 5550 „ SD m

') Max Seckel, Entwicklung der Devisenkurse während des Krieges vom
30. Juli 1914 bis zum 31. Dezember 1917 (herausgegeben von der Zentral-Einkaufs-Genossenschaft,
 Berlin).
2) Ebenda.
3 Frankfurter Zeitung (Handelsteil) vom 8. ı. 1918.
        <pb n="54" />
        Unsere neuesten Waffenerfolge an der Westfront hatten auch sofort
Kursbesserungen der deutschen Valuta im Gefolge. Schon auf Grund
der ersten Siegesnachrichten stieg der Kurs
in Zürich von 811, auf 83%,
„ Amsterdam ,, 42 „43,70,
Kopenhagen ‚, 63% ‚ 6417
Stockholm ,„ 56% . 61

Dieselbe Erscheinung war auch bei der Entwicklung der englischen
Wechselkurse während der Napoleonischen Kriege zu beobachten. Der
Preis von Gold war am 28, Dezember 1814 .. 5£8sh.,
der Kurs auf Hamburg . ..... 29sh.,
auf Paris, ....... 21 Fr.;
die Friedenspräliminarien zwischen den verbündeten Mächten und
Frankreich wurden im April 1814 unterzeichnet und innerhalb der
nächsten 6 Monate war Gold auf 4 £ 5 sh. gefallen,
der Kurs auf Hamburg auf 33 sh.,
» 2» Paris „ 23 Fr. gestiegen. Auch fielen die
Warenpreise in diesem Zeitraume beträchtlich!). Dagegen hatte die
Wiederkehr von Napoleon von der Insel Elba sofort zur Folge, daß
die Kurse wieder außerordentlich herabgedrückt wurden. Die Kurse
auf Hamburg und Paris, die unmittelbar vor dem Kundwerden jener
Nachricht auf 32 sh. 3 d, und 22 Fr. 10 cts. gestanden hatten, fielen
alsbald auf 28 sh. und 18,80 Fr., während Gold von 4 £ 9 sh. per Unze
auf 5 £ 7 d. stieg?). ,
Wir wollen jetzt betrachten, wie die Einflüsse von der Geldseite
her auf den Stand der Wechselkurse einwirkten.

1) Tooke, a. a. O. I Bd. S. ı91.
? Ebenda S. 193.
        <pb n="55" />
        {V

Über den Zusammenhang zwischen dem inneren
‘Preisstand und der Valuta.

Cassel erblickt die ausschlaggebende Ursache des Valutarückgangs
nicht in der Handels- und Zahlungsbilanz, sondern in „der relativen Vermehrung
 der zirkulierenden Zahlungsmittel, die während des Krieges in
Deutschland stattgefunden habe“21). . Diese sei als wirkliche „Inflation“
aufzufassen, worunter Cassel „Übersättigung des Marktes mit Papiergeld“
 versteht. Er meint, wenn Deutschland das einzige Land wäre,dessen
Valuta sich verschlechtert habe, könnte eine solche Erklärung durch die
Zahlungsbilanz stichhaltig sein, Da sich aber die Valuta aller übrigen
kriegführenden Länder auch bedeutend verschlechtert hätte,so werde das
Unzulängliche dieser Erklärung ganz deutlich. Sie könne nicht zugleich
auf alle Länder Anwendung finden, da einer unVorteilhaften Zahlungs-&amp;gt;ilanz
 auf der einen Seite eine vorteilhafte auf der anderen Seite entsprechen
 müßte. Eine Verschlechterung der Valuta nimmt aber Casse]
überall dort an, wo große Preissteigerungen eingetreten seien. Diese
Priessteigerungen, die in allen Ländern; kriegführenden wie neutralen,
vorhanden seien, wiesen auf eine gemeinsame Ursache hin, nämlich die
Vermehrung der Zahlungsmittel. Die Verschlechterung der Valuta sei
nur gradweise verschieden, sie ließe sich bemessen an der Höhe der
Preissteigerung. Cassel geht so weit, direkt einen Parallelismus feststellen
 zu wollen zwischen dem Preisstand der einzelnen Länder und
der Verschlechterung der Valuta der betreffenden Länder. Den statistischen
 Beweis dafür willer auf folgende Weise anstellen : Da die Wechse]-kurse
 an einem Orte, z. B. Stockholm, die relativen Bewegungen der
verschiedenen Valuten widerspiegelten, so käme es darauf an, die
absoluten Veränderungen einer dieser Valuten zu ermitteln, dann könne

?) Gustaf Cassel, Deutschlands wirtschaftliche Widerstandskraft, Berlin
{916. S. 133.
        <pb n="56" />
        AO

man daraus ein Bild der absoluten Veränderung sämtlicher Valuten
gewinnen. Cassel stellt für England an Hand der Indexziffern des
„Statist“ fest, daß sich das Preisniveau in England seit Beginn des
Krieges bis zum März 1916 im Verhältnis von 100 zu 159 verändert
habe. Folglich, so argumentiert er, weise die englische Valuta eine
Inflation von 159 auf. Habe man so die absolute Bewegung der Valuta
festgestellt, so könne man mit Hilfe der Wechselkurse in Stockholm
die relative Bewegung der übrigen Valuten im Verhältnis zur englischen
herausbekommen und gewinne dadurch ein Bild von den absoluten
Veränderungen sämtlicher Valuten während des Krieges, und zwar
komme man so zu folgender Höhe der Inflation:

Schweden ..
England .
Frankreich
Deutschland
Rußland

146,2,
159,0,
177,8,
207,7,
251.11).

Hatte also England eine Inflation seiner Valuta von 59%, So weise
das auf eine entsprechende Vermehrung der Zahlungsmittel hin. Tatsächlich
 sei es das Hinzukommen der sogenannten Currency notes, das
eine Vermehrung der Zahlungsmittel um ungefähr 50% bedeute, was
der gleichzeitigen Steigerung der Sauerbeckschen Indexzahlen ungefähr
 entspreche. Warum habe sich z. B. die russische Valuta verschlechtert?
 Weil die russischen Zirkulationsmittel vermehrt worden
zeien. So stellt er fest, daß für Rußland die relative Zirkulationsvermehrung
 für April 1916 sich auf 264,4 belaufe, „was ja sehr nahe mit
der tatsächlichen Inflation von 265,8 übereinstimmt‘‘?).
Ähnlich argumentiert Lansburgh. Er sagt: „Es gibt keinen
zuverlässigeren Index für die Veränderungen, die das innere Preisniveau
 und der innere Geldwert erfahren haben, als die Bewertung der
Landeswährung im Auslande‘“®%), ... „Die Währungsverschlechterung,
wie sie im Stande der Wechselkurse zum Ausdruck kommt, ist nur der
sichtbare Reflex der Veränderungen, die sich in der Kaufkraft des
Landesgeldes und damit zugleich in der wirtschaftlichen Struktur des
Volksganzen vollzogen haben. Es wird eins der schwierigsten Probleme
der Zeit nach dem Kriege sein, mit der Wertminderung der Währungen

') Cassel, a. a. O. S. 137-?)
 Cassel, a, a. O. 5. 157. . . x d
3 A. Lansburgh, Die großen Notenbanken im Dienste der kriegführenden
Staaten. ‚Die Bank‘‘ 1915, S. 1090.
K. Diehl, Geldwesen und Valuta.‘
        <pb n="57" />
        ss 80 —

auch diese wirtschaftlichen Störungen zu beseitigen, soweit sie sich
nachträglich überhaupt noch beseitigen lassen“1),
Die völlige Ablehnung, welche Cassels Hypothese sowohl in den:
Kreisen der Wissenschaft?) wie in der Handelspresse gefunden hat,
scheint mir durchaus berechtigt zu sein. Die Auffassung, wonach die-Veränderungen
 des inneren Preisniveaus der Maßstab für die Ver«
änderung der Valuta sei, ist unhaltbar. Die ganze Beweisführung ver-.
läuft im Gedankengange der Quantitätstheorie, die jedenfalls in dieser,
extremen Form heute als überwunden gelten sollte: als ob nämlich
parallel mit der Vermehrung der Zahlungsmittel auch eine Erhöhung:
des Preisniveaus erfolgen müßte, Auch das statistische Material ist,
sehr anfechtbar, denn die Indexziffern, in welcher Form immer sie
aufgestellt sind, geben stets nur ein ganz rohes, oberflächliches Bild:
der Preisverschiebungen, weil immer nur eine gewisse Gruppe von.
Waren erfaßt werden, und auch bei diesen die statistischen Unterlagen.
meist sehr unbestimmt sind. Auf der anderen Seite sind auch die stati--stischen
 Angaben über die Zahl der papierenen Zahlungsmittel sehr
vage, und die papierenen Zahlungsmittel‘der verschiedenen Länder
weisen qualitativ einen grundverschiedenen Charakter auf. Es ist:
unmöglich, einen exakten Zusammenhang zwischen dem durch die
Zahlungsmittel bewirkten inneren Preisstand und der Bewegung der
Valuta feststellen zu wollen. Der Wechselkurs ist und bleibt immer
der Preis der ausländischen Zahlungsmittel nach inländischem Geld
bemessen und muß sich daher auch immer nach dem Stand der
Zahlungsbilanz zwischen den betreffenden Ländern und nicht nach
dem Stand der Preisentwicklung der betreffenden Länder richten.
Wäre wirklich ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen der Valuta
und der Vermehrung der Zirkulationsmittel vorhanden, so müßte
doch ein gewisser Parallelismus zwischen dem Stand der Wechselkurse
 und der Ausgabe von Papiergeld nachweisbar sein. Wir sahen.
aber während des Krieges, daß z. B. in Deutschland der Wechselkurs
noch lange Zeit günstig stand, während schon eine große Vermehrung»
des Papiergeldes stattgefunden hatte. Wir sahen, daß die italienische
Valuta längere Zeit günstiger als die deutsche stand, trotzdem in Italien.
die Ausgabe uneinlöslicher Noten in besonders großem Maße vorgenommen
 wurde,
Ist aber nicht dennoch der innere Preisstand von Bedeutung für-'}

 Ebenda S. 1094.
*) Vgl. die ausführliche Kritik von Cassel und Lansburgh in der (Freiburger).
 Dissertation von D, W. Bloch, Die Entwicklung der deutschen Valuta
im Weltkriege. Basel 1918.
        <pb n="58" />
        51 —

die Bildung der Wechselkurse ? Auch wer die extreme Anschauung von
Cassel oder Lansburgh nicht teilt, könnte doch annehmen, daß
wenigstens teilweise der schlechte Stand der deutschen Valuta durch
eine innere Entwertung des deutschen Geldes infolge übermäßiger
Ausgabe von Papiergeld hervorgerufen sei. Eine Reihe von Autoren
hat in der Tat, ohne auf dem extremen Standpunkte Cassels oder
Lansburghs zu stehen, auf den engen Zusammenhang zwischen inländischem
 Preisniveau und dem Wert der Valuta hingewiesen, Soweit
ich die Literatur übersehe, ist zuerst von Schlesinger der Zusammenhang
 in dieser vorsichtigeren Form behauptet worden. In
einem Aufsatz „Die Veränderung des Geldwertes im Kriege‘!) sucht
er zu zeigen, daß der größere Rückgang der Österreichischen Valuta
gegenüber der deutschen dem Umstand zuzuschreiben sei, daß das
deutsche Preisniveau im allgemeinen weniger gestiegen wäre als das
österreichische?). Dieser Zusammenhang sei. ein allgemeiner, und er
faßt seine Meinung so zusammen: „Der wesentlichste Grund des Agios
ist die Steigerung des inländischen Preisniveaus gegenüber dem ausländischen
 ; ein sekundärer Faktor ist der Umstand, daß für viele Güter,
deren Export unter den herrschenden Preis- und Agioverhältnissen
rentabel wäre, Ausfuhrverbote bestehen. In entgegengesetzter Richtung
wirkt hingegen die Blockade, welche große, dem Preise nach lohnende
Einfuhrmöglichkeiten abschneidet. Endlich ist die Repatrlierung von
im Ausland angelegt gewesenen Nationalkapital zu erwähnen, die
besonders für Deutschland die Devisenkurse und das Agio stark ermäßigte‘3),

Auch Liefmann*) meint, daß ein enger Zusammenhang zwischen
der gesunkenen Kaufkraft der Mark im Inland und dem Stand unserer
Valuta bestünde. In seinem in Berlin am 1. Juli 1917 gehaltenen
Vortrag „Aufgaben der Geldpolitik nach dem Kriege‘ kam er auf die
Ursachen des schlechten Standes unserer Valuta.zu sprechen und er-1)

 Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, 25. Band
(916, S, 1—22.
?) Schlesinger, a. a. O, S. 18.
3 Ebenda S, 21.
‘) Liefmann sagt in einer Anmerkung seines Buches „Die Geldvermehrung
m Weltkriege‘‘ (Stuttgart 1918) S. 110, er habe den Gedanken, daß die durch die
Absperrung und durch die Umstellung der Industrie verursachten hohen Inlandspreise
 der Hauptgrund für das starke Sinken unserer Valuta seien, zuerst in seinem
mM Frühjahr 1917 in Berlin gehaltenen Vortrage ausgesprochen, dann habe Dalberg
 in einem Aufsatz in der Deutschen Wirtschaftszeitung denselben Gedanken
vertreten, Doch hat Schlesinger schon im ersten Heft des Jahrganges 1916 der
ZeNannten Zeitschrift denselben Gedanken entwickelt.
        <pb n="59" />
        52 —

wähnt in erster Linie den hohen Stand der Warenpreise in Deutschland
und bemerkt dazu: „Eine. starke Warenknappheit in einem ‚Staate,
die zu hohen Preisen vieler der wichtigsten Güter führt, muß unbedingt
ein Sinken der Kaufkraft des Geldes auch dem Auslande gegenüber
zur Folge haben, wenn dort nicht der gleiche Warenhunger besteht,
aber eine völlige Ausgleichung der Nachfrage nicht möglich ist‘1), —
Erst in zweiter Linie kommt bei ihm die Ein- und Ausfuhrbilanz in
Frage: „Dazu kommen noch einige Gründe besonderer Art, welche mit
den besonderen Verhältnissen Deutschlands im Kriege in Beziehung
stehen. Erstens das Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr“ usw.?)
Viel eingehender äußert er sich zu diesem Thema in seiner neuesten
Schrift „Über die Geldvermehrung im Weltkriege‘“. Er nennt zwar die
Anschauung von Cassel übertrieben, aber sie sei richtiger als die
Meinung derer, welche behaupten, daß der ausländische Wechselkurs
mit dem inländischen Preisniveau gar nichts zu tun habe, daß er einzig
and allein durch die Zahlungsbilanz des betreffenden Landes bestimmt
werde (S. 21).— Starke Preissteigerungen im Inlande, meint Liefm ann,
müßten auf die Bewertung unseres Geldes im Auslande einwirken:
„Natürlich wenn alle Forderungen des Auslandes an uns ohne weiteres
durch Forderungen unsererseits ausgeglichen werden können, wird ein
erhebliches Sinken unserer Valuta nicht eintreten können, zumal man
ja immer bestrebt ist, ein solches zu verhindern und dafür die verschiedensten
 Mittel besitzt. Aber von künstlicher Beeinflussung abgesehen,
 werden höhere Preise im Inlande, sofern sie nicht die Folge
von Schutzzöllen sind, eben den Import und damit die Forderungen
des Auslandes an uns vergrößern. Wenn dieses Ausgleichsmittel versagt,
 weil wenig importiert werden kann, aber andererseits aus irgendwelchen
 Gründen im Inland die Preise steigen, muß unser Geld im Auslande
 weniger bewertet werden, weil man damit weniger im Inlande
kaufen kann, als im Auslande mit ausländischem Gelde. Dies wird
um so mehr der Fall sein, je weniger von uns exportiert werden kann,
je weniger also Forderungen des Auslandes an uns durch Forderungen,
die wir im Inland haben, ausgeglichen werden können“ (S.108). Diese
Behauptung, daß das deutsche Geld im Auslande geringer bewertet wird,
weil man damit in Deutschland weniger kaufen könne, als im Ausland
wiederholt er noch mehrmals, so z. B. in dem Satz. daß. wenn im Aus-*)

 Vgl. seinen Vortrag über „Aufgaben der Geldpolitik nach dem Kriege“
in den Veröffentlichungen des Deutschen Wirtschaftsverbandes für Süd- und
Mittelamerika, Heft 1, Drei Vorträge zum Geld- und Währengsproblem. Berlin
917. S. 53.
23) Ebenda S. 54. -
        <pb n="60" />
        53 —

land überhaupt Forderungen auf Deutschland vorhanden waren, man
3ie geringer bewerte, weil man in Deutschland wenig dafür kaufen
könnte,
Auch Dalberg wirft den Schriftstellern, die sich bisher mit den
Valutaproblemen beschäftigt haben, vor, daß sie.einen „überaus wesentlichen
 Umstand außer Betracht gelassen hätten, der dem Valutaproblem
ein ganz anderes Gewicht gibt, und der jedenfalls klar erkennen läßt,
Jjaß die im Anschluß an solche Erwägungen meist vertretene Ansicht
unzutreffend ist, daß nämlich nach Friedensschluß und mit Fortfall
ler Blockadewirkung die deutsche Valuta auch selbsttätig und unbedingt
 ihren alten Stand wieder zurückerobern werde. Dieser Umstand
betrifft den Grad der Entwertung unserer Währung auf dem inneren
Markt‘“1). ... Die Kaufkraft der Mark ist auf die Hälfte oder noch
tiefer gesunken. In dieser Tatsache liegt aber ein wesentlicher Grund
für den Niedergang unserer Valuta auf den Auslandsmärkten, und wenn
nach Friedensschluß die Schranken für den Außenhandel fallen sollten,
30 wird hierin das Haupthemmnis liegen, um unsere Valuta wieder auf
den alten Paritätsstand zu bringen. Dieses Hemmnis muß als so
gewichtig eingeschätzt werden, daß für die ersten Friedensjahre die
Wiedererreichung des alten Valutastandes jedenfalls als ausgeschlossen
gelten muß‘“?), Er glaubt einen direkten gesetzmäßigen Zusammenhang
 zwischen dem Stand der Valuta und dem inländischen Preisniveau
zu erkennen und kommt so zu dem Satz: „Tatsächlich ist während des
Krieges auch in Holland und beinahe in allen anderen Ländern eine
;tarke Preissteigerung aller Waren und damit ein Rückgang der Kaufkraft
 des Geldes eingetreten. Wenn das Preisniveau in Holland ebenso
stark gestiegen wäre, wie in Deutschland, also angenommenerweise auf
das Doppelte, so müßte die dadurch ausgelöste Gegenwirkung auf
Warenbewegung und Valutastand die oben dargelegte Einwirkung des
Ansteigens des deutschen Preisniveaus völlig zum Ausgleich bringen,
so daß der Devisenkurs auf dem alten Paritätsstand bleiben müßte‘).
_.. Der (holländische) Guldenkurs in Deutschland ist gleich dem
Quotienten aus dem durchschnittlichen deutschen Preisniveau in Mark
and dem durchschnittlichen holländischen Preisniveau in Gulden‘“#).
Der von Schlesinger, Liefmann und Dalberg aufgestellten
Hypothese über den engen Zusammenhang zwischen dem inneren Preis-1)

 Dalberg, Der Zusammenhang zwischen Valutarückgang und Teuerung,
In der Deutschen Wirtschafts-Zeitung Nr. ı7 vom ı. September 1917, S, 4784.
») Dalberg, ebenda S. 480.
» a. a. O. S. 483.
Ya. a. O0, S. 483/484.
        <pb n="61" />
        stand und der Höhe der Valuta kann ich nicht zustimmen. Die genannten
Schriftsteller machen den Fehler, ein Zwischenglied in der Kette der
Verursachungen als das entscheidende kausale Moment anzusehen. —
Die hohen Preise in Deutschland sind in erster Linie eine Folge teils
der Absperrung vom Auslande, teils der Inflation ; ebenso ist der schlechte
Valutastand eine Folge der gestörten Handelsbeziehungen zum Ausland
in erster Linie und der Inflation in zweiter Linie (wie wir später noch
nachweisen wollen), Wenn also hohe Preise und schlechte Valuta derselben
 Ursache entspringen, darf man doch nicht sagen, die schlechte
Valuta sei die Folge der hohen Preise, das hieße Ursache und Wirkung
verwechseln. Damit wird der kausale Zusammenhang gänzlich verdunkelt
 und verwirrt. Darum muß mit aller Entschiedenheit gesagt
werden: die hohen Inlandspreise in Deutschland sind direkt von gar
keinem Einfluß auf die Bewertung der Mark im Ausland. Der Schweizer,
Holländer, Däne usw., der deutsche Markwechsel kauft, kauft diese
Wechsel nicht, um deutsche Waren zu kaufen, sondern um irgendwelche
Zahlungsverpflichtungen, die er in Deutschland hat, erfüllen zu können,
z. B. Zahlungen für bereits gekaufte oder zu kaufende Waren zu leisten,
oder zur Zahlung von Zinsen, Dividenden oder Kapitalien an Deutschland.
 Wieviel er für die deutschen Markwechsel oder Marknoten bezahlen
muß, hängt von den Preisverhältnissen des Zahlungsmittelmarktes ab,
aber nicht von den Preisverhältnissen des deutschen Warenmarktes, Sind
also, wie es während des Krieges meist der Fall ist, sehr viele deutsche
Zahlungsmittel angeboten, so bezahlt er wenig in seinem Geld, weil der
geringen Nachfrage ein großes Angebot gegenübersteht. Keineswegs
sind also die Preise auf dem Zahlungsmittelmarkt des Auslandes einfach
zin Reflex der Preisverhältnisse im Inland, sondern die Preise der
Wechsel haben ihre eigenen und besonderen Bestimmungsgründe. Wieviel
 ein Schweizer für das deutsche Geld zahlt, richtet sich einzig und
allein nach der Forderungs- bzw. Zahlungsbilanz zwischen der Schweiz
und Deutschland: wären viele Schweizer da, die Waren von Deutschland
 bezogen hätten und eine große Nachfrage nach deutschen Wechseln
hervorrufen, so müßte auch ein höherer Preis für die deutschen Wechse]
bezahlt werden; da aber bekanntlich die Einfuhr aus der Schweiz vie]
größer ist als unsere Ausfuhr dorthin, ergibt sich eine Bilanz zu unseren
Ungunsten und daher der gedrückte deutsche Wechselkurs. Wäre
wirklich der deutsche Preisstand für die Valuta der ‚ausschlaggebende
Grund, wie könnte es erklärt werden, daß im Oktober 1917 unsere
Valuta gegenüber der Schweiz um 50% entwertet war, während doch
in der Schweiz selbst die Preise der wichtigsten Lebensmittel außerordentlich
 stark in die Höhe gegangen waren? Wie ich selbst in der
        <pb n="62" />
        55

Schweiz beobachtet habe, sind dort viele Preise keineswegs niedriger
als bei uns. Wie mir Personen versichert haben, die durch langen Aufenthalt
 in der Schweiz die dortigen Preisverhältnisse genau kennen,
gleichzeitig aber auch über die deutsche Preisgestaltung gut informiert
sind, ist der gesamte Preisstand in Deutschland keineswegs höher als
in der Schweiz, eher umgekehrt, denn während Lebensmittel u. dgl.
in Deutschland höher bezahlt werden als in der Schweiz, zahlt man in
der Schweiz Wohnungen, Grundstücke, allen möglichen Hausbedarf
und viele andere große Budgetposten ganz bedeutend höher als bei uns.
Auch darf nicht übersehen werden, daß der Preis für eine der wichtigsten
Waren, das Getreide, in Deutschland geringer ist, als der Getreidepreis
fast aller übrigen Länder der Welt. Wie ließe es sich erklären, daß die
englische Valuta lange Zeit hindurch so günstig war, trotzdem die
Preise dort in enormer Weise in die Höhe gegangen sind ? Eulenburg
kommt in einer Untersuchung über die Entwicklung der Warenpreise
in England während des Kriegs!) zum Ergebnis, daß England allenthalben
 eine enorme Verteuerung aller Waren zeigt und daß das Preisniveau
 nach 2% Jahren der Kriegführung um 97% höher steht als im
Anfang. Oder wie käme es, daß in der Schweiz seit Oktober 1917 unsere
Valuta sich so sehr gebessert hat, trotzdem in dieser Zeit unser Preisstand
 sich noch bedeutend erhöht hat? Die Besserung der Valuta war
teils die Folge der gesetzlichen Bestimmungen über den Devisenverkehr,
großenteils auch eine Folge davon, daß durch die gebesserten Friedensaussichten
 in der Schweiz man auf eine baldige Besserung der Handelsbilanz
 hoffte, wodurch für die deutsche Mark wieder größere Nachfrage
entstand. — Wenn die Theorie die Aufgabe hat, den entscheidenden
Ursachenkomplex aufzudecken, so muß auch eine Theorie, welche
den niedrigen Stand der deutschen Valuta erklären will, auf die
Zahlungsbilanz hinweisen, nicht aber auf ein Zwischenglied, das
selbst wieder die Folge der eigentlich entscheidenden Ursache ist. Der
enge Zusammenhang zwischen dem inneren Preisstand und der Valuta
kann also gar nicht vorhanden sein, weil die Preisbestimmungsgründe
für beiderlei Preise ganz verschieden sind. Die Preise auf dem Markt
der ausländischen Zahlungsmittel — das sind eben die Wechselkurse —
unterliegen ganz anderen Bestimmungsgründen als die Preise der Waren
der Länder, auf welche die Wechsel lauten. Vollends aber in diesen
Kriegszeiten, in denen alle Länder mehr oder minder abgesperrt sind,
wo die Preise vieltäch der Ausdrnck ganz eigenartiger und anormaler,
durch die Isolierung der Länder hervorgerufener Verhältnisse sind, ist

) Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 1917, S. 480.
        <pb n="63" />
        6

der Zusammenhang nicht vorhanden. Dasselbe gilt aber auch für dem
Preis der Zahlungsmittel, der ebenfalls durch den ganz eigenartigen
Zustand des zerstörten internationalen Wechselmarktes hervorgerufen
ist, in dem alle die ausgleichenden Faktoren ausgeschaltet sind, die sonst
wirksam sind. Die oft ganz sprunghaft und sehr schnell aufeinanderfolgenden
 Veränderungen im Wechselkurse deuten auf den Zusammenhang
 mit der Zahlungsbilanz hin, während demgegenüber die Veränderungen
 der Preise nicht annähernd diesen sprunghaften Charakter aufweisen.

Liefmann selbst macht auf den wirklichen Zusammenhang auf--merksam,
 wenn er z. B. sagt!): „Erst an die gestiegenen Preise, wenn
sie nicht durch Einfuhr ausgeglichen werden können, knüpft
das Sinken der Valuta an.“ Darum sollte man auch den richtigen
Schluß ziehen: also ist die mangelnde Ausgleichsmöglichkeit im Wege
des Handelsverkehrs an der schlechten Valuta schuld. Oder, wenm
Liefmann an obiger Stelle, nachdem er den ungünstigen Stand der
deutschen Valuta auf die hohen Preise in Deutschland zurückgeführt
hat, fortfährt: „Dies wird um so mehr der Fall Sein, je weniger von uns:
exportiert werden kann, je weniger also Forderungen des Auslandes:
an uns durch Forderungen, die wir im Ausland haben, ausgeglichen:
werden können.“ — Also auch hier sehen wir: es ist die erschwerte-Ausfuhrmöglichkeit,
 welche die letzte Ursache bildet. Oder schließlich
wenn Liefmann direkt sagt?) : „Natürlich hätte dies alles überwunden
werden können, wenn wir nicht mehr ein- als ausgeführt und nicht
so schon zahlreiche Schulden z. B. aus Hypotheken im Auslande gehabt
hätten.‘
Es soll natürlich nicht geleugnet werden, daß der hohe Preisstand'
einen indirekten Einfluß auf den schlechten Stand unserer Valuta:
ausübt, denn die hohen Inlandspreise verhindern eine sonst vorhandene
Möglichkeit, den schlechten Stand der Wechselkurse zu verbessern.
Für das Land mit gesunkener Valuta wirkt diese im allgemeinen exportfördernd,
 weildie Exporteure die höherwertigen ausländischen Zahlungsmittel
 erhalten, Auch ließen wir uns während des Kriegs vom neutralen
Ausland für Waren, die es unbedingt brauchte, höhere Preise zahlen,
wodurch die Valutaverschlechterung unter Umständen ausgeglichen
werden kann. Ist aber der Preisstand der inländischen Waren ein sehr
hoher, so kann ein Export trotz der gesunkenen Valuta nicht stattfinden;
 ferner werden durch die gesunkene Valuta die Preise der vom

la. a. O0. S, 110.
N a. a. O0. S. 178,
        <pb n="64" />
        BZ
2

Ausland eingeführten Waren verteuert, was wiederum ein neues Moment
der inländischen Preissteigerung auslöst?!).
Auch Schlesinger gibt implicite zu, daß der Stand der Zahlungsbilanz
 und nicht der Stand der Preise für die Valuta maßgebend ist.
Er sagt?): „So oft die Steigerung der Inlandspreise das Gleichgewicht
des Außenhandels störte und die gesunkenen Exportmöglichkeiten ein
Überwiegen der Devisennachfrage verursachten, bedurfte es daher
einer Steigerung der Devisenkurse, um das Gleichgewicht wieder herzustellen;
 das Agio mußte der Warenteuerung von Stufe zu Stufe folgen.“
Und warum kann das Gleichgewicht des Außenhandels nicht wieder
hergestellt werden? Weil drei Möglichkeiten des Ausgleichs fehlen, die
Schlesinger selbst angibt: 1. Wenn Gold exportiert wird; 2. wenn
andere Posten der Zahlungsbilanz aktiver werden, und 3. wenn der
Zufiuß von Auslandskapitalien wächst. Also, wir sehen, die Verhältnisse
 der Zahlungsbilanz sind ausschlaggebend und nicht die Gestaltung
 der Warenpreise.
Auch Dalberg verwechselt, wie Liefmann, Ursache und Wirkung.
Diese Verwechslung geht deutlich aus folgender Argumentation Dalbergs
 hervor. Er erklärt den Zusammenhang zwischen Preisstand und
Valuta auf folgende Weise®): „Sowie die deutschen Preise unter der
Kriegseinwirkung anstiegen, mußte der Import aus Holland gefördert
werden, da ja höherer Erlös winkte. Umgekehrt mußte der deutsche
Export dadurch gehemmt werden, da die höheren deutschen Preise
gegenüber den alten Preisen des holländischen Marktes vielfach zu hoch
wurden. Diese aus der Veränderung der Kaufkraft der Mark in Deutschtand
 sich ergebenden Antriebe und Hemmungen der Warenbewegung
über die Landesgrenzen konnten aber nicht ungehindert zur Wirkung

1) Budge erblickt den indirekten Einfluß des gesunkenen Binnenwerts des
Geldes in der Erschwerung des Exports: „Wenn also trotz alledem die Ausfuhr
unterblieb, so bleibt nur ein Schluß übrig, der nämlich, daß der Export keinen
Vorteil bot. Und ein solcher Vorteil war dann nicht vorhanden, wenn der Wert
des inländischen Geldes nicht nur gegenüber den Wechseln auf ausländisches Geld,
sondern auch gegenüber den inländischen Waren gesunken war. Da freilich lag
keine Veranlassung zur Ausfuhr vor, denn der Verkäufer konnte nunmehr seine
Ware in inländischem Geld berechnet, ebenso teuer absetzen wie im Ausland.“
2. (Zur Frage der Bankrate und des Geldwertes, Im Arch. f. Soz.-Wissensch. u.
Soz.-Pol., 44. Bd., ı. Heft 1917, S. 226). Hier scheint mir der Einfluß des
gesunkenen Geldwertes auf den Export übertrieben zu sein, Der Hauptgrund
der unterbliebenen Ausfuhr liegt darin, daß diese in großem Maße gesetzlich
verboten war, sonst hätte das neutrale Ausland für mancherlei Exportartikel
gerne noch höhere Preise als die Inlandspreise bewilligt.
2) a. a. O.S. 18,
ha. a. OS, 481.
        <pb n="65" />
        kommen, da es wegen des geringer werdenden deutschen Exportes an
hölländischen Zahlungsmitteln (als Erlös für deutsche Exporte) fehlte,
um die steigenden Importe nach Deutschland zu bezahlen, Die unbefriedigte
 Nachfrage nach Gulden mußte aber den Guldenkurs steigern.“
In diesen Ausführungen gibt Dalberg implicite selbst zu, was die
eigentliche Ursache der gesunkenen deutschen Valuta ist: „Die undefriedigte
 Nachfrage nach Gulden mußte den Guldenkurs steigern“
und diese Nachfrage konnte nicht befriedigt werden, weil infolge des
geringen Exports aus Deutschland es an holländischen Zahlungsmitteln
fehlte. Hier ist also der Kausalzusammenhang richtig aufgedeckt,
Es ist die infolge der Kriegsereignisse mangelnde Ausgleichsmöglichkeit
zwischen Ein- und Ausfuhr, nicht aber der gegenseitige Preisstand in
den beiden Ländern, der den Valutastand hervorruft.
Kann somit ein direkter Zusammenhang zwischen dem inneren
Preisniveau und der Valuta nicht zugegeben werden, so soll nicht geleugnet
 werden, daß der im Preisstand sich äußernde Binnenwert
des Geldes auf den Außenwert des Geldes, die Valuta, von Einfluß
ist, Zu den sekundären Gründen des Sinkens der Valuta ist zu rechnen,
wenn z. B. durch übermäßige Ausgabe von Papiergeld eine Preis-Steigerung
 hervorgerufen wird und dies im Auslande als Symptom ungünstiger
 wirtschaftlicher Lage betrachtet wird, so daß Mißtrauen
gegenüber der Währung des betreffenden Landes hervorgerufen wird
und die Käufer solcher Zahlungsmittel fürchten, durch weiteres Sinken
des Kurses zu verlieren. Ob und inwieweit der niedrige Kursstand der
Mark im Auslande auch auf diese Ursache, also auf Inflation zurückzuführen
 ist, soll jetzt noch besonders untersucht werden.
        <pb n="66" />
        Über den Einfluß der Geldvermehrung auf die
Steigerung der Preise und den Stand der Valuta,
(Das Problem der sogenannten Inflation.)

