Die Wandlungen, die das österreichische Bankwesen durchgemacht
hat, schildert der kürzlich verstorbene Präsident der Anglo-Österreichischen
Bank Karl Morawitz (Aus der Werkstatt eines Bankmannes, Wien 1912)
mit folgenden Worten: ;
„Die großen Kreditinstitute der Gegenwart sind von jenen der 50er- und 6Goer-Jahre
 vollkommen verschieden, und wenn ein Gründer einer unserer Banken jener
Zeit auf die Erde hinabstiege, würde er sich über die Veränderungen fast ebenso
wundern, wie ein alter Postillon über die Eisenbahn. Die Banken im damaligen
Österreich haben ihre Aufgabe vorzüglich in der Finanzierung von Eisenbahnen
erblickt; sie waren fast nur Gründerinstitute, die überwiegend mit eigenem
Kapital arbeiteten, Interessanter war damals, wo es noch galt, neues Land zu erschließen,
 die Banktätigkeit sicherlich, interessanter und — lukrativer. Der Aktionär
 konnte, wenn es gut ging, an die 50—60 %, Dividende sehen; ging es
schlecht, was allerdings nicht selten der Fall war, mußte er halt über seinen, Besitz
einen Strich machen, Die Banken waren damals noch gewohnt, den ganzen Jahresgewinn
 auszuschütten, ohne Rückstellungen vorzunehmen, und die Aktien hatten
Stark spekulativen Charakter. Bei dem reichlichen Nutzen, den der Bau und die
Finanzierung einer Bahn verhieß, erschienen den Banken andere Geschäftszweige
— abgesehen von der Übernahme und Placierung von Renten und der Terrainparzellierung
 — als uninteressant,
Das Jahr 1873 brachte eine entscheidende Wendung, Die in großer Anzahl
errichteten Baugesellschaften brachen kläglich zusammen, und das Eisenbahnwesen
arlebte eine Krise von ungeahnter Schärfe. So, heiß vorher die Konkurrenz um
Erlangung von Eisenbahnkonzessionen gewesen war, so sehr mied man dann diese
Unternehmungsform, und in den folgenden Jahrzehnten sind die Hauptbahnen mit
geringen Ausnahmen vom Staate gebaut worden. Die Banken, die bis zum Jahre
1873 auf den Betrieb weniger, großer Geschäfte eingerichtet waren, mußten ein
anderes Betätigungsfeld suchen; sie fanden es im regulären Geschäfte und
in der Pflege des Verkehrs mit der Industrie. Aus Finanzierungsinstituten,
lie bei der Konzentration ihres Geschäftes mit wenigen intelligenten Menschen
ihr Auslangen finden konnten, sind sukzessive große Apparate geworden, die nach
dem Grundsatz geringen Nutzens bei größtem Umsatz arbeiten, und bei denen die
Tätigkeit des schöpferischen Individuums hinter der automatischen Arbeit des
Mechanismus zurücktritt.“

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