E. Wagner,

und lang währende Winter charakterisieren schon die Art der Temperaturverhältnisse.
 Für das Gebirgsinnere kommt noch der fast gänzliche
 Wegfall eines Frühlings hinzu. Während der eigentliche Winter
zwar gegen Mitte April sein Ende erreicht, setzt die gänzlich frostfreie
 Zeıt doch erst mit dem Juni ein, und der Uebergang zu dieser
geschieht viel schneller und unvermittelter als im Vorland. Der Sommer
ist wohl heiß, aber sehr unbeständig und niederschlagsreich. Die Abende
und Nächte sind durchgängig kühl, so daß Nachtfröste selbst in den
wärmeren Monaten in den höheren Lagen des Gebirges beobachtet
werden. Ganz frostfrei sind überhaupt nur die Monate Juni, Juli und
August !). Diese bedeutenden täglichen Wärmeschwankungen sind eine
Folge der Tag- und Nacht-, resp. Berg- und Thalwinde, die in jeder
ruhigen heiteren Nacht zur Ausbildung gelangen und von den Gebirgshöhen
 herabströmen ?), unabhängig von der für unser Gebiet vorherrschenden
 westlichen Hauptwindrichtung ®*). Ihr Wesen besteht darin,
daß Luftströme am Morgen und Abend vom Gebirge herab (relativ
kalt) wehen, um am Mittag mehr oder weniger gegen das Gebirge,
(also relativ warm) von unten nach oben zu wehen“*). Immer aber
sind diese Strömungen lokal und der großen und allgemeinen südwestlichen
 Hauptwindrichtung untergeordnet. Von großer Wichtigkeit sind
diese Strömungen für die Ventilation der Thäler und der Randgebiete
des Gebirges. Denn nur so wird in Thälern und Senken, die den
vorherrschenden Winden infolge ihrer Lage mehr oder weniger entzogen
 sind, eine Stagnation der Luftmassen verhindert. Entgegen
dieser vorteilhaften Wirkung steht freilich die zugleich damit erzeugte
beträchtliche Wärmeschwankung zwischen Tag und Nacht”). Es erhellt
 aber schon aus dieser kurzen Uebersicht, wie ungeeignet den
Oberharz sein Klima für die ackerbautreibende Landwirtschaft macht,
und: ein großes Stück Erklärung für die weiten unbesiedelten Waldgebiete
 ist hierin zu erblicken.
Bestimmend für das Klima des Oberharzes sind sein orographischer
 Aufbau, seine Vegetationsdecke (Wald und Moor), namentlich
aber seine Meeresnähe und seine Lage zu der vorherrschenden südwestlichen
 Windrichtung. Letzteres äußert sich besonders in den
Niederschlagsverhältnissen. Die ziemlich bedeutende Abnahme der
Temperatur mit der Höhenlage — die auf 0,48° C, für je 100 m berechnet
 wurde‘) — bewirkt, daß der höhere Oberharz im Nachteil
gegen den Unterharz erscheint. Das kommt auch in der Laubwald-'

 Schwalbe, Tab. d. Frost- u. Eistage f. Norddeutschland 1897, 5. 161,
mit ausführlichen Tabellen der Sommer-, Frost- und Eistage für zahlreiche Stationen
Mitteldeutschlands.
2) Assmann, Einfl. d. Gebirge a. d. Klima Mitteldeutschl. 1886, S. 366.
Wolff, Verbreitung d. Bev. i. Harz 1893, S. 13.
3) Derselbe, 8. 337 f.
) Derselbe, 8. 339.
‘) Derselbe, S. 337 f.
%) Wolff, S. 18; Hoffmann, Der Harz (Klimatisches v. Regel) S. 18,
giebt 0,70 für 100 m. Eine genaue Tabelle für die einzelnen Monate in dem
Werke: Weser und Ems: ete.. I, S. 38 f.. S. 41.