Wir haben in wachsendem Maße eine Steigerung des allgemeinen
Preisniveaus in Deutschland während des Weltkrieges beobachtet, des
allgemeinen Preisniveaus jedenfalls insofern, als die Preise der meisten
wichtigsten Lebensbedürfnisse eine außerordentliche Steigerung erfuhren;
 wenn auch auf einzelnen Gebieten, Z. B. bei den Preisen der
städtischen Grundstücke eine solche Steigerung nicht in dem Maße
eingetreten ist, so handelt es sich um Ausnahmen, die in den besonderen
Umständen des betr. Marktes, z. B. des städtischen Grundstückmarktes,
begründet sind.
Der Begriff Inflation erfordert keineswegs eine Steigerung sämtlicher
 Warenpreise, die auch in der Geschichte wohl niemals vorgekommen
ist; es genügt für das Wesen dieser Erscheinung, wenn bei der Hauptmasse
 der wichtigsten Lebensbedürfnisse ein erhebliches Steigen der
Preise eintritt. Das Problem ist dieses: Rührt diese Preissteigerung
nur her von Ursachen, die auf der Warenseite liegen, oder ist sie
auch‘ durch Ursachen auf der Geldseite begründet? Dies führt uns
zur Frage der Inflation, denn Inflation_ist_nichts anderes. als_Preissteigerung,
 verursacht--durch-Vermehrung..des..Geldes, Wir können
anser Problem daher auch so fassen: Ist die Steigerung des Preisstandes
in Deutschland im Weltkriege eine Folge der Inflation? Wir haben
ausdrücklich den Begriff der Inflation so weit gefaßt, daß wir von der
Vermehrung des Geldes schlechthin sprechen und nicht von der Vermehrung
 des Papiergeldes, wie andere es auffassen, oder von Verschlechterung
 des Geldes, wie andere Autoren definieren. Inflation
liegt auch vor, wenn die Preissteigerung durch Vermehrung des Metall-
        <pb n="67" />
        a
U

geldes verursacht wird, wenn also z. B. infolge neuer Entdeckung von
Goldminen eine außerordentliche Vermehrung der Goldgewinnung einiritt,
 So wird die große Preissteigerung um die Mitte des 19. Jahraunderts
 auf die australischen und kalifornischen Goldfunde zurückgeführt,
 Die häufigsten Fälle der Inflation in der Wirtschaftsgeschichte
3ind aber die, wo sie eine Folge der Vermehrung des Papiergeldes oder der
Verdrängung des Metallgeldes durch Papiergeld ist. Hier spricht man
auch meist von einer Verschlechterung des Geldes. Wird die Frage
also so gestellt: Beruht die Preissteigerung in Deutschland während
des Weltkrieges auf Inflation? so ist die Antwort zu geben: als eine
der Ursachen der Preissteigerung ist sicher die Inflation zu nennen,
jedoch ist dies nur so zu verstehen:
1. Die Inflation stellt keineswegs die Hauptursache der Preissteigerung
 dar, sie spielt nur eine sekundäre Rolle. Die eigentlich
entscheidende und wichtigste Ursache der Preissteigerung liegt auf der
Warenseite und nicht auf der Geldseite. Die besonderen, durch den
Krieg hervorgerufenen Verhältnisse von Nachfrage und Angebot auf
dem Warenmarkt haben die Preissteigerung hervorgerufen. Die durch
die Absperrung vom Auslande hervorgerufene Knappheit vieler wich-:igster
 Waren und die wachsende Schwierigkeit ihrer Beschaffung auf
der einen Seite, die steigende Nachfrage nach Waren aller Art auf der
anderen Seite geben die einfache Erklärung der Steigerung der Preise ab,
Durch den Fortfall eines großen Teiles der Zufuhr von Lebensmitteln
aller Art und namentlich von Rohstoffen aus. den feindlichen Ländern
mußten die Preise der meisten Bedarfsgegenstände außerordentlich
steigen. Soweit Rohstoffe in Deutschland nicht zu gewinnen sind,
mußten sie zu den höchsten Preisen, soweit es überhaupt möglich war,
aus dem neutralen Ausland herbeigeschafft werden. Soweit die Lebensmittel
 in Deutschland, namentlich die Agrarprodukte im Inland erzeugt
werden konnten, war dies nur mit wachsenden Produktionskosten
möglich, Für diese Erzeugnisse der Urproduktion gilt die bekannte
Preistendenz, daß .die Kosten der unter den ungünstigsten Produktionsbedingungen
 erzeugten Produkte für die Preise der Produkte maßgebend
 sind, Während man in Friedenszeiten die inländische Produktion,
soweit sie nur unter den ungünstigsten Bedingungen möglich war,
unterließ und das Bedarfsdefizit unter günstigeren Bedingungen aus
dem Auslande deckte, mußten jetzt in der „isolierten“ Wirtschaft alle,
auch die ungünstigsten Produktionsmöglichkeiten ausgenutzt werden.
Das bewirkte mit Notwendigkeit immer wachsende Preise, weil hohe
Produktionskosten zu decken waren. Das bedeutet zugleich hohe
Kriegsgewinne in Form von Differentialrenten an diejenigen Produ-
        <pb n="68" />
        Al

zenten, die unter günstigeren Bedingungen, z. B. der Fruchtbarkeit des
Bodens, produzieren können. Aber auch abgesehen von der Urproduktion
 sind viele weitere Ursachen der Preissteigerung auf fast allen
Warenmärkten wirksam, vor allem auch der Mangel an tierischen und
menschlichen Arbeitskräften, den wichtigsten Roh- und Hilfsstoffen,
die oft nur durch kostspieligste Surrogate zu ersetzen sind. Also nach
den elementarsten Vorgängen der Preisbildung mußten die Preise
steigende Tendenz aufweisen. Auch ohne jede Veränderung in der
Geldverfassung und in den tatsächlichen Geldverhältnissen wäre eine
große. Preissteigerung eingetreten,
2. Die Inflation spielt nicht nur eine sekundäre Rolle, sie ist
auch ihrem Wesen nach nicht so aufzufassen, wie die meisten aus
der Geschichte bekannten früher vorgekommenen Fälle von Inflation,
die aus der sogenannten Papiergeldwirtschaft hervorgegangen waren.
Man darf unsere Inflation in keine Parallele stellen etwa mit den bekannten
 früheren Beispielen, wie z. B. der Assignatenwirtschaft zur
Zeit der französischen Revolution. Denn einmal ist die quantitative
Zunahme der papierenen Zahlungsmittel in Deutschland während des
Weltkrieges nicht annähernd in dem Maße erfolgt, wie die Vermehrung
des Papiergeldes in Ländern, die in die sogenannte Papiergeldwirtschaft
geraten waren, und vor allem hat qualitativ unser Papiergeld im
Kriege nicht den bedenklichen Charakter wie jenes.‘ Denn bei der
eigentlichen Papiergeldwirtschaft handelt es sich darum, daß die Geldzirkulation
 mit einem uneinlöslichen und ungedeckten Papiergeld vor
sich geht, während das deutsche Papiergeld während des Krieges zwar
uneinlöslich ist, aber — wenigstens in überwiegender Menge — gedeckt
 ist.

Was zunächst die quantitative Seite anlangt, so sind für Deutschland
 folgende Ziffern zu nennen; es waren im Umlauf:
I. Reichskassenscheine im Betrage von 320 Mill. M. (Ende 1917);
2. Darlehenskassenscheine. Von ihnen waren im Herbst 1917:
314 Milliarden M. im Verkehr und % Milliarde im Bestand der
Reichsbank;
die Reichsbanknoten. Ihr Umlauf betrug im Herbst 1917 rund
10% Milliarden.

3.

So waren also etwa im ganzen 17 Milliarden papierene Zahlungsmittel
 vorhanden. Was will diese Summe aber heißen gegenüber etwa
der Papiergeldausgabe zur Zeit der französischen Revolution, als sich
im ‚Jahre 1796 die Summe der im Umlauf befindlichen Assignaten auf
45% Milliarden Fr. belief,
        <pb n="69" />
        — E22 —

Noch wichtiger ist der qualitative Unterschied, Ungedecktes
und uneinlösliches Papiergeld, das typische Geld der Länder mit sogenannter
 Papiergeldwirtschaft, sind bei uns nur die Reichskassenscheine
im Betrag von 240 Millionen ; die darüber hinaus auf Grund des Gesetzes
vom 22, März 1915 ausgegebenen Reichskassenscheine müssen durch
Darlehenskassenscheine oder gemünztes deutsches Geld gedeckt sein.
Von den Reichsbanknoten ist nur der Betrag als ungedeckt und uneinlöslich
 zu bezeichnen, der auf Grund von Schatzanweisungen des
Reiches und Reichswechseln, die nach Gesetz vom 4. August 1914
zur Notendeckung zugelassen worden sind, ausgegeben wird. Die
Höhe ihres Betrages kann nicht angegeben werden, da in den
Reichsbankausweisen diese Reichswechsel mit den übrigen Wechseln
in einer Summe ausgewiesen werden. Doch hat das Deutsche Reich von
dieser Art der Kreditaufnahme des Reiches nie in bedenklichem Umfange
Gebrauch gemacht. Da die große Hauptmasse der Reichskriegskosten
durch fundierte Anleihen aufgebracht wird, macht das Reich von
diesem ungedeckten kurzfristigen Kredit in Form von Reichswechseln
asw. vielfach nur Gebrauch, wenn in der Zeit bis zum Eingang
von Reichssteuern oder Reichsanleihen Zahlungsmittel flüssig gemacht
werden müssen, ,
Abgesehen also von diesem Teil der Notenausgabe sind sämtliche
Reichsbanknoten, also die Hauptmenge des im Umlauf befindlichen
Papiergeldes gedeckt, und zwar waren die deutschen Reichsbanknoten
während der Zeit vom Februar bis Oktober 1917 im Durchschnitt bis
zu 35,3% durch den Barvorrat der Reichsbank gedeckt. Zu diesem
Barvorrat gehören auch die Darlehenskassenscheine, die in der genannten
 Zeit in einem Betrag von 537 Millionen im Bestande der Reichsbank
 waren. Überwiegend war hierbei die Deckung in Gold, und zwar
betrug sie in dieser Zeit 23,1 %- Die Darlehenskassenscheine sind
gedecktes Papiergeld, denn sie werden nur gegen Verpfändung von
Wertpapieren oder Waren ausgegeben. Daneben besteht noch die
persönliche Haftung der Darlehensschuldner.
Somit ist also der Zustand des deutschen Papiergeldwesens dahin
zu charakterisieren, daß wir in nennenswertem Umfang überhaupt kein
„eigentliches‘“ Papiergeld im Sinne der sogenannten Papiergeldwirtschaft
haben, da unsere papierenen Zahlungsmittel in überwiegendem Maße
gedeckt sind, teils durch Gold, teils durch sichere Unterlagen, Wechsel
oder Waren und Wertpapiere. Wenn auch die Einlösungspflicht der
Noten aufgehoben ist, da das in der Rerchsbank befindliche Gold zur
Deckung der Noten und zu dringenden Zahlungen ins Ausland reserviert
bleiben muß, so sind doch die Grundsätze der bankmäßigen Deckung
        <pb n="70" />
        62 —

der Noten keineswegs preisgegeben worden. Es handelt sich bei der
Aufhebung der Einlösungspflicht bei uns wie in England während der
Restriktionsperiode nur um die durch die Kriegsereignisse notwendig
gewordene Vermehrung von Zahlungsmitteln, wobei aber die Maßnahmen
30 getroffen sind, daß die Grundlagen unseres Kredit- und Geldsystems
nicht erschüttert wurden. Trotzdem ist, namentlich in der Ententepresse,
 immer wieder unser deutsches Geldwesen während des Krieges
als Assignatenwirtschaft charakterisiert worden, -aber mit demselben
 Unrecht, wie dies gegenüber dem englischen Geldwesen zur Zeit
der Bankrestriktion geschah. Damals benutzten die politischen Gegner
Englands die schroffen Ansichten der Bullionisten über die angeblichen
Mißstände der englischen Banknotenausgabe zu ihren Plänen. „Die
Bullionisten‘“, berichtet Roscher!), „waren 1812 höchst unpopulär,
d. h. die Bank von England gerade in der Zeit ihrer ärgsten Mißverwaltung
 höchst populär. Darum ließ Napoleon Ricardos Schrift „On
the high price etc.“ im Moniteur von 1810, Nr. 167ff. ganz übersetzen 1“
Die Vergleiche, welche die Bullionisten zwischen den Bank-von-England-Noten,
 den französischen Assignaten und John Laws Papiergeld
 anstellten, wurden auf dem Kontinent, namentlich in französischen
Publikationen — wahrscheinlich unter dem Einfluß Napoleons — geflissentlich
 verbreitet?). — Wie wenig auch für die damalige Zeit der
Vergleich mit der Assignatenwirtschaft berechtigt war, ergibt sich aus
folgendem: Wie gegenwärtig bei uns im ganzen eine Notenausgabe
von rund Io Milliarden M. besteht, so hielt sich auch damals die Vermehrung
 der Notenausgabe bei der Bank von England in mäßigen
Grenzen, und bis 1811 war nur eine Vermehrung von rund 12 Müll. £
zu verzeichnen, also nicht nur verschwindend wenig, verglichen mit
der Papiergeldausgabe zur. Zeit John Laws und der französischen
Revolution, sondern auch verglichen mit der Papiergeldausgabe zur
Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges: „Von 1775 bis 1776
wuchs der Umlauf des amerikanischen Papiers von 3 Mill. Dollars auf
20 Millionen, wurde also fast versiebenfacht. 1% Jahre später, im
Dezember 1777 belief er sich auf rund 70 Mill. Dollars, war also innerhalb
einer Zeit von 2% Jahren auf das z3fache seines ursprünglichen Betrages
 gebracht worden. Während bei der ersten Vermehrung ein
besonderes Mißtrauen nicht festzustellen war, erhielten die Noten bei
der zweiten schon ein negatives Agio von etwa 50%. Als man trotzdem
mit der Vermehrung fortfuhr und den Betrag des Umlaufs in weniger

1) Roscher-Stieda, System der Volkswirtschaft, III, S. 417.
N Aretz, a. a. O. S. 115.
        <pb n="71" />
        — 64 —

als 2 Jahren sogar bis auf 200 Mill. Dollars erhöhte, war das Agio bis
auf 90% gestiegen, das Papiergeld lief also nur zu 10% seiner Begültigung
 um und war I Jahr später, 1780, völlig wertlos‘“1).
Hier haben wir Fälle wirklicher Papiergeldwirtschaft vor uns, Daß
sowohl bei uns in Deutschland als in England während der Napoleonischen
 Kriege davon nicht die Rede sein kann, ergibt sich aus der
quantitativen und qualitativen Verschiedenheit der Geldverhältnisse
damals und den englischen Verhältnissen in der Zeit von 1797 bis 1821
und den gegenwärtigen deutschen Zuständen, Trotzdem in keiner
Weise unsere deutsche Geldwirtschaft während des Krieges irgendeine
Ähnlichkeit mit der Papiergeldwirtschaft in den erwähnten früheren
Zeiten, die in der Regel mit Staatsbankrott geendet hatten, aufweist,
so ist doch eine gewisse Inflation, d. h, eine preissteigernde Wirkung
durch die Änderung unserer Währungsverhältnisse eingetreten. Aber
in welcher Weise wirkte die Geldvermehrung während des Krieges auf
den Stand der Preise ? Dies darf man sich nicht nach der Art der naiveil
Quantitätstheoretiker vorstellen. Diese nehmen einfach an, daß im
Verhältnis der Vermehrung der Zahlungsmittel auch eine Erhöhung
des Preisstandes eintreten müsse, so daß also, wenn die Menge der
Zahlungsmittel auf das Doppelte gestiegen wäre, auch die Preise um
das Doppelte in die Höhe gehen mußten, Dabei wird nicht nur übersehen,
 daß die Zahlungsmittel eine ganz verschiedene Wirkung ausüben
je nach der Umlaufsgeschwindigkeit, mit der sie zirkulieren, sondern
vor allem, daß eine große Masse von Umsätzen auf dem Wege des
Kredits durch bargeldlose Zahlungsmethoden usw. vermittelt wird,
so daß immer nur ein Teil der Umsätze sich mit Hilfe der Banknoten
und der anderen Geldzahlungsmittel vollzieht. So kann niemals eine
bestimmte Menge neu hinzukommender Zahlungsmittel sofort und
direkt eine Erhöhung des Preisstandes bewirken. Der Zusammenhang
ist vielmehr ein indirekter und quantitativ nie exakt feststellbarer,
Die Einwirkung der neu geschaffenen Zahlungsmittel auf die Preise
vollzieht sich durch‘ die dadurch neu geschaffene Kaufkraft, die zahlreichen
 Käufern die Möglichkeit bietet, mit präsenten Zahlungsmitteln
auf den Markt zu treten und durch gesteigerte Nachfrage die Preise
vieler Waren zu erhöhen. Diese hohen Preise bedeuten für die Verkäufer
 dieser Waren erhöhtes Vermögen und Einkommen; sie werden
dadurch in die‘ Lage versetzt, ihrerseits wiederum für alle möglichen
Waren höhere Preise zu zahlen, und so pflanzt sich der durch die vermehrten
 Zahlungsmittel gegebene Anstoß weiter fort bis in die weitesten

‘) Vgl. Wolter, a. a. O. S. 85.
        <pb n="72" />
        Volksschichten, yor allem auch in Form der Steigerung der Arbeitslöhne ;
indem besonders der Staat durch die ihm gewährten Notendarlehen
in den Besitz sofort zur Verfügung stehender Zahlungsmittel kommt,
ist er auch in der Lage, in größtem Umfang als potenter Käufer auf dem
Markte aufzutreten und sehr hohe Preise für Kriegsmaterial und al]
die tausend Dinge, die er für Kriegszwecke beschaffen muß, zu bezahlen,
Bei diesem rein quantitativen Einfluß, der von den vermehrten
Zahlungsmitteln ausgeht, ist es auch ganz gleichgültig, ob die neu geschaffenen
 Zahlungsmittel wie z. B. die Darlehenskassenscheine gedeckt
 sind, oder wie die auf Grund von Reichswechseln ausgegebenen
Noten ungedeckt. In beiden Fällen wird neue zusätzliche Kaufkraft
geschaffen, die preiserhöhend wirken muß. Auf dem Wege des Kredits
werden Zahlungsmittel geschaffen, einerlei, ob es gedeckter Lombardkredit
 ist oder der ungedeckte Kredit, der dem Staat gegen die ver:
sprochene Rückzahlung gewährt wird‘).
Dagegen macht sich hier wieder der Unterschied geltend, auf den
ich bei Besprechung der englischen Verhältnisse hingewiesen habe,
nämlich, ob die Banknoten wie in regulären Zeiten aus dem Handelsverkehr
 hervorgehen, auf Grund von Warenwechseln, also auf Grund
bereits abgeschlossener Kaufgeschäfte ausgegeben werden und daher
in kürzester Frist regelmäßig an die Bank zurückströmen, oder ob die
Noten auf dem Wege der Mobilisierung des Kredits ausgegeben werden,
len der Staat als solcher genießt, oder den Private auf Grund verpfändeter
 Wertpapiere und Waren erhalten. Hier wird die Möglichkeit
zu neuen Kaufgeschäften aller Art gegeben, ohne daß andere Zahlungsmittel,
 wie etwa Warenwechsel hingegeben werden, was zunächst
eine Verstärkung der Kaufkraft einzelner Käuferschichten bewirkt,
zuletzt aber die Kaufkraft der Gesamtheit der Bürger, gemessen an der
Geldeinheit infolge der Steigerung aller Preise herabsetzen muß. Sehr
treffend drückt diesen Vorgang Schlesinger einmal so aus®?): „Der
Staat muß — wenigstens vorübergehend — zu einer eigentümlichen
indirekten Steuer greifen, welche die individuellen Einkommen nicht

fi

1) Mit Recht hat schon Helander darauf hingewiesen, daß hier Nicht-Zahlungsmittel
 in Zahlungsmittel verwandelt werden, da dadurch die Gesamt-«
masse der Zahlungsmittel der Volkswirtschaft vergrößert wird, was eine I1nflationistische
 Wirkung ausübt. Es sei das Typische der Papiergeldbeschaffung,
daß der Zukunftswert in einen Gegenwartswert (der Zahlungsmittel, womit
sofort bezahlt werden kann) verwandelt wird (vgl. den Aufsatz: „Das Inflationsproblem
 im Kriege‘ in Conrads Jahrb. 1915/11, S. 246.
2) a. a. O. S. 6.
K. Diehl, Geldwesen und Valuta.
        <pb n="73" />
        66

unmittelbar und physisch ergreift, sondern ihnen durch Emission neuer
Geldes eine Quote ihrer Kaufkraft entzieht.‘
Außer dem Umstand aber, daß durch die Schaffung neuer Zahlungs--mittel
 auf dem kostenlosen Wege der Benutzung der Notenpresse zusätzliche
 Kaufkraft geschaffen wird, ist noch eine zweite Quelle der
Inflation zu nennen, die qualitativer Art ist. — Die bisher geschilderten
 Einwirkungen der Vermehrung der Zahlungsmittel verlaufen
im wesentlichen genau so, wie die, welche von einer Vermehrung des.
Goldvorrates ausgehen, wenn etwa neue Goldminen entdeckt werden.
Auch dies führt zunächst zu einer Erhöhung des Vermögens und Einkommens
 gewisser Käuferschichten, die eine stärkere Nachfrage hervorrufen,
 hierdurch die Preise erhöhen, bis sich der Prozeß auf die breitesten,
Schichten fortpflanzt. Bei der Vermehrung papierner Zahlungsmittel
kommt aber noch ein weiteres Moment hinzu, nämlich das traditionelle
Mißtrauen, das im Volk überall dort gegen papierne Zahlungsmittel
besteht, wo früher Metallgeldumlauf vorhanden war. Selbst da, wo
wie in Deutschland durch die strengen Deckungsvorschriften einerseits,
durch den geringen Umfang des ungedeckten Papiergeldes andererseits
objektiv keine Besorgnis berechtigt ist, ob die Notenbanken,.
bzw. der Staat ihren Einlösungspilichten nachkommen werden, ist.
zweifellos der Mann im Volke geneigt, das Papiergeld nicht so hoch
zu bewerten wie das Metallgeld, und er ist daher bestrebt, für seine
Waren in dem ‚„minderwertigen‘“ Geld höhere Preise zu verlangen.
Daß solche Imponderabilien in Deutschland eine Rolle spielen,
sollte nicht geleugnet werden, mag man es „metallistisches Vorurteil“
 nennen oder nicht. Haben wir doch beobachten können, in wie
großem Maße Gold- und Silberstücke während des Krieges „gehamstert‘“
wurden aus der unklaren Vorstellung heraus, daß solches Geld als.
wertvoller Bestand reserviert werden müßte. Die Kehrseite dieser
Erscheinung ist ein gewisses Mißtrauen gegenüber den papiernen
Zahlungsmitteln, und dieses Mißtrauen. wirkt. ebenfalls bei der
Preissteigerung mit, soweit diese von der Geldseite herkommt. Wenn somit
 schon ein gewisses, wenn auch unberechtigtes Mißtrauen im In--land
 besteht, dann ist es erklärlich, wenn im Auslande erst recht
solches Mißtrauen wachgerufen wird, zumal es von unseren Feinden
durch allerlei unwahre Behauptungen systematisch großgezogen wird,
Die Steigerung der Preise wird dann mit einer Verschlechterung:
der Währung in Verbindung gebracht, und dies beeinflußt die
Valuta. ;
Wenn also die Marknoten, mit denen das neutrale Ausland überschwemmt
 wurde, so gering bewertet wurden,.so spielt. dieses psycho-]
        <pb n="74" />
        67

logische Moment sicher auch eine Rolle, und insoweit hat die Inflation
 auch auf den Stand unserer Valuta eingewirkt.
Budge betont mit Recht, daß die Preissteigerung teilweise eine
Folge der Inflation sei: „Der hohe Stand der Preise ist zum großen
Teil durch Entwertung des Geldes infolge einer Inflation verursacht‘!).
Es ist ein Irrtum, den einige neuere antimetallistische Autoren
begehen, wenn sie schlechthin jede Inflation, die aus der Qualität des
Geldstoffes herrühre, ableugnen und nur eine Inflation aus der quantitativen
 Geldvermehrung anerkennen wollen, so z. B. Bendixen?).
Er behauptet, bei den Inflationen beruhe der Fehler nicht auf der Wahl
des Stoffes, aus dem man das Geld macht, „sondern in dem Übermaß
der Geldschöpfung, gleichviel, ob es sich um papierne oder metallische
Zahlungsmittel handelt und ob die papiernen etwa metallisch gedeckt
sind‘“2). Es sei auch gleich, ob die Scheine dem Inhaber Einlösung in
Währungsmetall in Aussicht stellten, ob sie ihm einen ideellen Anteil
am Staatsvermögen zusprächen, oder ob sie ihm überhaupt keine Rechte
gewährten außer der Befugnis, die Scheine zur Zahlung zu verwenden %).
Aus demselben Grund Jleugnet er auch einen Einfluß dieser Art auf,die
Valuta: „Die Wechselkurse im Ausland werden unmittelbar weder
durch das heimische Preisniveau beeinflußt, noch durch die Frage, ob
man in Deutschland seine Schulden mit Gold- oder mit Papiergeld
bezahlt ®).““
Es ist durchaus nicht gleich, ob die Scheine durch Gold ge-Jeckt
 sind, oder ob sie reines Papiergeld sind, und es ist nicht derselbe
Übelstand, wenn in Ländern mit Goldwährung durch Vermehrung des
Goldvorrates eine Inflation entsteht, oder wenn diese inflationistische
Wirkung durch übermäßige Ausgabe von Papiergeld erzielt wird. Die
erstere Inflation muß als unvermeidliches Übel auch bei der, Goldwährung
 unter Umständen in Kauf genommen werden. Da es kein
Gut gibt, das im Werte unveränderlich ist, unterliegt das Gold auch
derartigen Schwankungen, aber der große Unterschied ist der: bei der
Goldwährung werden nur die Produktionskosten des der Währung zugrunde
 liegenden Metalls verringert, bei der Papierwährung kann die
Vermehrung der Zahlungsmittel ganz kostenlos in beliebiger Ausaufn



S f
1) Zur Frage der Bankrate und des Geldwertes. Im Arch. f. Soz.- isserfsch.
a. Soz.-Pol., 44. Bd., 1. Heft 1917, S. 231. .
2) Das Inflationsproblem, In Finanzwirtschaftl, Zeitfragen, 31. Heft. Stuttgart
 1917.
3) Ebenda S. 13.
%$) Ebenda S. 11,
N Ebenda S. 17.
        <pb n="75" />
        68

dehnung erfolgen. Somit ist das Urteil Bendixens unhaltbar, daß die
Steigerung der Preise nie auf einer Minderbewertung des Geldes, sondern
auf den Vorgängen des Warenmarktes beruhe.
Dasselbe Urteil wird auch von Heyn ausgesprochen, der meint:
„Die niedrige Bewertung unserer Mark im Auslande und ihr ungünstiger
Stand im Verhältnis zum ausländischen Geld erklären sich lediglich
daraus, daß wir nach der Sperrung des ausländischen Vermögens und
unseres Exports durch die Not gezwungen sind, die ausländische Valuta
so teuer, wie es tatsächlich geschieht, zu bezahlen, um die benötigten
Bedarfsartikel importieren zu können, und daß die wenigen Inländer,
welche ausländische Valuta besitzen, keine Veranlassung haben, dieselbe
zu niedrigeren Preisen abzugeben‘‘1),
Die hier erörterte Frage über die Wirkung der Geldvermehrung
im Kriege auf die Preise ist in einer jüngst veröffentlichten Schrift
Liefmanns eingehend behandelt worden?). Meine Auffassung stimmt
mit der Liefmanns in einzelnen Punkten überein, in den meisten
weiche ich sehr wesentlich von ihm ab. Mit Liefmann bin ich darin
einig, daß der Ursachenkomplex nicht so einfach liegt wie der im Sinne
der Quantitätstheorie dargelegte, daß nämlich eine Vermehrung der
Menge des Geldes auch eine proportionale Erhöhung des allgemeinen
Preisniveaus bewirke; ferner darin, daß die Einwirkung auf dem Weg
über die Erwerbs- und Einkommensverhältnisse der Käufer zu erklären
ist. Aber ich kann Liefmann nicht zustimmen, daß diese Erklärung
etwas völlig Neues sei; selbstverständlich ist die spezielle Art, wie
Liefmann auf Grund seiner psychischen Wirtschaftstheorie diesen
Kausalzusammenhang erklärt, sein alleiniges geistiges Eigentum, aber
falsch ist seine Behauptung, man hätte sich regelmäßig die Wirkung
der Geldvermehrung auf die Preise so vorgestellt, als ob eine Vermehrung
 der Geldmenge mechanisch und automatisch alsbald eine
Erhöhung der Preise herbeiführe, und habe sich den tauschwirtschaftliehen
 Prozeß, durch den eine Geldvermehrung zu Preissteigerungen
führe, niemals klar gemacht, sondern die Quantitätstheorie einfach als
ein Naturgesetz betrachtet3).

') Vgl. seine Abhandlung im ‚„Bankarchiv‘ Nr. 23 vom 1. September 1916:
„Die Ursachen des Tiefstandes unserer Valuta und die Aussichten auf Wiederherstellung
 des Parikurses nach dem Kriege (S. 441). — Dieselbe Ansicht vertritt
Heyn auch in seiner Abhandlung: „Der Kursrückgang der deutschen Wechsel
keine Folge einer Entwertung des deutschen Geldes‘ in Conrads Tahrb. 1916,
{. S. 376. .
N Die Geldvermehrung im Weltkriege,
3 a, a. O. S. 68.
        <pb n="76" />
        „

F

Gegenüber seiner Behauptung, daß weder die Anhänger der Quantitätstheorie
 noch diejengen, die sie ablehnten, erklärten, wodurch denn
bei einer Geldvermehrung die Preise steigen!), möchte ich darauf verweisen,
 daß schon seit sehr langer Zeit die Inflation durch die Zusammenhänge
 mit den tauschwirtschaftlichen Prozessen erklärt worden
ist?), In zahlreichen älteren preisgeschichtlichen Arbeiten, in denen
auch zugleich die theoretischen Zusammenhänge klargelegt werden,
wird gezeigt, wie die Geldvermehrung auf dem Wege über die Einkommenssteigerung
 auf die Preise wirkt. Dies ist besonders ausführlich
 schon in dem berühmten Werk von Tooke und Newmarch
„Die Geschichte und Bestimmung der Preise während der Jahre
1793—1857'“, II. Bd., 1859 geschehen. Dieses Werk, wovon die ersten
beiden Bände 1838 erschienen waren, und das eine erweiterte Fortsetzung
 einer 15 Jahre vorher erschienenen Abhandlung, betitelt
„Thoughts and Details on the High and Low Prices of the last thirty
Years“ darstellt, bietet neben. seinem reichen statistischen und historischen
 Material auch prinzipielle Betrachtungen über die Art, wie die
Geldvermehrung auf die Preise einwirkt. Tooke untersucht auch speziell
„die Art, wie das neue Gold sich unter die Handelsstaaten der Erde
verteilt und allmählich eine Erhöhung der Einkommen und durch
sie eine Erhöhung der Preise herbeiführe‘“®).
Die allgemeinen Resultate, die T00 ke über die Wirkungen der Goldauffindungen
 in Australien und Kalifornien um die Mitte des 19. Jahrhunderts
 feststellt, faßt er einmal so zusammen: „1. daß vom Anfang
bis zum Ende die vielfältigen gewaltigen Wirkungen, welche das neue
Gold in den Produktionsländern hervorgebracht, sich in volkswirtschaftliche
 Veränderungen auflösen, die in schnellem Wechsel und in
unendlich verschiedenen Formen aus dem verdreifachten und vervierfachten
 Einkommen der Arbeiter entstehen. Und 2. daß alle die mannigfaltigen
 Wege, auf denen das neue Gold zur Verteilung gekommen ist,
sich durch ein einfaches Prinzip erklären lassen, nämlich: daß die Verteilung
 genau dem Verhältnis entspricht, in welchem die vermehrte
Nachfrage nach Gütern, die ursprünglich von den ersten Goldsammlern
ausging, mehr und mehr Arbeiter sowie stets größere Kapitalien in
Tätigkeit versetzte, um nicht nur die Bedürfnisse der Gold produzierenden
 Länder, sondern auch mehr oder minder aller der anderen zu befriedigen,
 welche Rohstoffe oder Fabrikate, auf die Einkommen VEer-1)

 a. a. O. S. 15.
3 Hierauf verweist auch Palyi in seiner Abhandlung: „Eine neue Geldtheorie?‘
 Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Heft 1/2, 1918, S, 35.
2%) Tooke, a. a. O. II. Bd,., S. 396:
        <pb n="77" />
        — 70 —

wendet werden, hervorbringen‘“1). Er schildert eingehend, wie zuerst
 die Wirkung der Preissteigerung in den Goldländern sich heräusstellt
 und sich dann immer mehr ausdehnt, und fährt fort: „und
in derselben Progression weitergehend, muß ‚sich der Kreis, innerhalb
dessen der Bedarf von Waren zunimmt, oder richtiger, innerhalb dessen
die größeren Einnahmen ausgegeben werden, mit jedem Monat notwendig
 sich erweitern‘‘?), Und direkt im Gegensatz zur Quantitätstheorie
 stellt er nochmals an späterer Stelle die Sätze auf: „I. Die
Warenpreise sind nicht von der Geldmenge, die in dem Betrage der
Noten oder der Umlaufsmittel überhaupt liegt, abhängig, vielmehr ist
der Betrag der Umlaufsmittel eine Folge des Standes der Preise. 2, Die
Begrenzung der Preise in Geld liegt im ganzen lediglich in der Menge
Geldes, welche die Einnahmen der verschiedenen Klassen im Staate
5ildet und die als Rente, Gewinnst, Gehalt oder Lohn für die täglichen
Bedürfnisse ausgegeben wird. Gleich wie die Produktionskosten die
Begrenzung für die Versorgung bilden, also liegt das bestimmende und
begrenzende Prinzip für die Nachfrage in der Gesamt-Geldeinnahme,
die den Konsum bestreiten soll“ 2).
Auch Wiebe, der Verfasser des ausgezeichneten Werkes: „Zur
Geschichte der Preisrevolution des XVI. und XVII. Jahrhunderts‘ 4)
hat auf diese Zusammenhänge klar und eingehend hingewiesen.
Er schildert, wie überall zuerst in den Produktionsländern des
Edelmetalles, namentlich in Spanien, Sachsen, im Münsterland und
Elsaß die Preisbewegung und Geldentwertung begonnen habe, und
daß sie zuletzt in den Ländern hervorgetreten sei wie England,
die keine eigene Edelmetallproduktion hatten. Auch er bemüht
sich, die Quantitätstheorie zurückzuweisen, die er für ganz unzulänglich
 hält, diese Zusammenhänge zu erklären und sagt: „Aber
die bloße Vermehrung des: Geldvorrats kann. an sich nicht preissteigernd
 wirken; das neuhinzugetretene Geld muß auch auf dem Markt
kaufend Nachfrage erzeugen. Dies ist die erste Einschränkung, die
gegenüber jener Theorie gemacht werden muß. Eine in dieser Weise
zur Geltung gebrachte Vermehrung des Geldbestandes wird aber ferner
nicht genau in dem entsprechenden Verhältnis die Preise steigern, wie
sie auch niemals eine ganz gleichmäßige Verteuerung der Waren herbeiführen
 wird. Die ganze preissteigernde Wirkung einer Geldvermehrung
beruht ausschließlich darauf, ob dieselbe eine Nachfrage hervorruft.

l) Ebenda S. 419.
a. a. O. S. 420.
5 a. a. O. S. 623.
W Leipzig 1895,
        <pb n="78" />
        Die Art, Größe und Intensität dieser Nachfrage hängt wiederum im
wesentlichen davon ab, wer die Besitzer dieses neu hinzugekommenen
Geldes. sind“). .
Wie die Vermehrung des Edelmetalls und Geldvorrats allmählich
auf dem Wege der Einnahmenerhöhung die Preissteigerung bewirkt,
schildert er so: „Ein Teil des neuen Goldes und Silbers wird in
Deutschland von den reichen Kuxenbesitzern im Handel und auch in
der gewerblichen Produktion angelegt worden sein. Daneben haben
sie gewiß auch einen Teil zur Erweiterung und Vermehrung ihrer feineren
Bedürfnisse verwandt. Die kleinen Kuxeninhaber, die Gewerke werden
die Mehreinnahmen gewiß fast ausschließlich zur Konsumerweiterung
und Verbesserung benutzt haben. Der Staat hat seinen Anteil wahrscheinlich
 vorwiegend. zu militärischen und Verwaltungszwecken und
für den Hof des Fürsten verwandt. Endlich hat der Bergbau selber
eine Nachfrage nach gewissen, für den Betrieb des Bergwerks und die
Verhüttung des Erzes notwendigen Materialien, wie Holz, Holzkohlen
u. dgl. geschaffen. Es ist also eine mannigfaltige Nachfrage hervorgerufen
 worden und inwieweit dieselbe zur Steigerung der Preise führte,
war einmal durch die Dringlichkeit des Bedarfs bedingt, und zweitens
durch die mehr oder weniger große Möglichkeit, die betreffenden Waren
heranzuschaffen oder zu vermehren‘‘?).
Auch in der Literatur über den Einfluß der Goldproduktion auf
die Teuerung vor dem Kriege ist von den Autoren, welche in der vermehrten
 Goldproduktion eine mitwirkende Ursache der Teuerung erkennen
 wollen, zu denen auch der Verfasser dieser Schrift gehört, der
Zusammenhang stets so aufgefaßt worden, daß die Wirkung vermittelt
wird durch die Erhöhung der Einkommen gewisser Käuferschichten
in den Goldproduktionsländern und von da aus sich auf andere Gebiete
 fortpflanzt.
Der Unterschied zwischen Notenausgabe auf Grund von Handelswechseln
 und auf Grund von Finanzwechseln des Staates, auf den
Liefmann mit Recht großes Gewicht legt, ist ebenfalls in seiner
Wichtigkeit für den Geldwert und die Preise schon längst erkannt
worden und spielt z. B. in der Kontroversen-Literatur zur Zeit der
englischen Bankrestriktion eine große Rolle. Wenn auch sowohl von
den Bullionisten als von den Antibullionisten dieser Unterschied nicht
in seiner vollen Tragweite gewürdigt wurde, so war er jedenfalls erkannt,
and wird öfters in diesem Streit hervorgehoben.
Die spezielle Art, in der Liefmann die Einwirkung der .‚Geldı)

