Bereits im Januar 1914 hatte Havenstein im Reichstage erklärt,
daß die Reichsbank nicht dazu da wäre, ihre letzten Mittel auszuschütten,
weil unsere Gesamtwirtschaft sich im Ühbermaß auf Kredit aufbaut, oder
weil unsere Bankwelt, statt selbst in ausreichendem Maße für ihre Liquidität
 durch angemessene Barreserven zu sorgen, sich blindlings auf die
Hilfe der Reichsbank verläßt, bei der sie jederzeit Ersatz für ihre ausgegebenen
 Mittel sucht und findet. Wir brauchen eine größere Liquidität
unserer Volkswirtschaft und unserer Kreditorganisation, eine konsequente
Zurückdrängung ungesunder Kredite. Durch diese Erklärung ließ der
Reichsbankpräsident keinen Zweifel mehr, daß mit dem alten System gebrochen
 werden müsse.
Zwei Ansichten stehen sich schroff gegenüber. Die einen sagen, die
Reichsbank muß den Banken um so größere Kredite gewähren, je mächtiger
 diese werden, und die anderen halten es für grundfalsch, daß die
Reichsbank ihre Kreditgewährung parallel dem Wachsen der anderen
Banken ins Unendliche ausdehnt, betrachten ihre Hauptaufgabe vielmehr
in der Aufrechterhaltung der Währung und der Liquidität der Volkswirtschaft!).
 Die Reichsbank kann nicht von heute auf morgen von der Politik
der Krediterschwerung zur Politik der Kreditverweigerung übergehen.
Aber sie kann und soll ihre Hilfsbereitschaft allmählich einschränken
— das ist auf der Bankenquete auch von zwei hervorragenden Bankpraktikern,
 Schinckel und Ströll, zum Ausdruck gebracht worden — und
dadurch die Banken zwingen, selbst größere Reserven zu halten. Erst wenn
dies geschen ist — und diesbezügliche Maßnahmen sind ja z. Z. im Gange
— und die Banken nicht mehr in dem Maße wie bisher auf die Hilfe
der Reichsbank angewiesen sind, kann sich diese von der Kreditgewäh-:ung
 mehr und mehr zurückziehen.
Plenge spricht in seiner Arbeit „Von der Diskontpolitik zur Herrschaft
 über den Geldmarkt“?) der Reichsbank das Recht ab, die von
ihr gewünschten Reformen anders als auf dem Wege der Gesetzgebung
zur Durchführung zu bringen und verwundert sich, „daß in den nächstbeteiligten
 Kreisen eine große Bereitschaft besteht, die Forderungen der
Reichsbank sachlich zu würdigen. Wie uns scheint, geht die Bereitschaft,
sich der Reichsbank zu unterwerfen, sogar erheblich zu weit“. Plenge
empört sich, daß „ein großes halbstaatliches Organ dem Staate ins Handwerk
 pfuscht und weit über sein nächstes Arbeitsgebiet hinaus dem
1) S. Alfred Lansburgh, Die Maßnahmen der Reichsbank a. a. O. 5. 42.
2) Berlin 1913.

524