die die Banken bei der Kreditgewährung beobachten, sind im einzelnen
natürlich sehr verschieden. Leitmotiv für alle Banken aber ist: Nutzbare
Verwendung der disponiblen Gelder derart, daß sie sich möglichst hoch
verzinsen, und daß sie nach einer gewissen Zeit wieder der Bank zu
neuen Kreditgeschäften zur Verfügung stehen. Wird diese Voraussetzung
erfüllt, und auch im übrigen das Risiko angemessen verteilt, so ist es
der Bank im allgemeinen ziemlich gleichgültig, ob das Geld dem Handel,
der Industrie oder der Landwirtschaft zugeführt wird. Tatsächlich kommt
es auch dem Gläubiger weniger auf die wirtschaftliche Verwendung
als auf die Sicherheit der Gelder an, die er der Bank überläßt.
Alfred Lansburgh?!) sieht hier m. E. doch etwas zu schwarz, wenn
er verallgemeinernd schreibt, „daß die nationalen Ersparnisse wirtschaftlich
 irrationell angelegt werden, und daß so die Entwickelung Deutschlands
 auf eine falsche Bahn gedrängt wird“. Sehr viele Banken fragen,
wenn Kreditgesuche herantreten, zu welchem Zweck der Kredit gefordert
wird, und machen ihre Entscheidung nicht zum geringen Teil von der
Art der Verwendung der Gelder abhängig. Sie tun dies meist allerdings
wohl weniger aus volkswirtschaftlichen Gründen, als im Interesse der
Sicherheit und Liquidität der Anlage, Ist diese aber gefährdet, und scheint
der Bankdirektion die Anlage als unrentabel, so erfolgt die Ablehnung
zwar aus privatwirtschaftlichen Gründen, aber gleichzeitig wird wahrscheinlich
auch damit für die Volkswirtschaft ein Schaden verhütet sein. Ein potenter
Kunde läßt sich ein solches Inquisitorium in der Regel auch kaum gefallen;
 ärgerlich hierüber würde er zur Konkurrenz gehen, die froh ist,
sin gutes Konto einer anderen Bank weggeschnappt zu haben.
Solange die Banken mit der Konkurrenz rechnen müssen — und darüber,
 was volkswirtschaftlich nützlich oder schädlich ist, wird, wenn es
sich nicht um ganz krasse Fälle handelt, unter den Praktikern noch
weniger als unter den Theoretikern eine Einigung zu erzielen sein —,
werden sie die Sachlage nur vom privatwirtschaftlichen Standpunkt aus
betrachten. Geheimrat Mueller?), der viele Jahre im Vorstand der

*) Die Verwaltung des Volksvermögens durch die Banken, Charlottenburg 1908.
Sonderabdruck aus der „Bank“,
?) Bank-Archiv, VIII, 7 und 8, „Nehmen wir an, der Spinner hat mit der Bank
bereits im Kontokorrentverkehr gestanden und erzählt dem befreundeten Bankdirektor
 aus freien Stücken, er beabsichtige die Zahl seiner Spindeln zu vermehren
und müsse zu diesem Zwecke ein neues Gebäude errichten, Soll nun der Bankdirektor
 dem Spinner einen Vortrag halten, daß die Expansion der Baumwoll-332