 Wiebe, a. a. O. S. 318,
N Ebenda S. 319.
        <pb n="79" />
        vermehrung auf die Preise erklärt, hängt mit der Grundlage seiner
ganzen Wirtschaftstheorie zusammen, auf die ich hier nicht näher eingehen
 kann!); nur die Nutzanwendung der Liefmannschen Theorie
auf die Frage der Inflation soll hier kritisiert werden. Es ist zunächst
die Einseitigkeit seiner Lehre zurückzuweisen, daß die Geldvermehrung
nur Einkommensverschiebungen bewirke. Richtiger wäre zu sagen:
Vermögens- und Einkommensverschiebungen, denn die Wirkung der
Goldvermehrung äußert sich oft auch in einer Erhöhung des Vermögens
bzw. des Kapitals einzelner Personen und nicht allein in Einkommensverschiebungen.
 Ebenso kann ich seiner Auffassung nicht zustimmen,
daß die sogenannte Kaufkraft des Geldes „nur individualwirtschaftlich
zu betrachten ist und daß sie von dem Einkommen abhängt‘, Liefmann
 meint, man erkenne erst die Beziehungen zwischen Geld, Preisen
und Einkommen, wenn man nicht Geldmenge und Preise in der ganzen:
Volkswirtschaft einander gegenüberstelle, sondern wenn man die Beziehungen
 zu den Einzelwirtschaften und ihrer Einkommen beachtet 2),
Nicht das Geld, meint Liefmann, sondern die Einkommen kauftem
die Güter, und deshalb müsse man die Veränderungen der Preise aus
den Änderungen der individualwirtschaftlichen Einkommenverhältnisse
erklären. Selbstverständlich kauft das ‚Geld‘ nicht die Güter, aber
auch die „Einkommen‘‘ kaufen nicht die Güter, sondern die Menschem
kaufen die Güter auf Grund eines gewissen Vermögens oder Einkommens,
Die Höhe der Preise, die sie bezahlen, hängt gewiß von ihren in Geld
geschätzten‘ individuellen Einkommensverhältnissen ab, aber diese
ganzen Schätzungsvorgänge vollziehen sich nicht rein individualwirtschaftlich.
 Die ganze volkswirtschaftliche und staatliche Ordnung
des Geldwesens spielt dabei auch eine Rolle; daher halte ich den
Satz Liefmanns für ganz unrichtig, daß das Vertrauen zum ‚Geld‘*
gar keine Rolle spiele: „Man muß erkennen,‘ sagt Liefmann, „daß
die Geldvermehrung nicht etwa durch Verminderung des Vertrauens
zum Gelde wirkt, sondern nur durch die Einkommen‘‘?). Dies hängt
wieder mit Liefmanns Grundauffassung vom Gelde zusammen, wonach
es überhaupt nichts anderes sei als eine abstrakte Rechnungseinheit
 und daß es gar kein selbständiger Faktor im tauschwirtschaftlichen
 Prozesse sei%).
Man darf bei diesen Problemen nicht nur auf die Einzelwirt-1)

 Vgl. meine eingehende Kritik der Grundlagen der Liefmannschen Theorie:
in meiner „Theoretischen Nationalökonomie‘, I. Bd. Jena 1916.
2) a. a. O. S. 70.
3 a. a. O. S. 81.
3) a. a. O. S. 7090.
        <pb n="80" />
        schaften und ihre Erwägungen zurückgehen und die Güter und Geldmengen
 in der ganzen Volskwirtschaft ignorieren. Die sogenannte
„volkswirtschaftliche Betrachtungsweise‘‘ hat trotz Liefmann ihre
Berechtigung. Das Geld ist nicht, wie Liefmann sagt, nur ein
ganz indifferenter Vermittler zwischen den Bedürfnissen der Menschen
und den letzten Kosten, und es ist nicht richtig, daß alle Veränderungen
im Tauschverkehr nur durch Veränderungen der grundlegenden Faktoren,
 Bedürfnisse und Kosten erfolgten. Wer allerdings wie Liefmann
mit seiner psychischen Wirtschaftstheorie Nutzen und Kosten als
psychische Vorgänge zu den Grundbegriffen der Wirtschaftslehre erhebt,
 gelangt dazu, auch im Geld nur eine abstrakte Rechnungseinheit
zu sehen und selbständige Wirkungen, die vom Geld als einem realen
Wirtschaftsgute ausgehen, zu leugnen, Man kann eben nicht volkswirtschaftliche
 Erscheinungen aus solchen allgemeinen psychischen
Erwägungen erklären, sondern muß auf die konkreten historischen und
rechtlichen Grundlagen der einzelnen Wirtschaftsepochen achten. Auf
Grund der sozialrechtlichen Betrachtung läßt sich das Geld nicht
als abstrakte Rechnungseinheit auffassen, sondern als eine Institution
einer bestimmten historischen Wirtschaftsordnung, die je nach den
Formen dieser Wirtschaftsordnung auch verschiedene Gestalt haben
muß. Eine privatkapitalistische Wirtschaftsordnung braucht, wie ich
später noch zeigen werde, wenn ich von der Zukunft der Goldwährung
spreche, immer ein Geld, das selbst Stoffwert hat und so wird bei allen
Einkommens- und Vermögensveränderungen auch die objektive Beschaffenheit
 der als Geldgut fungierenden Ware eine Rolle spielen; ist
diese Ware Gold, wie in den Ländern der Goldwährung, so spielt auch
das Vertrauen in den Bestand und die Sicherheit des der Währung
zugrunde liegenden Goldvorrates eine große Rolle. Liefmann, der,
wie wir noch später sehen werden, die Goldwährung und jede metallische
 Grundlage des Geldwesens für überflüssig hält, will dies nicht zugeben,
 und so kommt er zu dem immer wiederholten Satze, daß das „Vertrauen‘
 in das Geld gar keine Rolle spiele, und daß es für dieses Vertrauen
 ganz gleichgültig sei, ob die Zahlungsmittel eine Deckung hätten
odernicht: „BeiderGeldvermehrung kommtesnichtaufdie,,‚Deckung““,
sondern auf die Einkommen und durch sie auf die Preise an.“
Ich habe bereits gezeigt,/ daß es neben dem quantitativen
Einfluß der Geldvermehrung auch einen qualitativen gibt, und daß
hierbei allerdings die Deckungsfrage eine große Rolle spielt. Auf
die künstliche Kaufkraft, die durch die Noten geschaffen wird, kommt
es nicht allein an, sondern auch auf die Qualität der Banknotendeckung.
 Hier ist der Punkt, in dem ich vollständig von Liefmann

pn 4
        <pb n="81" />
        abweiche: „Doch kommt es auf die Golddeckung der Noten, auf die
nach alter metallistischer Schablone in allen Ausweisen und allen Besprechungen
 immer zuerst hingewiesen wird, für die ‚,,Kaufkraft des
Geldes‘““, d.h. den Einfluß der. Geldveränderungen auf die Preise und
für die Bewertung unserer Valuta im Auslande gar nicht an, Die triumphierenden
 Hinweise, daß die Golddeckung unserer Banknoten immer
noch besser sei als die in Frankreich oder Italien, die sich in unserer
Presse immer wieder finden, entspringen nur der überlieferten Gedankenlosigkeit
 auf diesem Gebiete und dem allgemeinen Unverständnis über
die Art und Wirkungen der Geldvermehrung‘‘“1), Sollte die Sorge
für die Deckung der Noten wirklich nur auf Gedankenlosigkeit beruhen ?
Daß das „Vertrauen“ zu dem Geld eine wichtige Rolle für den Geldwert
spielt, ist doch aus der Geschichte bekannt. ‚Da eine privatkapitalistische
Wirtschaftsordnung ein. reales Gut als Vermittler der Umsätze unbelingt
 erfordert und zwar. vor allem wegen seiner Funktion als Preisvergleichungsmittel,
 so wird auch ein Staat, der einmal die Goldwährung
eingeführt hat, dafür sorgen müssen, daß diese Goldwährung möglichst
 intakt erhalten bleibt. Tut er dies nicht, so spürt er dies alsbald
 im Sinken des Vertrauens zum Gelde.
In der von Liefmann gegebenen Definition „Geld ist die aus der
Einbürgerung allgemeiner Tauschmittel sich entwickelnde allgemein
abstrakte Rechnungseinheit, in der alle Konsumwirtschaften ihre
Kosten und die Erwerbswirtschaften ihre Erträge (Nutzen) zu veranschlagen
 pflegen“, kommt der Staat viel zu kurz. Richtiger müßte die
Definition lauten: „Geld ist das gesetzliche Zahlungsmittel, das vom
Staate zur Grundlage der Währung erklärt wird“, und wenn, wie in
Deutschland, dieses Geld das Gold und die in Gold einlöslichen Banknoten
 sind, so muß alles, was das Vertrauen in dieses Geld erschüttert,
auch den „Wert“ des Geldes vermindern. Auf ein bloßes „Rechnen“
mit Geldeinheiten kommt es nicht an, sondern vor allem darauf, daß
die Grundlage des Geldwesens selbst, das reale Geldgut, vorhanden ist
und möglichst wenig im Werte schwankt. Ist vom Staate für einen
genügenden Bestand solcher realer Zahlungsmittel in guter Beschaffenheit
 gesorgt, so Jäßt sich auf dieser Basis ein großer Bau von Kreditzahlungsmitteln
 errichten, die aber doch alle sich wieder an das reale
Zahlungsmittel, das Stoffwert hat, anlehnen müssen. Insoweit ist man
berechtigt, von einem allgemeinen Geldwert zu sprechen, einen
Ausdruck, den Liefmann völlig ablehnt. Wenn Liefmann sagt, daß
es nicht allein auf die Geldvermehrung, sondern auch auf die Kredita.

 a. O0. S. 232.
        <pb n="82" />
        vermehrung ankomme; daß also preissteigernd wirken könne nicht nur
die vermehrte Banknotenausgabe, sondern auch der durch Einräumung
von Forderungen im Giro- und Abrechnungswesen gewährte Kredit*),
so kann ich dem zustimmen, aber immer unter der Voraussetzung, daß
auch dieser ganze Kreditverkehr wiederum eine geordnete und sichere
Goldwährung zur Grundlage haben muß. Liefmann sagt selbst:
„Solange daher der Verkehr nicht von Mißtrauen gegen die staatlichen
Zahlungsmittel erfüllt ist, sie einfach nicht annehmen will, kann die
Schaffung von solchen gewissermaßen unendlich weitergehen‘ 2). Gerade
aber, um dieses Mißtrauen zu verhüten, muß der Staat die Zahlungsmittel
 nicht nur quantitativ in gewissen Grenzen halten, sondern auch
auf die Qualität der Zahlungsmittel achten, und dies geschieht durch
die Deckungsvorschriften. Bei einem Wirtschaftssystem, wobei Waren
gegen Goldgeld umgesetzt werden, muß auch dieses Goldgeld aufrecht
arhalten werden. Doch damit komme ich schon zu der Frage, die ich
jetzt erörtern will: Wie soll unser Geldwesen nach dem Kriege geordnet
werden? Hierbei will ich zunächst die Gegner der Goldwährung behandeln,


a. a. OO. S. 76.
ä a. a. O. S. 84.
        <pb n="83" />
        Vı

Die Gegner der Goldwährung.

Die Frage, wie die deutsche Währung nach dem Kriege geordnet
werden soll, wird neuerdings in der Fachpresse und in Broschüren
lebhaft erörtert. Dabei wird auch der Standpunkt vertreten, daß wir
die Grundlagen unseres Geldsystems, die Goldwährung, aufgeben und
zu einem neuen Währungssystem übergehen sollen. Diese Forderung
wird keineswegs aus dem Gesichtspunkte heraus vertreten, daß wir
wegen der Schwierigkeit der Goldbeschaffung und aus Gründen der
Zahlungs- und Handelsbilanz genötigt seien, die Goldwährung preiszugeben,
 also gezwungenermaßen ein weniger gutes Währungssystem
annehmen müßten, sondern aus dem Grunde, weil die vorgeschlagene
neue Währung Vorzüge gegenüber der Goldwährung besäße und wir
die Gelegenheit des Friedensschlusses zu dem Übergang zu einem höheren
and besseren Währungssystem benutzen müßten. Es ist dafür bezeichnend,
 daß die meisten der Autoren, die während des Krieges mit
solchen Forderungen hervorgetreten sind, schon vorher solche währungspolitischen
 Vorschläge vertreten hatten und jetzt behaupten, daß die
Erfahrungen des Krieges die Richtigkeit ihrer Meinung bewiesen hätten,
Diese Währungsreformer vertreten allerdings untereinander grundverschiedene
 Meinungen und Vorschläge. Die Gruppe, die am wenigsten
das bisherige Goldwährungssystem ändern will, ist die, welche die
sogenannte Goldkernwährung fordert, d. h. den während des Krieges
bestehenden Zustand zu einem dauernden machen will. Es soll also
nicht die Goldwährung gänzlich beseitigt, sondern sogar in gewisser
Hinsicht beibehalten werden, insofern, als ein großer Goldschatz bei
der Reichsbank bestehen bleiben soll mit der doppelten Aufgabe, für
die Zahlungen nach dem Auslande einen Reservevorrat zu bilden und
um gleichzeitig zur Deckung der Banknoten zu dienen, die. aber — und
darin liegt die prinzipielle Abkehr von der früheren Goldwährung —
nicht mehr in Gold eingelöst werden sollen.
        <pb n="84" />
        Die andere Gruppe geht wesentlich weiter. Sie will überhaupt
von jeder Golddeckung der Noten und des Papiergeldes absehen, und
will auch für die Auslandszahlungen nur teilweise einen geringen Goldvorrat
 reservieren, sondern auch den Auslandsverkehr großenteils durch
Devisen und Effekten erledigen. Man kann diese als Vertreter der
Papierwährung bezeichnen.
{ch will einige Vertreter der einzelnen Gruppen zu Worte
kommen lassen.

1 Ersetzung der reinen Goldwährung durch die Goldkernwährung
 (Heyn) 3.

Heyn geht davon aus, daß nach dem Kriege ein sehr bedeutender
Goldbedarf eintreten werde, wenn wir die Goldwährung beibehalten
wollten. Unter der Voraussetzung, daß der Parikurs unserer Valuta
wieder hergestellt sei, und daß die Verhältnisse des Geldbedarfes sich
wieder normal gestaltet hätten, nimmt er an, daß unser Goldbedarf
infolge der Steigerung der Preise nach dem Kriege größer sein werde
als vorher. Um aber den günstigsten Fall zu setzen, geht er davon aus,
daß die Verhältnisse nach dem Kriege denjenigen vor dem Kriege
glichen. Dann müßte die Reichsbank die aus dem Verkehr ihr zugeflossene
 Menge Gold, die auf 1570 Mill. M. zu schätzen sei, wieder
hergeben. Da sie außerdem für den Kriegsschatz und für den Bedarf
der neu anzugliedernden. Gebiete noch weitere 400 Mill hergeben müßte,
so blieben von dem auf 2469 Mill. angewachsenen Goldschatz der Reichsbank
 nur noch etwa 500 Mill. M. übrig; dies wäre aber nicht ausreichend
für die Aufrechterhaltung der Dritteldeckung der Noten, zumal die
Notenmenge wegen der neuangegliederten Gebiete sich noch vergrößern
müßte, so daß mindestens ein Goldschatz von 1000 Mill. M. notwendig
wäre; einbezüglich einer für Zeiten höchsten Bedarfs nötigen Reserve
von etwa 200 Mill. M. müßten also zu den 500 Mill. noch ca, 700 Mill. M.
neubeschafft werden.
Aber auch diese großen Opfer müßten gebracht werden, wenn wirklich
 die Aufrechterhaltung der Goldwährung eine Notwendigkeit wäre.
Dies bestreitet Heyn. Er meint, daß nach dem Kriege die Wahl zwischen
zwei Systemen offen stünde. Entweder: eine verhältnismäßig schwache
Goldwährung mit Goldumlauf, deren Herstellung also noch einen Aufwand
 von 500 Mill. M. erfordern würde. Oder: eine starke Goldkemn-1)

 Unser Geldwesen nach dem Kriege. Von Dr. Otto Heyn, Nürnberg.
Finanzwirtschaftliche Zeitfragen, hrsgeg. von Schanz und Wolf, 28. Heft.
Stuttgart, Ferd. Enke, 1916.
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        währung, d. h. eine Währung mit starkem ‚„„Goldkern‘“ in der Reichsbank
 (2000—2200 Mill. M. ohne Kriegsschatz), wobei der innere Goldamlauf
 mit Noten, die nicht in bar eingelöst zu werden brauchten,
gesättigt würde und der Goldschatz der Reichsbank für den Zahlungsverkehr
 mit dem Auslande reserviert bliebe. Heyn entscheidet sich
für die zweite Lösung und behauptet, daß dieses uneinlösliche Notengeld
 die Funktionen des Geldes nicht nur ebensogut, sondern besser
als das Goldgeld der Goldwährung erfülle. Indem der Staat dieses
Papiergeld mit der Fähigkeit ausstatte, Geldschulden vom gleichen
Nominalbetrag zu decken, erlange es Brauchbarkeit und Kostspieligkeit.
 Brauchbar sei es zweifellos wegen seiner gesetzlichen Zahlkraft,
kostspielig deshalb, weil der Staat dieses Papier nicht umsonst abgebe,
also die Beschaffenheit eines solchen Papieres den Staat etwas koste,
Der Preis des staatlichen Notengeldes werde sich auf der Höhe des
früheren Metallgeldes halten können, denn der Staat, der Noten im
Nennwert von Einer Mark ausgebe und diese mit gesetzlicher Zahlkraft
in entsprechender Höhe ausstelle, werde diese Noten nur zu demselben
Werte ausgeben wie früher das Effektivgeld. Also wenn z. B. Eine
Mark der Goldwährung den Wert von etwa 40 Stück Weißbrötchen
verkörpert hätte, so werde der Staat auch die Eine-Mark-Note auf
diesem Werte halten: „Die Empfänger werden das neue Notengeld
teils zu diesen Preisen annehmen müssen, weil sie als Kreditgeber des
Staates oder als Staatsdiener oder aus sonstigen Gründen das nicht
weigern können, teils werden sie es freiwillig dazu annehmen in dem
Bewußtsein, daß das Notengeld den gleichen Nennwert und die gleiche
gesetzliche Zahlungskraft besitzt wie das frühere Metallgeld, und in
der Erwartung, daß es auch die gleiche Kaufkraft erlangen werde.‘
Herrschte aber solches Vertrauen zudem neuen Gelde,-so-würden-auch
bei_Kreditgeschäften--keine-Goldklauseln.. und...keine...höheren Preise
vereinbart. Bei dieser Sachlage bliebe die Basis, die gesetzliche Zahlkraft,
 unverändert. Aber auch die weiteren Elemente des Wertes, die
Beschaffungskosten und die Kaufkraft, blieben die gleichen, denn der
Staat werde darauf bedacht sein, das Notengeld so teuer wie möglich
abzugeben, und solange das geschehe, hätten auch die anderen Besitzer
von Notengeld keinen Grund, dasselbe billiger abzugeben, als, das ehemalige
 Metallgeld. Solange das Vertrauen zum Papiergeld erhalten
bliebe, sei seine Kaufkraft ebenso groß wie die des Goldgeldes, an dessen
Stelle es trete. Das nötige Vertrauen läge aber bei einer Goldkernwährung
 in dem großen Goldschatz der Zentralbank, der zwar niemandem
 zugänglich sei, aber doch dieses Vertrauen stütze, Falsch sei es,
anzunehmen, daß das Goldgeld größere Wertstabilität habe gegenüber
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        7

Papiergeld. Zwär sei das Goldgeld dem Mißtrauen zweifellos weniger
ausgesetzt, als ein aus Papier bestehendes Geld, aber die Erfahrungen
des jetzigen Krieges in Deutschland, ebenso wie die längeren Erfahrungen
in Österreich-Ungarn hätten gezeigt, daß auch dem nichteinlöslichen
Geld volles Vertrauen zuteil werde, wenn_nur das zur Deckung be- }
stimmte Gold vorhanden sei, auch wenn &amp;amp;s nicht zur Einlösung zur
Verfügung stünde.
Der Zustand der Goldkernwährung sei sogar sicherer als der der
Goldwährung mit Gold- und Notenumlauf, weil die Gefahr einer massenhaften
 Präsentation der Noten zur Einlösung, also die Möglichkeit eines
Run auf die ‚Notenbank. entfiele, Ein Vorteil der Papierwährung sei
ferner, daß jede Gefahr einer Thesaurierung, d.h. einer Zurückhaltung
der Goldmünzen wegfiele, da niemand Interesse daran habe, Papiergeld
aufzusammeln. — Die Gefahr einer Geldknappheit sei bei einer Goldwährung
 immer vorhanden, woraus häufig die hohen Diskontsätze
resultierten. Diese Gefahr sei bei einer Goldkernwährung mit reichlichem
Goldschatz bedeutend geringer. Die umgekehrte Möglichkeit eines
Geldüberflusses infolge der Zuvielausgabe von Geld sei allerdings bei
einer Goldkernwährung mit ausschließlichem Papiergeld umlauf größer
als bei einer Goldwährung. Aber dieser Gefahr ließe sich durch allerlei
staatliche Maßnahmen begegnen, Z. B. durch Fixierung eines Maximums
des Notenumlaufs. Die Gefahr werde auch immer geringer, je mehr
die Ausdehnung des Kredits in ‚vernünftigen‘ Grenzen gehalten werde.
Die Stabilität des Wertverhältnisses des inländischen Geldes zum ausjändischen
 Gelde könne ebenso leicht wie bei der Goldwährung bei der
Goldkernwährung erreicht werden durch eine geschickte Devisenpolitik,
 wie die Erfahrungen Österreich-Ungarns der letzten 20 Jahre
ergeben hätten. Die_Chancen., der Aufrechterhaltung eines stabilen
Wechselkurses seien sogar bei einer Goldkermwähnung noch größer. als
bei einer “Coldwährung, da viel mehr Gold abgegeben werden könne,
dm den Kurs zu halten, denn bei der Goldwährung sei wegen der
Golddeckung und der Einlösungspflicht der Noten die Goldreserve
zur Stabilisierung der Wechselkurse geringer als bei der Goldkernwährung,
 bei der die Goldreserve ausschließlich dem Zwecke der
Stabilisierung der Wechselkurse dienen könne, Die Goldkernwährung
ermögliche auch eine bessere Kriegsrüstung einerseits durch das
Vorhandensein eines großen Goldschatzes im unmittelbaren Besitze
der Landesregierung und andererseits durch die Gewöhnung der
Bevölkerung an denjenigen Zustand des Geldwesens, der im Kriege
notwendig eintreten müsse: an den ausschließlichen Umlauf in
Notengeld.
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        80

Die Kritik Heyns muß anknüpfen an seine Theorie des Geldwertes,
 die er in mehreren Arbeiten dargelegt hat!).
Heyn hat den springenden Punkt in dieser ganzen Kontroverse
durchaus richtig erfaßt, wenn er immer wieder betont, daß das Vertrauen
 zum Geld vorhanden sein müsse, und daß das Geld ein Ding
von Wert sein müsse, wenn dieses Vertrauen erhalten bleiben solle.
Die Frage lautet also: Ist auch bei einer chartalistischen Regelung des
Geldwesens, d. h. bei einem stoffwertlosen Gelde das genügende Ver-:rauen
 vorhanden, oder ist aus diesem Grunde eine Metallwährung
vorzuziehen? Heyn steht auf dem Standpunkte, daß dieses Vertrauen
auch bei einer Währung mit Zettelumlauf ebenso gefestigt sei wie bei
der Metallwährung. . Seine erste These lautet: „Das.Geldumuß.einen
wirtschaftlichen. Wert haben, und es muß dieser Wert auch so beschaffen
sein, daß in den in Geld ausgedrückten Preisen das reale, durch Angebot
und Nachfrage bestimmte Wertverhältnis der einzelnen Waren zueinander
 richtig zum Ausdruck kommt, und daß Veränderungen der Preise
Veränderungen von Angebot und Nachfrage nach Waren richtig anzeigen.‘“.
 Mit dieser These bin ich einverstanden, und die Polemik, die
Heyn hier gegen Bendixen führt, ist durchaus zutreffend. Gegenüber
der Behauptung Bendixens, die Ansicht, daß Geld Vertrauen genießen
 müsse, beruhe auf einem Denkfehler, wird von Heyn mit Recht
gesagt: „Das Volk muß auch die Überzeugung haben, daß dem Gelde
die gleiche Zahlkraft für Rechnungen und Steuern (also zur Schuldentilgung)
 auch für die (nahe und ferne) Zukunft verbleiben wird, und
daß mit gleichen Fähigkeiten ausgestattetes Geld in Zukunft nicht werde
billiger beschafft werden können (wie es z, B. zur Zeit der Assignaten
nach und nach möglich war); das Volk darf ferner nicht die Meinung
hegen, daß die Kaufkraft dieses Geldes durch „Ursachen auf der Geldseite‘,
 vor allem durch übermäßige Vermehrung seiner Menge, die ja
stets als solche Ursache bezeichnet wird, beeinträchtigt und herabgesetzt
werden würde?), Mit demselben Recht weist Heyn an anderer Stelle ®)
die irrige Meinung von Bendixen zurück, daßdas Geld nur ein „einfaches
Rechnungsmittel‘“, eine Art Spielmarke sei, Wer sich über die Funktionen
 des Geldes klar ist, muß auch darüber klar sein, daß das Geld
ein Ding.xon Wert sein.mnß; da das Geld, wie Hevn richtig hervorhebt,

1) ı. Theorie des wirtschaftlichen Wertes, Berlin 1899; 2. Papierwährung mit
Goldreserve für den Auslandsverkehr, Berlin 1894; 3. Irrtümer auf dem Gebiete
des Geldwesens, Berlin 1900,
3 Unser Geldwesen nach dem Kriege, Stuttgart 1916, S. 34, Anhang.
3) Zur Frage der Eliminierung des Wertproblems aus der Geldtheorie. Zeitschrift
 für Sozialwissenschaft, 1913, S. 274.
        <pb n="88" />
        vor allem die Aufgabe des allgemeinen Tauschmittels hat, also einen
einheitlichen und einfachen Ausdruck der Preise aller zum Angebot
gebrachten und nachgefragten Güter in Mengen derselben Einheit zu
ermöglichen, so muß es auch ein Ding sein, welches Wert hat, und zwar
Wert von der Art, wie der Wert der Gegenstände des wirtschaftlichen
Verkehrs.
Die zweite These Heyns lautet: Das Geld braucht nicht Stoffwert
 zu haben: „worauf dieser Wert (d. h. der Wert des Geldes) ‚beruht...
ist an sich gleichgültig. Er braucht an sich nicht ‚Substanzwert‘ zu
sein, Es ist also an sich nicht notwendig, daß das Geld einen besonderen
‚Stoffwert‘ hat, d. h. daß es auf Grund seiner stofflichen Brauchbarkeit
Wert besitzt, oder in dem Sinne, daß es seiner körperlichen Eigenschaft
wegen auch noch zu anderen Zwecken als zur Ausübung der Geldfunktion
 geeignet wäre, wie z. B. das Goldgeld als Edelmetall zu indistriellen
 Zwecken, noch in dem Sinne, daß es sich ganz besonders
oder allein zur Herstellung von Münzen als Repräsentanten des Geldes
eignete, und daß diese spezielle Brauchbarkeit (neben der ‚Kostbarkeit‘),
indem sie die Nachfrage des Staates zum Zwecke der Versorgung des
Verkehrs mit den erforderlichen Geldzeichen hervorriefe, ihm seinen
Wert verliehe‘“ 1). — Auch dieser These kann ich zustimmen, soweit
das Geld als staatliches Zahlungsmittel betrachtet wird. In der
Tat kann der Staat allen Dingen die Eigenschaft als Geld geben; es
steht durchaus in seiner legislatorischen Macht, auch Papierzetteln
gesetzliche Zahlungskraft und damit die Qualität als Geld zu verleihen.
Das Geld als gesetzliches Zahlungsmittel braucht keinen Stoffwert zu
haben; ob es aber auch seine wichtige Funktion, als Preisfixierungsund
 Preisvergleichungsmittel zu dienen, erfüllen kann, ist eine andere
Frage. Diese Frage entscheidet sich danach, alı das sioffwertloseGold
dasselbe Vertrauen und dieselbe relative Wertstahilität-genießer
kann, wie das "Geld mit. Stoffwert. Heyn behauptet, daß dieses der
Fall sei, und zwar will er die Wertbasis des Chartalgeldes darin finden,
daß er die Elemente des Güterwertes auch beim Papiergeld als vorhanden
annimmt. Den allgemeinen Gesetzen der Preisbildung der Güter unterliege
 auch das Papiergeld ; da nach diesen allgemeinen Gesetzen „Brauchbarkeit‘
 und „Kostspieligkeit“ die Bestimmungsgründe des Güterwertes
 seien, müßten diese auch beim „guten“ Papiergeld aufgezeigt
werden. Wenn Heyn diese elementaren Vorbedingungen der Wertbildung
 auch beim Papiergeld vorfindet, so kann ich ihm auch hierin
zustimmen. Zweifellos ist es „brauchbar“, da man mit diesem Gelde

ı) Die Erfordernisse des Geldes, Zeitschr. 1, Sozialwissenschaft, 1911, S, 152.
RK, Diehl, Geldwesen und Valuta. °
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        82

Schulden und Steuern zahlen kann, zweifellos hat es auch „Kostspieligkeit‘‘,
 denn wenn auch die Kosten der Herstellung so gut wie-Null
 sind, so kann man doch die Kostspieligkeit darin finden, daß der-Staat
 selbst das Papier möglichst teuer zu verwerten sucht und es.
daher nur gegen Güter, die Kosten verursacht haben, hergeben wird..
Dies alles kann zugegeben werden, aber der Irrtum Heyns und anderer
Vertreter der Chartaltheorie liegt in der Beurteilung der, Höhe des:
Wertes des Papiergeldes. Daß. das Papiergeld. überhaupt.einen.-Werthat,
 soll nicht bestritten werden, wohl abe:, daß die Höhe. des Wertes:
beim Papiergeld ebenso, richtig und zweckmäßig sich. bilden kann, wie:
beim Metallgeld. Daß der Staat, wie Heyn meint, die Absicht und
den guten Willen hat, die Höhe des Papiergeldes möglichst gleich zur
erhalten mit der Höhe des Wertes des Metallgeldes, an dessen Stelle
es tritt, ist richtig, aber es ist in höchstem Maße zweifelhaft, ob diese-Absicht
 gelingen kann. Heyns Argumentation, daß die Empfänger
des Notengeldes als Beamte dieses Geld zu demselben Werte annehmen
müssen wie das Metallgeld, ist richtig, aber das alles bezieht sich nur
auf den Nominalwert. Über den Realwert hat der Staat keine
Macht. Die wirkliche Kaufkraft des Geldes kann er nicmals bestimmen,
da sie sich aus der Preisbildung der. Waren selbst.ergibt. Nun behauptet
Heyn, die Leute würden auch das Papiergeld zu demselben Werte
annehmen in der Erwartung, daß es die gleiche Kaufkraft haben
werde wie das Metallgeld. Gerade diese Erwartung ist aber lediglich
Vertrauenssache, und dies ist der Punkt, wo die Papierwährung immer
gegenüber der Metallwährung im Nachteil sein muß. Papiergeld ist;
reines _Vertrauensgeld, Metallgeld. ist Geld. yon realem.. Wert. In einem
Stück Metallgeld besitzt jedermann ein reales Gut, dessen Wert durch.
den Goldkörper bestimmt ist. In einem Stück uneinlöslichen Papiergeldes,
 das der Staat zu einem bestimmten Nominalwerte ausgibt,
besitzt jemand nur eine Anweisung, sich Güter in der Höhe dieses.
Nominalbetrages einzutauschen. Wieviel solcher Güter er eintauschen
kann, hängt von der Bildung der Warenpreise ab. Für diese ist aber
die Höhe des Geldwertes wiederum von entscheidender Bedeutung. —
Bei der Goldwährung ist es ein Stück Edelmetall, dessen Wert in letzter
Linie entscheidend ist, bei der Papierwährung das Vertrauen, daß es.
dem Staate gelingt, den Wert des Papiergeldes auf der Höhe des
Nominal(Metall-)wertes zu erhalten. Ist aber jemals anzunehmen, daß
der Wert eines Vertrauensgeldes so hoch steht, wie der Wert eines
Realgeldes ? Dies ist um deswillen ausgeschlossen, weil die Menge des.
auszugebenden Papiergeldes immer von der Willkür des Staates abhängt.
 Sobald dieser die Möglichkeit hat, ein Geld ohne „Kosten“
        <pb n="90" />
        X

herzustellen, ist immer das MiBtrauen vorhanden, daß diese Menge
leicht vergrößert werden kann, daher immer eine Tendenz zur Entwertung
 des, „Papiergeldes, möglich: "Die Werterhaltung, und damit
das gedeihliche Funktionieren des Notengeldes, ist aber — ebenso wie
die Werterhaltung jedes anderen Gutes — dadurch bedingt, daß nicht
nur die Grundlagen seines Wertes in Wirklichkeit unverändert erhalten
bleiben, sondern daß auch der Glaube hieran nicht ins Wanken gerät‘ 1).
Dieser Glaube ist bisher stets ins Wanken geraten. Heyn legt viel zu
ainseitig das Gewicht auf die Staatsmacht und die gute Absicht des
Staates, die Wertstabilität zu erhalten.. Er sagt: „Daß der Staat diese
gesetzliche Zahlkraft nicht herabsetzt und daß er selbst nach wie vor
das neue Geld zum Nominalwert annimmt, versteht sich in einem geordneten
 Staatswesen, das es mit seiner Pflicht der Regelung des Geldumlaufs
 genau nimmt, von selbst. Bei dieser Sachlage bleibt dann
aber die Basis des Geldwertes, die gesetzliche Zahlkraft, unverändert
 und wird ihre Verwertbarkeit, sowohl was das Anwendungsgebiet,
 als auch was die Bedingungen der Anwendung anlangt, in dem
früheren Umfang erhalten‘“*).
Woran muß diese gute Absicht des Staates immer wieder scheitern ?
Machen wir uns klar, was der Staat auf diesem Gebiete leisten kann,
Er kann immer nur dekretieren: dieses Papier hat den und den
Nominalwert, z. B. hundert Mark. Dafür muß jeder Bürger bei allen
Zahlungen den Schein annehmen, aber wieviel an_ Waren er für.diesen
Schein erhält, dies zu bestimmen, liegt nicht in der Macht des Staates,
wenn nicht unsere ganze ndtwidvalistische Gesellschaftsordnung preisgegeben
 werden soll. Der Staat kann zweierlei nicht hindern: 1. Wenn
jemand z. B. beim Kauf einer Ware einen solchen Schein zu hundert
Mark dem Verkäufer gibt, kann der Verkäufer sagen: wenn du mir
statt in Papier in Gold zahlst, bin ich mit 98 M. zufrieden. Das ist die
allgemein bekannte Erscheinung des Agios des _Metallgeldes, des. Dis:
agios des Papiergeldes.. Sollte aber der Staat etwa durch scharfe Straf-Bestimmungen
 Zahlungen in Metallgeld ganz verbieten oder alles Metallgeld
 einziehen, SO kann er keinesfalls hindern, daß z. die Preise sich
dann ganz allein und ausschließlich nach dem Werte dieses Papiergeldes,
 d. h. eines reinen Vertrauensgeldes, bilden. Auch die denkbar
beste Organisation der Papiergeldausgabe wird eine starke Erhöhung
aller Warenpreise nicht hindern können, und diese Preiserhöhung ist
um deswillen volkswirtschaftlich bedenklich, weil sie nicht auf den

1) Zur Verteidigung der Chartaltheorie des Geldes, in Conrads Jahrbüchern,
51. Bd., S. 781.
2) Ebenda.
        <pb n="91" />
        8A

realen Ursachen der Marktpreisbildung, also z. B. auf der Knappheit
der Waren beruht, sondern auf einer Entwertung des Tauschmittels
infolge des mangelnden Vertrauens zum Papiergelde. Insofern stimme
ich durchaus Lansburgh zu, wenn er diese Einwendung einmal in
die kurze Formel kleidet: „Alles, was die Staatsgewalt dem Gelde gegenüber
 vermag, ist auf das rein ‚Deklaratorische‘ beschränkt, dagegen
vermag der Staat nichts in ‚valorisatorischer‘ Hinsicht!).“
Die theoretischen Mängel der Heynschen Auffassung treten noch
klarer hervor, wenn wir seine praktischen Reformvorschläge und ihre
Begründung kritisch betrachten. Sein wichtigster Vorschlag geht dahin,
unseren heutigen Kriegswährungszustand auch im Frieden beizubehalten,
d, h. es soll ein Goldschatz bei der Reichsbank aufbewahrt werden,
der dem Zweck dienen soll, die auswärtigen Wechselkurse auf dem
Paristande zu erhalten und außerdem durch sein bloßes Dasein ein
gewisses Vertrauen zu der Sicherheit der umlaufenden Noten zu gewähren.
 Diese Noten sollen aber nicht in bar einlöslich sein.
Vorsichtiger als in der Broschüre „Unser Geldwesen nach dem
Kriege‘ drückt sich Heyn in dem Aufsatz „Der Goldschatz der Reichsbank
 und seine Bedeutung im Kriege und nach dem Kriege‘?) aus.
Dort sagt er, daß es zwei Wege gäbe, um dem Ziele der Entgoldung
des Verkehrs näher zu kommen. Der eine sei folgender: „Das Nächstliegende
 wäre es, den jetzigen Zustand, bei welchem die Reichsbank
von der Verpflichtung zur Einlösung der Noten in Gold entbunden ist,
unverändert fortbestehen zu lassen. Dann würde der Goldschatz der
Reichsbank auch in Zukunft für den Inlandsverkehr gesperrt sein und
von niemandem mehr in Anspruch genommen werden können. Der
Reichsbank würde lediglich die Verpflichtung auferlegt werden, für die
Aufrechterhaltung der Parität und für die Stabilität der Wechselkurse
gegenüber dem Auslande zu sorgen und deshalb für Ausfuhrzwecke
Gold abzugeben‘“*). Heyn hat jedoch selbst Zweifel, ob bei diesem
Zustand der Währung unser Kredit im Auslande aufrecht erhalten
bliebe. Er gibt daher noch einen zweiten Weg an, den er als den besseren
bezeichnet: „Besser wäre es aber immerhin, wenn die Einlösbarkeit
der Noten in Gold wiederhergestellt werden würde. Damit
würde allerdings die bisherige Sperre des Goldschatzes der Reichsbank
aufgehoben und dieser rechtlich dem Zugriff auch der inländischen
Interessenten preisgegeben werden. Wenn es aber als Ehrenvoflicht

‘) Die Kriegskostendeckung und ihre Quellen, Berlin 1915. 5S. 55.
? Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1916, Heft ı.
3) Ebenda S. 40.
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        85

jedes Deutschen hingestellt würde, auf die Verwendung von Gold in
freiem Verkehr so lange zu verzichten, als der Goldschatz der Reichsbank
 unter 2400 Mill. M. betrage, so würde niemand es wagen, sich
diesem ungeschriebenen Gesetz zu entziehen. Welchen Zwang die
öffentliche Meinung in dieser Beziehung ausübt, das haben wir ja eben
erst wieder bei den Goldsammlungen für die Reichsbank gesehen. Dem
Ausländer würde dieses ungeschriebene Gesetz nicht im Wege stehen,
er würde, wenn er die bei der Präsentation seines Wechsels oder bei
der Einziehung einer sonstigen Forderung zunächst erhaltenen Noten
zur Einlösung präsentierte, ohne weiteres Gold erhalten, wie ja auch
die Reichsbank zur Aufrechterhaltung des Parikurses unserer Mark
stets Gold abgeben soll. Damit aber wäre die Einlösung der Auslandsforderungen
 in Gold sichergestellt, Deutschland nach wie vor ein Land
mit effektiver Goldwährung, sein Kredit als solcher gerettet. Wir
würden also unser Ziel der Konzentrierung unseres Goldbesitzes ohne
irgendeinen anderen Nachteil als den Verzicht auf ein schönes und
sequemes Umlaufsmittel erreichen‘).
Wir brauchen uns kritisch nur mit dem ersten Vorschlag Heyns
zu befassen; denn der Gedanke, die Geldverfassung eines Landes von
der Auffassung der ‚Ehrenpflicht seitens der Volksgenossen abhängig
zu machen, ist unmöglich. In Geldsachen. hört bekanntlich die. Gemütlichkeit
 auf, und so können auch hier nur Streng gesetzliche Bestimmungen
 in Betracht kommen. Daher Jautet die Frage kritisch so:
Genügt ein Goldschatz der Reichsbank mit der oben angegebenen
Bestimmung, ohne Einlösungspflicht der Banknoten, um gute Währungszustände
 herbeizuführen? Es wird von den Chartalisten. immer wieder
auf die günstigen Erfahrungen hingewiesen, die man in Österreich-Ungarn
mit diesem Zustand der Währung, nämlich Papierumlauf im Inland
mit Goldreserve für den Auslandsverkehr, gemacht habe.
Die Entwicklung der österreichisch-ungarischen Valuta ist aber
unter diesem System keineswegs sehr günstig gewesen, Durch die
energischen währungspolitischen Maßnahmen der österreichisch-ungarischen
 Bank ist zwar erreicht worden, daß das Agio des Goldes, das
früher zeitweise eine Höhe von 6% oder 51% % erreichte, allmählich
verschwunden ist, aber die Devisenkurse waren zeitweilig noch ziemlich
hoch über der Parität, Z. B. im Krisenjahr 1007 die Devise London
fast 1% (0,97) über Parität. Ähnlich T911 infolge der schlechten Handelsbilanz
 und dann wieder 19012 und 1913 infolge der Balkankriege 2).

1) Ebenda S. 40-2)
 Vgl. Diehl, Zur Frage eines Zollbündnisses zwischen Deutschland und
Österreich-Ungarn. Jena 1915. S. 37.
        <pb n="93" />
        26

Auch die Wechselkurse auf Paris hatten während des größten Teiles
dieses Jahres, ebenso die auf Berlin wiederholt den theoretischen Goldpunkt
 überschritten, ‚Dasselbe Bild,“ sagt von Lumm2), „zeigte
sich verschärft im Herbst 191% unter der Einwirkung der internationalen
Geldverschiebungen aus Anlaß der Marokkofrage, als die Bank großen,
bisher noch nicht beobachteten Anstürmen auf ihr Devisenportefeuille
ausgesetzt war. Damals hatten in Wien die Wechselkurse auf London
das Münzpari um 0,79%, auf Paris sogar um 1,03% überschritten,
und zwar nach einer von der Österreichisch-ungarischen Bank am
21. September — ausgesprochenermaßen zum Schutze der Relationsparität
 — vorgenommenen Diskonterhöhung von 4 auf 5%. Ungeachtet
dieser Maßnahme hatte die Bank 100 Mill. K Devisen abgeben und
25 Mill. K Gold ins Ausland senden müssen. Unter dem Druck der
Verhältnisse hatte sie schließlich an die Finanzinstitute des Wiener
Platzes das Ersuchen gerichtet, ihr Devisen nur für den legitimen
Bedarf des Warenhandels und des Effektenmarktes, nicht aber zu
Zwecken der internationalen Arbitrage zu entziehen, da sie sich anderenfalls
 genötigt sähe, eine abermalige Erhöhung des Zinsfußes in Erwägung
zu ziehen. Die Österreichisch-ungarische Bank hatte also noch höhere
Wechselkurse, als sie in barzahlenden Ländern vorzukommen pflegen,
and Diskontschwankungen wie in solchen Ländern.“
Doch ich will einmal annehmen, daß die Erfahrungen wirklich
30 günstige gewesen seien, was ist damit bewiesen? Doch nur dieses:
än Land, das im Innern seine gesetzliche Goldwährung noch nicht
;treng durchführen konnte, hat im Interesse der Aufrechterhaltung
ler Valuta im Auslande durch eine Golddevisenpolitik Störungen dieser
Valuta, die sonst unvermeidlich gewesen wären, beseitigen wollen. Diese
ganze Politik der Auslandsreserve ist also eine Art Sicherheitsventil,
damit die aus dem Fehlen der Einlösungspflicht der Noten sich ergebenden
 Mißstände wenigstens im Verkehr mit dem Auslande nicht
hervortreten sollen. Heißt das aber, daß die Länder, die eine strenge
Goldwährung eingeführt haben, diese preisgeben und das österreichischungarische
 System annehmen sollen? Es ist doch besser, die Möglichkeit
solcher Mißstände schon zu unterdrücken.
„Es ist auch ganz etwas anderes‘ —sagt von Lumm ?) mit Recht —,
„ob ein Land von den Barzahlungen zum Zwangskurs übergeht, oder
ob es lediglich einen solchen in der Not der Zeiten geborenen Zustand

1) In seinem Aufsatz „Diskontpolitik‘“ im Bankarchiv vom ı. März 1912,
5. 162,
2%) Ebenda S. 166.
        <pb n="94" />
        837

Fa

aus Opportunitätsgründen weiter bestehen läßt. Für Deutschland
würde die Suspension der Barzahlungen seinen Kredit am Weltmarkt
stark beeinträchtigen, seine Stellung in der Weltwirtschaft schwer
schädigen, ja vielleicht sogar seine politische Stellung gefährden, Ob
es der Österreichisch-ungarischen Bank gelingen wird, der ihr durch
das neue Bankgesetz bei Strafe des Privilegverlusts auferlegten Verpflichtung
 zur dauernden Aufrechterhaltung der Stabilität der Wechselkurse,
 in Zukunft immer gerecht zu werden, namentlich in wirklich
kritischen Zeiten, bleibt abzuwarten.“
Gerade die Erfahrungen des Weltkrieges, die ein weit stärkeres
Sinken der österreichisch-ungarischen Valuta als der deutschen aufweisen,
 sprechen keinesweg5 zugunsten der österreichisch-ungarischen
Währungspolitik. ‚Immer wieder begegnet man der Auffassung,
als ob die Goldwährung nur für den internationalen Verkehr, nicht
aber für den nationalen notwendig sei. „Dies ist_ein Irrtum.“ Die
Goldwährung ist ebenso notwendig für den Inlands- wie für den
Auslandsverkehr, Der Staat hat die Macht über das Geldwesen nur
innerhalb der Grenze seines Gebietes, darum kann er den Nominalwert
 seines Geldes bei der Papierwährung innerhalb seines Staatsgebietes
 aufrechterhalten. Er ist aber gezwungen, wenn seine Valuta
im Auslande nicht entwertet werden soll, wenigstens für den Auslandsverkehr
 die Zahlung in Gold durch Goldausfuhr oder Goldwechsel
aufrechtzuerhalten. Innerhalb des Staatsgebietes braucht diese Entwertung
 nicht zußerlich hervorzutreten, da der Nominalwert gewahrt
bleibt. Nur dann könnte man für den inneren Verkehr den Papierumlauf
 ohne die Gefahr der Entwertung aufrechterhalten, wenn es
dem Staat gelänge, die Menge des auszugebenden Geldes so zu fixieren,
daß dieselbe relative Wertkonstanz des Geldes wie bei der Goldwährung
möglich wäre. Bei der Goldwährung kann eine Vermehrung der Zah-Jungsmittel
 nur erfolgen, wenn entweder neue Goldstücke geprägt
werden oder auf Grund der Golddeckung oder anderer „goldsicherer‘®
Deckung notale Zahlungsmittel ausgegeben werden. Bei der Papierwährung
 dagegen ist der Vermehrung der Zahlungsmittel diese Schranke
nicht gesetzt; hier kann ohne jeden Kostenaufwand eine solche Vermehrung
 eintreten. Daher wird bei einer solchen Währung auch niemals
derselbe Grad von Vertrauen vorhanden sein, wie bei einem Geld
mit Stoffwert. Es kann den Autoren, die in neuerer Zeit mit Vorschlägen
 zur Beseitigung der Goldwährung hervorgetreten sind, der
Vorwurf nicht erspart werden, daß sie diesen wichtigen Punkt, nämlich
die Frage, ob wirklich die Fixierung der Menge des umlaufenden
Geldes beim Papiergeldwesen möglich sei, viel zu leicht genommen und
        <pb n="95" />
        RE

keineswegs eine ausreichende theoretische Begründung für ihren Standpunkt
 geboten haben.
Sehen wir zu, wie Heyn sich über diesen Punkt äußert, Über die
Frage der Regelung der Geldmenge gibt er entweder nur ganz vage
allgemeine Sätze, wie z. B.: Die Gefahr einer Inflation sei nicht zu befürchten
 bei Völkern, die ihr Geldwesen nach „Streng wissenschaftlichen“
 Grundsätzen einrichteten, und bei welchen die von der Zu--stimmung
 des Parlaments abhängigen Gesetze über die Menge des aus--zugebenden
 Geldes beschlössen!). Oder: kein Staat, der sich bei seinen
Dispositionen von „vernünftigen‘ Erwägungen leiten ließe, werde anders.
als etwa unter dem Druck äußerster Not zu einer „uferlosen‘“ Notenausgabe
 gelangen ?), „Wir leben ja nicht mehr im Zeitalter der Assignaten,.
geben neues Geld nur heraus, soweit das Gesetz es gestattet, und lassen
uns auch innerhalb dieser Grenzen von gesunden Prinzipien, ganz besonders
 von der Rücksicht auf die Erhaltung des Vertrauens und von
dem Bestreben, eine ungesunde Überspekulation und Überproduktion
zu verhüten, leiten‘). — Mit solchen allgemeinen Redewendungen ist.
natürlich nichts anzufangen, und es liest sich wie Selbstkritik, wenn
Heyn sagt: „Im einzelnen müssen die Grundsätze der Geldschöpfung
erst noch festgestellt werden. Die Wissenschaft ist hier noch weit:
im Rückstande‘%),
Außerdem macht Heyn konkretere Vorschläge, wie diese Regelung
vor sich gehen soll. Es geht daraus hervor, daß er sich diese Regelung:
in analoger Weise zu der Regelung bei dem System der strengen Goldwährung
 denkt. Wie bei diesem System zu dem festen Goldvorrat
noch ein elastischer Vorrat von Noten und Giralgeld komme, solle
auch bei der Chartalwährumg ein solcher doppelter Geldvorrat vorhanden
sein: „Wir brauchten nur unseren festen Minimalbedarf an Geldzeichen,.
der ungefähr unserem Bestand an Goldgeld, wie er vor dem Kriege
war — einschließlich des Goldschatzes der Reichsbank — entspricht:
(unter Einziehung des Goldgeldes), in Papiergeld herzustellen und dieses.
definitiv auszugeben, und dann die Reichsbank zu ermächtigen,.
daneben (wenn wir den Friedensmaßstab anlegen) vorerst etwa bis zu
1500 Mill. M. Notengeld leihweise auf Kredit gegen Diskontierung von.
Wechseln oder Lombardierung von Wertpapieren auszugeben, während
im übrigen, abgesehen davon, daß die prozentuale Golddeckung weg-*)

 Chartaltheorie, S, 790.
*) Ebenda S. 793.
3) „Der Goldschatz der Reichsbank‘“ usw. Zeitschrift für Sozialwissen-.
schaft, 1916, Heft 1, S, 35.
1 Chartaltheorie, S. 794.
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        809

fiele, alles unverändert bliebe. Bei zunehmendem Bedarf könnte dann
auf Grund der Erfahrung die Menge des definitiv ausgegebenen
Geldes (etwa auf dem Wege des Rückkaufes oder der Einlösung von
Staatsanleihen) von Zeit zu Zeit erhöht werden‘‘?).
Diese ganze Analogie ist nur eine äußerliche und der Grundsatz
der Sicherheit der Währung bei dem vorgeschlagenen System keineswegs
 gewahrt; denn worauf läuft im Grunde genommen der Heynsche
Vorschlag hinaus? Auf nichts anderes als darauf, den Staatskredit zu
benutzen, um ein ungedecktes Papiergeld auszugeben. Es erinnert
an die alten Ideen Laws, mit Hilfe des Kredits Geld zu machen. —
Während also bei der Goldwährung diese Kreditmittel nur nach den
strengen Deckungsgrundsätzen der Reichsbank ausgegeben werden
können, sollen hier, sobald es der „Bedarf des Verkehrs‘“ erfordert,
neue Mengen an Zahlungsmitteln ohne jede Fundierung — also eine
Art schwebender Schulden — ausgegeben werden. Nichts anderes
kann der Satz bedeuten, daß bei „zunehmendem Bedarf“ die Menge
des „definitiv“ ausgegebenen Geldes, d. h. des Papiergeldes, vermehrt
werden soll. Gerade das, was Heyn als Vorzug dieser Geldbeschaffung
rühmt, daß „Schwierigkeiten der Beschaffung der erforderlichen Menge
an Umlaufsmitteln überhaupt nicht beständen‘“?), ist ihr Nachteil.
Wenn es dem Staat möglich ist, je nach dem „Verkehrsbedarf‘“ Geld zu
kreieren ohne stoffliche Unterlage, So liegt implicite in dieser ganzen
Geldschöpfung die Gefahr des Mißbrauchs und damit der Inflation,
Die Gefahr ist nicht, wie Heyn meint, nur dann vorhanden, wenn in
„Jeichtsinniger Weise‘‘ Kredit erteilt wird, sondern diese ganze Art der
Krediterteilung selbst ist schon eine leichtsinnige und muß zu Störungen
des Geldwertes führen. Nach Heyns Meinung soll diese Papierwährung
in bezug auf die Stabilität des Geldwertes noch Vorzüge haben gegenüber
der Goldwährung. Dies wird so begründet: Wenn bei der Goldwährung
die Geldmenge vermehrt werden muß, so muß neues Gold gekauft
werden, und je nach der Größe des Goldvorrates wird diese Beschaffung
schwieriger oder leichter sein. Das habe zur Folge, daß die Krediterteilung
 oft erschwert werde und ein hoher Diskontsatz eintreten müsse,
Alles nur, weil unter Umständen der Goldvorrat knapp ist. Wie anders,
meint Heyn, wenn wir bei der Krediterteilung an diesen Goldvorrat
gar nicht gebunden wären, dann käme es nur auf den „Bedarf der
Volkswirtschaft“ an. Gerade hierin hHiegt die Gefahr dieser Geldund
 Kreditbeschaffung ohne reale Grundlage. In dem Zwang, nur dann

A —— in

ı) Ebenda S. 789.
it) Ebenda S. 790.
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        C,

Kredit zu erteilen und Geldzeichen auszugeben, wenn die notwendige
Deckung vorhanden ist, liegt die Garantie, daß keine übermäßige Vermehrung
 der Geldzeichen und damit Inflation eintritt. — Heyn meint,
daß es die auf Kredit beruhende Geldausgabe sei, welche die wohltätige
 Regelung der Geldmenge herbeiführe; denn der andere Teil
des Geldes, der aus Gold bestehende, sei der feste Bestandteil und der
auf Kredit beruhende der bewegliche. Folglich müsse auch diese Kreditarteilung
 so elastisch wie möglich sich dem Bedarf des Volkes anpassen,
Aber diese wünschenswerte Ergänzung des Bargeldes durch Kreditgeld
ist eben nur dann zweckmäßig durchzuführen, wenn dieser „bewegliche‘‘
Teil des Geldvorrates oder der Vorrat von Geldsurrogaten sich eng an
die metallene Basis des ganzen Geldsystems anschließt. Darum ist
auch die strenge ‚Einlösungspflicht der Noten in Gold so wichtig, und
es ist nicht richtig, was Heyn behauptet: „Das Notengeld zirkuliert
und erfüllt seine Geldfunktion, obwohl es nicht in Gold einlösbar ist.
Das bloße Vorhandensein des Goldes als nationaler Schatz genügt, um,
das Vertrauen zu dem Notengelde aufrechterhaltend, seine ungestörte
Zirkulation zu sichern. Der Wert des Geldes ist.ietzt_ganz losgelöst
vom Werte des Goldes‘“*). ;
Worin soll dann.der. Wert.des Geldes. bestehen? Hier kommen wir
zu einem weiteren Irrtum Heyns und anderer Vertreter der nominalistischen
 Geldtheorie. Ermeint,daßeslediglich.die Zahlungsmittelfunktion.serx-die-dem--Geld_schoan
 an sich Wert verleihe; das Geld
wird hierbei nur als eine. Art Vermittler zwischen den verschiedenen
Waren angesehen. Am deutlichsten spricht dies Heyn an folgender
Stelle aus: „Die Theorie würde vielleicht recht haben, wenn das Geld
eine Ware wäre wie die anderen auch, und wenn es wie bei den Waren
(neben der Seltenheit) seine spezifische stoffliche Brauchbarkeit wäre,
welche ihm seinen Wert verliehe. So liegt die Sache ja aber nicht. Das
Geld nimmt als Vermittler des Verkehrs eine ganz besondere Stellung
ein und sein Wert wird nicht durch seine eigene stoffliche Brauchbarkeit
bedingt wie bei den Waren, sondern dadurch, daß andere Dinge, eben
die Waren, in einem bestimmten Verhältnis gegeneinander ausgetauscht
werden; daß das Geld gewissermaßen dieses Austauschverhältnis verkörpert
 und nur daher seinen Wert nimmt?‘“). — Wenn das Geld lediglich
 Vermittlerdienste leiste, so könne es auch seine ideale Aufgabe bei
der Preisbildung erfüllen. die Preise würden dann durch nichts heein-1)

 Der Goldschatz der Reichsbank usw. Zeitschrift für Sozialwissenschaft,
:916, Heft ı, 5. 32.
2) Beiträge zur Geldtheorie usw. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 1911,
S. 256, Anm. I.
        <pb n="98" />
        oI

flußt als durch die tatsächlichen Verhältnisse von Angebot und Nachfrage.
 Es trete nicht störend dazwischen, daß das Geld selbst von
;chwankeridem Wert sei und daher die Preisbildung ungünstig beeinflusse?).

Es wird bei dieser Argumentation völlig übersehen, daß allein die
Zahlungsmittelfunktion noch nicht genügt, um den Wert des Geldes
zu stabilisieren. Bei privatkapitalistischer Wirtschaftsordnung muß
der Gegenstand, der den, Vermittlerdienst zwischen Eroduzen ten ‚und
Konsumenten. Jeistet,. auch "wiederum. .eine.. Ware. sein,..die unter denselben.
 Bedingungen. ‚produziert. „Wird, wie andere, Waren; nur daß sie
relativ eine größere Wertkonstanz hat als die übrigen, macht die Ware
Gold zum Geld geeignet. Es ist eine Utopie, ein Geld konstituieren
zu wollen, welches, gerade weil es ohne Stoffwert sei, allen Wertschwankungen
 entrückt sei, „Die Konstanz der Preise,“ die Heyn®) als
Resultat seiner Reform erwartet — „soweit diese Konstanz überhaupt
möglich sei‘ — ist also auf diesem Wege unmöglich zu erreichen.
Man darf also nicht das Geld, wie Heyn an anderer Stelle meint,
als Repräsentant aller anderen Waren auffassen und das Postulat der
Wertbeständigkeit des Geldes erheben, sondern muß einsehen, daß
auch das Geld wie alle übrigen Waren, gerade weil es selbst Wert haben
muß, auch im Wert veränderlich sein muß. — Es wird von Heyn
abenso wie von dem anderen Vertretern der Papierwährung darauf
hingewiesen, daß der jetzige Zustand ‚während des Krieges bewiesen
habe, wie tadellos auch eine Währung ohne Goldumlauf funktionieren
könne: „Hat das Notengeld während des jetzigen Krieges, d. h. in der
denkbar schwersten Krise, den Gelddienst voll versehen können, so
muß das auch im Frieden möglich sein‘3). — Dies ist ein Trugschluß.
Zunächst ist es eine offene Frage, ob wirklich das Notengeld so tadellos
die Gelddienste verrichtet hat wie sonst das Goldgeld. Da während
des Krieges das Golägeld überhaupt aus dem Verkehr entfernt ist,
kann auch ein Goldagio, d. h. eine äußerlich hervortretende Entwertung
des Papiergeldes nicht eintreten. Aber selbst angenommen, daß dieses
Notengeld während des Krieges ausgezeichnet funktioniert hätte, so
beweist dieser Zustand in Kriegszeiten noch gar nichts für die Möglichkeit,
 diesen Zustand auch in Friedenszeiten beizubehalten. Das Volk
erträgt in Zeiten hochgespannter nationaler Notwendigkeiten manches,
was in Friedenszeiten unerträglich wäre. Der jetzige Weltkrieg hat in
dieser Hinsicht gar keine neuen Erscheinungen hervorgebracht. In

ı) Beiträge zur Geldtheorie uSW., @. a. O. S. 154-)
 Heyn, Papierwährung, S. 45-Der
 Goldschatz der Reichsbank usw., 4. @. O0, S. 36.
        <pb n="99" />
        02

allen größeren Kriegen hat bisher in mehr oder minder großem Umfang
der Metallgeldumlauf durch Papiergeldumlauf ersetzt werden müssen,
Das gehört zu den Kriegsnotwendigkeiten, ist aber kein Beweis für die
Zweckmäßigkeit dieses Systems in Friedenszeiten, — Heyn verweist
ferner auf die Erfahrungen in Frankreich während des Krieges 1870/71
und nachher. Aber auch diese Erfahrungen scheinen mir nicht zugunsten
seiner Chartaltheorie angeführt werden zu können.
Heyn behauptet einmall): „Daß aber das Papiergeld auch in
Kriegszeiten sicher zu funktionieren vermag, selbst unter den heutigen
Verhältnissen, wo niemand eine klare und richtige Vorstellung von
dem Wesen des Geldes hat, und daß es auch in solchen Zeiten das Goldgeld
 vollkommen zu ersetzen vermag, das haben wir nach 1870 in
Frankreich und im Jahre 1893 in Nordamerika gesehen. In Frankreich
haben die in Papiergeld umgewandelten Noten der Bank von Frankreich
trotz ihrer Uneinlöslichkeit in der ganzen Zeit von 1870—18%78 ihren
vollen Geldwert zu behaupten vermocht, obwohl die schlimmsten
Stürme über Frankreich hereingebrochn waren: Krieg, Verfassungswechsel
 und Zahlung einer Kriegsentschädigung von 5 Milliarden
Francs‘“?), — Ich finde, daß die französischen Erfahrungen gerade das
Gegenteil beweisen. Die Periode der. französischen Währungspolitik
von '1870—1878 spricht für die metallistische Theorie und nicht gegen
sie; denn solange der Zwangskurs der Banknoten aufrechterhalten
wurde, bestand auch ein Agio für die französischen Gold- und Silbermünzen.
 Das Agio der 20-Frankenstücke betrug zeitweise bis zu 25 pro
Mille®). Je näher der Zeitpunkt herankam, zu dem die Bareinlösung
wieder aufgenommen wurde, um so mehr verminderte sich das Agio,
und gewiß hat das Vertrauen auf die bevorstehende Bareinlösung
hauptsächlich den Rückgang des Agios bewirkt. Es ist hierbei zu beachten,
 daß, wenn auch erst 1878 der Zwangskurs der Noten gesetzlich
beseitigt wurde, diese Maßregel schon 2 Jahre vorher verkündigt worden
war%), So hat also gerade die Rückkehr zur metallischen Währung die
Störungen in der französischen Valuta beseitigt, und die Meinung
Zutmanns. die Finsetzune der Metallvaluta hätte geldpolitisch unter

*) Irrtümer auf dem Gebiete des Geldwesens, Berlin 1900, S. 109/20.
*) Ähnliche Bemerkungen in dem Heynschen Aufsatz: Der Goldschatz der
Reichsbank usw., in „Zeitschr. f. Sozialwissenschaft‘‘, 1916, Heft ı, und ferner
in seiner Schrift: Papierwährung mit Goldreserve für den Auslandsverkehr,
Berlin 1894, S. 5%.
3) Vgl. dazu Dr, Franz Gutmann, Das französische Geldwesen im Kriege
18%70—1878, Straßburg 1913, S. 477.
4) Ebenda S. 437%.
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        — 03

diesen Umständen lediglich als Zugeständnis an die öffentliche Meinung
den stofflichen Schein einer metallischen Valuta gewahrt?), scheint mir
nicht haltbar zu sein. Mit größter Zähigkeit und Energie hatte die
französische Regierung ihr Ziel verfolgt, sobald wie möglich an Stelle
der Papierwährung wieder Zur Metallwährung zu gelangen.
Gegenüber dieser meiner Kritik, deren wesentliche Ausführungen
ich bereits an anderer Stelle (Conrads Jahrbücher 1916, II) veröffentlicht
 hatte, erwiderte Heyn in einer Antikritik?. Er sagt dort: „Ich
gebe auch Diehl darin vollkommen recht, daß ein Papiergeld sich das
erforderliche Vertrauen viel weniger Jeicht erwerben kann als ein
Realgeld, speziell das Goldgeld. Theore tisch besteht aber die Möglichkeit,
 daß das doch geschieht, zweifellos, und praktisch handelt
es sich hier gar nicht um die Frage, ob das Papiergeld sich das erforderliche
 Vertrauen zu erwerben vermag, sondern um die Frage, ob es
imstande ist, sich dieses Vertrauen, das ihm im Verkehr seit Anfang
des Krieges tatsächlich entgegengebracht wird, zu erhalten‘ ®%). Ist es
aber wirklich richtig, daß sich dieses Vertrauen im Kriege erhalten hat?
Ich habe oben nachgewiesen, daß die Inflation, unter der die meisten
Länder während des Krieges zu Jeiden haben, zweifellos auch zum
Teil auf einem gewissen Mißtrauen der Bevölkerung zum Papiergeld
beruht, und ähnliche Erfahrungen sind in allen früheren Kriegen
gemacht worden, selbst in den Ländern, in denen kurz nach Beendigung
des Krieges sich die Wiederherstellung der Parität der Noten leicht
ermöglichen ließ. Dabei darf nicht vergessen werden, daß gerade während
des Krieges das Volk aus patriotischen und nationalen Gründen die
Papierwährung viel leichter erträgt und ihr eher Vertrauen entgegenbringt,
 als dies in Friedenszeiten der Fall wäre. — Heyn sagt ferner,
er habe ausdrücklich eine Golddeckung und „dieselben“ Kautelen
wie bei der offenen Goldwährung gefordert. Ich bestreite aber,
daß diese Kautelen vorhanden sind, denn der Goldschatz soll zugleich
als Auslandsreserve und als Banknotendeckung dienen. Die Noten
unterliegen nicht der gesetzlichen Einlösungspflicht. Damit ist die
anbedingte Sicherheit in Wegfall gekommen, welche die Golddeckung
 erst zu einer Garantie macht, daß nämlich wirklich auch
immer die nötigen Goldvorräte parat gehalten werden, wenn die Bank
verpflichtet ist, auch jederzeit die Noten in bar einzulösen. Wenn
Heyn ferner vorschlägt, um einer Zuvielausgabe der Noten vorzubeugen,

1) Ebenda S. 441.
2) Vgl. seine Abhandlung „Unser Geldwesen nach dem Kriege‘‘. im Weltwirtsch.
 Archiv, z10. Band (1917/11), S. 62.
3 Ebenda S. 64/65.
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        04 —

die Krediterteilungsbefugnis der Reichsbank einzuschränken!), so
könnte ich auch dies nicht als Verbesserung des bisherigen Systems
der Goldwährung ansehen, deren Vorzug darin besteht, daß unter
den gesetzlichen Kautelen, die ihr vorgeschrieben sind, eine sozusagen
 unbegrenzte und völlig elastische Krediterteilung ermöglicht
 wird,
Am Schluß meint Heyn, man könne es ja auf eine Probe ankommen
lassen: „Überlassen wir also die Entscheidung der Zukunft. Es wird
sich herausstellen, daß die Goldkernwährung auch im Frieden den
Ansprüchen gewachsen ist, die an eine gute Währung notwendigerweise
gestellt werden müssen. Übrigens könnte man, wenn sich Nachteile
zeigen sollten, zu einer Goldwährung mit Goldumlauf jederzeit zurückkehren‘‘2),
 Solche Experimente auf währungspolitischem Gebiete sind
höchst gefährlich, und es scheint mir sehr gewagt, eine solche Probe
mit der Einführung der Papierwährung vorzunehmen.

2. Ersetzung der reinen Goldwährung durch eine Papierwährung.
A. (Bendixen)®).
a) Die Auffassung Bendixens vom Wesen des Geldes,
Bendixen geht bei seiner Grundauffassung vom Wesen des Geldes
von bestimmten Sätzen der Knappschen Geldtheorie aus. Er bekennt
sich zu Ser, nominqltschen. Auffassung. des Geldes im Gegensatz zur
metallistischen, «= zu der Lehre, daß die Werteinheit im Geldwesen
(also Mark, Franken, Gulden, Rubel usw.) nicht „metallistisch‘“, sondern
„nominal‘‘ definiert werden müßte, gleicherweise in Gold- wie in Papierwährungsländern:
 „Qb_zur.Herstellung. der Zahlungsmittel.Metall.wverwendet.
 wird-oder-nicht;-ist für.den. Begriff, des. Geldes, gleichgültig‘. 4).
Man dürfe sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß der Begriff des
Geldes von seiner stofflichen Erscheinung unabhängig sei und dürfe
den Grund für die Wertschätzung des Geldes nicht im Metall suchen.
In der Tat fänden wir in finanziell geordneten Ländern mit Papierwährung,
 wie es Österreich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
 ‚unzweifelhaft gewesen sei. dasselbe sichere Vertrauen zum

') Ebenda S, 67.
1 Ebenda S. 74.
*) Vgl. die Schriften: ı. Währungspolitik und Geldtheorie im Lichte des
Weltkrieges, München 1916. 2. Die Reichsbank nach dem Kriege (verfaßt April
[916). 3. Das unlösbare Geldproblem (verfaßt 1916). 4. Das Wesen des Geldes
(1908). 5. Geld und Kapital (1912).
4) Wesen des Geldes. S. a.
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        —

os

Wert des Geldes, obgleich Goldmünzen und metallische Notendeckung
fehlten. Welcher Umstand aber gebe dem Geld seinen Wert, wenn es
der Stoff nicht sei? Bendixen meint, der Krieg habe die Wahrheit
der Knappschen Geldtheorie aufs klarste erwiesen: „Ich halte es für
Knapps schönstes Verdienst, daß. er. die _Nominalität.der .Werteinheit
auch für.die Goldwährungsländer nachgewiesen hat. Der gegenwärtige
Krieg, der die Identifikation der Reichsmark mit einer gesetzlich bestimmten
 Goldmenge unmöglich macht, hat der staatlichen Theorie
die empirische Bestätigung gebracht“ 1). ... „Der Krieg wird das Ende
auch des wissenschaftlichen Metallismus sein ; man wird einsehen lernen,
daß die staatliche Theorie die Elementarlehre des Geldes ist, über die
man so wenig streitet wie über das Einmaleins, und daß man sie einfach
wissen muß, wenn man wissenschaftlich über das Geld arbeiten will“ ?).;
Eine Ergänzung will Bendixen liefern; er will die juristisch-dogma«
tische Geldlehre Knapps durch seine wirtschaftliche Geldlehre ergänzen;
 er will neben der staatlichen Theorie des Geldes eine wirtschaffliche
 Theorie des Geldes_aufstellen. Bendixen erblickt die Aufgabe
der wirtschaftlichen Theorie des Geldes darin, das Wesen des Geldes
seiner ökonomischen Funktion nach zu bestimmen und daraus die
Grundsätze der Geldschöpfung Zu entwickeln, und zwar der Geldschöpfung,
 wie sie bestehen sollte, um „klassisches“ Geld hervorzubringen.
 Unter ‚„klassischem. Geld“ versteht Bendixen das Geld,
das keinen_Wertänderungen unterliegt, daher auch die Preise nicht
beeinflußt, so daß bei Preisänderungen der Grund immer nur auf der
Warenseite, nie auf der Geldseite liegen kann (Wesen usw., S. 10). —
Welche Funktion übt aber das Geld aus? Bendixen faßt unsere
individualistische Wirtschaftsordnung als einen wunderbaren sozialen
Mechanismus auf, als ein Arbeiten aller für alle unter dem Prinzip des.
individualistischen Gleichgewichts der Leistungen, Dieser Mechanismus
habe zwei Voraussetzungen: 1, die allgemeine Fähigkeit, mit Werten
zu rechnen unter Anwendung allgemein anerkannter Werteinheiten.
2. Die Verwendung von Zeichen, welche solche Werteinheiten bedeuten
und allgemein als Belege über. geleistete Dienste und deren Wert anerkannt
 werden (Wesen uSW., S. 22). Diese Voraussetzung soll das Geld
erfüllen, das als Vermittler zwischen Produktion und Konsumtion dient:
„So stellt “sich das. Geld, das. juristisch Zahlungsmittel .ist,volkswirtschaftlich
 als. ein. durch. Vorleistungen, ‚erworbenes Anrecht an VErkaufsreifen_konsumtiblen.
 Produktion. dar“ (ebenda S, 23).
Nach Bendixen sind zwei Erfordernisse für das „klassische Geld‘*
1) Währungspolitik, 5. 87.
1) Ebenda S. 86.
        <pb n="103" />
        06

und seine Schöpfung aufzustellen: 1. die Geldschöpfung muß so geordnet
 sein, daß man für seine Leistungen Geld bekommen kann; 2. das
Geld muß von der Art sein, daß es verschwindet mit der Konsumtion
der Güter, zu deren Anschaffung es dient. Da es Konsumgüter repräsentiere,
 dürfe es diese nicht überleben. Solches Geld existiere bereits:
es sei die Reichsbanknote, gegründet auf dem akzeptierten Warenwechsel.
 Diese Reichsbanknote sei das „klassische Geld‘: „Der Inhaber
des akzeptierten Warenwechsels beansprucht bei der Reichsbank Geldzeichen
 auf Grund des Nachweises, daß im entsprechenden Umfange
Werte geschaffen und der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt sind‘“
(Wesen usw., S. 35). — Bendixen meint, daß man, auf dieser Basis
fortschreitend, dem Staate oder der von ihm eingesetzten zentralen
Geldquelle eine Geldschöpfungspflicht zuschreiben könne; der Staat
habe dafür zu sorgen, daß Geldzeichen als Legitimation für Gegenleistungen
 in dem durch die Vorleistungen bedingten Umfange vorhanden
 seien. Er müsse also neuschöpfend auftreten, wenn mit dem
Fortschritt des wirtschaftlichen Lebens die Produktion wachse und
müsse bei sinkender Produktion für die Einziehung der Geldzeichen
Sorge tragen. Hier habe man das „klassische Geld‘, welches im Parallelismus
 mit dem Entstehen und Vergehen der Konsumgüter erscheine
und verschwinde, und welches unbelastet durch den Wert seines Stoffes
die dienende Funktion, zu der es berufen sei, erfülle, ohne das Wertverhältnis
 der abzuwägenden Werte durch die’ Influenz seines eigenen
Wertes zu stören (Wesen usw., S. 36). Der Banknote soll gleichstehen
als „klassisches Geld“ das Giroguthaben, das die Reichsbank auf Grund
diskontierter Wechsel schafft, Geld in notaler und giraler Gestalt sollen
zusammen das „klassische Geld“ bilden. — Dieses „klassische Geld“
zu schaffen, wird als Pflicht des Staates bezeichnet: „Geld ist ohne
Rücksicht auf den Herstellungsstoff staatlich gesetztes Zahlungsmittel.
Der Staat oder die unter seiner Autorität wirkende Zentralnotenbank
hat die Pflicht, dem Verkehr die Geldzeichen zur Verfügung zu stellen,
die in der Hand des Einzelnen Anweisungen auf Gegenleistungen auf
Grund seiner Vorleistungen darstellen. Nicht auf Gold, sondern auf.
Geld richtet sich das Verkehrsbedürfnis‘““ (Währungspolitik, S, 12).
So erscheint es Bendixen, wie er es in seiner letzten Schrift ausdrückt,
 als sinnlos, vom Standpunkt der reinen Logik, wenn man das
Geld mit einem Währungsmetall verkette, sobald man die Nominalität
der Werteinheit erfaßt habe: „Dieser Widersinn kennzeichnet die Goldwährung
 als Werteinheit schlechthin, einerlei, ob man das Gold bei
der Zentralbank konzentriert bewahrt und nur Noten mit Annahmezwang
and ohne Bareinlösung umlaufen läßt, oder — was bisher das übliche
        <pb n="104" />
        7

war — ob man den Verkehr mit Goldmünzen „sättigt‘‘. Die letztere
Art enthält nur noch einen besonderen logischen Fehler. Sie stattet
das Geldzeichen, das eine Anweisung auf Leistungen darstellt, mit einem
Sachwert aus, der dem Werte jener Leistungen gleichkommt. Ein
Theaterbillet für 4 Mark, das für 4 Mark Silber enthält, wäre eine ebenso
sinnreiche Erfindung. Auch eßbare Anweisungen auf Brot wären ein
passendes Gegenstück“ (Währungspolitik, S, 91). ... Erledigt und
widerlegt seien damit alle Schlußfolgerungen, welche aus der Seltenheit
des Währungsmetalls auf die Höhe der Preise gezogen würden ; erledigt
alle gelehrten Werke, die den „Geldwert“ festzustellen suchten; erledigt
sei die Geldverfassung und Staatsfinanzen konfundierende Meinung,
daß Papiergeld an sich übel sei; erledigt die Ansicht, daß das Papiergeld
seinen „Wert‘“ aus seiner Seltenheit gewänne, erledigt alle Untersuchungen
 über die Änderungen des Geldwertes. Denn. das_Geld.sei
kein Objekt der Bewertung, und, die scheinbare. Vorstellung. des. Geldwertes
 nur, ein Reflex.dex Preises.das Geld soll überhaupt kein wirtschaftliches
 Gut sein, sondern, wie Bendixen €s einmal formulierte,
ein staatlich begültigtes Wertzeichen (W. ährungspolitik, S. 97): „Fragen
wir nach dem Wesen des Geldes, So müssen wir nicht an die Trübung
denken, die seine Erscheinung durch die Zutat des Substanzwertes
erfährt.‘

b) Die währungspolitischen Reformvorschläge von
Bendixen.
Aus diesen theoretischen Erwägungen heraus macht Bendixen
„ine Reihe von Vorschlägen zur Reform der Reichsbank und des Geldwesens.
 Handelte es sich in seinen Erstlingsschriften um ziemlich nebensächliche,
 harmlose Reformen, so ist er neuerdings zu immer radikaleren
Neuerungsvorschlägen gekommen, In seiner 1908 erschienenen Schrift
über das Wesen des Geldes hat Bendixen ausdrücklich betont, daß
an der Goldwährung festgehalten werden müsse. Er forderte damals
nur, daß die deutschen Banknoten, und zwar „selbstverständlich vorbehaltlich
 der Einlösungspflicht der Reichsbank‘“ als gesetzliches
Zahlungsmittel anerkannt werden sollen, was bekanntlich inzwischen
tatsächlich durchgeführt wurde; ferner, daß die in Gold zahlbaren
Wechsel auf das Ausland hei der Reichsbank als Golddeckung zu zahlen
seien, endlich, daß die Vorschrift der Dritteldeckung mit einem „tunlichst‘““
 versehen werde, damit aus einem Manko an Gold, wie es an den
Quartalsterminen ganz harmloserweise eintreten kann, der Reichsbank
nicht der Vorwurf der Gesetzesverletzung erwachsen kann“ (Wesen
des Geldes, S. 55/56).
E. Diehl, Geldwesen und Valuta,
        <pb n="105" />
        98 —

In der 1912 erschienenen Sammlung von Aufsätzen handelt es:
sich besonders um Vorschläge, welche den staatsrechtlichen Charakter
der Reichsbank betreffen. Zwar verwarf er den Gedanken einer Verstaatlichung
 der Reichsbank; er wollte aber die gegenwärtige „privatrechtlich-fiskalische
 Struktur‘ der Reichsbank dahin abändern, daß
ihr gemeinwirtschaftlicher Charakter mehr gegenüber dem privatwirtschaftlichen
 hervortreten soll. Die Anteilseigner sollten nicht am Gewinn
beteiligt sein, sondern mit einer festen Verzinsung ihres Kapitals, das.
Reich aber mit einer nicht zu hoch bemessenen Rente abgefunden,
werden. Alle anderen Überschüsse sollten der Reichsbank selbst zu--fallen,
 um ihr zu ermöglichen, der Wiederkehr schwerer Zeiten in der
Stärke und Rüstung entgegenzugehen, die ihr ein vergrößerter Bestand
an Gold oder besser noch an Wechseln auf das Ausland verleihen würde
(Geld und Kapital, S.74). Erst in seinem neuesten Werke und besonders
 in der Abhandlung „Die Reichsbank nach dem Kriege‘“ hat
er die volle Konsequenz aus seiner theoretischen Lehre gezogen. Er:
behauptet, daß die Verfassung und die Aufgaben der Reichsbank auf
völlig überlebter rechtlicher Grundlage beruhten (S. 2) und daß ein
unerträglicher gesetzlicher Zustand vorliege. — In seinem Feldpostbrief
 über die Reichsbank im Kriege (vom 18. Januar 1915) nennt er
die Einrechnung der Darlehenskassenscheine in den Goldbestand der
Reichsbank „einen häßlichen Kniff, durch den wir unsere Aufrichtigkeit
und die gesunde Lage der Reichsbank diskreditiert‘ hätten (Währungspolitik,
 S. 21). — Das Bankgesetz erklärt er für durchaus fehlerhaft,
und nur die Klugheit und das Geschick der Reichsbankleitung hätten
die schweren Mängel des Gesetzes überschattet (ebenda, S. 23). Er
verlangt jetzt ‚einen Umbau der Reichsbank von Grund auf“ (S. 25).
Seine Vorschläge laufen jetzt tatsächlich auf eine Abschaffung "der
Goldwährung hinaus, Im einzelnen sind die wichtigsten von ihn
vorgeschlagenen Neuerungen folgende:

4. Aufhebung der Bareinlösungspflicht der Noten seitens der:
Reichsbank.

Die Erfahrungen des Krieges hätten die Entbehrlichkeit der Bareinlösung
 dargetan : „Statt Gold zu fordern, bringen die Leute ihr Gold
in vielen Hunderten von Millionen freiwllig zur Reichsbank und wechsehr.
es in Papier um. So hat man nicht nur die Entbehrlichkeit der Goldmünzen
 erkannt, sondern man hält auch ihren individuellen Besitz
für unvereinbar mit der Pflicht der Vaterlandsliebe, „Das Geld gehört
in die Reichsbank, nicht in den Verkehr.“
        <pb n="106" />
        m

Dieser Satz ist heute eine Forderung des Patriotismus, aber er ist
mehr: er ist zugleich eine Errungenschaft volkswirtschaftlicher Einsicht,
So ist dann auf einmal die theoretische Forderung, daß man das in den
Münzen verkörperte Gold als nationales, nicht als privates Eigentum
anzusehen habe, durch den Krieg zur praktischen Wahrheit geworden“
/Währunegspolitik, S. 27).

2. Beseitigung der Dritteldeckung.
Die Aufhebung der Bareinlösung soll auch die Beseitigung der
Dritteldeckung der Noten zur Folge haben, denn die Vorschrift, daß
mindestens der dritte Teil des Notenumlaufs in Gold (oder kurantem
Geld) gedeckt sein müsse, hätte einzig und allein ihren Grund in der
Verpflichtung der Bank, ihre Noten jederzeit auf Verlangen gegen bar
einzulösen (S. 31). Mit der Beseitigung der Bareinlösung verliere der
Goldbestand bei der Reichsbank seine Bedeutung für den inneren Aufbau
ler Zahlungswirtschaft.

3. Aufhebung der freien Goldprägung.
Die Goldannahmepflicht der Reichsbank, d. h. die Bestimmung,
jaß die Reichsbank verpflichtet ist, jedem Überbringer eines halben
Kilo Goldes 1392 M. zu zahlen, falle fort mit der falschen metallistischen
Lehre, Für die positive Geldschöpfung der Reichsbank ergäben sich
jann folgende vier Aufgaben:
a) Die klassische Geldschöpfung, a. h. die Schaffung des wichtigsten
 und eigentlichen Geldes durch Ausgabe von Banknoten, die
durch Warenwechsel gedeckt sind.
b) Ersetzung der Reichskassenscheine durch Banknoten; um das
Bedürfnis nach kleinem Papiergeld, d. h. nach Scheinen zu 5 und
zo Mark zu befriedigen, soll die Reichsbank im Umfang von 240 Millionen
Mark Banknoten mit gesetzlicher Zahlkraft ausgeben, und zwar soll
dies auf folgende Weise geschehen: die Reichsbank zieht die bisher umlaufenden
 120 Millionen Mark Reichskassenscheine ein und zahlt der
Reichskasse für den Reichskriegsschatz 120 Millionen Mark in Gold.
Gegen diese Leistung wird das Reich Schuldner der Reichsbank im
Betrag von 240 Millionen Mark. Die neuen Noten gelten dann als bankmäßig
 gedeckt durch die Buchforderung der Reichsbank an das Reich,
und die Reichsbank ist verpflichtet, die Noten jederzeit auf Verlangen
gegen Reichsscheidemünzen umzuwechseln,
c) Ausgabe von Noten, die nicht gegen Warenwechsel gedeckt sind,
Die weiteren Zahlungsmittel, die nicht den schwankenden, durch Warenwechsel
 gedeckten Notenumlauf, sondern den dauernden Bedarf an

4
        <pb n="107" />
        — 100 —

„großem“ Geld darstellen, sollen auch von der Reichsbank kreiert
werden, und zwar in einem bestimmten Verhältnis zur Größe der Bevölkerung:
 „Was der Verkehr an großem Geld braucht, wird sich in
ungefährem Betrage unschwer ermitteln lassen. ... Man gelangt so
zu einer bestimmten Summe auf den Kopf der Bevölkerung, und
wie das Reich die Scheidemünzen, so soll die Reichsbank die Banknoten
 dem Verkehr nach ‚diesem Maßstabe zur Verfügung stellen‘
(S. 66).
d) Der Notenbedarf an Quartalsterminen, — Auch der Mehrbedarf
 an Noten zu den Quartalsterminen soll von der Reichsbank
befriedigt werden, und zwar könne die Reichsbank den Mehrbedarf in
der erfahrungsmäßigen Höhe liefern, wobei für diese kurze Zeit die zur
Lombardierung eingereichten Effekten vollständig ausreichen. Da auf
diese Weise für den inneren Zahlungsverkehr so gut wie alles mit papierenen
 Zahlungsmitteln geleistet wird, bleibt der ganze bisherige Goldschatz
 der Reichsbank für die Zwecke der Wechselkursregulierung und
der Wiederherstellung der Parität unserer Valuta zu freier Verfügung.
Aber auch für diese Zwecke könne in großem Umfang das Gold erspart
werden: „Diesen Dienst leistet jedoch in Friedenszeiten ebensogut und
besser als das Gold ein Devisenvorrat, der obendrein den Vorzug hat,
Zinsen einzutragen. Ebenso kann ein Bestand an ausländischen Effekten
im Besitze der Reichsbank zur Regulierung der Valutenkurse nützliche
Verwendung finden, nur daß freilich der Verkauf der Effekten möglicherweise
 mit Kursverlusten verbunden ist, was bei der Ausgabe von Gold
und Devisen nicht der Fall ist‘ (S. 48). ... Devisen, Gold, Effekten —
auf keines dieser drei sollte die Reichsbank verzichten, um im Frieden
die Währung zu verteidigen und im Kriege die starken finanziellen
Reserven zur Hand zu haben. Das mag das Gesetz ausdrücklich aussprechen.
 Aber die Frage, in welchem Umfange diese drei Wertkategorien
 vorhanden sein sollen, überlasse man getrost der Verwaltungspraxis
 und sehe besonders davon ab, für die Höhe des zu haltenden
Goldbestandes eine absolute oder relative Norm zu bestimmen“‘“ (Wähcungspolitik,
 S. 50).
c) Kritik.

Der Grundirrtum Bendixens, aus dem alle übrigen fehlerhaften
theoretischen Gedankengänge hervorgehen, liegt in seiner Geldschöpfungstheorie,
 in der Vorstellung, als ob die eigentliche Geldschöpfung
 in dem „klassischen“ Geld vorliege, welches die Zentralbank
ausgebe, wenn sie Noten gegen Warenwechsel liefere, Der Satz: „Wenn
die Reichsbank gegen ihr zum Diskont gegebene Wechsel Banknoten
        <pb n="108" />
        Pa
=.

ausgibt, so gibt sie Geld‘“1), enthält einen großen und folgenschweren
Irrtum. Tatsächlich gibt die Bank nicht Geld, sondern Kredit. Die
Banknote ist überhaupt kein Geld, sondern ein Kreditpapier. Auf
Grund der verschiedenen Sicherheiten, welche die Bank gegenüber dem
Wechselgeber hat, räumt sie ihm Kredit ein, und das Publikum, wenn
es Banknoten wie bares Geld in Zahlung nimmt, gibt seinerseits Kredit
"Im Hinblick auf die großen Sicherheiten, welche die Bank bietet.‘ Ob
und inwieweit dieser Kredit gewährt wird, hängt sowohl für die Bank
wie für das Publikum von den sachlichen, realen Garantien ab, welche
dem Papier zugrunde liegen. Für die Bank ist es keineswegs SO, daß im
Warenwechsel einfach ein Warenäquivalent vorliege gegenüber dem in
den Noten ausgeprägten Geldäquivalent, sondern so, daß der Kredit
vor allem gewährt wird auf Grund der guten Unterschriften, die der
Wechsel haben muß. Ebenso irrig ist die Behauptung: „Entweder sind
Warenwechsel geeignet, als Unterlage für klassisches Geld zu dienen,
dann sind sie es unbeschränkt ohne Rücksicht auf ihre Quantität und
auf etwa daneben bestehende Golddeckung, oder sie sind es nicht, und
dann ist auch die kleinste Notenemission auf Grund von Warenwechseln
ohne volle Golddeckung, ein Fehler der Geldpolitik, eine Schöpfung
unechten Geldes, gegen welche die Besitzer echten Geldes guten Grund
hätten, energisch zu protestieren“ (Wesen des Geldes, S. 39). Warenwechsel
 sind allerdings keine Grundlage zu „‚klassischem““ Geld, überhaupt
 kein Geld, sondern können nur zur Grundlage von Kreditpapieren
dienen, die Zahlungsdienste verrichten, wenn eben die notwendigen
Garantien vorhanden sind. Diese brauchen aber nicht in voller Golddeckung
 der Noten zu bestehen; wenn durch geschickte Banknotenzesetzgebung
 in anderer Weise solche Garantien geschaffen werden,
zo können sie sehr wohl Gelddienste verrichten oder als Geldsurrogate
4ienen. Warum aber erkennen die Goldgeldbesitzer durch ihr Verhalten
Jiese Surrogate als gleichwertig mit dem Gelde an? Bendixen antwortet:
 „Weil auch die Goldgeldbesitzer nicht auf das Gold sehen,
sondern nur auf die Funktion des Geldes, dem Besitzer den Erwerb
von Gütern zu vermitteln. Sie sind sich eines Vorzugs vor den Besitzern
von Noten oder Giralgeld überhaupt gar nicht bewußt“ (ebenda S. 40)-Und
 doch ist es nicht diese angebliche Gütervermittlungsfunktion,
sondern umgekehrt gerade die Goldsicherheit, welche der Banknote
diese Eigenschaft als Geldsurrogat verleiht. ‚Bendixen gibt ein „Vereinfachtes‘‘
 Beispiel, um den Vorgang der Wechseldiskontierung Zu
erklären: „Ein Fabrikant hat sein Kapital in dreimonatigem Betrieb

DA aaa

y Vol. „Geld und Kapital‘, 5. 10.
        <pb n="109" />
        —  IO2 —

in Ware verwandelt, Er ist mit seinen Mitteln zu Ende. Für die Ware
hat. er einen Käufer gefunden, der aber Kredit beansprucht, weil er
Zeit braucht, Unterabnehmer zu finden, und auch nicht sofort Geld
arhält. Der Käufer also akzeptiert einen Dreimonatwechsel, den der
Fabrikant bei der Reichsbank in. Diskont gibt. Jetzt hat der Fabrikant
wieder Geld, kann Rohmaterial kaufen, seine Arbeiter bezahlen und
neue Ware herstellen. Nach 3 Monaten bezahlt der Käufer seine Wechselschuld
 an die Reichsbank aus den für die Ware einkassierten Geldern.
Zugleich übernimmt er die neue Warenpartie, und das Spiel wiederholt
sich‘‘ (Wesen des Geldes, S.. 33). — Gerade dieses Beispiel ist charakteristisch
 für Bendixens Art und Weise, theoretische Darlegungen zu
geben. Er nimmt hier einen Fall, der uns zeigen soll, daß alles sich nur
um Warenvermittlung dreht, daß das Geld nur eine „symbolische‘ Rolle
spielt, daß der ganze Warenumsatz sich glatt und ohne Schwierigkeiten
abwickelt. — Wie aber, wenn der Käufer seine Wechselschuld an die
Reichsbank nicht aus den für die Waren einkassierten Geldern bezahlen
kann, weil er die Waren nicht verkaufen konnte? Hier muß ganz
unabhängig vom Warenumsatz sein Vermögen, bzw. das der übrigen
„als zahlungsfähig bekannten Firmen oder Personen“ die Garantie
bieten, daß die Noten wirklich „so gut wie Geld‘ im Umlauf angeaommen
 werden.‘ — Wie man sieht, ist die „klassische“ Geldschöpfung
aicht als ein einfaches, aus dem Warenverkehr sich ergebendes Rechen-»xempel
 anzusehen, so daß das Geld und ebenso die Banknote nur
eine Rechnungseinheit wäre, nur ein Symbol für die Waren, die umgesetzt
 werden; sondern es ist die reale unbedingte Sicherheit, die in
der Gewißheit liegt, daB der Noteninhaber Geld und nicht „Ware““ für
die Note erhalten kann, welche der Banknote die wichtige Rolle im
Zahlungswesen verleiht. Also nicht deshalb ist die Banknote ein Geldzeichen,
 weil in entsprechendem Umfange ‚Werte‘ geschaffen sind,
sondern weil der Noteninhaber die ausgebende Bank für kreditwürdig
hält. Was für das sogenannte „notale‘“ Geld gilt, trifft ebenso zu für
den bargeldlosen Scheck- und Giralverkehr. Schecks und Giroübertragungen
 können Gelddienste verrichten, weil auch diese Kreditmittel
sich auf Grund einer realen Geldbasis abspielen; auf Grund der Guthaben,
 welche die Konteninhaber besitzen, oder auf Grund eines Kredits,
der ihnen eingeräumt wird, kann sich ein ausgedehnter Zahlungs- und
Verrechnäungsverkehr ausbilden, der aber doch immer seinen letzten
Rückhalt, seine eigentliche Basis in dem Geldsystem hat, auf dessen
Grundlage erst diese Zahlungsmethoden sich ausbilden können. Es ist
also ganz unmöglich, das notale oder girale Geld als originäre Geldschöpfung
 anzusehen; es handelt sich lediglich um Kreditmittel, um
        <pb n="110" />
        103

„Buchgeld‘‘, das reales Geld zur Voraussetzung hat. Bendixen begeht
den schweren Irrtum, das Wesen des Zirkulationsmittels Geld nicht
aus der Zirkulationssphäre, sondern aus der Kreditsphäre, die erst auf
dieser Zirkulation sich aufbaut, erklären zu wollen.
Wie das „reale“ Geld selbst beschaffen sein muß, kann man nur
beantworten, wenn man sich die Funktionen klarmacht, welche das
Geld zu verrichten hat. Bendixen kennt nur die eine Funktion des
Geldes, als Zahlungsmittel oder als Rechnungseinheit zu dienen und
meint, daß hierfür jeder Papierschein genüge. Dies ist aber eine einseitige
 und viel zu enge Betrachtungsweise ; sie läßt andere viel wichtigere
Funktionen des Geldes außer acht. Ohne weiteres soll zugegeben werden,
daß das Geld in bestimmten Wirtschaftsverfassungen Nur Zahlungsmittel
 oder Rechnungseinheit sein kann, nur als eine Anweisung auf
Güter, nur als Symbol betrachtet werden kann. Dies würde z. B. der
Fall sein in einer kommunistischen Wirtschaftsordnung. Wenn alle
Güter planmäßig von einer zentralen Gemeinschaftsorganisation hergestellt
 werden, wenn die einzelnen Produkte nach Vorschrift der
Zentralorganisation in bestimmter Quantität und Qualität hergestellt,
in Magazinen aufbewahrt und den Genossen des kommunistischen
Staates zur Verfügung gestellt werden, so könnte Z. B. jedem Genossen
für die von ihm geleistete Arbeit eine Anweisung auf eine bestimmte
Anzahl Arbeitsstunden gegeben werden, und er könnte auf Grund dieser
Anweisungen aus den Magazinen die Güter erhalten, welche der bestimmten
 Zahl von Arbeitsstunden entsprechen. Hier ist also ein Geld
ohne jeden eigenen Wert, ein stofflich wertloses Geld, ein Anweisungsgeld
 durchaus möglich. Dies ist aber ausgeschlossen in der zersplitterten
individualistischen Wirtschaftsverfassung, in der wir leben. In der auf
Privateigentum und freier Konkurrenz beruhenden Gesellschaftsardnung
 hat das Geld die wichtigste Funktion zu erfüllen, Wertvergleichungsmittel,
 bzw. Preisfestsetzungsmittel zu sein. Diese
wichtige Funktion des Geldes hat Bendixen völlig übersehen oder
vielmehr er hält sie für unnötig, indem er behauptet, Geld brauche
überhaupt keinen Wert zu haben, die ganze Frage des Geldwertes sei
überflüssig.
Damit komme ich zu der Geldwerttheorie von Bendixen. Der
Wert des Geldes, meint Bendixen?),-sei kein eigener, sondern nur
ein abgeleiteter und bedeute nichts anderes als den Wert der für das
Geld käuflichen Waren oder Dienste, „da_der wertberechnende.. Ge:
danke das Geld.se]bst.als Objekt.nicht-ergreiftt; AWSrte schätzen hieße

Mb
ww Vgl. „Geld und Kapital‘, Sa 35-
        <pb n="111" />
        TC

Preise vergleichen mit Hilfe des Generalnenners Geld (W ährungspolitik,
5. 29). — Wie kann man aber Werte vergleichen, wenn kein tertiunm
comparationis da ist? Dieses ist aber das Geld, und wenn Bendixen
meint, Geld habe nur die symbolische Bedeutung, die Bewegung des
Warenwertes zu reflektieren, so ist hierauf zu erwidern, die Warenwerte
 werden doch nicht obrigkeitlich fixiert, sie bilden sich im freien
Wirtschaftsverkehr, Wie kann aber dieser freie wirtschaftliche Tauschverkehr
 funktionieren, wenn nicht eine bestimmte Ware da ist, an der
die Wertänderungen der anderen Waren gemessen werden? Daß auch
diese Ware, nämlich das Geld, selbst im Werte veränderlich ist, ist
zuzugeben, aber es ist doch aus den bekannten Gründen ein verhältnismäßig
 weit weniger schwankender Wert, als der Wert der übrigen
Waren. Wenn Bendixen sagt, das Geld habe selbst keinen Wert,
sondern repräsentiere nur den Wert der übrigen Waren, so fragen wir,
welche Waren sind damit gemeint? Für Geld kann man Getreide,
Fahrräder, Stahlfedern, Baumwolle, Stiefelwichse usw. haben. Alle
diese Werte sollen also im Werte des Geldes widergespiegelt werden!
Soweit aber diese Widerspiegelung stattfindet, so ist es nur möglich,
weil es gegenüber den vielerlei Waren, die ich eben aufzählte, eine Ware
ganz besonderer Art gibt mit den Eigenschaften, die sie eben zur Geldware
 geeignet machen. Daher nochmals: solange wir eine individualistische,
 auf freier Konkurrenz beruhende Volkswirtschaft haben, ist
auch eine allgemein beliebte Ware zu Gelddiensten nötig, d. h. zu der
Funktion, am Werte dieser Geldware den Wert der übrigen Waren
zu vergleichen. Ich vermeide absichtlich den Ausdruck Wertmaßstab,
um nicht den Anschein zu erwecken, als hielte ich den Wert des Geldes.
für konstant. Nur ein Geld, das selbst Stoffwert hat, kann in der individualistischen
 Volkswirtschaft diese Funktion des Wertvergleichungs--mittels
 leisten, wie ich an anderer Stelle so formuliert habel):
„Wenn der Staat die ganze Produktion regelt und die Warenpresie
fixiert, kann er auch ein wertloses Geldzeichen schaffen, das nur eine
Anweisung auf einen bestimmten Teil dieses Warenvorrates darstellt,
Wenn aber die Produktion einzelnen Privatwirtschaften anvertraut
 ist, die nach Belieben Waren auf den Markt werfen, muß auch
ein Wertvergleichungsmittel da sein. Die Produzenten müssen
die kauflustigen Konsumenten auffordern können: Nun schätzt ihr an
einem allgemein beliebten Gegenstande wie z. B. Gold ab, wieviel ihr
uns für unsere Ware geben wollt!“ (S. 21).
Nun führt Bendixen allen Ernstes gegen diese Begründung des.
1) Deutschland als geschlossener Handelsstaat im Weltkrieg, Stuttgart und
Berlin 1016.
        <pb n="112" />
        — 10%

Geldwertes auf den Goldwert an, daß die Leute derartige Erwägungen
doch gar nicht anstellten (Wesen des Geldes, 5. 7): „Jeder kann es
an sich selbst erfahren, wenn er prüft, wie er in Gedanken verfährt,
wenn er eine Sache kaufen oder sich auch nur über ihren Wert eine
Vorstellung machen will. Der Mann müßte noch geboren werden, dem
vor einer Villa, die 70000 Mark kosten soll, der Gedanke an einen 50 Pfd,
schweren Goldklumpen auftaucht.“ Also deshalb, weil die Leute nicht
an den Goldwert denken, soll er nicht maßgebend sein. Als ob es überhaupt
 jemals Gewohnheit der Leute sei, sich über den Zusammenhang
der volkswirtschaftlichen Erscheinungen Rechenschaft abzulegen.
Es ist eine gänzlich unberechtigte Behauptung von Bendixen,
die „Metallisten‘ hätten die Illusion der „Wertbeständigkeit des Geldes“,
Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Knappsche Theorie die
metallistische Irrlehre überwinden wird und sagt dann (Geld und
Kapital, S. 97): „Die Illusion von der immanenten Wertbeständigkeit
des allgemeinen Wertmessers wird bis dahin hoffentlich überwunden
sein.“ Diese Illusion ‘haben die Metallisten nie gehabt, wohl aber hat
sie Bendixen, der wiederholt von der ‚„‚Wertbeständigkeit““ des Geldes
spricht, wobei er Wert und Preis miteinander verwechselt und den
wichtigen Unterschied von innerem und äußerem Geldwert außer acht
jäßt. Ich zitiere wörtlich die folgenden Stellen bei Bendixen: „Nicht
das Gold gibt dem Geld seinen Wert, sondern das Gold erhält
seinen Wert vom Gelde, d. h. von der Münzgesetzgebung. Der
Staat schafft die Werteinheit und bestimmt den Feingehalt der
Münze; indem er dann ferner die freie Ausprägbarkeit des Währungsmetalls
 anordnet, gibt er diesem den festen Wert. Es würde
nur der Aufhebung der freien Goldprägung in allen Ländern bedürfen,
 um die Wertbeständigkeit des Goldes gründlich zu zerstören*).
„.. Niemand, der Gold zu haben wünscht, braucht dafür einen höheren
Preis anzulegen, da er ja in dem umlaufenden Gelde diesen Feingehalt
vorfindet. So kann der Goldwert nicht über diesen Preis steigen‘“2),
„... Wenn man aber erkannt hat, daß nicht der Metallwert, sondern
die Staatsautorität das Geld zum Gelde macht, so sollte die Tauschgutqualität
 des Geldes abgetan sein“%). Da Gold also nach Bendixen
seinen Preis von der Geldverfassung herleitet, könne das Geld nicht
seinen Wert vom Golde haben. Hier haben wir ganz deutlich die fatale
Verwechslung von Wert und Preis. Der Preis, den die staatliche Gesetzgebung
 fixiert, ist eben ein rein nominaler. der innere Wert des Goldes

ı) „Geld und Kapital“, 5. 36.
’) Ebenda S. 37.
3. Währungspolitik‘,. S. 105.
        <pb n="113" />
        i06 —

der besonders von den Produktionsbedingungen dieses Metalls abhängt,
 wird davon gar nicht berührt. Bendixen hat die merkwürdige
 Vorstellung, als ob die staatliche Gesetzgebung einen Goldwert
 und sogar einen stabilen Goldwert schaffen könne, Er beachtet
nicht, daß der Staat nur die ganz untergeordnete Funktion ausüben
 kann, einer bestimmten Gewichtsmenge Metall einen bestimmten
Namen zu geben. Wieviel Wert aber hinter diesem Geldnamen sich
verbirgt, hängt vom Wert des Metalls ab. Der Staat kann also nur den
Preis, nicht aber den Wert des Geldes fixieren: daher ist es auch eine
Utopie, wenn Bendixen meint, der Staat müsse ein wirklich wertbeständiges
 Geld schaffen, und wenn er meint, in seinen durch Warenwechsel
 gedeckten Noten ein solches Geld geschaffen zu haben. Ein
wertbeständiges Geld ist begrifflich ein Widerspruch an sich. Falsch
ist es auch in dieser Hinsicht, einen Unterschied zwischen dem Geld
als nationalem und internationalem Zahlungsmittel zu machen. Bendixen
 will das Gold nur noch als Zahlungsmittel für gewisse internationale
 Zahlungsdienste betrachten ; für den inneren Zahlungsverkehr
genügten Zahlungsmittel ohne eigenen Wert. Prinzipiell ist hier gar
kein Unterschied vorhanden. Auch für den inneren Verkehr muß —
privatwirtschaftlichen Wirtschaftsverkehr vorausgesetzt — ein Metallgeld
 oder ein anderes Geld mit Stoffwert vorhanden sein, da sonst die
Preisfixierung und Preisvergleichung nicht möglich wäre,
So wenig wie das qualitative Geldproblem ist das quantitative
Geldproblem dürch die Bendixensche Theorie gelöst, Wie soll der
Staat die Menge des auszugebenden Papiergeldes so bestimmen, daß
einerseits Geldüberfluß mit der Wirkung der Geldverschlechterung
(Inflation) und andererseits Geldknappheit, d. h. ein Mangel an Umlaufsmitteln,
 vermieden werden? Bendixen meint zwar, der Fehler
der älteren Papierwährungen sei gewesen, daß aus Finanzgründen die
Notenpresse zu stark in Tätigkeit gesetzt worden wäre und dadurch
die bekannten Übelstände der Papiergeldwirtschaft verursacht seien,
Anders, wenn die Geldschöpfung nicht als Finanzmaßregel, sondern in
systematischer Weise als staatliche Verwaltungstätigkeit betrieben
würde. Hier könne die Menge des Geldes sehr wohl in vernünftigen
Grenzen gehalten werden. Gerade das wichtigste Geld, die durch
Warenwechsel gedeckten Noten, entspreche dem Erfordernis: neues
Geld nur, soweit neue Waren in Umlauf kommen. Ganz abgesehen
davon, daß dieses automatische Verhältnis zwischen Notenmenge und
Warenmenge, wie ich oben schon zeigte, gar nicht. besteht, ist nicht zu
vergessen, daß immer nur ein Teil des Warenumsatzes auf diesem kreditmäßigen
 Wege vor sich geht, der andere Teil auf dem Wege des Bar-
        <pb n="114" />
        Da

107

verkehrs, auf dessen Grundlage sich erst der kreditmäßige Verkehr
aufbaut. Soll dieser ganze Zahlungsverkehr, der Barverkehr und der
Kreditverkehr mit Papiergeld bewerkstelligt werden, so könnte der
Staat nur dann diese, Quantität richtig autoritativ fixieren, wenn er
auch die Menge der Warenproduktion und des Warenumsatzes autoritativ
 bestimmen könnte. Soll der Staat die Geldschöpfung quantitativ
fixieren, so müßte er auch die Warenschöpfung quantitativ fixieren.
Da aber in unserer individualistischen Wirtschaftsordnung die Warenproduktion
 und der Warenverkehr sowohl quantitativ wie qualitativ
völlig dem freien Ermessen der Produzenten und Konsumenten überlassen
 sind, muß auch ein Geld vorhanden sein, das sich quantitativ
Jiesem freien Verkehr und seinen wechselnden Bedürfnissen nach Umlaufsmitteln
 anpassen kann. Dies ist nur durchführbar bei grundsätzlich
Ireier Prägung des Währungsmetalls und bei einem auf dieser Währungsbasis
 aufgebauten möglichst elastischen System von Kreditmitteln
(Noten, Schecks usw.).
Kommen wir somit zu einer völligen Ablehnung der theoretischen
Anschauungen von Bendixen, so müssen wir ebenso seine währungspolitischen
 Vorschläge als absolut verfehlt bezeichnen. Das, was Bendixen
 erreichen will, ist durch seine Reform zu erreichen unmöglich.
Weder könnte der Staat auf diese Weise die Goldmenge „in Parallelismus
 mit der Warenmenge““ halten, noch könnte er „die Geldschöpfung
von den Zufälligkeiten der montanen Produktion befreien‘; wohl aber
würde, wenn nach Bendixens Vorschlag Deutschland die Goldwährung
 aufgeben sollte, das ganze deutsche Geld- und Kreditwesen
im höchsten Maße geschädigt und gefährdet. Ich bestreite auch durchaus,
 daß die „Erfahrungen des Krieges“ zu einer wissenschaftlichen
Vertiefung der Geldschöpfungsfrage geführt hätten, oder daß der Krieg
für die sogenannte staatliche Geldtheorie die empirische Bestätigung
gebracht und die Gleichberechtigung des papierenen und metallenen
Geldes gelehrt habe. Auch von anderen Autoren ist behauptet worden,
daß der Krieg die Richtigkeit der Knappschen Geldtheorie bewiesen
habe. Ich komme später noch darauf zurück, inwieweit es überhaupt
berechtigt ist, in diesen Fragen die Knappsche Theorie heranzuziehen,
Hier sei nur hervorgehoben, daß für die letzten grundlegenden Fragen
der Geldtheorie der Krieg gar keine neuen Gesichtspunkte ergeben hat,
soviel Interessantes und Lehrreiches im einzelnen die Geld- und Währungszustände
 der kriegführenden und neutralen Länder geboten haben.
Und ebenso hat der Krieg keine neuen Erscheinungen in der praktischen
Währungspolitik hervorgebracht. Alle in den Kriegszeiten getroffenen
Einrichtungen des Geld- und Finanzwesens einschließlich der Darlehns-
        <pb n="115" />
        1058

kassenscheine haben in früheren Kriegen bereits ihre Vorläufer gehabt.
In allen‘ Kriegen hat man in mehr oder minder großem Maße
papierene Zahlungsmittel zur Ergänzung oder zum Ersatz der metallenen
Zahlungsmittel in Anspruch genommen. Immer, wurde Kreditgeld in
mehr oder minder großem Umfange dem Bargeld hinzugefügt. Aber
eine Lehre hat auch dieser Krieg wieder gegeben, die aber nicht für
Bendixen, sondern gegen ihn spricht: daß nämlich auch in Kriegszeiten
 der Kredit und die Währung des betreffenden Landes um so
gesicherter und gefestigter waren, je mehr das Papier- und Kreditgeld
sich an die metallene Währungsbasis anlehnt, je mehr die ausgegebenen
Noten „metallisch‘‘ gedeckt sind. Bendixen hätte alle Ursache gehabt,
anzuerkennen, mit wie großem Erfolg die Politik der deutschen Reichsbank
 es verstanden hat, die deutsche Valuta relativ stark zu erhalten,
dadurch, daß sie die strengen Deckungsvorschriften aufrecht erhält,
und eigentliches, d. h. ungedecktes Papiergeld nur in ganz bescheidenem
Umfange zugelassen hat. Die Angriffe Bendixens gegen die gesetzlichen
 und Verwaltungsgrundsätze der Reichsbank sind völlig unberechtigt.
 Würde Deutschland nach dem Kriege die Einlösungspflicht
der Banknoten und die teilweise Golddeckung der Noten preisgeben,
so müßte dies zu einer dauernden Entwertung der deutschen Valuta
führen, — Soviel Tadel Bendixen der deutschen Reichsbank spendet,
soviel Lob erteilt er der österreichisch-ungarischen Bank- und Währungspolitik.
 Die österreichisch-ungarischen Währungsverhältnisse erscheinen
ihm schlechthin als ideal: „Unter allen Geldsystemen. das. fortgeschrittenste
 ist das Österreichische, Hier war die Not die Lehrmeisterin, Aus
schlechter Papierwirtschaft, die eine Folge zerrütteter Staatsfinanzen
war, ist ein gesundes Papiergeldsystem geworden, das im Lande alles
Vertrauen genießt. Einen Österreicher braucht man von der symbolischen
 Natur des Geldes nicht erst zu überzeugen‘ (Wesen des Geldes,
S. 42). Es sei ein Wahn, uneinlösliches Papiergeld für bedenklich zu
halten; um diesen Wahn zu zerstreuen, brauche man bloß einen Blick
auf die Geld- und Verkehrsverhältnisse im österreichischen Nachbarstaat
 zu werfen (Währungspolitik, S. 28): „Daß die Devisenpolitik,
wie sie zuerst die Österreichisch-ungarische Bank und nach ihr die
Reichsbank entwickelt hat, die ideale Lösung der intervalutarischen
Kursregulierung darstellt, neben welcher die Goldversendung fast
primitiv anmutet, das ist für Friedenszeiten wohl von keiner Seite mehr
bestritten‘ (Währungspolitik, S. 38). — Ich kann, wie ich bereits oben
sagte, die Österreichisch-ungarischen Währungszustände keineswegs als
„ideale“ Lösung der Währungsfrage betrachten. Daß die Devisenpolitik
der Österreichisch-ungarischen Bank ein vorzügliches Mittel war, um
        <pb n="116" />
        m 100

das Manko der österreichisch-ungarischen Goldwährung, das in der
mangelnden Einlösungspflicht ihrer Noten besteht, auszugleichen, ist
zuzugeben ; sie ist und bleibt aber ein Notbehelf für die Länder, welche
die Einlösungspflicht ihrer Noten nicht durchgeführt haben. Bendixen
 verweist auf die Periode von 1878 bis 1892, also auf die Zeit vor
Einführung der Goldwährung und bemerkt: „Das Geld hat sich vom
wertvollen Tauschgut zur abstrakten Werteinheit entwickelt, wobei den
konkreten Wertzeichen die Qualität als wertvolles Tauschgut teilweise
belassen worden ist. Die historische Kenntnis dieser Tatsache und der
Anblick goldener Münzen macht es dem naiven Denkvermögen schwer,
die Werteinheit als etwas Abstraktes zu begreifen. Immerhin sollte
dies dem Österreicher leichter fallen, als dem Reichsdeutschen, namentlich
 wenn er als denkendes Wesen die Jahre der freien Valuta von 1878
bis 1892 in Österreich durchlebt und dadurch erfahren hat, daß ein
wohlgeordnetes Geldwesen auch ohne metallische Basis bestehen kann.
Das österreichische Geld von 1878 bis 1802 war Geld in reinster Gestalt“
(Währungspolitik, S. 97).
Ich will ganz abgesehen davon, daß zweifellos die Valuta sich besser
aufrecht erhalten konnte im Hinblick auf die schon geplante und als
sicher angenommene Einführung der Goldwährung: ist aber Bendixen
nicht bekannt, daß selbst in dieser Zeit noch die österreichische Valuta
zeitweise sehr schlecht war? So betrug der Preis für 100 Gulden Gold
(250 Fr.) im Durchschnitt des Jahres 1872 110,37 Gulden 6. W.-Noten
und stieg von diesem Jahr an mit kürzeren Unterbrechungen bis auf
125,23 Gulden ö. W.-Noten im Durchschnitt des Jahres 1887. — Wenn
auch die Schwierigkeit der österreichischen Valutaverhältnisse durch
Einführung der Goldwährung 1892 im wesentlichen behoben wurde,
so bewirkte doch die mangelnde Einlösungspflicht der Banknoten, daß
auch in dieser Zeit die österreichischen Wechselkurse, verglichen mit
denen der Goldwährungsländer trotz der energischen Devisenpolitik
der Österreichisch-ungarischen Bank häufig sehr ungünstig waren.
Ebenso werden von Bendixen die neuerlichen Maßnahmen der
schwedischen Reichsbank ganz unrichtigerweise zugunsten seiner antimetallistischen
 Theorie herangeZogen. Bendixen sagt darüber: „Gerade
in den Tagen, wo ich dieses niederschreibe, geht die Nachricht ein, daß
Schweden sich der Goldeinfuhr verschließe und die anderen skandinavischen
 Staaten ihm voraussichtlich : folgen würden. Ist das ein
Einzelfall oder der Beginn einer Entwicklung? Wenn andere neutrale
Staaten ein gleiches beschließen, welchen Wert als Zahlungsmittel für
das Ausland hat dann noch unser stolzer Goldschatz von 2% Milliarden
Mark? Wäre es da nicht doch angebracht, einen Teil dieses Goldes
        <pb n="117" />
        IIO

rechtzeitig in Auslandsguthaben zu verwandeln ?“ (Währungspolitik,
5. 53). — Mit dieser schwedischen Goldpolitik hat es tatsächlich folgende
Bewandtnis. Wenn die schwedische Reichsbank von der Pflicht entbunden
 wurde, ein Kilogramm Gold zu 2480 Kronen einzulösen, so
geschah dies, weil es vorteilhafter für Schweden ist, unter den gegenwärtigen
 Valutaverhältnissen statt Gold Waren in das Land zu bringen.
Schweden will von der entwerteten Valuta der kriegführenden Länder
profitieren, wie es ein guter Sachkenner dieser Verhältnisse, Sven
Helander, beschreibt: „Würde das Gold frei in Schweden einwandern
können, müßten wir es nach der alten Parität bezahlen, wenn die Reichsbank
 das Geld zum festen Kurs einkaufen müßte. Aber wir können
es mit den jetzigen Wechselkursen viel billiger bekommen, wenn wir
in entwerteter ausländischer Valuta Gold kaufen, im betreffenden Lande
Ausfuhrlizenz erhalten (was im Lizenzfeilschen immer möglich ist) und
es selbst nach Schweden kommen lassen. Wenn wir überhaupt Gold
haben wollen, würden wir es viel zu teuer bezahlen, wenn die erwähnten
Maßnahmen nicht ergriffen worden wären“ 1),
Schweden war während des Krieges mit Gold gesättigt; infolge
seiner großen Ausfuhr stiegen die Wechselkurse, was eine immer größere
Goldeinfuhr bewirkte; ein weiterer Zustrom hätte unter Umständen
Inflation bewirken können, die, wie ich oben zeigte, auch durch ein
Übermaß von Gold hervorgerufen werden kann. So brauchte Schweden
vor allem Waren, aber keinen neuen Goldzufluß. Der Bankdirektor
Kaemmerer (Hamburg) hatte während des Krieges eine Unterhaltung
mit dem Leiter der schwedischen Reichsbank in Stockholm, welcher
belustigt lächelte über die Version, daß Schweden gewissermaßen eine
Abwendung vom Gold inauguriere. Der beste Kommentar hierzu war
das lebhafte Interesse, das dieser Herr für den Zeitpunkt an den Tag
legte, zu dem man voraussichtlich für eine „Reichsmarkforderung“
wieder Gold haben könne?),
Man sollte es also unterlassen, die vorübergehende Maßnahme, die
ein einzelnes Land während des Krieges unter ganz anormalen Handelsund
 Verkehrsverhältnissen zu ergreifen genötigt war, als Beweis für
die Notwendigkeit so folgenschwerer Reformen im Frieden, wie es die
Abschaffung der Goldwährung wäre, anzuführen.
Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen; es ist
aber grundsätzlich verkehrt, wirtschaftliche Maßnahmen. die in solchen

1) „Die Goldpolitik Schwedens‘. Europäische Staats- u. Wirtschaftszeitung
Nr. ıxı vom 27. Mai 1916, S. 590ff.
2) „Zur deutschen Valuta‘“ von G. H. Kaemmerer, Hamburg in der Frankfurter
 Zeitung vom 24. 12. 1016.
        <pb n="118" />
        III

Zeiten getroffen werden, auch für Friedenszeiten fordern zu wollen.
Dies geschieht aber — und in dieser Hinsicht ist Bendixens Schrift
typisch für viele kriegswirtschaftliche Schriften — mit Vorliebe dann,
wenn die kriegswirtschaftliche Organisation irgendwie.dem Ideal entspricht,
 welches der betreffende Verfasser von der Wirtschaftsorganisation
 auch für Friedenszeiten hat. Ebenso wie viele staatssozialistisch
gesinnte Nationalökonomen die verschiedenen gemeinwirtschaftlichen
Maßregeln der Kriegszeit zum Anlaß nehmen, solche Organisation auch
als vorbildlich für Friedenszeiten zu preisen, so weisen auch die Gegner
der Goldwährung auf den papierenen Zahlungsverkehr der Kriegswirtschaft
 hin als auf die auch für Friedenszeiten ideale Lösung der
Währungsfrage,
Zum Schluß möchte ich noch darauf hinweisen, daß es durchaus
falsch wäre, die Knappsche Geldtheorie mit den Bendixenschen
Anschauungen über Geldwesen zu identifizieren. Knapp ist Geldtheoretiker
 und keineswegs Währungspolitiker. Wehn also die Knappsche
 Theorie auf Bendixen einen großen Einfluß gehabt hat, so ist
;je doch inhaltlich von der Bendixenschen Lehre durchaus zu trennen.
Knapp hatte das Papiergeld logisch-theoretisch dem Metallgeld als
gleichwertig bezeichnet, Bendixen wollte das Papiergeld auch praktischwährungspolitisch
 dem Metallgeld gleichsetzen. Trotz seiner platonischen
 Liebe für stoffwertloses Geld hat Knapp wiederholt in seinem
Werke die Beibehaltung der Goldwährung empfohlen und nur als eine
ganz entfernte theoretische Zukunftsmöglichkeit eine Geldverfassung
ahne Bargeldumlauf angesehen?). Knapp behauptete als Geldtheoretiker,
 daß die Definition des Geldes soweit gefaßt werden müßte, daß
3je nicht nur das Metallgeld, sondern auch das Papiergeld umfasse.
Er ging von der Zahlungsmittelfunktion des Geldes aus und kam so
zu der Definition, daß das Geld chartales Zahlungsmittelsei,.d, h. unabhängig
 von_dem. Stoff, aus dem das Geld hergestellt würde. Un-„cifelIhaft
 hat Knapp durch seine Theorie manche Einseitigkeiten der
älteren metallistischen Geldlehre berichtigt; sobald aber das Geld
währungspolitisch betrachtet wird, darf man sich nicht auf eine be-‚stimmte
 Funktion des Geldes beschränken, sondern muß alle Funktionen
des Geldes in Betracht ziehen, die für die Rolle wichtig sind, die das.
Geld innerhalb einer bestimmten Wirtschaftsordnung leisten muß. Für
eine individualistische Wirtschaftsordnung halte ich aber ein Geld mit
Stoffwert für unbedingt notwendig, weil sonst die Funktion des Geldes
ale Preisfixierungs- und Wertvergleichungsmittel nicht erfüllt werden

1y Vgl. meine Kritik des Knapp schen Werkes, Bankarchiv, Jahrgang 1905/06.
        <pb n="119" />
        .„ 112

kann. Bendixen sagt einmal (Währungspolitik, S. 24): „Ich verspreche
mir von einer Neuordnung des Reichsbankgebietes unter der gegenwärtigen
 Leitung nicht viel Gutes. Ich frage mich ängstlich, ob der
Chirurg, der die Operation machen soll, auch genug Anatomie versteht.‘
Um bei diesem Vergleich zu bleiben, möchte ich meinerseits die Knappsche
 Geldtheorie mit einem ärztlichen Instrumente vergleichen, das
nur in der Hand eines geübten Chirurgen angewandt. werden sollte,
weil es sonst Unheil stiften kann. Mir scheint Bendixen nicht der
Chirurg zu sein, dem man eine Operation am deutschen Geldwesen
anvertrauen darf,
Bendixen hat in seinen Erwiderungen!) gegen meine Kritik,
die ich zuerst im Bank-Archiv 1916 veröffentlicht hatte, keine
neuen Gesichtspunkte hervorgebracht. Der Hamburger Bankdirektor
 Max Schinckel hat sich meinen Ausführungen gegen
Bendixen angeschlossen und speziell meine Zweifel an der Zweckmäßigkeit
 der „klassischen“ Geldschöpfung Bendixens, nämlich der
Schaffung von Geld auf Grund von Warenwechseln mit einigen aus
der Praxis geschöpften Beispielen bestätigt, So sagt er z. B.?): „Wie
aber, wenn bei Fälligkeit der Wechselschuld die Ware noch nicht verkauft
 werden konnte? Hier würde Bendixen sich wahrscheinlich
mit einer Prolongation des Wechsels helfen, Noch viel näher der Praxis
kommt die weitere Frage: „Wie aber, wenn die fast gleichzeitig mit
dem 90 Tage nach Sicht gezogenen Wechsel von Amerika eingetroffene
Ware bereits 14 Tage nach Akzept und Diskontierung des Wechsels
zu Gelde gemacht und ins Inland weiterverkauft, der Akzeptant jedoch
abermals einen dreimonatlichen „‚Warenwechsel‘“ gegen dieselbe Ware
gezogen und bei der Reichsbank diskontiert hat, und die Ware bis
zum Verfall des ersten gegen sie gezogenen Wechsels noch mehrmals
die Hände gewechselt und jedesmal einen neuen ‚„Warenwechsel‘“ geschaffen
 hat?‘ Sollten solche „Warenwechsel‘“ wirklich mehr Notendeckungswert
 für die Reichsbank haben, wie die „Bankwechsel‘, die
der Exporteur als Rimesse von einem überseeischen Kunden erhält,
der sichergehen will und daher drüben lieber einen „Bankwechsel“ als
einen „Warenwechsel‘ kauft. Daß die Reichsbank aus Gründen ihrer
Diskontpolitik den aus irgendeinem Warenumsatz hervorgegangenen
Wechsel als dem gewissermaßen legitimeren, den Vorzug vor einem
reinen Finanzwechsel gibt, darf nicht zu der Annahme verleiten, daß

1) Im Bankarchiv Nr. 2 vom 17. Oktober 1916, S. 28/29 und ferner in seiner
Schrift „Das Inflationsproblem‘, S. 2ıff.
2) Vgl. seine Abhandlung: „Diehl contra Bendixen‘‘ in Nr, z des Bankarchiv
 vom ı7. Oktober 1016, S. 29/20.
        <pb n="120" />
        73

auf die Einlösung des sogenannten Warenwechsels immer mit größerer
oder gar mit so absoluter Sicherheit zu rechnen ist, daß man ihn getrost
an Stelle des Goldes als vollwertige Notendeckung verwenden könnte.“

B. Liefmann.
Liefmanns Geldtheorie ist wie seine ganze „Wirtschaftstheorie
psychisch Jundamentiert. Wirtschaften ist für ihn nicht gleichbedeutend
mit produzieren, mit Sachgüterbeschaffung, sondern. ‚es .ist. etwas
Psychisches, eine. Art. von. Erwägungen, nämlich ein. Vergleichen. von
Lust- und Unlustgefühlen. Diese Art von Erwägungen, die das zweckmäßigste
 Disponieren über die aufzuwendenden Opfer zur. Erlangung
eines Maximums von Genuß zum Inhalt haben, nennt er „Wirtschaften“.
Der Mensch werde dann wirtschaftlich handeln, wenn er seine Kosten
so verteile, daß der Überschuß von Nutzen über die Kosten, den er mit
der letzten auf jede Bedürfnisart noch zu verwendenden Kosteneinheit
erziele, bei allen Bedürfnisarten gleich groß sei. Diesen Überschuß von
Nutzen über die Kosten nennt Liefmann Ertrag. Dieses wirtschaft -
liche Prinzip sei auch zugleich Organisationsprinzip des ganzen Tauschverkehrs
 der Volkswirtschaft. Hier zerfalle die wirtschaftliche Tätigkeit
in zwei Teile: die Erwerbswirtschaft und die Konsumwirtschaft. In
seiner Erwerbswirtschaft erstrebe der Wirtschafter einen möglichst
hohen Geldertrag und verwende ihn dann in seiner Konsumwirtschaft
nach dem Gesetze des Ausgleichs der Grenzerträge. Welches soll nun
die tauschwirtschaftliche Funktion des Geldes sein? Das Geld habe
die Funktion, einen regelmäßigen Tauschverkehr zu ermöglichen. Die
wesentliche. Funktion des Geldes sei die, des, allgemeinen Tauschmittels.
 Das Wesen des Geldes besteht darin, sagt Liefmann: „daß
jeder.es.nimmt“; Jeder suche es zu erwerben. weil mit seinem Besitz
Aie Befriedigung.aller Bedürfnisse sichergestellt sel. Ursprünglich habe
Mur ein wertgeschätztes Sachgut die Rolle des allgemeinen Tausch- und
Zahlungsmittels spielen können, aber sobald dieses allgemeine Kostenund
 Rechnungseinheit werde, in der alle Erträge der Einzelwirtschaft,
dann Einkommen genannt, veranschlagt würden, sei deren Verkörperung
in einem wertgeschätzten Sachgut nicht mehr erforderlich, dann erst
beginne die eigentliche Epoche der Geldwirtschaft. Je mehr aber die
Geldrechnung vorschreite,um-So mehr-träten-dievem- Staat geschaffenen
realen. Zahlungsmittel an. Bedeutung ‚zurück hinter der-rein abstrakten
Rechnungseinheit, die von den einzelnen als Grundlage ihres Einkommens
 geschätzt werde und alle Umsätze vermittle. Das Geld sei
die abstrakte Rechnungseinheit, auf die die Einkommen lauten. Nie
werde der „Wert‘“‘, die Kaufkraft des Geldes, durch den Wert des: Geld-Y
 Diehl. Geldwesen und Valuta,. )
        <pb n="121" />
        — II4 —

stoffes bestimmt, sondern Kaufkraft sei immer das, was man damit
kaufen könne, aber diese Kaufkraft bleibe immer individuell und subjektiv,
 Es gäbe keine allgemeine Kaufkraft des Geldes, sondern nur
eine subjektive der Einkommen: „Wie bei anderen Kostengütern ist:
die stoffliche Eigenschaft ganz unwesentlich, sofern man sich nur Genußgüter
 mit ihnen beschaffen, Bedürfnisse befriedigen kann. Scheidemünzen
 und Papiergeld zirkulieren nicht als Verkörperung eines geschätzten
 Stoffes — niemand, der Goldmünzen empfängt und ausgibt,
hat von ihrem Stoffwert eine Vorstellung —, sondern als Verkörperung:
der abstrakten Rechnungseinheit, mit der in der Form des Einkommens:
alle Nutzen und Kosten kalkuliert werden‘ 2).
Schließlich werde der größte Teil der Umsätze überhaupt nicht:
mehr mitZahlungsmitteln ausgeführt, sondern, was innerhalb der Einzelwirtschaften
 mit dem Einkommen schon lange der Fall gewesen Sei,
alle Kosten im Tauschverkehr und bei den Erwerbswirtschaften auch
der Nutzen würden in der abstrakten Rechnungseinheit nur „verrechnet‘“‘..
Die Erfahrung habe bewiesen, daß ein „Geld“ ohne jede metallische
Deckung bestehen und die Umsätze vermitteln könne. Nötig sei auch
nicht, daß das Papiergeld durch Edelmetall gedeckt werde, wenn der-Staat
 nur eine beliebige Vermehrung des Papiergeldes unterlasse : „Denn
das Papiergeld empfängt seinen „Wert‘“ doch nicht von dem Edelmetall,
 sondern von der abstrakten Rechnungseinheit aller Umsätze,
auf die auch das Geld nur lautet. Die Schätzung dieser Rechnungseinheit,
 genauer die Bedeutung, welche sie als Kosten in den wirtschaftlichen
 Erwägungen der Einzelwirtschaften hat, kanm verändert
werden nur durch Veränderungen in den Einkommen. Denn die
Einkommen und nicht die Geldmengen sind es, die die Güter
kaufen‘“?), Deshalb_sei_ eine. Metalldeckung...papierener -Zahlungsmittel,
 wenn, nur ihre Vermehrung dem Eingriff des Staates ebenso
entzogen. sei, wie. dem Privater, ‚überflüssig.

Die Kritik der Liefmannschen Geldtheorie würde ein Eingehen.
auf seine methodische Grundauffassung und die Grundlagen seiner
psychischen Wirtschaftstheorie erfordern.
Hier sei auf diese Grundlagen nur insoweit eingegangen, als zur-Kritik
 seiner speziell gegen die Goldwährung gerichteten Ausführungen.
notwendig ist. Einige Punkte habe ich oben schon berührt, als ich seine-})

 Geld u. Gold S. 192.
8) a. a. O. S. 192.
        <pb n="122" />
        118

Stellungnahme zur Frage über den Zusammenhang der Inflation und
der Valuta behandelte, Hier sei nochmals mein grundsätzlicher Standpunkt
 hervorgehoben, der dem Liefmanns direkt entgegengesetzt ist,
daß ich nämlich nicht das „Wirtschaften“ als etwas „Psychisches‘“
ansehe und daß ich es nicht für richtig halten kann, die ganze Wirt-;chaftstheorie
 auf solchen psychischen Erwägungen aufzubawen, daß
vielmehr das sogenannte „Wirtschaften“ nur Sinn und Bedeutung
erhält unter Zugrundelegung einer bestimmten Wirtschaftsorganisation,
die wiederum bestimmte rechtliche Normen erfordert. Es gibt also
keine allgemeine Wirtschaftstheorie, sondern nur Wirtschaftserscheiaungen
 bestimmter historisch-rechtlicher Wirtschaftsepochen.
Der individualwirtschaftliche Ausgangspunkt, von dem L. bei
seinen Wirtschaftstheorien ausgeht, muß zu falschen Schlußfolgerungen
führen. Es ist nicht richtig, daß das „Ertragsstreben““ der Einzelnen
den ganzen tauschwirtschaftlichen Organismus in Gang setzt und in
Bewegung hält!), und daß dies auch für die Erscheinung des Geldes
zuträfe und daß aus der richtigen Auffassung der Funktion des
Geldes in der Einzelwirtschaft die Geldlehre hervorgehen müsse ?).
Gerade das „Ertragsstreben‘“ der Einzelnen kann doch erst verstanden
werden, wenn wir es im Rahmen der staatlichen Ordnung betrachten,
welche dieses Ertragsstreben zuläßt und ihm auch seine Grenzen setzt.
Ebenso ist auch nur dann das Geld zu verstehen, wenn wir die rechtlichen
 Grundlagen des Geldwesens und die staatlichen Normen betrachten,
 auf denen es beruht. Darum kann ich auch die Liefmannsche
Definition des Geldes nicht akzeptieren, wonach Geld ein allgemeines
Tauschmittel zum Zweck der vergrößerten Bedarfsbefriedigung sel.
Mit der Kennzeichnung des Geldes als allgemeines Tauschmittel ist
jedenfalls seine wichtigste Funktion in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
 nicht erfaßt. Tauschmittel gab es auch schon in der Naturaltauschwirtschaft,
 Das der Geldwirtschaft Eigentümliche ist gerade,
1aß nicht „getauscht‘““ wird, sondern daß Geldzahlungen geleistet
werden. Sie setzen ein irgendwie rechtlich geregeltes Geldwesen voraus,
Zwei andere Funktionen sind dann entscheidend für das Wesen des
Geldes, nämlich die des gesetzlichen Zahlungsmittels und des Mittels
der Preisfestsetzung. Auch scheint €s mir nicht richtig, daß das Geld
sich „allmählich entwickelt“ habe, sondern das Geld ist ein Stück der
Rechtsordnung, das auf dem bewußten Willen der Gemeinschaft beruht.
Zuerst gewohnheitsrechtlich, dann durch spezielle Gesetzgebung mußte

') Vgl. „Geld und Gold‘ S. 34-1)
 Ebenda.
        <pb n="123" />
        116 —

ein Gut bestimmt werden, welches in einer bestimmten Zahlungsgemeinschaft
 den Rang des unbedingt gültigen Zahlungsmittels erhielt.
Ob dieses Geld einen Stoffwert haben muß oder nicht, entscheidet sich
wiederum nach der Form der wirtschaftlichen Rechtsordnung. Eine
Wirtschaftsordnung, die auf dem Privateigentum und der freien Konkurrenz
 basiert, muß ein Geld haben, welches selbst Stoffwert hät, weil
es sonst keine geregelte Preisbildung geben kann. Die Preise können
sich dann nicht durch „Schätzungen‘“ der Einzelnen allein bilden, sie
erfordern auch ein staatlich fixiertes Vergleichsgut, das bei allen Warenumsätzen
 zugrunde gelegt werden muß, Wenn die Produzenten nach
freiem Belieben Waren auf den Markt bringen und die Konsumenten
auf dem Markt nach freiem Belieben Waren kaufen, muß ein Preisgut
vorhanden sein, welches gegenüber allen übrigen Waren als Vergleichsware
 fungiert. Diese Vergleichsware kann nicht ein wertloses Stück
Papier sein, denn dann entfiele die Möglichkeit, am Werte dieses
Gutes, also des Geldes, den Wert der übrigen Güter zu messen. Natürlich
ist hierbei das Geld nicht als unveränderlicher Wertmaßstabangenommen,
denn es unterliegt selbst Wertschwankungen, aber es ist das vergleichsweise
 im Werte stabilste Gut, in welchem die Preise der anderen Güter
festgesetzt werden. Also gerade wenn eine freiheitliche Wirtschaftsordnung
 besteht, muß das Geldwesen der Freiheit und Willkür entzogen
 und unter strenge staatliche Normen gestellt werden, weil sonst
keine geregelte Marktpreisbildung möglich wäre. Dagegen bei gebundener
Wirtschaftsform, etwa in einem sozialistischen Staatswesen, in dem
jedem sein Arbeitspensum und sein Güterquantum zugewiesen wird,
wo also der freie Tauschverkehr fehlt, kann das Geld stoffwertlos sein,
braucht es nur eine Anweisung auf ein bestimmtes Quantum der staatlichen
 Gütervorräte zu sein. Das Geld soll nach Liefmann nur subjektiven
 Wert haben, da es seinen Wert nur von den Genußgütern
ableite, zu deren Beschaffung es diene, und da die Geldmengen, über
die der Einzelne verfüge, verschieden seien und jeder die Güter, die
er dafür kaufen könne, verschieden schätze. Gewiß hat das Geld auch
„subjektiven“ Wert. Es wird verschieden subjektiv bewertet nach
der Vermögenslage der einzelnen und insofern ist das Einkommen
auch ein Bestimmungsgrund des Geldwertes. Aber viel wichtiger
als "diese subjektiven Bestimmungsgründe des Geldwertes sind die
objektiven Bestimmungsgründe, die durch den inneren Wert und die
Qualität des Geldes bestimmt werden. Auch bei der Goldwährung
können solche „objektiven‘“ Wertänderungen durch Vermehrung des
Goldvorrates eintreten, und es ist mir unerfindlich, wie Liefmann
behaupten kann. daß die Schwankungen der Goldzufuhr keinerlei
        <pb n="124" />
        117

Wirkung auf die Preise ausüben könnten!). Daß z. B. die australischen
ınd kalifornischen Goldfunde auf die Preise von Einfluß waren, sollte
Joch wohl nicht bestritten werden!
Was die praktischen Vorschläge Liefmanns anlangt, so weisen
sie große Ähnlichkeit mit denen von Bendixen auf, die ich oben beteits
kritisiert habe. Auch Liefmann gegenüber muß betont werden, daß
er die Papierwährung empfiehlt, ohne die so wichtige Frage beantwortet
zu haben, wie der Staat diese Papiergeldausgabe bewerkstelligen soll
unter Vermeidung der Gefahr einer Entwertung des Geldes. Gerade
Liefmann, der immer wieder betont, daß Inflation nur durch übermäßige
 Ausgabe von Papiergeld von seiten des Staates eintreten könne,
hätte diese staatlichen Kautelen auch genau angeben müssen. Mit
solchen allgemeinen Äußerungen, wie Z. B., daß „wenn erst die
richtige Einsicht in das Wesen und die Funktion des Geldes in den
maßgebenden Kreisen verbreitet wäre, so sei es auch nicht schwierig,
Gesetze zu machen, welche einem Mißbrauch der Notenpresse durch
den Staat viel schärfere Schranken setzten als die Goldwährung“‘?),
der der Bemerkung „man dürfe soviel Vertrauen zu einem geordneten
Staatswesen haben, daß es das Papiergeld nicht uferlos vermehre“3),
ist dieses schwierige Problem nicht erledigt.
Positiv sagt Liefmann darüber folgendes! „Für die Vermehrung
des Papiergeldes muß strenge Anpassung an die Erträge festgesetzt
zein, es kann auch Deckung durch gute Warenwechsel, evtl. auch durch
wichtige Rohstoffe vorgeschrieben werden“ 4). Die einzige Stelle in
seinen Schriften, wo er sich über diese Frage etwas genauer äußert, ist
auf S. 181 seines Buches „Geld und Gold“, wo er sagt: „Aber man muß
arkennen, daß die verschiedenen Arten, in denen eine Papiergeldvermehrung
 möglich ist, sehr verschieden wirken, und zwar kann man
sagen, sind ihre Wirkungen um so weniger gefährlich, je mehr die Geldvermehrung
 an den Tauschverkehr anknüpft, im Anschluß an ihn erfolgt
 und durch ihn begründet ist. Man kann auch sagen, eine Geldvermehrung
 ist um so weniger gefährlich, X. je mehr sie nur dazu dient,
wirklich im Tauschverkehr entstandene Erträge zu realisieren, 2. je
mehr dafür gesorgt ist, daß die Geldvermehrung nur eine vorübergehende
 ist, sich zeitweilig erhöhten Umsätzen anpaßt und dann unter
Umständen von selbst sich zurückschraubt.“ Demnach würde‘ e1ne
Vermehrung der Staatsnoten und der Banknoten zu unterscheiden sein.

I) „Geld und Gold‘ S. 194
?) Geldvermehrung S. 187.
» Ebenda S. 188.
N Ebenda S. 188.
        <pb n="125" />
        — 118

Bei den Staatsnoten soll eine gesetzliche Maximalerenze festgesetzt
werden; die Vermehrung müßte also eine gesetzliche Sanktion erhalten,
 Nun meint Liefmann, „die gesetzgebenden Körperschaften
würden bei besserer Einsicht in das Geldwesen nicht so leicht geneigt
sein, Erhöhungen der Papiergeldausgabe zu bewilligen, wie das noch
im Weltkriege in manchen Ländern der Fall war‘“1), und die Gesetzgebung
 könne unbedingt Kautelen dagegen schaffen, daß das Papiergeld
 nicht uferlos vermehrt werde. Aber gerade in Zeiten der Hochkonjunktur
 und der Krisen wird das Verlangen nach Vermehrung des
Staatspapiergeldes besonders groß sein, und es dürfte den gesetzgebenden
 Körperschaften schwer fallen, dem Verlangen zu widerstehen,
auf kostenlosem Wege durch Schaffung neuen Geldes Erweiterung des
Kredits zu gewähren. Hier ist die Goldwährung, wobei zur Schaffung
neuen Geldes Ankauf von Gold notwendig ist, ein viel besseres Mittel
zur Verhütung der Inflation.
Was die Banknoten anlangt, die nur durch Warenwechsel gedeckt
sein sollen, könnte gerade in kritischen Zeiten eine nur auf dem
Wege des Kredits und ohne Golddeckung erfolgende Vermehrung der
Banknoten ebenfalls die Gefahr der Entwertung des Geldes mit sich
bringen. — Ganz bedenklich erscheint mir der Vorschlag Liefmanns,
das Papiergeld durch Vorräte an gewissen Rohstoffen zn decken 2).
Er meint, als solche Deckungsmittel könnten Waren genommen
werden, die auch für die Zwecke der staatlichen Vorratswirtschaft
 in Betracht kommen: Getreide, Kupfer, Baumwolle, Wolle,
Nickel, Platin usw.®. Hier würden zwei ganz verschiedene Zwecke
miteinander verknüpft, denn es ist der Zweck der Vorratswirtschaft,
daß solche wichtigen Waren wie die genannten unbedingt zur Sofortigen
 Verwendung bereit liegen. Sollen sie aber gleichzeitig
 zur Papiergelddeckung dienen, so würde dann im Moment, wo
sie ihrem eigentlichen Zwecke gemäß zur Vorratswirtschaft herangezogen
 werden, wieder das Geld ungedeckt sein. Ferner ist zu beachten,
daß alle diese Waren außerordentlich im Preise schwanken, so daß
das Papiergeld auf einen ganz schwankenden Wert basiert wäre 1). Was

*) Geldvermehrung S. 188.
’) Ebenda S, 184.
) „Geld und Gold“ S, 225.
*) Selbst Autoren, die Liefmanns theoretischer Anschauung nahestehen,
weisen auf das Bedenkliche der Warendeckung hin, z. B. Neurath (in seiner
jüngst erschienenen Schrift ‚„„Großvorratswirtschaft und Notenbankpolitik‘‘,
Wien-Berlin 1918): ‚,... Dabei darf man freilich nicht aus dem Auge verlieren,
daß Waren als bloße Saldoreserve nicht unbedenklich sind, wenn nicht durch
umfassendere Abmachungen der Absatz, insbesondere auf dem internationalen
        <pb n="126" />
        — 119 -—

den weiteren Vorschlag Liefmanns anlangt, für die Auslandszahlungen
Devisen und internationale Effekten bereit zu halten, so sollte man doch
gerade nach den Erfahrungen des Weltkrieges mit solchen Plänen sehr
vorsichtig sein; und wenn Liefmann meint, man solle nur Devisen
solcher Länder nehmen, „mit denen man nicht leicht in Krieg kommen
kann‘, so dürfte die Entscheidung dieser Frage sehr schwierig sein.
Ganz verfehlt scheint‘ mir die Idee, die Abschaffung der Goldwährung
 quasi als eine Strafe oder einen Racheakt gegenüber England
aufzufassen... Liefmann meint, der Rückgang der Goldproduktion
werde dann für England die gerechte Strafe dafür sein, daß es seines
Goldes wegen seinerzeit den Raubzug gegen die Burenstaaten unternommen
 habel).
So sollen also nationalpolitische Tendenzen für die künftige Wahl
unseres Währungssystems entscheidend sein! Glaubt man im Ernste
hiermit England zu schrecken oder zu schädigen? Mir scheint, gerade
‚das Gegenteil würde eintreten. Da die anglo-amerikanische Welt aller
Voraussicht nach bei der Goldwährung bleiben wird, würde sich Eng-Jand
 nur freuen, wenn Deutschland zur Papierwährung überginge und
damit sein internationaler Kredit an Ansehen verlöre. Es ist doch eine
Illusion, anzunehmen, daß der Bund kleiner Staaten, die sich nach
Liefmanns Idee von der Goldwährung Joslösen sollen und deren
Devisen als Deckungsmittel für den deutschen Auslandsverkehr dienen
sollen ?), große Erfolge auf währungspolitischem Gebiet erreichen könnte,
Der mitteleuropäische Papierwährungsbund würde dem anglo-amerikanischen
 Goldwährungssystem gegenüber zweifellos den kürzeren ziehen,
Es ist bemerkenswert, daß Autoren, die den geldtheoretischen
Anschauungen Liefmanns sehr nahe stehen, seine praktischen
Vorschläge ablehnen, so zZ. B. Federn, der hierzu bemerkt®): „In
der praktischen Forderung nach vollständiger Loslösung des Geldes
vom Gold, nach Verkauf des Goldschatzes, den Liefmann für Deutschland
 verlangt, stimmen wir mit ihm nicht überein. Theoretisch kann
ein vom Gold losgelöstes Geldwesen zweifellos vollkommen gut stehen.
Praktisch hat gerade die internationale Bindung an das Gold gewisse
Vorteile. deretwegen wir es für unwahrscheinlich halten, daß die großen

Markt, gesichert ist. Denn die Eigenschaft des Goldes, jederzeit absetzbare Ware
zu sein, kann nicht ohne weiteres ersetzt werden, wenn nicht über die früher
üblichen Handelsbeziehungen hinaus Kompmpensationsverträge eine größere Rolle
spielen‘ (S. 14).
‘ Vgl. „Geldvermehrung““ S. 193.
3 Ebenda S. 196.
\ Krieg und Geldlehre. Im österreichischen Volkswirt Nr. 36 vom 9. 6. 1917:
        <pb n="127" />
        »- 120 —

Handelsstaaten die Loslösung in absehbarer Zeit vollziehen werden.
Wir werden also auch Gelegenheit haben, diese Frage eingehend zın
erörtern.“
Das_eben erwähnte. nationalpolitische--Thema. in. der ‚Währungsfrage
 wird auch, von .anderen. Autoren angeschlagen, so besonders von:
Schmid t-Essen, dessen Schrift den bezeichnenden Titel führt: „Nationale
 Währungspolitik. Los von England!“1). Er verlangt die Ab--schaffung
 der Goldwährung vom „nationalen Standpunkt aus“ und:
sagt darüber: „Die falsche Lehre von der Identität von Geld und Gold
mit all ihren Konsequenzen plapperten wir in Wissenschaft und Publizistik
 den Engländern nach. So ging das nationale Prinzip für uns.
verloren ; es wurde von dem internationalen Goldbegriff übertrumpft,
aber nur scheinbar, da diese „internationale“ Auffassung sich, wie wir
gesehen haben, deckt mit der national-englischen Betrachtungsweise,.
Wir vertraten also und vertreten in weitesten Kreisen noch heute das.
englische Währungsideal, dessen nationale Bedingtheit nicht erkannt:
und das für ein Menschheitsideal gehalten wird. Was nun der Deutsche-Friedrich
 List für die Handelspolitik ist, das bedeutet der Deutsche:
Georg Friedrich Knapp für die Währungspolitik. Er setzt der englischen
 Lehre von der Internationalität der idealen Währungsverfassung:
die deutsche Lehre von dem staatlichen Charakter des Geldwesens.
und der Relativität des Währungsideals gegenüber. So hat die deutsche:
Theorie uns und den übrigen Staaten die Waffen zur Befreiung aus.
englischen Ketten geliefert.“
Man sollte sich doch hüten, in dieser Frage, die so nüchtern und
realpolitisch wie nur möglich behandelt werden sollte, nationalpolitische-Tendenzen
 heranzuziehen. Wenn England zum System der Goldwährung:
übergegangen ist, so geschah es keineswegs aus dem national-egoistischen
Motiv, seine Beherrschung des Goldmarktes auszunutzen, sonderm
wegen der sachlichen Vorzüge, welche die Goldwährung für das:
Geldwesen der ‘privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung hat. In
diesem Sinne müssen auch wir die Weiterführung unserer Gold währungnach
 dem Kriege erstreben und dürfen uns nicht durch nationale Sym-.
pathien oder Antipathien leiten lassen.
Ich habe Heyn, Bendixen und Liefmann ausführlicher behandelt,
 weil sie unter den Gegnern der Goldwährung diejenigen sind,
welche in theoretischer Hinsicht die beachtenswertesten Gesichtspunkte:
geliefert haben; es würde hier aber zu weit führen, auch alle die übrigen;
Autoren zu behandeln, die eine „Entthronung des Goldes“ beabsich-')

 Dresden 1017 (S. 1a).
        <pb n="128" />
        —. 121 —

tigen, zumal darunter auch sehr viel rein dilettantisches sich befindet.
Die meisten dieser neueren Geldtheoretiker vertreten die Auffassung,
daß es für das Wesen des Geldes ganz gleichgültig sei, ob es aus Metall
oder Papier bestünde. Diese Auffassung, die Knapp rein theoretisch
vertreten hat, wollen sie auch auf die praktische Wirtschaftspolitik
übertragen und treten dafür ein, nach dem Kriege nicht wieder zur
Goldwährung zurückzukehren ?).
Nur kurz möchte ich noch auf_die_ Schrift. X0nDatberg”)
eingehen, um zu zeigen, zu welchen gewagten praktischen Vorschlägen
 man von jener Seite gelegentlich kommt, Dalberg emp-Hehlt
 nämlich allen Ernstes eine Briefmarkenwährung für Deutschland.
 Auf den Einwand, den ich in meiner Rede über „Deutschland
als geschlossener Handelsstaat im Weltkriege‘“ gegenüber den Vertretern
 der Papierwährung gemacht habe, daß eine privatkapitalistische
 Wirtschaftsordnung‘ eines Geldes mit Stoffwert bedürfe,
erwidert er, daß man z. B. das Geld auf Briefmarken basieren
könne. Er schreibt: „Dem ist zu entgegnen, daß man das Geld ja
ebensogut wie auf einen Stoff wie Gold auf eine allgemein benötigte
und geschätzte Einheitsleistung des Staates, wie z. B. Personenbefördecung
 auf x km Eisenbahn oder Briefbeförderung von einem Ort zum
anderen innerhalb des Deutschen Reiches zurückführen könnte. Man
könnte die heutige ıo-Pfennig-Freimarke, oder das Zehnfache ihres
Wertes (== I Mark) der Währung zugrunde legen. Dann hätten wir
bereits stoffwertloses Geld, das noch einen festen wirtschaftlichen Wert
in sich begreift. Auch das Ausland müßte diesen Wert anerkennen;
Aenn solange Auslandshandel besteht, also Schulden von Land zu Land
antstehen, ist der ausländische Kaufmann auf die Benutzung unserer
heimischen Verkehrsanstalten angewiesen und wird eine Urkunde,
welche eine Einheitsleistung der Verkehrsanstalten gewährleistet, als

1) z.B. Karl Elster in seiner Abhandlung „Zur Analyse des Geldproblems“
n Conrads Jahrb. 109. Bd., III. Folge, 54- Bd., September 1917: „Ob die Geld-‚eichen
 zweckmäßig aus Metall hergestellt werden, ob aus Papier, oder aus welchem
Stoffe es immer sei, ist einzig und allein eine Frage der Technik. Die materielle
Funktion des Geldes wird von den stofflichen Eigenschaften der Geldzeichen nicht
berührt, wie denn die Resultate einer Rechenaufgabe nicht davon abhängen, ob
:ie mit Hilfe metallener oder hölzerner, roter oder weißer Kugeln auf der Rechenmaschine
 gelöst wird. — Damit ist die Stellung zum Metallismus gegeben. Wer
im Gelde die abstrakte Rechnungseinheit erkannt hat, wird die Forderung „„stoffich
 vollwertigen Geldes‘ nicht weiter diskutieren. Vom „Gelde‘“ „Stoffwert‘“
verlangen, heißt von den Zahlen die stofflichen Eigenschaften der Dinge fordern,
die mit Hilfe dieser Zahlen verteilt werden sollen‘ (S. 299/300).
X Die Entthronung des Goldes. Stuttgart 1916.
        <pb n="129" />
        I22 —

feste wirtschaftliche Wertgröße jederzeit anerkennen, zumal er weiß,
daß er sie im Inland jederzeit gegen aller Art Waren oder Leistungen
eintauschen kann. Eine solche Währung würde noch den Vorteil gegenüber
 unserer heutigen haben, daß die heute viel beklagte Erscheinung
der Steigerung aller Preise, gemessen am festen Geldwert, schwindet.
Die Tendenz der Steigerung aller Warenpreise rührt ja zu einem Teil
her von relativ steigenden Aufwendungen für die Volksernährung bei
steigender Bevölkerungszahl und Beschränktheit des zur Verfügung
stehenden bebaubaren Bodens, zum anderen Teil auf der Erreichung
immer höheren Lohnes seitens der organisierten Arbeiterklassen durch
Streikdruck, sowie erhöhten sozialen Aufwendungen usw. Diese gleichen
Ursachen aber müßten ebenso zu einer Steigerung des Wertes der Einheitsleistung
 der Reichspost oder der Eisenbahn führen, wohingegen
sie als Produktionskosten beim Goldbergbau keine Rolle spielen, denn
der Goldpreis ist durch die Notenbankgesetze der großen Staaten fest
bestimmt und hängt nicht von den Gestehungskosten ab, Die Steigerung
der Warenpreise würde also bei einer. derartigen Währung mit einer
Steigerung des Geldwertes parallel gehen. Der Wert des Geldes, an den
Warenpreisen gemessen, würde im großen ganzen der gleiche bleiben,
d, h. eine Schwankung des wahren Geldwertes, der realen Kaufkraft
des Geldes in höherem Maße vermieden werden, als dies heute bei der
Goldwährung der Fall ist. Wenn trotzdem geringere Schwankungen
einträten und dadurch der Etat der Post ins Wanken käme, so könnte
dieser doch noch durch Änderungen der Gebühren in den anderen nicht
der Notenfundierung dienenden Geschäftszweigen, Telephon-, Telegramm-,
 Postanweisung-, Postscheckverkehr ins Gleichgewicht gebracht
werden, Auch stände dazu der Zinsgewinn aus den ausgegebenen Geldzeichen
 hilfsweise zur Verfügung‘, Ich glaube, es erübrigt sich,
kritisch auf diesen Plan irgendwie einzugehen,
Auf die neuerdings erschienene Broschüre von Hahn komme ich
am Schlusse meiner Arbeit noch zurück,
Erst kurz vor Abfassung dieser Arbeit ist ein umfangreiches theoretisches
 Werk zur Geldlehre erschienen: Stephinger, Wert und Geld
(Tübingen 1918), auf das ich an dieser Stelle nicht mehr eingehen kann.
Seine praktischen Vorschläge laufen auf eine Trennung der inneren
und äußeren Geldpolitik hinaus, die auch in einer äußerlich erkennbaren
Unterscheidung der Noten hervortreten soll. Er schlägt vor „die
Schaffung eines Inlandsverrechnungsgeldes in Gestalt von Inlandsnoten,
 durch Wechsel und vielleicht auch Lombard gedeckt und uneinlöslich,
 für diejenigen Geldzwecke, die mit Verrechnungsmitteln und
dem Scheidegeld nicht erreicht werden können. Und daneben eine
        <pb n="130" />
        123

mit Gold gedeckte Auslandsnote, die selbstverständlich das auf
sie gestützte Akzept weltmarktgängig machen würde‘ (S. 204). Diese
Auslandenote soll aber einlöslich sein!)

1) Von neueren Veröffentlichungen zur Geld- und Währungsfrage erwähne
ich noch:
Moll, Logik des Geldes 1916.
Derselbe, Die modernen Geldtheorien und die Politik der Reichsbank,
Stuttgart 1917.
Eßlen, Die beabsichtigte Entthronung des Goldes. Schmollers Tahrduch
 1917.
Genzmer, Kritische Betrachtungen zur nominalistischen Geldtheorie.
'Freiburger) Dissertation 10917.
        <pb n="131" />
        VII.

Die Wiederherstellung der Parität der Valuta und
die Rückkehr zur Goldwährung nach dem Frieden.

Statt die Mahnung zu erheben „los von England‘ wäre es
richtiger, bei der Frage, wie unsere Währungspolitik nach dem Kriege
durchgeführt werden soll, die englischen Maßnahmen nach den Napoleonischen’
 Kriegen zu beachten und zu versuchen, in ähnlicher Weise,
wie es damals den Engländern gelungen ist, die Wiederherstellung
der Valuta und die Wiedereinführung der Goldwährung zu betreiben 1).
Gewiß wird diese Reform nicht sofort durchführbar sein, und es wird
aine längere Übergangszeit erfordern, bis unsere Valuta wieder hergestellt
sein wird und wir dann zur Goldwährung zurückkehren können. Aber
das Ziel, das wir uns ‚stecken sollen, muß unbedingt sein: Wiedereinführung
 der Goldwährung.
Doch sehen wir zunächst, wie damals in England diese Restauration
 der Goldwährung durchgeführt wurde. In überraschend schneller
Frist ist es England gelungen, die Papierwährung und den schlechten

?) Ich hatte an anderer Stelle (Jahrbücher für Nationalökonomie u. Statistik,
Dezember 1916) gesagt: „Es wird für Deutschland eine wichtige Aufgabe sein,
nach beendigtem Kriege wieder zu den strengen Grundsätzen der Goldwährung
d. h. zur Wiederherstellung der Einlösungspflicht der Banknoten zu kommen.
Nur auf diese Weise kann die Parität der Valuta wiederhergestellt werden,‘ Liefmann
 zitiert diese Stelle und bemerkt dazu: „Im Gegenteil, erst wenn die Parität
der Valuta wieder hergestellt ist, ist eine Goldwährung, d. h. Wiederherstellung
der Einlösungspflicht der Banknoten wieder möglich.‘ Hier liegt natürlich ein
Mißverständnis vor. Ich hatte an der Stelle sagen wollen, daß nur dann, wenn
Deutschland sich das ernste Ziel steckt, aus der Papierwährung herauszukommen
und wieder zur Goldwährung zurückzukehren, die Wiederherstellung der Parität
erwartet werden kann. Daß aber zeitlich die Sorge für die Wiederherstellung der
Parität der Valuta vorausgehen muß der gesetzlichen Wiederherstellung der Einlösungspflicht
 der Noten, betrachte ich als selbstverständlich (vgl. Liefmann,
Geldvermehrung, S. 175).
        <pb n="132" />
        125

Stand der Valuta zu beseitigen. Es kommen hier namentlich folgende
gesetzliche Maßnahmen in Betracht:
I. Die gesetzliche Wiederherstellung der Goldwährung I816,
Schon 7 Monate nach dem Friedensschluß kam das neue Münzzesetz
 von 1816 heraus, das mehrere Änderungen prinzipieller Art
brachte!). Zunächst wurde die Goldwährung insofern streng durchgeführt,
 daß das Silbergeld nur noch als Scheidemünze Verwendung
finden sollte. Während vorher Silber bis zu 25 £ bei Zahlungen angenommen
 werden mußte, wurde jetzt die Grenze der Annahmepflicht
auf 2 £ herabgesetzt. Ferner wurde durch Ziffer XI des Gesetzes die
Rückkehr zur Goldwährung verkündet. Als neue Münze wurde statt
der Guinee der Sovereign bestimmt. ;
2. Wiederaufnahme der Barzahlungen.
Die Direktoren der Bank von England waren schon 1817, also
z Jahre nach Beendigung des Krieges zur Wiederaufnahme der Barzahlungen
 bereit, denn in diesem Jahre hatte die Bank einen größeren
Barvorrat als jemals seit ihrer Errichtung. Es traten aber einige Störungen
 auf, welche die Absicht der Bankdirektoren vereitelten. Diese
lagen auf dem Gebiete der auswärtigen Politik: durch. die großen Anleihen,
 welche Frankreich, Rußland und Österreich in England aufnahmen,
 und durch die starke Einfuhr fremden Getreides wurde der
Bank sehr viel Gold entzogen. Infolgedessen gab die Direktion die
Hoffnung auf, ihre Barzahlungen vor dem Juli 1818 aufnehmen zu
können, und die Beschränkung wurde durch ein Gesetz bis zum Ende
der nächsten Parlamentssitzung ausgedehnt?). Ohne die großen Anleiheoperationen
 der vornehmsten Staaten des europäischen. Festlandes,
5»hne die großen Anleihen, welche sie in den Jahren 1817/18 abschlossen
__ Frankreich, Preußen, Österreich und Rußland zusammen 38 Mill. £,
wozu noch die eigenen englischen Anleihen kamen —, wäre die Wiederaufnahme
 der Barzahlungen 1818 von selbst eingetreten ®).
Die Wiederherstellung des Paristandes von Papier und Geld trat
entgegen den Prophezeiungen Ricardos ein, ohne daß eine wesentliche
Reduktion der Noten oder des Geldumlaufs überhaupt nötig war: Bis
Ende August 1819 — berichtet Tooke*) — hatte keine Verminderung
des Notenumlaufs stattgefunden, und doch war seit Februar der Preis
des Goldes von 4 £ I sh. auf 3 £ 18 sh., also abgesehen von einem nicht
nennenswerten ‘Unterschiede, bis auf den Münzpreis gefallen: , Was

u» Wolter, a. a. O, S, 121.
; Tooke, I. S. 612.
3 Tooke, I. S. 257.
x I 5. 260.
        <pb n="133" />
        [26

aber den Stand der Wechselkurse betrifft, die sich schon auf Pari befanden
 und fortwährend stiegen, so ließen sie keinen Zweifel über das
Zuströmen edler Metalle, woraus also folgt, daß es keiner Verminderung
des Notenumlaufs bedurfte, um den Änderungen des neuen Gesetzes
nachzukommen ?),
Die Wiederaufnahme der Barzahlungen wurde dann schrittweise,
aber energisch vorgenommen, und zwar durch Gesetz vom 5. Mai
1810, die sogenannte Peels Currency Bill, welche die endgültige
Wiederaufnahme der Barzahlungen bestimmte. Die Einlösung der
Noten sollte zum Münzpreise und nicht zum Marktpreise erfolgen.
Hier war Ricardo mit seiner richtigeren Ansicht durchgedrungen,
während die Direktoren der Bank von England nur eine Einlösung
der Noten zum Börsenpreise zulassen wollten. Allerdings sollte dieses
Ziel erst in Etappen erreicht werden. Vom I. Februar 1820 ab sollte
die Einlösung der Noten in Etappen beginnen, deren erste bis zum
I. Oktober 1820 festgesetzt wurde. Die Noten wurden aber nicht mit
Goldmünzen, sondern mit Goldbärren eingelöst, wobei ein Preis von
4 £ 1 sh. per Unze festgesetzt wurde. Weniger als 60 Unzen in Barren
brauchten aber nicht abgegeben zu werden, Die zweite Phase dauerte
vom I, Oktober 1820 bis ı. Mai 1821, wobei der der Goldabgabe zugrunde
 gelegte Preis auf £ 3. 19. 6 ermäßigt war, also dem Münzpreis
näher gebracht war. In der dritten Periode, in der Zeit vom 1. Mai 1821
bis 1. Mai 1823, wurde dann als Preis für die Goldabgabe der Münzpreis
zugrunde gelegt, nämlich £ 3. 17..10%. Vom I. Mai 1823 ab sollten die
Noten in dem Goldgeld des Landes zum Münzpreis eingelöst werden
und damit die volle Wiederherstellung der Noteneinlösung erreicht
werden. Die Bank von England hatte aber die tatsächliche Einlösung
schon 2 Jahre vor diesem gesetzlichen Termin, nämlich mit dem 1. Mai
1821 begonnen, Nachdem die abnormen Handels- und Verkehrszustände
 des Krieges wieder normale geworden waren, war es England
gelungen, die Parität seiner Wechselkurse wieder herzustellen und zur
Bareinlösung der Noten zurückzukehren, und zwar war dies geschehen,
ohne daß eine Verminderung der Notenmenge vorgenommen wurde,
wie Ricardo vorgeschlagen hatte.
Gerade wie. in der Gegenwart der Plan der Wiedereinführung der
Goldwährung auch Gegnerschaft fand, wurden auch damals Stimmen
laut, welche an Stelle der Wiedereinführung der Goldwährung die
Einführung einer Papierwährung in der einen oder anderen Form
forderten. Namentlich hat der Plan der Einführung einer Goldkern-3

 Tooke. I. S. 260.
        <pb n="134" />
        127

währung an Stelle der reinen Goldwährung auch damals schon energische
Vertretung gefunden, und zwar durch Ricardo. Wir sahen, daß in
der Übergangszeit von 1819—1823 die Einlösung nur gegen Barren,
nicht gegen Goldmünzen gesetzlich vorgesehen war. Diesen Zustand
verlangte Ricardo als einen dauernden; er meinte, auf diesem Wege
A4em Ideal einer Währung, die möglichst wenig Metall erfordern soll,
nachzukommen. In seiner 1816 erschienenen Schrift „Proposals for
an economical and secure Currency‘, die schon am 26. Juni 1815, also
vor der gesetzlichen Wiedereinführung der Goldwährung abgeschlossen
war, schlug er eine völlige Neuordnung des Geldwesens vor. Er erblickt
den Fortschritt im Geldwesen darin, daß es sich mehr und mehr vom
Gebrauch des Edelmetalls emanzipiere und diesen wertvollen Gegenstand
 durch einen wertlosen ersetze; so groß der Fortschritt gewesen
sei, der durch Annahme der Edelmetalle zu Geldzwecken erreicht
worden wäre, ein weiterer Fortschritt müsse in der Ersetzung der Edelmetalle
 durch Papier bestehen.
Wenn die Bank wieder gezwungen würde, ihre Noten in Münzen,
ainzulösen, so würden die Gewinne der Banken wesentlich vermindert,
ohne einen entsprechenden Gewinn für irgendeinen Teil des Volkes,
Wenn diejenigen, welche I-, 2- und 5-Pfundnoten verwenden, die Wahl
haben sollten, Guineen zu benutzen, so könne kein Zweifel sein, was
sie vorzögen; und so würde einer bloßen Laune zuliebe ein sehr kostspieliges
 Mittel an Stelle eines von geringem Werte gesetzt. Außer
dem Verlust der Bank, der als Verlust für die ganze Gemeinschaft
betrachtet werden müsse, da der Volksreichtum sich aus den Reichtümern
 der einzelnen bilde, würde der Staat zu der nutzlosen Ausgabe
der Prägung veranlaßt, und bei jedem Fallen des Wechselkurses würden
Guineen eingeschmolzen und ausgeführt.
Das Publikum gegen jede Änderung im Geldwerte zu sichern,
ausgenommen diejenige, welcher die Währungsmünze selbst ausgesetzt
ist, und gleichzeitig den Geldumlauf mit dem billigsten Mittel einzurichten,
 hieße den vollkommensten Zustand erreichen, zu dem ein
Geldwesen gebracht werden könne, und wir würden alle diese Vorteile
besitzen, wenn die Bank angehalten würde, ungemünztes Gold oder
Silber zum Münzpreise im Austausche gegen ihre Noten herzugeben,
anstatt Guineen abzuliefern; durch welches Mittel das Papier nie unter
den Preis der Barren fallen könnte. ohne eine Verminderung seiner
Menge zu bewirken.
Um das Steigen des Papiergeldes über den Wert der Barren zu
verhindern, müßte die Bank auch verpflichtet werden, ihr Papier im
Austausche gegen Gold zum Preise von 3 £ 17 sh. pro Unze herzugeben,
        <pb n="135" />
        128 —

Um der Bank nicht zu viel Mühe zu machen, sollte der Betrag an Gold,
der im Austausche gegen Noten zum Münzpreise von 3 £ 17 sh. 10% d.
gegeben werden müsse und der Betrag, der an der Bank zu 3 £ 17 sh.
verkauft werden könne, nie weniger als 20 Unzen betragen. Mit anderen
Worten, die Bank sollte verpflichtet sein, jede Menge Goldes, die ihr
angeboten werde, im Betrage von nicht weniger als 20 Unzen, zum
Preise von 3 £ 17 sh. per Unze zu kaufen und jede Menge zum Preise
von 3 £ 17 sh. 10% d. zu verkaufen,
„My first preference is to have nothing but a paper circulation‘“ —
erklärte er vor dem Kommissionsausschusse von 1819!) — und die
in Umlauf befindliche Goldmenge bezeichnete er wiederholt als „dead
stock‘, welcher dem Lande verloren ginge.
An John Sinclair schrieb er am 1ı. Mai 1820®%): „Ich stimme
Ihnen betreffs der Vorteile des Papiers statt Münzumlaufs zu und ich
wünsche nicht, daß jemals eine andere Währung in diesem Lande eingeführt
 würde. Aber wir gehen in bezug auf die Mittel, wie der Wert
und Betrag des Papieres festgestellt werden sollte, auseinapder. Ich
glaube, der beste Weg ist, das Papier gegen Barren zu festem‘ Satze
einlösbar zu machen.‘
Deshalb bedauerte er auch, daß die Ausschüsse zum Resultat
gekommen waren, Einlösung der Noten in Münze zu verlangen. Ihm
wäre: die Verpflichtung der Bank zur Einlösung in Barren genügend
erschienen, da er eben hoffte, das Publikum werde sich allmählich vom
Metallgelde ganz emanzipieren. ‚Ich bedauere‘, schreibt er an Trower®),
 „daß die Ausschüsse nicht die Maßnahme empfohlen haben,
die Bank zu zwingen, Gold zum Preise von 3 £ 17 sh. 6 d. zu verkaufen,
wenn immer es ihnen zu diesem Preise angeboten wird — die Rückkehr
zur Barzahlung scheint mir unnötig und wahrscheinlich mit keinem
Vorteil verknüpft zu sein.“
Wie die Metallwährung einen Fortschritt im Geldverkehr gebildet
habe, so wäre ein noch weiterer Fortschritt, das Edelmetall entbehrlich
zu machen. .
Wenn Ricardo also auch bereits eine Goldkernwährung damals
Vvorschlug, so unterscheidet sich doch sein Vorschlag von denen der
meisten neueren Vertreter dieses Planes dadurch, daß er gleichzeitig
streng an der Forderung der Einlösbarkeit der Noten in Gold
festhält. Wenn er für Papierwährung eintritt, so will er nicht irgend

1) Commons Report -1819, S. 138.
?) Briefwechsel Dav. Ricardos mit Hutches Trower u. a. 1811—1823
(abgekürzt B. W. III), S. 110.
3) Ebendort S. 33.
        <pb n="136" />
        — I20

atwas der „Papiergeldwirtschaft“ Ähnliches ‚einführen, also nicht. ein
ungedecktes, uneinlösliches Geld’ schaffen, dessen ‚schwere Mängel er
selbst gut schildert.
„Ich hoffe,‘ so schreibt er an John Sinclair’), „daß wir niemals
wieder einen schrankenlosen (unchecked) Papierumlauf haben werden,
obwohl ich keinen Einwand gegen Papierumlauf und nichts als Papierımlauf
 habe.‘
Das von Ricardo. ausgedachte Papiergeldsystem sollte das Gold
als Wertmaß beibehalten und dennoch nur eines minimalen Goldvorrates
 bedürfen. Dies könnte geschehen, wenn dafür gesorgt sei,
4aß das Papiergeld nicht entwertet werde; zum Erfordernis eines guten
Geldes gehöre es, daß .es im Werte möglichst unveränderlich sei, und
Jjer Besitzer des Geldes den Wertbetrag auch jederzeit realisieren könne.
Würden Maßregeln getroffen werden, daß zwar das Geld aus Papier
hergestellt würde, sein Wert aber doch auf Gold fundiert sei, so habe
man zugleich das billigste und sicherste Geld der Welt, Da Ricardo
4je Banknoten als Geld ansah, wollte er die ganze Banknotenausgabe
auf solche Grundlage stellen, daß die Noten nur derselben Veränderung
unterliegen könnten, wie das zirkulierende Metallgeld : zu diesem Zwecke
‚ollte die Bank von England, oder nach seinem zweiten Vorschlag, die
staatliche Nationalbank die Pflicht haben, die Noten — allerdings nur
von einem gewissen Betrage, z. B. von 100 £ ab. — zum Münzpreise
von 3 £ 17 sh. 10% d. einzulösen. Andererseits müsse sich die Bank
auch verpflichten, Noten. gegen Gold zum Preise von 3 £ 17 sh. 9 d.
herzugeben (nach einem anderen Vorschlage Ricardos von 3 £ 17 sh.
6 d). Damit wäre unbedingte Sicherheit geboten. Denn das Hauptübel
alles Geldwesens — ein Zuviel an Umlaufsmitteln — könnte. sofört
festgestellt und beseitigt werden,
Wenn Ricardo die Meinung vor dem Ausschusse (des Unterhauses
 zur Beratung der Wiederaufnahme der Barzahlungen) vertrat,
3aß die Einlösung der Noten nur gegen Barren, nicht gegen Münze eine
1auernde und keine vorübergehende Maßnahme sein sollte, so ging
ar dabei von der Hoffnung aus, daß das Publikum sich so an den Gebrauch
 der Papierscheine gewöhnen werde, daß es überhaupt eine
Einlösung der Noten nur in Ausnahmefällen vornehmen würde.
Ricardo hoffte, daß seine Ilee später zur Durchführung kommen
werde: „In diesem Punkte hatten die Ausschüsse mit dem Vorurteil
des Publikums zu kämpfen‘ — so schreibt er an Mc Culloch?), „und

\ Briefwechsel mit Trower 5. 74- loch 1816
2) Briefwechsel Dav. Ricardos mit john Ramsay Mac Culloch ı
bis 1823, S. 28.
K. Diehl, Geldwesen und Valuta.
        <pb n="137" />
        _ 130' —

vielleicht auch mit einer gewissen Voreingenommenheit, die sie selbst
für Münze hatten. Wenn keine Unbequemlichkeit aus der Durchführung
 dieses Planes in den nächsten 5 Jahren entsteht, wird die
Bank unter den ersten sein, die wünschen, daß er als dauerndes System
eingeführt wird.“
Ricardo war so von der Vorliebe des Publikums für papierene
Umlaufsmittel überzeugt, daß er wiederholt vor der Kommission
3 Mill. £ Bardeckung für einen Umlauf von 24 Mill. £ in Noten für
genügend hielt.
Vor der Kommission des Unterhauses wurde er gefragt!): „Sie
haben gemeint, daß nur eine sehr kleine Menge Goldes oder Barren
im Umlauf nötig sei, damit die Bank ihre Zahlungen wieder aufnehmen
könne?“ Er antwortete: „Das ist der Fall unter der Voraussetzung,
daß eine Abmachung getroffen wird, wonach die Bank nicht gezwungen
werden soll, ihre Noten in Münze zu zahlen, sondern in Barren; ich
glaube, daß in diesem Falle eine sehr kleine Menge Barren nötig sein
würde, um die Bank in den Stand zu setzen, ihre Zahlungen aufzunehmen.“

Ricardo betrachtete das bare Geld als den „dead part od our
stock‘“2), und als er vor derselben Kommission über eine Modifikation
seines Planes befragt wurde, dahin gehend, daß die Bank zum Teil
in Barren, zum Teil in Münze einlösen sollte, und ob unter solchem
System eine große Menge Goldmünze zum Zwecke der Einlösung
bereit gehalten werden müßte, sagte er aus®): „Dies ist eine schwer zu
beantwortende Frage; ich sollte glauben, daß der Geschmack des
Publikums für Papiergeld jetzt so befestigt ist, daß es wenig Neigung
hätte, Goldmünze zu fordern, und in diesem Falle würde eine sehr kleine
Menge für alle Zwecke des Umlaufs genügen.“ .
Vor der Kommission des Oberhauses gab er dann auch die ziffernmäßige
 Auskunft‘): „Ich glaube, daß ein Vorrat von 3 Millionen bei
guter Geschäftsführung reichlich genügend wäre unter der Voraussetzung
 einer Notenzirkulation von 24 Millionen.“
Es liegt auf der Hand, daß dieser Betrag längst nicht einmal für
die Bedürfnisse der inneren Zirkulation ausreichen könnte, d. h. für
die Einlösungspflicht der Bank gegenüber den inländischen Noteninhabern;
 zudem ist aber noch ein großer Bedarf an Goldreserve für
Goldzahlungen an das Ausland nötig

4) Commons Reports 1819, S. 141.
2) Ebendort S, 229.
3) Ebendort S. 229.
1%) Lords Report 18109, S. 1897.
        <pb n="138" />
        — 131

An letztere allein denkt auch Ricardo, da er für die einheimische
Zirkulation das Gold ganz entbehren zu können glaubte: „Obgleich
die Goldbarren dann als Wertmaß fungieren,‘ erklärte er vor der
Kommission des Oberhauses, „so glaube ich doch, daß sie niemals
als Geld benützt werden; alle unsere Geschäfte in Barren würden in
unserem. auswärtigen Handel und bei dem Gebrauch für unsere
Manufakturen sein.“
Wie gründlich auch hierin die Tatsachen Ricardo Unrecht gaben,
lehrt ein Blick auf den Stand des Noten- und Goldbestandes der Bank
von England, auch nach Aufhebung der Bankbeschränkung. Welche
große Summen Goldes mußten oft ans Ausland versandt werden und
wie oft war binnen kurzer Zeit ein weit größerer Goldvorrat, als der
zon Ricardo als Höchstzahl angegebene, in kürzester Zeit infolge der
auswärtigen Zahlungsverpflichtungen völlig erschöpft!
Betrug doch — um nur einzelnes anzuführen im Herbste 1830
der Barbestand der Bank von England 11,150,480 £ und in weniger als
[8 Monaten wurden der Bank beinahe 7 Millionen entzogen, Es waren
unerwartete große Barsendungen ins Ausland nötig geworden, bald
infolge der Handelsbilanz, bald infolge der Finanzoperationen fremder
Staaten ?).
„Hätte‘‘, bemerkt hierzu Tooke?), „der Barbestand beim Anfange
aur die Hälfte oder selbst 7—8 Millionen betragen, so hätte, um dem
Grundsatz einer gleichmäßigen Erhaltung der Unterpfänder zu genügen,
schon zu sehr gewaltsamen Maßregeln durch Verminderung der Unterofänder
 und Einschränkung des Notenumlaufs gegriffen und der Geldmarkt
 außerordentlich gestört werden müssen.“
Nicht nur der Plan der Goldkernwährung, auch der der Einführung
einer reinen Papierwährung, d. h. eines uneinlöslichen Papiergeldes mit
Zwangskurs wurde damals schon vertreten 3), „Aber, wenn auch daran
gedacht wurde,“ sagt Tooke*), „So wagte doch niemand, ihn laut
werden zu lassen, außer vielleicht der eine oder andere wilde Projektenmacher.“

Die Schwierigkeiten, die Deutschland bei der Wiederherstellung
der Parität seiner Valuta zu überwinden haben wird, sind allerdings
weit größer als es die Englands in jener Zeit waren. Nicht nur kommt
die überragende Stellung in Betracht, die damals England im Welthandel
 einnahm. seine industrielle und kommerzielle Vorherrschaft und

)) Tooke, I. S. 384.
) Ebenda S, 384.
3 Tooke, I. S. 262.
% I. S. 262.
        <pb n="139" />
        die ihm dadurch erleichterte Möglichkeit, Rohstoffe und Gold zu erhalten,
 auch die besonderen Verhältnisse der Zeit von 1810/20 kommen
dazu. Die verbesserte, Lage seiner Finanzen setzte die Regierung in
den Stand und veranlaßte sie, die schwebende Schuld zu vermindern;
das Ausland schuldete beträchtliche Summen für die ungewöhnlich
große Ausfuhr von 1818, für welche andere Rimessen als Gold sehr
knapp sein mußten, da eine Korneinfuhr nicht zulässig, in anderen
Produkten der Markt aber schon überführt war. Alle diese Umstände
wirkten vereint dahin, die Strömung edlen Metalles nach England
heranzulocken !).
Vor eine derartig günstige Konstellation wird Deutschland nach
Friedensschluß nicht gestellt sein. Allerdings das politische Hindernis
des internationalen Waren- und Zahlungsausgleichs, die durch den Krieg
veranlaßte Absperrung vom Auslande, fällt fort; aber die wirtschaftlichen
 Aussichten, daß die deutsche Handels- und Zahlungsbilanz sich
zu einer aktiven gestalte, sind für die ersten Jahre nach dem Kriege
nicht günstig. Zwar können dann die Auslandsforderungen Deutschlands
 realisiert werden, wodurch unsere Zahlungsbilanz verbessert
wird, aber den deutschen Auslandsforderungen stehen Guthaben der
Ausländer gegenüber, und es ist fraglich, auf welcher Seite der Über-Schuß
 vorhanden ist. So sehr wir auch hoffen, daß durch Kriegsentschädigung
 oder Valutaanleihen wir unsere Zahlungsbilanz verbessern
 können, die dauernde Besserung der Valuta wird doch von der
Warenbilanz abhängen. Was diese anlangt, so haben wir zwar den
Vorteil, daß die früher erwähnten Vorkäufe der Industrie bereits bezahlt
 sind, so daß also hier eine Einfuhr von Waren erfolgt, ohne daß
dafür Zahlungsmittel von uns bereitgestellt zu werden brauchen, Aber
abgesehen hiervon ist die Lage Deutschlands insoweit ungünstig, als
wir ein rohstoffarmes Land sind und daß wir sogleich nach Friedensschluß
 Rohstoffe in großer Menge nach Deutschland einzuführen genötigt
 sein werden. Es wird sich um enorme Summen handeln, für die
wir Auslandszahlungen zu leisten haben, denn die Wiederaufnahme
der Friedensarbeit der deutschen Industrie macht diese Einfuhr zu
einer dringenden Notwendigkeit, Diese Einfuhr muß erfolgen, auch
wenn dadurch die Verbesserung unserer Valuta noch etwas verzögert
wird. Nichts ist so falsch als der manchmal geäußerte Ratschlag, wir
müßten nach beendigtem Kriege im Interesse unserer Valuta die Einfuhr
 beschränken und die Ausfuhr verstärken. So sagt z. B. Hahn 3:

l) Tooke, I. S. 263.
?) In seiner Schrift „Von der Kriegs- zur Friedenswährung“ (Arch. f, Sozialwissenschaft
 u. Sozialpolitik. Ergänzungsheft XIV), Tübingen 1018. S. 27.
        <pb n="140" />
        133

„Alle Bestrebungen zur Wiederherstellung der Parität müssen davon
ausgehen, Angebot und Nachfrage nach ausländischen Zahlungsmitteln
zu regeln, Die Nachfrage muß durch Erschwerung des Imports beschränkt,
 das Angebot durch Steigerung des Exports erhöht werden.“
Wir könnten diese Art von Handelspolitik nur dann treiben, wenn
unsere Einfuhr in der Hauptsache aus Luxusartikeln und Fertigf{abrikaten
 bestünde; dann wäre es gewiß richtig, diese Art von Einfuhr
möglichst einzuschränken. Aber unsere Einfuhr weist ganz anderen
Charakter auf, sie ist ganz überwiegend Einfuhr von Rohstoffen und
Lebensmitteln. Wir hatten im Jahre 1913 eine Einfuhr von Rohstoffen
und halbfertigen Waren im Werte von etwa 61, Milliarden und von
Nahrungs- und Genußmitteln im Werte von rund 2% Milliarden; dagegen
 war unsere Ausfuhr besonders groß in fertigen Waren, nämlich
im Werte von 6% Milliarden, wogegen unsere Ausfuhr an Rohstoffen
und Nahrungs- und Genußmitteln verhältnismäßig gering ist, nämlich
zusammen nur 2% Milliarden umfaßt.
Da also unsere Einfuhr zu einem großen Teile Rohstoffe umfaßt,
die wir überhaupt in Deutschland nicht haben, wie z. B. Baumwolle,
Jute, Kupfer, die wir aber zur Weiterverarbeitung für unsere Industrie
dringend gebrauchen, so muß sogar diese Einfuhr noch stark gefördert
werden. Wird hierdurch auch die Valuta vorübergehend verschlechtert,
so gibt diese Einfuhr doch andererseits die einzige Möglichkeit, dauernd
die Valuta zu bessern und normal zu gestalten; denn diese Rohstoffe
werden von unserer Industrie zu Fertigfabrikaten verarbeitet, die einen
unendlich erhöhten Wert gegenüber den Rohstoffen darstellen. Indem
wir diese Fertigfabrikate ins Ausland exportieren, gewinnen wir endgültig
 die Zahlungsmittel, die wir zur dauernden Gesundung unserer
Handels- und Zahlungsbilanz gebrauchen. Außerdem gilt es vor allem,
die Fabrikation aller der Waren zu fördern, die wir mit einheimischen
Rohstoffen herstellen können oder wobei die Abhängigkeit vom Auslande
 keine so große ist, wie es z. B. bei der Eisenindustrie, der chemischen
 Industrie, der Porzellan-, Kohlen-, Maschinenindustrie usw.
der Fall ist. Wie groß ist z. B. der Wert des Eisens und der Eisenwaren,
die wir ins Ausland senden — 1013 im Wert von 124 Milliarden —
verglichen mit dem geringen Posten der Einfuhr von Eisenerzen aus
dem Auslande — 1913 im Werte von 223 Millionen —, und wie unbedeutend
 sind die Summen, die wir für solche aus dem Ausland zu
beziehenden Rohstoffe wie z. B. Chinarinde, Kokablätter, Rhabarber
usw. bezahlen, verglichen mit den Summen, die wir vom Auslande
für die Produkte unserer Arzneimittelindustrie erhalten. Die Werterhöhung
 der Rohstoffe, die der geistigen und körperlichen Arbeit der
        <pb n="141" />
        — 134 —

Industrie verdankt wird, ist also das wichtigste Mittel, zu einer aktiven
Handels- und Zahlungsbilanz und damit zu einer völligen Wiederherstellung
 der Parität unserer Valuta zu gelangen. Durch unseren Export
hochwertiger Fertigfabrikate gewinnen wir auch die Möglichkeit, das
Gold in unser Land zu bekommen, das wir zur Deckung eines
Passivsaldos unserer Zahlungsbilanz brauchen.
Die Frage, wie sich der Import und Export nach dem Kriege gestalten
 wird, ist von solcher Bedeutung für unsere Valuta, daß wir
auch nach dem Friedensschluß jedenfalls während der Übergangswirtschaft
 noch nicht an eine völlige Freiheit des Devisenverkehrs denken
können. So begreiflich der Wunsch der Kaufleute und Industriellen
sein mag, nach beendigtem Kriege von der zwangsläufigen Wirtschaft
befreit zu werden, so machen doch vitale Interessen unserer Volkswirtschaft
 die Aufrechterhaltung gewisser Einschränkungen notwendig.
Zwar wird die Devisenordnung gegenüber der Kriegszeit gemildert werden.
können, aber eine Beschränkung des Devisengeschäfts muß bestehen.
bleiben. Die völlige Abschaffung der Devisenordnung würde die große Gefahr
 der Kapitalausfuhr, bzw. der Einfuhr fremder Effekten oder die Anlage
 von Geld in solchen zur Folge haben, Auch muß dafür Sorge getragen
werden ‚daß die EinfuhrderLuxusartikelund Fertigfabrikate möglichsteingeschränkt,
 dagegen die Einfuhr von Rohstoffen möglichst gefördertwird..
Wenn auf diese Weise durch Wiederaufnahme der alten Handelsund
 Verkehrsbeziehungen die eine Ursache des schlechten Standes
unserer Valuta beseitigt sein wird, so muß auch die andere Ursache,
 die von der Geldseite herrührt, zum Verschwinden gebracht
werden. Dies geschieht durch Wiedereinführung der Goldwährung,
worauf ich noch zu sprechen komme, und durch die allmähliche
 Reduktion der während des Krieges eingetretenen großen Geld-.
vermehrung. Je mehr es dem Staate gelingt, die große Masse an
schwebenden und fundierten Schulden möglichst abzubürden, um so
mehr wird sein Kredit gehoben und indirekt dadurch die Valuta verbessert.
 Ich habe in meiner Abhandlung über die einmalige Vermögensabgabe
 auf diesen Zusammenhang zwischen Steuerpolitik und Valuta
hingewiesen; „Aber auch für die wichtige Frage der Regelung unserer
Valuta, sicherlich das wichtigste wirtschaftliche Problem, das wir nach
dem Kriege zu lösen haben, ist es von großer Bedeutung, daß wir nicht
mit einer drückenden Schuldenlast an die Neuordnung unserer Währungsverhältnisse
 herangehen. Es würde sehr zur Förderung unseres.
Kredits im internationalen Verkehr beitragen, wenn wir uns zu einem
solchen Opfer fähig und beıeit zeigten‘“1) 2).
3) Die einmalige Vermögensabgabe. In den Schriften d, Vereins f, Sozialpolitik.
*) Dieser Standpunkt wird allerdings bekämpft z. B. von König in seiner
        <pb n="142" />
        Eine Erschwerung der an sich schon schwierigen Aufgabe, unsere
Valuta wieder in Ordnung zu bringen, würde es bedeuten, wenn wir
etwa versuchen wollten, gemeinsam mit Österreich-Ungarn die Wiederherstellung
 der Valuta vorzunehmen. Dies wäre aber die notwendige
Voraussetzung für alle die, welche ein Zollbündnis Deutschlands mit
Österreich-Ungarn anstreben. Ich hatte bereits in meiner Schrift „Zur
Frage eines Zollbündnisses zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn‘
 (Jena 1915) zu zeigen versucht, daß in der Verschiedenheit
der Währungsverhältnisse der beiden Länder ein Haupthindernis für
dieses Zollbündnis besteht. Österreich-Ungarn hatte schon in Friedenszeiten
 keine streng durchgeführte Goldwährung, weil keine gesetzliche
Einlösungspflicht für die Banknoten bestand, Es würde sich also für
Österreich-Ungarn nicht um eine Rückkehr zur Goldwährung wie bei
uns, sondern um die endgültige Einführung der Goldwährung handeln,
Da dies aber schon in Friedenszeiten mit den größten Schwierigkeiten
verbunden war, so müssen diese Schwierigkeiten nach dem Kriege
noch weit größere sein, und es hieße unser Reformwerk sehr erschweren,
wenn wir die Aufgabe übernehmen wollten, zugleich mit unserer Valuta
zuch die österreichisch-ungarische zu sanieren,
Richard Schwarz scheint!) die Schwierigkeiten eines derartigen
zemeinsamen Vorgehens zu unterschätzen. Ich bin ganz mit ihm in
Übereinstimmung, wenn er sagt: „Der ausländische Rohstoff ist somit
das Objekt, an dem die Produktion des Mehrwertes vorgenommen
wird‘“?), und wenn er meint, daß dieser Mehrwert der Wiederherstellung
ler Valuta dienstbar gemacht werden müsse, aber ob eine gemeinsame

Schrift „Zur Theorie der Steuern“ (Wien-Leipzig 1918): „In jüngster Zeit hören
wir ja so häufig, daß die Steuern auch den Zwecken der Besserung unserer Valuta
und der Hebung der Kaufkraft des Geldes dienstbar gemacht werden sollen. Auf
lie Hebung der Valuta soll, nach althergebrachter Anschauung, die Schätzung
des Staatskredites von entscheidendem Einflusse sein. Ein Staat mit im Inneren
yeordnetem Haushalte hätte bessere Devisenkurse als ein Staat zweifelhafter
Kreditfähigkeit. Der wissenschaftlichen Genauigkeit halber sei festgestellt, daß
ein Staat im Prinzipe trotz eines schauderhaften Defizitbudgets gute Devisenkurse
haben könnte. Die Devisenkurse hängen nämlich lediglich von Angebot und
Nachfrage nach heimischen Zahlungsmitteln ab. Hat ein Staat dem Ausland
gegenüber eine aktive Zahlungsbilanz, d. h. hat der Staat vom Auslande mehr zu
[ordern als an dasselbe zu bezahlen, so hängen die Wechselkurse mit nichten von
der Kreditwürdigkeit des Staates und der inneren Ordnung seines Haushaltes
ab. Ebenso kann ein Staat bei völlig aktivem Budget, aber passiver Zahlungsbilanz
 keine guten Wechselkurse haben“ (S. 8).
1) In seiner Schrift „Das Valutaproblem und die Rohstofffrage im Verhältnis
 zu „Mitteleuropa‘‘‘, 2. Aufl., Wien 1917.
2) Ebenda 5S. 21.
        <pb n="143" />
        — 136 nm

Lösung der Valuta- und Rohstofffrage der mitteleuropäischen Staaten
möglich sei, bezweifle ich. Durch die Gemeinsamkeit der Rohstoffbeschaffung
 der verbündeten Länder mittels einer Zentralstelle —
meint Schwarz — würden die Tendenzen der Gegner auf monopolistische
 Gestaltung des Marktes gemildert oder ganz aufgehoben. Zum
Zweck des Umrechnungswesens der verschiedenen Währungen auf die
ausländische, in der der Erstehungspreis zu erlangen sei, „wird sich
der innige Kontakt der einzelnen Devisenzentralen als nötig erweisen‘ 1},
Ich glaube umgekehrt, daß die erwähnten Schwierigkeiten der
Rohstoff- und Valutafrage sich noch vergrößern, wenn mehrere Staaten,
deren wirtschaftliche Interessen sehr verschieden gelagert sind, und deren
Währungsverhältnisse verschieden sind, hier gemeinsam vorgehen
wollten.

Wenn die Herstellung der Parität unserer Valuta erreicht ist, ist
auch der Zeitpunkt gekommen, zu dem die Wiederaufnahme der Bareinlösung
 der Reichsbanknoten erfolgen kann und muß, wenn wir
unsere handelspolitische Stellung auf dem Weltmarkte erhalten wollen.
Sobald die internationalen Handels- und Verkehrsbeziehungen wieder
in vollem Umfange aufgenommen sind, muß auch die Wiedereinführung
der Goldwährung mit aller Energie angestrebt werden. Ein geregelter
Welthandelsverkehr erfordert ein international einheitliches Ausgleichsmitte]
 für alle Zahlungen, die nicht durch Wechsel oder auf dem Kreditwege
 erledigt werden können. Niemals können Rohstoffe oder andere
Waren, mögen sie noch so wichtig und wertvoll sein, diese Rolle als
Ausgleichsmittel spielen, da sie nicht eine so einheitliche Anerkennung
finden werden als das Gold. Die übrigen Goldwährungsländer, England
und die Vereinigten Staaten voran, denken nicht daran, zu einer Papierwährung
 überzugehen, und daher wird‘ das Vertrauen des Auslandes
in unsere Währungs- und Kreditverhältnisse nur dann vorhanden sein,
wenn wir auch über einen Goldvorrat verfügen, aus dem Forderungen
jederzeit realisiert werden können. Jedenfalls sind zwei Grundbestimmungen
 unserer Goldwährung wieder einzuführen: die freie Goldprägung
 und die Bareinlösung der Noten. Dagegen ist es nicht unbedingt
 notwendig, die Dritteldeckung unserer Noten in Gold bzw, barem
Geld aufrecht zu erhalten, Diese Dritteldeckung ist..kein unentbehrlicher
 Bestandteil der Goldwährung. Es war ein gewohnheitsmäßiger
Grundsatz oder eine Regel der Bänk von England bis zum Bankgesetz
von 1844, für ein Drittel des Notenumlaufs Bardeckung zu haben‘

1) Ebenda S. s2.
        <pb n="144" />
        aber damit war kein starrer oder irgendwie prinzipiell notwendiger
Grundsatz zur Aufrechterhaltung der Goldwährung gegeben, sondern
nur eine Vorsichtsmaßregel, damit die Bank unter allen Umständen
ihren Einlösungsverpflichtungen nachkommen konnte: „Grundsatz oder
Regel sollte Jaut den von der Direktion abgegebenen Erklärungen sein,
1aß die Vorschüsse auf Unterpfand in ziemlich gleichmäßigem Bestande
erhalten blieben und der Metallvorrat etwa ein Drittel der Verpflichtungen
 betrüge. In der Tat ist das aber nur scheinbar. Nirgends finden
sich Anhaltspunkte, aus denen hervorginge, daß die Bank sich verpflichtet
 hielte, in ihren Vorschüssen wirklich nicht weiter zu gehen,
and ebenso steht es um die Erhaltung des Verhältnisses vom Metall
zu den Verpflichtungen ; der Behalt eines Drittels wird für wünschenswert
 erklärt, aber keine Silbe darüber, welche Maßregeln in dieser
Beziehung notwendig oder zweckmäßig seien‘1). Als der damalige
Gouverneur der Bank von England, Palmer, bei der Enquete von
:832 zur Erneuerung des Privilegs der Bank von England gefragt wurde:
„Nach welchen Grundsätzen regelt die Bank in gewöhnlichen Zeiten
ihre Notenausgabe ?‘“ antwortete er: „Der Grundsatz, nach welchem
zur Zeit einer regelrechten Landesvaluta und folglich eines Pari der
Wechselkurse, die Bank ihre Notenausgabe, außer in ganz besonderen
Fällen, ordnet, ist der, daß ein gewisses Verhältnis der durch Depositen
oder für Noten erhaltenen Summen in Zinsen tragenden Sicherheiten
angelegt, das Übrige aber in geprägtem und ungeprägtem Metall bewahrt
 wird. Als die unter obwaltenden Umständen wünschenswerten
Verhältnisse lassen sich zwei Drittel in Sicherheiten und ein Drittel in
Metall bezeichnen ; im übrigen richtet sich der Notenumlauf im Lande,
‚oweit er von der Bank abhängt, nach dem Einfluß der fremden Wechselkurse.“
 — Auf eine spätere Frage sagte Herr Palmer: „Ich wünsche
dahin verstanden zu werden, daß, wenn ich von dem Verhältnis von
zwei Dritteln zu einem sprach, ich eine Zeit der regelrechten Landesvaluta,
 vor dem Eintritt einer (Geld-) Nachfrage meine: das Steigen
der Nachfrage mindert das Verhältnis ; hört aber jene auf und die Wechselkurse
 gestalten sich günstiger, so können wir auch dieses Verhältnis
wieder herstellen‘ 2).
Wie aus diesen Äußerungen hervorgeht, sollte also der Barschatz
sich auf alle stets fälligen Verbindlichkeiten beziehen, auch auf die
Depositen. Es handelt sich also bei der Dritteldeckung um eine gewohnheitsmäßige,
 in gewisser Hinsicht willkürliche Festsetzung,

1) Tooke, I. S. 439.
3 Tooke, I. S. 440.
        <pb n="145" />
        — 138 ——

keineswegs um eine für die Durchführung der Goldwährung notwendige
Maßregel. “Es "könnte also-wohl daran. gedacht werden, das strenge
Prinzip der Dritteldeckung insoweit zu mildern, daß bestimmt würde,
daß der Barvorrat im allgemeinen ein Drittel des Notenumlaufs betragen
 müsse, daß aber unter Umständen die Reichsbank auch berechtigt
 sein könnte, unter diesem Deckungsbetrag zu bleiben, wenn
sie über andere Deckungsmittel verfügt, z. B. Devisen oder Effekten,
Die gesetzliche Einlösungspflicht ihrer Noten ist Zwang genug für
die Reichsbank, genügenden Barvorrat zu halten. Die schematische
Innehaltung der Dritteldeckung ist überflüssig.
Abgesehen von dieser Änderung sollte aber an den Grundlagen
der Goldwährung festgehalten werden, gerade auch im Interesse der
dauernden Stabilität unserer Valuta. Es könnte demgegenüber behauptet
 werden, daß unsere Forderung des Festhaltens an den strengen
Grundsätzen der Goldwährung im Widerspruch stünde mit den neuerdings
 hervortretenden Bestrebungen zur Förderung des bargeldlosen
Zahlungsverkehrs, So sagt z. B. Heyn!): „Ein eigentümlicher Widerspruch
 liegt darin, daß man, während dem Papiergelde gegenüber stets
die größere Sicherheit des Goldgeldes hervorgehoben wird, doch überall
dahin stiebt, den Umlauf von Geld, und zwar vor allem von Goldgeld,
durch die weitere Ausdehnung des ‚bargeldlosen Zahlungsverkehrs‘,
also dadurch, daß an die Stelle der Übergabe von Geld die Übertragung
von Geldforderungen tritt, nach Möglichkeit zu ersetzen und dadurch
den ganzen Zahlungsverkehr auf eine immer schmälere Goldbasis zu
stellen,“ Ich kann hierin einen Widerspruch nicht entdecken. Mit
der Forderung des sogenannten bargeldlosen Zahlungsverkehrs will man
rein quantitativ die erforderliche Menge an barem Geld möglichst
verringern ; damit verträgt es sich sehr wohl, daß man an dem quali+
tativen Erfordernis des Metallstoffes des Währungsgeldes festhält,
weil sonst die Funktion des Geldes als Preisfixierungs- und Preisvergleichungsmittel
 nicht erfüllt werden könnte. &amp;gt; '
Diejenigen, welche als ‚„Friedenswährung‘“ im wesentlichen die
Beibehaltung der „Kriegswährung‘ befürworten, unterschätzen die
Gefahren, welche hieraus für die Entwertung unserer Wechsel im Aus-Jande
 entstehen könnten. So z. B. Hahn, der meint, daß zwischen der
Tauschkraftbildung beim metallischen und beim papierenen Geld nur
ein quantitativer, kein qualitativer Unterschied bestünde?). Er emp-1)

 Vgl. Unser Geldwesen nach dem Kriege. In Finanzwirtschaft], Zeitfragen,
i916, Heft 28, S. 27, Anm. 21.
2) a. a. O. S, 17.
        <pb n="146" />
        — 130

fiehlt für die Friedenswährung: keine Ausprägung von Goldmünzen
mehr und keine Einlösungspflicht der Noten mehr. Er meint, man
könne „die öffentliche Meinung des Landes teils durch gesetzliche Maßnahmen,
 teils durch psychologische Beeinflussung von ihrem Vorurteil
den uneinlösbaren Noten gegenüber befreien und das Vertrauen in ihre
Kaufkraft so sehr stärken, daß auch in den kritischsten Augenblicken
eine Störung des Geldumlaufs und ein Zusammenbruch der Währung
nicht erfolgen kann“1). Auch er vertritt die schon zurückgewiesene
Auffassung, daß, wie man am Beispiele Schwedens sehe, das Ausland
gar kein Gold haben wolle; die Reichsbank solle statt eines großen Goldvorrates
 lieber Devisen-, Effekten- und Warenvorräte als ‚„Auslandwerte‘
 sammeln. Doch hat Hahn selbst gewisse Bedenken, wie das
Verschwinden des Goldvorrates möglicherweise auf das Ausland wirken
könne, Es bliebe die Frage: „ob nicht das Vorhandensein eines Goldvorrates
 als solchen wegen der von ihm ausgehenden Suggestivkraft
die Bereitwilligkeit zur Kreditierung und die Spekulation in der Markdevise
 zu heben imstande ist“ ?). Darum sei zu erwägen, ob es sich nicht
empfehle, von einer Ausweisung des Goldbestandes in den Bilanzen
der Reichsbank überhaupt abzusehen: „Mit dem Verschwinden der
Angaben über die Größe des Goldvorrats in den Bilanzen der Reichsbank
 würde — zumal wenn andere Zentral-Notenbanken entsprechend
vorgehen würden — die materiell nicht zu begründende Überschätzung
des Goldes zum Teile wenigstens ihres Nährbodens beraubt und damit
auch die von manchen behauptete Suggestivkraft des Goldvorrats verloren
 gehen“ 3),

Die zuletzt erwähnte Arbeit ist die neueste Veröffentlichung von
seiten der Gegner der Goldwährung. Andere werden folgen, denn es
scheint jetzt der Glaube an die wunderbaren Wirkungen, die von der
„Entthronung des Goldes‘* ausgehen sollen, an Ausdehnung zu gewinnen,
Bei vielen Vertretern dieser Auffassung habe ich den Eindruck,
als ob sie sich der großen Verantwortung nicht bewußt seien, die mit
der Forderung so radikaler Änderungen unseres Währungssystems
verknüpft ist. Ferner vermisse ich bei der großen Mehrzahl der
Schriften, die von dieser Seite veröffentlicht werden, eine klare, eingehende
 und scharfe theoretische Fundamentierung, die doch von
denen verlangt werden müßte, die so kühne Pläne der Öffentlichkeit

') a. a. O0, S. 20.
)) Ebenda S. 37.
3 Ebenda S. 38,
        <pb n="147" />
        unterbreiten. Jedenfalls klafft ein gewaltiger Unterschied zwischen
der überwiegenden Mehrzahl der neuesten geldtheoretischen Schriften
und der wertvollen englischen geldtheoretischen Literatur, die der Streit
um die Wirkungen der Restriktionsakte hervorbrachte, und den ausgezeichneten,
 auch in theoretischer Hinsicht wertvollen Arbeiten, die
wir den Männern verdanken, die sich um die Einführung der Goldwährung
 in Deutschland verdient gemacht haben. Es wäre zu wünschen,
daß diejenigen, welche die Abschaffung der Goldwährung fordern, in
ebenso gewissenhafter Weise die theoretischen Grundlagen ihres Papierwährungssystems
 nach allen Richtungen hin prüften und begründeten.

G. Pätz’sche Buchdr. Lippert &amp;amp; Co. G.m. b. H., Naumburg a. diS.
        <pb n="148" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena.

ax . Von Dr. J. Jastrow, a. 0. Prof. an der
Geld und Kredit im Kriege. Universität Berlin. (Erstes Ergänzungsheft
zum „Weltwirtschaftlichen Archiv“, herausgegeben von Prof, Dr. Bernhard
Harms.) (IV, 97 8. gr. 8°) 1915. Preis: 2 Mark 80 Pf.
Inhalt: 1. Weltwirtschaftliche und national-wirtschaftliche Auffassung. —
2, Die Grundzüge der deutschen Geld- und Kreditverfassung im Kriege, — 3. Die
Beziehungen zu den bestehenden Krediteinrichtungen. — 4. Eine englische Darstellung
d. deutschen Kriegskreditverfassung. — 5. Ausland. — 6. Devisenmarkt. — 7, Nachträge,

Handelskrieg und Wirtschaftsexpansion. Ueberblick über die Maßnahmen
 und Bestrebungen des feindlichen Auslandes zur Bekämpfung des deutschen
 Handels u. zur Förderung des eigenen Wirtschaftslebens. Von Dr.-Ing.
Dr. Waldemar Koch, zurzeit stellvertretender Direktor des Kgl. Instituts
für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Kaiser-Wilhelm-Sriftung.
 (VIII 288 S. gr. 8°.) 1917. Preis: 5 Mark 50 Pf.

» nl als Mittel der Organisation der Rohstoff- und
Die Kriegsbeschlagnahme Lebensmittelversorgung, Von Dr. Heinrich
Lehmann, 0. 3. Prof, der Rechte an der Univ, Jena und akadem, Rat am
Gemeinschaft. ÖOberlandesgericht. (VI, 1108. gr. 8°.) 1916. Preis: 2 Mark 40 Pf.

Preisbildung und Preispolitik im Frieden und im Kriege, Vortrag,
gehalten in der Jurist. Gesellschaft zu Bonn am 28. Februar 1916. Von Dr.
nhil. et rer. pol. Heinrich Mannstaedt, (31 S. gr. 8%.) 1916, Preis: 75 Pf,

Die Liquidität der deutschen Kreditbanken mit Berücksichtigung der
gegenwärtigen durch den Krieg hervorgerufenen außerordentlichen Ver.
hältnisse, Von Dr. jur. et phil. ©, Frh, v. Merinpg. (IV, 79 S_ 81 8°)
reis: 2 Mark.

Finanzielle Kriegsbereitschaft und Kriegführung. Von Dr. J. Riesser,
Geh. Justizrat und ordentl. Honorarprofessor an der Universität Berlin. Zweite
neubearbeiteteunderheblich vermehrte Auflage, (XI, 218 5. gr. 803
1913, Preis: 5 Mark, geb. 6 Mark.
Berliner Börsen-Courier 1913, Nr. 302:
„.. eine vollkommene, durch Kürze und Klarheit gleich ausgezeichnete
 Darstellung und Stellungnahme zu allen bankmäßigen
Problemen der Gegenwart.
Dies alles und noch vielmehr auf knapp 200 kristallklar und jedem Gebildeten
 leicht verständlich geschriebenen Seiten! — Hier liegt u. E. eines
jener seltenen Bücher vor, die — selbst einem ganz Unorientierten in die Hand
gegeben — ihn in den Stand setzen, sich mit wenig Mühe schnell über einen ganzen
Wissenskomplex soweit zu orientieren, als erforderlich ist, um der ganzen Materie
nicht mehr als einer terra incognita gegenüberzustehen, sondern in Zukunft über
dieselbe mit urteilen zu können.... Es ist kaum anzunehmen, daß jemand,
der das Buch zu lesen angefangen, es ans der Hand gibt, bevor er
zum Schluß gekommen ist; dazu ist auch für den Laien der Stoff und
die Darstellung zu interessant.

Ungarn und Deutschland. Von Joseph Szterenyi, k, und k. Wirklicher
Geheimer Rat, königlich ungarischer Staatssekretär a. D., Mitglied des ungarischen
 Reichstags. (VIII, 1708. gr. 8°.) 1917. Preis: 4 Mark.

Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege, (August 1914
bis August 1916.) Von Erwin Respondek, Berlin-Halensee. (Zweites Ergänzungsheft
 zum „Weltwirtschaftlichen Archiv“ herausgegeben von Prof, Dr.
Bernhard Harma.) (XVI 208 8. gr. 8°) 1917. Preis: 4 Mark 60 Pf.

Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten.
Von Dr. Carl von Tyszka. (VII 2108. gr. 8°.) 1916. Preis: 5 Mark 60 Pf.
        <pb n="149" />
        Verlag von Gustav. Fischer in Jena.
* x Herausgegeben von Prof, Dr. Geor
Handbuch der Wirtschaftsgeschichte, RrodniiE in Da 8
Georg Brodnitz, Englische Wirtscbaftsgeschichte, I. Band, (VIIT, 516 8
gr. 8%) 1918, Preis: 15 Mark.
Unsere Zeit erfordert erhöhte Auslandskenntnisse, zumal in wirtschaftlichen
Fragen. Deshalb wird weiten Kreisen diese erste deutsche Darstellung des Werdens
der größten Handelsmacht der Welt willkommen sein. Entstehung und Fortbildung
des englischen Kapitalismus und der kapitalistischen Politik bilden den Mittelpunkt
des Werkes. Es erscheint im Rahmen des Handbuchs der Wirtschaftsgeschichte,
das die Entwicklung der wichtigsten Länder in selbständigen Monographien schildern
wird. Damit soll nicht nur die Kenntnis des Auslandes erweitert, sondern auch
durch Vergleich das Verständnis unserer eigenen Verhältnisse gefördert werden,
Interessiert sind neben den Männern der Wissenschaft vornehmlich National-5Skonomen,
 Historiker und alle an Auslandswirtschaft und Auslandsvolitik Beteiligten

Wirtschaftliche Vorgänge, Erfahrungen und Lehren im europä-.
 * Von Dr. jur. Ernst Loeb. Berlin. Erster Teil. (IV,
ischen Krieg. 108 s. gr. 8%) 1918. Preis: 3 Mark.
In dieser zeitgemäßen Schrift stellt der Verfasser in populär-wissenschaftlicher
Form die wichtigsten Veränderungen dar, die im deutschen Wirtschaftsleben durch
den europäischen Krieg eingetreten sind. Die Maßnahmen der Staatsgewalt auf dem
Gebiete des Geld- und Bankwesens und der Kredithilfe, der industriellen Organisation
‚und der Volksernährung werden in historischer Folge eingehend behandelt und in
ihrer Wirkung auf das Wirtschaftsleben beleuchtet. Es wird auch die Frage geprüft,
ob und welche von den im Kriege getroffenen Maßnahmen wert sind, daß sie ihres
vorübergehenden Charakters entkleidet und im Frieden zu einer dauernden Einrichtung,
 wenn auch vielfach in veränderter Form, erhoben werden.
Die Schrift, die in 2 Teilen im Gesamtumfang: von etwa .10 Bogen erscheinen
wird, dürfte nicht nur für berufsmäßige Nationalükonomen, sondern auch für jeden
Kaufmann, Finanzmann und Staatsbeamten wertvolle Anregungen bieten.

Soeben beginnt zu erscheinen:
. . Die Maßnahmen und Bestrebungen des feindlichen Aus-Der
 Wirtschaftskrieg. landes zur Bekämpfung des deutschen Handels und zur
Förderung des eigenen Wirtschaftslebens, Herausgegeben vom Königlichen Institut
für Seeverkehr und Weltwirtschaft an. der Universität Kiel, Kaiser-Wilheim Stiftung
i. Abteilung: England. Bearbeitet von Eraust Schuster u. Dr. Hans
Wehberg, wissenschaftl. Hilfsarbeitern am Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft.
 (XVI, 398 S. gr. 8°.) 1917. Preis: 13 Mark 50 Pf.
Abteilung: Russland, Bearbeitet von Adolf von Vogel, z. Zt. wissenschaftl.
 Hilfsarbeiter am Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft. (VIII,
256 58. gr. 8°.) Preis: 10 Mark,
Abteilung: Japan, Bearbeitet von Konsul Leo Ulrich, z, Z. wissen.
schaftl. Mitarbeiter am Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft. (IX, 1885,
gr. 8%) 1917. Preis: 9 Mark.
„Der Wirtschaftskrieg“ stellt für die wichtigsten Länder die von den Kriegs.
gegnern Deutschlands getroffenen Maßnahmen und die bisher erkennbar gewordenen
Bestrebungen, die Absperrung Deutschlands vom Weltmarkt sich zunutze ZU machen,
in je einem besonderen, in sich abgeschlossenen Bande dar. Erschienen sind soeben
die Arbeiten über England und Japan, Die übrigen Bände werden in kurzer
Zeit folgen und enthalten: 2. Abteilung: Rußland, 4. Abteilung: Italien. 5, Abteilung:
 Frankreich, 6. Abteilung: Portugal. 7. Abteilung: Amerika,
Preis für den einzelnen Band je nach Umfang zwischen 7 M.. und 15 M.
Für die Wiederanknüpfung der weltwirtschaftlichen Beziehungen, für die Vorbereitung
 auf die Friedensverhandlungen und die Uebergangswirtschaft werden diese
Arbeiten äußerst wichtige Hilfsmittel bilden.
Rheinisch-Westfälische Zeitung vom 12. Fehruar 1918:
... Die Veröffentlichungen des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft bieten dem
Kaufmann wie dem Gesetzgeber und PA ein Rüstzeug für den kommenden
Wirtschaftskrieg nach Friedensschluß und den Wiederaufbau unseres Außenhandels, wie es
glänzender unter den gegenwärtigen Umstäuden nicht gedacht werden kann. Bezeichnend ist,
daß Einrichtungen und Methoden des Kieler Instituts bereits von englischer Seite in größerem
Stil nachgeahmt werden, während sonst doch gerade auf dem Gebiete des Wirtschaftsdienstes
England die Führung zu haben pflegte.

4

3. Pätz’sche Buchdr. Lippert &amp;amp; Co. 6. m. 5, H,, Naumburg ard.&amp;amp;
        <pb n="150" />
        <pb n="151" />
        <pb n="152" />
        <pb n="153" />
        <pb n="154" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
